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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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November.

Der Himmel war mit einer gleichfarbig grauen Wolkendecke behängt. Die Sonne war unsichtbar und nicht der leiseste Schein von Helligkeit verriet ihren Stand. Es herrschte ein bleiernes trübes Wetter und die Luft war rauh und ein wenig feucht. Herrn Tanzmanns Ohren wurden rot, er rieb sie aber von Zeit zu Zeit, so daß das Blut in ihnen in Bewegung kam und der Kälte von außen eine um so größere Wärme von innen entgegensetzte. Herr Tanzmann marschierte ganz unwillkürlich etwas schneller als gewöhnlich.

Der Weg führte durch eine langgestreckte Ortschaft, die jetzt, wo die Bäume ihres Blätterschmucks beraubt waren, einen recht ärmlichen Eindruck machte. Die kleinen Dorfhäuser und die strohgedeckten Scheunen lagen unfreundlich da in der düsteren Umrahmung schwarzer Bäume, deren kahle Zweige sich in vielgliedriger Verästelung in die trübe Luft ausbreiteten. Die Gärten waren bedeckt mit buntfarbigem Laube, man konnte noch ganz gut die orangeroten Blätter der Sauerkirschen von den gelben und grünlichen der übrigen Obstbäume unterscheiden. Auch der schmutzige Dorfweg mit seinen nassen Rinnen von Wagengeleisen war hier und da mit einem bunten Teppich von Laub bedeckt. Hier herrschten die verschrumpften grünlichen Fiedern der Akazien und die braunen Blätter der Kastanien vor. Herrn Tanzmanns Fuß raschelte durch das aufgehäufte Laub, so daß er eine Schar Spatzen aufscheuchte, die in einer Bocksdornhecke gesessen hatten und nun in das leere Geäst eines krummen Pflaumenbaumes flogen. An derselben Hecke schlich sich eine Katze auf leisen Sohlen hin, sie hatte es ohne Zweifel auf eine der kleinen Kohlmeisen abgesehen, die in dem Dornengestrüpp ein ziemlich sicheres Versteck hatten. In der Nähe des Gasthofes bildete das Regenwasser einen kleinen Tümpel, der von einem Volk Gänsen als Badeplatz benutzt wurde. Hier erweiterte sich die Dorfstraße zu einem Platz, in dessen Mitte eine »Friedenseiche« sowohl wegen ihrer diebessicheren Umzäunung als auch wegen ihres dichten erdbraunen Laubes in die Augen fiel.

Die Dorfbewohner hatten sich bereits auf die Winterkälte vorbereitet. Die Brunnenrohre waren mit Stroh umwickelt und um die Grundmauern der Häuser lag ein dicker Wall von welkem Kartoffelkraut, der die Kellerfenster verhüllte und den Frost von den Wohnungen abhalten sollte. Aus den Schornsteinen der kleinen einstöckigen Wohnhäuser drangen schwarze Rauchwolken, deren anheimelnden Torfgeruch Herr Tanzmann mit Wohlgefallen aufnahm. Der Rauch zerteilte sich und schwebte zum Erdboden herab, die Luft war zu stark mit Wasserdampf erfüllt, als daß er in ihr hätte emporsteigen können. Sie war so trüb, daß den ganzen Tag über eine unveränderliche fahle Dämmerung herrschte. Die hellsten Farben erschienen Herrn Tanzmann heute matt, selbst die milchweißen Fruchtkügelchen, mit denen die Schneebeerensträucher eines Bauerngartens behängt waren, konnten heute keine Kontrastwirkung mit ihrer Umgebung hervorrufen.

Es steckt etwas verdammt Trübes in so einem Novembertage! sagte der Wanderer zu sich. Es ist weder der farbenbunte milde Herbst noch der markige robuste Winter. Es ist keine Melancholie und keine Strenge, der November hat etwas Schleichendes, Finsteres, er ist rauh und unwirsch und unendlich trüb wie der Tod!

Herr Tanzmann verließ das Dorf und wanderte auf ebenem, sandigem Wege dahin, dessen Seiten durch Reihen von Hängebirken bezeichnet waren. Die dünnen Zweige der Bäume fielen malerisch wie Haarsträhne von den Aesten herab, und während diese und der Stamm mit schneeweißer Rinde bedeckt waren, hatten die Zweige einen blassen karminroten Schein. Die Gegend war ziemlich unfruchtbar, es waren sehr sandige Aecker, die zum Teil die grauen Ueberreste der Lupinen trugen. Ein Teil lag auch vollständig brach und war bedeckt mit den rotangelaufenen Rosetten des Reiherschnabels, der auch jetzt noch nicht müde geworden war, seine kleinen rosaroten Blüten emporzuschicken. Wenige Aecker waren auch mit Roggen besäet, der, obwohl schlecht aufgegangen, doch bereits schöne grüne Flächen bildete. Trotzdem blieb die Gegend armselig, wer hier den Acker bebaute, der mochte wenig Freude an ihm haben. Von Zeit zu Zeit tauchten einige Krähen auf, deren heiseres Schreien die Luft durchdrang. Bisweilen ließ sich eine auf dem Ackerlande nieder und watschelte ziemlich unbeholfen und langsam über den Boden hin. Bedeutend flinker waren die niedlichen Haubenlerchen, die wenige Schritte vor Herrn Tanzmann quer über den Weg trippelten. Sie rannten mit ihren kurzen Beinchen so geschwind, daß man sie nur in schnellem Laufe eingeholt hätte. Sie erregten sogar den Neid des Herrn Tanzmann, der sich auf seinen schnellen Schritt etwas einbildete und mit dem niemand auf die Dauer gehen konnte, ohne sich die Schwindsucht anzulaufen.

Im Weitergehen hatte der Wanderer die immerhin seltene Gelegenheit, einen lebenden Maulwurf zu beobachten. Es war nicht recht ersichtlich, wieso das lichtscheue Tier an die Oberfläche der Erde gelangt war. Möglicherweise hatte es den finsteren Tag für eine Fortsetzung der Nacht angesehen. Jedenfalls bemerkte es Herr Tanzmann, als es gerade im Begriffe war, sich wieder in die Erde einzuwühlen. Es schob sich scharrend so schnell hinab in den Sand, daß es im Nu verschwunden war. Herr Tanzmann jedoch war rasch am Werk, er spießte seinen Spazierstock an der Stelle, wo das Tier wühlen mochte, in die Erde, bog ihn zur Seite und grub den Maulwurf auf diese Weise wieder aus. Dieser war jedoch mit der neuen Situation keineswegs zufrieden, sondern trachtete augenblicklich danach, sich wieder in die Erde hinein zu wühlen. Mit seinen Vorderbeinen, die zu kurzen breiten Grabschaufeln umgestaltet waren, mit dem spitzen Rüssel, dem kurzen halslosen Kopf bohrte sich der Maulwurf wie ein Keil in den Boden. Herr Tanzmann sah dem Treiben des schwarzen Tieres mit Interesse zu.

Das ist auch so ein alter Wühler, dachte er, den sie überall mit blinder Wut verfolgen. Wie soll er denn den Boden von Ungeziefer säubern, wenn er ihn nicht hier und da unterminiert? Aber sie haben immer den Wühler gehaßt wegen der paar unschuldigen Zerstörungen, die er anstiftet; daß aber ihre ganze Saat und Ernte ohne ihn von Engerlingen, Schnecken und anderem Geschmeiß vernichtet würde, das vergessen sie ihm, die Undankbaren.

Von neuem grub er den Maulwurf aus der Erde heraus, aber es war unmöglich, ihm eine nach oben gerichtete Gesinnung beizubringen. Sofort strebte er mit der Hartnäckigkeit des Fanatikers danach, seine Wühlarbeit fortzusetzen. Er dachte gar nicht daran, wegzulaufen oder kraftlos den Widerstand aufzugeben, sondern streckte sofort den Rüssel und die Grabfüße scharrend in den Boden. Herr Tanzmann grub ihn dreizehn Mal wieder aus und dreizehn Mal bohrte sich das Tier mit derselben Ausdauer in den Sand. Das Merkwürdige dabei war, daß sein schwarzes sammetnes Fell bei diesen Prozeduren nicht den geringsten Schmutzfleck zeigte. Aeußerlich und innerlich unantastbar ging der Maulwurf aus dieser strengen Prüfung hervor. Herr Tanzmann zog den Hut vor ihm – freilich nicht tief, weil es kalt war – und ging zufrieden weiter.

Der Birkenweg führte an einer ziemlich kreisrunden Erdvertiefung vorüber, die, plötzlich mitten in der Landgegend, den Eindruck eines künstlich gegrabenen Kessels machte. Sie mochte wohl etwa 30 Meter im Durchmesser haben, und da ihre Ränder ringsherum dicht mit Bäumen bestanden waren, so war sie schon von weitem bemerkbar gewesen. Jetzt sah Herr Tanzmann, daß dieser Kessel einen märkischen »Puhl« darstellte, einen kleinen Sumpf, der, von steilen Wänden eingefaßt und etwa drei Meter unter dem Ackerland gelegen, mit Sumpfgewächsen überzogen war, mit gelbgrünem Sumpfmoos und immergrüner Andromeda und Torfbeere. Direkt am Ufer wucherten Erlen und Faulbaum, während weiter oben auf trocknerem Sande Haselsträucher, Ebereschen, Weißdorn und Espen wuchsen. Auch ein paar Spindelbaumbüsche standen da und gewährten mit ihren karmoisinroten geöffneten Samenkapseln, aus denen die dottergelben Körner hervorleuchteten, einen effektvollen Anblick. Wie kam aber diese Erdsenkung überhaupt in diese ebene Gegend? Künstlich angelegt konnte der Kessel nicht sein, als Lehmgrube war er zu groß und zu gleichmäßig, und was sollte er sonst für einen Zweck haben? Es mochte also wohl eine jener Spuren der Eiszeit sein, ein »Riesentopf«, wie ihn das Gletschereis der Alpen in den Boden bohrt und wie es jene vorzeitlichen Eismassen ebenfalls getan haben mögen.

Das heißt, sagte der Wanderer zu sich, wir waren nicht dabei, Herr Tanzmann, als das geschah, und die Gelehrten auch nicht. Aber möglich ist es schon, und so lange wir keine andere Erklärung haben, müssen Sie sich eben damit bescheiden, Herr Tanzmann.

Damit verließ er den Sumpf und ging auf dem Birkenwege weiter. Nach einiger Zeit verloren sich die Bäume, und der Weg wurde breiter und noch sandiger als zuvor. Der Boden nahm immer mehr den Charakter der Steppe an. Hier hatte kein Pflug mehr das Erdreich umgestürzt, hier wäre jede Aussaat verloren gewesen. Auf dem dürren, mit kleinen Kieseln durchsetzten Lande standen die Reste einer armseligen Steppenvegetation. Die leeren, kurzen Halme des Keulengrannengrases gaben dem Boden einen schmutzig gelben Ueberzug. Und so weit das Auge des Wanderers an diesem trüben Tage reichte, so weit war diese trostlose dürre Steppe ausgebreitet. Hier und da stand ein einzelner verkrüppelter und zwerghafter Kiefernbusch, der wie ein düsterer Schatten über diesem öden Lande zu lagern schien. Weiterhin wurde die Bodendecke ganz und gar schwarz, ein steinkohlenfarbenes Schwarz, das von einem dürren Moos herrührte. Wie ausgebrannt erschien die ganze Oberfläche des Landes, so düster und traurig, als ob hier die Natur ein Bild hoffnungsloser Verlassenheit hätte malen wollen. Diese schwarze Wüste war von einem fast unpassierbaren Sandwege durchschnitten, es war einer jener unglücklichen Wege, die sich wider den Willen der Passanten bilden. Jeder suchte ihm zu entfliehen, indem er möglichst am Rande auf dem Moose ging, aber weil nun jeder auf die Ränder trat, waren auch diese bald abgelaufen und der lockere tiefe Sand kam hervor, in dem das Fortkommen eine fürchterliche Anstrengung war. Und so mieden die neuen Passanten immer wieder den Sand und gingen an den neuen Rändern hin, und so wurde der Weg breiter und breiter. In der Mitte freilich, in der keines Menschen Schritt mehr, selbst kein Wagen mehr den Boden bewegte, siedelte sich von neuem das Moos an. Dadurch entstanden parallele Wege, und jeder einzelne hatte wieder dasselbe Schicksal. Und so bildete diese Straße ein verwickeltes System von Wegen mit allerhand Verzweigungen, Verschmälerungen und Verbreiterungen. Herr Tanzmann vergegenwärtigte sich im Geiste die Geschichte dieses Weges. So lange Menschen diese unwirtliche Steppe durchlaufen und durchfahren mußten, mochte dieser Kampf herrschen mit dem Wege, der anderwärts ein Freund des Menschen, hier seine Last und sein Fluch war. Aber diese unglückliche Sandstraße stimmte ganz zu der einförmigen traurigen Landschaft, zu der schwarzen Steppe, die an dem rauhen, trüben Novembertag trostloser war denn je. Herr Tanzmann wanderte nachdenklich über das dürre Moos. Der Tag wurde immer trüber. Schon jetzt gegen 4 Uhr kam die Abenddämmerung. Und es dauerte nicht lange, so breitete sich das Dunkel der Nacht über die schwarze Steppe.

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