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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Scenen

Erstes Kapitel

Der Morgen in den Straßen.

An einem Sommermorgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, bieten die Straßen von London selbst den Wenigen, die der unglücklichen Jagd nach Genuß oder der beinahe ebenso unglücklichen Jagd nach Erwerb eine genaue Bekanntschaft mit den vorkommenden Auftritten verdanken, einen höchst ergreifenden Anblick dar. In den geräuschlosen Straßen, welche zu anderen Zeiten von einer geschäftigen, munteren Menschenmenge wimmeln, und auf den stillen, festverschlossenen Gebäuden, die den Tag über von Leben und Lärmen strotzen, liegt das Trauergepräge der Verlassenheit und des Todes.

Der letzte Trunkenbold, der noch vor Tagesanbruch seinen Heimweg finden will, ist soeben schwerfällig vorübergetaumelt, den Refrain des Trinkliedes, das in der vergangenen Nacht gesungen wurde, zu Ende brüllend: der letzte heimathlose Landstreicher, den der Mangel und die Polizei ohne Obdach gelassen, hat in einer gepflasterten Straßenecke, wo er von Speise und Wärme geträumt, seine frostigen Glieder aufgerafft. Trunkenbold, Wollüstling und Vagabund sind verschwunden, und der mäßigere und geordnetere Theil der Bevölkerung ist noch nicht zu den Mühen des Tages erwacht. Die Stille des Grabes schwebt über den Straßen; sie scheinen die natürliche Farbe derselben angenommen zu haben – so kalt und leblos liegen sie im grauen Zwielichte der Morgendämmerung da. Die Kutschenstände in den größeren Durchfahrten sind verlassen: die Nachthäuser sind geschlossen; und die Lieblingsspaziergänge des muthlosen Elends sind leer.

Hie und da sieht man an den Straßenecken einen vereinzelten Polizeidiener, der den öden Schauplatz mehr mit dem Gehör als mit dem Gesicht beobachtet; und dann und wann stiehlt sich ein verstört aussehender Kater eilig über die Straße und läßt sich von seinem Tummelplatze mit einer Vorsicht und Schlauheit herunter – zuerst auf den Wasserstein, dann auf das Kerichtfäßchen und endlich auf die Pflastersteine springend – als wäre er sich bewußt, daß sein Ruf davon abhänge, seine nächtlichen Liebesabenteuer dem Auge der Oeffentlichkeit zu entziehen. Hin und wieder bemerkt man ein halboffenes Fenster an einem Schlafzimmer, das ebensowohl von der Wärme der Luft, als von dem unruhigen Schlafe seines Bewohners zeigt, und der matte Schimmer des Nachtlichtes, der durch den Vorhang dringt, bezeichnet das Gemach der Schlaflosigkeit oder Krankheit. Mit diesen wenigen Ausnahmen verrathen die Straßen kein Lebenszeichen und die Häuser scheinen ausgestorben.

Eine Stunde geht vorüber; die Spitzen der Kirchen und die Giebel der Hauptgebäude sind vom Lichte der aufgehenden Sonne schwach beleuchtet, und die Straßen nehmen in beinahe unmerklicher Stufenfolge allmälig ihr gewöhnliches Leben und Treiben wieder an. Marktkarren rollen langsam dahin, indeß der schläfrige Kärrner die ermüdeten Rosse ungeduldig antreibt oder vergebliche Versuche macht, den Jungen zu erwecken, der, auf den Deckeln der Obstkörbe hingestreckt, in schwelgerischer Ruhe die lang genährte Begierde nach dem Anblicke der Wunder von London in selige Vergessenheit begräbt.

Rohe, schläfrig aussehende Geschöpfe von seltsamem Aeußeren, welche zwischen Schenkwirthen und Hauderern die Mitte zu halten scheinen, lassen die Läden der Frühkneipen nieder; und kleinere tannene Tische, worauf man die gewöhnlichen Vorbereitungen zu einem Straßenfrühstück sieht, werden an ihren gewohnten Plätzen sichtbar. Eine Menge Männer und Weiber (hauptsächlich die letzteren), mit schweren Obstkörben auf dem Kopfe, plagen sich auf ihrem Wege nach Covent-Garden die Parkseite von Piccadilly hinab und bilden in reißender Aufeinanderfolge eine lange wogende Linie von dort bis zur Wendung der Straße bei der Ritterbrücke.

Hie und da eilt ein Maurergeselle, das Mittagessen in einem Taschentuche tragend, an sein Tagewerk, und dann und wann klappert eine kleine Bande von drei oder vier Schuljungen munter über das Pflaster nach einer verstohlenen Badeexpedition, und ihre lärmende Fröhlichkeit sticht gegen das Benehmen des jungen Schornsteinfegers gewaltig ab, der sich Anfangs den Arm müde gepocht und geschellt hat und nun, seitdem ihm von der erbarmungslosen Gesetzgebung die Gefährdung seiner Lungen durch Schreien niedergelegt worden, geduldig auf der Thürschwelle sitzt, bis die Hausmagd die Güte haben wird, zu erwachen.

Der Markt im Covent-Garden sammt seinen Zugängen ist mit Karren von allen Arten, Größen und Formen, vom schwerfällig dahinrollenden Wagen mit seinen vier starken Pferden bis zum schleichenden Obstkarren mit seinem schwindsüchtigen Esel, vollgepfropft. Das Pflaster ist bereits mit abgehauenen Krautblättern, zerrissenen Grasbändern und dem ganzen namenlosen Geschnipfel eines Gemüsemarkts übersäet, und Männer schreien, Karren ächzen, Pferde wiehern, Knaben balgen, Obstweiber schnattern, Pastetenbäcker preisen die Vortrefflichkeit ihrer Pasteten an und Esel schreien. Diese und hundert andere Töne bilden ein Gemisch, das einem Londoner Ohre wehe genug thut, aber dem Bewohner der Provinz, der zum erstenmale auf dem Hummums schläft, wahrhaft entsetzlich ist.

Eine zweite Stunde geht vorüber, und der Tag beginnt nun in vollem Ernste. Die Dienstmagd, welche unter der Maske eines sehr festen Schlafes ganz vergessen hat, daß die Frau schon eine halbe Stunde läutet, hört vom Herrn (den die Frau zu diesem Zwecke in seinem Negligé die Treppe hinaufgeschickt hat), daß es bereits halb sieben Uhr sei, worauf sie, mit wohlberechnetem Schrecken, plötzlich aufsteht und verdrießlich die Treppe hinuntergeht, während des Lichtschlagens den Wunsch ausdrückend, das Prinzip der Selbstentzündung möchte sich auch auf Kohlen und Feuerherd ausdehnen. Nachdem das Feuer angemacht ist, öffnet sie die Hausthüre, um die Milch herein zu nehmen, als sie bemerkt, daß die Nachbarmagd vermöge des sonderbarsten Zusammentreffens von der Welt ebenfalls gerade die Milch herein nimmt und daß im gegenüberstehenden Hause Herrn Todd's Knecht, durch einen ebenso außerordentlichen Zufall, seines Herrn Läden niederläßt. Die unvermeidliche Folge davon ist, daß sie mit dem Milchkruge in der Hand gerade in einer solchen Entfernung stehen bleibt, um Betsy Clark einen »guten Morgen« zu wünschen, und daß Herrn Todd's Knecht über die Straße herüberkommt, um beiden einen »guten Morgen« zu wünschen; und da vorbesagter Knecht des Herrn Todd beinahe so hübsch und so bezaubernd ist, wie der Bäcker selbst, so wird die Unterhaltung bald sehr anziehend und würde wahrscheinlich noch anziehender geworden sein, hätte nicht Betsy's Frau, welche sie immer beobachtet, zornig an das Fenster ihres Schlafzimmers gepocht, worauf Herrn Todd's Knecht gleichgültig zu pfeifen sucht, während er weit schneller in seinen Laden zurückkehrt, als er aus demselben hervorgetreten ist, und die beiden Mädchen in ihre betreffende Häuser eilen und in aller Stille die Thüre verschließen, aber eine Minute später ihre Köpfe im Vorderzimmer zum Fenster hinausstrecken, dem Anscheine nach, um die Miethkutsche zu betrachten, welche eben vorüberfährt, der That nach aber, um noch einen Blick von Herrn Todd's Knecht aufzufangen, welcher, ein großer Freund von den Postkutschen, aber ein noch größerer von den Frauenzimmern, einen kurzen Blick auf die Postkutsche und einen langen auf die Mädchen wirft, womit sämmtliche Betheiligte ganz zufrieden sind.

Die Postkutsche selbst fährt in ihrem vorgeschriebenen Trab nach der Post, und die Passagiere, welche mit dem Frühwagen abreisen, starren erstaunt die Passagiere an, welche mit dem Frühwagen ankommen, trüb und verdrießlich aussehen und augenscheinlich unter dem Einflusse jenes seltsamen, durch das Reisen hervorgerufenen Gefühls stehen, welches die Vorfälle des vorhergehenden Tages am folgenden Morgen in einem Lichte darstellt, als hätten sie sich wenigstens schon vor einem halben Jahre ereignet, und uns mit großer Verwunderung über die Veränderungen erfüllt, die mit den Freunden und Verwandten, von denen wir vor vierzehn Tagen Abschied genommen, seit unserem letzten Zusammentreffen vorgegangen sind. Der Posthof ist ganz lebendig und die Kutschen, welche eben abgehen wollen, sind wie immer von einer Menge Juden und Judengenossen umgeben, die, der Himmel weiß warum, die Ansicht zu haben scheinen, als wäre es ganz unmöglich, daß irgend Jemand eine Kutsche besteigen könne, ohne wenigstens für sechs Pfennige Pomeranzen, ein Federmesser, eine Brieftasche, einen Almanach vom vergangenen Jahr, ein Bleistiftfutteral, ein Stück Schwamm oder ein paar Heftchen Carrikaturen mit sich zu nehmen.

Noch eine halbe Stunde, und die Sonne wirft ihre hellen Strahlen lustig in die noch immer halbleeren Straßen und hat eine hinreichende Kraft, um die verdrießliche Schläfrigkeit des Lehrburschen zu verscheuchen, welcher seine Versuche, den Laden auszukehren und die Steinplatten vor dem Eingange desselben mit Wasser zu besprengen, alle zwei Minuten unterbricht, um einem andern auf dieselbe Weise beschäftigten Lehrlinge zu sagen, wie heiß es heute werden würde, oder um, mit der rechten Hand seine Augen überschattend und mit der linken sich auf den Besen stützend, dem »Wunder« oder dem »Tally-Ho« oder dem »Nimrod« oder irgend einem anderen Schnellwagen nachzugaffen, bis er ihm aus den Augen kommt, worauf er in den Laden zurückkehrt, um die Passagiere auf der Außenseite der Schnellwagen zu beneiden und an das alte backsteinerne Haus im »Unterlande« zu denken, wo er in die Schule ging: sein Elend bei Milch und Wasser, grobem Brod und altbackenen Brocken schwindet in Nichts zusammen vor der süßen Erinnerung an das grüne Feld, auf dem die Knaben spielten, an den grünen Teich, der ihm einmal Schläge eingetragen, weil er sich herausgenommen hatte, hineinzufallen, und an manche andere Scenen aus seiner Knabenzeit.

Kabriolete, mit Koffern und Schachteln zwischen den Beinen des Kutschers und auf dem Spritzleder, rasseln auf ihrem Wege nach den Posthöfen oder den Kajen der Dampfpacketboote eiligst auf und nieder; und die Kabrioletinhaber und Miethkutschenbesitzer, welche sich auf ihrem Stande befinden, putzen die Verzierungen ihrer schmutzigen Gefährte – wobei die ersteren sich verwundern, wie es sich Jemand einfallen lassen könne, die »Menageriekästen von Omnibus einem regulären Kabriolet mit einem schnellen Renner« vorzuziehen, und die letzteren erstaunen, »wie es Jemand wagen könne, seinen Hals einem gebrechlichen Kabriolet anzuvertrauen, wenn er eine respektable Miethkutsche mit ein paar Pferden haben könne, welche mit Niemanden davonrenne« – ein Trost, welcher sich zweifelsohne auf die Thatsache gründet, daß man überhaupt noch niemals eine Miethkutsche rennen sah, »ausgenommen,« wie der schmucke Kabrioletinhaber an der Spitze der Reihe bemerkt, »ausgenommen eine, und diese rannte rückwärts.«

Die Läden sind jetzt ganz geöffnet, und Lehrbursche und Ladenbesitzer sind eifrig beschäftigt, die Fenster für den Tag zu reinigen und zu verzieren. Die Bäckerläden in der Stadt sind mit Mägden und Kindern angefüllt, welche auf den ersten Schuß Wecken warten. – In der Vorstadt ist dieser Auftritt wegen der Frühschreiberbevölkerung von Somers und Camden Towns, Islington und Pentonville, die eiligst in die City rennen, oder ihre Schritte nach der Kanzleistraße und dem Gerichtsviertel lenken, bereits seit einer vollen Stunde vorüber. Männer von mittlerem Alter, deren Gehalt keineswegs im Verhältniß mit ihrer Familie gewachsen ist, eilen schnell die Straße entlang, offenbar nichts Anderes vor sich sehend als die Schreibstube: sie kennen beinahe Jeden von Gesicht, dem sie begegnen oder den sie überholen, denn sie haben ihn während der letzten zwanzig Jahre (Sonntags ausgenommen) beinahe jeden Morgen gesehen; aber sie sprechen mit Keinem, und wenn sie an einem persönlichen Bekannten vorüberkommen, so tauschen sie nur geschwind einen Gruß aus, und gehen entweder neben ihm her oder vor ihm voraus, wie es seine Gewohnheit mit sich bringt. Stehen zu bleiben um ihm die Hand zu schütteln oder des Freundes Arm zu ergreifen, dazu fühlen sie sich nicht befugt, weil es nicht in ihre Dienstpflicht miteingeschlossen ist. Kleine Schreiberlehrlinge in großen Hüten, welche Männer geworden, ehe sie Knaben waren, eilen mit ihrem ersten Rock, der sorgfältig gebürstet ist, und ihren weißen Hosen vom letzten Sonntag, welche mit Koth und Tinte überschmiert sind, paarweise vorüber. Es erfordert offenbar einen schweren inneren Kampf, der Versuchung zu widerstehen, einen Theil ihres täglichen Speisegeldes auf den Ankauf altgebackener Torten zu verwenden, welche so lockend auf staubigen Zinnplatten an der Thüre des Zuckerbäckers ausgestellt sind; aber das Bewußtsein ihrer Wichtigkeit und ihrer wöchentlichen Einnahme von sieben Shillingen mit der Aussicht einer baldigen Erhöhung auf acht, kommt ihnen zu Hilfe. Sie setzen ihre Hüte kühner auf's Ohr und sehen allen Lehrmädchen der Putzmacherinnen und Modehändlerinnen, denen sie begegnen, unter die Hauben: – arme Mädchen! – die geplagteste, am schlechtesten bezahlte und auch oft am schlechtesten behandelte Klasse der menschlichen Gesellschaft.

Eilf Uhr, und eine neue Klasse von Leuten erfüllt die Straße. Die Waaren sind einladend hinter den Ladenfenstern aufgestellt; die Ladenbesitzer mit ihren weißen Taschentüchern und ihren zierlichen Röcken sehen aus, als wäre es ihnen unmöglich ein Fenster abzureiben, und wenn ihr Leben daran hinge; die Karren sind aus dem Covent-Garden verschwunden, die Kärrner heimgefahren und die Obsthändler nach ihren gewohnten »Schlägen« in der Vorstadt gegangen; die Schreiber sind auf ihren Schreibstuben, und Gigs, Kabriolete, Omnibusse und Reitpferde tragen ihre Herrn an denselben Bestimmungsort. Die Straßen sind mit einer ungeheuren Menge Menschen, aufgeputzten und schäbigen, reichen und armen, faulen und fleißigen vollgepfropft; und wir kommen nun zu der Hitze und dem lärmenden Treiben des Mittags.


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