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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Zehntes Kapitel

Der liebevolle Brief des Herzogs Johann Adolf an seine Gemahlin, welcher sie aufforderte, mit Kindern und Hofstaat bis zum Wiederbeginn der kriegerischen Operationen nach Dresden zu kommen, hatte die Herzogin Friederike in eine große Aufregung und in einen schweren Konflikt versetzt.

Ihre kleinen, zärtlich gehüteten Kinder der weiten Winterreise auszusetzen. Die beiden geliebten Leben in Dresden einer nur geahnten, aber ihrer Ueberzeugung nach drohenden Gefahr näher rücken – sich selbst in den Wirbel von Hoffestlichkeiten, Eitelkeiten und Intriguen werfen, die ihrem ganzen Wesen zuwider waren – welche Opfer!

Dagegen aber wieder mit dem geliebten Manne vereinigt sein, ihm einen Wunsch erfüllen, in pflichtmäßiger Treue seinem Gebote folgen – wie schwer fielen diese Gegengründe in die Waage! Wo konnte sie sich aussprechen, wo Rat holen?

Sie ließ ihr liebes »Pflegetöchterchen« – wie sie Rosa v. Bünau manchmal nannte – herbeiholen.

»Kind, liebes Kind!« rief sie der Eintretenden entgegen, »möchtest Du in die große Welt nach Dresden?«

Die Augen der jungen Schönen erglänzten. »Durchlaucht haben über mich zu befehlen«, entgegnete sie und blickte gespannt auf den Brief in der Herzogin Hand.

»Mein Gemahl möchte uns allesamt dort haben«, fuhr die hohe Frau erregt fort und setzte dann ihrer jungen Gefährtin die Gründe dafür und dawider auseinander.

Rosa schüttelte ungläubig den Kopf, als die Herzogin von einer Gefahr für die Kleinen sprach, und Friederike erkannte, daß solch ein junges Geschöpf wie das Kammerfräulein noch nicht imstande sei, sich in ihre Lage und Sorgen hineinzuversetzen. »Ich will zur Gräfin Luja«, sagte die Herzogin. »Sie wird mich am besten verstehen, befehlt meine Portechaise.«

Im Park lag hoher Schnee, auf den Bäumen hafteten krause Flocken und glitzernder Reif gleich neuem Laube, rötlicher Abendschein warf blendende Lichter in die öden Alleen, über die Statuen, Vasen und kahlen Gitterwerke.

Die geschweifte und reich vergoldete Portechaise der Herzogin schwankte, von stämmigen Lakaien getragen, von ein paar anderen begleitet, durch das weiße Gefilde dem drüben liegenden Hause der Hofherren zu.

Die hohe Frau fand ihre alte Freundin wie immer allein. In dem großen Kachelofen brannte ein knisterndes Feuer, auf den bauchigen, eingelegten Möbeln spielten die letzten Sonnenstrahlen. Die Gräfin war von ihrem Arbeitstische am Fenster herbeigekommen. Der Mops wedelte unter leisem Aufbellen vergnügt mit seinem Schweifstümpfchen.

Der Anblick dieser traulichen Häuslichkeit, der freundliche Empfang heimelte die Herzogin an. Sie drückte die beiden ihr entgegengestreckten Hände und küßte die Greisin auf die Wange. »Welche Freude, Sie wohl zu sehen, liebe Gräfin«, sagte sie. »Unser Kurier hat Ihnen gewiß gute Nachrichten von Ihrem Herrn Sohn gebracht, ich lese es in Ihren Augen.«

»Gott Lob und Dank, mein guter Martin ist wohl. Er freut sich darauf, Durchlaucht bald dort zu sehen.«

»Also ist man überzeugt, daß wir kommen?«

Die beiden Damen nahmen in der mit geblümten Stoff überzogenen Bergère Platz.

»Natürlich hofft man mit aller Sicherheit darauf«, erwiderte die Gräfin. »Seine hochfürstliche Durchlaucht haben selbst die Tatsache als positiv hingestellt.«

»Ach, meine gute, liebe Freundin, helfen Sie mir, den Entschluß zu dieser winterlichen Uebersiedlung fassen!« seufzte die Herzogin. Sie teilte dann ihrer teilnehmenden Zuhörerin alle ihre Sorgen und Bedenken mit.

»Wie kleinmütig Sie sind, meine teure Fürstin!« rief die alte Dame mit ernstem Kopf schütteln. »Wo bleibt Ihre Religion, Ihr Christentum? Sind wir nicht immer in der hohen und tröstlichen Ueberzeugung eines Sinnes gewesen, daß ohne Gottes Willen kein Haar von unserem Haupte fällt? Glauben Sie, daß Ihre Kinder nicht dort wie hier unter des Höchsten gnädigem Schutze stehen? Soll eine böse Macht Einfluß gewinnen, so ist, wenn Gott Arges in seinem unerforschlichen Ratschluß zulassen will, das Unglück aller Orten zur Hand.«

»O Sie haben recht! Und doch! Und doch!«

»Lassen Sie uns die Lage ruhiger ins Auge fassen. In Ihren trefflichen, bequemen Kutschen können Sie die Kleinen, mit Betten und Wärmflaschen versorgt, die Reise ohne Schaden antreten lassen. Das Palais in Dresden, welches Sie mir selbst als schön und behaglich geschildert haben, bietet Ihnen alles was Sie brauchen. Gefahren aus politischen Rücksichten, die Sie argwöhnen, sind, wie ich zu Gott hoffe, schwermütige Träume eines geprüften Mutterherzens. Da Ihnen schon zwei liebe Kinder wieder abgefordert sind, ist ein sonderbares Mißtrauen geweckt. Wie kann Ihr edles Herz solche Abscheulichkeiten für möglich halten? Umgeben Sie nicht dort wie hier Ihre Kleinen mit treuer Muttersorge, mit trefflichen, erprobten Wärterinnen? Soll ein Unglück geschehen, so könne Sie Gott nie und nirgend in den Arm fallen, denn die menschliche Einsicht reicht nicht ins Dunkel. Sie wissen nicht, ob Sie dem Verderben ausweichen oder sich demselben aussetzen. Wollen Sie ohne Leichtsinn eine Stunde in wahrem Seelenfrieden leben, so müssen Sie sich still in Gottes Hut begeben, so müssen Sie vertrauernd in guten und bösen Tagen dem Lenker aller Welt auch Ihr Geschick überlassen. Sorgen Sie verständig und umsichtig nach Ihrem besten Wissen, dann haben sie nach menschlichem Ermessen alles getan, was Ihnen oblag.«

»O, Sie treue Beraterin!« rief die junge Fürstin ermutigt, »welche Wohltat erzeigen Sie mir, indem Sie mich auf das Rechte hinweisen und meiner geängstigten Seele die einzige wahre Stütze bieten! Ja, Vertrauen, Hingabe, Resignation ist alles für uns ohnmächtige Wesen.«

»Und Pflichterfüllung, teure Herzogin. Ihr hoher Gemahl bedarf Ihrer und ruft Sie, wie können Sie sich diesem Rufe versagen?«

»Ich fühle jetzt selbst, daß ich es nicht darf; wie vermochte ich nur zu schwanken? O, wenn Sie, meine teure Freundin, mich doch nach Dresden begleiten möchten, welch ein Trost würde mir Ihre Gegenwart sein, wie würde Ihre hohe, sichere Lebensauffassung mich ermutigen!«

Die alte Dame schüttelte sanft ihr silbergelockiges Haupt. Mit einem milden Lächeln sagte sie: »Das Alter hat sein Ausruhen verdient, ihm tut nur noch die Stille gut; die kühle Stille, die uns auf den Grabesfrieden vorbereitet, uns damit aussöhnt, uns sogar die Sehnsucht danach erweckt, wie es sein soll, damit wir ohne Widerspruch gegen Gottes Ordnung scheiden können.«

»Ich fühle Ihnen nach, welch ein Opfer das sein würde. Ja, obgleich ich noch nicht alt bin, weiß auch ich den Reiz des Stillebens vollauf zu schätzen und kann es doch in meiner Stellung so wenig genießen«, entgegnete die Herzogin ernst.

Nachdem sie nun ihre Lage und alle zutreffenden Einrichtungen noch einmal mit der Gräfin ausführlich überlegt hatte, verließ sie dankbaren und ermutigten Herzens die mütterliche Freundin.

Die Sonne war untergegangen, ein fahles Halblicht füllte den Park und ließ die Gestalten der Bäume, Büsche und Zieraten seltsam gespenstische Formen annehmen. Wie öde und erstorben sah die ganze hochgelegene Fläche um sie her aus! Einzelne Fernblicke ins Land hinunter boten nichts als ein Chaos von weißlichen Nebelballen und farbloser Luft, selbst die Lichter der unten gelegenen Stadt vermochten nicht durchzudringen. Jetzt fing es leise an zu schneien, lautlos stapfte die Begleitung der Sänfte durch die weiche Masse.

Ein beklemmendes Gefühl trüber Ahnungen, trauriger Verlassenheit, unbestimmter Sehnsucht legte sich von neuem auf das Herz der jungen Frau, die eingeschlossen in den engen Raum vorwärts schwankte – sie vergaß fast, wie und wohin. »Einem dunklen Geschick entgegen«, hätte sie flüstern mögen. Ihrer stillen, passiven Natur ward jegliche Tat, jede Veränderung aus eigenem Entschluß zu einem vermessenen Wagnis. Es schien ihr, als stehe sie vor einer verriegelten Tür, aus der ihr, wenn sie dieselbe mit unvorsichtiger Hand aufstieß, Schreck und Jammer entgegenstürzen konnten.

Endlich hielt man vor dem Schlosse. Die Fürstin stieg, empfangen von ehrerbietiger Dienerschaft, aus der Sänfte und begab sich in ihre Gemächer. Nur mit Mühe konnte sie sich die Stimmung wieder zurückrufen, mit der sie von der Gräfin geschieden war. Noch einmal galt es sich aufzuraffen, um den Vorsatz, daß sie reisen wolle, ihrer Umgebung kund zu tun. Sie beschloß, bis morgen früh damit zu warten und ging erleichtert durch die gewonnene Frist zu ihren Kindern.

Die große Kunde von dem beabsichtigten Aufbruch nach Dresden, welche, gleichsam den Winterschlaf des eingeschneiten Schlosses unterbrechend, sich andern Tages verbreitete, wirkte in hohem Grade erregend auf alle Beteiligten.

»Wer wird mitkommen und wer muß zurückbleiben?« so lautete die Frage vieler, die ihrer Sache nicht ganz gewiß waren, und mit wollte eigentlich jeder. Dresden stand als ein Eldorado vor den Augen dieses kleinen Hofes. In Dresden gewesen zu sein, die dortige Pracht geschaut zu haben, galt als ein besonderer Vorzug.

Der Hofmarschall hatte alle Hände voll zu tun, um die nötigen Vorbereitungen mit seinem Unterpersonal zu vereinbaren und mannigfache Verfügungen zu treffen.

Für das Stalldepartement waren die Befehle aus Dresden direkt gekommen. Der die Oberaufsicht führende Leibkutscher der Herzogin stand inmitten seiner Untergebenen und las die vom Oberstallmeister von Storke getroffenen Bestimmungen vor. Da man mit vielen Wagen reiste, brauchten nur wenige Leute in den Ställen zurück zu bleiben, und zu diesen wenigen gehörte Peter Mork. Der Oberstallmeister hatte unter »vertraulich« an den Rand geschrieben:

»Laß Er sich durchaus nicht darauf ein, den Wagenwäscher Mork mitzubringen; ich habe mich noch in letzter Stunde vor meiner Abreise überzeugt, daß der Kerl ein Erzlump ist. Meinetwegen kann Er die Kanaille auch wegjagen.«

»Und ich soll nicht mit, wirklich nicht?« knirschte Peter, als der Leibkutscher ihm angekündigt hatte, daß er zurückbleibe.

»Muckst Er sich noch lange, Er Lüderjahn, so schert er sich zum Teufel!« fuhr ihn der Gestrenge an.

Peter, nicht zahm geartet, stellte sich vor den dicken Leibkutscher hin, ballte die Fäuste und schrie: »Mit will ich und mit muß ich – oder – es geschieht ein Unglück!«

»Ein Unglück ists nicht, wenn wir Ihn los werden«, sagte der Vorgesetzte spöttisch. »Schnür Er sein Bündel, ich will's dem Herrn Hofmarschall melden, daß Er geht und seinen Rest Lohn holen kann, und nun halt Er das Maul, sonst nehm ich die lange Peitsche und Ihm geschieht ein Unglück.«

Peter sah, daß es dem Kutscher mit seiner Drohung Ernst war; er verbiß seine Wut und stürmte Rache sinnend seinem Kämmerlein zu, um seine geringe Habe zusammen zu raffen.

Gegen Mittag wurde es warm, der Schnee fuhr in Ballen von den Dächern und es taute, als wollte der Winter vor alle dem frühlingsmäßigen Hoffen in den Herzen der Schloßbewohner ein vorzeitiges Reißaus nehmen. War das ein Kichern und Freuen, ein Ueberlegen und Schaffen, ein Rüsten und Rennen auf den langen Korridoren und in den vielen Gemächern des weiten Schlosses!

Abends fror es wieder, ein kalter Nord brauste in langen Stößen um den Turm, fing sich im inneren Schloßhofe und raste mit sonderbaren Klagelauten darin rundum. Die Wetterfahnen kreischten und knarrten, aus den Schornsteinen jagte es unter Gepolter Ruß herunter, die Bäume auf den Schloßterrassen fegten mit ihren Aesten durch die Luft, als wären sie toll geworden, und wollten durchaus ihr winterliches Kleid wieder los sein.

Peter Mork hatte seinen Abschiedslohn in der Tasche, er stand im Abendgrauen am Fuße der großen Kastanie, in deren Krone der Sturm wühlte und lauerte, bis die Uhr auf dem Schloßturme sieben schlagen, und das Glockenspiel darunter die Melodie des Liedes »Dir befehl' ich mein Seel« anstimmen werde. Eher, wußte er, ging die Herzogin nicht mit ihren Damen zur Abendtafel, und eher verließ auch die Wartefrau nicht die Amme und das Kind. Heute bei den Windstößen konnte er es nicht lange oben im Baume aushalten. In den Ställen litt es ihn aber auch nicht, und so wollte er hier seine Zeit abwarten.

Es war ganz fest und eine beschlossene Sache bei ihm, sein Weib mußte mit nach Hause. Nun man ihn weggejagt hatte, wollte er erst recht der Herrschaft einen Tort antun und ihr die Amme nehmen. Es fiel ihm nicht ein, sie in Gesellschaft des Kutschers Henke ziehen zu lassen! Lotte sollte nicht mit nach Dresden, sie mußte es durchsetzen, daß man sie entließ – Lotte sollte ihm gehorchen – oder –

Dies war der Lauf seiner Gedanken, den er immer wieder von vorn anfing und von neuem durchsann. Das »Oder« war der Knorren, bei dem die fleißige Säge seines arbeitenden Denkvermögens anhielt und wieder zurückraspelte. Zuletzt hatte er sich dermaßen in seine Sache vertieft, daß er erschrocken zusammenfuhr, als sanft und feierlich wie immer, durch alles Sturmgebrause, die Weise des geistlichen Liedes vom Turm herab an sein Ohr tönte.

Nun zögerte er aber nicht länger, er legte sein ingrimmig festgehaltenes Reisebündel an dem Fuß des Baumes nieder und stieg hinauf. Es war ein saures Stück Arbeit, durch alle die bewegten Aeste, die ihn stießen und nach ihm zu greifen schienen, empor zu klimmen. Wäre er nicht in der Uebung gewesen, er hätte es kaum vermocht. Endlich war er oben, sah Lotte hinter ihren dampfenden Schüsseln und pochte ans Fenster.

»Heute kommst Du auch, bei dem Wetter?« sagte sie, indem sie ihm mit unfreundlichem Gesicht öffnete: »Könntest endlich die Kletterei gut sein lassen.«

»Bin heute zuletzt da.«

»Wir reisen ja auch.«

»Wir? Du nicht – ich will dich endlich wieder haben!«

»Herrjesses, was der Kerl für Zeug schnackt! Wie sollte unser Prinzchen wohl ohne mich auskommen?«

»Gerad so wie dein eigen Kind.«

»Das ist doch kein Prinz!«

»Prinz oder nicht; das arme Wurm soll seine Mutter wieder haben, und ich will mein Weib nicht mehr hergeben. Mich jagen sie weg, und du gehst mit!«

»Ich?« Sie begann zu begreifen, daß es ihm Ernst war. »Da kannst du machen, was du willst, Peter, mich kriegst du nich' mit! Ich freue mich unmenschlich auf das schöne Dresden; soll ja ne wahre Pracht sein! In dein Hundeloch komme ich immer noch früh genug. Und nun scher' dich weg und mach mir keine Ungelegenheiten.«

Eine sprachlose Wut war über den Mann gekommen, er stand da, starr, mit rollenden Augen und geballten Fäusten; endlich, als Lotte sich gleichmütig wieder an ihr Abendessen begab, kam Bewegung in den Leblosen. Er stürzte auf sie zu, packte sie und schrie: »Du sollst und mußt mit! Ich will's! – In Dresden nimmst du 'en Andern – ich gebe dich nicht her. Du scharmierst mit'n Kutscher!«

»Verrückter Mensch, geh!« stieß sie heraus. Sie sprang auf und wehrte ihn von sich ab.

Ein kurzes Ringen. Es war ihm aber nicht ernst mit der Züchtigung, er hatte sie zu lieb.

»Tust du mir nicht den Willen? – Ist das dein letzter Bescheid?« keuchte er, ihr gegenüber stehend.

»So gewiß wie's Amen in der Kirche«, sagte sie spöttisch. »Und nun komm, sei kein Narr, iß noch 'mal mit, kriegst's lange nicht wieder so gut.« Sie setzte sich an den Tisch; für sie war die Sache abgetan.

Für ihn noch lange nicht. Er stand da blaß vor Wut, geschüttelt von ohnmächtigem Zorn, für ihn ging's jetzt an das »Oder«.

»Komm doch«, sagte sie noch einmal.

»So billig kaufst du mich nicht« – höhnte er.

Das Wort brachte sie auf einen Gedanken; im Vorzimmer stand ihr Koffer, in demselben lag ein Teil ihres Lohnes. »Sollst auch mehr haben,« sagte sie, stand auf und schlarrte hinaus. Er ballte die Faust hinter ihr; während sie draußen kramte, trat er an die Wiege, riß den Vorhang weg und neigte sich über das Kind. Er nahm das Deckbett und preßte es auf das Gesicht des Schlummernden.

Das kleine Wesen schrie schmerzlich auf. Nur ein paar Minuten, ein kurzes Tun –

»Was machst du mit meinem Jungen?« rief die Amme von außen, »laß 'en zufrieden!«

Peter richtete sich empor, das Weib trat wieder herein.

»Adjes, Lotte«, sagte er mit sonderbarem Ton. »Nu wirst du wohl bald zu mir kommen.«

»Fällt mir nicht ein!« entgegnete sie patzig. »Hier ist Geld und jetzt geh.«

»Will dein Geld nicht!« In diesem Augenblick hörten beide draußen eine Tür schlagen. »Mach, daß du weg kommst, die Herzogin!« rief Lotte und drängte ihren Mann zum Fenster.

Er schwang sich hinaus, sie stürzte an ihr Abendbrot und saß eben, als die Fürstin aus ihrem Schlafzimmer eintrat.

»Sie hat es kalt werden lassen, Amme«, sagte die hohe Frau mit fliegendem Atem und blickte sich im Zimmer um. »Mir schien, als hörte ich Geräusch. Der furchtbare Sturm heult und rüttelt im Schloß. Daß mein Kleiner nur keinen Zug bekommt.« Sie trat an die Wiege.

Was war das? Der Knabe lag mit verzogenem Gesichtchen steif und regungslos.

»Mein Kind ist krank!« schrie die Herzogin und brach neben der Wiege in die Knie.

In diesem Augenblick flog das Fenster weit auf und schlug klirrend gegen die Wand. »Ein offenes Fenster? Um des Himmels willen, das erkältet ja meinen Kleinen auf den Tod!« Lotte sprang hin und schloß das Fenster, eine Scheibe war zerbrochen. »Klingeln Sie, rufen Sie um Hilfe, der Leibmedikus soll kommen!« jammerte die Herzogin, ihr Kind in den Armen haltend und mit Liebkosungen überhäufend.

Das Zimmer füllte sich bald mit Menschen, Aerzte kamen; sie konnten nur den Tod des kleinen Prinzen konstatieren. »Vermutlich ein plötzlicher Krampf, vielleicht eine Erkältung durch das offene Fenster«, sagten sie mit Achselzucken.

Die Amme lag auf der Erde, schrie und gebärdete sich wie sinnlos. Die Herzogin war gebrochen und verzweiflungsvoll. Es wurde noch desselben Abends ein Kurier nach Dresden geschickt, um dem Vater die Traueranzeige zu überbringen und außerdem zu melden, daß die Frau Herzogin sich vorläufig außer Stand fühle, an ihre Uebersiedlung zu denken.

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