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Soldaten des Glücks. Erster Band

Richard Harding Davis: Soldaten des Glücks. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRichard Harding Davis
titleSoldaten des Glücks. Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
illustratorDana Gibson
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170331
projectid257d4e65
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Erstes Kapitel.

»Wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie so früh kommen,« sagte Mrs. Porter, als Alice Langham in den Salon trat. »Ich möchte Sie nämlich um eine Gefälligkeit bitten, die Sie mir gewiß nicht abschlagen werden. Gern hätte ich mich an eine von den jungen Damen gewandt, die erst diesen Winter in die Gesellschaft eingeführt worden sind, aber die nehmen's einem immer so übel, wenn man sie neben Herren setzt, die ihnen unbekannt sind und die ihnen bei der Unterhaltung keine Anregung bieten können. Deshalb habe ich an Sie gedacht. Sie haben doch nichts dagegen? Sie sind so gutmütig, und es macht Ihnen gewiß nichts aus.«

»Gutmütig höre ich mich nicht gern nennen, und was soll mir denn nichts ausmachen?« fragte Miß Langham lächelnd.

»Der Herr, um den es sich handelt, ist ein Freund Georges,« fuhr Mrs. Porter fort, »und ein Cowboy. Wie es scheint, hat er George viele Gefälligkeiten erwiesen, als dieser in New Mexiko oder Alt Mexiko – ich weiß nicht mehr wo – jagte. George teilte seine Hütte mit ihm, und der Mann hat ihm Gelegenheit verschafft, einige seltene Tiere zu schießen: nun ist er mit einem Empfehlungsbriefe hierher nach New York gekommen. Das sieht George so recht ähnlich! Der Mensch kann vielleicht ganz unmöglich sein, aber, wie ich Porter schon gesagt habe, meine Gäste können sich nicht beklagen, denn ich weiß ebensowenig über ihn, als sie. Heute, während ich abwesend war, hat er seinen Besuch gemacht und seine Karte mit Georges Empfehlungsbrief dagelassen, und da mir heute abend ein Herr fehlte, dachte ich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, und lud ihn ein. Und nun ist er da. – Ach so, richtig,« fügte Mrs. Porter hinzu, »ich wollte ihn ja neben Sie setzen. Sie haben doch nichts dagegen?«

»Allerdings würde es mir sehr unangenehm sein, es sei denn, er trüge lederne Gamaschen und lange Sporen,« entgegnete Miß Langham.

»Das ist sehr nett von Ihnen,« antwortete Mrs. Porter. »Vielleicht ist er gar nicht so übel, und ich werde Reginald King an Ihre andere Seite setzen. Einverstanden?« fragte sie, indem sie, über ihre Schulter sehend, stehen blieb.

Der Ausdruck in Miß Langhams Gesicht, der bis dahin der der Belustigung gewesen war, änderte sich merklich und machte einem Lächeln höflicher Zustimmung Platz.

»Wie es Ihnen beliebt, Mrs. Porter,« antwortete sie mit leicht emporgezogenen Augenbrauen. »›Mein Schicksal liegt in den Händen meiner Freunde‹, wie die Politiker sagen. – Entschieden zu sehr in den Händen meiner Freunde,« wiederholte sie leise, als sie sich abwandte.

Das war das zwölfte Mal in diesem Jahre, daß man sie und Mr. King beim Diner nebeneinander gesetzt hatte, und nun konnte sie nicht mehr sagen, es käme nichts darauf an, was die Leute dächten, so lange nur sie und er wüßten, was es zu bedeuten habe. Jetzt war die Sache aber so weit gediehen, daß sie nicht mehr sicher war, ob sie ihn oder sich selbst vollkommen verstehe. Schon seit langer Zeit kannten sie sich, zu lange, wie sie manchmal dachte, als daß sie noch besser miteinander hätten bekannt werden können. Doch lag immerhin die Möglichkeit vor, daß es noch eine Seite in seinem Wesen gab, die sich ihr noch nicht enthüllt hatte und die sie in der Beschränkung, welche ihnen die Gesetze der Gesellschaft, worin sie lebten, auferlegten, nicht entdecken konnte. Dessen war sie um so sicherer, als sie ihn einmal unter Umständen beobachtet hatte, wo er sich ihrer Nähe nicht bewußt gewesen war, und da war er so vollständig anders gewesen, daß sie sich ganz betroffen gefragt hatte, ob sie den wirklichen Reggie King wohl kenne.

Bei einem Balle im Atelier eines Malers hatte eine französische Tänzergesellschaft eine Pantomime aufgeführt. Als diese beendet war, setzte sich King in eine Ecke und unterhielt sich mit einer der Französinnen, und lachte über sie und ihr Radebrechen, während er sie bediente. Dabei erklärte er ihr, wie sie gewisse Sätze aussprechen müsse, aber er that das absichtlich fehlerhaft, und als sie das merkte, machte sie ihm Vorwürfe darüber. Darauf hatten sie mit kindlicher Begeisterung und ganz entzückt über einige feine Restaurants von Paris geplaudert, die sie beide kannten. Das war das erste Mal, daß Miß Langham ihn sah, wie er sich gehen ließ, und daß sie in ihm statt des etwas gelangweilten und gesetzten Mannes von Welt, einen Gesellschafter von sprudelnder Laune und fast knabenhafter Offenheit in ihm kennen lernte. Als er später an demselben Abend zu ihr kam, war er zwar nicht weniger unterhaltend als gewöhnlich, und ebenso höflich und aufmerksam, als er gegen die Französin gewesen war, allein er war nicht mehr sprudelnd, und sein Lachen klang gekünstelt und unnatürlich. An jenem Abend und danach noch öfter hatte sie sich gefragt, ob er wohl, wenn er um ihre Hand anhielt – was nicht unmöglich war –, bei der genaueren Bekanntschaft, die das eheliche Leben mit sich bringen mußte, ihr gegenüber ebenso lebendig und leichtherzig sein werde, als er es der französischen Tänzerin gegenüber gewesen war. Wenn er sie nur mehr wie einen Kameraden und seinesgleichen behandeln wollte, anstatt ihr wie ein Minister entgegenzutreten, der einer Königin Vortrag hält! Sie verlangte etwas Vertraulicheres, als die Ehrerbietung, die er ihr erwies; und daß er es anscheinend als feststehende Thatsache betrachtete, sie müsse ebenso wohlweise, sein als er, mißfiel ihr, und würde ihr selbst mißfallen haben, wenn es wahr gewesen wäre.

Denn sie war ein Weib und verlangte Liebe, trotzdem daß sie schon von vielen Männern geliebt worden war – wie wenigstens angenommen wurde – und sie abgewiesen hatte.

Jeder dieser Herren hatte ihr eine angesehene Stellung angeboten, oder die Verbindung mit ihr gesucht, weil sie die geeignete Persönlichkeit war, die zu seiner eigenen großen Stellung paßte, oder weil er ehrgeizig, oder weil sie reich war. Aber der Mann, der sie so lieben konnte, wie sie einstmals geglaubt hatte, daß Männer lieben könnten, und der ihr noch etwas anderes, als Wohlgefallen an ihrer Schönheit oder ihrem Geist entgegenbringen konnte, der war noch nicht aufgetaucht. Schon fing sie an, zu fürchten, er werde überhaupt nie erscheinen, es gäbe überhaupt keinen, und er sei nur ein Phantasiegebilde der Bühne und der Romane. Die Männer, die sie kannte, waren bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie ihre hervorragende Stellung zu würdigen wüßten, und daß sie sie für unerreichbar hielten. Sie schienen anzunehmen, daß sie ihr am besten gefielen, wenn sie sich vor ihr demütigten und Miß Langhams Ueberlegenheit anerkannten, während sie gerade wünschte, daß sie diese vergessen möchten. Jeder von ihnen zog sich in den Hintergrund zurück und erklärte mit vielen Verbeugungen, er sei unwürdig, seine Augen zu einem solchen Kleinod zu erheben, aber es werde das Glück seines Lebens sein, wenn sie sich zu ihm herablassen wolle. Manchmal meinten sie es aufrichtig, manchmal waren es vornehme Abenteurer, die die Sache geschäftsmäßig betrachteten, doch in jedem Falle wandte sie sich ärgerlich ab und fragte sich, wie lange es noch dauern solle, bis der Mann erschiene, der sie vor sich auf den Sattel heben, seinen Arm um ihre Hüfte legen und mit ihr davonsprengen würde, während die Hufe seines Rosses den Takt zum Aufruhr ihrer Herzen schlügen.

Draußen in der Welt hatte sie zu viele bedeutende Leute kennen gelernt, als daß ihr ihre Stellung in Amerika noch einen besonderen Eindruck hätte machen können.

Und wenn es wahr war, fragte sie sich selbst, daß der Mann, den sie sich ausgemalt hatte, nur in ihren Träumen lebte, war dann King nicht noch der beste von den Unvollkommenen und Alltäglichen? Jedermann schien das zu denken. In Gesellschaften setzte man sie immer nebeneinander und billigte die Verbindung; das wußte sie. Auch ihr Verstand stimmte zu, und da ihr Herz anscheinend nicht in Betracht kam, wer vermochte dann zu behaupten, daß es nicht ebenfalls zustimme? Ohne alle Frage war er ein anziehender Mensch, ein männlicher, kluger Gefährte, der die Merkmale guter Herkunft an sich trug. Was die Familie anlangt, so waren die Kings so alt, als das in einem so jungen Lande überhaupt möglich war, und trotz seines Reichtums war Reggie King ein arbeitsamer und vernünftiger Mann. Seine Jacht segelte von Erdteil zu Erdteil, nicht nur den Sund hinauf nach New Port, und er war den Konsuln an den Küsten von Afrika und Südamerika ebenso bekannt und willkommen, als der Gesellschaft von Cowes und Nizza. Die Bücher, die er über seine Reisen geschrieben hatte, wurden von den geographischen Gesellschaften und anderen ernsten Körperschaften anerkannt, und sie hatten ihm das Recht eingetragen, eine lange Reihe von ehrenvollen Bezeichnungen unter seinen Namen auf seine Visitenkarte zu setzen. Alice Langham gefiel er, weil sie auf vertrautem Fuße mit ihm stand und weil es ihr ein tröstliches Bewußtsein war, daß es einen Mann gab, der sie nicht mißverstand und der eine Berufung an seine Freundschaft, falls sie sich einmal so weit nachgeben sollte, dazu ihre Zuflucht zu nehmen, nicht mißbrauchen würde, einen Mann, von dem man mit Bestimmtheit erwarten durfte, daß er stets taktvoll und höflich sein würde, und der, wenn er vielleicht auch niemals etwas Großes vollbringen, doch auch sicher nichts Gemeines thun würde.

Als Alice Langham Mrs. Porters Salon betrat, war die Mehrzahl der Gäste schon anwesend. Nachdem sie die Hausfrau begrüßt hatte, wandte sie sich einem alten Herrn zu, der eine Leidenschaft für das Golfspiel hatte, wofür auch sie zu interessieren er sich schon seit langer Zeit bemüht hatte. Seiner Begeisterung kam sie mit derselben Begeisterung und mit so vielem scheinbarem Interesse entgegen, als ob es sich um eine Staatsangelegenheit gehandelt hätte. Ihr Grundsatz war, allen Menschen, mochten sie nun große Künstler, große Diplomaten oder von der ausgesuchtesten Langeweile sein, so zu begegnen, als ob sie für nichts anderes Interesse hätte, als für das, was den Inhalt des Lebens des Betreffenden ausmachte. Hätte ein Mann sie angefleht, mit ihm zu entfliehen, und ein anderer wäre in aller Unschuld dazugekommen und hätte sie daran erinnert, daß jetzt sein Tanz komme, so würde sie mit so vielem gutgespieltem Entzücken, als wäre durch sein Kommen die schönste Hoffnung ihres Lebens verwirklicht worden, erwidert haben: »O, wirklich?«

Jetzt wurde sie ganz Feuer und Flamme über die Schönheiten des Golfspiels, und sie bot unbewußt in ihrem zur Schau getragenen Interesse und ihrer künstlichen Lebhaftigkeit ein reizendes Bild, als es ihr zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß ein ihr fremder junger Herr, der allein vor dem Kamin stand, sie ansah und ganz unverhohlen dem Unsinn lauschte, den sie preisgab. Daß er schon einige Zeit zugehört hatte, vermutete sie, auch bemerkte sie einen verdächtigen Schimmer von Lustigkeit in seinen Augen, bevor er diese rasch abwandte. Miß Langham mäßigte ihr lebhaftes Gebärdenspiel und dämpfte ihre Stimme, aber sie ließ ihre Blicke auf dem Gesicht des Fremden ruhen, dessen eigene Augen im Zimmer umherschweiften, offenbar um sich den Anschein zu geben, als habe er nicht gelauscht.

Der Fremde war ein großer, breitschulteriger junger Mann mit einem hübschen Gesicht, das entweder von der Sonne, oder von Wind und Wetter tiefbraun gefärbt war und das zu seinem blonden Haar und Schnurrbart und der Blässe der anderen Gesichter im Zimmer einen seltsamen Gegensatz bildete. Augenscheinlich war er allen Anwesenden fremd, und deshalb kam in seiner Haltung die Ungezwungenheit zum Ausdruck, die sich bei einem Menschen ganz von selbst einstellt, der nicht nur seiner selbst vollkommen sicher ist, sondern auch keine Ahnung davon hat, welche Ansprüche auf gesellschaftliche Auszeichnung seine Umgebung erhebt. Der anziehendste Zug seines Gesichtes waren die Augen, die alles, was um ihn her vorging, zu beobachten schienen, aber nicht nur das sahen, was an der Oberfläche sichtbar war, sondern auch das, was darunter lag, und zwar thaten sie das nicht in einer ungezogenen oder heimlichen Weise, sondern mit dem offenen, raschen Blicke des geübten Beobachters. Miß Langham fand, daß das Gesicht einen anziehenden Gegenstand des Studiums bildete, und sie wandte ihre Augen nicht ab. Mit allen anderen Anwesenden war sie bekannt, somit wußte sie, daß das der Cowboy sein müsse, von dem Mrs. Porter gesprochen hatte, und sie war erstaunt, daß sich ein Mensch, der das rauhe Leben des Westens geführt hatte, im Gesellschaftsanzug noch so ungezwungen bewegen konnte.

Mit einem bedeutsamen Emporziehen der Augenbrauen stellte die Dame des Hauses ihren Cowboy einfach als »Mr. Clay, von dem ich Ihnen erzählt habe«, vor, und hierauf trat der Cowboy zur Seite, um Mr. King Platz zu machen, der Miß Langham zu Tische führte. Als er sich wieder an ihrer Seite fand, sah er offenbar befriedigt aus, allein er zog während des ersten Teils des Diners keinen Nutzen daraus, sondern unterhielt sich mit der jungen verheirateten Dame zu seiner Linken, während Miß Langham und King das Gespräch da wieder aufnahmen, wo sie es bei ihrem letzten Zusammentreffen abgebrochen hatten. Ihre Bekanntschaft war vertraut genug, daß sie über die Art und Weise, wie sie stets nebeneinander gesetzt wurden, scherzen konnten. Sie müßten diesem Umstand, wie Miß Langham sagte, die beste Seite abzugewinnen suchen, aber während sie sprach, war sie sich der Nähe ihres anderen Nachbarn, der ihre Neugier und ihr Interesse in verschiedener Art reizte, beständig bewußt. Er schien sich vollkommen zu Hause zu fühlen, und doch machte er durch die Art, wie er sich bei Tische nach beiden Seiten umblickte und auf die Gespräche lauschte, die in seiner Nähe geführt wurden, den Eindruck eines Menschen, dem alles neu ist und der alles zum erstenmal sieht.

An einem Ende des Tisches saß eine kleine Gruppe von munteren Leuten, und sie schienen diese Thatsache dadurch hervorheben zu wollen, daß sie über ihre Bemerkungen etwas lauter lachten, als durch die Güte der Witze gerechtfertigt war. Eine Schwiegertochter Mrs. Porters bildete die Führerin dieser Gruppe, und hielt einmal mitten in einer Geschichte inne, winkte mit der Hand der Doppelreihe von Gesichtern zu, die durch ihr lautes Sprechen veranlaßt worden waren, sich ihr zuzudrehen, und rief dabei lachend: »Hört mir nicht zu! Diese Geschichte eignet sich nur für einen beschränkten Hörerkreis und nicht für höhere Töchterschulen.«

Die erst kürzlich in die Gesellschaft eingeführten jungen Mädchen nahmen ihre ruhige Unterhaltung wieder auf, als ob sie die Bemerkung oder den ersten Teil der Geschichte nicht gehört hätten, und die neben ihnen sitzenden Herren schienen ebenso unbefangen zu sein. In den Zügen des Cowboys dagegen machte der anfängliche Ausdruck der Verblüffung bald dem des unverhohlenen Vergnügens Platz, wie Miß Langham bei einem verstohlenen Blicke sehr wohl bemerkte, und er fuhr fort, sich nach beiden Seiten umzusehen, als ob er einen neuen Zug an einem seltenen und interessanten Tiere entdeckt hätte. Aus irgend einem Grunde, worüber sie sich selbst nicht recht klar war, ärgerte sie sich über sich und ihre Genossen, und die Haltung, die der Neuling gegen diese einnahm, verdroß sie ebenfalls.

»Mrs. Porter hat mir erzählt, Sie kennten ihren Sohn George,« sagte sie endlich. Seine Antwort ließ etwas auf sich warten, allein er neigte zustimmend den Kopf, wobei er sie fragend ansah, als ob er, wie es ihr vorkam, eine etwas weniger alltägliche Bemerkung von ihr erwartet hätte.

»Ja,« erwiderte er endlich, »er kam in Ayutla zu uns. Das war damals der Endpunkt der Bahn von Jalisco nach Mexiko. Er traf mit der Bahn ein, ging von da weiter, um Berglöwen zu jagen, und hat, glaube ich, eine ganz erfolgreiche Jagd gehabt.«

»Das soll ja, wie ich gehört habe, eine ganz merkwürdige Bahn sein,« sagte Mr. King, indem er sich, Clay zunickend, vorbeugte, um an der Unterhaltung teilnehmen zu können, »eine ganz hervorragende Leistung der Ingenieurkunst.«

»Sie wird jedenfalls das Land erschließen,« stimmte der andere gleichgültig zu.

»Einiges habe ich darüber schon gehört,« fuhr King fort, »denn als ich mit meiner Jacht in Pariqua lag, lernte ich einige der Herren kennen, die die dortige Teilstrecke bauten. Eine große Menge des Betriebsmaterials kam zu Schiffe nach diesem Hafen, und wir verkehrten ziemlich lebhaft mit den Herren.«

Clay betrachtete King scharf, als ob er eine Erinnerung wachrufen wolle, aber da dieser Blick den anderen nur in Verlegenheit zu setzen schien, trat bald wieder das freimütige Lächeln der Zustimmung an dessen Stelle, und er widmete King seine ganze Aufmerksamkeit.

»Meiner Ansicht nach, Miß Langham, gibt es heutigestags niemand,« rief King plötzlich, indem er sich der jungen Dame zuwandte, »der ein so romantisches Leben führt, als die Zivilingenieure, und niemand, dessen Leistungen so wenig gewürdigt werden.«

»Wirklich?« fragte Miß Langham, ihn zur Fortsetzung des Gespräches ermutigend.

»Sehen Sie, die Männer, die ich dort traf,« fuhr King fort, indem er sich auf seinem Stuhle so drehte, daß er seitwärts am Tische saß, »waren alle junge Leute von etwa dreißig Jahren, aber sie führten das Leben von Pionieren oder Märtyrern – wenigstens möchte ich es so nennen. Sie durchzogen einen fast unbekannten Teil von Mexiko, mußten jeden Schritt ihres Weges der Natur abringen, und wohin sie kamen, dahin trugen sie die Zivilisation. Ihre Arbeit war besser, als die der Soldaten, denn diese zerstören, während jene schaffen und Wege bauen. Dabei hatten sie weder Banner noch Blechmusik. Sie kämpften gegen Berge und Flüsse, sie wurden auf Schritt und Tritt vom Fieber und dem Mangel an Lebensmitteln bedroht und waren dabei Wind und Wetter schutzlos preisgegeben. Abends setzten sie sich ums Lagerfeuer und überlegten, ob sie einen Berg durchtunneln, den Lauf eines Flusses ablenken oder eine Brücke darüber bauen sollten, und dabei wußten sie beständig, daß das, was sie da draußen in der Wildnis zu thun beschlossen, für die irgendwo auf Gottes Erde wohnenden Aktionäre Tausende von Dollars bedeutete und daß sie eines Tages Rechenschaft darüber abzulegen hätten. Ihre Meßketten zogen sie durch Meilen auf Meilen von Dickicht und über flache, mit Kakteen bewachsene Alkaliwüsten, und sie bauten Brücken über tiefe Schluchten, worin wilde Bergströme brausten. Wir wissen nichts von ihnen und kümmern uns nicht um sie. Wenn ihre Arbeit vollendet ist, fahren wir in einem Aussichtswagen über ihre Bahn, schauen Tausende und aber Tausende von Metern in die Schluchten hinab, die sie überbrückt haben, aber für sie selbst haben wir nie einen Gedanken übrig. Sie sind die tapfersten Soldaten der Gegenwart und zugleich die am wenigsten anerkannten. Ich habe ihre Namen vergessen, und Sie haben sie wahrscheinlich nie gehört, aber mir will es scheinen, als ob der Zivilingenieur der Hauptträger der Zivilisation unseres Jahrhunderts sei.«

Mit halb geschlossenen Augen sah Miß Langham gerade vor sich hin, als ob sie sich in ihrem Geiste das klar zu machen suche, was King ebenso lebhaft geschildert hatte.

»In diesem Lichte habe ich die Sache noch nie betrachtet,« sagte sie. »Es klingt recht schön. Wie Sie sehr richtig sagten, ihr Lohn ist so gering, aber das ist gerade das, was es so erhaben macht.«

Zerstreut eine Blume zerpflückend, hielt der Cowboy seine Augen auf den Tisch gerichtet. Sein Lächeln war verschwunden, und Miß Langham, die sein Schweigen verdroß, wandte sich etwas jäh nach ihm um.

»Sind Sie derselben Ansicht,« fragte sie in etwas herausforderndem Tone, »oder ziehen Sie die Bonbonsoldaten in roten Röcken und Goldstickereien vor?«

»Hm, ich weiß nicht,« antwortete der junge Mann nach einem leichten Zögern. »Jedes Handwerk hat seine eigenen Reize, und die Arbeit des Ingenieurs ist am anziehendsten, je größer die Schwierigkeiten sind. Er hat die Freude, sie zu überwinden.«

»Sie sehen also weiter nichts darin,« erwiderte sie, »als eine Quelle des Vergnügens?«

»O doch, sehr viel mehr,« entgegnete er, »ein Mittel, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, um nur eines zu erwähnen. Ich – ich bin mein ganzes Leben lang Ingenieur gewesen und habe die Bahn gebaut, wovon Mr. King spricht.« –

Als Mrs. Porter eine Stunde später den Damen das Zeichen zum Aufstehen gab, erhob sich Miß Langham mit einem unmutigen Seufzer.

»Es thut mir gar zu leid,« sagte sie, »denn es war sehr interessant. Ich habe niemals zwei Herren getroffen, die so viele nur mit Gefahren zu erreichende Orte besucht haben und mit heiler Haut wieder herausgekommen sind. Sie haben Mr. King ganz begeistert, denn er war nie so unterhaltend. Aber ich möchte doch gern das Ende dieses Abenteuers hören. Wollen Sie es mir nicht nachher im anderen Zimmer erzählen?«

»Sehr gern,« erwiderte Clay, sich verbeugend, »wenn mir inzwischen nicht etwas Besseres einfällt.« – –

»Was ich nicht begreife,« sagte King, indem er sich auf den von Miß Langham verlassenen Stuhl setzte, »ist, wo Sie die Zeit hergenommen haben, so viel über die übrige Welt zu lernen. Sie benehmen sich nicht wie ein Mann, der sein Leben im Urwald zugebracht hat.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Clay lächelnd. »Daß ich Messer und Gabel richtig zu handhaben verstehe?«

»Nein,« antwortete King lachend, »aber Sie haben uns erzählt, dies sei Ihr erster Besuch im Osten, und doch sprechen Sie über England, Wien, Berlin und Paris. Wie kommt es, daß Sie dort gewesen sind, aber New York noch nicht besucht haben?«

»Das ist teils Zufall, teils Absicht,« entgegnete Clay. »Sehen Sie, ich habe für englische, deutsche und französische Gesellschaften gearbeitet, ebenso wie für solche hier in den Vereinigten Staaten, und ich reise viel, mache meine Berichte über das, was ich sehe, und erhalte meine Aufträge. Und dann bin ich, was Sie hier einen self made man nennen, das heißt, ich habe nie eine Hochschule besucht; stets war ich gezwungen, mich selbst auszubilden, und wenn ich mal etwas freie Zeit hatte, konnte ich nie das Gefühl loswerden, daß ich sie nach Möglichkeit ausnützen und sie da verleben müsse, wo die Zivilisation am weitesten vorgeschritten ist – vorgeschritten wenigstens an Jahren. Wenn ich mich einmal als Sachverständiger niederlasse und große Summen dafür verlange, Arbeiten zu prüfen, die andere ausgeführt haben, dann hoffe ich, in New York zu leben, aber bis diese Zeit kommt, gehe ich dahin, wo die Kunstsammlungen am größten sind und wo die Leute die Kunst, das Leben zu genießen, am edelsten verstehen. Während acht Monaten im Jahre habe ich so viele rauhe Arbeit zu verrichten, daß ich für den feineren Lebensgenuß nur um so empfänglicher bin, und deshalb reise ich, wenn ich mal ein paar Monate für mich habe, nach London und von da nach Paris oder Wien. Wien gefällt mir, glaube ich, am besten. Die Direktoren großer Unternehmungen sind in der Regel an ihrem Wohnort meist einflußreiche Leute. Von solchen erhalte ich hin und wieder eine Einladung, und so kommt es, daß ich, obgleich ich ein guter Amerikaner zu sein hoffe, doch mehr Freunde in Europa habe, als in den Vereinigten Staaten.«

»Und was sagen Sie denn zu diesen?« fragte King, indem er durch eine Bewegung seines Kopfes die um den abgedeckten Tisch sitzenden Herren bezeichnete.

»O, ich weiß nicht,« antwortete Clay lachend. »Sie haben ja auch im Auslande gelebt. Was sagen Sie zu ihnen?« – –

Als die Herren in den Salon traten, war Clay der erste. Sofort entfernte er sich von den anderen und trat zu Miß Langham. Als ob er sich eines gewissen Halts über sie versichern wolle, nahm er ihr den Fächer aus der Hand und setzte sich neben sie.

»Sind Sie gekommen, um mir die Geschichte zu Ende zu erzählen?« fragte sie lächelnd.

Miß Langham war eine vorsichtige junge Dame und würde einen Herrn, selbst wenn sie ihn so genau gekannt hätte, als King, nicht ermutigt haben, während des ganzen Diners und auch noch nachher mit ihr zu sprechen. Daß ihr, weil sie eine auffallende Erscheinung war, gewisse unschuldige Vergnügungen versagt waren, deren sich andere junge Mädchen erfreuen konnten, ohne dadurch Aufmerksamkeit oder Nachrede zu erregen, wußte sie sehr wohl. Aber Clay interessierte sie in ganz ungewöhnlichem Grade, und der in seinen Augen liegende Blick war eine Huldigung, die zurückzuweisen sie durchaus nicht gewillt war. –

»Ich habe einen interessanteren Stoff für unsere Unterhaltung,« sagte Clay. »Ich werde nämlich über Sie reden, denn, sehen Sie, ich kenne Sie schon seit langer Zeit.«

»Seit acht Uhr?« fragte Miß Langham.

»O nein, seit Sie in die Gesellschaft eingeführt worden sind, also seit vier Jahren.«

»Sich an etwas zu erinnern, was so weit zurückliegt, ist nicht höflich,« antwortete sie. »Waren Sie denn bei diesem wichtigen Ereignis zugegen? Es waren so viele Leute da, daß ich mich nicht mehr entsinne.«

»Nein, ich habe nur etwas darüber gelesen, und ich weiß es noch wie heute. An jenem Tage war ich zwölf Meilen geritten, um die Postsachen zu holen, und hielt an, als ich den halben Rückweg nach der Ranch hinter mir hatte, lagerte mich im Schatten eines Felsens und las sämtliche Zeitungen und Wochenschriften auf einen Zug durch, bis die Sonne unterging und ich die Schrift nicht mehr erkennen konnte. In einer der Zeitungen fand ich einen Bericht über Ihre Einführung in die Gesellschaft mit einem Bilde von Ihnen, und ich schrieb später an den Photographen und ließ mir das Original kommen. Drei Monate lang trieb ich mich im Westen umher, bis es mich endlich in Laredo, an der Grenze zwischen Texas und Mexiko, erreichte, und seitdem führe ich es immer bei mir.«

Einen Augenblick sah ihn Miß Langham in schweigendem Verdruß und mit einem betroffenen Lächeln an.

»Wo ist es denn jetzt?« fragte sie endlich.

»In meinem Koffer im Gasthaus.«

»O,« entgegnete sie langsam, denn sie war noch im Zweifel, wie sie sich einer solchen, dem Herkömmlichen so gar nicht entsprechenden Handlungsweise gegenüber verhalten sollte. »Also nicht in Ihrer Uhr?« sagte sie, um die Pause zu verdecken. »Das hätte zum Rest der Geschichte besser gepaßt.«

Mit einem verlegenen Lächeln zog der junge Mann seine Uhr hervor, ließ den Deckel springen und drehte sie so, daß Miß Langham die darin liegende Photographie sehen konnte. Das Gesicht in der Uhr war das eines der damaligen Mode nach gekleideten jungen Mädchens.

»Habe ich einmal so ausgesehen?« fragte sie gleichgültig. »Nun, fahren Sie fort.«

»Ich interessierte mich sehr für Miß Alice Langham,« sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung, »und für alles, was sie that und trieb. Dank dem Umstand, daß es die Presse in den Vereinigten Staaten für ihre besondere Aufgabe zu halten scheint, rein persönliche Angelegenheiten zu veröffentlichen, war ich im stande, Ihnen ziemlich genau zu folgen; denn wohin ich auch gehe, meine Zeitungen werden mir nachgeschickt. Ohne Kompaß oder Medizinkiste könnte ich wohl auskommen, ohne meine Zeitungen aber nicht. Eine Zeitlang glaubte ich, Sie würden jenen Oesterreicher heiraten, und damit war ich gar nicht einverstanden, denn ich hatte in Wien einiges über ihn gehört. Und dann las ich von Ihrer Verlobung mit anderen – verschiedenen anderen, von denen ich einige für Ihrer würdig hielt, andere nicht. Einmal dachte ich sogar daran, deswegen an Sie zu schreiben, und einmal sah ich Sie in Paris. Sie fuhren in einem Wagen an mir vorüber. Der Herr, der bei mir war, sagte mir, Sie seien es, und ich wollte Ihnen in einer Droschke folgen, aber er nannte mir ein Hotel als Ihr Absteigequartier, und deshalb ließ ich Sie weiterfahren. Sie waren jedoch nicht in dem Gasthof und auch in keinem anderen, – wenigstens konnte ich Sie nicht ermitteln.«

»Was würden Sie denn sonst gethan haben?« fragte Miß Langham. »Aber lassen Sie nur,« unterbrach sie sich selbst, »und fahren Sie lieber fort.«

»Das ist alles,« antwortete Clay lächelnd, »das ist alles – wenigstens alles, was Sie betrifft. Das ist der Roman dieses armen jungen Mannes.«

»Aber nicht der einzige,« erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.

»Vielleicht nicht,« entgegnete Clay, »aber der einzige, der zählt. Ich wußte stets, daß ich Ihnen eines Tages begegnen würde, und nun habe ich Sie wirklich kennen gelernt.«

»Ja, nun haben Sie mich kennen gelernt,« sagte Miß Langham, indem sie ihn belustigt ansah. »Thut Ihnen das leid?«

»Nein,« antwortete Clay, aber so zögernd und so nachdenklich, daß Miß Langham lachte und ihren Kopf etwas in den Nacken warf. »Daß ich Sie kennen gelernt habe, thut mir nicht leid, wohl aber, daß ich Sie in einer solchen Umgebung getroffen habe.«

»Was haben Sie denn an meiner Umgebung auszusetzen?«

»Ja, sehen Sie, diese Leute sind so oberflächlich, so unbedeutend,« antwortete Clay. »Sie, verehrtes Fräulein, passen nicht hierher. Es muß doch etwas Besseres geben, als dies, und Sie werden mich auch niemals überzeugen, daß diese Umgebung Ihre freie Wahl sei und Ihrem Geschmack entspreche. In Europa könnten Sie einen Salon haben und Staatsmänner beeinflussen, aber Sie könnten doch gewiß auch hier etwas anderes finden – etwas Besseres – als Golfkellen und gesalzene Mandeln.«

»Was wissen Sie denn von mir?« fragte Miß Langham ruhig. »Nur, was Sie in unverschämten Zeitungen gelesen haben. Woher wissen Sie denn, daß ich zu einem anderen Dasein tauge, als zu diesem? Sie haben doch heute abend zum erstenmal im Leben mit mir gesprochen.«

»Das hat gar nichts damit zu thun,« versetzte Clay rasch. »Die Welt ist für gewöhnliche Leute gemacht, aber wenn sich Menschen begegnen, die etwas bedeuten, so brauchen sie nicht Monate dazu, um herauszufinden, was in ihnen steckt. Nur die Zweifelhaften müssen immer wieder und wieder geprüft werden. Als ich als kleiner Junge in den Diamantgruben von Kimberley war, habe ich gesehen, wie Sachverständige tadellose Diamanten auf den ersten Blick und ohne sich im geringsten zu besinnen, aus einem Haufen Erde herausfanden. Die geringwertigen Steine waren es, die ihnen die meiste Zeit kosteten. – Also wirklich angenommen, daß ich Sie heute abend zum erstenmal gesehen habe, angenommen, daß ich Sie nie wiedersehen werde, was sehr möglich ist, da ich morgen nach Südamerika segle – was kommt darauf an? Ich weiß ebenso gut, was Sie sind, als wenn ich seit Jahren mit Ihnen verkehrt hätte.«

Einen Augenblick sah ihn Miß Langham schweigend an. Ihre Schönheit war so groß, daß sie sich Zeit lassen konnte, denn sie brauchte sich keine Sorge zu machen, daß jemand das Interesse für sie rasch verliere.

»Sie kommen aus dem Westen und kennen mich so genau, daß Sie mir zu sagen im stande sind, ich würfe mich hier weg?« fragte sie. »Ist das alles?«

»Ja, das ist alles,« antwortete Clay. »Sie wissen übrigens sehr wohl, was ich Ihnen gern sagen möchte,« schloß er, indem er sie scharf ansah.

»Ich glaube, es würde mir besser gefallen, wenn Sie mir etwas anderes sagten,« entgegnete sie. »Es wäre leichter zu glauben.«

»Sie müssen glauben, was ich Ihnen auch sagen mag,« erwiderte er lächelnd.

Das junge Mädchen preßte die in ihrem Schoße liegenden Hände zusammen und schaute mit einem forschenden Blicke zu ihm auf. Doch nun entstand eine Bewegung und man fing an, sich zu verabschieden, und das rief Miß Langham jäh in die Gegenwart zurück.

»Es thut mir leid, daß Sie fortgehen,« sagte sie. »Unser Zusammentreffen war so eigentümlich. Sie tauchen plötzlich aus der Wildnis auf, zwingen mich zum Nachdenken und beunruhigen mich mit Fragen über mich selbst, und dann stehlen Sie sich wieder fort, ohne so lange zu bleiben, daß Sie mir helfen könnten, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ist das recht?«

Bei diesen Worten erhob sie sich und reichte ihm die Hand, die er ergriff und einen Augenblick festhielt, während sie einander ansahen.

»Ich werde wiederkommen,« sagte er, »und dann werde ich sehen, daß Sie die Antworten selbst und ohne fremde Hilfe gefunden haben.«

»Leben Sie wohl,« antwortete sie in so leisem Tone, daß die Umstehenden sie nicht hören konnten. »Sie haben mich freilich nicht darum gebeten, aber – ich werde Ihnen doch wohl erlauben, das Bild zu behalten.«

»Danke Ihnen,«, versetzte Clay lächelnd, »das war auch meine Absicht.«

»Sie können es behalten,« sagte sie, indem sie sich noch einmal nach ihm umwandte, »denn es ist nicht mein Bild; es ist das eines jungen Mädchens, das vor vier Jahren zu existieren aufgehört hat und das Sie nie getroffen haben. Gute Nacht!« –

Mr. Langham und seine jüngere Tochter Hope waren im Theater gewesen. Das gegebene Stück hatte Miß Hope entzückt, und das war alles, was ihr Vater verlangte, denn er hörte sie gern lachen. Mr. Langham war der Sklave seines eigenen Glücks. Seinem Instinkt und seiner Erziehung nach war er ein Mann, der den ruhigen Genuß der Schätze unserer Bildung allem anderen vorgezogen haben würde, allein der Reichtum, den er geerbt hatte, war wie ein ausgelassenes Kind, das ständiger Beaufsichtigung bedarf. Das hatte ihn zu einem Geschäftsmanne gemacht, der zu nichts anderem Zeit hatte.

Als Alice Langham von Mrs. Porter zurückkehrte, fand sie ihren Vater in seinem Arbeitszimmer mit einem Spiel Patience beschäftigt, während Hope mit auf den Tisch aufgestützten Ellbogen auf einem Stuhle an seiner Seite kniete. Mr. Langham hatte in der letzten Zeit viel an Schlaflosigkeit gelitten, und so kam es häufig vor, daß ihn Alice, wenn sie von einem Balle zurückkehrte, einen Roman lesend oder Patience spielend in seinem Zimmer fand, während Hope, die sich aus ihrem Bett heruntergeschlichen hatte, ihm, vor dem Feuer schlummernd, schweigend Gesellschaft leistete. Der Vater und seine jüngere Tochter hatten sich immer sehr nahe gestanden, ganz besonders seit seine Frau gestorben war und sein Sohn und Erbe die Universität bezogen hatte. Dieses vierte Glied der Familie war ein starkes Band der Liebe und des Interesses zwischen ihnen beiden, und seine Siege und Streiche in Yale waren die Hauptgegenstände ihrer Unterhaltung. Die Direktoren einer großen Eisenbahn im Westen erzählten, sie seien, als sie nach New York gekommen waren, um Fragen von der größten Wichtigkeit mit Mr. Langham zu besprechen, eines Abends in sein Zimmer geführt worden und hätten dort den Vorsitzenden des Verwaltungsrates und seine Tochter Hope getroffen, wie sie auf dem Billard den Verlauf eines Fußballspieles darzustellen suchten. Dieser Anblick hätte die Direktoren auf den schrecklichen Gedanken gebracht, daß der Vorsitzende übergeschnappt sei. Nachdem sie indessen eine halbe Stunde auf den hohen Stühlen um das Billard herum gesessen und Hopes Erklärung des Spieles angehört hatten, waren sie zu der Ansicht gelangt, er sei ein sehr kluger Mann, und als sie das Haus verließen, hatte jeder von ihnen bedauert, keinen Sohn zu haben, der würdig wäre, »dieses junge Mädchen« in den fernen Westen heimzuführen.

»Du kommst ja früh,« sagte Mr. Langham, als Alice vor ihm stand und ihre Handschuhe auszog. »Ich meinte, du hättest die Absicht gehabt, noch auf einen anderen Ball zu gehen?«

»Ich war zu müde,« antwortete seine Tochter.

»Na, wenn ich erst in Gesellschaft gehe,« erklärte Hope, »komme ich nicht schon um Elf nach Hause, aber Alice war immer eine Drückebergerin.«

»Was für ein Ding?« fragte die ältere Schwester.

»Erzähle uns einmal, was es zu essen gegeben hat,« sagte Hope. »Ich weiß recht wohl, daß es sich nicht schickt, danach zu fragen,« fügte sie hastig hinzu, »aber ich höre es doch gern.«

»Ich erinnere mich an nichts mehr,« antwortete Miß Langham, indem sie ihrem Vater zulächelte, »außer, daß er sehr sonnenverbrannt war und ganz verblüffende Augen hatte.«

»O, natürlich,« stimmte Hope zu. »Damit willst du sagen, daß du während des ganzen Essens nur mit einem Herrn gesprochen hast. Nun, ich meine, alles hat seine Zeit.«

»Kennst du viele Ingenieure, Vater?« unterbrach sie Miß Langham. »Ich meine, kommst du durch die Eisenbahnen und Bergwerke, wobei du beteiligt bist, viel mit solchen in Berührung? Ich interessiere mich nämlich ein wenig für diese Zunft,« sagte sie leichthin. »Sind wohl sehr romantische Herren?«

»Ingenieure? Natürlich,« antwortete Mr. Langham zerstreut, während er die Schippen-Zehn zaudernd in der Hand wog. »Manchmal müssen wir uns ganz allein auf sie verlassen. Nach dem, was uns die sachverständigen Ingenieure sagen, entscheiden wir uns, ob wir uns auf eine Unternehmung einlassen wollen oder nicht.«

»O, ich habe nicht die großen Tiere der Zunft im Auge,« sagte seine Tochter in zweifelhaftem Tone, »ich meine die, die die groben Arbeiten machen – die Leute, die die Bergwerke graben und die Eisenbahnen bauen. Kennst du welche von denen?«

»Den einen oder anderen,« erwiderte Mr. Langham, indem er sich zurücklehnte und die Karten zu einem neuen Spiele mischte. »Warum?«

»Hast du jemals von einem gewissen Mr. Robert Clay gehört?«

Mr. Langham lächelte, während er die Karten in geraden Reihen auf den Tisch legte.

»Sehr häufig,« antwortete er. »Er segelt morgen nach Südamerika, um die größten Eisenlager, die es dort gibt, zu erschließen, und zwar geht er im Auftrage der Bergwerksgesellschaft Valencia. Valencia ist die Hauptstadt einer der kleinen Republiken da unten.«

»Bist du – hast du etwas mit dieser Gesellschaft zu thun?« fragte Miß Langham, indem sie sich vors Feuer setzte und ihre Hände darüber hielt. »Weiß Mr. Clay, daß du etwas damit zu thun hast?«

»Ja – ich habe etwas mit der Geschichte zu schaffen,« erwiderte Mr. Langham, die vor ihm liegenden Karten aufmerksam betrachtend, »aber ich glaube nicht, daß Mr. Clay das weiß, – niemand weiß etwas davon mit Ausnahme des Präsidenten und der anderen Beamten.« Bei diesen Worten hob er eine Karte auf, um sie gleich darauf unentschlossen wieder hinzulegen. »In der Geschäftswelt glaubt man, es sei eine Gesellschaft, aber in Wahrheit befinden sich sämtliche Aktien in einer Hand. Thatsächlich, meine lieben Kinder,« rief Mr. Langham mit einem zufriedenen Lächeln, als er die Kreuz-Zwei auf die Schippen-Zwei legte, »ist euer geliebter Vater die Bergwerksgesellschaft Valencia.«

»O!« sagte Miß Langham, ruhig ins Feuer sehend.

Hope klopfte sich leise mit dem Rücken ihrer Hand auf den Mund, um zu verbergen, daß sie schläfrig war, und stieß ihren Vater mit dem Ellbogen in die Seite.

»Du hättest die Zwei nicht dorthin legen sollen,« sagte sie dabei. »Es wäre besser gewesen, wenn du sie aufs As gelegt hättest, um dann darauf weiter zu bauen.«

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