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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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Juli.

Am Fuße eines bewaldeten Hügels lag ein kleiner seichter Wassertümpel. An der Kälte des Wassers, an der spärlichen Vegetation und an der Versandung des Grundes erkannte Herr Tanzmann, daß er sich an einer Quelle befand. Er freute sich, daß er hier eine solche interessante Naturerscheinung in unverfälschter Echtheit sehen konnte.

Es wundert mich, sagte er zu sich, daß dieses Stück Erde bisher dem schändlichen Treiben der Verschönerungsvereine entgangen ist, die sonst Quellen zum Haupttummelplatze ihrer ruchlosen Künste ersehen. Es ist wirklich bejammernswert, wie diese Vereine anderwärts die Wasserader bloßlegen, mit Steinen einmauern und das Wasser durch ein Rohr fließen lassen, wie beim Ausguß in einer Berliner Küche. Und er dachte weiter daran, wie sie am Ende des Rohres eine eiserne Schlange oder einen Hundekopf anbringen, der das Wasser höchst geschmackvoll ausspeit. Daran befindet sich dann entweder ein verrosteter Becher, der angekettet ist, damit er nicht davonläuft, oder ein armer Invalide wird dazu verdammt, an der Quelle Wache zu halten und gegen Trinkgeld den Naturtrank in Gläsern zu kredenzen wie in einer Selterwasserbude.

Kurzum, dieser Schmerz blieb Herrn Tanzmann hier erspart. Keine Ueberschrift, kein Gedicht verriet hier, daß der Wassertümpel eine Quelle darstellte. Der Wanderer mußte sich daher Punkt für Punkt das Verständnis dieses kleinen Erdenfleckes zu verschaffen suchen. Zunächst schritt er die Grenzen des Tümpels ab. Da stellte sich heraus, daß das Terrain weiter bergabwärts naß und Sumpfig blieb, bergaufwärts dagegen schloß der Tümpel mit einer kleinen, etwa meterhohen Erdwand ab, an der der rohe frische Boden zutage trat. Am Fuße dieser Wand bemerkte Herr Tanzmann an verschiedenen Stellen im Wasser kleine Strudel, offenbar drang hier die Flüssigkeit aus der Erde in mehreren Adern hervor. Das herausfließende Wasser unterminierte den Boden, so daß dieser nachstürzte und die Erdwand bildete. Das Wasser breitete sich dann zunächst planlos aus, so daß es teils den Tümpel bildete, teils das umliegende Land versumpfte. Woher aber kam das Wasser überhaupt? Der ganze Hügel mit seinem Laub- und Nadelwald und seiner immerwährend dichten Bodendecke stellte ohne Zweifel ein großes Reservoir dar, in dem sich alle Feuchtigkeit der Luft, besonders der Regen sammelte, ohne den Berg hinabzufließen. An einem alten Fuchsbau aber, dessen Eingang unter einem Haselbusche in der Nähe lag, konnte Herr Tanzmann beobachten, daß unter der vorwiegend sandigen Oberfläche des Waldbodens eine feste Tonschicht sich befand, die keinen Tropfen Wasser durchließ. Der Regen mußte also bei seinem Einsickern in den Boden schließlich über der Tonschicht Halt machen, die sich wahrscheinlich wie ein Sammelbecken unter der ganzen Fläche des bewaldeten Hügels hinzog. Dieses Becken war nun jedenfalls nach der Seite, wo jetzt die Quelle lag, geneigt und trat hier mit seinem niedersten Rande an die Oberfläche. So fand denn alles Wasser, das der Waldboden des Berges aufnahm und das dann bis auf die Tonschicht niedersickerte, hier seinen Ausweg. Hier trat das Wasser zutage, hier überschwemmte und versumpfte es den Boden, der einen niederen dunkelgrünen Graswuchs zeigte. Im Bereich des Sumpfbodens stand kein Baum und kein Strauch. Das kalte Wasser ließ ohne Zweifel das Aufkommen einer anspruchsvolleren Pflanzenwelt nicht zu.

Herr Tanzmann schritt längs des sumpfigen Landstreifens hin bis zu der Stelle, wo sich das Wasser in einem kleinen Bache sammelte und nun schneller, traulich plätschernd, dahinfloß. Zunächst zog sich der Bach unter dem dichten grünen Dache von Buchen hin, die seine Ufer so beschatteten, daß keine Vegetation an ihnen aufkommen konnte. Späterhin, als der Bach durch Aufnahme der Waldesfeuchtigkeit mehr gewachsen und breiter geworden war, waren seine Ränder mit einem üppigen Grün bedeckt. Zwischen den spießförmigen Blättern der Wasserschwertlilie, den Rispen des Süßgrases und den mächtigen Blättern des Wasserampfers schauten die himmelblauen Blüten des Sumpfvergißmeinnichts und die weißen Quirltrauben des Froschlöffelkrautes hervor. Langfüßige Teichläufer hüpften über das Wasser und glänzend schwarze Taumelkäfer spielten auf der Oberfläche ihr unermüdliches, drehendes Spiel.

Der Bach verließ schließlich den Wald und zog sich nun in unzähligen Windungen durch die Fluren dahin. Sein Lauf war auf weite Entfernungen hin durch ein dichtes Gebüsch gekennzeichnet, das seine Ufer einfaßte. Es waren besonders Erlen, die als kleine Bäume oder mächtige Sträucher dicht aus dem Rande des Baches hervorstiegen und sich gewissermaßen an ihn anklammerten, ihn begleiteten und festhielten, um von seinem Wasser mit immer durstiger Kehle zu trinken, und in seinem Schutze vor der Ausrottung durch die Holzaxt gesichert zu sein. Auch Weiden folgten dem Laufe des Baches, als kleines Gebüsch aber füllten der Kreuzdorn und der Faulbaum die Lücken aus, die Erlen und Weiden übrig ließen. In das Wasser hinein breiteten sich die dünnen braunen Aeste des schwarzen Johannisbeerstrauches aus und die Ranken des Bittersüß schlangen sich mit ihren violett und gelb gefärbten Blüten hoch in das Geäst der Erlen.

Herr Tanzmann konnte das fließende Wasser nur von Zeit zu Zeit sehen, obwohl er dicht am Bache entlang ging, denn Bäume und Sträucher waren so eng von großblättrigem Hopfen umschlungen, daß der Bach streckenlang wie mit undurchdringlichen Wänden eingefaßt und von einer dichten Decke überhangen war. Wo er aber ganz an den Rand herantreten konnte, sei es, daß hier ein zu hoch gewordener Baum der Holzaxt anheimgefallen war, sei es, daß das Wasser selbst das Gebüsch weggespült hatte, da hatte er prächtige Durchblicke über das in einer Laubhalle dahinfließende Wasser. An diesen offenen Stellen hatte sich eine üppige Staudenvegetation entwickelt. Rotblühende Weidenröschen, blaue Veronika und lilafarbene Wasserminze bildeten im Verein mit weißen Doldenblütlern einen meterhohen dichten Ufersaum.

So oft Herr Tanzmann an das Waffer herantrat, schreckte er einige Frösche auf, die im feuchten Grase sitzend, Insekten auflauerten. Sie fühlten sich außerordentlich behaglich, lagen auf ihrem dicken Bauche und wenn sie eine Fliege gewahrten, sprangen sie auf und schnappten das Tierchen sehr geschickt im Sprunge weg. Alsdann lagen sie wieder ruhig auf dem Bauche und sahen mit ihren Glotzaugen in die Welt. Wenn aber Herrn Tanzmanns Fuß nahe daran war, auf sie zu treten, bekamen sie einen Schrecken, sprangen auf und plumpsten, eine helle Flüssigkeit hinter sich spritzend, in das Wasser und Herr Tanzmann sah ihnen nach, wie sie mit ihren langen Beinen das Wasser durchschnitten und eilig davonschwammen.

Es war ein schöner, heiterer Tag. Das helle Sonnenlicht gab dem wolkenlosen blauen Himmel einen weißlich flimmernden Schein. Es war sehr heiß, aber das Ufergebüsch gewährte Herrn Tanzmann genügenden Schatten. Und obwohl über den Stoppelfeldern, auf denen die Roggengarben mandelweise aufgeschichtet standen, eine Siedehitze lagerte, so kühlte doch das Wasser und der üppige Pflanzenwuchs die Luft bedeutend ab. Herr Tanzmann folgte denn auch unverdrossen den unzähligen Windungen des Baches, dessen Ufer bisweilen sehr abschüssig waren und dessen Gebüsch so unregelmäßige Linien bildete, daß der Wanderer nur im Zickzack gehen konnte. Dazu stießen von Zeit zu Zeit auch Kartoffelfelder an den Bach, und die bereits sehr hohen Pflanzen drängten sich so an das Ufergebüsch heran, daß Herr Tanzmann die Zweige des letzteren öfter zur Seite biegen mußte, um die Kartoffeln nicht zu zertreten. Das Mißlichste aber waren die stachligen Ranken der Brombeeren, denen man vorsichtig ausweichen mußte, damit man nicht an ihnen hängen blieb und sich Kleider und Haut zerriß. Trotz dieser Schwierigkeiten blieb Herr Tanzmann guter Laune. Denn obwohl er über die Gebilde der Menschen leicht in Aufregung geraten konnte und schnell und unbedacht ein böses Wort hinwarf, so konnte ihn die Natur nie außer Fassung bringen. Sie war für ihn die Meisterin, der er willig folgte, das Gesetz, dem er sich blind unterwarf.

Als Herr Tanzmann den vielen Windungen des Baches folgte, sah er, daß in dieser Bildung von Schlangenlinien ein gewisses System lag. Selbst wenn das Wasser zunächst in gerader Linie geflossen wäre, so hätte doch leicht ein in den Bach wachsender Erlenbusch oder ein Stück eingestürzten Ufers sofort eine andere Strömung hervorgebracht. Das Wasser hätte einen Widerstand gefunden, wäre hier abgeprallt und zum entgegengesetzten Ufer hinüber gelenkt worden, von hier wiederum nach der anderen Seite und so fort. So wäre die Strömung dann in einer Zickzacklinie verlaufen. An allen den Punkten aber, wo das Wasser anstieß, mußte sich der Boden abbröckeln, hier riß das Wasser stetig Erdreich hinweg. An allen Stellen des Ufers hingegen, die von der Strömung nicht berührt wurden, mußte sich der losgerissene Boden, überhaupt alles Gespüle ablagern. So war denn das Ufer an den Strömungsstellen steil, vom Wasser unterspült, während an den toten Rändern sich Landzungen von flachem schwarzem Boden in den Bach hineinschoben. Und dieses Abnagen auf der einen und das Anschwemmen auf der anderen Seite trug nur dazu bei, die Richtung des Wasserstoßes stets zu verändern und die Windungen des Baches komplizierter zu machen.

So schlängelte sich der Bach durch die Fluren dahin. Bisweilen zog er sich auch an einem Felde gelbblühender Lupinen hin, von denen ein schwerer, süßer Geruch ausging. Zuweilen streifte er ein Haferfeld, dessen Rispen auch der Reise entgegengingen. Dabei nahm der Bach bald von rechts, bald von links einen kleinen Zufluß aus den Gräben der Fluren aus, die freilich jetzt, im Hochsommer, nicht viel Wasser zuführten. Im Frühling und Herbst mochte das anders sein, und Herr Tanzmann konnte an der Höhe der Bachrinne erkennen, daß der Wasserstand zuweilen bedeutend höher sein mußte. Erst späterhin gelangte der Wanderer an eine Stelle, wo die Ufer des Baches sehr flach waren, und wo sich das ganze Bachterrain zu einer langgestreckten feuchten Wiese ausdehnte. Die Wiese, die sich jetzt vom Grasschnitt im Juni wieder erholt hatte und schön grün aussah, mochte zu Zeiten hohen Wasserstandes völlig überschwemmt sein und dann ein großes, breites Flußbett bilden. Die anliegenden Aecker wurden dabei vom Wasser verschont, da sie sich in steiler Böschung einige Meter hoch über die Wiese erhoben. Der Bach selbst wurde immer breiter, er war wohl selbst vom besten Turner nicht mehr zu überspringen und Herr Tanzmann mußte, wenn er von einem Ufer zum anderen wollte, die primitiven Brücken der Landleute benutzen: zwei morsche Erlenstämme, die nebeneinander über den Bach gelegt waren.

So wanderte Herr Tanzmann noch lange an dem freundlichen Bache hin, bis dieser sich schließlich in einen Fluß ergoß. Noch eine Weile konnte man das frische Bachwasser in dem trübe dahinschleichenden Flusse sehen, dann verteilte es sich und vereinte sich mit ihm.

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