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Soldaten des Glücks. Erster Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid257d4e65
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Sechstes Kapitel.

Clay war überzeugt, daß ihm Alice Langhams Besuch des Bergwerks über große zwischen ihnen bestehende Verschiedenheiten die Augen geöffnet habe, und er lachte über sich und verhöhnte sich selbst, daß er sich eingebildet hatte, er sei in einer Stellung, die ihm erlaube, sie zu lieben. So viel Selbstvertrauen er auch zuzeiten hatte und so sicher er auch seiner Leistungen in gewissen Richtungen war, so war er doch unruhig und ängstlich, wenn er sich mit einem Manne von vornehmer Geburt und Erziehung verglich, einem, der, wie King, ein Teil jener Welt war, wovon er so wenig wußte und der er in seiner Unwissenheit viele Vorzüge zuschrieb, die sie gar nicht hat. Ihm werde das geheimnisvolle Etwas, das andere als ihr Erbteil besaßen, stets fehlen, meinte er. Noch war er jung und mit den Trugbildern der Jugend erfüllt, und deshalb legte er den Eigenschaften, die er hatte, ebenso wie denen, die ihm fehlten, einen ganz falschen Wert bei.

Während der nächsten Woche vermied er es, mit Miß Langham allein zusammen zu treffen. Gab sie ihm ihre Gunst zu erkennen, so rief er sich schnell ins Gedächtnis zurück, wie sie nicht vermocht hatte, sich für sein Werk zu begeistern, und redete sich ein, daß, wenn sie für den Ingenieur kein Interesse habe, ihm auch nichts daran liege, wie sie über den Mann denke. Andere Frauen hatten ihn persönlich anziehend gefunden, und zwar wegen der Kraft seines Willens und seines Geistes, und nebenher auch, weil er hübsch war. Allein er war entschlossen, diese Frau mit seinem Werke zu gewinnen. Seine Arbeit war sein besseres Teil, so sagte er sich, und mit ihr wolle er stehen, oder fallen.

Eine Woche nach dem Besuch in den Bergwerken gab der Präsident Alvarez einen großen Ball zu Ehren Langhams und seiner Damen, zu dem alle hervorragenden Leute von Olancho und die fremden Gesandten eingeladen wurden. Miß Langham traf Clay am Nachmittage des für den Ball bestimmten Tages, als sie den Berg hinabging, um mit Hope und ihrem Vater an Bord der Jacht zusammenzutreffen, wo sie speisen sollten.

»Kommen Sie nicht auch?« fragte sie.

»Wie gerne, wenn ich nur könnte,« antwortete Clay. »King hat mich zwar eingeladen, aber es ist ein Dampfer mit neuen Maschinen angekommen, und ich muß bei der Zollabfertigung zugegen sein.«

Miß Langham stieß ein leises, ärgerliches Lachen aus und schüttelte den Kopf.

»Sie könnten diese Quälerei mit neuen Maschinen auch aufschieben, bis wir wieder fort sind,« sagte sie.

»Wenn Sie wieder fort sind, werde ich nicht in der Gemütsverfassung sein, mich um Maschinen oder sonst was zu kümmern,« antwortete Clay.

Durch diese Worte schien Miß Langham so weit ermutigt zu sein, daß sie in dem an der Landungsbrücke stehenden Bootshause Platz nahm. Hierauf schob sie sich die Mantilla aus dem Gesicht und sah freundlich zu Clay auf.

»Die Zeit ist da, das Walroß sprach,« citierte sie, »von vielerlei zu reden.«

Lachend ließ sich Clay an ihrer Seite nieder.

»Nun?« fragt er.

»Sie sind in der letzten Woche recht unfreundlich gegen mich gewesen,« hob sie an, indem sie ihn fest anschaute, »und damals, als wir das Bergwerk besichtigten, haben Sie sich ganz abscheulich benommen, und doch hatte ich so sehr auf Sie gerechnet.«

Clays Gesicht ließ seine Ueberraschung über diesen Vorwurf, zu dem er allein das Recht zu haben glaubte, so deutlich erkennen, daß Miß Langham innehielt.

»Ich verstehe Sie nicht,« antwortete er ruhig. »Wieso habe ich mich denn abscheulich benommen?«

Der Ernst, womit er diese Worte sprach, veranlaßte Miß Langham, ihren leichten Ton fallen zu lassen und etwas freundlicher fortzufahren.

»Ich bin in der Erwartung dort hingegangen, Ihr Werk von seiner besten Seite kennen zu lernen, und weil Sie es waren, der das alles erschaffen hat. Dabei hoffte ich, Sie würden mir alles erklären und mir helfen, es zu verstehen, aber das haben Sie nicht gethan. Sie behandelten mich, als ob ich gar kein Interesse für die Sache hätte – als ob ich nicht fähig sei, sie zu verstehen, und es schien Ihnen auch ganz einerlei zu sein, ob ich Interesse dafür hätte, oder nicht; mit einem Worte, Sie hatten mich vollkommen vergessen.«

Clay ließ keine Anzeichen von Gewissensbissen merken.

»Es thut mir sehr leid,« sagte er ernst, »daß Sie sich gelangweilt haben.«

»Das habe ich nicht gemeint, und das wissen Sie auch sehr wohl,« erwiderte das junge Mädchen. »Von Ihnen wollte ich das Werk erklärt haben, weil Sie sein Schöpfer sind. Nicht das, was gethan ist, interessiert mich, sondern der Mann, der es vollbracht hat.«

Clay zuckte ungeduldig die Achseln und sah Alice mit einem verlegenen Lächeln an.

»Sehen Sie, das ist gerade das, was ich nicht wünsche,« erwiderte er. »Können Sie das nicht verstehen? Diese Bergwerke und andere ähnliche sind alles, was ich in der Welt habe; sie sind meine einzige Daseinsberechtigung. Ich möchte gerne das Gefühl haben, daß ich etwas gethan habe, was außer mir liegt, und wenn Sie mir sagen, daß meine Persönlichkeit Sie anzieht, so befriedigt mich das ebensowenig, als es eine Frau befriedigen könnte, wenn sie nur ihrer Schönheit oder ihrer süßen Stimme wegen bewundert würde. Das ist nichts, was sie sich selbst verdankt. Ich strebe danach, daß Sie mich um der Dinge willen schätzen, die ich geleistet habe, nicht um deswillen, was ich zufällig bin.«

Miß Langham ließ ihre Blicke über den Hafen schweifen, und es dauerte einige Zeit, bevor sie antwortete.

»Sie sind ein schwer zu befriedigender und sehr anspruchsvoller Mensch,« sagte sie endlich. »Für gewöhnlich sind die Männer ganz zufrieden, wenn man sie überhaupt nur gern hat, ohne viel nach dem Grunde zu fragen. Da Sie aber darauf bestehen, will ich Ihnen offen bekennen, daß ich mich nicht zu der Höhe aufzuschwingen vermag, Ihr Werk zu bewundern, wie es andere thun. Das mag ja ein Fehler sein,« fuhr sie mit einer Miene fort, die unzweideutig ausdrückte, daß sie es im Gegenteil für eine Tugend halte. »Wenn ich mehr Sachverständnis hätte, würde ich vielleicht mehr Bewundernswertes darin erblicken, allein ich sehe weiter und hoffe auf bessere Dinge von Ihnen. Diejenigen Freunde, welche uns für vollkommen halten, sind nicht immer die, die uns am meisten fördern, nicht wahr?« fragte sie mit einem gütigen Lächeln, wobei sie ihre Augen zu dem großen Erzladedamm erhob, der ins Wasser hineinragte und den einzigen häßlichen Fleck in dem von Natur so schönen Bilde darstellte. »Das ist ja alles ganz gut, aber ich erwarte entschieden mehr von Ihnen,« sagte sie. »Ich habe an allen möglichen Orten sehr bedeutende Männer getroffen, so daß ich ein Urteil darüber zu haben glaube, was ein starker Mann ist, und Sie sind eine der stärksten Persönlichkeiten, der ich je begegnet bin, aber Sie können doch unmöglich beabsichtigen, sich mit dem, was Sie hier geleistet haben, zufrieden zu geben. Sie sollten etwas Größeres, etwas Dauernderes schaffen. Ja, ich sage Ihnen gerade heraus, es verletzt mich, wenn ich sehe, daß Sie Ihre Zeit hier in meines Vaters Interesse verschwenden. Sie sollten dieselbe Thatkraft in einem umfassenderen Felde ausüben. Sie können aus sich machen, was Sie wollen. Zu Hause könnten Sie der Führer einer politischen Partei sein oder ein großer General oder ein gewaltiger Finanzmann. Das sage ich Ihnen, weil ich weiß, daß etwas Besseres in Ihnen steckt, und weil ich wünsche, daß Sie Ihre Anlagen so gut als möglich verwerten, daß Sie Ihre Kräfte für etwas einsetzen, das sich wirklich der Mühe lohnt.«

In Miß Langhams Stimme lag eine solche Aufrichtigkeit, daß es ihr fast gelang, sich selbst zu täuschen, und doch wäre es ihr schwer gefallen, sich Rechenschaft darüber zu geben, warum sie dem Manne, der da neben ihr saß, gerade diese Vorwürfe machte. Daß sie nur nach einem Grunde suchte, der sie berechtigte, ihn nicht so zu schätzen, wie ihn zu schätzen sie sich nicht erlauben wollte, wußte sie sehr wohl. Der Mann an ihrer Seite hatte vom ersten Augenblick an ihr Interesse erregt und später ihre Gedanken in einem Maße in Anspruch genommen, daß ihre Gemütsruhe dadurch gestört wurde. Und doch wollte sie ihre Empfindungen für ihn nicht wachsen und größer werden lassen, sondern sie unterdrücken, und sie versuchte, sich zu überreden, daß sie das thue, weil ihm etwas fehle, nicht ihr.

Beinahe war sie ärgerlich auf ihn, daß er so viel für sie war und dabei doch in einigen Kleinigkeiten nicht so annehmbar, als andere Herren, die sie kannte. So suchte sie bei ihm Fehler zu entdecken, um ihren eigenen Mangel an Gefühl zu rechtfertigen.

Allein Clay, der nur die Worte hörte und nicht zu erkennen vermochte, was für Beweggründe dahintersteckten, konnte das nicht wissen. Als sie geendet hatte, blieb er vollkommen bewegungslos sitzen und sah mit festem Blick über den Hafen. Seine Augen fielen auf den häßlichen Erzladedamm, und er zuckte zusammen und stieß ein kurzes, verdrießliches Lachen aus.

»Was Sie sagen, ist vollkommen wahr,« begann er. »Ich habe nicht viel geleistet, da haben Sie ganz recht. Nur,« – er sah sie neugierig an und lächelte – »nur hätten gerade Sie nicht diejenige sein sollen, welche mir das sagte.«

Ihre eigene Art, die Sache zu betrachten, hatte Miß Langham so weit fortgerissen, daß sie Clay gar nicht beachtet hatte, und jetzt sah sie erst, welches Unheil sie angerichtet. Sie stieß einen Seufzer des Bedauerns aus und beugte sich vor, als ob sie das, was sie gesagt hatte, noch näher erklären wolle, allein Clay verhinderte sie daran.

»Damit wollte ich sagen,« fuhr er fort, »daß die Eingebung, die mich befähigt hat, das zu thun, was ich gethan habe, ihre Quelle zum größten Teile in Ihnen hatte. Sie waren in meinen Augen mehr eine Gattung, als eine einzelne Persönlichkeit, aber Ihr Bild – ich meine das, was ich in meiner Uhr trage – bedeutet für mich die ganze Seite des Lebens, die ich nicht kenne, die Süßigkeit, die Erhabenheit und die Anmut der Zivilisation, etwas, dessen mich zu erfreuen, ich eines Tages Zeit zu haben hoffe. Sie sehen also,« fügte er mit einem unsicheren Lachen hinzu, »wie gerade von Ihnen Vorwürfe darüber zu hören, daß ich meine Anlagen nicht so gut als möglich verwertet hätte, bitterer ist, als wenn sie von irgendwoher sonst kämen.«

»Aber Mr. Clay,« widersprach das junge Mädchen eifrig, »ich bin der Ansicht, daß Sie wunderbar Großes geleistet haben. Ich habe nur gesagt, daß ich noch mehr von Ihnen erwarte. Sie sind ja noch jung, und Sie haben ...«

Clay hörte nicht auf sie; er beugte sich vor und starrte mit über den Knieen gefalteten Händen trübe über das Wasser.

»Ich habe meine Anlagen nicht so gut als möglich verwertet,« wiederholte er; »das ist das, was Sie gesagt haben.« Diese Worte sprach er aus, als ob er ein Urteil fälle. »Sie halten nicht viel von dem, was ich gethan habe, noch von dem, was ich bin.«

Mit einem hoffnungslosen Lachen holte er tief Atem, schüttelte dann den Kopf und lehnte sich mit der müden Haltung eines Mannes, der nach langen Mühen den Kampf aufgegeben hat, ans Geländer des Bootshauses.

»Nein,« sagte er in bitterem Tone, »ich bin nicht viel wert. Aber, mein Gott!« fuhr er lachend fort, »wenn Sie bedenken, was ich war! Was ich jetzt bin, erscheint Ihnen nicht viel und mir auch nicht, nachdem ich Ihren Gesichtspunkt erkannt habe – aber wenn ich bedenke ...!«

Clay hielt wieder inne, preßte die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Seine halbgeschlossenen Augen, die in seine Vergangenheit zu schauen schienen, erhellten sich, als sie auf Kings weiße Jacht fielen; er erhob den Arm und wies mit einer Handbewegung darauf hin.

»In meinem sechzehnten Jahre war ich ein gewöhnlicher Schiffsjunge, ein Mensch, den die Bemannung dieser Jacht da nicht als ihresgleichen anerkennen würde. Ich war ein so unbedeutendes Geschöpf, daß mich der Steuermann übers ganze Hauptverdeck prügeln durfte, so daß ich blutend und für tot in den Speigaten liegen blieb. Nichts besaß ich, als die Kleider, die ich auf dem Leibe trug, und ich mußte in Stürmen aufentern, mich mit meinen nackten Zehen an ein schwingendes Tau klammern und an einem nassen Segel zerren, bis mir das Blut unter den Nägeln hervorquoll. Ich bin Cowboy gewesen und hatte sechs Monate im Jahre keine anderen Gefährten, als achttausend Stück Rindvieh und Menschen, die ebenso stumpfsinnig und ungezähmt waren, als die Stiere. Nacht auf Nacht habe ich im Sattel gesessen, nichts über meinem Haupte, als die Sterne, während nichts anderes hörbar war, als das Atmen der schlafenden Herde. Die Frauen, die ich kannte, waren indianische Squaws und Dirnen in den Tanzsälen der Matrosen und den Spielhöllen von Sioux City, Abilene, Callao und Port Said. Das bin ich gewesen, und das war mein Umgang. Auf dem Lehmfußboden eines mexikanischen Blockhauses,« fuhr er lachend fort, indem er mit auf den Rücken gelegten Händen im Bootshause hin und her ging, »habe ich mit einem bloßen Messer in der Hand um meinen letzten Dollar gekämpft; so gesunken und verzweifelt war ich einmal. Und jetzt« – Clay warf den Kopf in den Nacken und lächelte – »jetzt,« sagte er, indem er sich wieder mit seiner gewöhnlichen ernsten Höflichkeit Miß Langham zuwandte, »jetzt kann ich neben Ihnen sitzen und mit Ihnen sprechen. So weit habe ich mich emporgearbeitet, und – ich bin zufrieden.«

Nach diesen Worten hielt er inne und sah Miß Langham einige Augenblicke unsicher an, als ob er im Zweifel sei, ob sie ihn verstehen würde, wenn er fortführe.

»Und wenn das auch für Sie nichts zu bedeuten hat,« sagte er endlich, »und obgleich ich, wie Sie sagen, als Angestellter Ihres Vaters hier arbeite, so gibt es vielleicht andere Orte, wo ich besser bekannt bin. Wenn Sie meine Berufsgenossen in Edinburgh oder Berlin oder Paris fragten, so würden sie Ihnen manches von mir erzählen können. Falls ich wollte, könnte ich die praktische Thätigkeit morgen aufgeben und als Ratgeber und Sachverständiger leben, aber mir gefällt die praktische Thätigkeit besser. Ich liebe es, selbst Hand anzulegen. Ich sage nicht: ›Ich bin Mr. Langhams Diener‹; ich drücke mich anders aus. Ich sage: ›Da sind fünf Berge voll Eisen; die sollst du nehmen und von Südamerika nach Nordamerika schaffen, wo sie in Eisenbahnen oder Panzerschiffe verwandelt werden.‹ Das ist die Art, wie ich die Sache anschaue. Es ist besser, einen Lorbeerzweig an einen Pflug zu hängen, als sich selbst zu verkleinern: das macht die Arbeit leichter, beinahe edel. Können Sie die Sache nicht in diesem Lichte betrachten?«

Ehe Miß Langham antworten konnte, ertönte ein warnendes Husten von einer Seite des offenen Bootshauses, und als sich die beiden umwandten, sahen sie Mc Williams kommen. Sie waren von Clays Ausführungen so vollständig in Anspruch genommen gewesen, daß Mc Williams auf dem weichen, sandigen Strande näher gekommen war, ohne daß sie es gemerkt hatten. Miß Langham begrüßte den Ankommenden mit offenbarer Freude.

»Die Pinasse wartet am Ende der Landungsbrücke auf Sie,« meldete Mc Williams.

Miß Langham erhob sich, und die drei gingen die Brücke hinab, wobei Mc Williams vorauseilte, um ihnen Gelegenheit zu geben, das Gespräch, das er unterbrochen hatte, fortzusetzen, allein sie folgten ihm auf dem Fuße, als ob keines von ihnen Lust habe, diese Gelegenheit zu benutzen.

In der Pinasse saßen Hope und King, die gekommen waren, Alice abzuholen, und während dieser Hope half, es sich auf den Kissen bequem zu machen, und noch einmal sein Bedauern aussprach, daß Clay und Mc Williams nicht kommen könnten, setzte Hope das Boot mit einem lebhaften Läuten der Glocke, einem rasselnden Drehen des Steuerrades und einem lächelnden Blicke über ihre Schulter auf die beiden oben stehenden Gestalten in Bewegung. –

»Weshalb sind Sie denn nicht gegangen?« fragte Clay. »Sie haben doch nichts im Zollhause zu thun?«

»Sie ebensowenig,« antwortete Mc Williams, »aber ich vermute, wir beide wissen Bescheid. Es kann nichts nützen, wenn man sein Glück mißbraucht.«

»Was meinen Sie damit?«

»Nun, was haben wir denn mit allen diesen Geschichten zu thun?« rief Mc Williams. »Das predige ich Ihnen ja jeden Tag vor. Wir gehören nicht zu ihrer Klasse, und Sie werden es nur um so schwerer empfinden, wenn die Leute wieder abgereist sind. Ich nenne es Tierquälerei, wenn man solche Frauenzimmer frei umherlaufen läßt. Da oben im Norden, wo alle Menschen weiß sind, fällt das nicht so auf, aber hier ... du lieber Gott!«

»Das ist albern,« antwortete Clay. »Warum sollen wir der Zivilisation den Rücken wenden, wenn sie zu uns kommt, weil wir nicht gerade mit dem nächsten Dampfer zur Zivilisation zurückkehren können? Jeder Mensch, der einem begegnet, ist entweder nützlich oder schädlich, und ich behaupte, diese Mädchen sind uns nützlich, selbst wenn uns das Leben hier nach ihrer Abreise inhaltsleer und schäbig erscheinen wird.«

»Inhaltsleer und schäbig?« wiederholte Mc Williams erstaunt. »Das ist gerade das, was meiner Ansicht nach nicht eintreten wird. Mir gefällt es nur um so besser, weil sie einmal daran teilgenommen haben. Niemals habe ich so viel Interesse für die Bergwerke gehabt, als seit diese Damen sie angesehen haben, und von meiner alten Eisenbahn habe ich vorher auch nicht so viel gehalten. Aber jetzt, wo die eine anfängt, als Maschinist zu arbeiten, ist es, als ob die ganze Geschichte mit Nickel plattiert wäre. Ich werde die neue Maschine, wenn sie ankommt, nach ihr nennen, falls ihr Vater es erlaubt.«

»Was wollen Sie damit sagen? Miß Langham ist doch nur einmal im Bergwerk gewesen, nicht wahr?«

»Miß Langham?« rief Mc Williams gedehnt. »Nein, ich spreche von der anderen – Miß Hope. Sie kommt fast jeden Tag mit Ted hinaus und lernt das Lokomotivführen. Nur zum Spaß, wissen Sie,« fügte er beruhigend hinzu.

»Daß sie die Absicht hätte, in die Bruderschaft einzutreten, habe ich nicht vorausgesetzt,« entgegnete Clay. »Also sie ist jeden Tag draußen gewesen? Sie ist ein feines, liebes Mädchen.«

»Ein feines, liebes Mädchen!« knurrte Mc Williams. »Na, ich meine denn! Sie ist die Beste. Besser als sie werden sie überhaupt nicht hergestellt, und denken Sie nur mal: wenn sie jetzt schon so ist, wie wird sie erst sein, wenn sie erwachsen ist – und einige Kleinigkeiten gelernt hat? Nehmen Sie mal ihre Schwester dagegen. Wie die sein wird, wenn sie dreißig und fünfzig und achtzig Jahre alt ist, kann man jetzt schon sehen. Freilich steckt Rasse in ihr, und sie ist das schönste Frauenzimmer, das mir jemals vor Augen gekommen ist, aber, mein Sohn, sie ist zu vorsichtig. Sie gibt sich keiner Täuschung hin und hat keinen Sinn für das Lächerliche, und eine Frau ohne Täuschungen und ohne Sinn fürs Lächerliche wird auf die Dauer einförmig. Man kann sie nichts lehren. Daß man Miß Langham etwas sagen könnte, was sie noch nicht weiß, kann man sich doch einfach nicht vorstellen. Dinge, die wir für wichtig halten, berühren sie gar nicht; sie schlagen nicht in ihr Fach, und in allen anderen Richtungen weiß sie mehr, als wir jemals ahnen könnten. Aber diese Miß Hope! Sie umherzuführen, ist ein Genuß. Sie will alles sehen und alles lernen, und sie steckt ihr Näschen in alle Oeffnungen und Schächte wie ein kleiner Foxterrier. Und dann sitzt sie da und hört einem zu, bis ihr die Thränen in die Augen treten, ohne daß sie es weiß – und man kann selbst nicht mehr sprechen, weil man sie immerfort ansehen muß.«

Clay erhob sich und ging schweigend dem Hause zu. Daß Mc Williams ihn gerade in dem Augenblick unterbrochen hatte, war ihm ganz erwünscht. Darüber, ob er Alice Langham vollkommen verstehe, war er sich nicht ganz klar. Während seiner kurzen Besuche in London, Berlin und Wien hatte er viele schöne Damen gesehen, und sie hatten kein Hehl daraus gemacht, daß er ihnen gefalle. Andere nicht so schöne Frauen hatte er in Zentral- und Südamerika kennen gelernt, die Frauen und Töchter der englischen Geschäftsleute, die an der Küste des Stillen Ozeans in freiwilliger Verbannung lebten und deren helle Haut von der heißen tropischen Sonne gebräunt war. Viele Frauen hatte er kennen gelernt und hätte mit dem Dichter sprechen können:

»Sorgen und Mühen gar mancherlei
Haben mich betrübt,
Aber auch Frauen gar vielerlei
Haben mich geliebt.«

Allein die Frau, die er heiraten wollte, mußte alle diejenigen Eigenschaften haben, welche ihm abgingen: sie mußte ihn ergänzen und vervollständigen, wo es ihm fehlte, und dieses Weib besaß all das. Sie verstand es, diejenigen Saiten seines Ehrgeizes und seines Geschmackes zum Tönen zu bringen, welche er am höchsten schätzte, und doch wußte er, daß er gezögert und ihr mißtraut hatte, statt sich mit Feuer und Leidenschaft zu erklären und sie durch die Kraft seines Willens zu zwingen, ihn anzuhören. –

Mit der Empfindung, daß sie vor sich selbst gerettet worden sei, und einem Gefühl der Freude, wieder in der ihr gebührenden Umgebung Zuflucht zu finden, sank Miß Langham auf die weichen Kissen der Pinasse. Der Anblick Kings, der an Hopes Seite mit einer Zigarette zwischen den Lippen und mit halb geschlossenen Augen in das schwindende Licht schaute, erweckte ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit in ihr. Was sie von dem anderen seltsamen jungen Manne verlangte, wußte sie nicht. Er war so kühn und schön, und die Art, wie er das Leben betrachtete und darüber sprach, war so frisch und ursprünglich. Wohl konnte er noch alles aus sich machen, was ihm beliebte, aber hier war ein Mann, der schon alles hatte oder so leicht zu erlangen vermochte, als er die Fahrgeschwindigkeit der Pinasse dadurch vergrößern konnte, daß er mit dem Finger an irgend einem Drahte zog.

Ein Tag stieg in ihrer Erinnerung auf, wo sie alle an Bord dieser nämlichen Pinasse gewesen waren und die Maschine versagt hatte. Mc Williams war nach vorn gegangen, um zu sehen, was vorgefallen sei, und hatte Clay zu Hilfe gerufen. Sie entsann sich, wie sich beide auf die Kniee niedergelassen und den Maschinisten und Heizer angewiesen hatten, ihnen allerhand Werkzeuge und Oelkannen zu reichen, während King schwache Versuche machte, Einsprache zu erheben, und die übrigen hilflos unter der glühenden Sonne in dem sich leise schaukelnden Boote gesessen hatten. Clays Eifer bei dem Unfall, seine Freude, als er die Maschine wieder in Ordnung gebracht hatte, und seine Erscheinung, als er mit fettigen Händen und von der Hitze der Feuerung gerötetem Gesicht wieder zum Vorschein gekommen war und seine schmutzigen Finger an einigen Putzlappen abgewischt hatte, waren ihr zuwider gewesen, ebenso daß er den Maschinisten, den er um Rat gefragt, als seinesgleichen behandelt, hatte sie verletzt, und sie war überrascht gewesen, daß die Bemannung ihn so ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, als ob er der Eigentümer gewesen wäre, als er an jenem Abend wieder in die Pinasse gestiegen war, denn sie hatte erwartet, sie würden ihn etwas vertraulicher behandeln, ja sie hatte sich thatsächlich eingebildet, einen Schatten von Verschiedenheit im Benehmen der Matrosen Clay gegenüber zu bemerken, als ob er sich in ihren Augen herabgewürdigt hätte, wie in ihren eigenen.

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