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Auguste von der Decken: Souverän - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAuguste von der Decken
titleSouverän
publisherLeopold Kell G.m.b.H.
year1935
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160804
projectid77fc5005
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Neuntes Kapitel

Friedrich II. war in Böhmen eingerückt und stand Anfang September vor Prag, das sich nach einem heftigen Bombardement Mitte des Monats ergab. Die Stellung der Preußen wurde aber beim Heranrücken der verbündeten Oesterreicher und Sachsen unhaltbar, und Friedrich mußte sich im Oktober wieder über die Elbe zurückziehen. Der Prinz von Lothringen und der Feldmarschall von Daun drängten den König bis nach Schlesien zurück, wo die Armee Winterquartiere bezog. Friedrich selbst ging nach Berlin, um neue Rüstungen zu betreiben, und auch die Feldherren der Verbündeten hielten sich während der Winterrast ihrer Truppen in bequem gelegenen Städten auf.

Johann Adolf von Weißenfels begab sich mit seinem Stabe nach Dresden, wo man über die scheinbar großen Erfolge der Herbstkampagne triumphierte. Der König gab seiner Siegesfreude durch glänzende Feste entsprechenden Ausdruck, und nie war an dem üppigen Dresdener Hof ein Winter heiterer und geräuschvoller verlaufen, als der von 1744 auf 1745.

Der Herzog fühlte sich in dem lauten Treiben der Hoffestlichkeiten, in dem er als einer der ersten Würdenträger neben seinem Vetter, dem Kurfürsten stand, sehr wohl und an seinem Platze. Er besaß ein schön eingerichtetes Haus in Dresden, wo er schon öfter Hof gehalten hatte, sah der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen Preußen in seinem sanguinischen Gemüt mit großen Siegeshoffnungen entgegen und entbehrte nichts, als eine Wiedervereinigung mit Weib und Kindern. Er liebte seine Gemahlin aufrichtig und hätte seinen Hofhalt gern mit eleganten Frauen, die in der schönen Welt Dresdens eine große Rolle spielten, geschmückt. Diese Männerwirtschaft erschien ihm reizlos.

Er beschloß also, gegen Weihnachten die Seinen zum Feste kommen zu lassen und sandte eine Stafette mit der Bitte an die Herzogin, ihre Uebersiedlung baldtunlichst ins Werk zu setzen. Daß Friederike sich ungern dazu entschließen werde, dachte er wohl. Ihr stiller, hausmütterlicher Sinn, mit der leisen Neigung zur Sorge und Schwermut ließ sich das laute Gepränge des kurfürstlichen Hofes scheuen. Sein Wunsch aber und die Sehnsucht nach seiner Nähe, der sie so oft in Briefen Ausdruck gab, sollten sie, so hoffte er gewiß, zur Annahme seiner Vorschläge bestimmen.

Der Oberstallmeister von Storke genoß die Freuden der großen Welt in vollen Zügen. Leichtlebig genug, um sich durch keine Bedenken und tieferen Empfindungen beirren zu lassen, regte sich doch auf dem Grunde seiner Seele etwas, das er bemüht war, im Geräusch der Lustbarkeiten zu betäuben. Wenn der allwöchentliche Kurier aus Weißenfels ankam, fühlte er einen kalten Schauder und atmete erleichtert auf, sobald er vernahm, daß es dort allerseits gut gehe und daß nichts Besonderes vorgefallen sei.

»Peter, der rabiate Kerl, ist geduldiger als ich dachte«, murmelte er wohl einmal zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Aber wenn er hört, daß die Herzogin mit den Kindern herkommt, sein Weib fortgeht, wie dann? Daß er dort bleibt, steht fest.«

Daniel von Storke hatte seinen gefährlichen Protektor, den Grafen Brühl, sehr oft bei den verschiedenen Festlichkeiten von fern gesehen, nie aber ein Wort mit ihm gewechselt. Streifte ihn ja einmal flüchtig der Blick des großen Herrn, so schien etwas wie eine Mahnung darin zu liegen, die Storke erschreckte und reizte. Mit Hennicke dagegen war er öfter zusammen getroffen, hatte aber nur flüchtig und oberflächlich mit ihm gesprochen. Eines Tages, als er, im Dämmerlichte von einem Hofdiner zurückkommend, eben seine Wohnung erreichte, trat ihm ein Mann im Mantel entgegen. Er erkannte den vertrauten Kammerdiener des Ministers.

»Mein Gebieter lassen Eure Gnaden ersuchen, mitzukommen,« raunte ihm der Mann zu. Es blieb dem Oberstallmeister nichts übrig, als zu gehorchen, er erklärte sich bereit, und die beiden gingen.

Sie wandten sich der Elbe zu, wo unfern dem Kurfürstlichen Schlosse das Palais Brühls mit dem Garten auf der herrlichen Elbterrasse, fast stattlicher als die Residenz seines Herrn sich ausbreitete. Dreizehn Häuser hatte Brühl angekauft, um sich hier großartig anbauen zu können. Die ganze Anlage mit dem Belvedere, dem Komödienhause, der dreihundert Fuß langen Bildergalerie zwischen dem Bibliotheksgebäude und dem Kiosk, dem Garten voll Statuen, Fontänen, Grotten und Orangerien galt für ein Wunder der Kunst und des feinsten Geschmacks. Das weitläufige Palais war mit dem größten Glanz eingerichtet. Gobelins und Seidentapeten, Plafondgemälde, Stuck und Vergoldung, wandhohe Spiegel, Porzellankamine, geschweifte, mit Samt und Seide überzogene Möbel wohin man sah. Ein Heer von dreihundert Dienern aller Grade und Livree besorgte den großartigen Haushalt. Kammerjunker und Pagen von Adel machten die Honneurs, Oper und Kapelle standen zur Verfügung. Ein paar hundert Pferde, prächtige Wagen und Sänften harrten in den Marställen. Eine Schar von Köchen, Konditoren und Kellermeistern war für die Tafel beschäftigt.

Somit übertraf der Aufwand dieses Haushaltes alles, was sich jemals ein Privatmann erlauben durfte.

Hatte Daniel von Storke sich durch Brühls Auftreten in Weißenfels, durch das, was er von ihm und seiner Stellung wußte, imponieren lassen, so überbot doch der Augenschein alle seine Erwartungen. Er sah hier in Dresden, daß es nur auf den Willen des gewaltigen Mannes ankomme, um Unerhörtes ins Werk zu setzen. So gut Brühl über seinen Herrn, über einen großen Teil der Geldmittel des Landes, über politische Bündnisse, Krieg und Frieden verfügte, ebenso konnte er seine willkürliche Machtbefugnis auf Freiheit und Leben der Individuen ausdehnen.

Das Leben in Dresden war ganz danach angetan, Storke zu zeigen, daß man mit Bedenklichkeiten nicht weit reiche. Und hatten ihn diese nie viel behelligt, so überwand er hier die letzten Gewissensskrupel. Er wollte sich hineinwerfen in den Kampf um sein Emporkommen, sein Glück, einerlei, wer ihm dabei unter die Füße kam, wenn ihm nur der Sieg, der ihm alle Genüsse des Lebens versprach, zu teil wurde.

Mit ähnlichen Gedanken beschäftigt, betrat Daniel von Storke, an der Seite seines Begleiters, durch eine Nebentür den Palast seines hohen Gönners.

Der Kammerdiener schritt voran, in einem kleinen Vestibül ergriff er eine brennende Wachskerze und leuchtete dem gespannt Folgenden über eine teppichbelegte Geheimtreppe in den ersten Stock. Durch ein paar leere Prunksäle gelangten sie in ein schwach erhelltes Vorzimmer; hier bedeutete der Führer flüsternden Tones den Kavalier, daß er warten möge, bis er ihn rufe, und verschwand durch eine Tapetentür. Storke wagte nicht sich zu rühren und wurde doch von Unruhe verzehrt.

Ganz unerwartet öffnete sich eine Tür zur Seite, die Storke nicht beachtet hatte, da er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Punkt richtete, wo der Kammerdiener verschwunden war. Sich umblickend, erkannte er den Geheimrat Hennicke, der unangenehm lächelnd auf ihn zukam.

»Ah, sehr erfreut, Sie unerwartet hier zu treffen«, sagte er mit ungeschickt gespielter Ueberraschung.

Storke fühlte, daß Hennicke ihn ins Gebet nehmen wollte, und peinlich berührt, aber ein ablehnendes Verhalten nicht wagend, hielt er dem widerwärtigen Manne stand.

»Alles wohl da hinten?« fragte der Geheimrat. »Dachte pikante Neuigkeiten aus Weißenfels zu hören. Sie haben mich doch verstanden und werden jede Gelegenheit, die sich bietet, Ihren Willen durchzusetzen, beim Schopf zu ergreifen wissen? Oder –«

Es schien, als werde der Minister zutraulich, ja gemütlich, er wiegte sich leise mit dem Oberkörper auf dem vergoldeten Armstuhl und sagte:

»Seh Er, mein Lieber, wir sind alle Schauspieler, es kommt nur darauf an, seine Rolle gut zu spielen. Jeder will in seiner Weise gefallen, etwas Großes ausrichten. So ringt denn der Gescheite mit allen Mitteln um den Siegeskranz. Niemals ist ein Staat mächtig geworden, ohne Dinge zu begehen, die der platte Untertanenverstand Betrug, Pression nennt! Neuerdings ist ja Friedrich von Preußen auch Ostfriesland zugefallen. Weiß Er, wie das zuging? Kaiser Karl VI. hat ohne Zustimmung der Kurfürsten seinem Freunde Friedrich Wilhelm I. in einem goldenen Tabakskasten den Erb- und Belehnungsbrief über Ostfriesland verehrt. Dafür und für Anwartschaft auf die Erbfolge in Jülich und Berg hat Preußen ihm die pragmatische Sanktion gewährleistet, also der Kaiserin Maria Theresia die österreichischen Lande, das Vatererbe, garantiert. Nun ist der letzte Fürst von Ostfriesland, Edzard Cirksena, achtundzwanzigjährig gestorben. Ein recht erfreulicher Fall für Preußen. Wer weiß, ob man nicht dort einen chargé d'affaires hielt? Friedrich II. beeilte sich natürlich, während er gerade bemüht ist, Maria Theresia Schlesien zu rauben, den Lohn für das Nichthalten der pragmatischen Sanktion einzustreichen. Wie würde Er dergleichen im Privatleben nennen?«

Der Minister brach nach diesen Worten in ein boshaftes Lachen aus. Er war jederzeit bemüht, Steine auf das Tun des genialen Friedrich zu werfen, dem sein schlaffer Souverän so weit nachstand. Sich die Hände reibend, fuhr er fort:

»Nun, ich denke, im nächsten Frühjahr entwinden wir dem Ruhestörer seine Lorbeeren und holen uns den wohlverdienten Schadenersatz für unsere Kriegsmühen!«

Storke beeilte sich zuzustimmen und zu versichern, daß die sächsische Armee gewiß ihre volle Schuldigkeit tun werde.

»Ich habe ihm in Kürze vorgehalten, wie es in der Politik zugeht«, hub Brühl an, »sollten Ihm nun wieder Skrupel aufsteigen, so denk er daran, wie's die anderen machen, die von aller Welt hochgepriesen werden. Denk er, daß man dergleichen ›groß‹ nennt! Jeder für sich, und Gott für uns alle! Nun geh Er hin, amüsier Er sich, aber vergesse Er nie, daß, will Er meine Gunst und guten Lohn gewinnen, Johann Adolf abzidieren muß.«

Der Minister erhob sich. Er drückte dem Erfreuten ohne Umstände eine schwere Börse in die Hand, damit entließ er sein jetzt völlig gefügiges Werkzeug.

Storke gab noch einmal die Versicherung, mit Bereitwilligkeit und Ergebenheit den Wünschen seines Gönners dienen zu wollen, und zog sich unter tiefen Verbeugungen aus dem Salon zurück. Im Vorzimmer erwartete ihn der Kammerdiener und führte ihn desselben Weges, welchen sie gekommen, wieder auf die Straße.

Es war eine klare, schöne Frostnacht, Mond und Sterne, die an einem tiefblauen Himmel glitzerten, spiegelten sich im breiten Strom der Elbe. Der hehre Frieden, die stille Majestät in der Natur fanden bei dem ruhelosen Manne, der seiner Wohnung zuschritt, keine Beachtung.

Wie furchtbar hatte der in Aussicht gestellte Lohn alle Dämonen in seiner Brust aufgestachelt! Das Dresdener Hofleben, mit seinen Intriguen, seinem Haschen nach Besitz und Genuß, dem allseitigen Ringen und Ueberbieten hatte Storke längst in seine gefährlichen Strudel gezogen. Seinen dunkelen Winkel verlassen, hier im Sonnenglanz der großen Welt eine Rolle spielen können, ausgezeichnet von dem Gewaltigen, sich emporschwingen, wie Jenem es geglückt, welch eine Perspektive!

Vor seiner Tür stehend, fühlte er, daß die Stille seiner vier Wände ihn erdrücken werde, er kehrte um und ging in ein nahes Gesellschaftshaus, wo hohes Spiel getrieben wurde. In einem bunten Kreise üppiger Lebemänner fühlte er sich an seinem rechten Platze. Er wollte versuchen, ob das Gold des Grafen ihm Glück bringe.

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