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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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Januar.

Mitten im ärgsten Winter spazieren gehen, bei Frost und Schnee? Sie sind wohl nicht ganz – gesund, Herr Tanzmann? So oder ähnlich hatte er es oft gehört, wenn er für den Sonntag alle Zusammenkunftspläne in der »Goldenen Traube« abgelehnt hatte, um seinen gewohnten Spaziergang ins Freie zu unternehmen. Im Sommer zwar hatte er Begleiter genug, denn in der warmen Jahreszeit waren seine Freunde, wie die meisten Berliner, gern bereit, einen großen Ausflug mitzumachen. Sobald es aber wieder Herbst wurde, und der Nordwest die Blätter und den Sommerstaub um die frierenden Ohren der Menschen wirbelte, hatten die Freunde genug und taten nicht mehr mit. Herr Tanzmann wunderte sich darüber, denn ihm brachte jede Jahreszeit neue Reize. Nicht einmal im strengsten Winter setzte er aus. Ja, er freute sich auf seine Spaziergänge im Januar genau so wie auf die im heitersten Sommer. An Hitze und Frost, Regen und Sonnenschein gleich gewöhnt, war er einer jener Glücklichen, die absolut wetterfest sind, denen das Wetter nie eine Freude verdirbt.

Also am Sonntag früh gleich nach sieben, als die Nacht noch auf den Straßen der Stadt lag, brach er auf. Der Himmel aber war schon hell, im Westen stand die blasse Scheibe des Vollmonds, und im Osten leuchtete schon das lichte Orangerot der noch unter dem Horizont verborgenen Sonne.

Es wird ein schöner Tag, Sie sind ein Glückspilz, Herr Tanzmann! sagte er zu sich in der guten Laune, die er immer hatte, wenn er früh hinauswanderte. Kalt war es freilich auch genug, jene windlose Kälte, die sich wie ein starrer Druck über den Erdboden legt. Fast hätte Herr Tanzmann sich einen Ueberzieher gewünscht, aber er konnte sich nun einmal mit diesem »Möbel« nicht befreunden. Er ging also einen viertel Meter schneller in der Sekunde, um sich an das Klima, das von dem seines Nachtlagers erheblich abwich, zu gewöhnen. Mit einer Verwünschung Berlins, das den Menschen weich mache wie eine Teerose, bestieg er den Zug und dampfte hinaus.

Schon unterwegs Sah er, daß außerhalb der Millionenstadt alles ganz weiß beschneit war. Das war ein Triumph für Herrn Tanzmann. Einerseits war es ihm überhaupt lieb, einem richtigen Wintertag mit Eis und Schnee entgegen zu gehen, und dann bot es ihm reichlich Stoff zu allerhand Betrachtungen über Berlin, das sich immer das Zentrum von allem dünkte und doch nur eine kleine Welt für sich war, ganz anders als die Welt da draußen.

Vor allem aber hat es ganz den Zusammenhang mit der Natur verloren, das wird sich noch rächen!

Zunächst freilich rächte es sich, daß Herr Tanzmann am Fenster stand, als der Zug plötzlich still hielt. Er verlor nämlich das Gleichgewicht und fiel einem alten Mütterchen in die Arme, wobei er ihr den Hampelmann zerdrückte, den sie für ihr Enkelchen von Berlin mitgebracht hatte.

Herr Tanzmann erstattete der Alten den Groschen für den Geknickten; dann stieg er aus und betrat kurz hinter der Station den Kiefernhochwald.

Aller Aerger, alle Nörgelei war vergessen. Nun war er mitten drin in der Natur. Die braunen Stämme der Kiefern erschienen ihm wie stolze Säulen, ihre graugrünen Nadelkronen wie die Wölbung einer einzigen großen Halle, die sich endlos in die Ferne erstreckte. Und auf dem Boden lag der weiße Schnee, der sich wie ein gleichförmiger Teppich unter den Bäumen dahinzog.

Die Morgensonne strahlte von der Seite hinein in diese einsame Halle und beleuchtete die braunen Stämme mit einem rötlich gelben Licht. Dieser Kiefernwald, der Stolz der Mark, erschien ihm jetzt, wo die Baumriesen sich von der ebenen Schneedecke so wirkungsvoll abhoben, imposanter, einsamer, erhabener denn je. Es war ihm, als müßte Winter sein, um diesem norddeutschen Sandwalde seinen ganzen melancholisch großartigen Charakter zu geben. Und die Krähen, die er jetzt von der Krone einer dickstämmigen Kiefer aufscheuchte, schienen ganz zu diesem Bilde zu passen. In plumpem Fluge zogen die düsteren Vögel krächzend über das Nadeldach des Waldes.

Eine Strecke weiter hin wurde das Terrain etwas unebener. Hier mochte wohl der Boden nicht aus reinem Sande bestehen, vielleicht barg er in den Unterschichten sogar Spuren des fruchtbaren Lehms. Die Bäume, reichlicher genährt, waren hier noch größer, noch stattlicher als zuvor. Es mochte an dieser Stelle wohl auch etwas feuchter sein. Denn die immergrünen Lederblätter der Preißelbeere und die kahlen Zweige der Blaubeeren ragten hier verhältnismäßig üppig aus der weißen Schneedecke hervor. Hier und da tauchte auch ein schlanker Wachholderstrauch wie eine phantastische Säule auf. Herr Tanzmann trat an einen dieser treuen Kiefernbegleiter heran und suchte nach den Beeren, die sich zwischen den dornigen Nadeln des Strauches befinden mußten. Er sah sie mit Schmunzeln an, die grünen sowohl, die erst nächstes Jahr reifen sollten, wie die blauen, welche die Wachholderdrossel ebenso sehr liebte wie die Frau Tanzmann, das heißt, die Mutter des Herrn Tanzmann. Sie machte daraus einen würzigen Likör, – o heiliger Mampe, war der gut!

Nun stapfte er durch die rostbraunen Farnkrautwedel und kam hinab an einen Bach. Mit einem Schlage hatte sich die Vegetation hier geändert. Der Bach hatte sich, wohl im Laufe ungezählter Jahrtausende, hier eine breite Talrinne ausgewaschen, in deren unterster Sohle er sich in vielen Windungen dahinschlängelte. Die Feuchtigkeit, die er dieser Rinne mitteilte, ließ die Trockenheit liebende Kiefer hier nicht aufkommen; dagegen begünstigte sie das Gedeihen einer Menge von Laubpflanzen, die, sonst überall vom Menschen schonungslos verfolgt, hier am Bach eine gute Zufluchtsstätte finden. Zwar boten diese Sträucher und Bäume nicht das anmutige Bild wie im Sommer, wenn sie, mit Laub bedeckt, das Wasser des Baches überschatteten. Aber Herr Tanzmann konnte auch jetzt, wo sie ihre kahlen, mit vertrockneten Hopfenranken umflochtenen Aeste in die reine Winterluft ausstreckten, jeden genau unterscheiden an Farbe und Gestalt und sonstigen Eigenheiten. Er ging den Bach entlang an den rötlichen Erlensträuchern, deren dicker Grundstamm genau darauf hindeutete, daß sie der Nachwuchs eines alten Riesen waren, den man gefällt hatte. Er kam an Haselsträuchern vorüber, deren männliche Kätzchen, schon im Herbst vorgebildet, vielleicht schon im nächsten Monat ihre Blüten entfalten würden. an verschiedenen Weiden, an dornigem Brombeergestrüpp vorüber, an dem noch vereinzelte rotgefrorene Blätter hingen, an Hartriegel, Kreuzdorn und einigen anderen Sträuchern, die sich aus dem artenreichen Urwald früherer Zeiten herübergerettet hatten in die Gegenwart.

Ja, ja, lieber Herr Tanzmann, sagte er zu sich, so werden auch Sie vergehen und von Ihnen wird bloß noch übrig bleiben der moderne Mensch, der geborene Groß-Berliner, der unter der Aufsicht des Schutzmannes im sechsten Stockwerk seine chemisch präparierte Sonntagsstulle (mit amerikanischem Bratenschmalz) ißt! Ja, ja, Sie werden sehen, Herr Tanzmann!

Die Bachrinne erweiterte sich schließlich zu einem größeren Tale. Da dieses sich über das Niveau des fließenden Wassers wenig erhob, so war es ohne Zweifel Wiesenland, dessen Gras von der Schneedecke heute ganz verhüllt war. Er erkannte es auch an den niedrigen Werftweidensträuchern, die hier und da zerstreut standen. Ehe er von dem Bach, der das Land quer durchschnitt, Abschied nahm, brach er sich von jeder Strauchart ein paar kurze Zweigspitzen ab. Die steckte er zu Hause in ein Wasserglas, wo sie bald austrieben, jedes auf seine Weise. Das war dann ein Vorgeschmack des Frühlings im Februar: flaumige Weidenkätzchen, stäubende Hängeblüten von Haseln und Erlen und maigrüne Blätter die Menge!

Dann ging Herr Tanzmann am Wiesenrande entlang. Nun war er von Wald und Bach in das große Bereich des Landmannes gekommen. Er sah die gewöhnlichsten Bodentypen des märkischen Landes vor sich. Da war zunächst die Wiese, bei welcher der hohe Stand des Grundwassers nur noch den Anbau von Futtergräsern und Kräutern ermöglichte. Dann kam etwas höher gelegenes Land, unzweifelhaft schwarzer Schwemmboden, auf dem die Kartoffeln und der Roggen, die landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse des märkischen Bodens, in nicht zu nassen Jahren recht gut gedeihen mochten. Das Land war durch halbmetertiefe Gräben drainiert, um das überschüssige Wasser leicht abzuleiten. Jeder Morgen Landes war von dem anderen durch einen solchen Graben getrennt, schnurgerade einer wie der andere, ein Bild des Fleißes und der Nüchternheit, der Ordnungsliebe und der Einfachheit des ländlichen Lebens in der Mark. Als er auch an diesem Gebiet vorübergegangen war, gelangte er auf trockenes Land, den echten märkischen Sand, auf dem der Roggen nur zu oft weder Korn noch Stroh gab, und wo die Kartoffeln vertrockneten vor Dürre. Unter den Strahlen der höher steigenden Januarsonne war hier auf diesem jederzeit warmen Boden der Schnee fast ganz geschmolzen, und die Wintersaat, ungleich aufgegangen, lag da wie ein weiter grüner Teppich.

Als er nun auf demselben Terrain noch einige Meter höher stieg, befand er sich auf einer öden Steppe, die von schwarzem Moos und Algen überzogen war. Hier herrschte eine traurige Unfruchtbarkeit. Einige verkrüppelte niedrige Kiefernbüsche, die in weiten Abständen von einander zerstreut lagen, zeugten von dem mißlungenen Versuche, dieses unwirtliche Land aufzuforsten. Herr Tanzmann scharrte mit seinem Fuße auf dem lockeren Boden, er traf auf Kies, der mit Sand durchsetzt war. Und nun bemerkte er auch in einiger Entfernung mehrere große, mannshohe Granitblöcke, die von den großen Gletschern der Eiszeit aus Skandinaviens Bergen hierher getragen waren, ebenso wie der Kies, der nun den Boden zur Unfruchtbarkeit verdammte.

Ja, ja, seufzte Herr Tanzmann, da haben wir nun den schwedischen Schutt wie einen Alpdruck auf unseren Fluren. Na überhaupt die Eiszeit! Hier ganz Norddeutschland, das einst gebirgig gewesen sein mag wie Thüringen, gleichförmig mit Geröll und Sand zu überschütten, daß man bis an die Knöchel drin versinkt! Saperlot, dazu gehört eine Ungeniertheit! Hätten sie doch den Grus lieber behalten und uns ein Hochgebirge hergeschickt. Das wäre ein Gaudium für Sie, Herr Tanzmann, Sonntags mit dem Rucksack auf die Felsen zu klettern und das Alphorn zu blasen statt der Radauflöte!

Nun wanderte er weiter über das Oedland und jagte dabei einen Hasen auf, der selbst auf diesem ebenen Boden noch eine Lagerstatt für sein bescheidenes Gemüt ausfindig gemacht hatte. Und jetzt fuhr Herr Tanzmann plötzlich zusammen, als ob eine Rakete vor ihm abgebrannt worden wäre. Dicht vor seinen Füßen war ein Volk Rebhühner mit jähem, knallartigen Geschrei ausgeflogen.

Da schlag' aber einer drein! rief Herr Tanzmann empört, entweder man jagt sie oder sie jagen einen. Hätte ich einen Schießprügel unterm Arm gehabt, so wären sie sicher schon vor zwanzig Minuten ausgeflogen; so aber bleiben sie, warten, bis man heran ist und machen: puff! Das nennt man dann Anpassung. Jawohl! Frechheit ist es, Mangel an Respekt vor einem einsamen Sonntagswanderer!

Herr Tanzmann mußte sodann noch erleben, daß die Rebhühner nach kurzem, schwerfälligem Fluge kaum hundert Meter von ihm entfernt wieder in das Oedland einfielen. Offenbar hielten sie ihn für sehr unschuldig. Er aber ging geraden Wegs nach dem kleinen Dorfe, das mit seinen schwarzen Baummassen und weißverschneiten Dächern in einer Bodensenkung lag. Die Sandwege, die in das Dorf mündeten, waren in vollständig verwahrlostem Zustande. Die Gräben, wo es solche überhaupt jemals gegeben hatte, waren mit Flugsand ausgefüllt und nur auf Viertelstundenentfernung stand hier und da ein verkrüppelter Baum. Halbmetertiefe Furchen in den Sandwegen zeugten davon, wie beschwerlich es sein mußte, hier einen schweren Arbeitswagen durchzubringen, und wie oft mochte da ein Rad, eine Achse brechen!

Ja, ja, sagte Herr Tanzmann. Das ist ein richtiges märkisches Dorf. Wenn man darin ist, geht's; wenn man aber in der Nacht hinaus will, bei Finsternis und hohem Schnee, dann tappt man im Kreise umher wie die Maus in der Falle, und wer kein Nansen ist, der hat zum letzten Male in seinem Leben geflucht!

Vor dem Dorfe standen am Straßenrande einige weißstämmige Birken und verwilderte Sauerkirschen, auf deren Hängezweigen eine Schar Grünlinge saßen. Und nahe dabei stand eine Gruppe von Akazien, die Herr Tanzmann mit ehrfürchtiger Liebe begrüßte, die alten amerikanischen Proletarier, die trotz Hasenfraß und Sonnenbrand und trotz Winterfrost und Steppensand so kernig aushielten und so flink und unverdrossen emporwuchsen, als ob sie just für märkischen Boden geschaffen wären.

Es ist einfach nichtswürdig, sagte Herr Tanzmann, auch bis hierher ist die kurzsichtige Raubwirtschaft schon gedrungen. Da wüten sie drauf los mit Axt und Säge. Eichen und Linden gibts schon nicht mehr. Anständige Obstbäume hatten sie nie, die Walnußstämme verkaufen sie nach Württemberg, um Gewehrkolben daraus zu machen. Und die Nachkommen werden vollends im Sande braten. So muß es aber kommen. Die Akazie ist noch die einzige Hoffnung, die läßt sich nicht so leicht totmachen. Und einen Baum muß es doch geben im märkischen Lande. Woran soll man sich sonst hängen, nachdem die übrige Natur ausgerottet ist?

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