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Späte Rache

Arthur Conan Doyle: Späte Rache - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleSpäte Rache
publisherVerlag von Robert Lutz
seriesGesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle
volumeI
printrun45.-47. Tausend
illustratorRichard Gutschmidt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20111030
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Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ›Würgengel‹ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. –

 

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

»Bruder Ferrier,« sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, »die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?«

»Ja, so ist es,« bestätigte Ferrier.

»Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.«

»Worin habe ich denn gefehlt?« rief Ferrier. »Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht –«

»Wo sind deine Frauen?« fragte Young, sich umblickend. »Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.«

»Es ist wahr,« versetzte der Farmer, »ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.«

»Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,« sagte der Führer der Mormonen. »Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.«

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

»Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole – daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn – wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? – ›Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‹ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.«

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

»Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,« fuhr der Prophet fort. »Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?«

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

»Ihr werdet uns Zeit lassen,« sagte er endlich. »Meine Tochter ist sehr jung – noch kaum in heiratsfähigem Alter.«

»Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,« sagte Young von seinem Sitz aufstehend. »Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.«

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. »Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Bianca moderte,« rief er mit Donnerstimme, »es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.«

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. »Ich konnte nicht anders,« flüsterte sie voll Bangigkeit, »ich habe alles gehört – seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater – was sollen wir thun?«

»Sei ohne Furcht,« sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. »Irgendwie wollen wir's schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?«

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

»Ich hab' mir's gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. – Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.«

Lucy lächelte unter Thränen. »Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,« sagte sie zuversichtlich. »Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.«

»Aber wir haben das noch gar nicht gethan,« entgegnete der Alte, »und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.«

»Was wird denn aber aus deinem Besitztum?«

»Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden – ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich's versieht.«

»Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,« warf Lucy ängstlich ein.

»Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.«

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

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