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Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten

Georg Weerth: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
booktitleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten (Sämtliche Werke, 3. Bd.)
authorGeorg Weerth
firstpub1957
year1957
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
titleSkizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten
pages3-475
created20050926
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II
London

Wenn ich mich auf den ersten Eindruck besinne, den London auf mich machte, da weiß ich nur noch, daß es mir nicht anders zumute war, als geriete ich plötzlich in eine Stadt, welche an allen vier Ecken am Brennen ist, in eine Festung, welche vom Strome her beschossen, von den nächsten Höhen mit Bomben begrüßt wird, durch deren Tore die Artillerie, die Reiterei, das Fußvolk des Feindes einrückt, wo die Einwohner alles drangeben, wo jeder rennt und flüchtet, wo der Haufen, der sich gegen Westen drängt, von dem, der aus Osten heranflutet, fast zurückgeworfen wird, wo das Gewühl des südlichen Teiles vor dem des nördlichen zurückprallt, wo sich alles überrollt und überpurzelt, wo keiner mehr von dem andern Notiz nimmt, wo jeder nur an sein eigenes Heil denkt, wo das Rasseln der Wagen, das Traben der Reiter, das Rufen und Schreien der Fußgänger sich bald zu einem solchen Getöse steigert, daß zuletzt niemand mehr seinen eignen Spektakel von dem aller anderen unterscheiden kann, daß zuletzt jeder nur wie besessen weiterrast und erst dann zum Stillstand kommt, wenn an einer Krümmung der Straße das ganze Treiben wie in ein Knäuel zusammengerät und Mann und Weib und Greis und Kind und Pferde und Hunde und Wagen und Karren im Aneinanderprallen sich gegenseitig zu zerschmettern drohen.

Der erste Anblick dieses Londoner Straßenverkehrs hat etwas Erschreckendes, Betäubendes; man machte sich die größesten Vorstellungen, aber man findet sie übertreffen, man steht wie versteinert, man reißt den Mund auf, man meint, man wäre närrisch geworden, man glaubt nicht anders, als daß jeden Augenblick alle Häuser und Kirchen und Paläste und Säulen und Parks, daß alles und jedes seinen bisherigen Platz verlassen müsse, um sich, von der allgemeinen Flucht fortgerissen, mit hinein in diesen Strudel zu stürzen, mit zu rennen, zu stoßen, zu treten, zu schreien, zu stöhnen, zu zerschmettern, zu zermalmen.

Ist der erste Eindruck vorüber, da bemerkt man indes, wie wiederum in dieser scheinbaren Verwirrung nur die herrlichste Ordnung waltet; wie die Wagen, welche die Straße hinabfahren, sich streng an die eine Seite halten, wie die, welche hinaufeilen, sich fortwährend der andern bemächtigen, wie nie ein Rad über das Trottoir rasselt, wo die Fußgänger ebenfalls in zwei Strömen aneinander vorübersausen, um einem jeden Raum zu lassen, seinem Vordermanne zu folgen, und wo nur der über den Haufen gerannt wird, der sich dem Normalschritt widersetzt, der ein anderes Tempo in seinen Beinen entwickelt und sich dagegen sträubt, daß die Bewegung der ganzen Masse über einen Kamm geschoren wird.

Gegen 9 oder ½10 Uhr morgens und um 5 oder 6 Uhr nachmittags, wo das Geschäft in der City beginnt und geschlossen wird, erreicht das Treiben in jenem Stadtteil gewöhnlich seinen Gipfel. Ich habe mir erzählen lassen, daß man in den meisten Handlungshäusern den jungen Arbeitern eine Extravergütung gibt, wenn sie sich morgens zu einer festgesetzten Zeit pünktlich einfinden. Diese Leute wohnen nun meistens ziemlich weit von ihren Comptoiren und Magazinen, und es ist wohl nur diese bevorstehende Gratifikation, welche einem oft vor Beginn des Geschäftes eine Schar spindeldürrer Gesellen so schnell über das Trottoir huschen läßt, daß man nicht anders meint, als daß sie sich die Beine eines Derbyrenners am Leibe befestigt hätten – denn wie Gespenster kommen und verschwinden sie; man sieht nicht ihre Hände, ihre Gesichter, man sieht nur, wie ihnen die Hüte auf den Köpfen wackeln, wie ihnen die Haare hinter die Ohren fliegen, wie ihnen die Zipfel des schwarzen Frackrocks, gleich zwei zackigen Schwalbenflügeln, um die winddünnen Lenden flattern.

Der ernste Handelsherr, den Paletot auf dem Arm, den Regenschirm in der Faust, der aus seiner Villa hinüber nach der Stadt eilt und unterwegs alles an seiner Seele vorübergehen läßt, was ihn den Tag über beschäftigen soll – der rotwangige Pächter, dem das Herz vor Freude springen will, daß er nach langer Zeit einmal wieder das Pflaster seiner gefeierten Metropole mit den großen Nägelschuhen schlagen darf – der Soldat, der nach dem Hafen stürzt, um sich in alle Welt zu begeben – der Matrose, der aus dem Schiffe kriecht, um auf bloßen Füßen den Ort aller Wunder zu durchwandern – der Omnibustreiber, der dich durch tausendmaliges Winken mit der Peitsche zum Besteigen seines Wagens einladet – der zerlumpte Kerl, der mit einem Annoncenschild vor der Brust und mit einem auf dem Hintern an dir vorübertanzt, um dich wissen zu lassen, wo du die besten Austern und die billigsten Würste kaufen kannst – der Beamte, der wie besessen aus dem Hause rennt, um zur rechten Zeit auf seinem Bureau erscheinen zu können – der Mohrenjunge, der dir ein gedrucktes Gebet verkaufen will und aufs täuschendste nachzuahmen sucht, wie man vor Kälte zittern kann – der Polizeidiener, der einen armen Sünder mit Stößen und Püffen durch die Gassen schleift – der Totengräber, der seine Leichen im gestreckten Galopp nach dem Kirchhof kutschiert – der Fleischerjunge, der hoch zu Roß mit seinem gefüllten Korbe einhersprengt – der Hausknecht, der eine Schildkröte spazierenführt, auf deren Rücken geschrieben steht, wann und in welchem Gasthause sie nächstens geschlachtet wird – Weiber und Kinder, die vor Hunger sterben wollen und dich um ein Almosen bitten – ein Mensch, der dir Brillen und Bleistifte anbietet und dir bei der Gelegenheit das Sacktuch aus der Tasche zieht – Straßenjungen, die deinen Hund fangen und ihn schnell wie der Blitz in die nächste Seitenstraße transportieren – der Lord, der in geschlossener Karosse an dir vorüberdonnert – der Postkutscher, der hoch vom Bock seine vier Rosse so zierlich und sicher lenkt und sie so gewandt durch das Labyrinth seiner Umgebung treibt, als führe er allein auf breitem Wege: alles stürzt und rennt und lacht und weint und brummt und flucht und betet und boxt sich in ein und derselben Minute an dir vorüber und reißt dich fort und stößt dich vorwärts, daß du endlich ganz mit im Zuge bist und mitläufst, als hättest du auch die wichtigsten Sachen zu besorgen, als hinge das Heil der Welt von deinem Laufen ab, und nicht früher merkst du, daß du halb verrückt geworden bist, als wenn dir die Beine den Dienst versagen, als wenn du erschöpft an die Wand eines Hauses sinkst, um dir den Angstschweiß von der Stirne zu trocknen.

Noch unheimlicher, noch wunderbarer erscheint indes dieser ganze Spektakel, wenn man ihn auf der Höhe einer Brücke, wenn man ihn namentlich auf der London Bridge erlebt, wo man nicht nur rechts und links und vor und hinter sich von allem jenem Lärm umtost wird, sondern wo auch noch unter den Füßen, unter den Bögen der Brücke, auf den Wellen der Themse ein Schauspiel vor sich geht, was allein schon hinreichend ist, um deine Aufmerksamkeit für ganze Tage zu fesseln. Denn in ganzen Scharen brausen Segel- und Dampfboote dort durcheinander; in dem Augenblick, wo ein Dampfer die Brücke durchfährt, da neigt sich der schwarze Schlot, als würde er am Fuße plötzlich abgehauen, und rasch fährt er wieder empor, sobald das Vorderteil des Bootes an der entgegengesetzten Seite zum Vorschein kommt. Das Musizieren und Schreien der Passagiere dort unten klingt zusammen mit dem Geräusche, was um dich vorgeht, und fast vergißt du, daß du nur die Augen über deine nächste Umgebung hinwegzuheben hast, um dich des großartigsten Anblicks zu erfreuen, den du in ganz London finden kannst, um die riesige Stadt zu sehen, wie sie herauf und hinunter mit ihren Palästen bis in die Fluten des Stromes reicht, wie amphitheatralisch Dächer, Säulen und Kuppeln sich übereinandertürmen, wie die Segel der Schiffe, die Flaggen unzähliger Maste dazwischen durchschimmern und wie sich endlich das ganze grandiose Gemälde im blauen Dufte der Ferne, gleich einer untergehenden Märchenwelt, vor deinen Blicken verliert.

Aber wie einsam fühlte sich meine Seele in diesem Gewirr!

Als ich am ersten Tage meine Wanderung durch London antrat, als ich mich aufs Geratewohl in das dichteste Gedränge stürzte, als ich, den ersten Heißhunger der Neugierde zu stillen, in einem Stück von der City vorüber an St. Paul durch Temple Bar bis nach der Westminsterabtei rannte, als ich endlich erschöpft, ermüdet an der Bildsäule Cannings niedersank und mich auf den Marmorfuß der Statue setzte, um die Stirn zu reiben, um mich zu fragen, was ich denn eigentlich gesehen und was denn eigentlich dieser ganze Lärm bedeute – und als ich vergebens nach einer Antwort suchte und nur fühlte, daß ich traurig war wie ein alter Jude an den Wassern zu Babylon, da wünschte ich mir Flügel, um rasch wie der Blitz in die entfernteste, stillste Wüste zu fliegen, wo etwa nur eine Palme im Abendwinde wehte und ein großer, schöner Vogel mit prächtigen, ausgebreiteten Schwingen langsam über die Fläche schwebte.

Denn entweder mußt du einer jener ernsten Handelsherren sein, der sich in einer glücklichen Operation nicht irremachen ließe, und wenn auch ein Weltteil vor seinen Augen zusammenbräche, oder einer jener Börsenhelden, der dir das schwierigste Exempel im Kopfe ausrechnen würde, wenn man ihm selbst hundert Kanonen vor der Nase losschösse, wenn du als Neuling, als Fremdling in der ersten halben Stunde in dem Lärm einer Londoner Gasse deine fünf Sinne beieinanderbehalten willst, wenn du nicht für die erste Zeit durchaus darauf verzichten sollst, dir auch nur über das Gewöhnlichste deiner neuen Umgebung Rechenschaft abzulegen.

Ich weiß nicht, ob es andern auch so ging – genug, ich war verdrießlich, ich war traurig, ich war total niedergeschlagen, als ich meinen ersten Ausflug vollendet hatte, und gern warf ich mich in den ersten Omnibus, der mich nach einer halbstündigen Fahrt zurück in mein Hotel brachte.

Es war Abend geworden; der Nebel wogte über die Themse, und unsicher flimmerten die Lichter am andern Ufer des Stromes; noch eine kleine Weile, und es war Nacht.

Ich wohnte in einem Hotel in Norfolk Street, einer Seitenstraße am Strand. Das ganze Haus war so still, daß man eine Nadel hätte fallen hören können. Die großen, schweren Vorhänge bedeckten die Fenster des düstern Gemachs. Nur das lustige Feuer im Kamin und die Kerzen eines gewaltigen silbernen Armleuchters warfen ihr zitterndes Licht auf die Blumen des Teppichs, auf die Ölgemälde der Wände und auf die riesigen Sessel, welche im Kreise um den Kamin standen. Ein englisches Gemach, mit seinem Kamin, mit seinem Teppich, mit seinen soliden, bequemen Möbeln, mit seiner düster einfachen, aber geschmackvollen Einrichtung, hat einen eigentümlichen Reiz.

Ein uralter Kellner, mit schneeweißem Haar, in sauberer Wäsche, in schwarzem Frack, mit seidenen Beinkleidern, trat so leise herein, daß ich ihn kaum bemerkte, und setzte, ohne ein Wort zu sprechen, das Teegeschirr so vorsichtig auf den runden Tisch, als hätte er gefürchtet, auch nur durch das Zusammenstoßen zweier Tassen oder Teller die tiefe Stille des weiten Zimmers zu stören.

Ich sah mich unwillkürlich nach ihm um; aber der alte Mann schien gar nicht daran zu denken, daß ich im Zimmer war; er trippelte lautlos hin und her über den Teppich; Stückchen für Stückchen brachte er seine Geschichten herbei und stellte die Teekanne, die Zuckerdose, die Tasse, die Teller mit Brot und Eiern und Fleisch und Käse, kurz, alles in so symmetrischer Weise auf den Tisch, daß ich fast laut darüber gelacht hätte. Ich hatte mir aber vorgenommen, kein Glied zu rühren, ich ließ den Alten ruhig gewähren und dachte schon, er würde mich ebenso still verlassen, wie er schweigend hereintrat: als er plötzlich mit der feierlichsten Bewegung sein silberhaariges Haupt erhob und, jetzt mit der einen Hand die geöffnete Kanne, dann mit der andern die grüne Teebüchse ergreifend, einen Schritt näher trat und mich mit einer höchst ausdrucksvollen Miene zu fragen schien, ob ich selbst den Tee machen wolle oder nicht.

Die unendliche Ruhe, die vollkommene Würde und die hohe Grazie, welche der alte Knabe bei diesem kleinen Actus zum besten gab, entzückte mich mehr als sein vortrefflicher Tee.

Wir hatten schon am Morgen versucht, einige Worte miteinander zu sprechen. Das gelang aber sehr schlecht. Mein alter Kellner schien daher hintereinander anzunehmen, daß wir uns am besten durch stumme Zeichen verständigen könnten.

Kein Wort kam mehr über seine Lippen, und er behandelte mich hinfort in so komisch väterlicher Manier, als wenn ich ein kleines hilfloses Kind gewesen wäre, und er machte auch wirklich bald durch seine unermüdliche Sorge jedes Fragen und Befehlen überflüssig.

Ich habe später die englischen Dienstboten recht häufig beobachtet und mußte mich immer darüber freuen, wie auch bei diesen Leuten, die das Schicksal zu einer der traurigsten Stellungen in der Gesellschaft verurteilt, die am allermeisten der Gefahr ausgesetzt sind, jedes Selbständige zu verlieren, wie auch bei diesen Leuten noch jener Zug großbritannischer Würde vorherrscht, der das ganze Volk bis in die untersten Klassen durchweht und es unwillkürlich freier, bewußter und zu jeder weitern Entwicklung fähiger macht, als man dem ersten Anschein nach denken sollte.

An jenem Abende amüsierte mich einstweilen nur die vollkommene Harmonie meiner ganzen Umgebung: die Totenstille des Hauses, das halberleuchtete feierliche Gemach und der uralte Kellner – es paßte alles so prächtig zueinander; es war ein wohltuender Kontrast nach dem stürmischen Tage, den ich auf der Gasse verlebt hatte; und als das Feuer im Kamin immer lustiger aufflammte und die Ruhe den letzten Schwindel überwunden hatte, da fing die Vernunft auch wieder an zu sprechen und Hoffnung wieder an zu blühn, und gern ließ ich jetzt das Erlebte noch einmal an meiner Seele vorübergehen.

Es bedarf wirklich nicht vielen Nachdenkens, um aus dem Betäubenden des Londoner Lebens etwas Belehrendes zu machen.

Eine Welt umschließt diese zweiunddreißig Meilen im Umfange große Stadt, und du hast nur die Augen zu öffnen, um das Leben unsres Jahrhunderts in seiner ganzen Breite, in seiner vollen Entwicklung, in seinen schrecklichsten Kontrasten vor dir zu sehen.

Der Handel, der seine Unternehmungen ausdehnt bis in die fernsten Zonen, bis in das Herz der kolossalsten Kontinente, bis zu den letzten Inseln des Ozeans – hier hat er seine Schätze aufgetürmt! Die Industrie, die mit ihren Riesenarmen in kurzer Zeit tausend neue Verhältnisse geschaffen hat und die in Zukunft noch die ganze Gestalt der Erdoberfläche zu ändern droht – hier hat sie all ihre »Wunder zusammengetragen! Die Schiffahrt, die ihre Fregatten aussendet, um China zu erobern, die ihre Flaggen drohend an den Küsten der argentinischen Republiken flattern läßt und die ihren »Erebus« und ihren »Terror« in das Eis des Poles schickt, um immer aufs neue eine nordwestliche Durchfahrt zu versuchen – hier läßt sie ihre schönsten Flotten rasten! Hier läßt die Politik, sei es in den Räumen des Parlamentgebäudes oder in jener Taverne am Strand, wo der Arbeiter seine Meetings hält, hier läßt das Vaterland seine kühnsten Leute die klügsten Reden halten und die größesten Taten tun.

Hier ist der Ort, wo das Talent eines erfinderischen Geistes Raum und Unterstützung findet, um seine Systeme zu verwirklichen, wo ein einfacher Handelsmann so großartig sein kann, daß er ein ganzes Kauffahrteischiff im vollsten Schmuck der Segel und jeder Einrichtung dazu hergibt, damit ein Kapitän Warner der Welt zeigen könne, wie er in Zeit von einer Minute allein imstande ist, das zu zerstören, das in Fetzen und Splitter auseinanderzuschießen, woran Hunderte, ja Tausende von Menschen monatelang arbeiteten. Hier ist es, wo die Liebe zur Wissenschaft in unermeßlichen Bibliotheken alle Schätze des menschlichen Geistes zusammentrug, wo die Liebe zur Kunst in brechend vollen Museen hier die Meisterwerke eines Raffael und Rubens und dort die Porphyrgräber orientalischer Fürsten und die Marmorbilder der Hellenen nebeneinanderstellte, ja, wo man nicht die Angel vergaß eines Fischers im hohen Norden und nicht den Tomahawk des roten Indianers. Hier ist es, wo du vielleicht an demselben Abend den Lablache und die Persiani singen hörst und wo du dich an einem Konzert der feierlichen Bewohner der Inseln des stillen Meeres erfreust, wo du nur zwei Schritte zu gehen hast, um von den Königen afrikanischer Wüsten, von dem stattlichen Leu und dem gelenkigen Panther, zu der Giraffenherde zu gelangen, die in offenem Garten lustwandelt, oder zu dem zottigen Eisbär, der in der Kühle einer Grotte von seiner sibirischen Heimat träumt – und hier ist es endlich, wo dich die grellsten Kontraste unsrer gesellschaftlichen Zustände angrinsen, wo du zur Mittagszeit im Hydepark alle zehn Schritt auf einen Krösus stößt, während sich vielleicht zu derselben Zeit ein Proletarier in das grüne Gras am Fuße der Statue des Achilles niederlegt, um, vom Hunger tagelang gefoltert, endlich still zu verrecken.

Und ist es nicht natürlich, daß man an einem solchen Orte, daß man in einem solchen Zentrum alles zivilisierten Lebens und auch in einem Zentrum aller Scheußlichkeiten unsrer Zivilisation – den Kopf verliert, wenn man herüber aus dem stillen, melancholischen Deutschland kommt, wenn man plötzlich in der Mitte dieses Treibens steht und eben in dem Lärm der belebtesten Gassen, in jenem Rennen, Flüchten, Beten, Betteln, Fluchen und Verdammen das treuste Bild von dem Kampf und dem Ringen aller Liebe, alles Hasses, alles Eigennutzes, aller Habsucht, aller Größe und aller Verworfenheit, ja, alles dessen hat, was von Norden nach Süden, von Osten nach Westen durch die Herzen der Nationen zittert?

Aber eine Freude ist es, wenn man in der Stille der Nacht, wenn man, wie ich damals in dem ruhigen Hause in Norfolk Street, nur in Gesellschaft des knisternden Feuers und des silberhaarigen, schweigsamen Kellners, einen Augenblick findet, wo das Gewaltige jenes riesigen Schauspiels noch in frischen Farben vor der Seele steht, wo man mit Leichtigkeit jede Erscheinung noch einmal an der Seele vorübergehen lassen kann, wo man Zeit und Fassung hat, den düstern Hintergrund dieser Weltbühne zu entrollen, wo man in raschem Fluge durch die Geschichte der Vergangenheit dieser rastlosen Nation stürmt, bis man, in der Gegenwart angekommen, alles das zusammennimmt, was man von Englands Handel, von seiner Industrie, seiner Schiffahrt, seiner Politik, seiner Kunst, seiner Literatur weiß, und dann plötzlich versteht, was dieser Lärm der Gassen, der Plätze, der Häfen, der Parks, der Brücken zu bedeuten hat, wenn man plötzlich allen den Tausenden, die einem tags im Freien begegneten, bis in ihre Häuser, bis in ihre Herzen folgen zu können glaubt und im Genuß dieses kolossalen Gesamteindrucks zum ersten Male fühlt, daß man etwas erlebt hat, weil man sich wiegen konnte in des Jahrhunderts brausenden Wogen. Ähnlich war es mir zumute, als ich drei Jahre nach meiner ersten Londoner Tour mit dem ersten Eisenbahnzug, der von der belgischen Grenze nach der Seine fuhr, zuerst meinen Einzug in Paris hielt, als ich in aller Frühe mit meinem Plan in der Hand allein von der Rue de Richelieu ausging, über die Boulevards des Italiens und Capucines, durch die Rue de la Paix, an der Vendôme-Säule vorbei in den Jardin des Tuileries wanderte, um mich vor der Statue des Spartacus zu verneigen, als ich dann über den Carrousel-Platz, durch den Louvre, am Hotel de Ville vorüber und über den Pont d'Arcole nach der Notre-Dame und weiter nach dem Panthéon schritt, um durch den Jardin du Luxembourg und durch den Dom der Invaliden, über das Champ de Mars zuletzt, nach der schönsten Wanderung, die ich in meinem Leben machte, gegen Abend unverhofft in die Elysäischen Felder zu geraten!

Wie nach meiner ersten Wanderung durch die City und durch Westminster war ich auch damals in Paris todmüde und konnte kaum mehr den Fuß in die Höhe heben; als ich aber auf der Place de la Concorde stand, als die Springbrunnen rings um mich plätscherten, als aus den Vertiefungen der Seiten der Duft von tausend Orangenblüten aufstieg, als die Hieroglyphen des Obelisks von Luxor im Abendgolde brannten und sich der Blick rechts in dem Lindengrün des Tuilerien-Gartens, links in der Weite der Elysäischen Felder und in dem Duft verlor, der geisterhaft über die Höhe des Arc de Triomphe wogte, und als sich dann der Abendwind aufmachte und das Tönen der Musik in entfernten Gärten mit leis verhallenden Klängen zu mir herübertrug, als ich jene reizenden Franzosen und Französinnen in ihrer ganzen Grazie, mit ihrer ganzen Lebendigkeit in buntem Strome an mir vorüberziehen sah und die sinkende Sonne ihren herrlichsten Purpur, ihre flammendsten Rosenlichter auf die »Wipfel der Bäume, auf die Perlen des Springbrunnens, auf das Blau der Wolken und auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt warf, als die ganze Natur wie im Bewußtsein ihrer Schönheit noch einmal im Rausche der Liebe und der Wollust emporzujauchzen schien – nun, da war die Müdigkeit vorbei, mein Herz klopfte, ich hätte jedem Mädchen, das an mir vorüberging, um den Hals fallen mögen, ich hätte Barrikaden aufwerfen können, ich hätte auch schießen und schlagen mögen, ich hätte mit Freuden mein Blut für eine Revolution hingegeben, ich hätte alles reden und alles tun können – es tat mir leid, daß ich kein Franzose war.

An zwei Orten mußt du in deinem Leben gewesen sein; du mußt an Cheapside in London und du mußt auf der Place de la Concorde in Paris gestanden haben, sonst hast du noch wenig gesehen, und wärst du auch von den Türken bis zu den Samojeden gereist. Wie dich auf den Gassen in London jener fürchterliche Ernst des Lebens umtost, der den Briten zu jener kolossalen Größe führte, in der er eisenarmig die ganze Erde umfaßt, ebenso weht dich im Herzen der Seine-Stadt jenes Feuer, jene Begeisterung an, die den Franzosen vielleicht noch größer als den Briten macht, die ihn in jenen Tagen leitete, als er siegend die Welt durchzog, und die ihn noch immer dahin bringt, eine große Idee auszusprechen und zu verwirklichen, wenn die Völker der Erde ihrer bedürfen.

Am nächsten Morgen sollte mein erster Gang in die Westminsterabtei sein; ich wollte an die Gräber meiner alten Bekannten, meiner Shakespeareschen Könige treten, lasterhafte und grausame Kerle mitunter und wahrhaftig nicht wert, daß man heute noch an sie denkt. Aber das erste englische Buch, was ich las, das war der Shakespeare, und das erste, was ich von englischer Geschichte erfuhr, das war aus dem Shakespeare, und der King John und King Richard the Second und King Henry the Fourth und the Fifth, sie sind mir lieb geworden, und ich weiß nicht, es wäre mir fast angenehmer gewesen, wenn ich dem lustigen Prinz Heinz auf der Straße begegnet wäre als meinem erlauchten Landsmanne, dem Prinzen Albertus.

Leider stieg ich aber an jenem Morgen in den verkehrten Wagen und befand mich nach einer Stunde in einem ganz anderen Stadtteile. – Etwas ängstlich, mich gleich von vornherein zu verlaufen, blickte ich an den Häusern herum und suchte den Namen der Straße.

»Eastcheap« las ich an der nächsten Ecke und wäre fast vor Freude in die Höhe gesprungen. Du bist auf romantischem Boden! Du stehst an einem Orte, der nicht weniger berühmt ist als das Marmorpflaster der alten Abtei; und die zehn Akte des vierten Heinrich gingen mir plötzlich so klar an der Seele vorüber, daß nicht viel fehlte und ich hätte den ersten, besten Gentleman gefragt, wo die Frau Hurtig wohne. Jeden Augenblick meinte ich auch, gleich müßte mir Bardolph mit seiner flammenden Nase begegnen oder er, der unvergleichliche Sir Johann Falstaff, an der nächsten Haustür stehn, einen Becher Sekt in der Hand und – alles Täuschung, nichts als Täuschung! Wo das lustige Alt-England seine Späße getrieben hatte, herrschte jetzt der feierlichste Ernst; mit finstern Gesichtern drängten sich die Kaufherren durch die Straßen, im schwarzen Frack, mit weißen Handschuhen und mit sehr prosaischen Hüten auf den Köpfen; drüben stand ein prächtiges Haus, das Dach von Säulen getragen, dort mußte ein reicher Lord wohnen, der Künstler und Dichter in seinem Palast um sich sammelte! Neugierig schlich ich an die Türe und blickte hinein: »Auktionen von Kaffee und Lumpenzucker« war angeschlagen und »Hier sind die Comptoire von – – –«, und dann folgten ein Vierzig Namen von gewiß sehr achtungswerten Handlungshäusern. – So ändert sich alles in der Welt; wo Sodom und Gomorrha stand, da steht jetzt das Tote Meer, und wo sich Dortchen Lakenreißer ihres Lebens freute, da sitzt der Herr Fridolin Bach und spekuliert in Baumwolle und Indigo!

Die Sündflut geschäftiger Kommis und Makler, die gar kein Mitleid mit meinen stillen Betrachtungen zu haben schienen, riß mich endlich fort und schleuderte mich einige Straßen weiter, bis ich endlich an einem tiefen Graben stillhielt, an dessen anderer Seite ein Wust von kleinen, arm aussehenden Häusern lag, in deren Mitte sich ein schloßähnliches Gebäude erhob.

Es war der Tower. Der Brand im Jahre 1841 hat mehr im Innern gewütet, und was von äußern Gebäuden einstürzte, wurde so gut wieder hergestellt, daß wenig Unterschied zwischen der frühern und der jetzigen Gestalt sein soll. Trotzdem, daß das alte Gemäuer keineswegs jenen ehrwürdigen Anstrich hat, der z. B. unsre rheinischen Altertümer so anziehend macht, und auch die in ihren feuerroten Röcken und hohen Bärenmützen auf den Wällen stehenden Soldaten Ihrer Majestät nur zu deutlich an die jetzige Zeit erinnerten, so ergriff mich doch bei dem Gedanken an die Masse von Begebenheiten, welche ihre blutigen Spuren auf Hof und Zinne zurückließen, eine tiefe Wehmut, ein Gefühl, wie es das Herz beschleicht, wenn man am Grabe eines Unglücklichen steht.

Wie manche Träne, wie mancher Seufzer, welche Leiden umschlossen diese verwitterten Steine! Zu einem riesigen Schafott türmten sie sich übereinander, und wenn der dichte Nebel von der nahen Themse herüberweht und sich wie ein dunkler Flor an die Spitzen der kahlen Türme hängt, wem möchte nicht der Gedanke kommen, die gefühllosen Steine trauerten sogar um den Fall so manches Edlen, so vieler Helden!

Ein gutes Frühstück mit Beefsteak und Eiern, mit altem Porter und schottischem Ale ist das beste Mittel, wenn man aller nichtsnutzigen Trauer um das Vergangene los sein will. Ich sah dies schon in meinen jüngsten Jahren ein und wandte mich den heiteren Schenken der Gegenwart zu.

Wir Deutschen sind aber einmal von Haus aus etwas sentimental; da wir selbst nichts Großes mehr tun, so suchen wir nur die Orte auf, wo früher etwas Großes oder Schreckliches passiert ist; wir sind Kinder; wir lieben Ritter- und Gespenstergeschichten und nisten nur gar zu lange mit unsrer jugendlichen Phantasie in dem Staube unsrer vaterländischen Märchen und Legenden. Der Herr Fridolin Bach war viel gescheiter; er spekulierte schon in seinem zwanzigsten Jahre in Baumwolle und Indigo, und deshalb wohnt er auch jetzt in Eastcheap, und seine Unterschrift ist bekannt in der ganzen City. Glücklicher Fridolin Bach! Wir hatten uns für jenen Morgen in einer nahen Taverne ein Rendezvous gegeben. Der gute Mann pries mich glücklich, als ich ihm meine Brieftasche und die darin enthaltenen Empfehlungsschreiben zeigte. Meine deutschen Freunde hatten mich gewiß mit einem ganzen Dutzend versehen. Fridolin versicherte mir, daß ich nur an gute Häuser empfohlen sei und fest darauf rechnen könne, an jedem Ort eine Einladung zum Mittagessen zu erhalten. Ich sah ihn verwundert an, aber er meinte dies in vollem Ernst: »Der Herr X ist einer der Ersten in Mark Lane und hat den ältesten Sherry im Keller; der Herr Y wohnt in Westminster – Sie bekommen ein feines Diner! Der Herr Z sieht freilich viele Deutsche bei sich, aber er fühlt sich immer geschmeichelt.« Fridolin kannte jeden; er schien sich der Reihe nach bei allen durchgefressen zu haben – es wurde mir traurig zumute.

Ich glaube, diese Empfehlungsbriefe »gut für ein Diner« liegen noch heute unter meinen Papieren, und wenn ich dem Herrn von R. einen Gefallen damit erzeigen kann, so stehen sie ihm gern zu Diensten – das Datum der einzelnen Briefe ist ja leicht zu verändern.

Außer den zwölf Empfehlungsbriefen meiner deutschen Freunde führte ich indes auch noch ein ganzes Schock der zierlichsten Episteln mit mir, die ich für eine Schar jugendlicher Töchter Albions aus dem Rheinlande mit herüberschleifte. Die guten Kinder hatten von ihren Lehrern und Vorgesetzten den Auftrag erhalten, sämtliche Briefe offen zu lassen, damit ich an der Grenze nicht in allerlei Verwicklungen geriete; und da man mich als einen höchst verschwiegenen und diskreten Menschen geschildert hatte, so waren die kleinen Frauenzimmer auch alle miteinander in die Falle gegangen.

Es wird mir noch immer schwül zumute, wenn ich an all die zierlichen Adressen denke; da waren Briefe an Vater und Mutter natürlich und an zahlreiche Freundinnen und an Mr. Charles und Mr. Henry, und die letztern hatten einen so verzweifelten Duft in den Falten des schneeweißen Papiers, als röche man auf eine blasse Teerose. »Herr, führe mich nicht in Versuchung!« – Ich übergab meine Schätze der Post und behielt nur einen einzigen zurück, um ihn persönlich zu überbringen.

Er war an einen Direktor der Bank adressiert. Ich hatte mich danach gesehnt, einen alten Londoner Geldfuchs einmal mitten in seinem Tun und Treiben zu überraschen, und verfügte mich daher gerade zur rechten Geschäftszeit in ein prächtiges säulengeschmücktes Lokal, in welchem sich der alte Herr aufhalten sollte. Ich geriet in die Börse, auf die Stock Exchange oder in einen Auktionssaal – ich weiß selbst nicht mehr, was es war, die neue Royal Exchange war damals noch nicht vollendet –, genug, ich traf meinen Direktor, als er gerade von wenigstens zweihundert schreienden und kreischenden Menschen umringt war, diesem etwas ins Ohr raunend, jenem einen bedeutsamen Wink zuwerfend, dem dritten wie eine Katze ins Gesicht sprudelnd usw., je nachdem sich das Geschäft drehte und wendete.

Da drängte sich der Portier, dem ich den Brief der freundlichen blondlockigen Tochter zum Überbringen eingehändigt hatte, in die Mitte des Kreises. Er hatte viele Mühe, so weit vorwärts zu dringen, denn einige Beefsteakkolosse waren dergestalt mit Armen und Lenden ineinandergekeilt, daß es nur den Riesenfäusten meines Boten gelingen konnte, sich Platz zu machen. Endlich gelang es ihm, den Brief über drei Köpfe hinweg bis an Ort und Stelle zu befördern.

Ich hatte mich auf die Stufen einer Treppe gestellt, um sehen zu können, ob sich der alte Herr in seinem Treiben irremachen lassen würde. Ich muß noch darüber lachen, wenn ich an jenen Augenblick denke. Der kleine eifrige Mann mit grauem Haar und hellen Falkenaugen, der noch eben Blitz und Feuer sprühte, als es sich darum handelte, ein Geschäft zu machen, der noch in diesem Augenblick von einem ganzen Haufen seiner Handelskollegen umringt war, die sich im eigentlichsten Sinne des Wortes um einige Papierfetzen des alten Direktors zu balgen schienen – er wurde plötzlich still wie ein Kind, er lächelte wie ein Engel, als er den Brief seiner Tochter sah; und jetzt wie ein Herkules die Leute rechts und links beiseite werfend, durchdrang er den Kreis, stürzte dem Portier nach und erkundigte sich, wer den Brief überbracht habe.

Ich entschuldigte mich, so gut es ging, wegen der unpassenden Zeit, die ich für meine Mission gewählt hatte – aber der Brite verzieh alles; der Eifer des Geschäftes und die Freude an dem Brief seiner Tochter machten ihn gleich zittern; er schien alle seine Aktien und Banknoten vergessen zu haben und nur an sein schönes Kind zu denken, an sein schönes Kind, das ich selbst nie gesprochen hatte, das ich ihm aber als das Muster aller Tugend und Anmut zu schildern wagte. Der Herr Direktor war außer sich vor Wonne; die Papierstreifen waren ihm rechts und links in die Seitentaschen des Rockes geschlüpft, und seine Hände machten bald so herzlich kräftige Bekanntschaft mit den meinigen, daß ich ihm seines besseren Selbst wegen auch bald alle Geschäftsraserei, die sich bei einem alten Manne gar erst traurig genug ausnimmt, vergeben mußte. Seine Einladung zum Mittagessen schlug ich aus; am Abend brachte er mich aber in eine Versammlung der Freetraders in Covent Garden.

Ich habe später oft auf das verschiedene Geräusch geachtet, welches auf den einzelnen Börsen der Welt vorgeht. In Antwerpen, wenn die Börse sehr besetzt ist, vernimmt man ein Getöse wie das Summen eines recht geschäftigen Bienenschwarms. In Amsterdam glaubt man eine mürrische Bärenhorde brüllen und brummen zu hören. In London kommt es einem vor, als führe der Orkan in einen Eichenwald, als sausten die Wipfel und als stürzten Riesenstämme in wildem Gepolter übereinander. In Paris ist es manchmal nicht anders, als hörte man sechzigtausend Katzen, Hunde, Panther und Hyänen ihr Konzert anstimmen, man weiß nicht, ist es Schnattern, Brüllen, Heulen, Stöhnen, was da zu den Galerien herauftönt? Erst wenn man hinunterblickt auf die Köpfe jener lärmenden Masse und mit eigenen Augen sieht, daß hier Menschen versammelt sind, die sich wie die wilden Tiere bei ihrem Schacher gebärden, da gibt man den Gedanken auf, daß man wirklich in einer Menagerie ist.

Vor der Londoner Börse steht jetzt die Reiterstatue des Herzogs von Wellington, ein schönes Pferd und ein häßlicher Mann. Wenn man letzterem eine Nachtmütze auf den Kopf setzt, so wird jeder gestehen müssen, daß man einen Porterbrauer vor sich hat, der im Begriff ist, sein Pferd in den Mühlenteich zu reiten. Aber die armen Künstler, sie können ja auch nichts Gutes mehr schaffen, wenn ihr an jedes Fenster ein paar Hosenträger oder einen neuen baumwollenen Strumpf hängt. –

Die Schiffahrt ist die Poesie des Handels. Wenn du in dem Staub und in dem Gedränge der City unterzugehen glaubst, in der City, diesem lebendigen Herzen des Welthandels, dann eile nach den Docks, setze dich auf den Bugspriet eines Ostindienfahrers, laß die Flaggen über deinem Haupte wehn, die Matrosen um dich singen und aus den Kajüten »fremder Vögel Frühlied schallen«, und ein Hauch wird durch deine Seele gehn, frisch wie das Atmen der See.

Ich will gar nicht sagen, daß das Leben und Treiben in den Auktionssälen, auf den Comptoiren und Börsen der City durchaus prosaisch sei – nein, es mag höchst poetisch sein, wenn dir ein Chinese schreibt, daß er geneigt sei, auf die Offerte einer halben Schiffsladung Kalikos einzugehen, oder wenn dir ein unanständiger Bankier in aller Kürze mitteilt: »Da Sie auf mein Letztes nicht geantwortet haben, so sehe ich mich genötigt, den Betrag meiner Forderung mit soundso viel auf Sie zu entnehmen, was Sie sich gehörig notieren wollen, widrigenfalls ich sehr unangenehme Maßregeln gegen Sie ergreifen werde«, oder wenn du ein Geschäft in Aktien gemacht hast, ohne einen Pfennig disponibel zu besitzen, oder wenn es dir gelingt, einen groben Russen übers Ohr zu hauen oder einen Ungläubigen schlimmer zu prellen, als weiland der edle Sancho von den vier Tuchscherern von Segovia, den drei Nadlern vom Potro zu Cordova und von den zwei Nachbarn vom Markte zu Sevilla auf dem Bettuch der Schenke traktiert wurde.

Die feinen Nuancen des Luges und des Truges müssen der Phantasie die angenehmste Beschäftigung geben, und ich begreife nicht, daß man in unsern Schulen den armen Kindern das Lügen noch immer als eine so schwarze, böse Sünde schildert; das ist eine ganz falsche Erziehung!

Wie sollen die armen Kleinen heute in der Welt fortkommen, wenn man sie nicht von vornherein zu Virtuosen in diesem Laster macht, damit sie sich in reiferen Jahren nicht allein wie tapfere Seeräuber mit ihren Konkurrenten herumhauen können, sondern auch, gleich dem ränkevollen, erfindungsreichen Odysseus, siegreich alle Stürme des Lebens zu überstehen wissen?

So hält man noch immer an patriarchalischen Sitten und Gebräuchen fest, an veralteten Lehren und Regeln, welche in dieser Zeit der freien Konkurrenz jeder zeitigen Emanzipation im Wege stehen.

Aber ein alter Schulmeister begreift gar nicht, daß man als ehrlicher Mann vielleicht eines schönen Morgens gezwungen ist, sich an sein großes Schreibpult zu setzen, einen großen Bogen Papier zu nehmen und, die hellen Tränen in den Augen, seinen geehrten und geschätzten Geschäftsfreunden folgende Mitteilung zu machen:

»Mit dem Gefühl des tiefsten Schmerzes, aber mit dem Bewußtsein, daß Sie, geehrte Freunde, meine traurige Lage aufrichtig bedauern werden, mache ich Ihnen hierdurch die Anzeige, daß es mir nicht länger möglich ist, ein Geschäft fortzusetzen, was ich mir schmeicheln darf, seit 25 Jahren mit seltener Umsicht und Ausdauer betrieben zu haben. Unglücksfälle aller Art haben mich erschüttert, und ich lade Sie daher auf Donnerstag, den 24. dieses, zu einer Versammlung in meinem Geschäftslokale ein, wo ich Ihnen beweisen werde, daß mir zwar die Ehre verbietet, länger in bisheriger Weise tätig zu sein, daß indes die Sachen keineswegs schlecht stehn und daß ich hoffen darf, Sie auf den vollen Betrag Ihrer respektiven Forderungen zu bringen. Genehmigen Sie, meine Herren, die hochachtungsvolle Empfehlung Ihres sehr betrübten, aber in Gott den Allmächtigen höflichst ergebenen Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn.«

Ein alter Schulmeister begreift nicht, daß der gute Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn, der in seiner Jugend so oft für eine kleine Lüge geprügelt wurde und unwillkürlich zu einem ehrlichen Manne heranwuchs, jetzt endlich in der Fülle des Mannesalters die schlimmen Früchte seiner allen Fortschritt negierenden Erziehung ernten muß, indem er seine werten Geschäftsfreunde nach jener trüben Versammlung mit dem durchbohrenden Gefühle von 40 Prozent in der Masse wieder nach Hause schickt.

Gebt euern Kindern den Münchhausen zu lesen, statt Zerrenners »Kinderfreund«, und Bosco, den Taschenspieler, statt Rinters filtrierter Bibel, laßt sie addieren und multiplizieren, statt beten lernen, da wird euer Kapital einst Zinsen tun, da werden eure Pfunde reichliche Groschen bringen, und aus euern Kindern wird selten ein Gottfried, Friedrich Jammer sel. Erben Sohn.

In den London Docks, umringt von Ballen und Fässern und Masten und Matrosen und himmlisch hohen Warenhäusern mit Korn und Holz und Rum und funkelndem Portwein, wird es einem ganz ausländisch, spanisch, portugiesisch, amerikanisch zumute. Fünfhundert der gewaltigsten Schiffe kann dieses zwanzig Morgen große Bassin fassen. Ein Handlungshaus, versicherte mir mein Führer, habe in den vorigen Wochen vier Schiffe verloren, expediere aber gerade wieder zehn andere nach China und Brasilien.

Bei so märchenhaftem Reichtum glaubt man zuletzt nicht anders, als daß man ebenfalls ein Krösus sei, und läßt sich die Pfund Sperlinge aus der Tasche schlüpfen, als wären es wirklich nur so viele Zeisige und Spatzen.

Es ist aber komisch, wie hier in den Docks alles volliegt von dem, was das Herz erfreuen, den Magen stärken, die Füße wärmen und die Seele erbauen kann, und wie zehn Minuten weiter die Geschöpfe Gottes auf dem Straßenpflaster verhungern und den Wandrer wie Wölfe und Katzen anfallen, um sich durch das Geschenk eines Pennys wieder für einige Stunden das Leben fristen zu lassen. – Das kommt aber, weil Gott alles weise und gut geordnet hat und die Erde voll seiner Güte ist.

Mein Weg führte mich dann durch den Tunnel unter der Themse her an das andere Ufer des Stromes. Es sah recht freundlich in dem sonderbaren Gange aus, da alles mit Gas erleuchtet war und Harfenmädchen und Geigen eine helltönende Musik machten, auch alte Frauen eine Menge Honigkuchen feilboten und nicht leicht einen Fremden vorübergehen ließen, ohne daß er ein Bild des Baumeister Brunel erstanden hätte. Man ahnte nicht, daß zwölf Fuß über dem Gewölbe des Tunnels die größesten Seeschiffe fahren.

Seit Freiligrath kennt man alle wilden Tiere so genau, daß es eigentlich sehr überflüssig ist, noch einen zoologischen Garten zu besuchen.

Aus dem »Löwenritt« wissen wir, wie sich der gnädige Herr König der Tierwelt auf seiner Giraffe lustig macht; aus dem »Mohrenfürst«, wie die Elefanten das Laub durchrauschen; aus dem Wecker in der Wüste«, wie sich die Mumien in den Pyramiden emporrichten, wenn der Leu seine Bravourarien singt; aus dem Liede »Unter den Palmen«, wie sich Tiger und Leoparden um einen »Blanken« balgen usw., es ist nichts vergessen. – Ach, als Freiligrath noch der Hofpoet des Königs Löwe war, da ging alles gut; aber jetzt ist er liberal geworden, und wie Heine versichert hat, ist unser Poet sogar nach London ausgewandert, weil der Mohrenfürst keine Konstitution geben wollte – traurig, traurig! Aber ich glaube nicht, daß es wahr ist.

In dem Londoner Zoologischen Garten erblickt man aber die Bestien des Jahrhunderts in wohlverschlossenen Käfigen. Unruhig laufen die Tiger und Leoparden auf und ab, und in ihren Blicken kann man deutlich lesen, daß sie mit sich selbst zerfallen und mit Gott und aller Welt unzufrieden sind. Den größten Teil des Tages verbringen sie in dumpfem Trauern; es ist so einem eingeschlossenen Tiger zumute wie einem alten Student, der auf dem Karzer sitzen muß, während schon alle Genossen hinaus in die Ferien gezogen sind. Trübsinnig lehnt er oft an dem Gitter, was ihn von der schönen Außenwelt trennt, und blickt über die Stadtmauer hinweg auf die sonnige Landstraße, wo die guten Bürger so einträchtiglich mit ihren lieben Familien spazierengehen. Mit gleichgültigen Augen folgt er ihren Schritten; wenn sie aber ganz in seine Nähe kommen und das helle Gelächter der guten Leute zu ihm hinaufdringt, da knirscht er doch bisweilen unwillig mit den Zähnen, und »Ihr verdammten Philister!« raunt er in den Bart; er zieht sich von der Öffnung seines Cachots zurück und wandelt in dem Bewußtsein, daß er doch ein ganz anderer Kerl ist als alle die gewöhnlichen Alltagsmenschen dort unten, stolz und vornehm in seinem Gemache auf und ab.

Neben dem Tiger sitzt in einem zweiten Käfige der hochgeborene Leu. Er ist wie der schöne König Enzio in seinem Kerker zu Bologna – träumerisch griff der edle Hohenstaufe bisweilen in die Saiten der Harfe, und hinab auf die Schultern floß das lange goldene Haar. »O Leid, daß ich ein König war!« seufzte er, wenn die Betteljungen singend vorüberzogen – und träumerisch faßt auch der Löwe des Zoologischen Gartens zuweilen in die Eisenstäbe seines Käfigs und schüttelt die gelben Mähnen und gedenkt der Tage der Jugend.

Ganz in der Nähe hat man einer wilden Katze vier Fuß Raum zur Erheiterung angewiesen. Das arme Tier war früher eine wilde, ausgelassene Schönheit, vor der manch zärtlicher Kater anbetend niederfiel. Auf nächtlichen Bällen erlebte sie viel des Abenteuerlichen, sie lebte mit den Männern des Jahrhunderts, sie warf mit Bonmots um sich und wandelte lange Zeit ein sehr heiteres, aber fleckenloses Geschöpf. Mit den Katern des Jahrhunderts ist indes nicht zu spaßen; unser Kätzchen ging zuletzt dennoch in die Falle, und aus war es mit aller Reputation. – Die Welt ist hart und unerbittlich. In dem einsamen Boudoir sitzt nun unsre alternde Schöne und ärgert sich darüber, wenn manch junge, unschuldige Miss errötend an ihren Gardinen vorübereilt.

Nicht weit von den Zwingern der Katzen erhebt das Kamel sein Haupt, geradeso dumm, wie es einst über Eliesers Schultern sah. Armes Tier, weshalb schloß man dich ein? Ist es demagogischer Umtriebe wegen – oh, so hätte man dich ruhig in deine Heimat entlassen sollen, du würdest ja doch stets ein Kamel geblieben sein.

Am traurigsten nehmen sich in den Menagerien stets die Adler aus, die armen Tiere, welche geboren wurden, um auf rauschenden Flügeln der Sonne entgegenzufliegen, und die jetzt an den Boden gefesselt sind, um in Gesellschaft von dummen Straußen, wilden Gänsen und langweiligen Störchen ihre Tage hinzubringen.

Oh, schrecklich wird es sein, wenn die Tiere einst aus ihrem Schlummer erwachen, wenn sie ihres Elendes einst bewußt werden und in einer finsteren, stürmischen Nacht plötzlich ihre Gitter durchbrechen, um gemeinsame Sache gegen die Menschen zu machen. Da wird der Zoologische Garten mit einem Male von wildem Geheul und Geschrei widertönen, da werden sich die Gassen und Plätze der Metropole mit Wölfen und Tigern füllen, da werden die Ecken und Winkel der Stadt von einem Getöse widerklingen, als nahte der Jüngste Tag.

Da wird der Leu mit seiner Tatze vor die Türe der Paläste schlagen; da wird die Türe aus ihren Angeln fliegen, und der zornige Leu wird eine goldne Krone nehmen und wird sie auf sein zottiges Haupt setzen und wird brüllen: »Jetzt will ich regieren!«

Und die Tiger werden herfallen über die stolzen, unbarmherzigen Lords und werden sie aus ihren Betten zerren und mit scharfen Krallen zerreißen, und Haut und Fetzen werden sie durch die Gassen schleifen, und sie werden brüllen: »Jetzt wollen wir regieren!«

Und die Wölfe werden in die Häuser der Bankiers dringen und werden ihnen die eigenen Geldsäcke an die Köpfe werfen, bis sie ersticken in ihrem eigenen Golde, und die Wölfe werden heulen: »Jetzt wollen wir regieren!«

Und die Hyänen werden in die Kirchen und Kapellen dringen und werden die betenden Pfaffen mit ihren Zähnen ergreifen und werden sie vor den Altären schlachten wie feiste Opfer, daß sie eines elendigen Todes sterben, und die Hyänen werden jauchzen: »Jetzt regieren wir!«

Und die geschändeten und geschmähten Katzen werden über die fashionablen Kater herfallen und werden ihnen eine Katzenmusik bringen, daß ihnen alle Katerlust vergehen soll, und die Katzen werden miauen: »Jetzt regieren wir!«

Und die dummen Kamele und die friedlichen Giraffen und die langen Störche und die wilden Gänse: sie werden in starker Gemeinschaft über die heilige Hermandad des Landes herfallen, und wie Streu vor dem Sturm wird die heilige Hermandad zerstieben, und die Kamele und die Giraffen und die Störche und Gänse, sie werden singen: »Ein freies Leben führen wir!«

Zu derselben Stunde emanzipieren sich aber auch alle zahmen Haustiere des Landes. Da werden die englischen Renner ihre Stränge zerschlagen; da werden die Ochsen aus ihren Ställen brechen; da werden die Ratten und Mäuse aus den Kellern hervorkriechen; da werden Flöhe und Wanzen sich nicht scheuen, einer schönen Sache ihre schwache, aber nicht zu verachtende Kraft zu leihen.

Und alles wird drunter und drüber gehen; und hat man das Land in Beschlag genommen, da wird man sich der Schiffe und aller Flotten bemächtigen und die Freiheit in alle Welt tragen, und der Adler, der arme, lang geknechtete Adler, er wird dem Zuge voranschweben, er wird die Flügel schlagen und hinauf in die Sonne fliegen und den Himmeln erzählen die fröhliche Botschaft der befreiten Erde.

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