Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Harding Davis >

Soldaten des Glücks. Zweiter Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid2a0dcae6
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.

Der Dampfer »Santiago«, der Reisende, Edelmetalle in Barren und Kaffee geladen, hatte einen Kurs eingeschlagen, der ihn gegen Mitternacht an Porto Rico vorbeiführen und dann nicht eher wieder in Sicht von Land bringen sollte, als bis er vor der Quarantänestation und den grünen Hügeln von Staten Island ankerte. Noch hatte er die Befleckung der Erde nicht abgestreift, eine sanfte Landbrise suchte ihn mit ihren an Bäume und Erde gemahnenden Düften zu verlocken, der Geruch der frischen Oelfarbe, womit er angestrichen worden war, nachdem er Kohlen genommen hatte, stieg noch von seinen Seiten empor und vermischte sich mit dem der verschütteten grünen Kaffeebohnen, der um ihre Lucken schwebte und erst von einer eifersüchtigen frischen Seebrise oder einer grüßenden Sturzsee vertrieben werden mußte.

Jetzt erschien der Kapitän am Eingang des großen Salons.

»Falls eine von den Damen einen letzten Blick auf Olancho werfen will,« sagte er, »müssen Sie jetzt an Deck kommen. In einer Viertelstunde wird der Leuchtturm von Valencia verschwunden sein.«

Lächelnd blickten Miß Langham und King von ihren Romanen auf, und jene schüttelte den Kopf.

»Schon dreimal habe ich Olancho lebewohl gesagt,« meinte sie, »zuerst, ehe wir zum Diner heruntergingen, dann beim Sonnenuntergang und zum drittenmal als der Mond aufstieg. Dadurch ist mein Vorrat von Gefühlen vollkommen aufgebraucht. Wollen Sie hinaufgehen?« fragte sie King.

»Danke bestens; ich sitze hier ganz behaglich,« antwortete dieser und wandte sich seinem Roman wieder zu.

Hope und Clay standen jedoch beim Vorschlage des Kapitäns mit verdächtiger Raschheit auf und schritten mit einem Seufzer der Erleichterung auf das verlassene Deck, wo Dunkelheit sie umfing.

Alice Langham sah ihnen etwas gedankenvoll nach und vergrub ihre Zähne in den Rand ihres Buches. Lange Zeit blieb sie mit gerunzelter Stirn sitzen, ohne zu lesen; nur dann und wann warf sie einen forschenden Blick auf King oder richtete geistesabwesend die Augen auf die schwingenden Lampen an der Decke des Salons. Einmal als er beim Umwenden eines Blattes aufschaute, begegnete King ihrem Blicke und lächelte ihr zu, worauf sie freundlich nickte und den Kopf wieder über ihr Buch beugte.

Sie sagte sich, daß King und sie einander verstünden und daß sie, wenn sie sich auch nie zu gewissen Höhen aufzuschwingen vermöchten, sicher nie unter das Niveau hoher gegenseitiger Achtung herabsinken würden, und das war schließlich vielleicht das Beste.

King hatte seine Jacht Madame Alvarez zur Verfügung gestellt, die damit nach Colon gesegelt war, wo sie einen Dampfer nach Lissabon nehmen konnte, während er Langhams und die Hochzeitsgesellschaft nach New York begleitete.

Clay hatte eingesehen, daß jetzt der Zeitpunkt in seinem Leben gekommen war, wo er sich von der Stellung als Betriebsdirektor zurückziehen und sich als sachverständiger Ingenieur niederlassen konnte, und daß seine Dienste in Olancho nicht mehr erforderlich waren.

Nachdem Rojas zur Macht gelangt war, hatte Langham nichts mehr von der Regierung zu fürchten und konnte sich dem ungetrübten Genuß seiner Ferien hingeben. Kirkland war mit der einstweiligen Leitung der Werke beauftragt worden, und der junge Langham sollte nach einigen Monaten zurückkehren und seine Arbeit wieder aufnehmen.

Zur Heimreise hatten unsre Freunde den ersten von Valencia abgehenden Dampfer genommen, aber die vereinigten Anstrengungen aller waren nötig gewesen, Mc Williams zu überreden, sich ihnen anzuschließen, und selbst jetzt erweckte der Gedanke, daß er Clays Brautführer sein und, wie Langham ihm lustig versicherte, einen Frack tragen und seinen Namen in allen Zeitungen lesen werde, manchmal eine solche Furcht in ihm, daß die rasch verschwindende Küste seine Seele mit Bedauern und einem eigensinnigen Verlangen erfüllte, über Bord zu springen und zurück zu schwimmen.

Clay und Hope statteten dem ersten Maschinisten einen Besuch in seiner Kabine ab. Der junge Mann war erst eben aus seinem tiefen Reiche ans Licht gestiegen, aber sein Kinn war jetzt sauber rasiert, seine Pfeife zog ebenso gut als seine Kesselfeuerungen, und er hatte sich in eine alte weiße Uniform des Offiziers eines Peninsular-Orientaldampfers geworfen, um zu zeigen, was er gewesen, bevor er zur Tiefe eines Küstendampfers gesunken war. Clay und Hope bewunderten die saubere Handschrift des Berichts, den er eben beendet hatte, und dafür versprach er ihnen die schnellste Fahrt, die je gemacht worden war, und zeigte ihnen ein Bild seiner Frau und ihres winzigen Häuschens auf der Insel Wight, seine aus Jade gefertigten Götzenbilder von Korea, aus Kokosnußschalen geschnitzte Trinkgefäße aus Brasilien und ein Bild Lord Salisburys aus dem »Graphic«, das vergnüglich zwischen zwei sehr bunten Lithographieen, der Schauspielerin Miß Ellen Percy und der Prinzessin May, von der Wand herabsah.

Hierauf machten sie dem Kapitän ihre Aufwartung, und Clay fragte ihn, warum Schiffskapitäne stets so viel Spitzen um ihre Betten hingen, während sie doch immer, ohne die Stiefel auszuziehen, auf ihrem roten Samtsofa schliefen. Der Kapitän befahl dem chinesischen Aufwärter, ihnen ein seltsames Getränk zu mischen, und bot ihnen eine sechsmonatliche Ansammlung von Romanen und jeder Zeit freien Zutritt zur Kommandobrücke an. Sodann gingen sie an der Thür des Rauchzimmers vorbei und winkten Mc Williams, herauszukommen und sich ihnen anzuschließen.

»Ich habe eben einen kleinen Schwatz mit Burke gehabt,« sagte dieser flüsternd. »Er hat Langham und mir etwas von einem neuen Spiele erzählt, das besser ist als Eisenbahnen bauen. Er sagte, es gäbe ein Land Namens Makedonien, dessen eingeborener Fürst sich gern von der Türkei freimachen möchte, daß die Türken das aber nicht zugeben wollten, und Burke sagt, daß er, wenn wir jeder tausend Dollars zeichnen, dafür einstehe, den eingeborenen Fürsten in sechs Monaten befreit zu haben. Er hat der russischen Gesandtschaft in Washington einen Kostenanschlag vorgelegt und behauptet nun, diese wolle ihm heimlich helfen. Ferner kennt er einen Mann, der sich eben ein neues Gewehr hat patentieren lassen und der ihm tausend Stück davon umsonst liefern will, nur um es bekannt zu machen. Makedonien, sagt er, sei ein gebirgiges Land, wo man nichts zu thun brauche, als sich in die Gebirgspässe zu stellen und Steine auf die Türken zu rollen, wenn sie herein wollen. Das scheint sehr einfach, meinen Sie nicht?«

»Sie denken wohl daran, selbst berufsmäßiger Flibustier zu werden?« fragte Clay.

»Hm, ich weiß nicht: es klingt immerhin interessanter als Ingenieur. Burke meinte, ich sei ihm bei diesem letzten Unternehmen über gewesen, und darum möchte er mich bei seinem nächsten gern auf seiner Seite haben. Dann könnten wir uns zusammen einige Zeit damit befassen, Völker zu befreien und Regierungen zu stürzen. Wenn man sich umsähe, sagte er, fände man immer etwas, wofür man fechten könne, und ich muß sagen, die Lage dieser armen Makedonier geht mir zu Herzen. Denken Sie nur 'mal von diesem Sultan der Türkei unterdrückt zu werden, während sie viel lieber frei und unabhängig sein möchten! Das ist nicht recht! Sie als amerikanischer Bürger sollten der letzte Mensch in der Welt sein, der ein kaltes Sturzbad auf ein solches Unternehmen gießt. Im Namen der Freiheit, wie?«

»Ich habe ja gar nichts dagegen, meinetwegen können Sie sie befreien,« antwortete Clay lachend, »aber seit wann haben Sie denn so warme Gefühle für die unterdrückten Makedonier, Mac?«

»Hm, ich habe vor einer Viertelstunde zum erstenmal im Leben von ihnen gehört, aber sie sollten doch unter meiner Unwissenheit nicht zu leiden haben.«

»Ganz gewiß nicht. Lassen Sie mich wissen, wann's losgehen soll, dann werden Hope und ich hinüberkommen und zugucken. Ich möchte gern sehen, wie Sie, Burke und der Fürst von Makedonien Steine auf das türkische Reich rollen.«

Lachend schritten Hope und Clay auf dem Deck weiter und Mc Williams sah ihnen mit einem liebevollen und väterlichen Lächeln nach. Die Lampe im Kompaßhäuschen warf einen breiten Lichtstreifen aufs Vorderdeck, den die beiden durchschreiten mußten, um in die am Bug herrschende Dunkelheit zu gelangen, wo sich der einsame Ausguckposten umwandte, sie mißtrauisch ansah und dann seine Wache über das große Wasser wieder aufnahm.

Die beiden Liebenden lehnten sich an die Brüstung und sogen die milde Luft ein, die die Fahrt des Dampfers ihnen ins Gesicht trieb. Schweigend betrachteten sie die Sterne, die so tief am Gesichtskreis standen, daß sie aussahen wie die Hafenlichter einer großen Seestadt.

»Siehst du die lange Reihe von Lichtern über unserm Backbordbug?« fragte Clay.

Hope nickte.

»Das sind die elektrischen Lichter der Uferstraße von Long Branch und der Rumsonstraße, und die zwei Sterne, die etwas höher schweben, hängen an den Mastspitzen des Scotland Leuchtschiffes, und jene Masse von Licht, die du wohl für die Milchstraße hältst, ist der Widerschein der New Yorker Straßenbeleuchtung am Himmel.«

»So nahe sind wir schon?« fragte Hope lächelnd. »Und was liegt denn da drüben?« fuhr sie, nach Osten weisend, fort.

»Da drüben liegt die Küste von Afrika. Siehst du das Leuchtfeuer auf Kap Bon nicht? Wenn Gibraltar nicht im Wege läge, könnte ich dir die Hafenlichter von Biserta und die Terrasse von Algier mit ihren erleuchteten Cafés chantants zeigen.«

»Ach, Algier!« seufzte Hope. »Wo du als Soldat Dienste thatst und durch die Wüste rittest! Wirst du mich einmal dahin bringen?«

»Natürlich werde ich dich dahin führen, aber zuerst nach Gibraltar, wo wir bei Mondschein über die Alameda fahren werden. Einmal bin ich darüber gefahren, als ich mit dem Oberst von einem Offizierdiner nach Hause kam. Die Fahrstraße liegt zwischen breiten weißen Geländern, und der Mond schien durch die Blätter des spanischen Bajonettbaumes auf uns. Es war wie ein italienischer Garten, aber der Oberst sah nichts davon, sondern sprach mit mir über Watkins' Entfernungsmesser auf dem unteren Walle und paffte dabei eine große Zigarre. Ich suchte mir einzubilden, ich sei auf meiner Hochzeitsreise, aber das Ende seiner Zigarre glühte auf und dann sah ich seinen weißen Schnurrbart und den Widerschein auf seinem roten Waffenrock, so daß ich innerlich das Gelübde that, ich wollte diese Fahrt einst mit der richtigen Person an meiner Seite wiederholen. Und wir werden nicht über Entfernungsmesser reden, nicht wahr? – Dort im Norden liegt Paris – dein Paris und mein Paris, und London ist nur acht Stunden davon entfernt. Wenn du sehr genau hinsiehst, kannst du die Tausende von Lichtern an den Droschken sehen, die über den Asphalt rollen, und die offenen Theater und die Feeenlampen in den Gärten hinter den Häusern von Mayfair, wo dir zu Ehren, zu Ehren der jungen Amerikanerin, die jedermann kennen lernen will, Bälle gegeben werden. Und du wirst das schönste Diadem tragen, das wir in Bond Street auftreiben können, aber kein Mensch wird es ansehen, denn man wird nur dich bewundern. Und ich werde mich sehr unglücklich fühlen und dich quälen, mit mir nach Hause zu gehen.«

Hope schmiegte ihre Hand in die seine, er aber führte ihre Fingerspitzen einen Augenblick an seine Lippen und legte seine andre Hand über die ihre.

»Und dann?« fragte Hope.

»Dann kehren wir zur Arbeit zurück und machen lange Reisen nach Mexiko und Peru oder wo man mich sonst nötig hat, und ich werde über Arbeiten zu Gericht sitzen, die andre Leute gemacht haben. Und wenn wir abends in unsern Wagen oder nach dem Teilstreckenhause zurückkehren – denn manchmal werden wir's nehmen müssen, wie's kommt« – Hope drückte als Antwort sanft seine Hand – »werde ich dir ganz im geheimen anvertrauen, wie ganz anders dein Mann es gemacht haben würde, und du, die du vollkommen Bescheid weißt, wirst sagen, daß ich es weit besser ausgeführt haben würde, wenn es mir überlassen gewesen wäre.«

»Das würdest du auch,« sagte Hope ruhig.

»Ich habe ja gesagt, daß du das behaupten würdest,« entgegnete Clay lachend. »Liebste,« bat er, »versprich mir nur eins: versprich mir, daß du sehr glücklich sein willst.«

Hope richtete das Köpfchen auf und sah ihn schweigend an, und wenn der Mann am Steuerrade die Sterne beobachtet hätte, wie es seine Pflicht gewesen wäre, so würde niemand als die beiden thörichten jungen Leute im Buge des Dampfers gewußt haben, was Hope antwortete.

Die Schiffsglocke schlug achtmal an, und das junge Mädchen machte eine leichte Bewegung.

»Schon so spät?« seufzte sie. »Komm, wir müssen hinuntergehen.«

Eine große Welle gab der Seite des Schiffes einen freundlichen Klaps und der Wind fing den Schaum auf, warf ihn in ihre Augen und löste eine Strähne ihres Haares, so daß sie über Clays Gesicht flog. Glückselig lachten sie zusammen, als sie sie wieder aufsteckte und er ihre Hand ergriff, um sie auf dem Wege über das schräg liegende Deck zu stützen.

Als sie Hand in Hand aus dem Schatten des Kompaßhäuschens ins Licht traten, zählte der Ausguck im Bug die Schläge vor sich hin und rief seinen Bericht nach der Kommandobrücke hinauf. Seine Stimme schien ein Teil der murmelnden See und des säuselnden Windes zu sein.

»Horch!« rief Clay.

»Acht Glasen!« sang die Stimme aus der Dunkelheit. – »Das Licht am Bug brennt hell, und an Bord ist alles wohl!«

 

Ende.

 << Kapitel 8 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.