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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Viertes Kapitel

Am nächsten Morgen hielt in aller Tagesfrühe die schwere, prächtig vergoldete Staatskarosse des Ministers, mit sechs Pferden bespannt, auf dem Schloßhofe. Dahinter die Wagen seines Gefolges. Die gelb und blau uniformierten Postillione bliesen, die Vorreiter knallten mit den Peitschen, und das Personal des herzoglich Sachsen-Weißenfelsischen Hofes stand in ehrfurchtsvoller Haltung versammelt. Der Herzog erschien nicht, um seinem Gaste ein Lebewohl zu sagen, was dieser erwartet hatte.

Eine rote Wolke des Zorns fuhr über die Stirn des Scheidenden, als der Hofmarschall, verlegen stockend und in tiefer Ehrerbietung den Auftrag seines allerhöchsten Herrn kaum herausbringend, diese Tatsache anzeigte.

»Serenissimus sind nicht ganz wohl – hochfürstliche Durchlaucht bitten tausendmal um Entschuldigung«, stammelte der Hofmann, seine Befugnis unter dem strengen Blick des Verletzten überschreitend.

»Schon gut«, murmelte der Graf und bestieg seinen Wagen, ohne sich weiter um das versammelte Personal zu kümmern. Hennicke folgte und setzte sich zu seinem Gebieter. Brühl fühlte in diesem Augenblicke, daß er Johann Adolf gegenüber etwas gewagt habe, was dieser ihm nie verzeihen werde. Aber war er nicht im Besitze der Macht? Er hielt sich dem Herzoge weit überlegen, und in seiner Stellung war er es in gewisser Weise. Jetzt murmelte er, indem er sich in die seidenen Kissen seines Wagens zurücklehnte und den Schloßberg hinabfuhr: »Der Tor, mit mir zu boudieren!«

»Eure Erlauchte Exzellenz werden Herrn Johann Adolf nicht mehr zu schonen belieben?« zischelte Hennicke an seiner Seite.

»Schweig Er!« herrschte der Minister seine Kreatur an. »Jeder muß wissen, was er auf seinem Platze zu tun hat; mein Denken und Vollbringen ist ein anderes als das Seine.«

Hennicke verbeugte sich und lehnte sich gleichfalls in die Wagenecke zurück.

Die vor dem Schloßportal Zurückgebliebenen fühlten sich allesamt erleichtert nach diesem Scheiden, am meisten Daniel von Storke. Er meinte, die Versuchung wende ihm jetzt den Rücken, und in der reinen Herrlichkeit des Sommermorgens begriff er kaum, daß er in voriger Nacht nicht bestimmter abgelehnt, nicht entschiedener alle Gedanken an die Möglichkeit, jene schwarze Intrigue anzuzetteln, abgewiesen habe. Dann fand er sich »klug«, daß er den Gefährlichen nicht durch entschiedenen Widerspruch gereizt, daß er alles auf Schrauben gestellt, und hoffte auf den Wechsel der Zeiten, auf eine unvorhergesehene Rettung vor dem »andern«, welcher nach ein paar Jahren von dem Minister ausgesandt von diesem nichtswürdigen Hennicke instruiert werden würde. Es blieb ihm aber heute wenig Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, da für diesen Tag, zur Nachfeier der gestrigen Taufe und zur Unterhaltung der noch anwesenden oder wieder geladenen Gäste, ein Reitfest in der Manege stattfinden sollte, zu dem ihm als Oberstallmeister hauptsächlich die Vorbereitungen oblagen.

Auch der Hofmarschall, dem es gestern wie eine Ehrensache erschienen war, den hohen Gast festzuhalten, um ihm zu zeigen, was der Hof von Weißenfels leisten könne, atmete wie einer Gefahr entronnen auf, als er sich beim Verschwinden des Galawagens aus seiner devotesten Verbeugung emporrichtete; die üble Laune des Ministers hatte ihn erschreckt.

Was lag ihm heute alles zu tun ob! Zuerst sollte der Hof ein feierliches Gebet in der Kapelle – für den hohen Täufling und die herzogliche Familie – anhören; dann fand ein Karussell in der bekränzten Manege statt; ein Diner von hundert Gedecken im Speisesaale, abends Theater, ein Schäferspiel mit Ballett folgten. Man würde nicht erheblich hinter Dresden zurückbleiben, – es war doch vielleicht schade, daß jener Kenner gegangen.

Nach dem Morgengottesdienst hatte sich die ganze hohe Gesellschaft wieder zurückgezogen, um für das Karussell eine neue stattlichere Toilette zu machen.

Das herzogliche Paar sollte unter Vortritt von Läufern, Heiducken und Mohren in einer reich vergoldeten Galaportechaise nach der nicht weit vom Schlosse gelegenen Reitbahn getragen werden. Den vornehmsten Damen der Gesellschaft widerfuhr die gleiche Ehre. Die Kammerfräuleins und jüngeren Damen, die das Karussell mitritten, hatten sich schon eher in den Festräumen einzufinden.

Die Manege, ein neben dem Park gelegenes, stattliches Gebäude von vierhundert Fuß Länge und sechzig Fuß Breite, war zu dem heutigen Zweck stattlich herausgeputzt. Fahnen und Wappen, von Blumengewinden und grünen Zweigen umgeben, schmückten das mit arabeskenreichen Steinhauerarbeiten ausgestattete Portal. Die hohen Fenster waren sämtlich ausgehoben, so fand die warme Sommerluft freien Durchgang, duftige Blumengehänge und junges Grün zierten die Oeffnungen von innen und außen. Auf der einen kurzen Seite lag nur wenig erhöht die prächtige Hofloge, von den Sitzreihen der Gäste amphitheatralisch umgeben. Der Hofloge gegenüber befand sich der Eingang in Garderoben und Stallungen. Darüber erhob sich der Balkon für die Musik. Der ganze Innenraum war mit großen Wappenschildern, Emblemen, schön geordneten Waffen, Fähnchen und Kränzen ausgeschmückt.

Die Gesellschaft der Zuschauer hatte sich auf der Tribüne eingefunden und stand erwartungsvoll neben den Sitzen, dem Erscheinen des herzoglichen Paares entgegensehend. Eine bunte Fülle von Seide und Samt, Goldstickerei und Spitzen, blitzendem Edelgestein, nickenden Straußenfedern, wehenden Fächern, gemaltem Rosenteint, parfümierten Puder und erwartungsvoll funkelnden Augen.

Den Zuschauern gegenüber hielten auf scharrenden Rossen diejenigen Kavaliere, welche das Spiel zu eröffnen hatten, während Stallmeister, Stallknechte und Diener in der herzoglichen Livree, passend verteilt, das festliche Bild vervollständigten.

Da erdröhnten von außen drei Kanonenschüsse, welche die Ankunft der höchsten Herrschaften ankündigten. Alle Blicke richteten sich auf die Hofloge, Herzog und Herzogin traten ein und begrüßten die sich tief verneigende Versammlung, während ein rauschender Tusch von Trompeten und Pauken ihnen entgegentönte.

Man nahm allseits Platz. In der vordersten Reihe der Hofloge saß das hohe Paar allein auf vergoldeten, mit rotem Samt beschlagenen Armstühlen; hinter der Herzogin mußte die Französin mit dem kleinen August Adolf auf dem Schoß ihren Platz nehmen, die zärtliche Mutter tat es nicht anders; den Hintergrund der Loge füllte nach Rang und Würden der herzogliche Hofstaat, so weit er sich nicht bei der heutigen Aufführung beteiligte.

Mit einer pomphaften Anrede fragte der Oberstallmeister die hochfürstlichen Durchlauchten, während er sein Pferd zwang, vorn niederzuknien, ob das Festspiel beginnen dürfe? Der Herzog bejahte die Frage mit gnädigem Wink, und die erste Abteilung ritt vor.

Dann kam das große Karussellreiten mit Damen, welche es im Ringstechen den Herren fast gleich taten; endlich die Quadrille der vier schönsten Kammerfräulein der Herzogin mit den ersten Kavalieren des Hofes.

Rosa von Bünau mit dem Oberjägermeister Graf Luja ritt voran. Das Mädchen sah reizend aus in seiner kleidsamen Tracht. Ein dreieckiges Federhütchen saß keck auf den gepuderten Locken, das frische, schelmische Gesicht lachte fröhlich darunter hervor. Ein dunkelrotes Samtjäckchen mit breiten Aufschlägen und Goldborden, ein grauer goldbestickter Rock vervollständigten die schöne Tracht. Der schlanke Kavalier neben ihr, mit den edel geschnittenen Zügen und der vornehmen Haltung, trug dieselben Farben.

Die blonde Jakobine von Wolfhart mit Kurt von Zscheplitz, in lila und orangegelb gekleidet, bildeten das nächste Paar. Ulrike von Ebeleben mit dem Kammerherrn von Haineburg und Komtesse Leonore von Gauwitz mit dem Obermundschenk Edler von Hagenest schlossen sich an. Der Oberstallmeister kommandierte die Quadrille.

So sicher und gewandt Rosa von Bünau auch den patzigen Fuchs, ihre »Bella«, führte, so rasch das elegante Tier allen Hilfen folgte, so beobachtete doch Graf Luja mit einer Art väterlicher Sorge alle Bewegungen seiner Dame, dies ging soweit, daß sie ihn manchmal neckend erinnern mußte, wenn die Reihe an ihn kam, eine Tour auszuführen.

»Was sorgen Sie sich nur um mich, Graf«, flüsterte sie ihm zu. »ich helfe mir schon, aber Sie sind zerstreut.«

Später entgegnete er ihr: »Mir ist, als hätte ich eine Verantwortung für Sie.«

»Welch guter – Onkel Sie sind!«

»Kleine Spötterin!«

Wenn Graf Luja mit seiner Dame flüsterte, schien es, als ob Daniel von Storke das Tempo seines Kommandos beschleunigte. Das sauste in Volten, Chaine, Sternfiguren und muntern Galoppaden durch die Bahn, hie und da scheinbar entfesselt und doch durch ein gemeinsames Band der Unterordnung unter des Oberstallmeisters Befehl zusammengehalten.

Endlich nahte das Ende des Spiels, die vier Paare hielten aufmarschiert vor der herzoglichen Loge, um, nachdem sie sich hier tief verneigt, die Bahn zu verlassen. Aber statt wie sonst mit seinem frohen Lächeln den Gegengruß zu winken, erhob sich der Herzog, trat bis an die Brüstung der Loge vor und rief:

»Trefflich sind Sie geritten, meine Damen, alles ging in bester Harmonie. Ich möchte nun aber sehen, wie Sie sich gegen Ihre Partner, wenn es Kampf gilt, zu verteidigen wissen. Diese goldene Rose will ich unter Ihnen verlosen; wer das Kleinod gewinnt, befestige es an seiner linken Schulter, das Los erwähle unter sämtlichen berittenen Herren Ihren Widersacher, der versuchen muß, Ihnen den Schmuck zu rauben. Verteidigen Sie sich gut; nur Trab und Galopp wird geritten. Ihr Tuch, Herzogin.«

»Ist dies Spiel nicht gefährlich?« fragte Herzogin Friederike, deren zarte Natur alles wilde Tun verabscheute, indem sie ihrem Gemahl das Spitzentaschentuch darreichte.

»Gefährlich?« rief er munter. »Vielleicht für die Herzen, denn was sich verweigert, gewinnt an Wert.« Er schlang mit geheimnisvollen Gebärdenspiel, mit Nicken und Winken zu den hübschen Kammerfräulein hinüber, einen Knoten in des Tuches Ecke, legte verborgen, daß keines der glänzenden Augenpaare seinen Kunstgriffen zu folgen vermochte, die Zipfel in seine Hand und hielt nun die geschlossene Faust über die Brüstung hinaus. Sein rötliches Gesicht mit dem in die Höhe gewichsten dunklen Schnurrbart leuchtete in Frohsinn und Schelmerei, er forderte die Mädchen auf, heran zu kommen, und rief einmal über das andere: » Jeu de rose, mesdames! Jeu de rose!«

Die vier Kammerfräulein ritten vor, sie trieben ihre Rosse bis dicht an die Brüstung, legten sich klopfenden Herzens und begierig, die Rose zu gewinnen, über des Pferdes Hals, reckten die feinen Händchen und hatten endlich jede einen Zipfel gefaßt.

Der Herzog ließ los.

Rosa von Bünau hielt die Ecke mit dem Knoten.

»Ah, unsere kleine Bünau!« rief der Herzog zufrieden. »Kommen Sie heran, ma belle, dicht an die Barriere, ich will Ihnen selbst die Rose anstecken. So, mein Kind, nun seien Sie tapfer, seien Sie spröde, hüten Sie Ihr Kleinod vor räuberischen Händen!«

»Ich werde mein Bestes tun, Durchlaucht«, entgegnete das schöne Mädchen, richtete sich höher auf und ließ das leuchtende dunkle Auge fast herausfordernd über den Kreis der jungen Männer gleiten.

Die drei anderen Damen hatten sich zurückgezogen, dagegen ritten jetzt alle Herren in die Bahn, welche am heutigen Spiel beteiligt gewesen waren.

Der Herzog schickte den Kammerherrn vom Dienst hinaus, daß er die Herren loslasse. Während alle sich dazu drängten, gelangte Luja noch einmal an Rosas Seite.

»Exponieren Sie sich nicht – seien Sie vorsichtig, Fräulein von Bünau«, flüsterte er mit einem besorgten Blick seines ernsten blauen Auges.

»Ja, ja«, erwiderte sie ungeduldig, »ich kann mich auf meinen Fuchs verlassen.«

Kurt von Zscheplitz ging als Sieger aus dem Glücksspiel hervor, er zog das Los, welches ihn zum Kampf um die Rose bestimmte. Ein Freudenlaut entfuhr ihm, und strahlenden Blickes wandte er sich in den Bügeln nach seiner Partnerin um. Er hielt sein Los hoch und rief: »Ich hab's, ich hab's, ich muß die schöne Rose gewinnen.«

»Zscheplitz möchte lieber die Mädchenrose als die goldene«, flüsterte der Kammerherr von Haineburg dem Oberstallmeister zu.

»Das möchte wohl mancher«, knirschte dieser leise.

»Was gilt die Wette? Die Herrschaften sind dafür; er bekommt sie!«

Herzog und Herzogin hatten sichtlich befriedigt die Köpfe zusammengesteckt, als der Kammerjunker sein großes Los emporhielt. »Eine hübsche Fügung«, meinte die hohe Frau, während ein liebevoller Blick die schöne Reiterin streifte.

»Es wird sich machen«, erwiderte Johann Adolf lachend, indem er seinen Bart hinaufstrich. »Und nun, meine Herren, freie Bahn!« rief er hinaus. »Musik, eine lustige Weise! Los, Zscheplitz, versuche Er sein Heil!«

Einen Augenblick maß sich das junge Paar, dem jetzt der weite Raum gehörte, mit prüfenden Blicken, dann jagte Kurt auf das Mädchen zu. Rosa wich aus, er schoß vorbei, sie floh, er hinterdrein; es galt ihre linke Seite, wo das Kleinod steckte, zu gewinnen. War er aber nahe, so warf sie mit kecken Ruck ihr Pferd herum, rief: »Hopp, Bella!« und dahin flog sie auf die andere Seite der Bahn. Verfolger und Verfolgte wurden beide immer eifriger; entrann sie ihm mit einer kühnen Wendung, so brach im Publikum ein Beifallssturm los, auch der Herzog rief Bravo und klatschte; so sehr er eine Vereinigung wünschte, nahm sein großmütiger Sinn sich doch unwillkürlich der schwächeren Partei an.

Aber war diese behende, scharfblickende, sichere Reiterin wirklich der schwächere Teil? Den Zuschauern drängte sich bald die Ueberzeugung auf, daß sie es nicht sei. Zscheplitz, ein so anmutiger Jüngling er war, besaß wenig männliche Energie, das schlaffe Muttersöhnchen blickte immer wieder durch. Seine Begeisterung hielt nicht vor, sein Wollen verloderte wie ein Strohfeuer. So war es mit ihm im Leben, so jetzt im Spiel. Biß er auch die Zähne zusammen, riß und spornte er auch seinen Gaul, Rosa war immer gewandter als er.

Da sie erkannte, daß er ihr nicht gewachsen sei, fing sie an mit ihm zu spielen. Sie trabte auf ihn zu, umkreiste ihn, ließ sich fast erreichen und entfloh doch immer zur rechten Zeit mit leisem Kichern vor seiner ausgestreckten Hand.

Das feine Gefühl der Herzogin riet ihr, das Spiel nicht weiter gehen zu lassen. Es mußte sich bei dieser öffentlichen Bloßstellung des Kammerjunkers in dem Herzen der beiden jungen Leute, die für einander schlagen sollten, eine Mißstimmung festsetzen. Auch waren des jungen Mannes Eltern unter den Gästen, und denen wollte die Herzogin ihren Liebling gern im günstigen Lichte zeigen. So fesselnd also der kleine Krieg zwischen dem Pärchen auch noch immer auf die Zuschauer wirkte, so schien es Friederiken doch genug, und sie begann mit dem Herzoge zu flüstern. Er nickte zustimmend, winkte der Musik zu schweigen, und rief: »Oberstallmeister!«

Storke, der am Eingange der Bahn auf seinem großen Braunen hielt, sprengte auf seines Herrn Ruf durch die Manege heran. »Bring Er mal dem Zscheplitz Sukkurs!« rief ihm der Herzog entgegen. »Gehe er zu, ob er mit dem Junker zusammen die Rose erbeutet. Es ist doch mal nicht anders, dem starken Geschlechte gebührt der Sieg und das schwache ergibt sich gern, wenn's mit Anstand geschehen kann.«

Das: »Zu Befehl, Durchlaucht!« von Seiten des Oberstallmeisters klang wie ein triumphierendes Frohlocken. Er wandte sein Pferd und jagte direkt auf Rosa zu, die Musik setzte mit hellen Fanfaren wieder ein, Zscheplitz gab seinem Schimmel die Sporen, galt es doch nun erst recht, die Siegesbeute zu gewinnen, und eine tolle Jagd begann.

Ein paarmal mußte das gewandte Fräulein durch unerwartete Wendungen ihren Verfolgern zu entrinnen, Daniel von Storke war aber ein zu überlegener, energischer Reiter, lange konnte sie ihm nicht widerstehen.

Seltsame Empfindungen regten sich in Storkes leidenschaftlicher Seele während dieses kurzen Kampfspiels. Er hatte der Hoffnung auf des schönen Mädchens Besitz während der letzten vierundzwanzig Stunden Raum gegeben. Ein abergläubisches Gefühl raunte ihm zu, sie selbst ist die goldene Rose, wer die hat, dem wird sie zu eigen! Er wollte siegen! Die ganze Wildheit seiner Natur flammte aus seinen schwarzen Augen. Also entschlossen und zusammengefaßt, gelang es ihm bald, ihre linke Seite zu gewinnen.

Rosa, bezaubert von seinem Blick, fühlte Schrecken durch ihre Glieder rieseln, der Junker gelangte eben auf die andere Seite, so drängte man sie mit des Rosses Kopf gegen die Wand. Sie konnte ihren Fuchs weder nach rechts noch nach links herumwerfen, sie mußte sich ergeben.

Schon berührte Storkes Hand ihr Kleinod; da, einem unwiderstehlichen Antriebe folgend, riß das Mädchen selbst die Rose von der Schulter und reichte sie Kurt Zscheplitz.

Mit einem Freudenruf preßte dieser seinen Gewinn an die Lippen, erhob ihn hoch und sprengte damit vor des Herzogs Loge, der, samt allen Zuschauern, ihm Beifall spendete.

Storke erbleichte sichtlich, als Rosa ihm dies antat. Er warf sein Roß herum und knirschte unhörbar: »Nun erst recht zwing' ich's – nun muß sie mein werden!«

Ein unheimliches Gefühl bemächtigte sich Rosa, als sie von Zscheplitz geleitet und mit Artigkeiten überhäuft die Bahn verließ. Sie wußte selbst nicht, warum sie so gehandelt hatte. Eine sonderbare Furcht vor Daniel von Storke, den sie bisher gern gehabt, war plötzlich in ihr übermächtig geworden.

Der Herzog rief den Oberstallmeister wieder heran. »Er hat seine Sache gut gemacht«, sagte der Fürst gnädig, »nun aber reit' Er mir zum Schluß noch meinen neuen Dunkelbraunen in der hohen Schule vor!«

Storke ließ sich das neue Pferd bringen; mit finsterer Stirn gebot er, die höchsten Barrieren zum Uebersetzen, die es gab, in der Bahn aufzustellen.

Der kleine Prinz ward auf dem Schoße seiner Bonne unruhig; so sehr er sich bis jetzt über das bunte Treiben mit Händeklatschen und Jauchzen gefreut hatte, nun war seine Geduld am Ende.

»Geben Sie mir den Kleinen, Mademoiselle«, sagte die Herzogin und nahm ihr Kind selbst auf den Schoß.

Mittlerweile war der Oberstallmeister fertig; in zornig gereizter Gemütsstimmung begann er nun mit leichter Hand und festen Schenkeln, das bronzefarbene Gesicht voll düsterer Energie, seine Meisterleistung in der Reitkunst.

Jeglicher Forderung mußte das unbändige Tier, bezwungen von des Reiters Willen, gehorchen; zuletzt kam das Uebersetzen; in immer schärferem Tempo führte Storke den Dunkelbraunen vor die Hürden, immer gewaltiger wurden die Sprünge, unbeweglich blieb der Reiter.

Schon wollte der Herzog ein »Halt!« gebieten, so prächtig der Anblick auch war, da sauste noch einmal das prächtige Roß in hohem Bogen über das Hindernis, der Sprung trug es etwas näher als sonst an die herrschaftliche Loge. Der kleine Prinz schrie ängstlich auf; das Pferd stutzte, stieg hoch empor und schlug mit seinem Reiter hintenüber.

Zahlreiche Stallbediente liefen herzu; die Aufregung unter den Zuschauern war allgemein.

Als Daniel von Storke sich schwindelnd wieder erhob, traf sein erster Blick in das ängstlich gespannte Gesicht eines Mädchens, welches sich, mit beiden Händen auf die Brüstung der herzoglichen Loge gelehnt, weit zu ihm vorbeugte. Nur für eines Atemzuges Länge senkten sich ihre Augen in einander; er fühlte, daß ihm heiße Liebe entgegenloderte. Das Mädchen, welches jetzt rasch zurücktrat, war Clemence Bernard, die Bonne des kleinen Prinzen.

Das herzogliche Paar sprach dem Oberstallmeister Lob und Bedauern aus.

»Ich fürchte, mein unruhiger kleiner Knabe trägt die Hauptschuld an Ihrem Unfall«, sagte die Herzogin entschuldigend mit ihrer sanften, freundlichen Stimme.

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