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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Drittes Kapitel

Heute war es der Minister, welcher aller Etikette entgegen den Aufbruch der Gesellschaft veranlaßte. Es wäre Sache des Herzogs gewesen, sich mit seiner Gemahlin zurückzuziehen und somit seine Gäste zu entlassen, aber dieser allgewaltige Graf band sich an keine Regeln der höfischen Form; er sagte der Herzogin, an deren Seite er beim Souper saß, da er morgen in aller Frühe abzureisen denke, bitte er sie, ihm zu gestatten, daß er seine Gemächer aufsuche und gleich hier sich ganz ergebenst ihrer Gnade empfehle.

Der Herzog, welcher schweigsam und mit gerunzelter Stirn an der anderen Seite des Ehrengastes saß, wurde von dem plötzlichen Aufbruche fast überrascht; man machte gute Miene, und das fürstliche Paar entfernte sich, gleichzeitig mit dem großartig davon schreitenden kurfürstlichen Vertreter, durch eine andere Tür.

Geleitet von Kammerherren und Pagen, welche Wachslichter trugen, führte der Herzog seine Gemahlin bis an den Eingang zu ihren Gemächern.

Im Durchschreiten der Korridore flüsterte sie ihm zu: »Ich muß wissen, was zwischen Euch vorgefallen ist, ich vergehe vor Angst!«

Nur flüchtig konnte er erwidern: »Komm zu mir herunter, da sind wir am sichersten.«

Von einer diensttuenden Kammerfrau empfangen, betrat die Herzogin ihr Vorzimmer, das mit großen Spiegeln, hohen Schränken und eleganten Ruhesitzen ausgestattet, als Garderobe diente. Sie durcheilte dasselbe, hielt sich auch in ihrem prächtigen Schlafzimmer nicht auf, sondern ging, nur einen Augenblick zwischen zwei offenen Türen zögernd, in eines der Seitengemächer. Es war die Kinderstube, in welcher der Täufling unter Obhut seiner Amme und einer ältlichen Wärterin schlummerte. Die zärtliche Mutter schlug den Spitzenvorhang auseinander, der die vergoldete Wiege einhüllte, und weidete sich an dem Anblick des friedlich ruhenden Kindes. Die Wärterin und die Amme standen zur Seite, einige Fragen nach dem Befinden Georgs wurden zufriedenstellend beantwortet.

Mit einem Atemzuge der Erleichterung durcheilte die Herzogin wieder ihr Schlafgemach, um das auf der anderen Seite gelegene Zimmer ihres ältesten Knaben zu betreten. Hier kam ihr mit einer tiefen Verbeugung die Bonne des Kleinen, Mademoiselle Bernard, entgegen, die Wärterin war im Nebenzimmer zur Ruhe gegangen; es genügte auch den Wünschen der Herrin, bei ihrer Rückkehr aus der Gesellschaft die Bernard, welche mit dem Kinde in demselben Zimmer schlief, wach zu finden.

»Ist mein süßer August wohl?« fragte sie die Französin. » Son Altesse waren den ganzen Tag zufrieden und vergnügt.«

Ein zärtlicher Blick auf den rosigen Liebling, dann nickte die hohe Frau erleichtert dem jungen Mädchen zu: »Sie können zu Bett gehen«, und verschwand in ihrem Schlafzimmer; die Türen zu den beiden Kinderstuben blieben Tag und Nacht offen.

Die Herzogin überließ sich nun den Händen ihrer Kammerfrau. Die kirschfarbene Damastrobe, welche vorn den weißen Brokat hervorstehen ließ, wurde samt dem steifen Korset mit seiner Fülle von Spitzen um Brust und Ellbogen abgelegt, und eine weite Kontusche über die zierliche Gestalt der Fürstin geworfen. Die geschickten Hände der Zofe entfernten Blumen, Federn und Schmuck aus der künstlichen Frisur, bürsteten den Puder heraus und hefteten ein Spitzenhäubchen auf den blonden Scheitel der jugendlichen Frau. Dann wurde die hilfreiche Dienerin entlassen.

Als sie sich allein sah, seufzte Herzogin Friederike aus erleichtertem Herzen tief auf. Aber nur einen Augenblick gönnte sie sich ein Gehenlassen; wie konnte sie sich leichten Herzens fühlen, bevor sie wußte, was jener Gefährliche mit ihrem Gemahl verhandelt hatte! Die tiefe Erregung des Herzogs war ja unverkennbar gewesen.

Sie nahm einen der silbernen Leuchter mit brennender Wachskerze von ihrem Toilettentisch und kehrte in das Vorzimmer zurück, wo, bei einem leichten Druck ihrer Hand, einer der großen Spiegel sich wie eine Tür in den Angeln drehte und der Eingang zu einer teppichbelegten Wendeltreppe öffnete, auf der sie in das Schlafgemach ihres Gatten gelangte.

Der Herzog schritt, sie erwartend, unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Er kam ihr sogleich entgegen und schloß sie zärtlich in seine Arme.

»Endlich bist Du da, Friederike«, sagte er, indem er sie küßte, »wie brenne ich darauf, mich gegen Dich auszusprechen!«

»Und wie sehr verlangt mich danach, alles zu hören«, entgegnete sie mit einem innigen Aufschlag ihrer schönen blauen Augen.

Die Herzogin war zwanzig Jahre jünger als ihr Gemahl und noch eine sehr anmutige Frau. Er führte sie ritterlich und herzlich, einen Arm um ihre Schultern gelegt, zu einem Ruhesitz und ließ sich ihr gegenüber in einem Armstuhl nieder.

»Nun, Adolf?« fragte sie gespannt.

Er wiederholte, so genau er konnte, mit einzelnen zornigen Ausrufen untermischt, die Unterredung, welche er nach dem Diner im gelben Konferenzzimmer mit dem Minister gehabt hatte. Friederike hörte mit gefalteten Händen und leisem Erbeben seinen Bericht an.

»Daß Brühl die natürlichen und lange gehegten Wünsche seiner Regierung teilt«, fuhr er eifrig fort, »verdenke ich ihm keinen Augenblick. Die Parzellierung Sachsens von anno 1656 war, wenn auch vielfach Hausgebrauch bei den Wettinern, politisch unverantwortlich. In dieser Zeit, wo alle Staaten bestrebt sind, sich zu konsolidieren, zu arrondieren, wo die Kurfürsten von Sachsen Ungeheures an Truppen und Geld, sogar ihre Religion daran gegeben haben, um die Krone Polens zu erlangen, ist ihnen dieses Fleckchen ihres Erblandes, auf dem sie nicht souverän sind, ein Dorn im Fleische. Daß also der herrschende Minister diesen Mißstand empfindet, ist nichts Unerhörtes, wohl aber ist die Unverschämtheit, die Frechheit, mit der er mir, einem Manne, den er als solchen kennt, das Ansinnen stellt, mein gutes angeborenes Recht der Großmannssucht seiner Politik zu opfern. Es ist eine Ueberhebung von diesem Parvenü, die nicht züchtigen zu dürfen, zu können, mich den ganzen Nachmittag auf das Aeußerste gemartert hat!«

Bebend vor Zorn sprang der Herzog bei diesen Worten empor und durchmaß mit großen Schritten das Gemach. Friederike trat zu ihrem Gatten heran, sie schlang ihre Arme um ihn, barg den Kopf an seiner stark arbeitenden Brust und flüsterte: »Wüßte Brühl nicht, wie sehr wir in seiner Hand sind, würde er dies nicht wagen. O, welch eine Souveränität, die mit solcher Angst, mit solcher Abhängigkeit bezahlt wird!«

»Er kann nichts gegen uns unternehmen, darüber sei ruhig. August ist ein lässiger Regent, aber ein rechtschaffener Mann.«

Der Herzog faßte sich wieder, er führte Friederike zu ihrem Platz zurück und setzte sich gleichfalls.

»Vor einer Gewalttat würde ich mich weniger ängstigen«, sagte die junge Frau, indem ihr ein Schauder über den Körper lief, »als vor den schleichenden Mitteln der Gewissenlosigkeit, welche sich gegen das Fortbestehen unseres Hauses richten werden. Wir haben schon zwei Söhne verloren; denk an die von Zeitz, dort stehen ein Dutzend Kindersärge im Gewölbe, und nun ist dieser affröse Hennicke mit hierher gekommen, der dort intrigiert haben soll.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

»Friederike, welch ein Mißtrauen! Wie kommen solche Gedanken in deine reine Seele?«

»Tue ihnen den Willen«, schluchzte sie und hob flehend die Hände zu ihrem Gatten empor, »laß Dich mediatisieren, was sind Rang, Ehre, Wohlleben, wenn man dabei für sein Liebstes zittern muß!«

»Herzogin, was fällt Ihnen ein?« rief Johann Adolf, indem er wiederum aufsprang. »Auch bei Ihnen finde ich kein Verständnis für meine berechtigten Ansprüche, für meine Würde? Wie darf ich meinen mir von Gott angewiesenen, mir von rechtswegen zukommenden Platz aufgeben? Der Mann muß im Leben wie im Kriege seine Position halten und verteidigen. Nur der Gewalt weiche ich! Kein Wort also mehr! Kann ein Weib nicht verstehen, so will ich wenigstens nicht mit kleinlichen Gesinnungen behelligt werden!«

»Verzeihung, mein Gemahl – Verzeihung einem zitternden Mutterherzen!«

»Hüte Deine Kinder, gib ihnen die beste Pflege, die sorgsamste Ueberwachung und dann, Friederike, dann – lege Deine Sache in Gottes Hand.«

Das Einvernehmen zwischen den beiden Gatten ward bald wieder hergestellt. Noch lange aber dauerte es, bis sie die Eindrücke des Tages zur Genüge besprochen und soweit Frieden gefunden hatten, um sich zur Ruhe begeben zu können.

In einem anderen Flügel des weitläufigen Schlosses lagen die prächtigen Gastzimmer. Auch hier brannten noch die Kerzen im Gemach des Grafen Brühl, aber schwere grünseidene Vorhänge vor den Fenstern ließen keinen Lichtschimmer nach außen dringen. Bei seiner Rückkehr vom Souper hatte der Graf seine Bedienung bis auf den Kammerdiener fortgeschickt und nur den Geheimrat Hennicke, seinen Vertrauten, bei sich im Zimmer behalten. Die Prachtgewänder hatte er sich noch nicht abnehmen lassen, sondern schritt wie er war ungeduldig in dem weiten Raume auf und ab, während Hennicke ehrerbietig zur Seite stand.

Brühls Kenntnis der Verhältnisse und Personen am Sachsen-Weißenfelsischen Hofe war von seiner Jugend an eine sehr genaue gewesen; und jetzt, bevor er mit einer bestimmten Absicht herkam, besonders vervollständigt worden. Ihm war durch den Augenblick bestätigt, was er wußte. Auf Daniel von Storke hatte er längst sein Augenmerk gerichtet; er hielt einen wohlbestallten Herrn des Hofes passender zur Uebernahme einer Intrige, als irgendeine Kreatur seines Willens, die er allerdings unter beliebigen Vorwande einführen konnte. Er wußte, daß Storke ein ehrgeiziger Emporkömmling sei, der es nie wagen würde, sich durch Verrat gegen ihn aufzulehnen, dagegen aber vermutlich zu dem passe, was er ihm auftragen wollte; so hoffte er seine Sache in die rechten Hände zu legen. »Eure Erlauchte Exzellenz sehn, daß etwas wie ein Hebel angesetzt werden muß,« wagte Geheimrat Hennicke, die Gedanken seines Gebieters erratend, hinzuwerfen; es war eine heisere, breite Stimme, mit der er dies sagte, eine Stimme, die zu dem großen, plumpen Körper, dem platten Gesichte des einstigen Lakaien paßte.

»Er hat Recht, Christian«, erwiderte der Minister, »Johann Adolf muß bearbeitet – der rechte Augenblick, die heutigen Vorschläge zu erneuern, muß gefunden werden!«

»Mein hoher Herr wird mir hoffentlich eine kleine Winterarbeit gestatten?« fragte Hennicke halblaut und mit lauerndem Ausdruck.

»Er weiß, daß ich von seinem Treiben keine Details wissen will«, erwiderte Brühl gleichfalls gedämpft. »Fällt Sachsen-Weißenfels an uns zurück, soll sein unverschämtes Gelüste nach dem Reichsgrafentitel und den dazu gehörigen Revenüen erfüllt werden.«

Der große Herr schwieg und schritt wieder auf und ab; wie um jenes Thema nicht weiter zu verfolgen, murmelte er eine ungeduldige Frage nach dem Ausbleiben des Oberstallmeisters vor sich hin.

Die beiden Herren brauchten nicht mehr lange zu warten; der Kammerdiener meldete: »Oberstallmeister Baron von Storke«, und der Gemeldete trat auf einen Wink des Ministers ein. Daniel von Storkes bräunliches Gesicht, sonst von einem gesunden Rot belebt, erschien wachsbleich, seine dunklen Augen flackerten, und in seiner ganzen Haltung lag etwas peinlich Gespanntes. Er war ein schöner Mann. Auf seiner sehnigen, elastischen Gestalt ruhte des Gewaltigen Auge mit dem Wohlgefallen, mit welchem er andernfalls eine treffliche Waffe in der Hand wiegen mochte.

»Es ist gut, daß Sie kommen, Baron«, sagte der Graf, »aber ich wußte, daß es geschehen würde, denn ein junger tatkräftiger Mann läßt nie die Gelegenheit vorübergehen, sein Glück zu machen. Setzen wir uns.«

Die drei Herren nahmen Platz, und der Minister sprach: »Ich weiß nicht, ob Sie Anlage zur Politik haben, Baron; ob die politische Kombination Sie interessiert. Aber wüßten Sie auch nichts davon, so kann Ihnen, schon als Soldat, die Lage der Dinge nicht fremd sein.«

Storke atmete auf, die ungeheure Spannung der letzten Stunden ließ nach, er verbeugte sich zustimmend, lauschte gefesselt, und Brühl fuhr fort: »Unsere Koalition wird hoffentlich im bevorstehenden Feldzuge Friedrich von Preußen aus Schlesien vertreiben. Seine Eroberung hat vorläufig die Machtstellung Sachsens überflügelt. Die gefährliche, stets noch wankende Erwerbung der polnischen Königskrone ist uns kein solides Aequivalent. Dringender als je tritt an uns die Notwendigkeit heran, den Besitzstand der Albertinischen Hausmacht wieder fest geschlossen in die Hand zu bekommen. Die abgezweigten Linien von Zeitz und Merseburg sind an Kursachsen heimgefallen, nur Weißenfels steht noch auf sechs Augen –«

Der Hörer seufzte, ohne es zu wissen, in ängstlicher Spannung.

»Lassen Sie sich entre nous mitteilen, daß ich heute mittag versucht habe, Se. hochfürstliche Durchlaucht zu einer Abtretung zu bestimmen. Kursachsen würde die Mediatisierung in der konvenabelsten Form vornehmen. Eine glänzende Apanage wäre selbstverständlich. In finanzieller Hinsicht würde man von einem Soulagement reden können, denn Sachsen-Weißenfels ist verschuldet und man hält nur mühsam die Dehors aufrecht. Serenissimus verhielten sich aber durchaus ablehnend. Ich sagte mir, daß kein Baum auf einen Streich fällt, daß es abwarten, Terrain sondieren gilt. Um dies zu können, bedarf ich hier eines heimlichen Chargé d'affaires, eines Confident. Sie begreifen, daß es wichtig für mich ist, über alle hiesigen Verhältnisse vollständig au courant zu bleiben. Es würde mir leicht sein, hier eine mir konvenierende Persönlichkeit zu placieren, aber mein Vertrauen ist auf Sie gefallen, Sie sind ein Mann von Energie, von savoir vivre, wohl akkrediert bei Serenissimus, Sie können, ohne Ihrem Herrn zu schaden, mir die wesentlichsten Dienste leisten. Kurz, Baron Storke, Sie würden mich verpflichten, wenn Sie sich mit mir in Korrespondenz setzen möchten. Es ist mir so manches wichtig im Auge zu behalten. Sie wissen, wie weit der Einfluß Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin reicht; ihre Neigung zur Ruhe und Einfachheit ist ein nicht zu unterschätzendes Moment. Auch durch das begünstigte Kammerfräulein von Bünau könnte man vielleicht wirken? Jeweilige Stimmungen, körperliche wie geistige, sind zu berücksichtigen. Ich halte eine Zeit der Krankheit, des Gedrücktseins für sehr geeignet, meine Anträge zu erneuern.«

Als Storke sich blaß und schweigend verneigte und mit einem Worte zustimmte, sprach der Minister huldvoll weiter: »Mein Souverän verlangt keine Bemühungen umsonst«, er öffnete den Deckel eines eleganten Kästchens, das neben ihm auf dem Tische stand, es war mit Gold gefüllt.

»Dies ist der passende Schlüssel zu allen Türen«, fuhr er gnädig lächelnd fort. »Sobald Sie sich bereit erklären, trägt mein Kammerdiener Ihnen die Kassette noch diesen Abend in Ihre Wohnung. Es wird auf Ihre Dienstleistungen ankommen, wie oft sie sich wieder füllt.«

»Dero Vertrauen«, begann Storke zögernd, »dero schätzbares Vertrauen ist mir außerordentlich schmeichelhaft – aber als Kavalier – als ergebener Diener meines Herrn –«

»Man verlangt nichts Unwürdiges, mein Lieber!« fiel Brühl rasch ein. »Es handelt sich nur um geschickte Observation. Etwaige Acquisition passender Werkzeuge; kluge Verwertung günstiger Chancen, die sich einem ingeniösen Geiste darbieten. Sie werden nicht gedrängt. Tausend Gelegenheiten, die gute Sache zu fördern, bieten sich Ihnen –«

»Ohne Zweifel«, stammelte der Oberstallmeister in schwerem Kampfe mit sich.

»Bei solchen Missionen handelt es sich nur um eins: Klugheit, Klugheit und noch einmal Klugheit! Alles übrige ist Nebensache. Kompromittieren Sie uns in ungeschickter Weise, verschwinden Sie auf dem Königstein, zeigen Sie sich als brauchbar, eröffne ich Ihnen in Dresden eine Karriere. Und sobald Kursachsen in die Souveränitätsrechte von Sachsen-Weißenfels eintritt, also über die Krondomänen verfügt, wird – falls Sie uns wesentliche Dienste geleistet haben – das schöne Wiedebach Ihr Eigentum.«

Die Augen des gespannt Zuhörenden wurden immer größer und glänzender, die Farbe kehrte in seine Wangen zurück, dunkle Glut lag auf seiner Stirn, und mit raschem Entschluß erklärte er sich submissest bereit zu allem, was der hohe Herr befehlen werde.

Der Minister hob noch einmal hervor, um was es sich handle, erklärte sich dann für ermüdet und entließ nach vorheriger Abrede über Einrichtung der geheimen Korrespondenz – den wild Erregten mit allen Zeichen der Gnade.

Daniel von Storke verbeugte sich mehrere Male mechanisch, bevor er zur Tür hinausschritt, und wurde erst wieder Herr seiner selbst und einiger Besinnung, als die Nachtluft seine glühende Stirn fächelte. Es schien ihm jetzt, als höre er den Schritt eines Mannes hinterher kommen; sich wendend, war es ihm sogar, als sähe er die plumpe Gestalt und das große Gesicht des Geheimrats drüben, vom Mondlicht beschienen, um die Ecke biegen, er achtete aber nicht weiter darauf.

Er bewohnte die Hälfte eines herrschaftlichen Hauses, welches am Schloßberge gelegen aus dem Lustgarten zugänglich war. Die andere Hälfte hatte der Oberjägermeister, Graf Luja, mit seiner Mutter inne.

Storke mußte vom Schloß aus den Park kreuzen, um seine Wohnung zu erreichen. Auf diesem Gange begann er seine Gedanken zu sammeln, begann alles das, was der allmächtige Minister ihm gesagt hatte, zurückzurufen, sich zurechtzulegen.

Seit zehn Jahren regierte Graf Brühl Kursachsen unumschränkt. Schon unter August dem Starken wohlgelitten, hatte er sich unter der Regierung Augusts III., der ein lässiger Gewohnheitsmensch war, an die Spitze aller Zweige der Verwaltung zu stellen gewußt, und alle Nebenbuhler durch Intrigen beseitigt. Er duldete unter sich nur gefügige Werkzeuge seines Willens; wer mit ihm in Berührung kam, mußte den Platz räumen oder zu einer Kreatur herabsinken.

Storke wußte ganz genau, daß die Drohung, ihn auf der Festung Königstein verschwinden zu lassen, kein leeres Gerede war, daß manch Besserer als er dort schmachtete oder geschmachtet hatte. Aber die Furcht vor der Rache des Gewaltigen übte keinen bestimmenden Einfluß auf seinen tapferen Sinn. Zur Not hätte er in die weite Welt gehen und in irgend einer Armee sein Heil versuchen können.

Der Park lag in schöner Mondscheinbeleuchtung ringsum ausgebreitet; versunken in seine Gedanken war er, ohne es zu wissen und zu wollen, an jene Galerie gekommen, die am steilen Felsen herlaufend, wie ein Altan hinausragte. Von hier aus hatte der Minister ihm am Nachmittage Wiedebach gezeigt. Hier stand er jetzt und schaute ins Land hinunter.

Sein Blick fiel auf die weitläufigen Gebäude des Kammerguts. Deutlich hoben sie sich im silbernen Schimmer des Mondes von ihrer Umgebung ab. Der vergoldete Knauf auf der Spitze des kleinen Turmes über der Einfahrt glänzte wie ein Stern durch die Nacht.

Alle Träume, die während des Abends sein Herz geschwellt hatten, kehrten zurück und lähmten seine Widerstandskraft. Er wußte ganz genau, wie der Herzog über die Annexionsgelüste Kursachsens dachte und daß er sich gutwillig nie von seiner Krone trennen werde, er fühlte, daß er Verrat begehe an seinem Herrn, wenn er sich auf die Seite seiner Widersacher stelle, und doch, wie konnte er das Anerbieten Brühls ausschlagen?

Er kreuzte die Arme über der Brust, lehnte sich an die Galerie und verlor sich in neue Träumereien.

Dort drüben als Grand Seigneur leben – dort und sie besitzen! Das war der Inhalt aller seiner Gedanken. Aber soweit er jetzt räumlich von dem herrlichen Dominium entfernt war, ebenso weit war es in der Tat. Abgründe und weite Strecken lagen zwischen ihm und dem Ziele.

Er begann, sich mit der Möglichkeit zu beschäftigen, wie er jene Hindernisse überwinden und das Krongut in möglichst kurzer Frist als Lohn erringen könne.

Sollte seine Korrespondenz mit Brühl wirklich zu einem Ergebnis führen? War es nicht vielmehr nur eine Form, ihn immer wieder auf den Wunsch des Gewaltigen und die schwebende Angelegenheit hinzulenken! Sprach der Minister nicht von einer Akquisition passender Werkzeuge, Verwertung günstiger Chancen? Weshalb hatte er Klugheit betont, wenn er nicht selbst vor allen Dingen klug gewesen war? Ja, es ließ sich nicht verkennen, Brühl wollte eine Tat!

Man flüsterte, daß die Herrscherfamilien in Zeitz und Merseburg, die sehr kinderreich gewesen, nicht ohne heimliche Nachhilfe ausgestorben. Abscheuliche Zumutung, wie durfte man ihm damit kommen? Niemals konnte er sich zu heimlichen Missetaten herabwürdigen! Aber daran war ja auch nicht gedacht, man hatte nur seinen ingeniösen Geist angerufen, Triebfedern sollte er in Bewegung setzen, welche –

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, und Storke schrak aus tiefen Gedanken auf. Er fuhr herum; der Geheimrat stand hinter ihm und sah ihn mit seinen fahlen Augen bedeutungsvoll an.

»Kann mir denken, was Sie sinnen, junger Freund«, sagte Hennicke, »ich weiß, wie es in einem ehrgeizigen Kerl aussieht. Wird nicht allen das Glück auf dem Präsentierteller serviert, wie Ihnen, Barönchen. Einen so gnädigen Protektor, einen solch allmächtigen, großmütigen Herrn, wie den da, können wir beide durch die ganze Welt mit der Laterne suchen. Ein Tor, der sich darauf besinnt, zuzugreifen! Sie kommen mir nicht so dummerich vor, ›nein‹ zu sagen, wenn's Glück fragt: darf ich? Hier gilt's sich zu rühren, junger Herr. Ein bißchen Vorsehung spielen, alten Unsinn zurecht rücken, das ist alles, was man von Ihnen verlangt.«

»Also will er doch – eine Tat? « fragte Storke finster.

»Er will gar nichts, er bleibt ganz aus dem Spiele. Aber liebt und belohnt geschickte Diener, Männer, die selbständig zu denken und zu handeln wissen. Ihre Reitknechte, Oberstallmeister, sollen auch keine Hampelmänner sein, sie sollen nach eigener Einsicht, Schenkel, Sporen und Peitsche gebrauchen.«

»Ja, freilich dergleichen – da ist von Schuld keine Rede – Ihr Vergleich hinkt, Geheimrat«, stammelte der von Zweifeln Gepeinigte. »Als Soldat wissen Sie«, fuhr der andere ernster fort, »welche Opfer ein Krieg fordert, und wie dennoch die Fürsten keinen Augenblick anstehen, ihre Völker in den Krieg zu führen, wenn es sich um die Machterweiterung ihres Landes handelt. Was sind gegen die Anstrengungen, gegen den blutigen Jammer eines Krieges – ein paar unmündige Kinder?«

Storke fuhr zusammen, ihn schwindelte: »Also doch!« stieß er heraus.

»Wissen Sie Johann Adolf zur Abdankung zu bestimmen, so lange er Erben hat?«

Storke war überzeugt, daß es unmöglich sei; er schwieg und senkte den Kopf. »Gute Nacht, Baron«, flüsterte Hennicke, »bedenken Sie Ihr Bestes, und helfen Sie dem Staatenwohl eine gescheitere Wendung geben!«

Er ging und Storke schaute dem großen Schatten, der über die mondhelle Rasenfläche fiel, lange nach.

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