Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Harding Davis >

Soldaten des Glücks. Zweiter Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid2a0dcae6
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Clay und Langham überließen es Mc Williams und Stuart, für ihren Gefangenen zu sorgen, und kehrten nach der Palmenvilla zurück, wo sie das Diner einnahmen, aber in Gegenwart der Damen nichts von den Ereignissen des Tages erwähnten.

Der Mond ging an diesem Abend spät auf, und als Hope ihn von ihrem Platze am Tische dem Fenster gegenüber beobachtete, sah sie auf dem Rande der Klippe die Gestalt eines Mannes, die sich scharf am Himmel abzeichnete. Der Mann trug Matrosenuniform, und das Mondlicht glänzte auf dem Laufe einer Büchse, auf die gestützt, er bewegungslos und drohend wie eine Schildwache auf einem Wall dastand.

Hope öffnete die Lippen, um zu sprechen, schloß sie aber wieder und lächelte in vergnüglicher Erregung. Einen Augenblick später rief King, der ihr zur Rechten saß, einen der Diener zu sich und flüsterte ihm einige Anweisungen zu, wobei er auf den vor ihm stehenden Wein wies. Gleich darauf sah Hope die weiße Gestalt des Dieners den Garten durcheilen und sich dem Posten nähern; sie sah, wie dieser sein Gewehr rasch an die Hüfte riß und sodann nach kurzer Verhandlung schulterte um dann zwischen den Gebüschen des Gartens zu verschwinden.

Als die Damen die Tafel verließen, standen die Herren nicht, wie es sonst ihre Gewohnheit war, gleich mit ihnen auf, sondern blieben noch im Speisesaale und rückten näher zusammen.

Mr. Langham wollte nicht glauben, daß der Sturz der Regierung so unmittelbar bevorstehe, als die andern anzunehmen schienen. Erst nach ernstlichen Vorstellungen und langem Widerstreben hatte er King erlaubt, die Hälfte seiner Bemannung zu bewaffnen und als Wache um die Palmenvilla aufzustellen. Clay machte ihn darauf aufmerksam, daß in der Unordnung, die nach jeder erfolgreichen Revolution eintritt, die Häuser unbeliebter Mitglieder des Kabinetts häufig niedergebrannt werden, und daß, wenn Mendoza siegte und Alvarez fiel, der Pöbel leicht seine Wut an der Palmenvilla auslassen könne, weil sie das Heim des Fremden bildete, der nach ihrer Ansicht das Land seiner Eisenbergwerke beraubt hatte, worauf Mr. Langham entgegnete, er glaube nicht, daß die Leute fünf Meilen ins Land wandern würden, um ihre Wut an ihm auszulassen.

In Truxillo, einem Hafen der Republik, die im Süden an Olancho grenzte, lag ein amerikanisches Kriegsschiff, und Clay war dafür, dessen Kapitän durch den Konsul Weimer auffordern zu lassen, zum Schutze der amerikanischen Interessen nach Valencia zu kommen. Die Fahrt konnte nur wenige Stunden in Anspruch nehmen, und der Anblick des weißen Rumpfes des Schiffes würde, wie er meinte, eine heilsame Wirkung auf die Revolutionäre haben, allein Mr. Langham erklärte aufs bestimmteste, er werde nicht eher um Hilfe bitten, als bis es unbedingt notwendig sei.

»Das thut mir leid,« entgegnete Clay, »denn es wäre mir sehr lieb, wenn das Kriegsschiff hier wäre. Wenn Sie aber nicht wollen, müssen wir eben sehen, wie wir ohne es fertig werden. Für jetzt wäre es, glaube ich, am besten, wenn Sie sich vorstellten, Sie wären in New York, und uns völlig freie Hand ließen. Wir sind zu weit gegangen, als daß wir uns noch zurückziehen könnten,« fuhr er lachend fort, als er Mr. Langhams trübselige Miene bemerkte. »Jetzt müssen wir kämpfen, denn es geht gegen die menschliche Natur, anders zu handeln.«

Mr. Langham sah seinen Sohn und King bittend an, aber beide beantworteten diesen Blick mit einem Lächeln der Mißbilligung seiner Politik der Nichteinmischung.

»Nun, so mag's drum sein,« sagte er endlich. »Ihr Herren mögt morden, brennen und zerstören, wenn ihr wollt, aber in Anbetracht, daß es mein Eigentum ist, wofür ihr fechten wollt, sollte ich doch wirklich meinen, daß ich auch ein Wort dabei mitzureden hätte. – Mein Arzt,« fuhr er fort, nachdem er sich mit einem ratlosen Kopfschütteln in dem kleinen Kreise umgesehen hatte, »schickt mich hierher, damit ich mir hier ein ruhiges und glückliches Heim einrichte,« erklärte er mit einer Trauer, der es nicht an Laune fehlte, »und damit ich mich hier, aller Aufregung fern, erhole, und nun bin ich da und finde, daß mein Garten von Bewaffneten durchstreift wird, und daß ein paar Flibustier ihre Ränke an meinem eignen Tische schmieden, während um meinetwillen ein Bürgerkrieg auszubrechen im Begriffe ist. Doktor Winter sagte mir, dies sei der einzige Ort, wo ich Heilung für mein Nervenleiden finden könne.«

Sobald die Herren den Speisesaal verließen, trat Hope zu Clay und winkte ihm, ihr nach dem Ende der Veranda zu folgen.

»Nun, was gibt's denn?« fragte sie.

»Was soll's denn geben?« antwortete Clay lachend, indem er sich so aufs Geländer setzte, daß er die nach dem Hause führende Allee und den Fahrweg übersehen konnte. Die Stimmen der andern drangen von der Rückseite des Hauses zu ihnen, namentlich die Ted Langhams, der Mc Williams nachahmte, wie er zu singen pflegte: »Denn du, mein liebes, süßes Heim, du gleichst doch keinem andern.«

»Warum bewachen die Leute die Villa und warum sind Sie heute morgen nach der Plaza Bolivar gegangen? Alice hat mir erzählt, Sie seien dort ausgestiegen. Ich möchte wissen, was das alles zu bedeuten hat, denn ich bin fast ebenso alt als Ted, und der ist eingeweiht. Die Leute wollten mir nichts sagen.«

»Welche Leute?«

»Die Leute von der ›Vesta‹. Einige von ihnen habe ich in den Büschen herumkriechen sehen, und als ich hinausging, um zu ermitteln, was sie wollten, fand ich fünfzehn von ihnen in Ihrem Arbeitszimmer. Sie haben ihre Hängematten auf der ganzen Veranda des Verwaltungsgebäudes aufgehängt, vor den Stufen eine Schnellfeuerkanone aufgepflanzt und die Gewehre zusammengesetzt, gerade wie wirkliche Soldaten, aber warum das alles geschehen ist, wollten sie mir nicht sagen.«

»Wir werden Sie ins Cartel sperren,« sagte Clay, »wenn Sie spionieren. Ihr Herr Vater wünscht nicht, daß Sie etwas davon erfahren, aber da Sie es selbst herausgebracht haben, mögen Sie das Wenige, was es zu wissen gibt, auch hören. Es ist die alte Geschichte: Mendoza ist bereit, loszuschlagen, oder vielmehr, er hat seine Revolution bereits begonnen.«

»Warum hindern Sie ihn denn nicht daran?« fragte Hope.

»Diese Frage ist sehr schmeichelhaft für mich,« entgegnete Clay, »aber selbst wenn ich die Macht hätte, ihn zu hindern, so habe ich doch bis jetzt noch kein Recht dazu. Ich muß abwarten, bis er sich in unsre Angelegenheiten mischt. Alvarez ist der Mann, der ihn hindern sollte, aber er fürchtet ihn. Wir können nichts thun, bis er anfängt. Wenn ich Präsident wäre, so würde ich Mendoza morgen früh erschießen lassen und das Standrecht verkünden. Dann ließe ich alle Leute verhaften, die mir feindlich gesinnt wären, machte bei allen Geschäftsleuten eine Zwangsanleihe und reiste nach Paris ab, um dort glücklich zu leben bis an mein seliges Ende. So würde Mendoza es machen, wenn er jemand bei einer Verschwörung gegen ihn ertappte, und das würde auch Alvarez thun, wenn er den Mut seiner Ueberzeugung und seiner Erziehung hätte. Ich sehe es gern, wenn ein Mann seine Rolle ordentlich durchführt. Sie nicht auch? Wenn man Kaiser ist, sollte man sich wahrhaftig kaiserlich benehmen, wie es der deutsche Kaiser thut, und wenn man ein Preisfechter ist, sollte man ein menschlicher Bullenbeißer sein. Einen anständigen Preisboxer gibt es ebensowenig als einen tugendhaften Einbrecher, und wenn man ein südamerikanischer Diktator sein will, dann darf man keine kleinlichen Bedenken dagegen haben, seine Feinde ins Gefängnis zu werfen oder sie tot zu schießen. Diktator sein, heißt herrschen, nicht sich im Hause verkriechen und es seiner Frau überlassen, Ränke für einen zu schmieden.«

»Thut sie das?« fragte Hope. »Und glauben Sie, daß sie in Gefahr ist – ich meine, in persönlicher Gefahr, wenn die Revolution ausbricht?«

»Nun, sie ist sehr unbeliebt,« antwortete Clay, »und zwar wie ich glaube, mit Unrecht, aber vielleicht wäre es besser für sie, wenn sie sich so heimlich als möglich aus dem Staube machte, falls es so weit kommt.«

»Ist unser Kapitain Stuart ebenfalls in Gefahr?« fuhr das junge Mädchen besorgt fort. »Alice sagt, man habe letzte Nacht in der ganzen Stadt Anschläge gegen ihn angeklebt. Als sie vom Balle nach Hause fuhr, sah sie, wie seine Leute welche abrissen. Was hat er denn gethan?«

»Nichts,« entgegnete Clay kurz. »Er befindet sich hier zufällig in einer falschen Stellung, das ist alles. Die Leute glauben, er sei hier, weil er sich in seinem Heimatlande unmöglich gemacht habe, und das ist nicht wahr. Das ist nicht der Grund, der ihn hier festhält. Als er noch jünger war als jetzt, ist er allerdings etwas leichtsinnig gewesen und hat mehr Geld ausgegeben, als er hätte sollen, und ohne Zweifel hat er seinen Kameraden mehr geliehen, als sie jemals zurückbezahlen können. Da sein Vater seine Schulden nicht bezahlen wollte, mußte er den Dienst quittieren, und während der letzten drei Jahre hat er seinen Degen dem und jenem König oder Sultan auf der ganzen Welt verkauft – zuerst in China und Madagaskar und später in Siam. Hoffentlich werden Sie recht gütig gegen Stuart sein und nicht darauf hören, wenn Schlechtes über ihn geredet wird. Irgendwo in England hat Stuart eine Schwester wie Sie – etwa in Ihrem Alter, meine ich – die ihn sehr lieb hat, und einen Vater, dessen Herz sich nach ihm sehnt, auch gibt es ein königliches Regiment, das noch immer mit Stolz seine Gesundheit trinkt. Er ist ein vereinsamter armer Junge und hat keinen Sinn fürs Komische, der ihm über seine Schwierigkeiten hinweghelfen würde, aber er ist ein braver, ehrenhafter Kerl, der um einer Frau willen hier für Leute kämpft, die nicht würdig sind, ihm die Schuhriemen zu lösen. Das sage ich Ihnen, weil Sie viele Unwahrheiten über ihn – und über sie hören werden. Ihr dient er mit derselben ritterlichen Hingebung, die seine Vorfahren für die Damen bethätigten, deren Bänder sie an ihren Speeren befestigten und für die sie im Turnier Lanzen brachen.«

»Ich verstehe,« sagte Hope mit weicher Stimme, »und ich bin froh, daß Sie mir das gesagt haben. Ich werde es nicht vergessen.« Seufzend schüttelte sie den Kopf. »Ich wollte, die Leute ließen Ihnen freie Hand, für sie zu handeln,« flüsterte sie dabei.

»Sie überschätzen, wie ich fürchte, meine Fähigkeiten,« erwiderte Clay lachend, »und da ich außerdem nicht in solchen Verhältnissen aufgewachsen bin, könnte mein Gewissen leicht Einspruch erheben, wenn ich meine Feinde erschießen und die Geschäftsleute brandschatzen müßte. Ich glaube das bessere Teil zu erwählen, wenn ich dabei bleibe, Löcher in die Erde zu graben. Das scheint alles zu sein, wozu ich zu gebrauchen bin.«

Mit dem Ausdruck der Ueberraschung sah Hope zu ihm auf.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte sie, und in ihrer Stimme lag ein so scharfer Vorwurf, daß Clay das Bedürfnis empfand, sich zu rechtfertigen.

»Etwas Besonderes meine ich damit nicht,« antwortete er. »Ihre Schwester und ich sprachen neulich über die Frage, daß ein Mann möglichst viel aus sich selbst machen müsse. Das hat mir die Augen geöffnet über – über gar manche Dinge. Es war eine sehr gesunde Lehre.«

»Eine sehr gesunde Lehre kann es nicht gewesen sein,« erwiderte Hope streng, »wenn es Sie veranlaßt, über Ihre Leistungen geringschätzig zu reden, wie Sie es eben thaten. Das klang gar nicht natürlich und sah Ihnen gar nicht ähnlich; es klang mehr nach Alice. Hat Alice das wirklich gesagt?«

Die Freude zu hören, wie Hope für ihn selbst Partei ergriff, war so groß für Clay, daß er mit der Antwort zögerte, um den Genuß zu verlängern. Ihre Begeisterung ergriff ihn tief, und er fragte sich, ob sie so eifrig sei, weil sie jung, oder weil sie überzeugt war, daß sie recht habe und er unrecht.

»Die Sache kam so,« hob Clay vorsichtig an, denn er hatte das ernste Bestreben, ganz gerecht gegen Miß Langham zu sein, und er fand es schwierig, ihren Gesichtspunkt richtig wiederzugeben, während er nach einem Worte schmachtete, das seine eigene gute Meinung über sich wiederherstellen konnte. »Ihre Schwester sagte, sie halte nicht viel von dem, was ich gethan habe, aber sie erklärte mir sehr freundlich, sie erwarte Besseres von mir. Was mich jedoch beunruhigt, ist die Ueberzeugung, daß ich niemals etwas viel Besseres oder etwas andres leisten werde, als was ich in der letzten Zeit vollbracht habe. Deshalb bin ich ein wenig entmutigt. Sehen Sie,« fuhr Clay fort, »wenn ich einmal sterbe und ich werde gefragt, was ich mit meinen zehn Fingern geleistet habe, so werde ich wohl antworten müssen: ›Ich habe die und die Eisenbahnen gebaut, ich habe so und so viele Tonnen Erz gegraben, neue Länder, erschlossen und geholfen, andre Leute reich zu machen.‹ Daß ich zufällig das Glück gehabt habe, mir Ihr und Ihrer Schwester Wohlwollen zu erwerben, werde ich nicht zu meinen Gunsten vorbringen dürfen. Für mich wäre das wohl ein hinreichender Grund der Daseinsberechtigung, aber denen, die das Leben eines Verstorbenen beurteilen, würde es schwerlich genügen. Deshalb möchte ich gern fühlen, daß ich etwas geleistet habe, das außer mir liegt – etwas, das bleibt, wenn ich nicht mehr bin, und sei es auch nur ein Wellenbrecher oder eine Patentkuppelung. Wenn ich tot bin, wird sich niemand darum kümmern, was für ein Mensch ich persönlich war, ob ein langweiliger Geselle oder ein kurzweiliger Gesellschafter. Meine Leistungen sollen für mich sprechen, und wenn Ihre Schwester, deren Urteil sich wohl mehr oder weniger mit dem der Welt im großen decken wird, sagt, daß meine Leistungen nicht viel wert sind, so fühle ich mich natürlich etwas entmutigt. Für mich bedeuten meine Leistungen immerhin viel, und es thut weh, wenn man sehen muß, daß andre so wenig davon halten.«

Eine Weile verharrte Hope in Schweigen, aber die Starrheit ihrer Haltung und die Festigkeit, womit sie die Lippen aufeinanderpreßte, zeigten, daß ihr Geist lebhaft arbeitete. Die beiden jungen Menschenkinder saßen einander eine Zeitlang still gegenüber und schauten nach den Lichtern der fernen Stadt. Am jenseitigen Ende der Doppelreihe von Gebüschen, die den Fahrweg einfaßte, konnten sie eine von Kings Schildwachen, die sich wie ein langer schwarzer Strich ausnahm, auf der weißen vom Monde beschienenen Straße hin und her gehen sehen.

»Sie sind ungerecht gegen sich selbst,« sagte das junge Mädchen endlich, »und Alice ist durchaus nicht die Vertreterin der Meinung der Welt, sondern nur eines sehr kleinen Teils davon – ihrer eigenen kleinen Welt. Sie weiß nicht, wie klein diese ist, und Sie haben unrecht in Hinsicht auf das, was die Welt nach Ihrem Tode fragen wird. Was wird ihr daran liegen, ob Sie Eisenbahnen gebaut oder ob Sie impressionistische Bilder gemalt haben? Sie wird fragen: ›Was haben Sie aus sich gemacht? Sind Sie ehrenhaft, stark und wahr gewesen?‹ Das wird die Welt fragen, und wir haben Sie so gern, weil Sie das alles sind und weil Sie das Leben so heiter und unerschrocken ansehen. Nicht weil sie Eisenbahnen bauen oder weil sie Premierminister sind, haben wir die Männer gern, sondern wir lieben sie um deswillen, was sie ihrem inneren Wesen nach sind. – Und nun was Ihre Leistungen anlangt!« – In beredtem Schweigen hielt Hope einen Augenblick inne. – »Ich bin der Ansicht, daß das, was Sie geschaffen haben, ein vornehmes Werk ist,« fügte sie sodann hinzu, »ein Werk, das nur unter Entbehrungen und mit Selbstverleugnung zu stande gebracht werden konnte. Ich kenne keinen andern Mann, der mehr aus seinem Leben hätte machen können, als Sie aus dem Ihrigen gemacht haben.« – Abermals hielt sie inne, um die Herrschaft über ihre Stimme zu gewinnen. – »Sie sollten sehr stolz sein,« schloß sie.

Clay senkte seine Augen und schaute schweigend die Straße entlang. Der Gedanke, daß Hope das, was sie gesagt hatte, auch wirklich aufs tiefste empfinde, sowie das Bewußtsein, daß die Thatsache dieser offenen Aussprache mehr für ihn bedeutete als alles andre auf der Welt, durchzuckte und erfüllte ihn mit einem nie gekannten Glücksgefühl. Am liebsten hätte er seine beiden Hände ausgestreckt und die ihren ergriffen, um ihr zu sagen, was sie ihm sei, allein eine solche Handlungsweise wäre ihm vorgekommen, als ob er aus einem Beichtgeheimnis hätte Nutzen ziehen oder das unschuldige Vertrauen eines Kindes hätte mißbrauchen wollen.

»Nein, Miß Hope,« entgegnete er, bemüht seine Bewegung zu unterdrücken, »wie gerne möchte ich Ihnen glauben, aber ich kenne mich selbst besser als irgend jemand anders, und ich weiß, daß, wenn meine Brücken auch die strengste Prüfung vertragen können – ich selbst sie nicht bestehen würde.«

Hope wandte sich um und sah ihn mit Augen an, die so voll von süßer Beredsamkeit waren, daß er die seinen abwenden mußte.

»Ich würde es ruhig auf beide Prüfungen ankommen lassen,« sagte das junge Mädchen. Clay that einen raschen, tiefen Atemzug und sprang auf, als ob er den Zwang, den er sich selbst auferlegt hatte, abschütteln wollte. Nicht ein Kind war es, das gesprochen, sondern ein Weib, und obgleich er sich lebhaft nach ihr umgewandt hatte, blieb er doch gesenkten Hauptes stehen und wagte es nicht, den Wahrspruch ihrer Augen entgegenzunehmen.

Lauter Hufschlag galoppierender Pferde unterbrach rauh die atemlose Spannung des Augenblicks, aber keins von beiden achtete darauf.

»Wie weit,« begann Clay mit gepreßter Stimme, »wie weit würde Ihr Vertrauen zu mir gehen?«

Hopes Augen hatten sich einen Augenblick geschlossen und wieder geöffnet, und nun lächelten sie ihm mit dem Ausdruck vollkommenen Vertrauens und ruhiger Zufriedenheit zu. Der Hufschlag kam jetzt vom Ende des Fahrweges, und sie konnten hören, wie die an der Rückseite des Hauses sitzenden Herren ihre Stühle zurückschoben und nach vorn eilten. Hope richtete sich auf, und Clay ging eifrig auf sie zu, aber die Pferde waren jetzt kaum noch hundert Schritt entfernt, und bevor Hope sprechen konnte, vernahm man den scharfen, heiseren Anruf des Postens, der wie Feuerruf durch die schweigende Nacht drang: »Halt! Wer da?«

Und als die Pferde an ihm vorbeijagten und ihre Reiter ihn gar nicht beachteten, rief er noch einmal: »Halt, zum Teufel!« und gab Feuer. Der Blitz zeigte etwas Gelbes und Rotes im Mondschein, und der Knall erweckte einen hundertfachen Widerhall, der weit über die Wasser des Hafens drang, an scharfen Ecken geteilt und in fernen Schluchten vervielfältigt wurde, so daß in einem Augenblick ein wirres Getöse der verschiedenartigsten Geräusche antwortete: das Geschrei der erschreckten Nachtvögel, das Bellen der Hunde im Dorfe unten und die Schritte laufender Menschen.

Clay schaute ärgerlich die Allee entlang und wandte sich mit flehendem Ausdruck Hope zu.

»Gehen Sie hin und sehen Sie nach, was vorgefallen ist,« sagte diese und entfernte sich, als ob sie bereits fühle, daß er freier handeln könne, wenn sie nicht in seiner Nähe wäre.

Vor den Stufen wurden die beiden Pferde scharf pariert. Mc Williams und Stuart warfen sich aus den Sätteln und liefen in der Richtung zurück, von wo auf sie geschossen worden war, wobei sie ihre Revolver zu ziehen versuchten.

»Kommt nur her!« rief Clay ihnen nach. »Es ist alles in Ordnung; der Mann hat nur den ihm gegebenen Befehl befolgt, denn es ist einer von Kings Posten.«

»O, so hängt die Geschichte zusammen,« antwortete Stuart in nüchternem Tone, als er sich dem Hause wieder zuwandte. »Guter Gedanke, aber sagen Sie ihm, er müsse das nächste Mal tiefer halten, auch muß ich bemerken,« fuhr er fort, indem er sich höflich vor der auf der Veranda stehenden Gesellschaft verbeugte, »wenn Sie einmal Vorposten ausstellen, so kann es nichts schaden, sie zu verdoppeln. Und, Clay, sorgen Sie dafür, daß sich niemand ohne Erlaubnis von hier entfernt – niemand. Das ist sogar noch wichtiger, als den Feind fernzuhalten.«

»King, wollen Sie ...« begann Clay.

»Zu Befehl, Herr General,« antwortete King lachend, indem er seinen Matrosen entgegenging, die in großer Aufregung den Berg heraufgerannt kamen.

Mc Williams hatte die Lippen noch nicht geöffnet, aber man sah, daß er sich furchtbar wichtig vorkam, und seine Bemühungen, sich gelassen und militärisch zu benehmen wie Stuart, verrieten deutlicher als Worte, daß er der Träger eines schwerwiegenden Geheimnisses war, und dieser Anblick erfüllte den jungen Langham mit der quälenden Furcht, daß er etwas versäumt habe.

Stuart sah sich um und zerrte an seinen Stulphandschuhen, King und die Matrosen standen zusammen auf dem Rasenplatze vor dem Hause, Mr. Langham und seine Töchter nebst Clay waren auf der Treppe geblieben, und die Dienerschaft spähte um die Ecken des Hauses. Stuart begrüßte Mr. Langham, als ob er dessen Aufmerksamkeit erregen wolle, und wandte sich dann in leisem Tone an Clay.

»Es geht los,« sagte er. »Wir stecken seit dem Diner darin und haben Ihnen eine schöne Arbeit für diese Nacht zugedacht.« In seiner Aufregung lachte er und hielt inne, um Atem zu schöpfen. »Das Schlimmste will ich Ihnen zuerst sagen. Mendoza hat Alvarez mitgeteilt, die Mannschaft von den Bergwerken solle morgen die Parade mitmachen. Er behauptet, sie müsse daran teilnehmen, und hat einen ganz unverschämten Brief deswegen geschrieben. Alvarez hat sich mit der Erwiderung aus der Verlegenheit gezogen, die Leute seien Ihnen durch Vertrag überlassen worden und könnten ohne Ihre Einwilligung nicht abgerufen werden. Darauf hat Mendoza mir sagen lassen, wenn Sie die Leute nicht freigeben wollten, werde er selbst kommen und sie holen.«

»Ei wirklich?« brummte Clay. »Kirkland hat die Leute morgen nötig, um die Erzkarren für den am Donnerstag abgehenden Dampfer zu beladen; er kann sie nicht entbehren. Das ist unsre Antwort, und zufällig entspricht sie der Wahrheit, aber wenn das auch nicht der Fall, wenn morgen Allerheiligen wäre und die Leute nichts zu thun hätten, als den ganzen Tag in der Sonne zu liegen und zu schlafen, so würde Mendoza sie doch nicht erhalten. Und wenn er morgen kommt, um sie zu holen, so muß er sein ganzes Heer mitbringen, und selbst dann würde es ihm nicht gelingen, Mr. Langham,« sagte Clay, indem er sich diesem Herrn zuwandte, »wenn ich nur bessere Waffen hätte! Die fünftausend Dollars, die ich vor zwei Monaten für Gewehre ausgeben wollte, hätten Ihnen vielleicht morgen ein paar Millionen gerettet.«

Clays Worte schienen für Stuart und Mc Williams eine besondere Bedeutung zu haben, denn sie lachten beide, und Stuart drängte Clay vor sich die Stufen hinan.

»Kommen Sie hinein,« sagte er dabei; »das ist es eben, weshalb wir hier sind. Mc Williams hat entdeckt, wo Burke seine Schiffsladung Waffen verborgen hat, und wir wollen diese Nacht versuchen, uns ihrer zu bemächtigen.«

Nach diesen Worten eilte er in den Speisesaal, wo sich die andern um den Tisch setzten.

»Nun erstatten Sie mal Bericht, Mc Williams,« befahl Stuart, »ich werde dafür sorgen, daß niemand lauscht.«

Mc Williams wurde an Mr. Langhams Platz am Ende des langen Tisches genötigt, und die andern zogen ihre Stühle dicht an ihn heran. King stellte die Lichter ans entgegengesetzte Ende des Tisches und stellte Gläser und einige Karaffen mit Wein in die Mitte. »Damit es so aussieht, als ob wir eine gemütliche Kneiperei veranstalten wollten,« erklärte er dabei lachend.

Mr. Langham, der mit seinen feinen, schlanken Fingern nervös auf dem Tische trommelte, benahm sich mehr wie ein Zuschauer, als wie ein Mann, der hervorragend bei der Sache beteiligt war. Als ihm der innere Widerspruch des Bildes mit den wirklichen Zuständen und der Gegensatz, den die handelnden Personen dazu boten, klar wurde, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. Er stellte sich vor, wie es seine Altersgenossen im Union Club zu Hause belustigen würde, wenn sie ihn in dieser Umgebung sehen könnten: draußen die stille tropische Nacht und hier innen im Lichte der Kerzen, die sich in der glänzend polierten Tischplatte und in den geschliffenen Flächen der Weinflaschen spiegelten, die gespannten Gesichter der jungen Mädchen, die sich vorbeugten und Mc Williams zuhörten, der im Vollgefühl seiner Wichtigkeit verlegen, mit wirrem Haar und staubbedecktem Gesicht seinen Bericht vortrug, während Stuart auf und ab ging, so daß sein Säbel auf dem Fußboden klirrte.

»Die Sache kam folgendermaßen,« begann Mc Williams nervös und sich hauptsächlich an Clay wendend. »Stuart und ich hatten Burke sicher in eine Einzelzelle gesperrt, eine von den alten, die nach der Straße zu liegen. Sie hatte nur ein schmales Fenster acht Fuß über dem Boden, so daß er es nicht erreichen konnte, selbst wenn er einen Stuhl gehabt hätte. Vor der Thüre stellten wir zwei Posten auf, und dann ließen wir uns aus einem gegenüberliegenden Café unser Diner holen. Ich war etwa um neun Uhr fertig, sagte Stuart gute Nacht und wollte mich auf den Weg hierher machen, ging aber erst noch einmal in die Kneipe, um dem Wirt einige Anweisungen wegen Burkes Frühstück zu geben. Die Straße ist sehr eng, wie Sie wissen, mit einer Gartenmauer und einer Reihe kleiner Läden an der einen, während das Gefängnis die ganze andre Seite einnimmt. Als ich aus dem Cartel kam, war die Straße menschenleer mit Ausnahme des Postens vor dem Haupteingang, aber gerade, als ich das Café wieder verließ, sah ich einen von Stuarts Polizisten aus dem Cartel herauskommen und bemerkte, wie er die Straße hinauf und hinunter spähte und die Läden scharf musterte. Dabei sah er scheu und ängstlich aus, und das kam mir verdächtig vor, so daß ich ins Café zurücktrat und ihn durchs Fenster beobachtete. Er wartete, bis der Posten ihm den Rücken drehte und sich von ihm entfernte, und nun sah ich, wie er seinen Säbel loshakte, so daß er auf dem Pflaster klirrte. Das that er genau unter dem dritten Fenster von der Eingangsthür, und das war das von Burkes Zelle. Als mir dieser Umstand klar wurde, zog ich meinen Revolver und trat in die Thür der Wirtschaft. Gerade als ich dort ankam, flog ein Papier zwischen den Gitterstangen von Burkes Fenster hindurch und fiel vor den Füßen des Polizisten auf die Erde. Sofort setzte er den Fuß darauf und sah sich um, ob ihn jemand bemerkt habe. Nun hielt ich den Augenblick zum Handeln für gekommen. Mit erhobenem Revolver lief ich über die Straße und rief ihm zu, mir das Papier auszuliefern, allein er ließ sich nicht verblüffen, sondern hob das Papier auf, steckte es in den Mund und begann, es zu kauen. Im nächsten Augenblick hatte ich ihn aber auch schon gefaßt, versetzte ihm mit der linken Hand einen Stoß unters Kinn, riß ihn zu Boden und kniete mich mit beiden Knieen auf seine Brust. Dabei würgte ich ihn ein bißchen, bis er das Papier ausspie – nebst zwei von seinen Zähnen,« fügte Mc Williams mit gewissenhafter Achtsamkeit auf Einzelheiten hinzu. »In diesem Augenblick wandte sich der Posten um und kam mit gefälltem Bajonett auf mich los, allein ich hielt den Finger an meine Lippen, und das überraschte ihn so, daß er nicht wußte, was er thun sollte, und zögerte. Ich wollte nicht, daß Burke hörte, was auf der Straße vorging, und deshalb ergriff ich meinen Polizisten am Kragen und zeigte auf die Gefängnisthür. Der Posten verstand mich, lief zurück und rief Stuart und die Wache heraus. Stuart war sehr ärgerlich, als er seinen Beamten ganz mit Blut besudelt sah, weil er fürchtete, es werde seine Leute gegen uns aufreizen, allein ich behauptete laut, der Mann sei unverschämt gewesen, und bat Stuart, uns beide mit nach seiner Wohnung zu nehmen und uns zu verhören. Als ich ihn dort über den wahren Sachverhalt aufklärte, hatte auch er Lust, den Kerl durchzuprügeln. Wir sperrten ihn selbst in eine Zelle, wo er mit niemand in Verbindung treten konnte, und dann lasen wir das Papier. Stuart hat es bei sich,« schloß Mc Williams, seinen Stuhl zurückschiebend, »und er wird euch den Rest mitteilen.«

Nach diesen Worten trat eine Pause ein, und alle schienen sich die Zeit zu nehmen, ordentlich Atem zu schöpfen ehe sie in einen Chor von Ausrufen und Fragen ausbrachen. King erhob sein Glas und trank Mc Williams zu.

»Gut gemacht, Mc Williams,« rief er lächelnd.

»Ja,« sagte auch Clay, indem er dem jüngeren Manne im Vorbeigehen auf die Schulter klopfte, »das war ein Meisterstück. Nun zeigen Sie mal das Papier her, Stuart.«

Dieser zog einige Lichter zu sich heran und breitete ein Stück Papier auf dem Tische aus.

»Burke hatte dies in eine von den Pappschachteln für Wachsstreichhölzer gelegt und diese mit einem Zwanzigdollarstück in Gold beschwert. Mc Williams hat das Goldstück, glaube ich, aufgehoben.«

»Daraus werde ich mir eine Krawattennadel machen lassen,« erklärte Mc Williams nebenbei, »eine Art von Kriegsdenkmünze, wie sie der Chef hat,« fügte er lächelnd hinzu.

»Dies ist in spanischer Sprache geschrieben,« erläuterte Stuart, »und ich werde es übersetzen. Adressiert ist es nicht, ebensowenig als es eine Unterschrift trägt, aber es ist offenbar an Mendoza gerichtet, und wir wissen, daß es Burkes Handschrift ist, da wir es mit einigen seiner Aufzeichnungen verglichen, die wir ihm abgenommen haben, bevor wir ihn einsperrten. Er sagt also: ›Ich kann die Verabredung nicht einhalten, da ich verhaftet worden bin.‹ Die Zeile, die nun folgt,« erklärte Stuart, den Kopf erhebend, »hat er auszuradieren versucht, und es hat uns einige Zeit gekostet, sie zu entziffern, aber wir haben herausgebracht, daß sie lautete: ›Mr. Clay hat mich erkannt und meine Verhaftung veranlaßt. Er ist der Beste, den die andern haben. Behalten Sie ihn im Auge.‹ Ich glaube, er hat das ausradiert, um Clay nicht zu schaden; einen andern Grund wüßte ich wenigstens nicht. Dieser alte Burke scheint mir gar kein übler Mensch zu sein.«

»Ja, aber lassen wir ihn beiseite; es war jedenfalls sehr nett von ihm,« sagte Clay. »Fahren Sie fort und kommen Sie zur Hauptsache.«

»›Ich kann die Verabredung nicht einhalten, da ich verhaftet worden bin,‹« wiederholte Stuart. »›Die Waren sind vorige Nacht sicher gelandet worden. Beim ersten Signal konnte ich nicht kommen, da der Wind von der Küste wehte und außerdem Ebbe lief, aber bei Tagesanbruch war das Zeug geborgen. Ihr Agent hat mich bezahlt und meine Quittung erhalten. Bitte, betrachten Sie dies als zweite Ausfertigung‹ – es ist schwer, alles genau zu übersetzen,« schaltete Stuart ein, »›als zweite Ausfertigung der Quittung, die ich Ihnen aushändigen wollte, wenn ich Ihnen heute abend Bericht erstattete. Drei von Ihrer Mannschaft habe ich auf eigene Verantwortung fortgeschickt, denn ich fürchte, daß eine größere Zahl die Aufmerksamkeit auf den Ort lenken würde, da die Leute von den Erzzügen aus gesehen werden könnten.‹ Das ist der Punkt, worauf es für uns hauptsächlich ankommt,« unterbrach sich Stuart. »Burke setzt hinzu,« fuhr er fort, »sie sollten keinen Versuch machen, ihn zu befreien, da er gut aufgehoben sei und ganz gern im Cartel bleiben wolle, bis sie zur Macht gelangt seien.«

»Von den Erzzügen aus kann also der Ort gesehen werden,« rief Clay aus. »Andre Erzzüge als unsre gibt's nicht, folglich muß die Stelle in der Nähe unsrer Eisenbahnlinie liegen.«

»Mc Williams behauptet, er kenne jeden Fuß breit Landes an der Bahn,« sagte Stuart, »und er ist überzeugt, daß der Ort, den Burke meint, das alte Fort an der Mündung der Platta ist, weil ...«

»Das ist die einzige Stelle,« unterbrach ihn Mc Williams, »wo keine Brandung steht. Mit kleinen Booten konnten sie in die Mündung einlaufen und ihre Fracht in ruhigem Wasser kaum zwanzig Fuß von den Wällen löschen. Dazu kommt noch, daß es der einzige Punkt an der Küste ist, von dem aus eine Wagenstraße unmittelbar nach der Hauptstadt führt. Freilich ist es eine alte Straße, die seit Jahren nicht mehr befahren wird, aber sie ist noch brauchbar. Nein,« fügte er hinzu, als ob er einen Einwand Clays im voraus widerlegen wollte, »es gibt keinen andern Ort. Hätte ich eine Karte hier, so könnte ich es Ihnen sofort klar machen. Wo der Strand eben ist, wächst zwischen ihm und der Straße Dickicht, und wo das Land offen ist, machen die Kalkfelsen, die zwischen den offenen Strecken und der See liegen, jede Landung unmöglich.«

»Aber das Fort ist ein so auffallender Ort,« wandte Clay ein, »und der nächste Wall liegt nur zwanzig Fuß von der Bahn. Erinnern Sie sich noch, wie wir es gemessen haben, Mc Williams, als wir daran dachten, ein zweites Gleis zu legen?«

»Das sagt ja Burke gerade,« entgegnete Stuart, »das ist der Grund, den er dafür angibt, daß er nur drei Mann Wache da gelassen habe – ›ich fürchte, daß eine größere Zahl die Aufmerksamkeit auf den Ort lenken würde, da die Leute von den Erzzügen aus gesehen werden könnten,‹ schreibt er.«

»Haben Sie irgend wem hiervon Mitteilung gemacht?« fragte Clay. »Was haben Sie bis jetzt gethan?«

»Wir haben gar nichts gethan,« erwiderte Stuart. »Wir wurden ängstlich, als wir die Wichtigkeit der von uns gemachten Entdeckungen erkannten. Deshalb beschlossen wir, das Weitere Ihnen zu überlassen.«

»Was geschehen soll, muß sofort ins Werk gesetzt werden,« entgegnete Clay. »Sehr wahrscheinlich sollen die Waffen diese Nacht abgeholt werden, und dem müssen wir zuvorkommen. Was Sie in Hinsicht auf den Ort sagen, leuchtet mir vollkommen ein, und es ist jetzt nur die Frage, ob wir noch Zeit genug haben. Die Hauptsache ist, daß wir unsere Gegner verhindern, sich in den Besitz der Waffen zu setzen, und das zweite ist, sie für uns selbst zu sichern, falls das Glück uns günstig ist. Wenn wir die Geschichte richtig fingern, müßten wir die Waffen vor Mitternacht im Bergwerk haben. Mangelt es uns an Zeit oder werden wir überrascht, so bleibt uns nichts andres übrig, als sie vom Fort in die See zu werfen.« Clay blickte lachend um sich. »Wir thun nur, was General Bolivar gelehrt hat: ›Wenn du Waffen brauchst, nimm sie dem Feinde ab.‹ Drei Orte haben wir zu schützen: erstens und vor allen Dingen dieses Haus,« fuhr er fort, indem er mit einer Bewegung des Kopfes auf die beiden Schwestern wies, »sodann die Stadt und die Bergwerke. Stuarts Platz ist natürlich im Palast; King muß die Obhut über dieses Haus und seine Bewohner übernehmen, und Mc Williams, Langham und ich besorgen die Wegnahme der Waffen. Zwei Abteilungen müssen gebildet werden, und es wäre am besten, wenn sie gleichzeitig von hier und vom Bergwerke aus gegen das Fort vorgingen. Sie, Mc Williams, sollen einige telegraphische Anweisungen für mich ablassen, und King muß ich um noch einige Leute von der Jacht bitten. Wie viele haben Sie?«

King erwiderte, es seien im ganzen noch fünfzehn Mann an Bord, von denen zehn zum Dienst an Land abgegeben werden könnten. Sie seien alle gut bewaffnet, fügte er hinzu.

»King scheint mir der geborene Seeräuber zu sein,« antwortete Clay lächelnd, »aber das hat jetzt seine gute Seite. Gehen Sie nun hin und weisen Sie zehn Mann an, mich in einer halben Stunde beim Rundhause zu erwarten. Inzwischen wird Mc Williams an Kirkland telegraphieren, mit einer Maschine und einer Anzahl offener Wagen bis zu einem Punkte eine halbe Meile nördlich des Forts zu fahren, wir aber werden mit den Matrosen und Ted von Süden her vorgehen. Sie müssen die Maschine selbst führen, Mc Williams, und vielleicht wäre es besser, King, wenn Ihre Leute uns hier am Fuße des Gartens und nicht am Rundhause träfen. Keiner der Arbeiter darf unsern Abmarsch beobachten. Sind Sie mit mir einverstanden?« fragte er, indem er sich an die ihn umstehenden Männer wandte. »Hat irgend jemand etwas gegen meine Anordnungen einzuwenden?«

King und Stuart sahen einander trübselig an und lachten.

»Ich sehe nicht ein, was ich in der Stadt nützen kann,« sagte Stuart.

»Ja, und ich finde auch, daß ich nicht angemessen beschäftigt bin,« brummte King verletzt. »Diese jungen Leute können doch nicht alles thun, und außerdem dünkt mich, daß es nicht mehr als billig wäre, wenn ich meine eigenen Leute auch selbst führte.«

»Meuterei,« rief Clay etwas betroffen, »die reine Meuterei! Das Ganze ist ja doch nur ein Mondscheinspaziergang. Es sind ihrer nur drei, und wir brauchen doch keine sechzehn Weiße, um drei Olanchianer zu überwältigen!«

»Ich will Ihnen sagen, was wir thun wollen,« rief Hope mit einer Miene, als ob sie einen Plan entdeckt habe, der alle zufrieden stellen werde, »wir wollen alle zusammen gehen.«

»Ich beabsichtige jedenfalls mitzugehen,« sagte Mr. Langham in entschiedenem Tone, »also muß jemand anders hier bleiben. Ted, du wirst wohl nach deinen Schwestern sehen müssen.«

Der Sohn und Erbe lächelte seinen Vater mit einem Blicke liebevoller Verwunderung an und schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Ich werde bleiben,« sagte King. »Ein so unritterliches Benehmen ist mir noch nie vorgekommen! Meine Damen,« fuhr er fort, »ich werde Ihr Leben und Ihr Eigentum beschützen, und wir werden schon etwas Aufregendes für uns zu thun finden, selbst wenn wir unsre Zuflucht dazu nehmen müßten, die Hauptstadt zu bombardieren.«

Die Herren wünschten den Damen gute Nacht und überließen sie King und Mr. Langham, der sich schließlich hatte überreden lassen, zu Hause zu bleiben, während Stuart nach der Stadt ritt, um Alvarez und General Rojas von den Vorfällen in Kenntnis zu setzen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.