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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Zweites Kapitel

Das prächtige Herzogsschloß lag oberhalb der Stadt auf einem Berge, welcher zum großen Teil mit den Anlagen des Lustgartens bedeckt war. Da erhob sich das große schieferbekleidete Gartenhaus, innen zeltartig ausgeschlagen und wie ein Gesellschaftssaal eingerichtet; an einem schroff hinabsinkenden Felsenabhange zog sich die Galerie entlang; verschnittene Hecken und Alleen, beranktes Gitterwerk, heimliche Lauben, Irrgänge, Boskets, weiche Rasenflächen, mit Springbrunnen und Göttergestalten aus Sandstein auf hohem Sockel – ein wahres Paradies moderner Gartenkunst – breiteten sich einesteils auf weiter Berghöhe und zogen andernteils auf abfallenden Terrassen bis ins Tal hinunter. Welch ein lachender Blick von dieser Höhe aus auf die zu Füßen liegende Stadt und ins weite Land hinaus! Fruchtbare Felder, Wälder und Berge, Dörfer und Edelsitze, und vor allem der glitzernde Strom der Saale entzückten das Auge des Beschauers.

In den weiten Gängen des herrschaftlichen Lustgartens verteilte sich jetzt scheinbar zwanglos die Gesellschaft. Es fand sich, was sich suchte, und kleinere oder größere Gruppen bildeten sich zu verschiedener Unterhaltung.

Im Pavillon hatte die Herzogin sich mit einigen älteren Personen der Gesellschaft niedergelassen. In einer sonnigen Laube davor, unter den Augen der hohen Frauen, befanden sich die Wärterinnen mit den beiden kleinen Prinzen. Auf einer nahen Rasenfläche belustigte sich die Jugend mit Federballschlagen und anderen Spielen. Der Herzog, dem es gelungen war, seinen Unmut vorläufig zu unterdrücken, stand mit einigen Herren aus der Umgegend, denen der Geheimrat Hennicke sich zugesellt hatte, in ein politisches Gespräch verwickelt, zur Seite.

Das zwischen Oesterreich, Großbritannien, Sardinien und Sachsen abgeschlossene Bündnis zur Bekräftigung der Pragmatischen Sanktion, welche Maria Theresia ihre Staaten gewährleistete, führte schon seit dem Winter umfassende Rüstungen herbei. Galt es doch die Wiedereroberung Schlesiens, welches Friedrich II. der Kaiserin abgenommen hatte. Johann Adolf war kursächsischer Generalfeldmarschall und mußte sich jeden Tag bereit halten, zur Armee abzugehen. Seit langem boten die möglichen Ergebnisse dieses Feldzuges den Herren in des Herzogs Umgebung einen ausgiebigen Gesprächsstoff.

Graf Brühl erging sich in der verschnittenen Lindenallee mit einem alten Freunde aus der Jugendzeit. Der gute Hofrat Buttmer hatte schon den ganzen Tag nach der Ehre ausgeschaut, mit seinem Spiel- und Schulgenossen Heinrich von Brühl, der so hoch gestiegen war, einige Worte zu wechseln. Als ihm jetzt der Minister im Garten die Hand entgegenstreckte mit den Worten: »Wie freut es mich, Dich wiederzusehen, alter Ludwig«, und nun gar verlangte, daß er »Heinrich« sagen sollte, wie sonst, wallte dem in schuldiger Ehrerbietung vor Rang und Geltung Ersterbenden das Herz auf, so daß er errötete wie ein Mädchen und nicht wußte, womit er des Freundes Huld erwidern könne. Jetzt schritten sie nahe der Gesellschaft und doch außer Hörweite in der Allee hin und her und sprachen von ihren lustigen Jugendstreichen.

Vielleicht unterhielt den Grafen wirklich eine Weile die Begeisterung Ludwigs, mit der er jene vergangene Zeit als die glücklichste seines Lebens pries; bald aber irrten ihm die Gedanken ab. Wie weit er diesen engen Geist, diesen großen Knaben überflügelt! Welch kühne Ideen, welche Pläne wälzte er in seinem Hirn. Und wie viel Macht hatte das unbegrenzte Vertrauen Augusts III. in seine Hand gelegt! Genug Mühe und gefährliches Intrigenspiel hatte er anwenden müssen, seinen hohen Platz zu erringen, sein Geist war dabei erstarkt, sein Gewissen nachgiebig geworden, jetzt galt es, beides zu benutzen! Mit Scheingründen, mit der Selbstbeschönigung, daß alles, was er unternehme, zum besten seines Staates sei, nannte er die härtesten Eingriffe »erlaubte politische Notwendigkeiten«.

»Der Weißenfelser Hof hat sich seit den Tagen des Herzogs Christian merklich verändert«, sagte der Graf, eine Schilderung ihres gemeinschaftlichen Räuberspielens im Steinbruch, welche der Hofrat eben entzückt vortrug, unterbrechend. Bereitwillig folgte der Erzähler dem Winke des hohen Freundes und ging auf ein anderes Gesprächsthema über.

»Ja, ja Eure Erlauchte Exzellenz haben ganz Recht«, entgegnete er, »die Kavaliere waren mit ihrem Herrn alt geworden und so machte es sich fast von selber, daß beim Regierungsantritt Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, Herrn Johann Adolf II, eine junge Generation auftauchte.«

»Die Hofchargen sind mir natürlich alle vorgestellt, ich habe aber bis jetzt weder die Gesichter noch die Namen festhalten können. Habe die Güte, lieber Freund, mir die hervorragendsten Persönlichkeiten zu charakterisieren.« Der Graf, nicht so fremd in dem Kreise der Gesellschaft, wie er sich den Anschein gab, aber geneigt, seine Ansichten bestätigt zu hören, trat jetzt aus der Allee zu der weiten Rasenfläche heran, auf welcher die Jugend sich belustigte.

»Jener da«, fragte der Minister, »mit der Adlernase und dem feurigen Auge, ist das nicht der Oberstallmeister?«

»Oberstallmeister Daniel von Storke, zu dienen«, erwiderte der Hofrat dienstbeflissen.

»Ein noch junger Mann mit leidenschaftlichem Ausdruck, was hält man von ihm? Sprich Dich unbefangen aus, mein guter Ludwig.«

Buttmer zog wichtig die Schultern in die Höhe. »Ich für meine Person«, sagte er flüsternden Tones, »traute ihm nicht recht. Er war ein trefflicher Offizier und Adjutant des Herzogs, gilt viel, und ich möchte ihn mir um alles nicht zum Feinde machen. Ohne Vermögen, debauchiert, ganz abhängig, ist er nicht viel mehr als ein eleganter Landsknecht.«

»Er ist wohl ein großer Sieger bei dem Frauenzimmer?«

»Mag sein; ein schöner Kerl ist er; wie Exzellenz sehen, und ein firmer Reiter.«

»Das bildhübsche Fräulein da, mit dem der Storke Federball schlägt, ist das seine Amour?«

»Eure Erlauchte Exzellenz meinen die in dem himmelblauen Atlas, die kleine Bünau? Ach, ich glaube, die ist des ganzen Hofes Amour!«

»Ein Kammerfräulein der Frau Herzogin? Jedenfalls die schönste von allen; das ist also eine Bünau? Ist sie mit der zweiten Gemahlin des Herzogs Johann Adolf I., der Frau Christine von Bünau verwandt?«

»Eine Nichte von Durchlauchts sogenannten Stiefmutter. Das Fräulein hat früh den Vater verloren, die Mutter heiratete wieder, da nahm die Frau Herzogin sie schon mit vierzehn Jahren zu sich. Sie soll den Herrschaften nicht viel weniger gelten, als eine eigene Tochter.«

»Ein reizendes Geschöpf! Welch lachende Frische, welche Grazie! Wer ist der junge Beau, der ihr jetzt mit gewiß zierlich gesetzter Rede den Federball überreicht?«

»Kammerjunker Kurt von Zscheplitz; ein Muttersöhnchen, wie von Biskuit gemacht; reich, elegant, Kavalier durch und durch. Ein schönes Pärchen, der und die Rosa von Bünau, ich glaube, die allergnädigsten Herrschaften hätten nichts dagegen, wenn sie's würden und –«

»Lassen wir das! Alle Wetter, was schießen der Herr Oberstallmeister für zornige Blicke auf das Paar! Jetzt kommt Graf Luja dazu, was hält man von dem?«

»Der Herr Oberjägermeister und Reisemarschall, Graf Martin Luja, sind unbestritten ein Ehrenmann, sie gelten für pflichtgetreu, etwas bedächtig, aber leutselig und verständig. Man nennt den Herrn Grafen einen ›Philosophen‹, und obgleich er sich um die Damen nicht viel zu kümmern scheint, sollen sie ihn doch gern haben.«

Graf Luja, ein Dreißiger, schlank, blond und von ruhiger Würde, sprach, während Rosa den Scherzreden des Kammerjunkers standhielt, mit dem Oberstallmeister.

Der Minister ließ seinen Blick über die drei jungen Männer schweifen und blieb gefesselt auf der leidenschaftlich bewegten Gestalt Daniel von Storkes haften. Dieser, hin und her tretend, hieb eifrig mit seinem Racket in den Rasen, erhob die Linke mit lebhaftem Gebärdenspiel und warf, während er auf Luja zu hören schien, das blitzende Auge immer wieder zu ungeduldiger Frage auf sein Gegenüber. Und in der Tat gab die zierliche Gruppe des schönen Fräuleins mit dem Junker eine angenehme Augenweide.

»Laß uns in die Nähe der Fürstlichkeiten zurückkehren, mein Guter«, sagte Graf Brühl und setzte sich mit seinem Begleiter wieder in Bewegung. Er traute sich zu, ein Menschenkenner zu sein, und war zufrieden.

»Darf ich Eurer Erlauchten Exzellenz noch länger beschwerlich fallen?« lispelte der Hofrat untertänig.

Der Gönner bat den Freund, an seiner Seite zu bleiben; er wußte, daß dieser bescheidene Geleitsmann ihn vor jedem Verdacht des Intrigierens schützte.

Langsam schritten sie um den Rasen; Ludwig Buttmer erging sich in Ergebenheitsverpflichtungen, und der Minister blickte zerstreut umher. So begegneten sie den herzoglichen Kindern mit ihren Wärterinnen.

Der kleine Täufling, Johann Georg, wurde wie am Morgen von seiner Amme, einem derben Bauernweibe, getragen. Der zweijährige August Adolf, ein hübscher, blonder Knabe, lief an der Hand seiner Bonne, zwei ältliche Dienerinnen folgten.

Graf Brühl blieb stehen und ließ die kleine Gesellschaft an sich vorübergehen. Die Bonne, ein schlankes Mädchen von einigen zwanzig Jahren, verneigte sich ehrerbietig.

»Ein pikantes Gesicht, diese Französin; weißt Du etwas Näheres von der Person?« fragte der Minister seinen Begleiter.

»Wenig mehr als den Namen, Exzellenz. Sie heißt Mademoiselle Clemence Bernhard, ist den Herrschaften in Leipzig besorgt worden und versieht seit einem Jahre ihren Dienst zur Zufriedenheit.«

In diesem Augenblick trat der Hofmarschall auf den Ehrengast zu und erkundigte sich, ob seine Abreise für den andern Morgen unweigerlich fest stehe. Ludwig Buttmer drückte sich bescheiden zur Seite, empfahl sich untertänigst und wurde nicht vermißt.

»Ich kann mir leider das Glück nicht länger gewähren, die Annehmlichkeiten des hiesigen Hofes zu genießen« entgegnete der Minister mit ausgesuchter Höflichkeit.

»Zur Nachfeier der Tauffestlichkeiten ist auf morgen ein solennes Karusselreiten und Ringelstechen in glänzend geschmückter Manege anberaumt«, wagte der Hofmarschall seiner vorigen Bitte hinzuzufügen. »Sollte es Eurer Erlauchten Exzellenz nicht möglich sein, das Fest noch mit dero Anwesenheit zu verherrlichen?«

»Mein hoher Gebieter, Se. Majestät der König, haben nicht geruht, mir einen längeren Urlaub zu bewilligen!« Vertraulich fügte der Graf hinzu: »Sie begreifen, Verehrtester, daß es in dieser kritischen Zeit, in der es täglich zu einem Wiederausbruch des Krieges kommen kann, für mich unmöglich ist, länger von Dresden fern zu bleiben.«

Der Hofmarschall begriff die Wichtigkeit des großen Mannes und beschied sich.

Das Spiel auf dem Rasen hatte sein Ende erreicht, Graf Luja und Herr von Storke befanden sich in der Nähe des Ministers, er trat auf sie zu und begann ein gleichgültiges Gespräch. »Sie sollen ein trefflicher Pferdekenner sein, Baron Storke«, sagte er endlich. »Was halten Sie von der Einrichtung staatlicher Gestüte? Es sind mir da neuerdings Vorschläge unterbreitet, über welche ich gern die Ansicht Sachverständiger entgegen nehmen würde.« Während dieser Anrede schlenderte der Minister mit dem Oberstallmeister einen abzweigenden Weg entlang.

»Eurer Erlauchten Exzellenz zu dienen, ein vortrefflicher Gedanke!« rief Storke in seiner lebhaften Weise. »Der Krieg hat mehr Pferde verbraucht, als sich mutmaßlich durch Privatzucht ersetzen lassen, wollte der Staat sich der Sache annehmen, könnte er Material ganz nach seinem Bedarf –«

»Ein andermal«, brach der Minister trocken die eifrige Auseinandersetzung des Fachmannes ab. »Sehen Sie dort unten im Tal hinter dem Wäldchen die Dächer und den kleinen Turm über der Einfahrt, treffliche Getreidefelder breiten sich darum aus?«

»Kammergut Wiedebach!« versetzte der Oberstallmeister.

»Ich bin hier aufgewachsen, kenne Weg und Steg und jeden Kathen«, sagte Brühl mit einem seltsamen Blick über die Achsel auf den andern, in dessen beweglichem Gesichte sich Verwunderung aussprach. »Ich kann Ihnen sogar Wert und Erträgnisse der Domäne Wiedebach vorrechnen, einen ungefähren Begriff haben Sie aber wohl selber davon.«

»Allerdings«, stotterte der Erstaunte, während in seinen Augen die große Frage lag: wo soll das hinaus?

»Ich wollte Sie nur in aller Kürze fragen, Baron Starke, ob Sie sich das schöne Wiedebach als Eigentum wünschen? Ob Sie sich das Gut verdienen wollen?«

»Exzellenz!« stammelte der Betroffene, »Exzellenz, wie wäre das möglich?«

»Ich will es Ihnen sagen, wenn Sie diesen Abend nach dem Souper mich heimlich in meinem Zimmer aufsuchen. Nur mein vertrauter Kollege Hennicke wird zur Hand sein. Beherrschen Sie Ihre Mienen, Sie wechseln ja die Farbe! Vorsicht und Verschwiegenheit, junger Mann! Sind Sie darin ein Anfänger, so berauben Sie mich nicht meiner Nachtruhe.«

»Exzellenz dürfen sich völlig auf mich verlassen – ich habe mich schon gefaßt – ich werde mir jedenfalls erlauben zu kommen – ich bin ganz zu Eurer Exzellenz Diensten –«

»Schon gut; das findet sich. Lassen Sie uns zur Gesellschaft zurückkehren. – In der Tat, Ihre Ideen über Pferdezucht sind vortrefflich, sie stimmen durchaus mit denen anderer Autoritäten überein, ich will versuchen, Se. Majestät dafür zu interessieren.«

Der Hofmarschall kam dem Minister entgegen und schlug ihm vor, ins Schloß zurückzukehren, wo einige Spieltische aufgestellt seien, und ein kleines improvisiertes Tänzchen die Gesellschaft bis zum Souper unterhalten solle. In derselben Weise wie man gekommen, begab man sich ins Schloß zurück.

Kurt von Zscheplitz führte das reizende Fräulein von Bünau, das junge Paar lachte und scherzte verstohlen mit einander. »Mir scheint, als dürfe man heute nicht so vergnügt sein wie sonst«, flüsterte Rosa hinter dem Fächer ihrem Begleiter zu. »Breitet der Ernst der kirchlichen Feier sich über den Tag aus, oder ist es dieser allmächtige Mann, der seinen großen Schatten über die Sonne wirft?«

»Mir scheint die Sonne heller denn je, wenn ich des Glückes teilhaftig werde, in Ihre schönen Augen zu schauen!« entgegnete der Kammerjunker mit einem zärtlichen Blick.

»Pfui, wie süßlich, Zscheplitz, lassen Sie doch die dummen Komplimente!« lachte das Mädchen leise.

»Sie halten mich immer so kurz, Holdseligste, ich glaube, Storke und Luja dürfen sich mehr herausnehmen.«

Rosa wandte das Gesicht ein wenig ab. »Graf Luja«, flüsterte sie, »ist viel zu würdevoll, um mir armem Dinge Schmeicheleien zu sagen.«

»Und der Oberstallmeister?«

»Sie sind ja impertinent, Herr Kammerjunker, ich glaube gar, Sie stellen ein Verhör an?«

»Bitte tausendmal um Verzeihung. Und aus Gnade, aus reiner Gnade, gönnen Sie mir diesen Abend das erste Menuett!«

»Das erste – nehmen Sie den zweiten Tanz, das erste habe ich Herr von Storke zugesagt.«

»Dachte ich es doch! Sie haben auch mit ihm Federball geschlagen.«

»Graf Luja ist öfter eingetreten; Sie waren ja mit Jakobine von Wolfhart engagiert.«

Daniel von Storke hatte versäumt, einer Dame zum Rückwege ins Schloß die Hand zu reichen; zerstreut, in sich gekehrt, war er fast der Letzte in dem glänzenden Zuge der Gäste. Mechanisch folgte er den übrigen in die Gesellschaftsräume und fuhr auf, als der Hofmarschall ihn ersuchte, zum Menuett anzutreten.

Wie hatte er das vergessen können, er war ja mit ihr, der holden Rosa engagiert! Eilig lief er durch den Saal, sie zu suchen. Da stand sie wieder neben Zscheplitz, aber sie sah nach ihm aus.

Sie traten an, der Tanz begann, er konnte nicht Herr seiner Gedanken werden. Was mochte der Minister von ihm wollen, was konnte er Kursachsen leisten, worauf ein so hoher Lohn stand und obendrein ein Lohn, den doch nur sein Herr, der Herzog von Sachsen-Weißenfels, vergeben konnte. Wäre doch die Stunde erst da, die ihn vor den Gewaltigen rief! Wie sollte er dieses Festes Länge überdauern?

»Bitte, Herr von Storke, wir sind an der Tour«, flüsterte Rosa. »Aber wie zerstreut Sie sind! Sie haben nur genickt, wenn ich etwas sagte, und verzehren den Kronleuchter mit Ihren Blicken.«

»Es gibt allerdings ein schöneres Ziel«, entgegnete er, sie mit seinen dunklen Augen anflammend.

So gern Storke sonst sich auf dem Parkett bewegte, so sehr seine körperliche Gewandtheit, seine heißblütige Lebhaftigkeit ihn befähigten, Mittelpunkt der Geselligkeit zu sein, so wenig war er heute dazu aufgelegt. Nach dem Menuett mit Rosa zog er sich an einen der Spieltische zurück, verlor, erkannte, daß er nicht imstande sei, an etwas anderes zu denken, als an die bevorstehende Unterredung, und entfernte sich, da er dienstlich nicht gehalten wurde, aus der Gesellschaft.

Er durchwanderte die weiten Gänge des Schlosses, in denen geschäftliche Lakaien hin und her liefen, um die letzten Vorbereitungen für das Souper zu treffen. Mit schnellen Schritten verließ er das Schloß, er wollte nicht mit tafeln, kein Glas Wein sollte über seine Lippen kommen, wirbelte sein Blut doch jetzt schon durch die Adern. Er betrat den Park. Völlig ruhig, zusammengefaßt und kühl wollte er zu dem Rendezvous gehen, wollte unbeirrt durch Erregung das Anerbieten des Gewaltigen anhören, prüfen. – Wenn er doch die Wünsche des Ministers erfüllen vermöchte!

Ohne Vermögen, ohne Aussichten, mit nichts als seinem adeligen Namen und seinem Degen, wie sollte er sich jemals eine selbständige Lebensstellung erringen? Einen glühenden Wunsch seines Herzens erfüllen? Hier bot sich die Möglichkeit. Aber war es wirklich eine solche? War es nicht eine Seifenblase, die zerrann, wenn er zufaßte? Pochenden Herzens schritt er in den dämmernden Alleen auf und ab. Geduld, nur wenige Stunden, und er holte sich die Entscheidung.

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