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Soldaten des Glücks. Zweiter Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid2a0dcae6
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Zwölftes Kapitel.

Der Tag der großen Parade brach in herrlicher Klarheit an, und eine leichte Seebrise milderte die Hitze. Da es ein Festtag war, bot der Hafen ein Bild ungewohnter Ruhe. Keine schwerfälligen Leichterschiffe fuhren von den Staden nach den ankernden Kauffahrern, und die an den Landungsbrücken liegenden Warenspeicher waren geschlossen und verlassen. Aus den Schornsteinen der »Vesta« aufsteigende leichte Rauchsäulen bewiesen, daß ihre Feuer brannten, und der Umstand, daß sie nur noch an einem einzigen Anker lag, schien anzudeuten, daß sie bereit sei, jeden Augenblick in See zu gehen.

Als Clay seinen Kaffee trank, wurden ihm zwei Briefe gebracht. Die betreffenden Boten hatten die Stadt früh verlassen und betrachteten jetzt, während sie auf Antwort wartend im Sattel saßen, mit verständnisvollem Vergnügen die bewaffneten Mannschaften, die das Verwaltungsgebäude bewachten.

Einer der Briefe war von Mendoza, der Clay die Mitteilung machte, er habe beschlossen, auf die Mitwirkung des in den Bergwerken arbeitenden Regiments bei der Parade zu verzichten, da er fürchte, es werde infolge der langen Unterbrechung seiner Ausbildung den Vergleich mit den andern nicht aushalten und ihm mehr schaden als nützen.

»Seit dieser Nacht fürchtet er es,« meinte Clay, als er Mc Williams den Brief reichte. »Er hat ganz recht: es könnte ihm schaden.«

Das zweite Briefchen kam von Stuart und enthielt die Nachricht, daß sich bereits eine große Erregung in der Stadt bemerklich mache, aber ob sie dem Umstande zuzuschreiben sei, daß es ein Festtag war, oder ob einer andern Ursache, könne er nicht sagen, das werde sich erst später zeigen. Am vorigen Nachmittag sei Madame Alvarez während ihrer Spazierfahrt an der Alameda vor einem Café von einer Anzahl von Leuten beschimpft worden, die sich erhoben und sie angeschrieen hätten, und ein Mensch habe ihr sogar ein Weinglas in den Schoß geworfen. Seine – Stuarts – Reiter seien gegen den Bürgersteig vorgesprengt und hätten sechs von den Uebelthätern verhaftet. Er und Rojas hätten den Präsidenten überredet, alle Vorbereitungen zu sofortiger Flucht zu treffen und den Reisewagen bespannt bereit zu halten. Außerdem habe er ihm geraten, bei der Parade seine Aufstellung thunlichst in der Nähe seiner eigenen Leibwache und möglichst weit entfernt von Mendozas Regimentern zu nehmen. Stuart fügte hinzu, er habe vollkommenes Vertrauen in seine Leute. Der Polizist, der versucht hatte, Burkes Zettel an Mendoza zu befördern, habe gestanden, er sei der einzige Verräter im Lager und habe ohne Erfolg versucht, seine Kameraden auf Mendozas Seite hinüberzuziehen. Zum Schlusse richtete Stuart die Bitte an Clay, sobald als möglich zu ihm zu kommen.

Nach Durchsicht dieser Briefe begab sich Clay zunächst hinauf in die Palmenvilla, und nachdem er dort mit Mr. Langham beraten hatte, schickte er Kirkland den Befehl, die Leute zusammenzurufen, sie darauf hinzuweisen, wieviel besser ihre Lage sei, seit sie in den Bergwerken arbeiteten, und ihnen eine Lohnerhöhung zu versprechen, wenn sie Mr. Langham treu blieben, ebenso wie ein gewisses Jahrgeld für diejenigen, welche während ihrer Dienstzeit verletzt würden, »was auch immer die Veranlassung der Verletzung sein möge«.

»Sagen Sie ihnen auch, daß sie von jetzt an umsonst in ihren Häusern wohnen sollen, wenn sie treu bleiben,« schrieb Clay, »denn diesen Wunsch haben sie ja beständig ausgesprochen. – Das ist eine billige Freigebigkeit,« fügte er, zu Mr. Langham gewandt, hinzu, »denn wir sind noch nie im stande gewesen, einen Pfennig Miete von ihnen einzuziehen.«

Gegen Mittag befahl der junge Langham, die drei besten Pferde im Stalle für Clay, Mc Williams und ihn zu satteln. Clay bat beim Wegreiten noch King, die Jacht zu sofortigem Auslaufen bereit zu halten, und den Damen gab er den Rat, ihre Kleider und Wertsachen zu packen, so daß sie ohne Zeitverlust an Bord gebracht werden könnten.

»Meinen Sie nicht, daß ich die Parade mit ansehen könnte, wenn ich ritte?« fragte Hope. »Dann wäre es mir leicht, mich davon zu machen, falls es Unruhen geben sollte.«

»Die Parade mit ansehen?« rief Clay mit einem Blicke, worin Ueberraschung und Schreck so unverhohlen zum Ausdruck kamen, daß Hope lachen mußte. »Sonst nichts mehr!« rief er aus. »Ich wünschte sogar, daß selbst Ted wegbliebe.«

»Ach, so geht's doch auch immer,« entgegnete Hope; »bei nichts soll ich dabei sein, aber ich werde es doch möglich machen. Die Dienstboten gehen alle und denen schließe ich mich verkleidet an.« –

Als sich die drei Herren Valencia näherten, drehte sich Clay im Sattel um und fragte Langham, ob er glaube, daß sich seine Schwester wirklich in die Stadt wagen werde.

»Na, ich möchte ihr raten, sich nicht von mir erwischen zu lassen, wenn sie's thut,« erwiderte der Bruder liebevoll. –

Die Herrschaften, die die Parade abnehmen sollten, verließen den Regierungspalast gegen drei Uhr, um sich nach der Alameda zu begeben. Präsident Alvarez ritt voraus, und Madame Alvarez folgte mit einer ihrer Damen in der Staatskutsche. Stuarts Reiter umgaben diese so nahe, daß die Stiefel der Leute die Räder berührten, und sie waren so zahlreich und so dicht geschart, daß die Damen kaum zu sehen waren.

Der große Platz, worauf die Truppenbewegungen stattfinden sollten, war auf allen vier Seiten von den Wagen der reichen Olanchianer umgeben, mit Ausnahme der beiden Thore, wo weite Oeffnungen für die einmarschierenden Truppen freigelassen waren. Die Aeste der Bäume am Rande des kahlen Paradeplatzes waren schwarz von Männern und Knaben, und die Balkone und Dächer der Häuser, die Aussicht dahin hatten, waren mit Flaggen und Wimpeln geschmückt und von Damen belebt, die sich zur Feier des Tages in bunte Shawls gehüllt hatten. Tausende saßen zwischen den Wagen auf dem Grase oder fluteten dahinter auf und ab, und jeder suchte einen guten Platz zu erobern, oder den, den er schon erobert hatte, zu behaupten; es war ein unbeschreibliches Gewimmel von Menschen, deren Lachen und Schreien sich zu einem gleichmäßigen Gesumme vereinigte.

Als der Präsident mit seinem Gefolge in flottem Trabe in das Viereck ritt und in einer Ecke Halt machte, drängte sich die Menge zusammen, und ein Ausruf der Erwartung erhob sich von den Bäumen und Häusern, als die Leibwache des Staatsoberhaupts durch die untere Einfahrt einritt und die Lücke in ihren Reihen zeigte, daß sie die Staatskutsche bedeckte. Die Reiter machten nach beiden Seiten Platz, der Wagen, dem der Präsident vorausritt, fuhr weiter und nahm vor den andern dicht an einer Seite des hohlen Vierecks Stellung. Auf Stuarts Anweisung hatten Clay, Mc Williams und Langham ihre Pferde ins zweite Glied der Reiter gedrängt und blieben dort etwa zwanzig Schritte von dem Platze, wo Madame Alvarez saß, halten. Diese sah sehr bleich aus, und der auf ihrem Antlitz liegende Puder gab dieser Blässe einen unnatürlichen Ton. Als die Menschenmenge sie und ihren Gatten begrüßte, richtete sie den Kopf etwas auf und schien zu lauschen, ob sie Widerspruch gegen diese Begrüßung oder feindselige Kundgebungen höre, allein die Bewillkommnung schien aufrichtig gemeint zu sein und von Herzen zu kommen, bis sich beim Erscheinen des alten Generals Rojas, des Vizepräsidenten und des Lieblings der Menge, der an der Spitze seiner Regimenter durch eines der Thore kam, ein abermaliges Hurrageschrei erhob, das alles andre übertönte. Gegen die Begrüßung, die Rojas zuteil wurde, erschienen die Zurufe, womit der Präsident empfangen worden war, matt, und beide Männer waren verlegen, als sie zusammenkamen, sich im Sattel verbeugten und einander die Hände schüttelten. Madame Alvarez sank etwas in die Kissen zurück, und ihre Augen blitzten vor Spannung und Aufregung. Als ob sie friere, zog sie mit einem nervösen Zusammenschaudern ihre Mantilla etwas fester um die Schultern. Plötzlich erschien ein Blick der Besorgnis in ihren Augen, und dann winkte sie Clay gebieterisch zu sich an die Seite des Wagens.

»Sehen Sie mal da,« sagte sie, mit dem Finger über den Platz weisend: »wenn ich mich nicht sehr irre, ist das Miß Langham – Miß Hope – die Dame auf dem Rappen: sie muß es sein, denn von den einheimischen Damen reitet keine. – Wie unvorsichtig! Sich hier allein zu zeigen! Sie ist in Gefahr! Gehen Sie hin und bringen Sie sie hierher zu mir. Lassen Sie sie dicht am Wagen Aufstellung nehmen – oder vielleicht wäre sie noch sicherer bei Ihnen zwischen den Reitern.«

Clay hatte Hope erkannt, noch ehe Madame Alvarez ausgesprochen hatte, und sprengte nun im Galopp an der Reihe der Wagen entlang. Hope hatte ihr Pferd neben einer Volante angehalten und unterhielt sich mit den darin sitzenden eingeborenen Damen, die über ihr Erscheinen an einem öffentlichen Orte ohne andre Begleitung als die eines Reitknechts entsetzt waren. –

»Aber was wollen Sie denn? Es ist ja gerade wie Polospiel,« wandte Hope ein, als Clay sein Pferd ärgerlich neben dem ihren parierte. »Wenn in Newport Polo gespielt wird, reite ich immer allein hin – das heißt mit James,« fügte sie hinzu, indem sie mit einer Kopfbewegung auf ihren Bedienten wies.

Der Mann näherte sich Clay und berührte, sich entschuldigend, seinen Hut.

»Miß Hope bestand darauf, hierher zu reiten,« sagte er, »und ich hielt es für bester, sie zu begleiten, als zu Herrn Langham zu gehen und es ihm zu sagen, denn ich wußte, daß sie nicht auf mich warten würde.«

»Ich habe Sie doch gebeten, nicht zu kommen,« sagte Clay leise zu Hope.

»Ich wollte aber das Schlimmste sofort wissen,« antwortete sie, »denn ich mache mir Sorgen wegen Teds und – Ihretwegen.«

»Nun, jetzt läßt es sich nicht mehr ändern,« entgegnete er. »Kommen Sie; wir müssen uns beeilen; hier ist mein Freund, oder vielleicht besser Feind.«

Bei diesen Worten machte er ihren Bekannten im Wagen eine Verbeugung, und dann ritten die beiden in flottem Trabe nach der Staatskutsche der Madame Alvarez, die sie in dem Augenblick erreichten, als die Menge in ein Geschrei ausbrach, im Vergleiche mit dem sich die vorausgegangenen Begrüßungen wie das Jauchzen von fröhlichen Schulkindern ausnahmen.

»Die Geschichte erinnert mich an einen Fußballwettkampf,« flüsterte der junge Langham aufgeregt, »wenn die beiden spielenden Parteien auf den Plan treten. Sehen Sie mal, wie Alvarez und Rojas den General Mendoza beobachten.«

Mendoza ritt an der Spitze seiner drei Schwadronen Reiterei, wobei er weder nach rechts, noch nach links sah und für die stürmische Begrüßung der Menge in keiner Weise dankte. Dicht hinter ihm kam eine auserlesene Bande von Cowboys und Halunken. Sie waren die am besten ausgerüstete, aber auch die zuchtloseste Truppe des Heeres und wurden zur großen Beruhigung der Bevölkerung nur selten in der Stadt gesehen, sondern meist in den Gebirgspässen und an der Küste zum Dienst gegen die Schmuggler verwandt, mit denen sie übrigens auf dem besten Fuße standen. In ihren hochschäftigen Stiefeln, den mit silbernen Schnüren verzierten Sombreros und ihren schweren, überladen aufgeputzten Sätteln machten sie einen malerischen Eindruck, aber das Geschrei, das sich bei ihrem Erscheinen erhob, hatte seinen Ursprung mehr in der Furcht, womit sie allgemein betrachtet wurden, als in der Liebe, die sie oder ihr Oberhaupt einflößten.

»Jetzt stehen alle Figuren auf dem Schachbrett, und das Spiel kann losgehen,« sagte Clay. »Es ist gerade wie ein Auftritt in einem Schauspiel, wo jeder den andern das Schwert an die Kehle setzt und keiner zuerst zuzustoßen wagt.«

Als er den watschelnden Marsch und die nachlässige Haltung der halbwüchsigen Soldaten, die Mendozas Reiterei im Geschwindschritt folgten, mit den Augen eines Mannes betrachtete, der europäische Truppen gesehen hat, mußte er lächeln. Stuarts auserlesene Leute, denen ihr Befehlshaber manche heiße, anstrengende Stunde gewidmet hatte, sahen im Vergleiche dazu aus wie eine Abteilung deutscher Gardereiter. Diese Ueberlegenheit bemerkte Clay sehr wohl, allein es entging ihm auch nicht, daß sie in Hinsicht auf Zahl in einem kläglichen Mißverhältnis zu den andern standen.

Für eine so bescheidene Stadt war es ein glänzendes Bild. Die Sonne spiegelte sich in den Waffen und Ausrüstungsstücken der Truppen, sowie in der Lackierung und den blitzenden Metallbeschlägen der Kutschen, und die Pariser Kleider der Damen nebst den flatternden Fahnen und Bannern erfüllten die Luft mit Farbe und Bewegung, während die ruhelose Volksmenge, die die Uebungen der Truppen mit lautem Beifall begleitete und beliebte und bekannte Persönlichkeiten, wie Alvarez, Rojas und Mendoza lärmend begrüßte, den Paradeplatz wie mit einem schwarzen Rahmen umgab. Dabei kam aber in ihrer ganzen Haltung eine unterdrückte Aufregung zum Ausdruck, die in einem beunruhigenden Gegensatz zu ihrer gewöhnlichen, leichtlebigen Gutmütigkeit stand.

Das Hinundhermarschieren der Truppen war einige Zeit lebhaft fortgesetzt worden, als eine Pause eintrat, während deren der ganze Platz frei war, abgesehen von Mendozas Reiterei, die im Schritt an einer Seite des Vierecks entlang ritt. Alvarez und der Vizepräsident Rojas, mit Stuart als Adjutanten zur Seite, hatten etwa fünfzig Schritt von der Staatskarosse und der Leibwache Aufstellung genommen. Alvarez bildete in seinem schwarzen Frack und hohen Hute einen auffallenden Gegensatz zu dem leuchtenden Grün und Rot der Uniformen seiner Generale, aber er saß ebenso gut zu Pferde als sie, und sein weißes Haar im Verein mit dem weißen Knebel- und Schnurrbart, sowie seine würdevolle Haltung ließen ihn vornehmer erscheinen als sie beide. Der kleine Stuart, der an seiner Seite hielt, sah mit seinen unter dem weißen Helm hervorblitzenden blauen Augen und dem sonnverbrannten Gesicht, das fast dieselbe rote Farbe hatte, wie sein lockiges Haar, beinahe wie ein feuriger kleiner Bullenbeißer aus. Regungslos, ohne ein Wort zu sprechen, saßen alle auf ihren Pferden und warteten auf die nächste Bewegung der Truppen.

Wie sich herausstellte, sollte diese von Wichtigkeit sein. Schon bevor Mendoza mit zum Gruße gesenktem Säbel auf die Gruppe zugeritten kam, hatte Clay einen Ausruf der Besorgnis ausgestoßen, als ob ihm plötzlich etwas klar geworden wäre, denn er bemerkte, daß die Truppen, die für Anhänger Rojas' galten, in der entferntesten Ecke des Platzes, fast zweihundert Schritt vom Standorte des Präsidenten, zusammengezogen und von Mendozas Infanterie umgeben waren, und daß Mendozas Cowboys, die sich bis jetzt im Schritt bewegt hatten, kehrt schwenkten, und wie eine fliegende Masse von Pferden und Menschen gerade auf den Präsidenten losgesprengt kamen.

Immer noch den Säbel zum Gruße gesenkt haltend, ritt Mendoza auf Alvarez zu. In seinen Augen glühte die Aufregung und das Frohlocken des Gelingens. Niemand als Stuart und Rojas verstanden seine Worte; den Zuschauern und den Truppen mußte es so vorkommen, als ob er in seiner Eigenschaft als Höchstkommandierender dem Staatsoberhaupte eine Meldung machen oder um Befehle bitten wolle. Was er jedoch wirklich sprach, war etwas ganz andres.

»Doktor Alvarez,« sagte er, »als Höchstkommandierender des Heeres verhafte ich Sie wegen Hochverrats. Sie haben eine Verschwörung angezettelt, die den Zweck hat, Sie ohne vorausgegangene Wahlen noch weiter an der Spitze des Staates zu lassen. Ferner sind Sie des Diebstahls öffentlicher Gelder angeklagt. Ich muß Sie ersuchen, mit mir nach dem Militärgefängnis zu reiten. General Rojas, ich bedaure, daß ich an Sie, als den Mitschuldigen des Präsidenten, dasselbe Verlangen richten muß. Ich werde meine Handlung vor dem Volke verantworten, wenn ich Sie im Gefängnis in Sicherheit gebracht und den Belagerungszustand verkündet habe. Falls Ihre Truppen Widerstand leisten, haben meine Leute Befehl, auf sie zu feuern.«

Stuart wartete das Ende der Rede nicht ab, denn er hatte den schweren Hufschlag der sich im Trabe nähernden Reiter gehört, er sah, wie sich die Reihen öffneten und zwei Leute die Zügel von Alvarez' und Rojas' Pferden ergriffen und sie mit sich zerrten, wobei die Masse der nachdrängenden Reiter sie deckte und vorwärtsschob. Stuart sprengte nach der Staatskutsche und faßte das nächste der Pferde am Zügel.

»Nach dem Palaste!« rief er seinen Leuten befehlend zu. »Schießt jeden nieder, der versucht, euch aufzuhalten!«

Die Volksmenge hatte nicht eher gemerkt, was vorging, als bis alles vorüber war. Der Staatsstreich war schon lange geplant und seine Ausführung sorgfältig vorbereitet. Die Reiterei war über den Paradeplatz gesprengt und in der nach dem Gefängnis führenden Straße verschwunden, ehe die Leute merkten, daß sie Alvarez und Rojas mitgenommen hatte. Das von Rojas befehligte Regiment sah sich von Mendozas Truppen umringt, die ihnen an Zahl weit überlegen waren, allein trotzdem durchbrachen sie die sie umgebenden Reihen, wobei einige vereinzelte Schüsse fielen, und verfolgten die Reiterei, die ihren Führer nach dem Gefängnis schleppte.

In dem Tumult, der nun folgte, war es unmöglich, zu erkennen, wie viele an der Verschwörung beteiligt waren. Brüllend, schreiend und springend schwärmte der Pöbel über den Paradeplatz, und an einem Dutzend verschiedener Stellen erstiegen einzelne Männer erhöhte Punkte und hielten aufreizende Reden ans Volk. Während sich viele der Soldaten und Bürger um diese Redner drängten, rannten andre durch die Straßen und riefen die Einwohner zur Befreiung des Präsidenten oder zu einem Angriff auf den Regierungspalast zu den Waffen, und die Rufe: »Hoch die Regierung!« und »Hoch die Revolution!« hielten sich etwa das Gleichgewicht.

Von der Leibwache umringt, jagte die Staatskarosse durch die engen Straßen, wobei Fußgänger und die vor den Cafés stehenden Stühle und Tische rücksichtslos überritten wurden. Als der Wagen die durch den Garten nach dem Palaste führende Allee hinanraste, rief Stuart seine Leute zurück und befahl ihnen, die großen eisernen Thore zu schließen und zu verrammeln und sie gegen den eindringenden Pöbel zu verteidigen, während Mc Williams und der junge Langham die Wagenthüre aufrissen und der Gattin des Präsidenten und deren vor Schreck fast ohnmächtigen Gesellschafterin heraushalfen. Madame Alvarez zitterte vor Aufregung, als sie sich auf Langhams Arm stützte, aber sie zeigte keine Spur von Furcht in ihren Zügen oder ihrem Benehmen.

»Mr. Clay hat es übernommen, Ihren Reisewagen an der Hinterthüre vorfahren zu lassen,« sagte Langham. »Stuart hat uns versichert, die Kutsche sei angespannt und bereit. Sie müssen sich aber beeilen und alles zusammensuchen, was Sie mitnehmen wollen. Wir werden Sie sicher zur Küste geleiten.«

Als Madame Alvarez und ihre Begleiter die Halle betraten und die große Marmortreppe hinanstiegen, erschien Hope, die der Leibwache gefolgt war, mit ihrem Reitknecht.

»Ich bin durch die Hinterthüre hereingelangt,« erklärte Hope. »Die Straßen sind dort noch ganz verlassen. Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte sie eifrig.

»Indem Sie mich sofort verlassen,« rief die ältere Dame. »Großer Gott, Kind! Habe ich nicht schon genug zu verantworten, auch ohne Sie in diese Sache zu verwickeln? Kehren Sie eiligst durch den botanischen Garten nach Hause zurück. Der Teil der Stadt ist noch ruhig.«

»Wo ist denn Ihre Dienerschaft? Warum sind die Leute nicht hier?« fragte Hope, ohne sich an das zu kehren, was Madame Alvarez gesagt hatte. Der Palast bot ein seltsames Bild der Verödung; keine eilenden Schritte begrüßten die Ankommenden, keine Thüren öffneten oder schlossen sich, als sie nach Madame Alvarez' Gemächern eilten. Die Dienerschaft war beim ersten Gerücht über den in der Stadt ausgebrochenen Aufruhr entflohen, und die auf den Fußböden in verschiedenen Zimmern verstreuten Kleidungsstücke und geplünderten Schmuckkästchen bewiesen, daß sie nicht mit leeren Händen gegangen waren. Die Dame, die Madame Alvarez zur Parade begleitet hatte, sank weinend auf ein Bett, und als das Geschrei plötzlich lauter wurde und näher zu kommen schien, rannte sie davon, um sich in einem der oberen Stockwerke des Hauses zu verkriechen. Hope trat an eins der Fenster und sah, wie ein großer Haufe von Soldaten und Zivilisten um die Ecke kam und gegen das eiserne Gitter des Palastes anstürmte.

»Sie müssen sich beeilen,« sagte sie. »Vergessen Sie nicht, daß Sie durch Ihr Zögern das Leben dieser jungen Herren in Gefahr bringen.«

In dem Zimmer, worin sie sich befanden, stand ein großes Bett. Madame Alvarez hatte es abgerückt und beugte sich über einen Wandschrank, der durch das Kopfstück des Bettes verborgen gewesen war. Aus diesem zog sie eine lederne Tasche hervor, die ein Bündel Papiere enthielt.

»Sehen Sie das? Das sind Wechsel für fünf Millionen Dollars,« rief sie und warf das Täschchen in den Schrank zurück, dessen Thür sie sodann schloß. »Sie sind meine Zeugin, daß ich sie nicht mitnehme,« sagte sie dabei.

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Hope, »aber eilen Sie sich. Haben Sie alles, was Sie brauchen? Haben Sie Ihre Schmucksachen?«

»Ja,« antwortete die Dame, indem sie sich wieder aufrichtete, »die gehören mir.«

Da stieg ein noch lauteres und furchtbareres Geschrei aus dem Garten empor, und zugleich klang es, wie wenn Eisen gegen Eisen geschlagen würde, zugleich vernahm man Ausrufe der Wut und Verwünschungen.

»Ich werde nicht gehen!« rief die Spanierin plötzlich. »Ich kann Alvarez diesem Plebs nicht überlassen, und wenn sie mich umbringen wollen, so mögen sie es thun.«

Bei diesen Worten warf sie den Beutel, der ihre Schmucksachen enthielt, aufs Bett, riß das Fenster auf und trat auf den Balkon hinaus. Ihr schwarzes Kleid, das sich scharf von der gelben Mauer abhob, machte sie so deutlich sichtbar, daß die Volksmenge sie sofort erkannte, und ein wahnsinniges Geschrei frohlockender Wut stieg von der Masse empor, die sich gegen das hohe eiserne Gitter des Gartens drängte. Hope ergriff die Frau am Kleide und riß sie zurück.

»Sind Sie denn wahnsinnig?« sagte sie. »Was können Sie denn Ihrem Manne hier nützen? Retten Sie sich selbst, und dann wird er zu Ihnen kommen, wenn er kann. Jetzt können Sie gar nichts für ihn thun; Sie können Ihr Leben nicht für ihn opfern, Sie werfen es nutzlos weg, und Sie setzen das Leben der Männer aufs Spiel, die unten auf Sie warten. Kommen Sie, sage ich Ihnen!« –

Mc Williams ließ Clay am Reisewagen stehen, lief vom Stalle aus durch das leere Haus und die Marmortreppe zum Garten hinab, ohne auf diesem Wege irgend jemand zu begegnen. Er sah, wie Stuart seine Leute anwies und ihnen half, die Gartenthore mit Bänken und Schilderhäusern zu verrammeln. Von draußen schossen einige aus dem Pöbelhaufen mit ihren Revolvern nach ihm und schimpften ihn, aber er schien sie nicht zu hören. »Nun,« fragte er, Mc Williams mit einem fröhlichen Lachen begrüßend, »ist alles bereit?«

»Nein, aber wir sind es. Clay und ich warten schon seit fünf Minuten. Wir haben Miß Hopes Reitknecht getroffen und ihn mit einem Auftrage an King nach der Palmenvilla zurückgeschickt. Diesem haben wir sagen lassen, er solle mit der Jacht nach Los Bocos segeln und dort kreuzen, bis wir kämen. Dann soll er Madame Alvarez nach Truxillo bringen, wo eins von unsern Kriegsschiffen liegt, das ihr als politischem Flüchtling Zuflucht gewähren wird.«

»Warum fahrt ihr sie denn nicht gleich nach der Palmenvilla hinaus,« fragte Stuart besorgt, »und nehmt sie dort an Bord der Jacht? Nach Bocos sind's zehn Meilen, und die Straßen sind sehr schlecht.«

»Clay meint, es würde uns nicht gelingen, sie durch die Stadt zu bringen,« antwortete Mc Williams. »Wir würden uns auf dem ganzen Wege zu wehren haben. Der südliche Teil der Stadt dagegen ist verlassen, und wenn wir auf Nebenstraßen fahren, erreichen wir Bocos um zehn Uhr abends. Die Jacht wird schon um Sieben dort sein.«

»Sie haben recht, gehen Sie zurück. Ich werde einige von meinen Leuten abrufen, der Rest aber muß diesen Pöbelhaufen im Schach halten, bis Sie abgefahren sind, dann will ich mit den andern folgen. Wo ist Miß Hope?«

»Das wissen wir eben nicht, und Clay ist außer sich. Ihr Reitknecht hat gesagt, sie sei irgendwo im Palaste.«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen,« mahnte Stuart. »Wenn Mendoza hierher gelangt, ehe Madame Alvarez abgereist ist, ist es zu spät.«

Mc Williams sprang nun die zum Palaste führenden Stufen hinan. Stuart aber rief den ihm zunächst stehenden seiner Leute zu, mit ihm zu gehen, und lief hinter Mc Williams her.

Als er mit seinen Leuten, die ihm auf dem Fuße folgten, den Palast betrat, eilte Clay, der durch die Hinterthüre gekommen war, über den oberen Flur, und Hope und Madame Alvarez verließen die an der Vorderseite gelegenen Gemächer. Sie trafen mit Clay am oberen Ende der Haupttreppe zusammen, gerade als Stuart seinen Fuß auf deren unterste Stufe setzte. Der junge Engländer hörte die Schritte seiner ihm folgenden Leute dicht hinter sich und sprang eifrig vorwärts. Doch als er die Hälfte der Treppe erstiegen hatte, hörte das Geräusch hinter ihm auf. Rasch drehte er sich um und sah, daß seine Leute am Fuße der Treppe Halt gemacht hatten und unsicher zu ihm aufsahen. Stuart schaute über ihre Köpfe hinweg durch den Flur in den Garten, um zu sehen, ob sie verfolgt würden, allein der Pöbel kämpfte noch außerhalb des Gitters. Ungeduldig schwang er den Säbel und eilte weiter, indem er befahl, ihm zu folgen, allein die Leute rührten sich nicht. Noch einmal blieb der junge Offizier stehen und sah jetzt überrascht und ärgerlich auf sie herab. Nicht einer war unter ihnen, den er nicht hätte bei Namen nennen können, er kannte alle ihre kleinen Sorgen, selbst ihre Liebesangelegenheiten. An ihn wandten sie sich, wenn sie des Rates und der Hilfe bedurften, ihn baten sie um Geld, wenn sie in Not waren. Wie seine Kinder hatte er sie betrachtet und als Soldaten waren sie sein Stolz, denn sie waren gewissermaßen das Werk seiner Hände.

»Was gibt's denn?« fragte er deshalb überrascht und sah sie verwundert an. Obgleich er wohl bemerkte, daß die in der vordersten Reihe Stehenden nach rückwärts und die in den hinteren Reihen nach vorwärts drängten, konnte oder wollte er die Sachlage nicht verstehen. Die Mündungen ihrer Karabiner zeigten nach allen Richtungen, und auf ihren Gesichtern waren Furcht, Haß und Feigheit deutlich ausgeprägt.

»Was soll das heißen!« fragte Stuart scharf. »Worauf wartet ihr denn?«

Clay hatte gerade die oberste Stufe der Treppe erreicht, als er Madame Alvarez und zu seiner nicht geringen Erleichterung auch Hope auf sich zukommen sah.

Dann wandte er sich um, und seine Augen fielen auf das Bild unter ihm, auf Stuarts Rücken, der seinen Leuten gegenüberstand, und auf deren finstere nach oben gerichtete Gesichter und ihre halb erhobenen Karabiner. Clay hatte länger unter Spanisch-Amerikanern gelebt, als der junge englische Offizier, oder er war mehr geneigt als dieser, an Schlechtigkeit und Undankbarkeit zu glauben, denn er stieß einen Warnungsruf aus und winkte den Frauen zu, sich zurückzuhalten.

»Stuart!« rief er, »um Gottes willen, Stuart, kommen Sie. Was machen Sie denn da? Kommen Sie zurück!«

Beim Klange der Stimme seines Freundes fuhr der Engländer auf, aber er wandte den Kopf nicht, vielmehr begann er langsam, Schritt für Schritt, die Treppe hinabzusteigen und sah dabei den Haufen unten so wütend an, daß die Leute vor diesem Blick zornigen Stolzes zurückwichen. Die in den hinteren Reihen Stehenden erhoben ihre Karabiner und legten sie an. Ohne die Augen von den ihren abzuwenden, zog Stuart seinen Revolver und richtete ihn auf die unter ihm stehende Menge, während er den Säbel mittels des Faustriemens am Handgelenk hängen ließ.

»Was soll das heißen?« fragte er noch einmal. »Ist das Meuterei?«

»Tod der Spanierin! Tod allen Verrätern! Hoch Mendoza!« schrie eine Stimme aus den hinteren Reihen der Menge, und die andern wiederholten den Ruf.

»Kommen Sie mit mir!« rief Clay, indem er die breite Treppe hinabsprang. Aber noch ehe er Stuart erreicht hatte, stieß eine Frauenstimme einen langen schrecklichen Angstschrei aus. Stuart fuhr zusammen, schaute empor und sah, daß sich Madame Alvarez über das breite Treppengeländer zu ihm herabgebeugt hatte. Vor Angst stumm, griff sie mit der Hand in die Luft, indem sie ihn aufgeregt zu sich winkte. Mit einem traurigen Lächeln sah Stuart sie an und grüßte sie mit seiner freien Hand, um sie zu beruhigen. Das war sein Verderben, denn als die Leute unten seine vorwurfsvollen Augen nicht mehr auf sich gerichtet sahen, rissen sie ihre Karabiner in die Höhe und feuerten. Die meisten aufs Geratewohl, einige aber hatten ihre Waffen fest auf sein Herz gerichtet.

Als die Schüsse krachten und der Rauch die breite Treppe hinanschwebte, warf der junge Offizier die Hände empor, sein Körper sank in sich selbst zusammen, und wie ein müdes Kind, das einschlummert, fiel der überwundene Soldat des Glücks in die ausgestreckten Arme seines Freundes.

Clay hob ihn auf seine Kniee und preßte ihn mit einem Arme gegen seine Brust, während er mit seiner freien Hand die Halsbinde des Gefallenen aufriß und die Finger zwischen die Knöpfe des Uniformrockes schob. Feucht und purpurn gefärbt, zog er sie wieder hervor.

»Stuart,« jammerte Clay, »Stuart, sprechen Sie mit mir – sehen Sie mich an!«

Mit wilder Rauheit schüttelte er den Körper in seinen Armen und starrte in das auf seiner Schulter liegende Gesicht, als ob er den Augen befehlen könne, sich wieder dem Lichte und dem Leben zu öffnen. »Verlassen Sie mich nicht,« sagte er, »um Gottes willen, alter Freund, verlassen Sie mich nicht!«

Allein der auf seiner Schulter ruhende Kopf sank nur noch tiefer, und der Körper in seinen Armen erstarrte. Clay erhob seine Augen und sah, wie die Soldaten, entsetzt über das, was sie angerichtet hatten, und von dem Gram, den sie vor Augen sahen, mit scheuer Ehrfurcht erfüllt, unentschlossen dastanden. Clay stieß einen furchtbaren Schrei aus, wie eine Mutter, die ihr Kind vor ihren Augen verstümmelt sieht. Sanft legte er den Leichnam auf die Stufen und rannte auf die auseinanderstiebende Menge unter ihm los. Als er auf sie zukam, drängten die Erschrockenen schreiend und ihren Freunden zurufend, die Thore für sie zu öffnen und den Pöbel einzulassen, dem Ausgang zu. So erreichten sie die Veranda, wandten sich durch ihre Zahl ermutigt um, und blieben stehen, um den Mann, der sie immer noch verfolgte, mit Schüssen zu empfangen.

Mit einem Blicke in seinen Augen, den noch niemand, der sie kannte, darin gesehen hatte, blieb Clay stehen und lächelte vor Freude darüber, daß er in dem, was er jetzt zu thun hatte, ein Meister war. Bei jedem Knall seines Revolvers schwankte einer der Mörder Stuarts und sank dann schwerfällig aufs Gesicht. Hierauf wandte sich Clay ab und kehrte langsam, wie ein Mensch, der im Schlafe wandelt, nach der Halle und der großen Treppe zurück. Die Kugeln, die mit häßlichem Klatschen rings um ihn an die Wände schlugen und durch die Krystallanhänger der Kronleuchter über seinem Haupte klirrten, bemerkte er nicht. Als er die Stufe erreicht hatte, wo der Leichnam lag, bückte er sich, hob ihn vorsichtig auf und stieg, ihn an die Brust drückend, vollends die Treppe empor. Mc Williams und Langham kamen auf ihn zu und sahen die hilflose Gestalt in seinen Armen.

»Was ist das?« riefen sie. »Ist er verwundet? Ist er schwer verletzt?«

»Er ist tot,« antwortete Clay, mit seiner Bürde weiter schreitend. »Sorgen Sie dafür, daß Hope uns nicht begegnet.«

Oben an der Treppe stand Madame Alvarez zitternd und mit geschlossenen Augen, so daß das junge Mädchen sie stützen mußte.

»Lassen Sie mich!« stöhnte sie. »Rühren Sie mich nicht an! Lassen Sie mich sterben! Mein Gott, wofür soll ich denn jetzt noch leben?«

Damit schüttelte sie Hopes stützenden Arm ab und stand bebend und sich in unsagbarem Schmerze krümmend da, ein Bild mutloser Verzweiflung.

»Mir gilt es gleich, was aus mir wird!« rief sie, indem sie ihre Spitzenmantilla abriß und zu Boden schleuderte: »Ich werde diesen Ort nicht verlassen. Er ist ja tot! Warum sollte ich gehen? Er ist ja tot! Sie haben ihn gemordet und er ist tot.«

»Sie wird ohnmächtig,« rief Hope mit harter, gepreßter Stimme. In diesem Augenblick kam sie ihrem Bruder plötzlich viel älter vor, so daß er zu ihr aufsah, als ob er erwartete, daß sie ihm sagen werde, was er thun solle.

»Halt' sie fest,« sagte sie, »oder sie fällt.«

Zitternd und leise ächzend sank Madame Alvarez rückwärts in die Arme der Männer.

»So, nun tragt sie in den Wagen,« befahl Hope. »Sie ist ohnmächtig, und das ist gut, denn nun weiß sie nicht mehr, was vorgefallen ist.«

Clay, der den Leichnam noch immer in den Armen hielt, stieß die erste klaffende Thür, die er fand, mit dem Fuße auf. Sie führte in den großen Festsaal des Palastes, aber er hatte keine Zeit, lange zu wählen, denn jetzt mußte die Sicherheit der Lebenden, die noch in Gefahr waren, seine erste Sorge sein.

Der lange Tisch in der Mitte des Saales war für eine zahlreiche Gesellschaft gedeckt, denn es war Gebrauch, daß der Präsident nach der Parade ein großes Gastmahl gab. Von draußen schien das Licht der Sonne, die gerade hinter die Berge sank, auf das reiche Silbergerät, das blitzende Krystall, die blendende Leinwand des Tisches und die großen schwer vergoldeten Tafelaufsätze, die mit frischen Blumen gefüllt waren. Es sah aus, als ob die Diener den Saal erst eben verlassen hätten. Selbst die Kerzen waren schon angezündet, und ihre Flammen flackerten und qualmten im Abendwind. Schwankende Schatten warfen sie an die Wände, und mit unsicherem Schein beleuchteten sie die düsteren Gesichter der Präsidenten, die aus ihren Goldrahmen finster auf den gedeckten Tisch herabschauten.

An einer Seite des Saales stand ein langer mit Leder bezogener Diwan. Auf diesen ging Clay rasch zu und legte seine Bürde darauf, wobei er sich bewußt war, daß Hope ihm noch immer folgte. Mit liebevoller Sorgfalt streckte er die Glieder des Toten, drückte die kalten Hände seines Freundes einen Augenblick in den seinen, und dann flüsterte er etwas zwischen den Lippen, wandte sich ab und wollte davoneilen.

In der Thür trat ihm Hope entgegen, die schweigend schluchzte.

»Müssen wir ihn so verlassen?« bat sie. »Ist es nötig, daß wir ihn – so verlassen?«

Vom Garten herauf drang der Klang von Aexten, die gegen eiserne Angeln schlugen, dann folgte ein lautes Krachen. Das Thor war eingestürzt, und nun flutete der Pöbel über die Hindernisse, worauf es gefallen war, und ein so frohlockendes Wutgeheul stieg von der Menge auf, daß man hätte glauben sollen, selbst die Ohren des Toten müßten es hören.

»Sie rufen Mendoza,« flüsterte Clay, »also muß er in der Nähe sein. Kommen Sie, wir müssen laufen, denn es gilt unser Leben.«

Aber ehe er hindern oder ahnen konnte, was Hope im Schilde führte, war sie an ihm vorbeigeschlüpft, hatte Stuarts Säbel, der von seinem Handgelenk auf den Boden geglitten war, aufgehoben, auf den Leichnam des Soldaten gelegt und seine Hände über dem Griff zusammengefügt. Rasch sah sie sich um, als ob sie etwas suche, und dann lief sie, befriedigt aufatmend, nach dem Tische und riß ein paar Hände voll Blumen aus den Tafelaufsätzen, die sie, flink zu dem Diwan zurückeilend, über den Leichnam streute.

»Kommen Sie, um Gottes willen, kommen Sie!« rief Clay in heiserem Flüstern von der Thür.

Allein noch einen Augenblick zögerte Hope und sah den jungen Engländer an, auf dessen weißes Gesicht die Kerzen flackernde Lichter warfen; dann kniete sie nieder, strich das lockige Haar zurück und küßte den toten Jüngling auf die Stirn. Nun legte sie, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, ihre Hand in die Clays, und dieser lief, sie mit sich ziehend, durch den langen Gang, gerade als der Pöbelhaufe unten eindrang und den Palast mit seinem wilden Geschrei erfüllte.

Schwächer und schwächer fiel das Licht der sinkenden Sonne auf die einsame Gestalt in dem großen Festsaale, und als die Dämmerung zunahm und die Kerzen heller brannten, wurden auch die Gesichter der Bilder deutlicher. Jetzt schienen sie weniger finster auf das weiße Gesicht ihres Waffenbruders zu schauen, der sich eben in der Ewigkeit zu ihnen gesellt hatte.

Haltung und Züge des jungen englischen Soldaten erinnerten an seine Vorfahren aus den Kreuzzügen, die in Stein gehauen mit gen Himmel gerichteten Gesichtern und zum Gebet gefalteten Händen, die treuen Hunde zu ihren Füßen, in einer kleinen Dorfkirche lagen.

Als wenige Augenblicke später der halb wahnsinnige Haufe von Männern und Knaben mit Mendoza an ihrer Spitze in den großen Raum drang, mochte ihnen wohl die Tragik des Todes, der den jungen Engländer hier auf fremdem Boden ereilt hatte, zum Bewußtsein gekommen sein, denn sie blieben erschrocken und überrascht stehen und drängten mit scheuem Flüstern die ihnen folgenden Genossen zurück. Der General schritt kühn vor, allein dem stillen, weißen Gesicht gegenüber senkten sich seine Augen, und mochte es nun sein, daß die brennenden Kerzen und die Blumen eine Erinnerung an die große Kirche, der er angehörte, in ihm erweckten, oder weckten die Löcher in der Uniform des Soldaten die bessere Seite seines Wesens: genug, er bekreuzte sich rasch, erhob langsam die Hand zu seinem Hute, nahm ihn ab und wies damit auf die Thür. Und ohne noch einen Blick auf den reichen Silberschatz des Tisches zu werfen, drängte sich die Menge mit leisen Schritten, als ob sie unversehens in ein Heiligtum gedrungen wäre, vor ihm hinaus.

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