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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
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Fünftes Kapitel

Des Auspfänders Gehülfe.

Nachdem sich nun die durch die letzte Wahl herbeigeführte Spannung gelegt hat und unser Kirchspiel wieder in den ihm angemessen ruhigen Zustand zurückgekehrt ist, sind wir erst im Stande, unsere Aufmerksamkeit denjenigen Kirchspielsmitgliedern zuzuwenden, die an unseren Parteikämpfen wenig Antheil nehmen und sich von den Wirren und dem Geräusche des öffentlichen Lebens ferne halten. Und wir gestehen hier mit aufrichtigem Vergnügen, daß wir in unseren Bemühungen, zu diesem Zwecke Materialien zu sammeln, besonders durch Herrn Bung selbst unterstützt worden sind, dem wir dadurch zu einer Schuld verpflichtet wurden, deren wir uns wohl schwerlich jemals werden entledigen können.

Das Leben dieses Mannes ist eines der buntesten gewesen: er hat Uebergänge erduldet – nicht von der Trauer zur Freude, denn er war nie traurig; nicht vom Launigen zum Ernsthaften, denn Ernst bildet keinen Theil seiner Gemüthsart, seine Schicksalswechsel haben vielmehr zwischen äußerster und modificirter Armuth hin- und hergeschwankt, oder – um seinen eigenen bezeichnenden Ausdruck zu gebrauchen – zwischen »gar nichts zu essen, und gerade nur halb genug.« Er gehört nicht, wie er treffend bemerkt, »zu jenen glücklichen Leuten, die, wenn sie auf der einen Seite eines Schiffes splitternackt in's Wasser geworfen werden, auf der andern mit einem nagelneuen Anzug wieder hervorkommen und noch eine Suppenmarke in der Westentasche vorfinden«; eben so wenig aber auch zu denen, deren Muth gebrochen wird, wenn sie keiner Erlösung vom Mißgeschick und Mangel entgegensehen. Er ist einer von den sorglosen, gutmüthigen, glücklichen Gesellen, die korkleicht stets oben schwimmen, damit die Welt Possen mit ihnen treiben kann, die da und dort und irgendwo anklopfen, bald bei dem Rechten, bald bei dem Unrechten, manchmal in die Luft geschleudert werden und gleich wieder auf die Erde fallen, aber auch gleich wieder oben sind und stets munter und vertrauungsvoll mit den Wellen des Stromes forttanzen. Einige Monate vorher, ehe er die Bestimmung erhielt, bei der Kirchspielsdienerwahl einen Hauptkämpfer abzugeben, veranlaßte ihn die Noth, in die Dienste eines Auspfänders zu treten; und gerade darauf, daß er hier Gelegenheit hatte, sich Kenntniß von dem Zustande der meisten armen Einwohner des Kirchspiels zu verschaffen, gründete sein Gönner, der Kapitän, seine ersten Ansprüche auf öffentliche Unterstützung.

Der Zufall führte diesen Mann kurze Zeit nachher mit uns zusammen. Wir waren gleich im ersten Augenblick durch seine bei der Wahl bewiesene Zuversicht für ihn eingenommen worden und daher nicht sehr erstaunt, bei unserer näheren Bekanntschaft in ihm einen pfiffigen, gescheidten Mann mit nicht unbeträchtlicher Beobachtungsgabe zu finden. Als wir uns in ein Gespräch mit ihm einließen, waren wir, wie es uns auch in andern Fällen schon gegangen, einigermaßen betroffen, die Fähigkeit oder das Talent, das gewisse Menschen wirklich zu besitzen scheinen, bei ihm zu entdecken, mit Gefühlen, die ihnen völlig fremd sind, nicht allein zu sympathisiren, sondern sie sogar ganz zu verstehen.

Wir hatten dem neuen Diener unser Erstaunen darüber ausgedrückt, daß er je in der Eigenschaft, die wir kaum erwähnt haben, Dienste geleistet, und ihn nach und nach dahin gebracht, uns einige Vorfälle aus seinem vorigen Gewerbe mitzutheilen. Da wir bei weiterer Ueberlegung uns zu der Ansicht bewogen fanden, daß sie sich wohl besser hören lassen werden, wenn wir genau seinen Worten folgen, als wenn wir sie noch weiter ausschmücken, so wollen wir sie nunmehr betiteln:

 

Herrn Bung's Erzählung.

»'s ist ganz richtig, wie Sie sagen, Sir,« begann Herr Bung, »daß das Leben des Gehülfen eines Auspfänders nicht zu beneiden ist; Sie wissen es natürlich so gut, als ich selbst, obgleich Sie es nicht sagen wollen, daß das Volk sie haßt und verachtet, weil sie die Werkzeuge sind, arme Leute noch unglücklicher zu machen. Aber was konnte ich thun, Sir? Die Sache wurde dadurch nicht schlechter, wenn ich sie statt eines Andern that, und wenn ich mich in den Besitz des Hauses eines Andern setzte, so brachte es mich in den Besitz von drei Shilling sechs Pencen des Tags, und wenn ich Beschlag auf das Vermögen eines Andern legte, so erleichterte ich dadurch meine Noth und die meiner Familie. Es sagte mir, Gott weiß es, nie zu; ich sah mich stets nach irgend etwas Anderem um, und sobald ich ein anderes Geschäft zu erlangen wußte, gab ich's auf. Wenn es Unrecht ist, sich zu solchen Dingen brauchen zu lassen – ich glaube übrigens, daß das Unrecht nur auf Seite des Anstifters liegt, – so ist doch so viel gewiß, daß ich schon als Anfänger die Strafe dafür fühlen mußte. Ich wünschte immer und immer, daß die Leute mich prügeln oder hinauswerfen möchten, denn so etwas bin ich gewöhnt und ich hätte mir nicht viel daraus gemacht: aber fünf Tage lang, in einem Hinterstübchen eingeschlossen, auf Execution zu liegen, und sich selbst überlassen zu sein, ohne was Anderes zu thun zu haben, als eine alte Zeitung zu lesen und dabei nichts zu sehen, als die Dächer und Schornsteine der Rückseite des Hauses, nichts zu hören, als etwa das Picken meiner alten Schwarzwälder Uhr, hier und da das Seufzen der Frau vom Hause, das Zischeln von Verwandten in der nächsten Stube, die leise zusammen flüstern, damit es »der Mann« nicht höre; höchstens noch das gelegenheitliche Aufgehen der Thüre, durch die ein Kind hereinschleicht, um Einen anzusehen, welches dann halb erschrocken wieder davon springt – das Alles ist's, was Einen fühlen macht, daß man irgend etwas Unrechtes vorhat, vor dem man sich selbst schämen muß. Ist es gerade Winterszeit, so gibt man Einem gerade Kohlen genug, um den Wunsch rege zu machen, noch mehr zu haben; bringt man Einem Brei, so ist er so gekocht, als wenn man Einen damit ersticken wollte. Sind die Leute noch höflich genug, so schlagen sie Einem des Nachts ein Bett im Zimmer auf, und thun sie es nicht, so schickt der Auspfänder eines; und so muß man die ganze Zeit über an einem und demselben Orte bleiben, ohne sich waschen oder den Bart abnehmen zu können. Man wird von Jedermann gemieden, kein Mensch spricht mit Einem, wenn nicht allenfalls Jemand zur Essenszeit kommt und fragt, ob man noch mehr begehre, aber in einem Tone, der deutlich genug sagt: »Ich will nicht hoffen,« oder des Abends, um zu fragen, ob man nicht Licht zu haben wünsche, nachdem man schon den halben Abend in der Finsterniß gesessen hat. Befand ich mich in einer solchen Lage, so pflegte ich niederzusitzen und darüber zu grübeln, bis ich mich in meiner Hinterstube so einsam fühlte, wie ein Kätzchen im kupfernen Waschkessel, mit dem Deckel drauf; aber ich glaube, die alten Auspfänderleute, die gewöhnlich dazu erzogen sind, denken an Alles dieses nicht. Ich habe Einige von ihnen sagen hören, daß sie von so was nichts wissen.

»Ich mußte während meines Dienstes viele Auspfändungen vornehmen und fand im Laufe derselben bald, daß viele dieser Leute nicht so sehr zu bemitleiden sind, als Andere, und daß Diejenigen, welche, wenn sie in Noth kommen und sich von Tag zu Tag und von Woche zu Woche hinzuhalten vermögen, dieß mit der Zeit so gewohnt werden, daß sie es kaum mehr fühlen. Ich erinnere mich noch sehr wohl des ersten Hauses, wo ich Beschlag zu legen hatte; es war im Hause eines Gentlemans, hier im Kirchspiele, von dem Jedermann glaubte, es könne nicht fehlen, daß er Geld genug haben müßte, wenn er nur wollte. Ich ging hin mit dem alten Fixem, meinem Principal, etwa nach halb neun Uhr Morgens, zog die Hausglocke, und ein Livreebedienter öffnete uns die Thüre. ›Der Herr zu Hause?‹ – ›Ja,‹ sagt der Bediente, ›aber er ist gerade noch am Frühstück.‹ – ›Hat nichts zu sagen,‹ erwiederte Fixem; ›sagen Sie ihm nur, 's wäre ein Gentleman hier, der ihn allein zu sprechen wünsche.‹ – Der Bediente riß die Augen sperrweit auf und starrte ihn von allen Seiten an, als ob er den Gentleman suchen wolle, – denn ich kann nicht verhehlen, daß nur ein Stockblinder Fixem für etwas Anderes, als für das, was er wirklich war, hätte halten können; und was mich anbelangt, so sah ich so abgemagert aus, wie eine Kirchenmaus. Wie dem aber auch sei, er drehte sich um und ging in das Frühstückzimmer – ein enges Stübchen am Ende des Hausganges, und Fixem und ich (wie wir es bei diesen Geschäften immer machen) folgten ihm, ohne auf die Anmeldung zu warten, auf dem Fuße nach. Er hatte noch nicht herausgebracht – ›Erlauben Euer Gnaden, es ist ein Mann da, der Sie zu sprechen wünscht,‹ als wir wie alte Bekannte eintraten.

»›Wer zum Teufel seid Ihr, und wie könnt Ihr Euch unterstehen, ohne Erlaubniß in eines Gentlemans Haus zu kommen?‹ schrie der Herr zornig wie ein gereizter Stier. – ›Mein Name,‹ sagte Fixem, indem er dem Herrn zuwinkte, den Bedienten fortzuschicken, und ihm seine Vollmacht zur Auspfändung überreichte, die er wie eine Rechnung zusammengefaltet hatte, ›mein Name ist Smith, und ich bin von Johnson wegen jenes Geschäfts mit Thompson geschickt.‹ – ›O,‹ sagte der Andere, augenblicklich ganz demüthig, ›wie geht's Thompson? Ich bitte Sie, setzen Sie sich, Herr Smith. John, verlasse das Zimmer.‹ Der Diener ging hinaus, und der Gentleman und Fixem sahen einander so lange an, bis sie sich genug gesehen hatten; dann veränderten sie ihre Unterhaltung und sahen mich an, der ich die ganze Zeit über auf der Strohplatte an der Thüre stehen geblieben war. ›Hundert und fünfzig Pfund, wie ich sehe,‹ sagte der Herr endlich. – ›Hundert und fünfzig Pfund,‹ sagte Fixem, ›nebst den Erhebungskosten, der Sherifstaxe und allen anderen zufälligen Gebühren.‹ – ›Hm,‹ sagte der Herr weiter, ›ich werde vor morgen Nachmittag nicht zahlen können.‹ – ›Sehr fatal, aber ich werde genöthigt sein, bis dorthin meinen Gehülfen hier zu lassen,‹ erwiederte Fixem, indem er sich bemühte, so betrübt als möglich auszusehen. – ›Das ist mir sehr unangenehm,‹ sagte der Herr, ›denn ich erwarte heute Abend eine große Gesellschaft, und ich bin zu Grunde gerichtet, wenn meine Freunde nur eine Ahnung von dem Vorfalle bekommen. – Ein Wort, Herr Smith,‹ fuhr er nach einer kurzen Pause fort, trat darauf mit Fixem an das Fenster, und nach ziemlich langem Flüstern mit dem Herrn, und nachdem ich einige Souverains hatte klingeln hören und sie mich eine Weile angesehen hatten, kam Fixem auf mich zu und sagte: ›Bung, Ihr seid ein gewandter Bursche, und ich weiß, daß Ihr Euch sehr anstellig dabei zu benehmen wißt. Dieser Gentleman bedarf eines Menschen, sein Silbergeschirr zu putzen und heute bei Tisch aufzuwarten. Wenn Ihr Euch heute nicht besonders versagt habt,‹ sagte der alte Fixem, indem er das Gesicht auf eine närrische Weise verzog und ein Paar Souverains in meine Hand gleiten ließ, ›so wünscht der Herr sehr, daß Ihr's übernehmt.‹ Ich lachte, der Gentleman lachte, und wir Alle lachten. Ich ging nun nach Hause, um mich so gut als möglich anzukleiden, während Fixem so lange dort blieb; und als ich wiederkehrte, entfernte er sich. Ich polirte das Silbergeschirr, wartete bei Tische auf, mystificirte die Dienerschaft, und Niemand dachte entfernt daran, daß ich das Haus in Beschlag hatte; und doch kam es trotz all' dem am Ende fast an den Tag. Einer der Gentlemen nämlich, die am längsten blieben, kam die Treppe herab in die Halle, wo ich ganz spät in der Nacht in aller Bequemlichkeit saß, und sagte, während er mir eine halbe Krone in die Hand drückte, zu mir: ›Hier, mein Freund, lauft und besorgt mir eine Kutsche – wollt Ihr?‹ Ich glaubte, es sei ein abgemachter Handel, um mich aus dem Hause zu schaffen, und war gerade im Begriffe, es ihm frei heraus zu sagen, als der Hausherr (der an Alles dachte) schnell voll Angst die Treppe herabkam. ›Bung,‹ rief er, sich anstellend, als ob er sehr aufgebracht wäre. – ›Sir,‹ erwiederte ich. – ›Was zum Teufel seht Ihr nicht nach dem Silberzeuge?‹ – ›Ich wollte ihn so eben nach einer Kutsche fortschicken,‹ sagte der andere Herr. – ›Und ich wollte so eben sagen . . .‹ fing ich an; – aber der Hausherr unterbrach mich – ›Schicken Sie jeden Andern, lieber Freund,‹ sagte er und schob mich nach der Hausflur, um mich aus dem Wege zu bringen; ›allein diesem Manne habe ich die Aufsicht über mein Silbergeschirr und alle Sachen von Werth anvertraut, und ich kann durchaus nicht zugeben, daß er das Haus verlasse. Bung, Gott verd . . . . Euch, wenn Ihr nicht augenblicklich geht und die Gabeln im Frühstückzimmer zählt.‹ Sie können sich einbilden, daß ich mich lachend davon schlich und Alles in der Ordnung fand. – Das Geld wurde am andern Tage bezahlt und für mich etwas dazu gelegt, und dieß war das beste Geschäft, das ich (und ich vermuthe auch der alte Fixem) je gemacht hatte.

»Doch dieß war die Lichtseite des Gemäldes, Sir,« fuhr Mr. Bung fort, indem er den listigen Blick und das strahlende Angesicht, mit dem er die vorstehende Anekdote erzählte, ablegte, »und es schmerzt mich, sagen zu müssen, daß es die Seite ist, die man im Vergleich mit der Schattenseite leider nur zu selten zu sehen bekommt. Die Höflichkeit, die man sich durch Geld kaufen kann, trifft man selten bei Denen, die keines haben. Selbst darin liegt ein Trost, eine Verlegenheit dadurch zu heben, daß man sich eine andere für die Zukunft bereitet; doch auch dieser Trost bleibt ganz armen Leuten fremd. – Ich wurde einst in ein Haus in George's-Yard unten – jener kleinen schmutzigen Sackgasse hinter der Gasbeleuchtungs-Anstalt – gesendet; ach du mein Himmel, ich werde nie das Elend jener Leute vergessen. Es war eine Pfändung wegen einer Halbjahrsmiethe von zwei Pfund und zehn Schillingen, glaube ich. Es waren blos zwei Zimmer im Hause, und da es keine Hausflur hatte, so mußten die Bewohner des obern Zimmers beim Ein- und Ausgehen – was während meines Auftrags ungefähr viermal in jeder Viertelstunde vorkam – immer durch das untere Wohnzimmer gehen, und so oft sie durchkamen, jammerten sie fürchterlich, denn auch ihnen war Alles mit Beschlag belegt und zum Verkaufe bestimmt. Das Wenige, was vorhanden war, befand sich aber im elendesten Zustande. An der Vorderseite des Hauses war ein kleines Stückchen Garten, aber im Zustande völliger Vernachlässigung, mit einem Kohlenschlackenweg, der zur Hausthüre führte, und auf der andern Seite stand ein unbedecktes Regenwasserfaß. Ein aus Lumpen zusammengeflickter Vorhang hing vor dem Fenster an einem schlaffen Bindfaden, und ein kleines dreieckigtes, zerbrochenes Spiegelglas war an der Wand angebracht. Ich glaube aber nicht, daß die Leute je so viel Muth hatten, hineinzublicken, denn sie sahen so erbärmlich aus, daß sie es schwerlich ein zweites Mal gewagt haben würden, wenn sie je den Schrecken überlebt hätten, es einmal gethan zu haben. Da waren ferner zwei oder drei Stühle, die in ihren besten Tagen acht Pence oder einen Schilling das Stück werth gewesen sein mochten, ein kleiner tannener Tisch, ein alter Brodschrank mit Nichts darin, und eine jener Bettstellen, die nur halb aufgeschlagen sind, wo die Bodenbrettchen so weit heraussehen, daß man sich daran den Kopf zerstoßen oder den Hut aufhängen kann. Von Betten und Weißzeug war keine Rede. Endlich war noch ein alter Sack vorhanden, der die Stelle einer Bettdecke vertrat und vor dem Kamin lag; vier oder fünf Kinder krabbelten darauf und auf dem Sande des Bodens herum. Die Execution war blos eingelegt worden, um die Leute aus dem Hause zu bringen, denn es war nicht einmal so viel zu nehmen, um die Kosten zu bezahlen. Und in diesem Hause mußte ich drei Tage lang bleiben, obgleich auch dieß eine leere Form war, da ich natürlich so gut als Jedermann wußte, daß sie das Geld nie auftreiben konnten. Auf einem der Stühle, an der Stelle, wo das Feuer eigentlich hätte sein sollen, saß eine alte Frau – die häßlichste und schmutzigste, die ich je sah – die sich während des Sitzens immerfort rückwärts und vorwärts und vorwärts und rückwärts bewegte, ohne nur einmal stille zu halten, als etwa hie und da einen Augenblick, um die verwelkten Hände zusammenzuschlagen, welche sie, diese Ausnahmen abgerechnet, beständig gebrauchte, um ihre Kniee zu kratzen, und sie krampfhaft zusammenzupressen. Ihr gegenüber saß die Mutter mit einem Kinde auf den Armen, das so lange fortschrie, bis es sich in den Schlaf geschrien hatte und, wenn es erwachte, wieder schrie, bis es sich abermals überschrien hatte. Von der alten Frau hörte ich nie einen Laut. Das Elend schien sie verrückt oder vollständig stumpfsinnig gemacht zu haben. Was die Mutter anbelangt, so wäre es wohl besser gewesen, wenn sie sich auch in diesem Zustande befunden hätte, denn Noth und Elend hatte sie in einen Teufel verwandelt. Wenn Sie gehört hätten, wie sie die kleinen nackten Kinder, die sich in dem Sande herumwälzten, verfluchte, und wenn Sie gesehen hätten, wie grausam sie das Kind auf ihrem Arme schlug, wenn es vor Hunger schrie – es würde Sie geschaudert haben wie mich. So blieb es die ganze Zeit über. Die Kinder bekamen ein- oder zweimal einige Brodbrocken, und ich gab ihnen den größten Theil von dem Essen, das mir gebracht wurde; aber die Mutter aß keinen Bissen, sie legte sich auch nicht nieder, und eben so wenig wurde die ganze Zeit über, die ich dort zubrachte, das Zimmer gereinigt. Die Nachbarn waren alle selbst zu arm, um helfen zu können, und wie ich von der Frau in dem obern Stocke zu erfahren Gelegenheit hatte, so schien der Familienvater einige Wochen vorher deportirt worden zu sein. – Als die Zeit um war, machten der Hausbesitzer und der alte Fixem, denen selbst vor der Familie bange zu werden schien, Anzeige von ihrem Zustande, und brachten es dahin, daß sie in das Arbeitshaus aufgenommen wurden. Der alten Frau schickte man den Krankenwagen, und Simmons holte die Kinder bei Nacht. Erstere kam in das Hospital und starb bald hernach. Die Kinder befinden sich bis zu diesem Tage im Arbeitshause, und sind im Vergleiche mit ihrem vorigen Zustands sehr gut aufgehoben; was aber die Mutter betrifft, so war sie durchaus nicht zu bändigen. Ich glaube, daß sie vorher ein ruhiges, arbeitsames Weib war, aber ihr Elend hatte sie vollständig toll gemacht; denn nachdem sie ein halbes dutzendmal wegen Drohungen gegen die Aufseher, Lästerungen gegen die Kirchenvorsteher und Schimpfens auf Jedermann, der ihr nahe kam, in die Corrections-Anstalt gebracht worden war, sprang ihr eines Morgens ein Blutgefäß, woran sie starb, und dieß war eine glückliche Erlösung, nicht sowohl für sie, als für die alten Armen männlichen und weiblichen Geschlechts, die sie bei allen Gelegenheiten so herumzukugeln pflegte, als ob sie eben so viele Kegel und sie die Kugel gewesen wäre.«

»Nun, dieß war schlimm genug,« bemerkte Bung, indem er einen halben Schritt gegen die Thüre zu machte, als ob er damit anzeigen wollte, daß er nahe am Ende sei; »dieß war schlimm genug, ich traf aber auch eine Art heimlichen Elends – Sie werden mich wohl verstehen, was ich damit meine, Sir – das war noch weit herzbrechender. Wir hatten unter Anderem einst eine Auspfändung bei einer Dame, und noch schaudert mir das Herz, wenn ich daran denke. Ich will es so kurz als möglich machen; der Name thut nichts zur Sache. Möchte ich doch lieber gar nichts davon sagen dürfen! Es betraf den Rückstand einer Jahresmiethe. Ich ging wie gewöhnlich mit Fixem hin; ein sehr kleines Dienstmädchen öffnete uns die Thüre, und drei oder vier allerliebste Kinder spielten in dem Vorderzimmer, in das wir gewiesen wurden. Das Zimmer war sehr sauber, aber eben so spärlich ausgestattet, gerade wie die Kinder selbst. ›Bung,‹ sagte Fixem leise zu mir, als man uns ein Paar Minuten allein ließ; ›ich kenne diese Familie einigermaßen, und nach meiner Meinung wird es hier nicht gut gehen.‹ – ›Glauben Sie, sie werde nicht zahlen können?‹ erwiederte ich ganz ängstlich, denn die Kinder hatten mir gefallen. Fixem schüttelte den Kopf und war gerade daran, mir zu antworten, als eine Dame hereintrat, so weiß wie ich Tag meines Lebens nie eine gesehen, blos mit Ausnahme ihrer Augen, die vom Weinen geröthet waren. Sie trat so festen Schrittes einher, als ich es gethan haben könnte, schloß die Thüre sorgfältig, und setzte sich mit einem so ruhigen Gesicht, als wäre es von Stein gewesen, nieder. ›Was steht zu Ihren Befehlen, meine Herren?‹ fragte sie mit ruhiger aber eine gewisse Ueberraschung ausdrückender Stimme. ›Ist es wohl eine Auspfändung?‹ Fixem bejahte verlegen. Die Dame sah ihn starr an und schien ihn nicht verstanden zu haben. Fixem bejahte nochmals, sagte dann: ›Hier ist meine Vollmacht zur Pfändung‹ – und überreichte sie ihr eben so höflich, als ob es ein Zeitungsblatt gewesen wäre, das sich irgend ein Herr von ihm erbeten hätte.«

»Die Lippen der Dame bebten, als sie ihm das gedruckte Papier abnahm. Sie überlief es mit den Augen, und der alte Fixem fing an, ihr den Inhalt auseinander zu setzen; aber ich sah deutlich, daß sie nicht las; – das arme Ding! ›O mein Gott! was soll aus uns werden,‹ rief sie endlich, brach plötzlich in Thränen aus, ließ die Vollmacht zur Erde fallen, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. ›O mein Gott, was soll aus uns werden?‹ Ihr Klageruf führte ein junges Frauenzimmer von ungefähr neunzehn bis zwanzig Jahren in das Zimmer, die, wie ich vermuthe, an der Thüre gehorcht hatte. Sie trug einen kleinen Knaben auf den Armen, den sie, ohne ein Wort zu sagen, der Dame auf den Schooß setzte. Letztere drückte das Kind gegen ihren Busen und überschüttete es mit Thränen, so daß sogar der alte Fixem seine blaue Brille abnahm, um die zwei Thränen, die, je eine auf jeder Seite, über sein schmutziges Gesicht herabtropften, abzuwischen. ›Liebe Mama,‹ sagte das junge Frauenzimmer, ›Sie wissen ja, wie viel Sie schon erduldet haben. Nehmen Sie alle unsere Sachen, – denn Papa's Sachen,‹ sagte sie, ›dürfen Sie nicht weggeben.‹ – ›Nein, nein, das werde ich nicht,‹ erwiederte die Lady, sich schnell sammelnd und ihre Augen trocknend; ›ich bin sehr thöricht, aber ich fühle mich schon besser, viel besser.‹

»Sie stand nun schnell auf und begleitete uns in alle Zimmer, während wir das Inventar aufnahmen, öffnete bereitwillig alle Schubfächer, schied Kinderzeug aus, um das Geschäft zu erleichtern, und sah dabei, ausgenommen daß sie Alles mit einer befremdlichen Hast that, eben so ruhig und gefaßt aus, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Als wir wieder die Treppe herabgekommen waren, zögerte sie ein paar Minuten und sagte endlich: ›Meine Herren, ich befürchte ein Unrecht begangen zu haben, das Sie vielleicht in Verlegenheit bringen möchte. Ich habe gerade das Einzige, was ich in der Welt noch Werthvolles besitze, verheimlicht – hier ist es.‹ Bei diesen Worten legte sie ein kleines, in Gold gefaßtes Miniaturgemälde auf den Tisch. ›Es ist das Bild meines armen, theuren Vaters,‹ fuhr sie fort. ›Ich dachte wohl einst nicht daran, daß ich je Gott dafür danken würde, daß er mich des Originals beraubte; doch jetzt thue ich's, und habe es schon seit Jahren auf's inbrünstigste gethan. Nehmen sie es hin; es ist ein Bild, das nie von meiner Seite wich, weder in Krankheit noch in Noth; jetzt aber bin ich stark genug, mich von ihm zu trennen und, Gott weiß es, auch diesen Verlust mit möglichster Kraft zu ertragen.‹ Ich war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen, und blickte von dem Inventar, das ich eben auszustellen beschäftigt war, zu Fixem auf. Der Alte nickte mir bezeichnend zu; ich nahm meine Feder, machte einen dicken Strich durch das »Mini,« das ich eben geschrieben, und ließ das Miniaturbild auf dem Tische liegen.«

»Nun, Sir, um die lange Geschichte kurz zu machen, ich wurde als Execution zurückgelassen, und obgleich ich nur ein unwissender und der Hausherr ein gelehrter Mann war, so sah ich doch, was er nicht sah, und wofür er jetzt alle Schätze der Welt geben würde (wenn er sie hätte), um es zu jener Zeit gesehen zu haben. Ich sah, Sir, daß seine Frau unter den Sorgen, über die sie sich nie beklagte, und unter dem Kummer, den sie nicht mittheilen mochte, dahin schwand. Ich sah, daß sie langsam vor seinen Augen dem Tode entgegen ging, wußte, daß er die Mittel in Händen hatte, sie zu retten, aber ich durfte ihn nicht darauf aufmerksam machen. Ich tadle ihn nicht, denn ich glaube nicht, daß er sich selbst hätte ermannen können. Sie war so lange allen seinen Wünschen zuvorgekommen, und hatte so lange für ihn gehandelt, daß er, sich selbst überlassen, ein verlorener Mensch sein mußte. Ich pflegte, wenn ich sie in ihren Kleidern, die an ihr bettelhaft genug aussahen, und sogar bei jeder Andern kaum anständig ausgesehen hätten, zu Gesicht bekam, zu denken, wenn ich ein Gentleman wäre, so würde es mir das Herz abdrücken, meine Frau, die ein so munteres, fröhliches Mädchen gewesen, als ich ihr den Hof machte, nun durch ihre Liebe zu mir so verändert zu sehen. So kalt und regnerisch die Witterung auch war, und trotz dem, daß ihre Kleider sehr dünn und ihre Schuhe nicht zu den besten gerechnet werden konnten, lief sie während der ganzen drei Tage vom Morgen bis zum Abend von Haus zu Haus, um Geld aufzutreiben. Endlich war es beisammen und die Execution wurde aufgehoben. Die ganze Familie drängte sich, als es ankam, in das Zimmer, in dem ich mich befand. Der Vater war ganz glücklich, als die Unannehmlichkeit gehoben war – ich darf sagen, er wußte nicht wie? – die Kinder sahen wieder fröhlich und heiter aus; die älteste Tochter war überaus beschäftigt, Vorbereitungen zur ersten wieder behaglichen Mahlzeit seit der Einlegung der Pfändung zu treffen, und die Mutter sah vergnügt darein, Alles wieder so heiter zu sehen; aber wenn ich je den Tod im Angesicht einer Frau gelesen habe, so sah ich ihn an jenem Abend in dem ihrigen.«

»Ich hatte mich nicht geirrt, Sir« schloß Herr Bung, während er hastig mit dem Rockärmel über das Gesicht fuhr; »die Familie wurde glücklicher, günstigere Umstände traten ein. Aber es war zu spät. Jene Kinder sind nun mutterlos, und ihr Vater würde Alles, was er seither erlangt hat – Haus, Heimath, Geld und Gut, kurz Alles, was er hat oder je noch erwerben wird, darum geben, um das Weib wieder zurückzuerkaufen, das er für immer verloren hat.«


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