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Soldaten des Glücks. Zweiter Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid2a0dcae6
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Neuntes Kapitel.

Clay schlief drei Stunden. Er hatte ein Briefchen für Mc Williams und den jungen Langham ins Geschäftszimmer gelegt, worin er diese ersuchte, nicht nach den Bergwerken zu gehen, sondern ihn um zehn Uhr zu wecken, und um elf sprengten die drei Herren der Stadt zu. Als sie die Palmenvilla verließen, begegnete ihnen Hope, die von einem Morgenritt auf der Alameda zurückkehrte, und Clay ersuchte sie sehr eindringlich, ohne Begleitung nicht mehr so weit zu reiten. Sein Ton ihr gegenüber war verändert. Es lag mehr Besorgnis darin, als die Veranlassung zu rechtfertigen schien, und er brachte seinen Wunsch in einer Weise vor, als ob er eine persönliche Gunst erbitte, während er ihr noch am Tage vorher einfach gesagt haben würde, sie dürfe nicht mehr allein reiten.

»Warum?« fragte Hope neugierig. »Sind Unruhen zu befürchten?«

»Ich hoffe nicht, aber die Soldaten aus den Provinzen rücken zur Parade ein, und die Straßen sind nicht sicher.«

»Aber mit Ihnen wäre ich doch sicher,« entgegnete Hope, indem sie die drei Männer mit einem bittenden Lächeln ansah. »Wollen Sie mich nicht mitnehmen?«

»Hope,« antwortete der junge Langham in dem kurzen, gebieterischen Tone eines älteren Bruders, »du mußt sofort nach Hause reiten.«

»Ich will aber nicht,« antwortete Hope mit einem schelmischen Lächeln.

»Ich wette ein Kistchen Zigarren mit Ihnen, daß ich Sie bis zur Veranda um fünfzig Schritt überhole,« sagte Mc Williams, indem er sein Pferd wandte.

Hope hielt ihren Matrosenhut mit einer Hand fest und schwang ihre Peitsche mit der andern.

»Das glaube ich nicht!« rief sie und verschwand mit einem rauschenden Flattern ihrer Röcke hinter einem Schauer aufstiebenden Kieses.

»Zuzeiten,« sagte Clay, »entwickelt Mc Williams eine ganz unerwartete Kenntnis der menschlichen Natur.«

»Ja, das hat er ganz gut gemacht,« stimmte Langham mit einem geheimnisvollen Nicken bei. »Mädchen können wir im Augenblick nicht brauchen.«

»Nein, wahrhaftig nicht,« antwortete Clay, ein Lächeln unterdrückend.

Bei dem Gedanken an die Rolle, die er in dem kommenden Kampfe spielen sollte, holte Langham tief Atem und bewahrte ein achtungsvolles Schweigen, während sie der Stadt zutrabten. Die Pläne und Gegenpläne, worüber, wie er bestimmt annahm, Clay brütete, wollte er nicht stören, allein seine Hingebung würde auf eine schwere Probe gestellt worden sein, wenn er geahnt hätte, daß seines Helden Gemüt von dem Bilde eines jungen Mädchens in einer blauen Bluse und einem langen Reitrock erfüllt war.

Clay ließ Stuart bitten, zu ihnen ins Restaurant zu kommen, und da Mc Williams mit ihm gleichzeitig eintraf, setzten sich die vier Herren an einen Platz in der Mitte des Cafés, wo sie von allen Seiten gesehen werden konnten, und schlürften ihre Schokolade, als ob sie nichts von bevorstehenden Gefahren wüßten und von jeder Verantwortlichkeit und Sorge frei seien. Während Mc Williams und Ted Langham lachten und sich über ein Spiel Domino stritten, wechselten die älteren Männer, anscheinend harmlos plaudernd, die wenigen Worte, die zu sprechen sie gekommen waren.

Die Anschläge, teilte Stuart mit, hätten ihren Zweck verfehlt. Er sei schon beim Präsidenten gewesen und habe sich bereit erklärt, von seiner Stellung zurückzutreten und das Land zu verlassen, oder zu bleiben und die Verleumder zu bekämpfen, oder auch sofort die Waffen gegen Mendozas Partei zu ergreifen. Alvarez habe ihn wie einen Sohn behandelt und zur Geduld ermahnt. In Hinsicht auf den schwersten Anklagepunkt habe er die Ansicht ausgesprochen, daß Cäsars Weib über jeden Verdacht erhaben, eben weil sie Cäsars Weib sei, und daß keine um Mitternacht angehefteten Lügenanschläge sein Vertrauen in seine Frau oder seinen Freund erschüttern könnten. Daß irgend ein Staatsstreich – mit Ausnahme desjenigen, welchen er selbst im Schilde führte, indem er die Absicht hatte, das Land als im Zustande der Revolution befindlich und sich selbst zum militärischen Diktator zu erklären – unmittelbar bevorstehe, wolle er nicht glauben.

»Was für ein Unsinn!« rief Clay. »Was ist denn eine militärische Diktatur ohne Soldaten? Sieht er denn nicht, daß das Heer auf Seiten Mendozas steht?«

»Nein,« entgegnete Stuart, »Rojas und ich waren den ganzen Morgen bei ihm. Rojas ist ein prächtiger alter Herr, Clay. Er hat zwar das Pulver nicht erfunden und ist ein wenig altmodisch, aber er ist wenigstens ehrlich, und das weiß das Volk. Wäre Rojas mein Vorgesetzter statt Alvarez, so würde ich Mendoza mit eigener Hand verhaften und mich nicht fürchten, ihn selbst durch die Straßen nach dem Cartel zu führen. Das Volk würde ihm nicht beistehen. Aber der Präsident wagt das nicht; nicht etwa, weil es ihm an Mut fehlte,« fügte der junge Offizier als treuer Diener seines Herrn hinzu, »denn er setzt sein Leben aufs Spiel, wenn er morgen zur Parade geht, und er weiß das sehr gut. Stellen Sie sich das nur einmal vor. Ganz allein da draußen, von fünftausend Mann umgeben! Rojas glaubt, er könne auf die Hälfte zählen, also so viele, als Mendoza hat, und ich habe meine fünfzig Mann, aber ich kann nicht dafür einstehen, was irgend einer von ihnen für ein Glas Wein oder einen Dollar thäte. Die sind ebensowenig Soldaten, als diese Kellner. Sie sind Banditen in Uniform, und sie morden für den Mann, der sie am besten bezahlt.«

»Weshalb bezahlt sie denn Alvarez nicht?« rief Clay ärgerlich.

Stuart wandte den Blick ab und sah auf den Tisch.

»Wahrscheinlich hat er kein Geld,« antwortete er ausweichend. »Er hat alles bis auf den letzten Heller in Wechsel auf Rothschild umgesetzt. Die liegen jetzt im Hause und sind ihre fünf Millionen Dollars in Gold wert – und Madame Alvarez' Schmucksachen sind auch für die Flucht gepackt.«

»Also erwartet er doch Unruhen?« fragte Clay. »Sie haben mir ja gesagt ...«

»Diese Leute sind sich alle gleich; Sie kennen sie ja,« entgegnete Stuart. »Sie wollen nicht an die Gefahr glauben, bis der Ausbruch da ist, aber dabei halten sie doch immer einen Sonderzug bereit und verwahren die Staatsgelder unter ihrem Kopfkissen. Schon vor sechs Monaten hat er eine Wohnung in der Avenue Kleber zu Paris gemietet.«

»Bah!« sagte Clay. »Das ist die alte Geschichte. Warum verlassen Sie ihn denn nicht?«

Stuart erhob die Augen, senkte sie wieder, und Clay seufzte.

»Das thut mir leid,« sagte er dabei.

In diesem Augenblick unterbrach sie Mc Williams, indem er in entrüstetem Flüstertone sagte: »Wie lange sollen wir denn dieses Versteckspiel noch treiben? Ich verstehe gar nichts von Domino und Ted auch nicht. Sagt uns lieber endlich, wovon ihr redet. Soll's losgehen? Wenn das der Fall ist, so möchten Ted und ich auch gern mit dabei sein. Wir warten mit Schmerzen darauf.«

Clay hatte sich mit seinem Stuhl zurückgelehnt und ließ seine Blicke mit einem Ausdruck fröhlicher Sorglosigkeit durch das Restaurant und über die in der grellen Mittagssonne davor liegende Plaza wandern. In der Nähe der Thür lasen zwei Männer die Morgenzeitungen, und zwei andre spielten in einer entfernten Ecke Domino. Die Mittagshitze hatte sich auf den Platz herabgesenkt, und die Kellner saßen auf ihren gegen die Wand gelehnten Stühlen und schlummerten. Draußen warf die Markise des Restaurants einen breiten Schatten über die auf dem Bürgersteige stehenden Tische, und ein halbes Dutzend Droschkenkutscher schlummerte friedlich auf ihren Wagen vor der Thür.

Die Stadt hielt ihr Mittagsschläfchen, und die raschen Schritte eines Fremden, der über die Steinplatten ging und dann mit den Fingern auf den Deckel des Zigarrenkastens klopfte, waren die einzigen Lebenszeichen. Während seine Hand noch auf dem Glaskasten ruhte, wandte sich der Neuangekommene um und ließ seine hartblickenden blauen Augen gleichgültig über die Anwesenden hinschweifen. Durch seinen schlichten Reiseanzug im Verein mit seinem schwarzen Hute und seinem glattrasierten Kinn verriet er unverkennbar den Fremden.

Als er Clay ins Auge faßte, ließ dieser die Vorderfüße seines Stuhles langsam auf den Fußboden sinken, lächelte und nickte verständnisvoll vor sich hin, als ob ihn das Erscheinen des Fremden über etwas aufgeklärt habe, worüber er im Zweifel gewesen war. Seine Gefährten wandten sich um und folgten der Richtung seiner Blicke, konnten aber nichts Interessantes in dem neuen Ankömmling entdecken. Er sah aus wie ein Mann aus den Vereinigten Staaten, der gekommen war, um irgend ein Geschäft mit der Regierung zu machen, oder wie ein Handlungsreisender von Manchester, der wollene Decken oder Eisenwaren auf sechs Monate Ziel verkauft.

Clay erhob sich und schritt durchs Zimmer, wobei er es so einrichtete, daß er stets zwischen der Thür und dem Fremden blieb. Bei seiner Annäherung wandte ihm dieser den Rücken und machte sich mit seinem Kleingeld auf dem Schenktische zu schaffen.

»Kapitän Burke, wenn ich nicht irre?« sagte Clay. Der Fremde biß die Spitze der Zigarre ab, die er soeben gekauft hatte, und schüttelte den Kopf. »Sehr erfreut, Sie zu sehen,« fuhr Clay fort. »Nehmen Sie doch Platz; ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Ich glaube, Sie täuschen sich,« antwortete der Fremde ruhig. »Mein Name ist ...«

»Vielleicht Oberst?« unterbrach ihn Clay. »Das hätte ich mir denken können. Meine Glückwünsche, Herr Oberst.«

Der Mann sah Clay einen Augenblick an, indem er, die Zigarre zwischen den Zähnen, die Augen fest auf das Gesicht Clays gerichtet hielt. Dieser machte mit der Hand eine einladende Bewegung nach dem Tische, worauf der Fremde lachend die Achseln zuckte, einen Stuhl herbeizog und sich setzte.

»Kommt hierher, Kinder,« rief Clay seinen Freunden zu, »ich möchte euch mit einem alten Freunde bekannt machen – Kapitän Burke.«

Der mit diesem Namen bezeichnete Mann starrte die drei Herren an, während sie durchs Zimmer herbeikamen und sich an den Tisch setzten, und nickte ihnen dann schweigend zu.

»Hier haben wir,« sagte Clay munter, aber mit gedämpfter Stimme, »den Schlüssel zur Lage. Dies ist der Herr, der Mendoza die nötigen Kriegsmittel besorgt. Kapitän Burke ist ein braver Soldat und ein Bürger meines oder irgend eines andern Landes, das gerade den gefälligsten Generalkonsul hat.«

Verdrießlich, aber mit einem herablassenden Nicken lächelte Burke und zog, seine Zigarre weglegend, eine Maserholzpfeife hervor, die er aus seinem Tabaksbeutel stopfte.

»Der Kapitän ist ein wortkarger Herr,« fuhr Clay fort, »und außerordentlich bescheiden. Deshalb muß ich euch sagen, wer er ist. Er ist Anstifter von Revolutionen: das ist sein Geschäft – berufsmäßiger Anstifter von Revolutionen – und darum bin ich so erfreut, ihn zu sehen. Natürlich ist ihm die bedenkliche Sachlage hier vollkommen bekannt, und sobald er seine Pfeife gestopft hat, wird er uns alles mitteilen, was er davon weiß. Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, Burke,« fügte er hinzu, »daß dieser Herr da Kapitän Stuart ist, der an der Spitze der Polizei und der berittenen Leibwache des Präsidenten steht. Sie sehen also, daß Sie wenigstens eines aufmerksamen Hörers sicher sind, was Sie auch sagen mögen.«

Burke schlug eines seiner kurzen, dicken Beine über das andre und drückte den Tabak in seiner Pfeife mit dem Daumen zusammen.

»Ich dachte, Sie seien in Chili, Clay?« sagte er.

»O nein, Sie dachten nicht, ich sei in Chili,« erwiderte Clay freundlich. »Ich habe Chili vor zwei Jahren verlassen. – Den Kapitän habe ich nämlich getroffen, als Balmaceda versuchte, sich zum Diktator aufzuwerfen. Burke stand damals auf der Seite der Kongressionalisten, denen er Waffen und Dynamit lieferte. Er steht nämlich immer auf der siegenden Seite – wenigstens hat er es bis jetzt immer so gehalten. Ein Gefühlsmensch ist er keineswegs – nicht wahr, Burke? Wie Napoleon ist er der Ansicht, daß Gott auf seiten dessen stehe, der die schwerste Artillerie hat.«

Burke zündete sich seine Pfeife an und trommelte zerstreut mit seinem Streichholzbüchschen auf dem Tische.

»Empfindsamkeit kann ich mir nicht leisten,« antwortete er; »die paßt nicht zu meinem Geschäft.«

»Natürlich nicht,« stimmte Clay heiter zu, wobei er Burke ansah und lachte, als ob dessen Anblick angenehme Erinnerungen in ihm wecke. »Ich wollte, ich könnte meinen Freunden einen Begriff davon geben, wie pfiffig Sie sind, Kapitän,« sagte er. »Der Kapitän war zum Beispiel der erste Mensch, der auf den schlauen Einfall kam, Patronen in Fässer mit Schmalz zu verpacken und Gewehre in Pianinokisten. Er ist der Vertreter der Revolverfabrik von Welby in England und hat kleine Niederlagen in Tampa, Mobile und Jamaica, von wo er jeden Augenblick Waffen nach irgend einem Orte in Zentralamerika verschiffen kann, wo eine Revolution ausbricht. Als ich den Kapitän zuerst kennen lernte,« fuhr Clay lustig fort, ohne das hartnäckige Schweigen des andern zu beachten, »war er gerade im Begriffe, Arabi Pascha von der Insel Ceylon zu befreien. Ihr werdet euch wohl entsinnen, daß die Engländer Arabi nach Ceylon brachten, nachdem Lord Dufferin ihn vom Galgen errettet hatte. Arabis Anhänger in Aegypten schickten also unsern Kapitän hier aus, ihren Führer von Ceylon zurückzuholen, damit er eine zweite Revolution anzettele. Burke hatte alle Welt in Ceylon bestochen, einen hübschen Schoner ausgerüstet und einen Haufen von Halunken angeworben, der das Fechten besorgen sollte, und dann spielten ihm die guten, lieben Engländer den Streich, daß sie Arabi gerade an dem Tage vor Burkes Ankunft im Hafen begnadigten. Sie haben niemals einen roten Heller dafür bekommen – nicht wahr, Burke?«

Mit gerunzelter Stirn schüttelte Burke den Kopf.

»Sechstausend Pfund Sterling sollte ich dafür erhalten,« entgegnete er mit einem Anfluge von verzeihlichem Stolze, »aber sie setzten ihn gerade am Tage vor meiner Ankunft in Freiheit: genau so, wie es Mr. Clay erzählt hat.«

»Und darauf leiteten Sie Granville Priors Unternehmung zum Aufsuchen vergrabener Schätze auf der Insel Cocos, nicht wahr?« fuhr Clay fort. »Erzählen Sie uns 'mal etwas darüber, und seien Sie doch ein bißchen gemütlich. Sie sollten ein Buch über Ihre verschiedenen Geschäftsunternehmungen schreiben, Burke, ganz im Ernst – aber freilich,« fuhr Clay lächelnd fort, »kein Mensch würde Ihnen glauben.«

Burke rieb sich nachdenklich das Kinn und schaute bescheiden zur Decke hinauf, während die beiden jüngeren Männer ihn mit offenem Munde neugierig anstarrten.

»Mit vergrabenen Schätzen sind keine Geschäfte zu machen,« sagte er nach einer Pause. »Das Geld, das die Ausrüstung kostet, ist rein weggeworfen. Es klingt ganz schön, aber es steckt nichts dahinter.«

»Es steckt nichts dahinter, wie?« stimmte Clay ermutigend zu. »Und was haben Sie angefangen, als Balmaceda besiegt war – nachdem ich Sie zuletzt gesehen habe?«

»Crespo,« erwiderte Burke nach einer Pause, während deren er langsam an seiner Pfeife zog. »›Karoline Brewer‹ – klariert von Key West nach Curaçao mit einer Ladung von Nähmaschinen und Pflügen – lief bei Maracaïbo auf den Strand – fünfunddreißigtausend Patronen und zweitausend Gewehre zu zwanzig Bolivars das Stück.«

»Natürlich,« warf Clay in einem Tone aufrichtiger Anerkennung dazwischen. »Das hätte ich wissen können, daß Sie Ihre Finger in dieser Pastete hatten. – Er will nämlich sagen,« erklärte er, »daß er General Crespo in Venezuela während seiner Revolution gegen Gusman Blanco unterstützt und den Frachtdampfer ›Karoline Brewer‹ in Key West mit Waffen beladen habe. Er sei an einem Orte, wofür er keine Klarierungspapiere hatte, sicher gelandet und habe vierundzwanzigtausend Dollars nach unserm Gelde für das Geschäft erhalten – eine sehr gute Bezahlung, sollte ich meinen,« schloß Clay.

»Hm, ich weiß doch nicht,« gab Burke zu bedenken. »Wenn man die Kosten für das Mieten des Schiffes, seine Verproviantierung und die Löhnung für die Mannschaft in Anschlag bringt, so verringert sich der Nutzen ganz erheblich. Dann mußte ich drei Wochen zwischen Trinidad und Curaçao kreuzen, bevor ich das Signal erhielt, daß ich einlaufen könne, und nachher wurde ich drei Tage lang von einem Kanonenboot verfolgt. Das dumme Luder hat mir einen Schuß gerade durch den Maschinenraum gejagt, so daß ich noch ungefähr zwölfhundert Dollars für die Ausbesserung zu bezahlen hatte.«

Nach diesen Worten trat eine Pause ein, während deren Clay auf die Plaza hinaussah.

»Was treiben Sie denn jetzt?« fragte er plötzlich.

»Ich versuche, Aufträge für rauchloses Pulver zu erhalten,« antwortete Burke, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, und begegnete Clays Blick mit Augen, die ebenso ruhig waren als die des jungen Ingenieurs. »Aber sie wollen hier nichts davon wissen,« fuhr er fort. »Es entspricht ihrem Geschmack nicht, denn wenn's knallt, wollen sie auch gern Rauch sehen. Der erinnert sie ...«

»Wie lange gedenken Sie denn hier zu bleiben?« unterbrach ihn Clay.

»Wie lange?« wiederholte Burke, wie ein Mann, der als Zeuge vernommen wird und Zeit zu gewinnen sucht. »Hm, ich dachte daran, Freitag abzureisen und mich einer Maultierkarawane hinüber nach Bogota anzuschließen, statt den Dampfer nach Colon abzuwarten.«

Bei diesen Worten stieß er eine dichte Rauchwolke aus und sah ihr anscheinend mit großem Interesse nach, wie sie der Thür zuschwebte.

»Die ›Santiago‹ fährt Sonnabend nach New York ab, und es dürfte wohl besser sein, wenn Sie darauf warteten,« antwortete Clay. »Ich will Ihnen die Fahrkarte beschaffen, und bis dahin wird unser Freund Stuart dafür sorgen, daß Sie im Cartel gut behandelt werden.«

Die am Tische sitzenden Herren fuhren auf und sahen Clay regungslos an; nur Burke nahm gelassen die Pfeife aus dem Munde und klopfte die Asche an seinem Stiefelabsatz aus.

»Weshalb soll ich denn ins Cartel gehen?« fragte er.

»Aus Gründen der öffentlichen Wohlfahrt,« antwortete Clay lachend. »Es thut mir leid, aber es ist Ihre eigene Schuld. Sie hätten sich hier überhaupt nicht blicken lassen dürfen.«

»Was haben Sie denn damit zu schaffen?« fragte Burke ruhig, indem er seine Pfeife wieder zu stopfen begann. Dabei sah er aus, wie ein Mann, der weiter nichts erwartet, als einen Nachmittag der angenehmsten Unterhaltung und träger Unthätigkeit.

»Sie wissen sehr wohl, was ich damit zu schaffen habe,« entgegnete Clay. »Ich habe die Interessen unsres Bergwerks zu wahren.«

»Aber Sie haben doch in der Stadt nichts zu befehlen, wie?« fragte Burke.

»Nein, aber ich werde Sie hinausschaffen,« erwiderte Clay. »Was wollen Sie nun thun? Wollen Sie einen Auftritt herbeiführen und uns zwingen, Gewalt zu gebrauchen, oder wollen Sie mit unserm Freunde Mc Williams ruhig hinunterfahren? Er ist am besten dazu geeignet, Sie ins Cartel zu bringen, da er nicht so bekannt hier ist.«

Burke wandte den Kopf und sah über seine Schulter Stuart an.

»Stehen Sie heute unter Clays Befehl, Kapitän Stuart?« fragte er.

»Ja,« antwortete Stuart lächelnd. »Ich thue alles, was Mr. Clay für richtig hält.«

»Nun, in dem Falle,« entgegnete Burke widerstrebend und mit einem Seufzer aufstehend, »wird es wohl am besten sein, wenn ich mich zum amerikanischen Gesandten begebe.«

»Nützt Ihnen nichts. Er ist in Ecuador, wo er seinen jährlichen Besuch macht,« versetzte Clay.

»So? Das trifft sich schlecht für mich,« murmelte Burke, als ob er durch diese Mitteilung sehr betroffen wäre, »dann muß ich Sie bitten, mich zum Konsul gehen zu lassen.«

»Gewiß,« stimmte Clay eifrig zu. »Mr. Langham, der Vater dieses jungen Herrn, hat ihm die Stelle verschafft, und ich bin überzeugt, daß er sehr erfreut sein wird, wenn er Gelegenheit hat, etwas für einen unsrer Freunde zu thun.«

Mit einem fragenden Blick auf Clay zog Burke seine Augenbrauen in die Höhe, als ob er sich vergewissern wolle, ob dieser die Wahrheit spreche.

»Na, auch gut,« sagte er hierauf, »dann will ich, da ich zufällig ein Irländer Namens Burke und britischer Unterthan bin, mein Glück beim Gesandten Ihrer Majestät versuchen, und wir werden ja sehen, ob er zugeben wird, daß ich ohne Grund und Haftbefehl eingesperrt werde.«

»Auch das kann Ihnen nichts helfen,« antwortete Clay, den Kopf schüttelnd. »Soweit dieser Erdteil in Betracht kommt, haben Sie Ihre Staatsangehörigkeit im Hafen von Rio festgestellt, als Peixoto Sie dem englischen Admiral auslieferte und Sie erklärten, Sie seien amerikanischer Staatsbürger, worauf Sie an Bord der ›Detroit‹ gebracht wurden. Wenn ein Zweifel darüber besteht, so brauchen wir ja nur nach Rio Janeiro zu telegraphieren – an eine der beiden Gesandtschaften. Aber was soll das nützen? Mich kennen die Leute hier und Sie nicht, aber ich kenne Sie.«

»Nun, wenn Sie die Sache so hinstellen, so will ich eben gehen,« antwortete Burke, »aber,« fügte er mit leiser Stimme hinzu, »es ist zu spät, Clay.«

Bei diesen Worten verlor sich der Ausdruck der Belustigung in Clays Zügen und sein sorgloses Wesen, und er zog Burke auf seinen Stuhl zurück.

»Was meinen Sie damit?« fragte er ernst.

»Ich meine eben, daß es zu spät ist,« erwiderte Burke. »Mir liegt nichts daran, daß ich ins Gefängnis soll, denn ich weiß, daß ich nicht lange dort bleiben werde. Meine Arbeit ist schon alle gethan und bezahlt und ich bin nur noch hier geblieben, um mir den Spaß mit anzusehen und Zeuge zu sein, wie ihr zum Narren gehalten werdet.«

»O, sind Sie dessen so sicher?« fragte Clay.

»Mein lieber Freund,« rief der Amerikaner, wobei in seiner Sprache seine irische Abstammung um so deutlicher hervortrat, je erregter er wurde, »haben Sie jemals gehört, daß ich mich aus Gefühlssimpelei auf etwas Derartiges eingelassen hätte? Haben Sie mich jemals auf seiten der unterliegenden Partei gesehen? Nein. Gut also, dann sage ich Ihnen, daß ihr Leute keine besseren Aussichten habt, als ein Haufen Sonntagsschulkinder. Natürlich kann ich nicht sagen, wann der Schlag geführt werden soll; das weiß ich nicht, und wenn ich es wüßte, würde ich es nicht sagen, aber wenn die Leute zuschlagen, wird kein Gegenschlag erfolgen. Es ist alles gleich vorbei, mit Ausnahme des Hurraschreiens.«

Burkes Ton war ruhig und bestimmt. Jetzt stand er auf der Höhe der Situation, und er sah eins der ernsten Gesichter, die ihn umgaben, nach dem andern mit einem Ausdruck mitleidiger Belustigung an.

»Alvarez kann entkommen, ebenso Madame Alvarez,« fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, wobei er Stuarts Blicken auswich, »aber nicht, wenn sie sich in den Straßen zeigt, und nicht, wenn sie versucht, die Wechsel und die Juwelen mitzunehmen.«

»O, das wissen Sie auch?« unterbrach ihn Clay.

»Ich weiß gar nichts,« antwortete Burke, »wenigstens nichts im Vergleiche zu dem, was die andern wissen. Dies ist nur Klatsch, den ich im Hauptquartier aufgelesen habe. Mich geht die Sache ja nichts an; ich habe meine Waren abgeliefert und meine Quittung für das Geld ausgestellt, und das ist alles, worum ich mich kümmere; aber wenn es einem alten Freunde eine Beruhigung ist, mich im Gefängnis zu wissen, gut, dann will ich ihm den Gefallen thun, und keine Umstände machen.«

Clay sah mit zusammengepreßten Lippen Stuart an, die beiden jüngeren Herren aber stützten sich mit den Ellbogen auf den Tisch und starrten mit offnem Munde Burke an, der in aller Gemütsruhe seine Taschen nach seinem Streichholzbüchschen durchstöberte. Von draußen vernahm man das träge Ausrufen einer Lotterielosverkäuferin und das unregelmäßige Stampfen nackter Füße, als Compagnie auf Compagnie staubbedeckter Soldaten vorbeizog, die aus den Provinzen kamen und die ihre Schuhe an die Bajonette gehängt hatten.

Mit einem ärgerlichen Ausrufe schlug Clay auf den Tisch.

»Im Grunde genommen ist die Sache doch nur ein Geschäft für uns alle,« sagte er. »Was meinen Sie, Burke, wenn Sie mit Stuart und mir nach dessen Wohnung führen und dort eine Besprechung mit dem Präsidenten und Mr. Langham hielten? Langham hat drei Millionen in diese Bergwerke gesteckt, und Alvarez hat noch triftigere Gründe für den Wunsch, sein Amt zu behalten. Was meinen Sie? Das ist doch besser, als ins Gefängnis zu wandern. Sagen Sie uns, was die Verschwörer vorhaben. Sie können selbst die Summe bestimmen, und ich bürge Ihnen dafür, daß sie Ihnen bezahlt wird. Da Ihre Gefühle nichts mit der Sache zu schaffen haben, können Sie ja ohne Bedenken auf der Seite fechten, die am besten bezahlt.«

Burke öffnete die Lippen, als ob er sprechen wolle, allein er schloß sie wieder, und wenn die andern glaubten, er überlege sich Clays Vorschlag alles Ernstes, so sollten sie rasch eines Bessern belehrt werden.

»Es gibt Leute in unserm Geschäfte, die etwas Derartiges thun würden,« sagte Burke endlich. »Sie verkaufen dem einen Waffen und verkaufen die Nachricht, daß er sie erhalten hat, an die Polizei, und dann verkaufen sie den Bericht ihrer Schlauheit an die Presse, aber danach machen sie nie wieder ein Geschäft. Eine recht nette Rolle würde ich spielen, wenn ich das Zeug ins Land schaffte, mich dafür bezahlen ließe und dann euch verriete, wo es verborgen ist und was ich sonst noch weiß. Von Gefühlssimpelei ist bei mir keine Rede, wie Sie wissen, aber ich habe Geschäftsinstinkt, und was Sie mir vorschlagen, ist nicht geschäftsmäßig. Nein, ich habe euch genug gesagt, und wenn ihr glaubt, ich könnte euch gefährlich werden, falls ich auf freiem Fuße bliebe, so bin ich vollkommen bereit, mit unserm jungen Freunde hier eine Spazierfahrt zu machen.«

Mc Williams erhob sich rasch, strahlend vor Freude über die Wichtigkeit des Dienstes, wozu er ausersehen war.

»Dem jungen Herrn scheint die Sache Spaß zu machen,« meinte Burke lächelnd.

»Mit dem Kapitän Burke so oder so in Verbindung zu treten, ist mir eine hohe Ehre,« antwortete Mc Williams, als er hinter seinem Gefangenen in eine Droschke stieg, während Stuart in der Richtung nach dem Cartel vor ihnen hergaloppierte.

»Wenn Sie besser unterrichtet wären, würden Sie nicht so denken,« entgegnete Burke. »Meine Freunde haben uns eine ganze Stunde lang beobachtet, während wir zusammen sprachen, und sie beobachten uns noch immer. Wenn ich während dieser Fahrt nur mit dem Kopfe nickte, würden sie Sie auf die Straße werfen und mich in Freiheit setzen, und wenn sie die Droschke dabei zu Spänen zerschlagen müßten.«

Mc Williams vertauschte seinen Platz neben seinem Gefangenen mit einem andern diesem gegenüber und sah mit einiger Besorgnis die Straße hinauf und hinab.

»Sie werden wohl wissen, daß es eine Antwort auf diese Rede gibt, nicht wahr?« fragte er. »Nun, diese Antwort lautet: Wenn Sie mit dem Kopfe nicken, werden Sie dessen oberen Teil einbüßen.«

Burke stieß einen Ausruf des Verdrusses aus und sah seinen Wächter mit dem Ausdruck der Bestürzung und unverhohlener Mißbilligung an.

»Sie sind doch nicht bewaffnet?« fragte er.

»Warum nicht?« antwortete Mc Williams nickend. »Dank Ihnen und Ihren Freunden leben wir in einer unruhigen Zeit. Aber Sie scheinen einige Angst vor Feuerwaffen zu haben,« fügte er mit der Unduldsamkeit der Jugend hinzu.

Der irische Amerikaner klopfte den jungen Mann aufs Knie und lüftete dann den Hut.

»Mein Sohn,« sagte er dabei, »wenn Ihr Haar erst so grau ist, als dieses, und Sie haben sechs Feldzüge mitgemacht, dann werden auch Sie den Mut haben einzugestehen, daß Sie Furcht vor Feuerwaffen haben.«

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