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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Sechstes Kapitel

Die Abendfete im Schlosse erreichten um elf Uhr ihr Ende; man war nun seit zwei Tagen in einem fast ununterbrochenen Taumel von Vergnügungen. Der Herzog hätte das gern bis gegen Morgen weiter gehen lassen, seine Lebenslust kannte keine Grenzen, aber die Herzogin fühlte sich ermüdet, fast mißgestimmt von dem oberflächlichen Treiben, während Sorgen ihr Herz bedrückten, und er war rücksichtsvoll genug, sich ihren Wünschen zu fügen. Gab es doch auch anderes, was ihn unterhielt. An den nächsten Tagen konnten Reiten und Jagen mit den Herren seines Gefolges, die Vorbereitungen für den Feldzug, kleine Reisen, Wasserpartien aushelfen und die nötige Zerstreuung schaffen. So mochte denn vorläufig ein Schluß gemacht werden.

Graf Martin Luja schritt mit dem Oberstallmeister von Storke durch den nächtlichen Park ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zu. Das Haus hatte zwei gesonderte Eingänge und brachte den beiden jungen Männern kaum die Notwendigkeit, miteinander zu verkehren, aber ihre ganze Stellung bei Hofe wies sie aufeinander hin.

Viel zu verschieden, um sich zu befreunden, kamen sie doch immer gut zusammen aus; vorwiegend aber, weil der feine, verständige Luja den aufbrausenden Kameraden stets mit Rücksicht behandelte. Von seinem überlegenen Standpunkt sicheren Gleichmaßes sah der Graf mit Kopfschütteln auf das vulkanische Wesen Starkes. Gut gestellt und von Jugend auf wohl behütet, hatte er für den abenteuernden Lebenslauf des Glücksritters, welchen der Herzog sich mit aus dem Felde gebracht, kaum den richtigen Maßstab. Starkes lebhaftes Temperament, seine Talente und Fertigkeiten, das kraftvoll Männliche seiner Persönlichkeit wußte Luja zu schätzen, anderseits fühlte er sich oft befremdet, ja abgestoßen.

Daniel von Storke dagegen, früh auf sich gestellt, bedurfte keiner freundschaftlichen Anlehnung; seine zur Eifersucht geneigte Natur fand jeden bevorzugt, den er sich näher ansah, und fühlte damit zugleich die Scheidewand. Er, ohne Familienanschluß, ohne Vermögen, ohne Zukunft stand da, wie ein Baum auf kahler Fläche, mochten die Wetter kommen, er mußte sich allein halten, mußte seine Wurzeln tiefer schlagen!

Gleichgültiges über die genossenen Festlichkeiten mit seinem Gefährten sprechend, sah er, daß Lujas Zimmerfenster erleuchtet waren, während seine Hälfte des Hauses in nächtlichem Schatten lag. Er wußte, daß die Mutter des Oberjägermeisters, welche zurückgezogen bei ihm lebte, immer den Sohn erwartete, mochte er noch so spät nach Hause kommen. Halb neidisch geartet, halb spöttisch gestimmt, überdachte er dieses Verhältnis und glaubte, ihn würde solche Fürsorge belästigen.

Der Graf beeilte seine Schritte, als er des Lichtschimmers aus den beiden Stubenfenstern ansichtig wurde, und verabschiedete sich kurz von seinem Begleiter.

Obgleich Martin Luja an die Rücksichtnahme seiner Mutter gewöhnt war, berührte die Güte der alten Dame ihn immer aufs neue wohltuend. Ungeachtet seiner kühlen, zurückhaltenden Form, besaß er doch ein tiefes und warmes Empfinden, Dankbarkeit und echte Religiosität. Die ehrfurchtsvolle Liebe für seine Mutter hatte bisher sein Herz ausgefüllt. In einer Regung von behaglicher Heimfreude eilte er die kleine Treppe zum oberen Stock hinan. Hier trat die alte Gräfin, welche seinen Schritt gehört, ihm mit dem Lichte in der offenen Zimmertür entgegen.

»Da bist Du ja, mein Sohn!« rief sie herzlich und ließ ihr Auge mit Wohlgefallen über die hohe Gestalt des blonden Mannes in seinem bunten Festputz gleiten.

»Es ist zum Glück nicht sehr spät geworden, Frau Mutter, und Sie sind nicht allzu lange um Ihre Nachtruhe betrogen«, sagte er, seinen Mantel ablegend und ihr die Hand küssend.

»Laß gut sein, Martin, das Alter braucht nicht viel Schlaf. Habe ich doch auch in jungen Jahren manchmal stundenlang an Deinem Bettchen gesessen, um mich an Deinem Anblick zu ergötzen. Wenn Du nun jetzt im festlichen Kleide und mit dem Abglanz der Heiterkeit jenes frohen Kreises spät am Abend in mein stilles Gemach trittst, ist das so schön, daß ich mich den ganzen Tag in meiner Einsamkeit darauf freue.«

Sie war eine schlanke, weißlockige Frau, mit einem feinen, blassen Gesichte, um welches eine große Spitzendormeuse flatterte. Eine geblümte seidene Kontusche hüllte die magere Gestalt ein und floß bis über die Füße hinab, wodurch alle ihre Bewegungen etwas leise Gleitendes erhielten. Sie rührte an eine Schelle, worauf ein Kammerdiener auf silberner Platte einen Becher kühlen Weins zum Nachttrunk brachte.

Der Graf hatte währenddem im Nebenzimmer sein goldbordiertes Festkleid mit einem bequemen Hausrock vertauscht und trat jetzt wieder in das Wohngemach.

»Das waren lustige Tage, Frau Mutter«, sagte er, sich ihr gegenüber setzend. »Der heutige Abend ist wieder glänzend verlaufen. Serenissimus waren au comble du plaisir; die Frau Herzogin schienen weniger kontentiert. Mir gefällt es aber, wenn Damen sich nicht allzu animiert geben, auch sind wir von Ihrer Durchlaucht huldvolle Reserve gewöhnt.«

»Die Herzogin ist eine gute Mutter und wäre ebenso gern bei ihren Kindern geblieben«, sagte die Gräfin. Sie hatte viel Verständnis für Friederikens Wesen, mit der sie oft häuslich verkehrte. »Nun aber erzähle mir von den Fräuleins. Mit welchen hast Du getanzt? Welches hat Dir gefallen?«

»Sie wissen, ich stehe mit allen gut; die lustige Bünau hat mich heute beim Reiten ihren ›Onkel‹ genannt. Vielleicht hat sie damit am treffendsten mein Verhältnis zu den schönen Kindern bezeichnet. Ich bin leidenschaftslos, ich bin kritisch; ist das nicht ein Glück? Und dann, herzliebste Frau Mutter, vergleiche ich die Mädchen mit Ihnen, so stehen Sie mir immer viel höher, als all das junge Volk.«

»Du solltest das nicht tun«, sagte die alte Frau kopfschüttelnd, während doch ein leises Rot der Freude über den natürlichen Ausdruck seiner Liebe ihre welken Züge verschönte. »Gleich und gleich soll sich gesellen. Es wird Zeit, Martin, daß Du ernstlich auf Brautschau gehst.«

»Nun, ich bin ja Ihrem Willen zufolge schon längst darauf aus«, lachte er herzlich, »nur schade, daß ich vergebens schaue.«

»Und was verlangst Du besonders von Deiner Frau?«

»Nur eins, aber das vollkommen.«

»Und das wäre?«

»Ein ehrliches, warmes Herz.«

»Ah, da hast Du recht. Aber findet sich das so schwer?«

»Ich muß es unleugbar erkennen.«

»Wolle es nur sehen! Sollten alle diese schönen Mädchen kein Herz haben?

»Sie wissen es wenigstens meisterhaft zu verstecken, oder haben es selbst noch nicht erkannt.«

»Ein Mädchen kann Dir ihr Herz nicht offen entgegentragen.«

»Gewiß nicht, aber sie kann es vor mir für eine Person oder Idee enthüllen, diese hübschen Kinder lieben aber alle nur sich selbst und daneben denjenigen, der sie am eifrigsten bekourt, oder ihnen die größten Chancen einer guten Heiratspartie gibt. In diesem Sinne könnte ich auch vielleicht geliebt werden.«

»Du wirst ja hart und bitter, Martin; hüte Dich, so hörte ich Dich noch nie!«

»Man macht seine Erfahrungen.«

»Und die wären?«

»Die Sache geht mich nicht im Entferntesten an; aber man urteilt am klarsten, wenn man unparteiisch an anderen exemplifiziert.«

»Nun? Darfst Du mir den Fall mitteilen?«

»Ich denke; der ganze Hof hat ja das Kunststückchen vor Augen gesehen. Diesen Nachmittag erzählte ich Ihnen schon den Verlauf des Jeu de rose in der Manege. Ich fragte mich gleich, gibt die Bünau dem Kammerjunker den Preis, weil sie auf eine gute Heirat spekuliert? Oder hat sie sich mit dem Oberstallmeister gezankt? Ich hoffe zu ihrer Ehre etwas derartiges; die Launen der Verliebten sollen unberechenbar sein, und daß sie für einander glühen, sah ich lange. Abends merke ich deutlich, daß Storke mit ihr boudiert; er ist viel zu leidenschaftlich, um sich völlig zu beherrschen. Gut, denke ich, es liegt etwas Ernstliches zwischen ihnen, und sie konnte ihm die Rose nicht geben. Da gesteht mir beim Souper die kleine Hexe, mehr offenherzig als wohl überlegt, es sei zwischen Storke und ihr gar nichts vorgefallen, sie habe sich plötzlich vor seinen Augen gefürchtet – ist das nicht zum Lachen, sie, die es bisher liebte, das zärtliche Augenspiel mit ihm zu treiben. Ich tröstete sie und sagte, es werde ihr wohl gelingen, ihn bald wieder zu versöhnen. Nun kann doch nichts anderes dazwischen liegen als die Berechnung, daß der Kammerjunker eine bessere Partie ist. Zscheplitz machte auch den ganzen Abend ihren bevorzugten Galan, führte sie seiner Mutter zu und triumphierte, trotz seiner Niederlage als Reiter – trug er doch die goldene Rose aus ihrer Hand vor der Brust!«

Der Graf hatte sich in Eifer geredet und griff zu seiner Erfrischung nach dem Wein.

Die alte Dame wiegte mit sinnendem Ausdruck ihr Haupt und sagte dann plötzlich: »Ich fürchte, Martin – Du bist eifersüchtig.«

Er fuhr auf. »Was denken Sie von mir?« rief er mit gezwungenem Lachen. »Das vielumworbene Fräulein von Bünau soll mich nicht an ihren Triumphwagen spannen.«

»Hältst Du die Kleine für kokett?«

»Die Bünau – kokett – ohne Frage gefällt sie gern, aber eigentlich möchte ich ihr daraus keinen Vorwurf machen. Sie müßte ja blind sein, wenn sie vor ihrem Spiegel nicht gewahr würde, daß sie reizend ist, daß sie gefallen muß.«

»Nun also, was hast Du an ihr auszusetzen?«

»Das nenne ich inquirieren«, rief er in härterem Ton, als es sonst seine Art war.

»Verzeih, wenn ich in meiner mütterlichen Liebe zu weit gehe«, sagte die Gräfin milde und reichte ihm die weiße Hand hinüber, die er innig küßte. »Nun aber wird es Zeit, daß Du nach alle den Freuden und Aufregungen zur Ruhe kommst.«

Er nickte ihr in seiner ungebrochenen Kraft lächelnd zu, fand er doch selbst, daß es für die Greisin Zeit sei, ihr Lager zu suchen. Sie sprach in feierlichem Tone das Abendgebet, und er hörte mit gefalteten Händen scheinbar so andächtig zu wie sonst. Dann erhob sich die alte Dame, küßte ihren Sohn auf die Stirn, segnete ihn und verließ mit einem der beiden auf dem Tische stehenden Leuchter das Zimmer.

Graf Luja schritt, die Hände auf den Rücken gelegt, noch eine Weile in dem Gemach auf und ab.

Ja, was habe ich an Rosa von Bünau auszusetzen? fragte er sich selbst. Sollte sie wirklich kein treues, frommes, warmes Herz haben? Sollte in der schönen Hülle eine flatterhafte, eitle, kalte Seele wohnen? Ich kann es nicht glauben! Aber wäre es auch, sie liebt Storke, den frivolen, debauchierten Abenteurer, oder nimmt den kleinen Narren Zscheplitz, weil ihre Herrin die Partie für günstig hält, und Rosa zu leichtsinnig ist, an ihr wahres Glück zu denken. – Soll ich mich in diesen Konflikt werfen? Soll ich den Frieden meiner Seele aufs Spiel setzen? Mit jenen beiden zum Gaudium des Hofes in Konkurrenz treten? Nein, nein, ich will mich dieser Torheit nicht schuldig machen, nicht zum Gespött der Menge werden. Laß sie einen ihrer beiden Bewerber erhören, genügt ihr ein solcher Mann, so hält ihr Inneres nicht, was das süße Angesicht verspricht; und wir müssen alle unser Schicksal tragen.

Er stieß das Fenster auf und atmete tief in der reinen Nachtluft, die, von den Blumendüften des Parks erfüllt, ihm entgegen strömte. Drüben aus den Baumkronen ragten die kolossalen Umrisse des Schlosses mit Turm und Anbauten hervor; in dem hierher gewandten Flügel schimmerte noch da und dort ein schwacher Lichtschein.

»Ob ihre Fenster nach dieser Seite liegen?« flüsterte er vor sich hin. Es verdroß ihn, daß er sich darüber keine Antwort geben konnte. Nur aus Rücksicht für seine Mutter, um sie nicht später zu stören, schloß er endlich das Fenster, nahm das andere Licht und begab sich in sein Schlafgemach.

Martin Luja war eine vornehme, fein gewöhnte Natur. Zurückhaltend, leicht verletzt und mit großen Ansprüchen an sich und andere und nicht leidenschaftlich genug, um Bedenken zu überspringen, gewann die zu wartende Passivität seiner Natur immer wieder den Sieg über jede impulsive Regung.

Sich nur ja keine Blößen geben, nur ja keine Unbesonnenheit begehen! Nur um alles in keine Versuchung, in keinen Gewissensstreit mit sich selbst geraten! Das waren die retardierenden Elemente seines Wesens. Er liebte es über die Vorfälle und Schicksalswendungen im Leben zu philosophieren, Gottes Spur und Führung aufzusuchen und nach den höchsten Gesichtspunkten zu ringen. Aber, weil der feste Glaube an die göttliche Ueberwachung sein ganzes Wesen durchdrang, nahm er mit seinem Ich, seinem Eigenwillen eine abwartende Stellung ein, die seinem Benehmen etwas Altes und Kühles gab und mit der inneren Herzlichkeit seiner Natur in Widerspruch stand. Verwöhnt und gemütlich befriedigt durch seine treffliche Mutter, hatte bis jetzt nie eine ernste Neigung Macht über ihn gewonnen; er war gegen jede Ueberrumpelung von Seiten des Gefühls oder gar der Sinne mit Verstand und Religion auf der Hut, und wagte sich das, was er für die holde Rosa empfand, selbst noch nicht als »Liebe« zu bezeichnen. Wie konnte er ein Mädchen »lieben«, das sich noch nicht als vollkommen liebenswert bewiesen hatte? Was sollte er da lieben? philosophierte er. Und so lehnte er es in sich selbst ab, um ihren Besitz zu ringen.

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