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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Neunzehntes Kapitel

Acht düstere, lastende Tage sind über Schloß Weißenfels dahingezogen. Der kleine Prinz ist zu seinen drei Brüdern in der Familiengruft gebettet, aber die Herzogin Friederike hat noch nicht ein einzigesmal verlangt, in die Krypta hinunter zu steigen.

Die wenigen sonnigen Tage zu Anfang des April sind in den eigentlichen Charakter der Jahreszeit umgeschlagen. Frühlingsstürme brausen ums Schloß, Schnee und Hagel sausen daher, um nur manchmal einzelnen Sonnenblicken zu weichen.

Die Herzogin bringt ihre Tage, in eine schwarze Kontusche gehüllt, fröstelnd und apathisch im Salon an dem wärmespendenden Kamin zu. Jede öffentliche Totenfeier ist vermieden, kein Trauerbesuch wird angenommen. Nur die alte Gräfin Luja und Rosa von Bünau werden zur Herzogin gelassen; was vermögen aber auch sie mit aller Ihrer Liebe gegen die Starrheit eines solchen Schmerzes!

»Hochfürstliche Durchlaucht hat keine Kraft mehr zur Klage,« sagte eines Tages die Gräfin Luja zum Herzoge, als sie im Vorzimmer seiner Gemahlin mit ihm zusammentraf. »Und da die Leidende nicht klagt, finde ich keinen wohlgemeinten Trost.«

Der Herzog war anfänglich außer sich gewesen; er hatte in der ersten Wut die nachlässige Bonne umbringen wollen und sie mit finsterem Argwohn beschuldigt, sie habe das Kind hinuntergestürzt. Man mußte den Raum zwischen den Säulchen der Balustrade messen und mit dem Körper des Knaben vergleichen, um festzustellen, ob er sich habe durchzwängen können, und siehe da, es war möglich.

Nun begann der verzweiflungsvolle Vater sich selbst Vorwürfe zu machen, daß er sein Kind spielend gejagt habe. Offenbar hatte der Kleine in der Hast und Lust des Laufens, und glaubend, er werde verfolgt, einen noch besseren Versteck gesucht als hinter den Kübeln und war so durch die Balustrade gekrochen. Immer traf die Bonne ein schwerwiegender Vorwurf der Unachtsamkeit; ihre Krankheit entrückte sie aber jeglicher Strafe durch Wort oder Tat. Man hatte sie besinnungslos im gelben Zimmer gefunden und in einen fernen Flügel des Schlosses getragen, wo die alte Babett sich ihrer erbarmte und die im hitzigen Fieber Liegende treulich verpflegte.

Als die Wärterin angab, daß Mademoiselle Bernard am Morgen des Unglückstages schon von einer Ohnmacht befallen sei, als der Leibmedikus einige Tage um das Leben der Kranken besorgt war, und man erfuhr, wie schmerzlich sich die Bonne selbst in ihren Fieberphantasien anklagte, begann der Zorn des Herzogs auf die Unglückliche nachzulassen. Vielleicht war ihr körperlicher Zustand schon damals nicht mehr ganz zurechnungsfähig gewesen. Mochte sie also, wenn sie genas, ungestraft gehen wohin sie wollte.

Die Herzogin hatte mit dem Frösteln, welches sie jetzt so oft befiel, sogleich erklärt, sie könne die Bernard nicht wiedersehen; das Kinderzimmer rechts von ihrer Schlafstube war ebenso fest verschlossen worden, wie das auf der linken Seite, wo der kleine Georg gestorben, und es schien, als vermöge die arme Mutter ihrem Schicksale nur dann in die düsteren Augen zu schauen, wenn man es so tief wie möglich verschleierte.

Auf die Schreckensnachricht von Weißenfels war Graf Luja, sobald er die einmal eingeleiteten Arbeiten beendet, zurückgekehrt. Man würde ja nun doch die Lustfahrt nach Leipzig aufgeben, weshalb also weitere Vorkehrungen treffen? Ihn verlangte mit heißer Sehnsucht nach Hause, er zählte die Stunden, bis er Rosa wiedersehen und endlich zu ihr reden würde, wie sein Herz begehrte. Weshalb, fragte es sich oft, hatte er's nicht längst getan? Jetzt konnte er sich kaum in die Stimmung zurückversetzen, in der es ihm unmöglich gewesen, ihr von seiner Liebe zu sprechen.

Nun aber angesichts dieses Unglücks, dem es bei seiner Heimkehr, dem Wiedersehen seiner tiefbetrübten Mutter, seiner Meldung beim Herzoge, selbst gegenüberstand, sollte er da an sein Glück denken? Er konnte lange zu keinem Entschluß kommen. Endlich ertrug er diesen Zustand nicht länger, er wollte dem teuren Mädchen das Leid tragen helfen, welches so deutlich aus ihren traurigen Augen sprach. Nur flüchtig hatte er bis jetzt Rosa gesehen, und sein Herz sehnte sich doch so innig nach ihr.

Er ging um die Mittagszeit ins Schloß und ließ sich bei dem Kammerfräulein von Bünau melden. Dies Vorgehen wäre für einen jungen Mann von weniger sicherer Stellung bei Hof nicht tunlich gewesen; der Reisemarschall und Oberjägermeister Graf Luja, dessen Mutter die nächste Freundin der Herzogin war, der längst die würdige Haltung des älteren Mannes gezeigt, durfte sich einen solchen Besuch erlauben. Das Fräulein nahm ihn auch ohne Weigerung an.

Mit hoch geröteten Wangen, verweinten Augen und sichtlicher Erregung kam Rosa ihrem Besuch entgegen.

»Bringen Sie vielleicht irgendeine üble Kunde von Ihrer Frau Mutter?« fragte sie mit einem zerstreuten Wesen, das ihn befremdete. Während er sie erstaunt ansah, fuhr sie fort: »Es passiert so viel Trauriges, daß man immer noch mehr erwartet.« Ein tiefer Seufzer folgte, sie wandte sich und trocknete ihre Tränen. Währenddem nahm sie Platz auf ihrer kleinen kattunüberzogenen Bergère und bot ihm mit winkender Hand einen Sessel an.

Graf Luja folgte der Einladung; er fühlte, daß dem Mädchen in diesem Augenblicke nichts ferner liege, als eine Liebeserklärung von ihm zu erwarten, und so konnte er bei einer erkältenden Zerstreutheit von ihrer Seite nicht ohne weiteres seine innigsten Empfindungen aussprechen. Er begann also von dem geschehenen Unglück, von dem tiefen Schmerz des herzoglichen Paares.

Sie nickte, aber es war nicht die unbefangene, der traurigen Tatsache sich hingebende Teilnahme, wie damals in der Kirche. Als er ausgesprochen, sagte sie, und jetzt mit wärmster Empfindung: »Unsere teure Frau Herzogin ist ganz gebrochen; in diesem armen gestorbenen Herzen ein Fünkchen Leben, ja etwas wie Freude entfachen zu können, nicht wahr, das ist auch ein Glück, das darf ich als meine höchste Pflicht ansehen?«

Erstaunt blickte er sie an, es mußte etwas Besonderes geschehen sein, was Rosa jetzt vor allem anderen bewegte. »Fräulein von Bünau,« entgegnete er ernst, um endlich zum Ziele zu kommen, »da Sie mir das alte Vertrauen beweisen und mich fragen, wie Sie es eben tun, will auch ich Ihnen das allergrößte Vertrauen schenken. Ich ersehne mir das Recht, Sie zu beraten, ich wünsche nichts lebhafter, als alle Ihre Kümmernisse und Sorgen teilen, durch das ganze Leben mit Ihnen tragen zu dürfen. Und zwar nicht nur als Freund, als ›Onkel‹, wie Sie mich manchmal scherzend nannten, nein, als Ihr Gatte, der voll berechtigt ist, Glück und Leid mit Ihnen zu teilen. Rosa, haben Sie denn meine Liebe nicht längst empfunden, spricht denn Ihr Herz nicht auch für mich?«

Starr hatte sie ihn angehört, starr ihn angesehen; jetzt, als gehe ihr plötzlich ein blendendes Licht auf, schlug sie beide Hände vor die Augen und schluchzte mit den Ausdruck des grenzenlosesten Schmerzes:

»O ist es denn möglich! Luja, Sie? – Ich sollte Ihrer wert sein? – Ich könnte mein ganzes Dasein an Ihrer Seite verleben – mit Ihnen, immer bei Ihnen! – Und nun ist's aus, ist's unmöglich. O Graf Luja, wie elend bin ich, nicht aus vollem Herzen rufen zu dürfen, ja, ja, ich liebe Sie über alles – nehmen Sie mich – machen Sie mich überglücklich!«

»Und warum, teure Rosa, können Sie das nicht?« rief er und ergriff ihre Hände, sie mit Küssen bedeckend. »Was sollte unsere Vereinigung hindern, wenn Sie mich lieben?«

»Warum nicht? Luja, lieber Luja, weil ich seit gestern Kurt Zscheplitzs Braut bin.«

Er ließ ihre Hände los und lehnte sich erblassend zurück. »Zscheplitzs Braut?« murmelte er, »wie ist das möglich?«

»Er hatte schon an jenem Unglückstage beim Herzoge um mich geworben. Diese Verbindung ist seit langem der Herzogin Wunsch. Zu meinem steten Schrecken hatte sie mich immer wieder, als auf mein größtes Glück, darauf hingewiesen –«

»Ich weiß es«, sagte er mit einem Anfluge von Bitterkeit. »Man lächelte bei Hof über diese kleine Schwäche der hohen Frau. Aus Güte wollte sie Vorsehung spielen.«

Rosa achtete kaum auf das, was er sagte; in zitternder Erregung fuhr sie fort: »Zscheplitz wagte zu erinnern, Se. Durchlaucht glaubte unsere arme Fürstin aus ihrer Lethargie aufzurichten, indem er auf ihren Lieblingswunsch zurückkam. Es war das erstemal, daß sie mit etwas wie Teilnahme zuhörte. ›Ja‹, sagte sie. ›Rosa liebe ich auch, als wäre sie mein Kind. Sie soll nicht unter meinem Jammer leiden, sie soll glücklich werden!‹ Durchlaucht ließen mich rufen, nahmen mich im Vorzimmer bei Seite und ermahnten mich, den Wünschen der Frau Herzogin mit keinem Worte zu widersprechen. Der hohe Herr berichtete mir seiner Gemahlin Worte, er war erfreut, daß sie etwas mit Interesse angehört. Der Arzt hatte noch vor kurzem erklärt, ihr Zustand könne in Tiefsinn, in Geisteskrankheit übergehen, wenn man nicht Teilnahme am Leben zu wecken vermöge. Ich war mir gleich ganz klar bewußt, daß ich den Kammerjunker nicht liebe, nicht lieben könne, denn er ist mir zu gleichgültig, oft langweilig gewesen, aber für die hohe Frau war ich zu allem bereit. Wie oft hatte ich mir in der letzten schweren Zeit gesagt, daß ich mein Leben für die über alles verehrte Herzogin hingeben möchte, jetzt nahm mich das Schicksal beim Wort –«

»Und Sie zauderten nicht, das Opfer zu bringen. Rosa, geliebtes Wesen!« rief Luja, der seiner eignen Natur nach sich auf das lebhafteste in ihre Empfindungsweise versetzen konnte.

»Durfte ich zaudern?« fuhr sie fort. »Meine einzige Sorge war jetzt nur, Kurt Zscheplitz für seine treue Anhänglichkeit nicht zu belügen. Ich sagte ihm offen, daß ich ihn noch nicht liebe, versprach aber, es zu versuchen. Er fragte mich nur, ob ich den Baron Storke liebe oder je geliebt habe; ich konnte mit gutem Gewissen: nein antworten, wenn ich auch hinzufügen mußte, daß er mich oft interessiert hätte. Von Ihnen war keine Rede, Graf Luja. Hätte Kurt mich gestern gefragt, würde ich gewiß geantwortet haben: wie er mir solche Vermessenheit zutrauen könne, Sie zu lieben, den so viel Reiferen, Höhern, Besseren –«

»Den Onkel«, unterbrach er seufzend.

»Ja, den Onkel«, sagte sie mit einem kleinen Anfluge ihres schelmischen Lächelns.

»Und nun ist kein Zurück, keine Aenderung möglich?«

»Keine!« schluchzte sie mit neu hervorbrechenden Tränen. »Ich habe aus einem besseren Beweggrunde als dem, selbst glücklich zu sein, dem Kammerjunker in Gegenwart der Herrschaften mein Wort gegeben. Ich habe den Segen meiner teuren Gebieterin, ihr erstes Lächeln seit dem Unglück mit größerer Wonne empfangen, als eine liebende Braut den Ring des Verlobten empfangen mag – wie kann ich zurück?«

»Sie haben recht, Rosa, Sie können nicht zurück. O, wie tadle ich jetzt selbst meine Bedenkzeit! An unsern Schwächen gehen wir zugrunde, und die meine rächt sich schwer.«

Er stand auf, sie kam ihm einen Schritt entgegen; mit großer Liebe und tiefem Trennungsschmerz sahen sie einander in die Augen, er ergriff noch einmal ihre Hände und preßte seine Lippen darauf, dann stürzte er ohne ein weiteres Lebewohl hinaus. Rosa brach neben ihrem kleinen Sofa in die Knie. Sie lehnte ihr tränenüberströmtes Gesicht in die Kissen und betete. Sie flehte nicht um eine Vereinigung mit dem Geliebten, ihre Seele schrie zu Gott um Kraft, ihr Wort halten und Kurt Zscheplitz glücklich machen zu können.

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