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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Graf Luja hatte, während die Herzogin still und unfähig zum Handeln in ihrem Krankenzimmer lag, in Gemeinschaft mit den andern treuen Männern des Hofhalts, das geschäftlich Notwendige besorgt. Die Leiche des hohen Entschlafenen war mit allen üblichen Ehrenbezeugungen und Feierlichkeiten nach Weißenfels geschafft und im dortigen Erbbegräbnis unter der Schloßkirche beigesetzt worden. Unterhandlungen über die Apanage und späteren Verhältnisse und Rechte der Herzogin Witwe wurden mit dem Kursächsischen Hofe angeknüpft und fanden ein bereitwilliges und großmütiges Entgegenkommen.

Herzogin Friederike sollte noch für ein halbes Jahr in Weißenfels residieren, um dann, auf ihren eigenen Wunsch, nach einem Schlosse in Langensalza übersiedeln, auf welches sie als Prinzessin von Gotha Ansprüche besaß.

Als die Herzogin so weit hergestellt war, um die Rückreise nach Weißenfels antreten zu können, verließ der zusammengeschmolzene Weißenfelser Hofkreis Leipzig und kehrte mit der trauernden Gebieterin in die alte Residenz zurück. Alle diejenigen, welche in Kursächsische Dienste traten, hatten sich längst empfohlen; Zscheplitz war vorläufig mit seiner Braut zu deren Eltern gereist, wo alsbald die Hochzeit gefeiert werden sollte, und so blieb nur ein kleiner Rest des Gefolges, mit dem Friederike heimkehrte.

Das Wiedersehen der Heimat war unter diesen Umständen für die unglückliche Fürstin und ihre nächste Umgebung ein sehr ergreifendes. Die alte Gräfin Luja hatte sich im Schlosse eingefunden; die Herzogin sank ihr mit ausgebreiteten Armen an die Brust und dankte ihr unter Tränen, daß sie so treu zu ihr halte.

Man fing nun an, sich den Umständen nach für den Sommer einzurichten. Auf der Herzogin Wunsch zog die Gräfin Luja mit ihrem Sohne ins Schloß, die beiden andern Kammerfräulein, Ulrike und Leonore, wurden mit Gnadenbeweisen entlassen, und die Herrin behielt nur ihren Liebling Rosa von Bünau bei sich.

Rosa und Graf Luja wußten beide genau, daß sie einander angehörten, und daß es nur eines Wortes bedürfe, um ihre Zukunft zu besiegeln. Die Ehrfurcht vor der Trauer hielt aber jenes Wort noch zurück. Sie standen hoffenden aber scheuen Herzens an eines Paradieses verschlossener Pforte, die sie nicht zu öffnen wagten, weil der Glanz, welcher herausströmen mußte, den verweinten Augen ihrer teuren Fürstin weh tun konnte. Erst sollte jener große, berechtigte Schmerz, den sie tragen halfen, milder werden, ehe sie es sich gewähren durften, glücklich zu sein. Aber dies Leben zuversichtlicher Erwartung war vielleicht ein eben so schönes, wie die volle Gewißheit. Ein Blick, die Uebereinstimmung des Geschmacks oder der Ansicht berührte die Tiefe der Seele. Wie gern paßten sie sich den düsteren Neigungen und Gewohnheiten der Herzogin an, die den Verkehrskreis beschränkten, sie aufeinander anwies, ihnen aber Gelegenheit zu ungestörtem Zusammensein gab.

Die Gräfin Luja sah in Rosa längst ihre Tochter, aber die Herzogin, vertieft in ihr Leid, betrachtete Rosa noch immer als so ausschließlich sich zugehörig, daß ihr die innigen Beziehungen zwischen dem Paare verborgen blieben. Im übrigen hatte dieser letzte schwerste Verlust so veredelnd auf die Herzogin eingewirkt, daß sie die Liebe der drei sie umgebenden Menschen mehr denn je verdiente; sie schloß sich ihnen so offen und innig an, daß sie fast ein Familienleben gewann, und ihrem Herzen etwas wie Ersatz geboten wurde.

In diesem stillen Ringen nach neuem Seelenfrieden, bei dem die Freunde treulich halfen, ging für die Herzogin der Sommer vorüber. Die Zeit nahte, in der sie das prächtige Schloß, in dem sie glücklich und elend gewesen, verlassen und dem neuen Herrscher einräumen mußte. Am schwersten trennte sie sich von der Krypta, in die sie alle Tage Blumen getragen, und der Abschied am Abend vor ihrer Abreise von diesem Ort, wo von nun an die irdischen Ueberreste ihrer Lieben nur gleichgültigen Blicken ausgesetzt sein sollten, erfüllte ihr Herz mit dem größten Weh. Als sie sich endlich wandte, um die Treppe emporzusteigen, murmelte sie: »Mein Platz an Deiner Seite, Adolf, ist mir hier sicher, und wer weiß, wie bald ich komme!«

Doch erst dreißig Jahre später sollte ihr Sarg die letzte Lücke in diesem Grabgewölbe der Weißenfelsischen Dynastie ausfüllen.

Die Herzogin hatte ihre Verfügungen so getroffen, daß Graf Luja mit seiner Mutter an dem neuen Aufenthaltsort einen Flügel ihres Schlosses bewohnen konnte, und daß also die bisher innegehaltene Familienzugehörigkeit bestehen blieb. Man wußte allerseits, daß man sich nie trennen könne, aber noch war ein Teil des festen Bandes, das diese vier Menschen zusammen hielt, der Herzogin verborgen.

Martin Luja hatte es sich zugestanden, noch auf dem Weißenfelser Schlosse Rosa als Braut zu umarmen. Er konnte die Damen nicht persönlich nach Langensalza geleiten, da ein zuverlässiger, der Herzogin nahestehender Mann zurückbleiben mußte, um die Uebergabe von Schloß und Inventar an die kursächsischen Bevollmächtigten zu besorgen. Alle Anordnungen des Umzugs waren beendet, die Reisegesellschaft der Damen gewählt, es ging ans Scheiden; aber dieser Abschluß hier sollte zugleich einen glückverheißenden Neubeginn einleiten.

Während die Herzogin ihren Abschied in der Gruft nahm, pochte Luja an Rosas Gemach, das er seit ihrer entscheidenden Unterredung im April nicht betreten hatte.

Das liebliche Mädchen kam ihm mit freudig ausgestreckter Hand entgegen. Er ergriff diese Hand, führte sie aber nicht an seine Lippen, sondern an sein Herz, umfaßte die Gestalt der Geliebten mit dem andern Arm und sagte, sich zärtlich zu ihr niederbeugend: »Jetzt, meine Rosa, gehört diese liebe Hand mir; endlich mit gutem Rechte bis Du mein! Wir wußten es beide lange, daß wir uns nacheinander sehnten, aber wie sehr wir uns lieben, haben wir erst seit dem April empfunden, wo wir uns hier trennen mußten. O Rosa, fühlst Du es denn auch so gewiß wie ich, daß wir nie voneinander lassen können?«

Ob sie es fühlte? Ihr ganzes Herz ging in der Glückseligkeit auf, ihm anzugehören; nun endlich konnte sie sein werden, ohne andere Rechte zu verletzen. Sie stammelte ihm ihr Bekenntnis in abgerissenen Lauten, die er ihr von den Lippen küßte, und es hielt schwer, sich so weit zusammen zu fassen, um endlich wieder an die Außenwelt zu denken.

Die Herzogin saß neben der Gräfin Luja im Salon und besprach tief bewegt mit ihrer alten Freundin alles, was sich hier Großes für sie in den zehn Jahren der Regierung ihres Gemahls zugetragen. In einer Reihe von Bildern zogen Freude und Leid vor ihrem Geiste vorüber.

»Mitten im Glücke«, sagte sie, »habe ich vor Fürchten und Sorgen meiner Tage nicht froh werden können, nun Gott mir alles genommen, was mein Herz besaß, sind Frieden und Ergebung bei mir eingekehrt, und die Ruhe des Grabes herrscht in meiner Seele.«

»Auch aus Gräbern sprießen Blumen«, antwortete die Vertraute. »Mag das Leben an Reiz verloren haben, teure Fürstin, seit Sie nicht mehr mit ganzer Kraft lieben, hoffen und fürchten können; manche kleine Freude werden Sie doch noch an Ihrem Wege erblühen sehen, die Ihnen das schnell verrinnende Dasein schmückt.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und das glückstrahlende Brautpaar trat zu den beiden ernsten Frauen herein.

»Wir kommen, hochfürstliche Durchlaucht und teure Frau und Mutter«, sprach Martin Luja, bewegt, »um Ihren Segen für unsere Verbindung zu erbitten, die, so hoffen wir, keinen Widerspruch zu befürchten hat.«

Rosa riß sich aus seiner Umschlingung los und warf sich ihrer Gebieterin zu Füßen, sie drückte mit ihren beiden Händen der Herzogin entgegengestreckte Rechte an ihre Lippen und flüsterte: »Jetzt bin ich unbeschreiblich glücklich!«

»Welche Ueberraschung – welche Freude, mein liebes, liebes Kind!« rief die Herzogin. »Wie gern gebe ich Dich dem treuen Luja zur Gattin! Gottes besten Segen auf Dein Haupt!«

Auch von der Mutter des Geliebten holte sich Rosa eine freudige Einwilligung. Die alte Gräfin schloß das schöne Mädchen innig in ihre Arme und sagte: »Ich habe Dich schon lange als meine Tochter angesehen.«

Der letzte Abend auf Schloß Weißenfels, den man sich unsäglich traurig gedacht hatte, gestaltete sich durch das eben stattgefundene freudige Ereignis zu einem ganz anderen. Pläne für die Zukunft wurden besprochen, man blickte nicht zurück, sondern vorwärts und trennte sich in einer hoffenden Stimmung.

Am andern Morgen reisten die drei Damen mit Begleitung und Dienerschaft ab.

Graf Luja hatte sich jetzt den mannigfaltigen Geschäften zu widmen. Die kursächsischen Kommissarien waren angekommen und erhielten nach den getroffenen Vereinbarungen die Einzelheiten des Krongutes überliefert. Die Schloßkirche, welche bis jetzt schwarz bekleidet gewesen, wurde ihres Trauergepränges entledigt und der Hofprediger hielt den scheidenden Beamten und Hofbedienten die letzte protestantische Predigt. Bald darauf sollte sie von katholischen Geistlichen mit einer Messe zum katholischen Gottesdienst geweiht werden. Der Winter war ins Land gekommen, als Martin Luja, der endlich alles geordnet und überliefert hatte, sich sehnenden Herzens anschickte, aus mancherlei verdrießlichem Wirrwarr in den Arm der Liebe zu flüchten, der sich ihm zärtlich in Langensalza öffnete.

Während seine Kalesche bespannt und von seinem Kammerdiener und den letzten Lakaien bepackt wurde, trat er noch einmal in den leicht beschneiten Park, lehnte sich an die Brüstung, von der aus man über die Dächer der unten liegenden Stadt, über Fluß und Land hinausblicken konnte, und überließ sich seinen ernsten Gedanken.

»Welche Katastrophe hat sich hier unter meinen Augen abgespielt!« sprach er zu sich selbst. »Verbrechen sind begangen und Gesetze und Rechte sind mit Füßen getreten! Des Kurfürsten Johann Georgs Teilung war ein Mißgriff; Generationen seiner Kinder sind daran zu Grunde gegangen, und langsam scheinen gewaltige Mächte, die Leiden einzelner nicht achtend, daran zu arbeiten, Verfehltes wieder auszugleichen. Mein in Gott ruhender hoher Herr durfte sich seiner Souveränität nicht entäußern, aber er verteidigte einen verlorenen Posten. Die Weltgeschichte wandelt unbeirrt ihre gewaltige Bahn, und so oft sie auch gutes Recht vernichtet, sie selber behält doch immer ihr Recht

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