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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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August.

Auf einem schmalen Grenzrain schlenderte Herr Tanzmann zwischen den leeren Stoppelfeldern dahin. Die Ernte war vorüber, zwischen den gelben Roggenstoppeln machte sich schon das Grün der Ackerwinden, der Quecken und der durch Körnerausfall entstandenen neuen Roggenhalme bemerkbar, die Haferfelder dagegen, die erst vor wenigen Tagen abgeerntet sein mochten, machten jetzt einen vollständig vegetationslosen Eindruck.

O weh, dachte Herr Tanzmann, das ist nun unser deutscher Sommer. Erst wartet man von Anfang März vier Monate lang, bis er kommt, und wenn er da ist, dann nehmen die Tage wieder ab und der Wind pfeift über die leeren Stoppeln.

Der Wind pfiff freilich nicht, sondern es herrschte eine vollkommene Stille. Es war sogar etwas schwül. Die Luft war mit Wasserdampf erfüllt, und am Horizonte hingen schwere weißgezackte Gewitterwolken. Nur an dieser Wetterstimmung konnte Herr Tanzmann den Hochsommer noch erkennen, denn auch auf dem grasigen Feldrain blühten nur solche Blumen, die noch lange dem Herbste widerstehen, die Schafgarbe mit ihren weißen Doldentrauben, die blaue Cichorie, gelbes Habichtskraut und der weiße Kriechklee.

Die Felder endigten an einem welligen, Schluchtenreichen Terrain, das mit kleinen Buschwäldchen besetzt war, die durch grüne Gründe und weiße Sandhügel von einander getrennt waren. Herr Tanzmann streifte mitten durch das Gebüsch hindurch, das bereits das dunkle Grün des Hochsommers zeigte und an welchem Insektenfraß und Pilzbefall ihre Spuren hinterlassen hatten. Auf den Blättern der Espen waren große schwarze Flecke und das Laub des Spindelbaumes war von Raupen fast ganz zerfressen. Trotzdem regte sich noch immer die schaffende Kraft der warmen Jahreszeit. Die Eichenbüsche und die Faulbaumsträucher waren immer noch in kräftigem Wachstum und ihre Triebe entwickelten immer neue zarte Blätter. Allein die Früchte von Bäumen und Sträuchern begannen bereits zu reifen. Mit gelbroten Beeren überschüttet, prangten die Ebereschen herrlich am Rande des Waldes, neben ihnen belebte der Hartriegel mit seinen grünschwarzen, die Berberitze mit ihren ziegelroten und der Schneeballstrauch mit seinen jetzt gelblichen Früchten das Grün der Natur. Des Wanderers Augen ergötzten sich an diesem bunten Kleid des Waldes, der noch bei voller Sommerkraft doch schon die herrlichen bunten Insignien des Herbstes trug. Er versenkte sich in die Tiefen der Naturrätsel und in die Ideen der Menschen, die die Uebergänge wenig beachten und überall schroffe Gegensätze wünschen. In diese Gedanken vertieft, achtete er wenig des Weges, so daß er beinahe über die Menschen gestolpert wäre, die hinter einer breiten Hainbuche lagen und Skat spielten.

Die Spieler, anscheinend gut situierte Leute, waren über die plötzliche Unterbrechung ihrer Hantierung sehr erbost und schrien ihn an:

Nanu, man sachte! Sie können wohl nicht kieken, Mann?

Da kamen sie aber bei Herrn Tanzmann schlecht an. Dessen Gemütsart war so beschaffen, daß er selten die Gelegenheit vorübergehen ließ, eine Derbheit zu sagen, besonders wenn sie sich so schön bot, wie hier. Er sagte also:

Was? Ihr wagt noch, Euern Mund aufzutun, Ihr hohläugigen Spieler! Ihr, die Ihr einem hier die Wege versperrt und die Luft mit Euerm infamen Gewerbe verpestet! Schert Euch damit in eine alte Spelunke, wo der Tag nicht hinscheint! Aber hier bei hellem Sonnenlicht den Gesang der Vögel mit Eurem »Null ouvert« und »ich passe« zu überschreien und die grüne Natur anzuskaten, dazu gehört eine Portion Vandalismus, meine Herren, der mit dem Galgen bestraft werden sollte!

Sprach's und ging wütend hinweg. Die drei Herren sahen einander verdutzt an, als ob ein Irrsinniger in ihren Kreis getreten wäre. Dann aber kamen sie wieder zu sich und schickten dem Weggehenden eine Auswahl gediegener Sonntagsschimpfwörter nach: »Sie alter Fatzke!« »So'n Dussel!« und andere mehr.

Herr Tanzmann eilte schnell weiter, ärgerlich auf sich und die heutige Kultur, und warf sich schließlich unter einer alten Eiche ins Gras. Der Himmel hatte sich mehr und mehr verschleiert und die Luft war noch schwerer und schwüler geworden. Der Wasserdunst umhüllte die ganze Natur mit einem dünnen, weißen Flor. Herr Tanzmann legte sich erschlafft auf den Rücken und sah hinauf in die breite Krone des Baumes. Ein paar Eicheln, die noch grün waren, aber bereits ihre natürliche Größe hatten, fielen herab in Herrn Tanzmanns Gesicht.

Wohl mir, dachte dieser, daß die Eiche kein Kürbis ist, oder vielmehr keine Kokos- oder gar Seychellenpalme, denn wenn die einem eine Zentnernuß auf den Schädel wirft, dann ist man für immer von Kopfschmerzen befreit. Schade, daß es bei uns keine solchen Bäume gibt, denn dann würden selbst Skatspieler mehr Interesse für den Baum haben, unter dem sie sich lagern, und der naturwissenschaftliche Sinn würde bedeutend wachsen!

Herr Tanzmann ruhte noch ein Weilchen aus und sah den Ameisen zu, die an dem borkigen Stamm der Eiche auf- und abgingen und da, wo ihre Wege sich kreuzten, einander mit den Fühlern betasteten.

In den Furchen der Borke hatten sich Raupen eingesponnen und auf den Blättern bemerkte er hie und da kleine kugelrunde Wucherungen, die durch den Stich der Eichengallwespe hervorgerufen worden waren. Dann sprang Herr Tanzmann auf und trabte weiter. Zunächst ging er an einem Grunde hin, dessen Gras jetzt vor dem zweiten Schnitt sehr hoch emporgeschossen war. Eine Menge Blumen, blaue Brunellen, rote Kuckucksnelken, weißes Sumpfherzblatt und vielfarbiger Augentrost schmückten das Grün des Grases mit bunten Flecken. Beim Vorübergehen scheuchte der Wanderer eine Menge von Grashüpfern auf, die mit ihren weiten Sprüngen ein stetes knisterndes Geräusch hervorbrachten.

Als Herr Tanzmann wieder an den Rand eines neuen Buschwäldchens gelangte, erwarteten ihn hier reichbehängte Himbeer- und Brombeersträucher. Er nahm die Einladung zu dem leckeren Mahle dankbar an, und das Bewußtsein, hier genießen zu können, ohne daß Angebot und Nachfrage den Preis bestimmten, ohne daß überhaupt von Preis und Geld die Rede war, erhöhte den Genuß, ganz abgesehen davon, daß die Ware zweifelsohne frisch und nicht durch die Fortschritte der Chemie verfälscht war. Einige Meter von den Fruchtsträuchern entfernt standen ein paar alte stämmige Hollunderbüsche, deren bereits reifende Beeren eine Schar Singvögel angelockt hatten. Die sangen dort beim Schmause in allen Tonarten melodienreiche Lieder der Freude. Herr Tanzmann hätte gern mit eingestimmt, denn er war wieder eitel Lust und Wohlbehagen; aber Gesang war ja seine schwache Seite, das heißt, er war im Herzen voller Melodien, aber er brachte es nicht heraus, nicht einmal mit Pfeifen.

Die Sonne wurde jetzt immer matter, und am Südwesthimmel zog eine schwere schwarze Wolkenwand heraus. Ein paar Schwalben, die sich hier in die Gegend verirrt hatten, flogen tief am Erdboden dahin. Der Wanderer wurde von Fliegen und Stechmücken gepeinigt, die sich jetzt wie besessen auf seinen Händen und an seinem Halse festsaugten.

O weh, sagte Herr Tanzmann zu sich, diesmal bekommen wir ein Donnerwetter, aber nicht zu knapp!

Und er sah sich nach irgend einem Unterschlupf um, fand aber nichts, da er bei Gewitter nicht unter einem hohen Baum Schutz suchen wollte. So blieb ihm nichts übrig, als sich dem Dorfe zuzuwenden, das etwa eine halbe Stunde entfernt am Ende einer langgestreckten Erdrinne lag, die von dem hügeligen Terrain seitwärts abbog. Herr Tanzmann beeilte sich, denn er wußte, daß ein Gewitter sehr schnell heranzieht. Er fand denn auch bald einen sandigen Feldweg, der an öden Kiefernhaiden vorüber nach dem Dorfe führte. Die Vegetation am Rande des Weges machte einen sehr dürren Eindruck. Strohige gelbe Immortellen und staubige violette Natterkopfblumen hoben sich aus dem spärlichen grauen Grase, und der Thymian bildete zwar schön lilarote aber doch niedere, magere, kreisrunde Polster. Von Zeit zu Zeit kam Herr Tanzmann an einer alten Silberweide vorüber, deren graue Blätter zu dieser öden Landregion vortrefflich paßten.

Die Wetterwand war höher heraufgezogen, und bereits ertönten die ersten die Luft dumpf erfüllenden Schläge des fernen Donners. Ein seltsames, trübes, phantastisches Licht gab der Natur ein unheimliches Aussehen. Herr Tanzmann ging in einen leichten Trab über, wobei der lose Sand wie Wasser von seinen Stiefeln rann. Nun führte der Weg mitten durch eine Kiefernhaide, hier wurde das Gras, durch den Schatten der Baume beschützt, grüner, die dürren Kiefern dagegen strömten, anstatt zu erfrischen, eine Backofenhitze aus, die fast unerträglich war. Der Baumbestand war sehr lückenhaft, silberne Flechten umspannen die Stämme und die Zweige der Kiefern. Doch unter ihnen machte sich das Haidekraut breit, dessen liebliche Blüten sich nun erschlossen hatten.

Der Himmel wurde finsterer, und der Donner ließ sich lauter vernehmen. Herr Tanzmann rannte immer schneller, dabei scheuchte er einen Rehbock auf, der schnell über den Weg setzte und wieder zwischen den braunen Stämmen der Kiefern verschwand. Kurz vor dem Dorfe verließ der Weg wieder den Wald und führte durch eine vollständig vegetationslose Sandwüste, ein Terrain losen Flugsandes, das sich stetig ausdehnte und die Fluren ringsum begrub. Jetzt freilich lag der Sand ruhig da, es dauerte aber kaum eine Minute, so konnte Herr Tanzmann die Tätigkeit dieser kleinen Sahara beobachten. Die Wolkenwand rückte näher heran und ihr voran ging ein heftiger Windstoß, der rauschend über die Gegend strich. Wie mit Millionen Händen schüttelte er die Wipfel der Bäume, die Stengel der Blumen, die Halme der Gräser, und nun faßte er die Sandkörnchen und trieb sie als dicke Staubwolke vor sich her. Die ganze kleine Sandwüste war in wirbelnder wallender Bewegung, in der Herr Tanzmann wie im Pulverdampf verschwand. Und während die feinen Körnchen vom Winde weit weggetragen wurden, rollten die schweren surrend am Boden hin, um an den umliegenden Fluren hängen zu bleiben und so das Terrain der Wüste zu vergrößern.

Nun kam das Gewitter heran. Der Donner wurde lauter, blendende Blitze durchzuckten die Luft in gebrochenen Strahlen und gellende Schläge folgten ihnen. Es fing an in großen Tropfen zu regnen. Nun sauste Herr Tanzmann in Karriere dahin, er wollte um jeden Preis mit dem Wetter um die Wette laufen und ihm zuvorkommen. Im Nu war er auf der breiten Dorfstraße angekommen, und nun ging es in mehr gesittetem Trabe vorwärts. Er eilte an Akazien vorüber, die bereits mit braunen Hülsen behangen waren, an dichtkronigen Kastanien, unter denen grüne stachelige Früchte in Menge lagen, an Gehöften, an Gärten vorüber, in denen die Astern und Georginen schon blühten und die Kletterbohnen sich um drei Meter hohe Stangen rankten. Der Regen ward stärker und die Gewitterschläge dröhnten mit unaufhörlichem Knattern und Rollen. Bevor aber Herr Tanzmann das schützende Wirtshaus erreichte, hatte er noch ein Abenteuer mit zwei wild gewordenen Schweinen zu bestehen, die aus einem Bauernhofe ausgebrochen und von einer Schar Weiber und der Dorfjugend verfolgt, Herrn Tanzmann gerade in die Beine getrieben wurden. Herr Tanzmann wollte die Tiere aufhalten, er faßte das eine am Ohr, es entlief ihm aber quiekend, während der Wind ihm seinen Hut entführte, zum Gaudium der gesamten Zuschauerschaft. Herr Tanzmann rannte seinem Hute nach, holte ihn einmal schon ein und trat mit dem Fuße darauf, der Hut entwischte dennoch wieder, eilte weiter und blieb erst an der Tür des Wirtshauses liegen. Da hatte denn Herr Tanzmann nichts weiter zu tun, als dem treuen Gefährten seiner Fahrten zu folgen.

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