Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Curt Grottewitz >

Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
Schließen

Navigation:

April.

Auf einer Berglehne, die sich beträchtlich über die umliegende Gegend erhob, stand Herr Tanzmann und blickte auf das Land zu feinen Füßen herab. Er sah aber nichts, gar nichts. Er konnte und wollte auch nichts sehen, denn ein mit leichtem Schnee untermischter Regen prasselte unbarmherzig auf seinen eingezogenen Kopf und feinen gekrümmten Rücken herab, so daß das Wasser von der Krempe des Kalabresers und den Zipfeln des Jacketts strahlartig herniederfloß. Herr Tanzmann sagte nichts anderes als das eine Wort: Entzückend!

Bei der Gemütsart des Herrn Tanzmann könnte dieses Wort falsch aufgefaßt werden. Er meinte es aber wirklich ganz ernst. Er war gerade au f seinem diesmaligen Spaziergange mit dem Wetter beschäftigt und es entzückte ihn, daß dasselbe sich in den mannigfaltigsten Abwechselungen erging. Frost, Kälte, Wärme, Schnee, Regen, Graupeln, Sonnenschein, ein Gewitterschlag, alles hatte es seit früh 6 Uhr, wo Herr Tanzmann Berlin verlassen hatte, bereits gegeben. Nun war noch Schnee und Regen zusammen gekommen. Kurzweiliger konnte keine Witterung sein. Die Urania-Säulen hatten schönes Wetter prophezeit, die Zeitungen Regen, der Wirt vom Blauen Krug Schnee. Alle drei hatten vollständig recht gehabt in ihrer Art, und Herr Tanzmann konnte einmal wieder konstatieren, daß das Wetterprophezeien eine leichte und Anerkennung bringende Sache ist für die Wissenschaft wie für den Laien, nur darf man nicht unbescheiden sein und glauben, daß die Prophezeiung durchaus in Erfüllung gehen müßte; aber irgendwie und irgendwo trifft die Prognose schon einmal zu, darauf kann man Gift nehmen!

Der Schneeregen wütete weiter. Schwarze aufgelöste Wolkenmassen zogen, vom Westwind gepeitscht, in niedriger Höhe über die Erde hin und verfinsterten den Tag. Dann aber wurde es im Westen wieder hell, und nun sah Herr Tanzmann, wie sich das Ungewitter nach dieser Richtung zu in gerader Linie von dem blau erstrahlenden Westhimmel abhob. Dort unten lachte bereits die Sonne über den Fluren, und das Wetter wich mehr und mehr nach Osten. Ein paar Augenblicke und das Gewölk schüttete die letzten Tropfen auf Herrn Tanzmann, dann zog es schnell davon. Der Wanderer folgte ihm mit dem Blick, wie es schattenartig nach Osten trieb und am Himmel eine breite Wand von regelmäßigen Wasserstreifen bildete. Jetzt erschien das Unwetter ganz klein, obwohl es vorher, während es noch über Herrn Tanzmann herniederprasselte, ausgesehen hatte, als ob die ganze Welt in Wasser, Schnee und Finsternis versinken wolle.

Nun lachte die herrlichste Frühlingssonne am blauen Himmel. Die Lerche begann wieder zu singen, und ein gelber Zitronenvogelschmetterling flatterte suchend umher. Der Wanderer überschaute die Gegend, die bereits im ersten zarten Grün des Frühlings prangte. Auf den Wiesen, die unterhalb des Hügels lagen, war junges Gras hervorgeschossen, allein es stach zu dieser Zeit doch wenig hervor, da jetzt die breiten Köpfchen des Löwenzahn und die offenen Blüten der Sumpfdotterblume den Wiesen ein leuchtendes Gelb gaben.

Aha, sagte Herr Tanzmann, jetzt sind wir im Zeichen des Gelben, in einigen Wochen kommt dann das Weiße, später das Rot. Merkwürdig, daß die Pflanzen solche Masseneffekte lieben. Nichts weiter als Reklame, elendigliche Reklame!

Und als Herr Tanzmann den öden, von noch immer schwarz-braunem Haidekraut bestandenen Hügel hinablief und an die Wiese herantrat, hörte er ein Summen von Bienen und anderen Insekten, die die gelben Blumen umschwärmten. Aha! Da sind die Kerls, sagte er. auf die die Reklame es abgesehen hat. Zum Glück sind die Waren in der Natur wenigstens nicht verfälscht.

Und er sah, wie die Insekten auf den Blüten Platz nahmen, wie sie sich förmlich hinein verkrochen und den Honig aus ihnen sogen, er sah, wie sie dabei mit dem Blütenstaub ihren Körper einpuderten, wie sie zu anderen Blüten flogen. und der Staub dort auf den Narben der Stempel hängen blieb, so daß die Blumen dadurch befruchtet wurden.

Ja, die Natur hat ihre Wunderlichkeiten, sagte Herr Tanzmann nachdenklich. Hier bei den Blumen ist die Verheiratung das reine Geschäft wie bei denen in Groß-Berlin. Die Insekten sind die Heiratsvermittler, und der Honig ist der Kuppelpelz.

An der Wiese standen weißstämmige Birken, die mit dem ersten unendlich zarten hellgrünen Laub leicht behangen waren und in diesem ersten Frühlingsschmuck ein überaus anmutiges wohltuendes Bild boten. Die anderen Bäume, die ringsumher verstreut standen, hatten ihre Blätter noch nicht so weit entfaltet. Aber das Buschwerk, das einen am Hügel hinführenden Fußweg begleitete, hatte sich auch bereits mit einem zierlichen Grün überzogen. Besonders der Hollunder und die Heckenrose hatten schon ihr volles Blattwerk bekommen. Und plötzlich blieb der Wanderer stehen. Ein wunderbarer Veilchenduft erfüllte die Luft. Und nun sah er nahe den Büschen im Grase verborgen die kleinen Blumen, denen es in ihrer schattigen Einsamkeit so wohl zu gefallen schien.

Und ihr, ihr Bescheidenen, dachte Herr Tanzmann, ihr werdet in das grelle Licht und das Gewirr der Großstadt gerissen und zusammengebündelt, einen Sechser das Bukett, an die Herren der Friedrichstraße verkauft. Ja, ja, ein Päckchen Unschuld für einen Sechser, soviel kann man dafür schon ausgeben.

Als er den kleinen Fußweg weiter hinschlenderte, ließ sich von einem nahen Laubwäldchen her der Kuckuck vernehmen. Herr Tanzmann zählte andächtig wie ein Kind die Rufe, indem er an die Frau Tanzmann, seine Mutter, dachte, die das auch immer tat. So viel Rufe, so viel Jahre hat man noch zu leben. Die Frau Tanzmann lebte danach noch sehr verschieden lange. Wenn der Kuckuck über dreißigmal rief, dann sagte sie freilich überlegen, wenn auch mit verhaltenem Glücksgefühl: Nein, Herr Tanzmann, nein, ich glaube es nicht, so lange lebe ich nicht mehr, nein, nein. Wenn er aber bloß einmal rief, dann war das Unglück groß. Du wirst sehen, Herr Tanzmann, dies Jahr gehe ich ein, jawohl, ganz bestimmt! So schwankte sie von Freude zu Trauer, mitunter mehreremal in einem Tage. Während Herr Tanzmann daran dachte, zählte er bereits 51 Rufe. Das war ihm doch zu stark. Er nahm seinen Hut ab und klatschte ihn heftig auf die hohle Hand. Das Geräusch vertrieb den allezeit schüchternen Kuckuck sofort von seinem immerhin sehr entfernten Standorte. Herr Tanzmann sah den dunkelen, taubengroßen Vogel jäh hinwegfliegen und in der Ferne verschwinden.

Im Westen zog von neuem ein Wetter auf. Zunächst lag es als eine schwarzgraue Wand über dem Horizont. Aber allmählich breitete es sich aus und rückte näher herauf, während noch die Sonne in vollem Glanze schien. Man konnte aber schon deutlich die Wasserstreifen des Ungewitters sehen. Es waren gelblich weiße Wolken dabei, die auf nichts Gutes deuteten. Herr Tanzmann sah ganz genau, wie das Wetter heranrückte. wie es einige hundert Meter von ihm bereits regnete und wie die Wolken- und Regenmasse, von einem wütenden Weststurm getrieben, näher und näher rückte und die ganze Landschaft in ihre schwarze Finsternis aufnahm. Herr Tanzmann klappte den Jackettkragen hoch, zog die Krempe des Kalabresers nieder und duckte sich unter einen Hollunderbusch.

Diesmal wird es wieder entzückend werden! dachte er. Es wurde in der Tat entzückend. Das Wetter kam mit Blitzesschnelle heran, die Sonne verschwand, und der Regen prasselte in Strömen hernieder. Man konnte nicht zehn Schritt weit sehen, so groß war das Dunkel, das von dem Unwetter ausging Die Blätter des Hollunderstrauches nahmen die ersten Regentropfen auf, nach kurzem aber ließen sie diese in gesammelter Ausgabe auf Herrn Tanzmann herabrieseln. Bei dem Regen ließ es das Aprilwetter aber nicht bewenden. Es folgten bald Graupeln, Schlossen und kleine Hagelkörner, die so wütend auf des Wanderers Kopf und Hinterseite prallten, daß dieser sich ganz in das Geäst des großen Busches verkroch, um nicht mit blauen Flecken heimzukehren. Trotz alledem konnte er es sich nicht versagen, verstohlen nach dem Treiben des Wetters auszulugen. Die Hagelkörner schlugen mit surrendem Geräusch auf den Boden, der bald mit einer dünnen Schicht weißer Eiskügelchen bedeckt war. Sie waren stark genug, um die Blätter der Gebüsche unsanft anzufassen, zum Glück aber ging der Hagelschauer schnell vorüber, und die Eiskörner zerrannen schnell in Wasser. Darum ließ der Regen freilich noch nicht nach. In Strahlen klatschte er auf den Boden und spritzte zerstäubend ein Stück wieder in die Hohe. An der öden Berglehne rann das Wasser jetzt von verschiedenen Seiten zusammen, bohrte sich Rinnen, die sich wieder vereinten und schließlich einen kleinen Bach bildeten, der gurgelnd herabfloß. Dabei schwemmte das Wasser die Erde mit sich fort, färbte sich ganz trüb und spülte den Sand herunter an den Fuß des Hügels. Offenbar hatte der Regen diese Tätigkeit seit einem undenklichen Zeitraume geübt, denn der Wanderer bemerkte jetzt, daß der Hügel nicht in einem gleichmäßigen Bogen zu den Wiesen herabfiel, sondern vor diesen sich in eine breite, rampenartige Bühne abflachte. Diese Erdbühne, auf welcher sich eben der Fußweg hinzog, war ohne Zweifel der Schwemmsand, den das Regenwasser von dem Hügel im Laufe der Jahrtausende herabgespült hatte.

So flacht sich nun die Erde allmählich ab, sagte Herr Tanzmann zu sich, wenn nicht einmal wieder eine große Revolution eintritt, werden wir nach und nach platt werden, wie eine russische Steppe.

Unterdessen hatte der Regen nachgelassen, das Wetter war wie vorher schnell davongeeilt, und die Sonne strahlte wieder vom blauen Himmel. Blätter und Blumen und Gräser glänzten wie im Morgentau, und von den Sträuchen rollten noch lange schwere Wassertropfen. Der Wanderer schlenderte weiter an den gelbblühenden Wiesen hin. Nach einiger Zeit jagte er einen Storch auf, der mit seinen langen Beinen im Grase neben einem Wiesengraben gestanden und eben einen Frosch verspeist hatte. Der Vogel flog mit lang ausgestreckten Beinen und gewaltig wuchtenden Flügelschlägen davon nach der Richtung, wo die Frau Tanzmann, seine Mutter, wohnte.

O weh, wenn die den Klapperstorch sieht! dachte Herr Tanzmann lächelnd. In dem Punkte hat sie auch einen kuriosen Aberglauben, obwohl sie jetzt 55 Jahre alt ist...

Und weiter ging Herr Tanzmann auf dem Fußwege, zur einen Seite die gelbblühenden Wiesen, zur anderen bald ein kleines Laubgebüsch mit eben ergrünenden Bäumen und Sträuchern bald ein Stück Kiefernwald, in dem die Heidelbeeren eben ihre jungen Blätter bekommen hatten, bald ein saftig grünes Roggenfeld, dessen Halme bereits fußhoch emporgeschossen waren. Schließlich gelangte Herr Tanzmann an einen kleinen, weißglänzenden See, dessen Ufer mit schwärzlich-grünen Kiefern bewachsen waren. Im Uferwasser stand noch das gebleichte dürre Schilf des vorigen Jahres, aber bereits kamen die hellgrünen Sprosse der jungen diesjährigen Pflanzen über den Wasserspiegel hervor. Ein wirres Gespüle von alten Pflanzenstengeln, Bruchholz, leeren Muschelschalen lag am Strande, aber schon schwammen die dicken, keimenden Wurzelstücke des Wasserampfers, junge Pflanzen der Wasserschere und des Froschbisses am Ufer umher. Und zwischen den leeren Molluskenschalen krochen lebende Schnecken in mannigfaltig geformten Arten hin und her. Aus dem Schilf flogen mit viel Geschnatter wilde Enten auf, die nahe am jenseitigen Ufer sich wieder niederließen, sich jagten und bald über das Wasser rauschten, bald in die Höhe flogen in wechselndem Liebesspiel. Ueberall wurden die Spuren des vergangenen Winters durch kräftig sich regende Zeichen des vollen Naturerwachens verdrängt. –

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >>