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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Zwanzigstes Kapitel

Der Tod des kleinen Prinzen war dem kursächsischen Hofe angezeigt. Jetzt langte mittels Estafette ein Handschreiben Brühls in Weißenfels an, in welchem er dem Beileid seines Herrn, des Kurfürsten, Worte lieh, und in üblicher Form kondolierte. Hieran war nichts auszusetzen, obgleich es den Herzog verdroß, Worte des Bedauerns von jener Seite zu hören, die, wie er wußte, über das jammervolle Ereignis triumphierte.

Ein zweiter, beigeschlossener, in seinem eigenen Namen an den Herzog gerichteter Brief des allgewaltigen Ministers versetzte aber dem Empfänger in eine grenzenlose Wut.

Brühl schrieb nach einigen landläufigen Redensarten über »unbegreifliche Fügung« und »Ergebung in das Schicksal«:

»Ew. Hochfürstliche Durchlaucht werden jetzt vielleicht geneigter sein, auf meine früheren Propositionen zu entrieren. Dero in Gott ruhenden Söhne stehen einer Abdikation nicht mehr hindernd im Wege. Ich darf voll schmerzlicher Teilnahme voraussetzen, daß ein durch Schicksalsschläge gebrochener, älterer Mann die Sorgen der Regierung gern den jüngeren, kräftigen Händen höchst seines Agnaten überläßt, und erlaube mir, falls Ew. Durchlaucht konsentieren, einliegend höchst konvenable Bedingungen zu unterbreiten.«

Als der Herzog dies gelesen, drückte er mit der ganzen Kraft seiner Faust das Papier zusammen, schleuderte es auf den Tisch, sprang empor und stürmte in seinem Gemache auf und ab. »Zum alten Eisen geworfen!« murrte er. »Ein Invalide trotz dem Feldzuge, in welchem ich wie der Jüngsten einer für Sachsen mein Leben eingesetzt. Aber wart' Er, mein Herr Minister, ich will Ihm den Johann Adolf vorführen, Er soll sich wundern. Er soll einsehen, daß man den noch nicht im Handumdrehen abtut!«

Er stand einen Augenblick sinnend, dann rief er überlaut: »Wir fahren doch nach Leipzig!«

Darauf setzte er sich an den Schreibtisch, um Brühl eine Antwort zuzufertigen. Der Brief lautete:

»Mein Herr Minister! Was ich von Seiner Kondolenz zu halten habe, weiß ich ganz genau, ebenso genau, daß Sein wiederholtes Pressieren mich indigniert, und daß ich keine Lust habe, mich Ihm zu akkommodieren. Meine Gemahlin ist noch jung und gesund; sie wird die Schicksalsschläge, welche sie betroffen, mit Gottes Hilfe überwinden. Ich bin auch noch kein Greis, und wir hoffen Ihn noch etliche Male zu einer solennen Prinzentaufe in Weißenfels bei uns zu sehen. Vorher aber mag Er sich in Leipzig, allwo wir die Ostermesse mitzufeiern gedenken, von unserm Wohlsein überzeugen.«

Der Herzog rieb sich die Hände; er war sich mit Genugtuung bewußt, daß der eitle Minister, der sich »Erlauchte Exzellenz« nennen ließ, einen gröberen Brief lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen.

Im Begriff, sofort einen Kurier mit diesem Antwortschreiben abzufertigen, fiel ihm ein, daß Friederike ihn Schwierigkeiten machen werde. Es mußte ihm gelingen, ihren Widerstand zu besiegen; er fühlte sich belebt von dem Gedanken, Brühl als ein frischer, hoffnungsfreudiger Mann entgegenzutreten. Wenn es auch vorläufig eine Komödie war, so gelangte er doch dadurch wieder in die eigentliche Stimmung, in welcher er sich wohlbefand, und deshalb traf das Aufbäumen seines Ehrgeizes mit seiner innersten Neigung zusammen. Er steckte die Briefe zu sich und begab sich mit denselben zu seiner Gemahlin.

Er fand Friederike wie immer voll träumerischer Gleichgültigkeit in ihrem Salon im Sessel liegen. Sie saß mit dem Rücken nach der Fensterreihe und starrte in die verlöschenden Kohlen des Kamins. Die leise Erregung, welches ihr Rosas Verlobung gebracht, war wieder verflogen, ja es schien jetzt, als empfinde die Herzogin ihre Beteiligung daran wie ein Opfer. Sie bewies Rosa noch immer eine sanfte Zärtlichkeit, aber mehr abwehrend als aufmunternd, und ihr Lebenstrieb drohte einzuschlafen.

Durch den prächtigen Raum irrte ein flüchtiger Sonnenstrahl und in diesem saß am Fenster das Kammerfräulein vom Dienst, Jakobine von Wolfhart; der Hofmedikus hatte eine ständige Beobachtung für die Leidende angeordnet, und ihr selbst war alles gleichgültig. Das Kammerfräulein saß da, steif, schwarz von Kopf bis zum Fuß, mit einer den Verhältnissen angepaßten Leichenbittermiene.

»Sie kann gehen, Fräulein von Wolfhart«, sagte der Herzog, »ich möchte mit meiner Frau Gemahlin allein sein.«

Jakobine erhob sich, verbeugte sich und verschwand.

Johann Adolf zog sich einen Sessel zu dem seiner Gemahlin heran, küßte ihre Hand und fragte, wie sie sich befinde.

»Wie immer«, sagte sie müde.

Der Herzog nahm den kursächsischen Kondolenzbrief und las ihr denselben vor; sie rührte sich nicht. Er ließ den Brief des Ministers folgen, die Stimme bebte ihm vor innerer Wut, als er jene Phrasen von seinem gebrochenen Zustande und den erneuten Abdankungsvorschlag jetzt noch einmal las. Auf die Herzogin machte alles dies keinen Eindruck.

»Was sagst Du dazu, Friederike?« fuhr er zornig heraus, indem er den Brief aufs neue zerdrückte.

»Der Mann hat recht«, seufzte sie.

»Recht?« Johann Adolf sprang empor. Er versuchte sich zu fassen, setzte sich wieder und fuhr fort: »Höre, was ich dem Unverschämten antworte.« Er las ihr seinen Brief vor.

»Du denkst doch nicht ernstlich daran, nach Leipzig zu gehen?« fragte sie zitternd und sah ihn mit ihren großen leeren Augen verstört an.

Er erschrak vor dem Blick, antwortete aber unbeirrt: »Ich denk's nicht allein, ich tu's bei meiner herzoglichen Ehre!«

Sie wußte, daß nun nicht mehr zu markten sei. »Adolf!« schrie sie auf. »Man wird auch Dich umbringen!«

»Unsinn! Glaubst Du, wer in so vielen Schlachten gestanden wie ich, der fürchte sich? Es paßt ihnen, mich zu depossedieren, was sollte ich sonst zu befürchten haben?«

»Alles!« stöhnte sie. »O, die Möglichkeit weiterer Nachfolge bringt Dich in größte Gefahr!«

»Laß sie. Wir triumphieren doch noch! Du schenkst mir noch Söhne; ich mache alle ihre Anschläge zuschanden.«

Sie schüttelte verzweiflungsvoll den Kopf. »Kann Dich nichts bewegen, Adolf« – stammelte sie, »gar nichts – Deinen Plan – Leipzig aufzugeben?«

»Du hörtest es, ich habe Dir und mir mein Wort verpfändet, zu gehen.«

»So will ich Dich begleiten!« rief sie auffahrend, ein paar rote Flecken brannten auf ihren Wangen, die Augen leuchteten unheimlich. Plötzlich brach ein Tränenstrom, der erste seit dem schrecklichen Verlust, aus ihren Augen, sie rang die Hände und schluchzte wiederholt: »Ich kann Dich nicht auch verlieren; ich kann es nicht – ich kann es nicht!«

Er neigte sich liebevoll zu ihr nieder und sagte ihr, wie glücklich es ihn mache, daß sie mitfahre, sie dürfe aber keine schwarzen Kleider tragen, sondern solle so schön und glänzend erscheinen wie möglich. Sie versprach, alles zu tun, was er wolle, umklammerte seinen Hals, zog ihn zu sich herab und küßte ihn mit zitternder Inbrunst.

Die Nachricht, daß man doch nach Leipzig aufzubrechen gedenke, überraschte das sämtliche Hofpersonal außerordentlich. Die Herzogin verließ den Sessel am Kamin und traf Anordnungen für ihre Toilette. Sie machte alle die Reise und ihre Begleitung betreffenden Vorbereitungen, und ein oberflächlicher Beurteiler konnte ihren Seelenzustand unterschätzen. Sie war so sehr daran gewöhnt, zu fürchten, die Sorge um die Ihren hatte seit so langer Zeit ihren Lebensnerv, ihre Spannkraft ausgemacht, daß sie zusammengebrochen war, als jegliches Hoffen und Fürchten aufgehört hatte. Die neue Sorge um ihren Gemahl gab ihr die gewohnte Empfindung wieder. Sie wurde von dem Gefühle belebt, ihn schützen zu müssen. Die endlich hervorgebrochenen Tränen entlasteten ihr Herz, sie überließ sich jetzt oft dieser Erleichterung und ging wieder täglich in die Gruft.

Die Aerzte erklärten sich mit der Wendung ihres Zustandes außerordentlich zufrieden und versicherten dem Herzoge, höchstseine Frau Gemahlin werde voraussichtlich geistig und körperlich vollkommen genesen.

Der Herzog konnte es jetzt wagen, Friederiken vorzuschlagen, ob man nicht morgen, am Tage vor der Abreise, mit einem kleinen Diner Rosas und Zscheplitz' Verlobung feiern und veröffentlichen wolle. »Etwas Derartiges sind wir den beiden schuldig, mon amie,« sagte er fast so aufgeräumt wie sonst. Seltsamerweise verletzte sein scheinbarer Leichtsinn diesmal die feinfühlende Frau nicht. Da die peinigende Sorge für sein Ergehen bei ihr in den Vordergrund getreten war, beruhigte sie jeder Beweis seines Wohlseins. Außerdem wünschte sie selbst, daß vor ihrer Abreise die stattgefundene Verlobung dem engeren Hofkreise mitgeteilt werde.

Der intime Kreis war am Mittage vor dem Aufbruch nach Leipzig um die glänzende Hoftafel versammelt. Rosa von Bünau und Kurt von Zscheplitz saßen zwischen Herzog und Herzogin; diese Auszeichnung bewies die Wahrheit der in letzter Zeit aufgetauchten Mutmaßungen. Es galt, die beiden als Brautpaar zu feiern. Unter den Anwesenden wehrte sich manches Herz gegen diese Tatsache.

Graf Luja nahm sich mit aller Kraft zusammen; daß er leide, ahnte niemand. Jakobine rettete sich hinter den Schutz ihrer Steifheit, aber Storke wechselte einmal über das andere die Farbe und rang einen fürchterlichen Kampf mit sich, um seine Niederlage zu ertragen und zu verbergen. Daß Rosa keine glückliche Braut sei, sah er mit vollster Gewißheit; sie erschien so bleich, so verweint, so gleichgültig; er wußte auch, daß ein großer Teil der Gesellschaft ihn für den Bevorzugten hielt. Und das tat er selbst neben seinem Grimm mit innerstem Triumph. Wie konnte er, der Sieger über so manches Frauenherz, hier zweifeln?

»Das Mädchen ist sichtlich zu der glänzenden Partie beredet«, sagte sich der Oberstallmeister. »Sie liebt mich, sie muß mich lieben, sie wagt es nicht, mich anzusehen.«

Der Herzog verkündete mit erhobenem Glase die Verlobung, Musik hatte man der tiefen Trauer halber fortgelassen, aber zum Anklingen der Gläser, zu lautem Glückwünschen gab der hohe Herr selbst den Anlaß, indem er rief, die Kavaliere sollten kommen und mit der Braut anstoßen. Auch die Herzogin sah freundlich und gerührt aus.

Als Daniel von Storke mit dem Glase in der Hand um den Tisch kam, hielt ihm der Herzog sein eigenes Glas entgegen und raunte ihm zu: » Consolez vous!«

Der Oberstallmeister nahm diese wohlgemeinte Anrede in seiner augenblicklichen Gereiztheit für Hohn und warf, während er nicht umhin konnte, mit dem Herzoge anzustoßen, diesem einen wutfunkelnden Blick zu.

Der gutgelaunte Fürst bemerkte nichts davon, war er doch längst nach einer anderen Seite hin in Anspruch genommen; Storke aber kämpfte mit dem Verlangen, seinen Herrn niederzuschlagen, weil dieser es gewagt, ihn in seiner Demütigung zu verspotten. Hätte dieser Mann es gewollt, so säße er jetzt an Zscheplitzs Stelle. Würden dann die Wangen der Braut nicht wie sonst in schönster Rosenfarbe blühen? Diese Heirat durfte nicht, sollte nicht zustande kommen!

Graf Luja stieß ernst und ruhig mit dem Brautpaare an, des Fräuleins Wangen überflutete ein helles Rot. Storke, welcher daneben stand, schrieb ihre Bewegung seiner Anrede zu, die Augen hatte sie zu keinem von ihnen aufgeschlagen.

Verstört, mit wilden Plänen ringend, schritt Daniel von Storke am Abende dieses Tages in seinem Zimmer hin und her. Er hatte alles zur morgenden Abreise fertig.

An Clemence Bernard dachte er jetzt nicht, er wußte, sie liege schwer krank an einem Nervenfieber im Schlosse. Er hatte es vermieden, ihr ein Zeichen der Teilnahme zu spenden. Wie leicht konnte er sich bloßstellen, er durfte nicht mit ihr genannt werden. Daß die Reise nach Leipzig nun doch zur Ausführung kam, kam ihm die erwünschte Gelegenheit, ihr auszuweichen, während der Zeit sollte die Französin das Schloß verlassen, damit die Herzogin ihr nicht wieder begegne. So war sie denn hoffentlich fort, wenn er von Leipzig zurückkehrte. Mochte es auch nicht wahrscheinlich sein, daß die feurige Clemence ohne Abschied verschwand, so ward es ihr doch erschwert, ihn zu treffen.

Alles, was die Bonne anging, stand heute für den Oberstallmeister weit im Hintergrunde. Rosa allein, mit der er während der festlichen Tage in Leipzig oft zusammentreffen würde, beherrschte seine ganze Seele. Die Wünsche des Ministers waren ihrer Erfüllung näher geführt, er konnte jetzt auf Lohn rechnen, und wenn er auch noch nicht wagen durfte, die Hand nach der Domäne auszustrecken, so mußte die versprochene einträgliche Hofstellung jetzt sein werden. Hatte er die in die Wage zu legen, dann wollte er noch einmal vor Rosa hintreten und sprechen: wähle! Er hielt sich überzeugt, daß ihr die Wahl nicht schwer werden würde. Und die Einwilligkeit des Herzogs? Pah, mit oder ohne diese mußte Rosa ihm angehören, sobald er ihr eine glänzende Lebensstellung bieten konnte.

Mit diesen Gedanken angenehm beschäftigt, fuhr er auf, als sein Kammerdiener leise eintrat und eine Dame anmeldete.

»Eine Dame?« rief der Oberstallmeister erstaunt. Wer ist es?« »Ich glaube die Verschleierte ist eines von der Frau Herzogin Frauenzimmern«, erwiderte der Kammerdiener geheimnisvoll. – »Rosa!« jubelte es in Storkes Herzen, während er befahl, die Dame sofort herein zu führen.

Eine schlanke Gestalt trat ein, die Tür schloß sich hinter ihr, und die Fremde schlug ihren Schleier zurück.

Es war Clemence Bernard. Aber war sie es wirklich? Wie tief lagen die dunklen Augen in den blauumrandeten Höhlen, wie schmal und wachsfarben war das Gesicht, wie abgemagert und gebrochen erschien die Gestalt.

»Clemence!« rief er erschrocken entgegentretend. »Du hättest Dein Krankenlager noch nicht verlassen sollen – wie siehst Du aus!«

Sie nickte: »Ich bin sehr krank gewesen und habe Fürchterliches erlebt. Die Aerzte sagen, ich sei jetzt gesund. In einigen Tagen muß ich das Schloß verlassen. Du gehst morgen mit nach Leipzig. Ich wollte nur fragen, wohin ich soll. Wo Du willst, daß ich bleibe, bis –«

»Ich denke, Du hast irgendwo Verwandte?«

»Niemand, der mich gern aufnähme.«

»So – nun, so mußt Du Dich wieder um eine Stelle bemühen.«

»Eine Stelle?« fragte sie erstaunt und blickte ihn zum erstenmal groß an. »Eine Stelle? Wer wird mich nehmen, nach – diesem« –

»Ja so.« Er ging hin und her; der kecke Mann befand sich in peinlicher Verlegenheit. Clemence, noch nicht ganz aus ihrer Abspannung geweckt, sank matt auf einen Stuhl.

Endlich blieb er vor ihr stehen. »Höre,« sagte er nicht gerade rauh, aber ohne alle Wärme, »sei raisonnable und laß uns überlegen. Du bekommst Deine Gage, damit kannst Du irgendwo eine Zeit lang leben, bis diese Affäre hier vergessen ist, und Du wieder ein Placement in einem noblen Hause findest. Vielleicht kann ich Dich auch später unterstützen.«

Sie sah zu ihm auf, sichtlich bemüht, ihn zu begreifen. »Später – unterstützen?« fragte sie blöde. »Ja, Geliebter, wann? Deine Wünsche sind erfüllt. – Glänzende Aussichten eröffnen sich Dir. – Das Ziel – unsere Vereinigung, braucht sie hinausgeschoben –« Sie streckte ihm die Hand hin.

Er sah darüber weg und sagte hastig: »Das ist alles dubiös.« Sie wurde aufmerksam und entgegnete lebhafter: »Du wirst den mächtigen Minister in Leipzig treffen. Wirst Dein Interesse wahrnehmen – und ich?«

»Nach Deinem ungeschickten Verfahren, wo jeder sagt, Du habest das Kind hinuntergestoßen –«

»Das tat ich nicht!« rief sie und schnellte empor. »Es kam gelaufen, kichernd, es kroch hinter den Kübel wie vorher, ich sah es sich durchzwängen – ja, ich hätte zuspringen, hätte es retten können – ein Zaudern – da war's zu spät.« – Sie sank wieder zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Laß uns zu Ende kommen«, rief er ungeduldig. »So wie die Sachen stehen, mit dem Makel, den Du Dir aufgeladen, ist an unsere Verbindung nicht mehr zu denken. Warum hast Du's nicht geschickter angefangen?«

»Daniel!« schrie sie und erhob sich groß. »Daniel, so sollte ich alles dies umsonst getan und gelitten haben, sollte ich alles alleintragen? O, Geliebter – Erbarmen!« Sie kam mit offenen Armen auf ihn zu. Er wich zurück, streckte die Hände vor und murmelte mit allen Zeichen des Abscheus: »Mörderin!«

Sie fiel wie vom Blitz getroffen zusammen. Er stand abgewandt, sie kauerte zu seinen Füßen. Noch einmal drang ein Jammerlaut, ein unverständliches Flehen über ihre Lippen, er trat ans Fenster und sah in den dämmernden Park hinaus. Der Mond stieg eben blaßgelb drüben über den Büschen empor.

Clemence raffte sich auf, sie blickte sich nicht mehr nach ihm um, lautlos huschte sie aus dem Zimmer. Ehe Storke gewiß wußte, ob sie fort sei, sah er die schlanke Gestalt unten über den Rasen laufen. Das schwarze Haar hatte sich gelöst und flatterte um ihren Kopf. Dann verschwand sie in der dunkeln Allee, die zum Schlosse führte. Etwas wie Mitleid stieg in ihm auf, er wandte sich schaudernd vom Fenster zurück, helles Mondlicht fiel in sein Gemach, mitten in dem glänzenden Streifen, der auf seinem weißen Fußboden zitterte, lag gleich einer schwarzen Schlange Clemences Schleier. – Am andern Morgen herrschte geschäftiges Treiben auf dem weiten inneren Schloßhofe. Zuerst wurden die Pack- und Troßwagen beladen, welche sich den Hofkutschen anschließen sollten, dann kam diese selbst, eine nach der andern vorgefahren. Die der Herrschaften zuletzt, damit sie keine Verzögerungen zu erleiden brauchten und sogleich nach den Vorreitern folgend, sich an die Spitze des Zuges setzen konnten. Außer dem herzoglichen Paare fuhren im ersten Wagen Rosa von Bünau und Ulrike von Ebeleben. Im zweiten saßen die übrigen Damen, im dritten folgten Hofherren; hier hatte Storke dem Grafen Luja gegenüber Platz genommen.

Der lange und glänzende Zug fuhr den Schloßberg hinunter, durch die Stadt und eine Strecke an der Saale entlang. Unten am Flusse stand ein Haufen Leute, der nach etwas anderem aussah als nach den vornehmen Reisenden in ihren glänzenden Karossen. War's ein Fischzug, hatte man etwas im Wasser verloren, oder badete da schon jemand im Mai zum Ergötzen seiner Mitbürger?

Der Herzog, welcher den Zusammenlauf bemerkte, schickte den Lakaien, der auf seinem Trittbrette stand, hinunter, zu fragen, was es gebe; zugleich ließ erhalten, um die Antwort in Empfang zu nehmen. Der Mann meldete, es sei ein Ertrunkener in der Saale gesehn, nach dem man suche. Aus Rücksicht auf seine Gemahlin, die seit ihrer Abreise laut weinend in der Wagenecke lag, befahl der Herzog, rasch weiter zu fahren, er wollte ihr jeden unangenehmen Eindruck ersparen.

Als der dritte Wagen heran kam, hob man eben einen leblosen Körper in den bereit geschobenen Kahn, der hart am Ufer lag. Graf Luja stand auf, er bog sich mit derselben Frage hinaus, wie der Herzog, und der Kutscher hielt aus eigener Neugier neben dem Kahne still. Auch der Luja gegenübersitzende Storke neigte den Kopf aus der Kutsche.

Da lag lang ausgestreckt in dem Kahne, auf den sie hinunter sahen, die leblose Gestalt Clemence Bernards. Aus ihren Kleidern und den zusammengeklebten Haarsträhnen rann das Wasser, ihr Gesicht war marmorweiß. – »Ist die Unglückliche tot?« fragte Luja mit Teilnahme.

»Ja, gnädiger Herr«, rief ein alter Schiffer zurück, »wir sahen sie schon gestern Abend hineinspringen, haben sie aber erst heute finden können. Ich glaube, es ist eine vom Schloß.« »Er hat recht«, entgegnete der Graf, »schaff er die Leiche hinauf, der Kastellan wird für die Beerdigung sorgen.« Der Wagen setzte sich in rasche Bewegung, um die anderen einzuholen. Als Luja wieder Platz nahm und sein Gegenüber ansah, bemerkte er, daß der Oberstallmeister totenbleich vor sich hinstarrte. Der Angstschweiß stand auf seiner Stirn, und das sonst so feurige Auge blickte erloschen. Graf Luja erinnerte sich jener abendlichen Begegnung im Park, er begriff den Schreck, die Gewissenspein des wahrscheinlich Schuldigen und begann mit den anderen Reisegenossen ein Gespräch, um die Aufmerksamkeit von Storke abzulenken und ihm Frist zu gönnen, daß er sich wieder sammle.

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