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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 56
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Eilftes Kapitel

Die Bloomsbury-Taufe.Es möge dem Verfasser zu bemerken erlaubt sein, daß diese Skizze einige Zeit vor der ersten Ausführung der Farce »die Taufe« erschienen ist.

Herr Nicodemus Dumps, oder wie seine Bekannten ihn zu nennen pflegten, »der lange Dumps,« war ein Hagestolz, sechs Fuß hoch und fünfzig Jahre alt – mürrisch, leichenartig, höchst wunderlich und bösartig. Nie sah man ihn vergnügter, als wenn er sich unglücklich fühlte, und dieß war stets der Fall, wenn er die meiste Ursache hatte, es nicht zu sein. Das einzige wirkliche Vergnügen, welches er kannte, war, Jedermann um sich her in Jammer und Verdruß zu versetzen – dann erst konnte man von ihm wahrhaft sagen, daß er sich seines Lebens freute. Er war mit einer Anstellung bei der Bank geplagt, welche ihm jährlich fünfhundert Pfund einbrachte, und bewohnte »einen ersten möblirten Stock« in Pentonville, den er blos deshalb miethete, weil er die traurige Aussicht auf einen nahe liegenden Kirchhof hatte. Er kannte jeden Grabstein auf's Genaueste und ein Leichenbegängniß schien seine größte Lust zu sein. Seine Freunde sagten, er sei sauertöpfisch – er dagegen behauptete, nervenschwach zu sein; sie nannten ihn ein Glückskind, aber er betheuerte, »er sei der unglücklichste Mensch von der Welt.« Theilnamlos, wie er war, und unglücklich, wie er sich selbst nannte, war er übrigens doch nicht gänzlich unempfänglich für alle Anhänglichkeit. Er hielt das Andenken an den berühmten Whistschriftsteller Hoyle in hohen Ehren, denn er war selbst ein bewundernswürdiger, unermüdlicher Whistspieler und freute sich königlich über einen verdrießlichen und ungeduldigen Gegner. Den König Herodes verehrte er wegen des Betlehemitischen Kindermordes wie einen Heiligen; denn wenn er je ein Geschöpf mehr als das andere haßte, so war es ein Kind. Uebrigens konnte man nicht leicht angeben, was ihm besonders mißfiel, denn es war ihm Alles im Allgemeinen zuwider. Seine größte Antipathie mochten aber vielleicht Cabriolets, alte Frauen, Thüren, die nicht schließen wollten, Musikdilettanten und die Omnibusconducteure sein. Er war Mitglied der Gesellschaft für Unterdrückung der Laster, zahlte ansehnliche Beiträge, blos um der Freude willen, irgend einem unschuldigen Vergnügen Einhalt thun zu können, und steuerte sehr reichlich zu der Unterstützung zweier reisender Methodistenprediger in der liebenswürdigen Hoffnung bei, daß diese recht viele mit den Gütern dieser Erde Gesegneten durch die Furcht vor der anderen Welt unglücklich machen möchten.

Herr Dumps hatte einen Neffen, der seit ungefähr einem Jahre verheirathet war und einigermaßen bei seinem Oheim in Gunst stand, weil er sich gewöhnlich mit bewundernswürdiger Geduld zum Gegenstande der Unheil gebärenden Gelüste seines Oheims hergab. Herr Charles Kitterbell war ein schmächtiges, mageres Männchen, mit sehr großem Kopf und breitem, gutmüthigem Gesichte. Er sah aus, wie ein zusammengeschrumpfter Riese, welchem Kopf und Gesicht geblieben sind, und von seinen Augen konnte kein Mensch, der mit ihm sprach, bestimmt unterscheiden, wohin sie gerichtet waren. Während er Jemanden unverwandt anstarrte, schienen seine Blicke an der Wand zu haften; man konnte seine Augen nicht fixiren und es ist vielleicht eine glückliche Zulassung der Vorsehung, daß solche Augen nicht ansteckend sind. Außerdem war Herr Charles Kitterbell eine der leichtgläubigsten und willenlosesten Seelen, welche jemals in Great-Russel-Street, Russel-Square, für sich ein Haus mietheten und eine Frau nahmen. (Oheim Dumps gebrauchte übrigens den Ausdruck »Russel-Square« nie; er setzte dafür stets die schauderhaften Worte: »Tottenham-Court-Street.«)

»Aber nein, Oheim, wahrhaftig, Sie müssen – Sie müssen mir versprechen, Taufpathe bei meinem Kleinen zu sein,« sagte Herr Kitterbell, während eines Morgenbesuches bei seinem hochverehrten Verwandten.

»Ich kann nicht, kann's gewiß nicht,« erwiederte Dumps.

»Warum denn nicht? Jemima wird es für sehr unfreundschaftlich halten. Es macht ja doch nur geringe Mühe.«

»Was die Mühe anbelangt,« erwiederte der unglücklichste Mann von der Welt, »so schlage ich diese gar nicht an; allein meine Nerven sind in einem solchen Zustande – daß ich die Taufhandlung nicht wohl auszuhalten vermag. Sie wissen, daß ich nicht gerne ausgehe. – Um Gotteswillen, Charles, schaukeln Sie nicht auf dem Stuhle, – man könnte wahnsinnig dabei werden.«

Herr Kitterbell hatte sich, ganz ohne Rücksicht auf seines Oheim's Nervenschwäche, seit ungefähr zehn Minuten auf dem Arbeitsstuhle desselben in der Luft geschaukelt, so daß die drei Beine in der Luft waren und er sich an dem Schreibtische festhielt.

»Ich bitte um Verzeihung, Oheim,« sagte Kitterbell beschämt, während er plötzlich seinen Anhaltspunkt am Schreibtische fahren ließ und dadurch die drei spazierenden Stuhlfüße mit solcher Gewalt auf den Boden stieß, daß sie beinahe die Dielen durchbohrt hätten. »Aber kommen Sie doch, schlagen Sie es mir nicht ab. Wenn's ein Knabe ist, so müssen wir ja zwei Taufpathen haben.«

»Wenn es ein Knabe ist?« versetzte Dumps; »warum können Sie mir denn nicht gleich sagen, ob es ein Knabe ist oder nicht?«

»Dieß würde ich herzlich gern thun, wenn ich nur könnte; aber es ist in der That ein Ding der Unmöglichkeit, denn das Kind ist noch nicht geboren.«

»Noch nicht geboren!« wiederholte Dumps, während ein Hoffnungsstrahl sein düsteres Antlitz erhellte. »Nun, es kann ja aber ein Mädchen werden, und dann bedürfen Sie meiner Pathenschaft nicht; oder es wird ein Knabe, dann kann er vor der Taufe sterben.«

»Das will ich nicht hoffen,« sagte der Vater, und machte ein sehr trübseliges Gesicht.

»Ich auch nicht,« beruhigte ihn Dumps, augenscheinlich vergnügt über seinen Einfall, und fing offenbar an, sich glücklich zu fühlen. »Ich auch nicht; allein es ist nicht selten, daß bei einem Kinde in den ersten zwei oder drei Tagen die betrübendsten Zufälle eintreten. Schlaganfälle, habe ich mir erzählen lassen, sind sehr gewöhnlich, und die heftigsten Krämpfe sind fast ganz natürliche Sachen.«

»Gott, Oheim!« seufzte der kleine Kitterbell und schnappte nach Athem.

»Ja wohl; meine Hauswirthin kam kürzlich auch nieder – es war – wann war es doch gleich – ja, am letzten Dienstage: ein ganz allerliebster Knabe. – Donnerstag Abends saß die Amme mit dem Kleinen auf dem Schooße vor dem Kamine, er war so munter, als nur immer möglich – plötzlich wird er ganz blau im Gesicht, – bekommt erschreckliche Krämpfe – man ruft den Arzt – wendet alle möglichen Mittel an – aber –«

»Wie fürchterlich!« unterbrach ihn Kitterbell mit Schrecken erfüllt.

»Das Kind starb natürlich. Sollte aber Ihr Kind nicht sterben und die Taufe erleben, so werde ich dann freilich, wenn es ein Knabe ist, wohl Gevatter sein müssen.«

Dumps war augenscheinlich im Vertrauen auf seine bösen Vorahnungen guter Laune geworden.

»Ich danke Ihnen, Oheim,« sagte der erschütterte Neffe und drückte ihm die Hand so herzlich, als wenn er ihm den wesentlichsten Dienst geleistet hätte. »Ich thue vielleicht am besten, wenn ich meiner Frau Nichts von dem mittheile, was Sie mir da gesagt haben.«

»Ja, wenn sie nervenschwach ist, möchte es vielleicht gut sein, wenn Sie ihr wenigstens den trübseligen Vorfall meiner Hauswirthin verschwiegen,« erwiederte Dumps, der natürlich die ganze Geschichte blos erfunden hatte; »obgleich es eigentlich Ihre Pflicht als Ehemann wäre, sie jedenfalls auf das Schlimmste vorzubereiten.«

Als Dumps ein paar Tage später in dem Kosthause, das er regelmäßig besuchte, die Zeitung las, fiel ihm folgende Anzeige in die Augen:

»Geborne. – Am Sonnabend den 18. dieses in Great-Russel-Street,
dem Charles Kitterbell, Esq., ein Sohn.«

»'s ist ein Knabe!« rief er aus und warf die Zeitung zum Erstaunen des Aufwärters hastig auf den Tisch, »ein Knabe!« faßte sich jedoch bald wieder, da seine Blicke gleich nachher auf die lange Liste gestorbener Kinder fielen.

Sechs Wochen waren abgelaufen und da Dumps keine Mittheilung von Kitterbells erhalten hatte, fing er schon an, sich zu schmeicheln, daß das Kind gestorben wäre, als folgendes Billet seine Hoffnungen schmerzlich zerstörte.

»Great-Russel-Street,
»Montag Morgens.

»Theuerster Oheim!

»Es wird Ihnen großes Vergnügen machen, von mir zu hören, daß meine theure Jemima ihr Wochenbett verlassen hat, und daß Ihr künftiger Pathe vortrefflich gedeiht. Er war Anfangs sehr mager und schmächtig, aber nun wird er immer stärker, und die Amme sagt, daß er mit jedem Tage mehr zunähme. Er schreit ziemlich viel und hat eine ganz besondere Farbe, was Jemima und mir viele Sorge machte. Doch, da die Amme sagt, daß es so sein müsse und wir natürlich von dergleichen Sachen noch nicht viel verstehen, so beruhigen wir uns vollkommen bei dem, was die Amme meint. Wir glauben, es wird ein sehr kluges Kind geben, und die Amme glaubt es ganz gewiß, weil er nie einschlafen will. Sie werden wohl gerne glauben, daß wir uns Alle sehr glücklich fühlen; nur sind wir ein wenig müde und matt, denn er hält uns fast die ganze Nacht über immer wach; doch an dieß müssen wir uns, wie die Amme sagt, die ersten sechs bis acht Monate schon gewöhnen.

»Er ist geimpft worden, allein in Folge der Operation, die eigentlich etwas ungeschickt vorgenommen wurde, sind einige Glassplitter mit dem Impfstoffe in den Arm gerathen, woher es vielleicht kommen mag, daß er ein wenig unleidlig ist; wenigstens meint dieß die Amme. Wir denken, ihn am Freitage um zwölf Uhr, in der St. George-Kirche, in Hart-Street, Frederick Charles William taufen zu lassen. Ich bitte, kommen Sie nicht später, als ein Viertel vor zwölf Uhr. Wir werden einige Freunde zum Abendessen bei uns sehen, an welchem Sie natürlich Theil nehmen müssen. Es thut mir leid, hinzufügen zu müssen, daß der liebe Knabe heute ein wenig unruhig und böse ist, – ich fürchte, weil er Fieber hat.

»Meines theuern Oheims

»ergebenster Neffe
»Charles Kitterbell.«

P.S. »Ich öffne dieses Billet noch ein Mal, um Ihnen zu sagen, daß wir so eben des kleinen Fredericks Unruhe entdeckt haben. Nicht ein Fieber war Schuld daran, wie ich fürchtete, sondern eine Nadel, welche die Amme ihm zufällig gestern Abend in das Beinchen gestochen hat. Wir haben sie herausgezogen und er scheint sich jetzt besser zu befinden, doch weint er noch immer ziemlich viel.«

Es ist fast überflüssig, zu bemerken, daß obige interessante Mittheilung nicht sehr zur Erheiterung des hypochondrischen Dumps beitrug. Zurück konnte er nicht mehr, deßhalb machte er zum bösen Spiele gute Miene – das heißt, eine äußerst jammervolle – und ließ sich für den jungen Kitterbell einen hübschen silbernen Becher mit den Anfangsbuchstaben »F. C. W. K« nebst den gewöhnlichen Verzierungen von Traubenlaub und einem großen Henkel verfertigen.

Der Montag war schön, der Dienstag noch schöner, der Mittwoch diesen beiden gleich und der Donnerstag übertraf sie alle; vier schöne Tage hintereinander in London! Die Miethkutscher fingen an aufrührerisch zu werden und die Straßenkehrer begannen an dem Dasein einer Vorsehung zu zweifeln. Der Morning-Herald theilte seinen Lesern mit, man habe eine alte Frau in Camden-Town sagen hören, daß sich die »ältesten Leute keines so anhaltend schönen Wetters zu erinnern wüßten;« und die Schreiber in Islington mit großen Familien und kleinen Gehalten legten ihre schwarzen Gamaschen auf die Seite, verabschiedeten ihre ehemals grün gewesenen baumwollenen Regenschirme und stolzirten in weißen Strümpfen und blankgewichsten Schuhen nach der Stadt. – Dumps blickte auf Alles dieß mit der Miene tiefster Verachtung herab; – er war seines Triumphes gewiß, er lag auf platter Hand. – Der Unglückliche wußte, daß es regnen würde, sobald er ausginge, und wenn das Wetter vier Wochen statt vier Tage schön gewesen wäre; er fühlte sich erbärmlich glücklich in der Ueberzeugung, daß der Freitag ein heilloser Tag sein werde – und so war es auch.

»Ich wußte es ja, daß es so kommen würde,« sagte Dumps, als er sich Freitag Morgens um halb zwölf Uhr Mansion-House gegenüber umschaute; – »ich wußt' es voraus, denn ich bin ja im Spiele, und das ist genug.«

Wirklich war der Anfang des Tags hinreichend schlecht, um auch noch munterere Herzen, als Dumps, zu entmuthigen. Es hatte seit acht Uhr ohne Unterlaß geregnet; Alles, was Cheapside hinauf- oder hinabging, sah naß, erfroren und schmutzig aus. Alle Sorten vergessener oder längst bei Seite gestellter Regenschirme wurden wieder in Requisition gesetzt; Cabriolets rollten mit ihren Passagieren hin, und diese saßen hinter ihren Calico-Vorhängen so sorgfältig verhüllt, wie ein mysteriöses Bild auf Frau Radcliff's Schlössern; die Omnibuspferde rauchten gleich Dampfmaschinen; Niemand dachte daran, unter Thorwegen oder Bögen »unterzustehen«, denn man hatte die trostlose Ueberzeugung, daß keine Hoffnung auf Besserwerden vorhanden sei; und so ging Jedermann schnell seines Weges, Alles drängte und stieß einander, fluchte, schwitzte und glitt dahin gleich Schlittschuhläufern hinter den Stuhlschlitten an einem frostigen Sonntage auf der Serpentine.

Dumps blieb stehen und überlegte; vom Gehen konnte keine Rede sein, da er sich zu der Taufe schon herausgeputzt hatte. Nahm er ein Cabriolet, so war er sicher, umgeworfen zu werden; eine Miethkutsche war ihm aber bei seinen ökonomischen Grundsätzen zu theuer. An der Straßenecke hielt ein Omnibus – der Fall war verzweifelt – er hatte nie gehört, daß ein Omnibus umgeworfen, oder daß die Pferde mit einem solchen durchgegangen wären, und wenn ihn der Conducteur prügelte, so konnte er ihn dagegen zur Rechenschaft ziehen.

»He, Sir!« rief ihm der junge Gentleman zu, der die Würde eines Conducteurs bei dem »Dorfburschen« – so hieß besagte Maschine – bekleidete.

Dumps ging hinüber.

»Hieher, Sir!« schrie der Kutscher des »Komm zu mir« und fuhr augenblicklich vor seines Nebenbuhlers Wagen – »hierher, Sir – der ist voll.« Dumps zögerte, worauf der »Dorfbursche« sich in einen Strom von Schimpfworten gegen den »Komm zu mir« ergoß. Aber der Wagenlenker des »Admiral Napier« glich den Streit auf eine für beide Parteien höchst befriedigende Weise aus; er zerrte Dumps von dem Kampfplatze hinweg, packte ihn um den Leib und schleuderte ihn mitten in sein Fuhrwerk hinein, das im Augenblicke angekommen war und welchem blos noch der Sechszehnte fehlte.

»Alles in Ordnung,« sagte der »Admiral«, und dahin donnerte das Gebäude gleich einer Feuerspritze im vollen Galopp mit seinem gepreßten Gaste, der dastand, wie ein halbaufgeklappter Stiefelknecht, und bei jedem Stoße der Maschine bald auf die eine, bald auf die andere Seite fiel, wie »Jack im Green«, wenn er am Maitage der Dame mit dem Messingkochlöffel hin- und hertaumelnd nachfolgt.

»In des Henkers Namen, wo soll ich denn in dem verdammten Kasten hinsitzen?« fragte der unglückliche Mann einen alten Herrn, welchem er eben zum vierten Male auf den Leib gefallen war.

»Wo Sie wollen, nur nicht auf meinen Brustkasten,« erwiderte der alte Herr verdrießlich.

»Vielleicht würde es dem Gentleman auf dem Außensitze besser zusagen,« meinte ein armselig aussehender Advokatenschreiber in buntem Hemde mit hämischem Gesichte.

Nach vielen Anstrengungen und mehrfachem Hin- und Herpurzeln gelang es Dumps endlich, sich in einen Platz hineinzuzwängen, wodurch er, das Mißgeschick abgerechnet, sich zwischen einem Fenster, welches nicht schließen wollte, und einer Thüre, die offen bleiben mußte, zu befinden, hart an einen Passagier zu sitzen kam, der seit vier Stunden ohne Schirm umhergewandert war und aussah, als ob er den ganzen Tag in einer vollen Wasserbütte gelegen hätte, – nur noch etwas nässer.

»Schlagen Sie doch die Thüre nicht so zu,« sagte Dumps zu dem Conducteur, als dieser die Thüre wieder schloß, nachdem er vier Passagiere hinausgelassen hatte; »ich bin sehr nervenschwach – es bringt mich um.«

»Hat eben Einer von den Gen'lm'n was g'sagt?« entgegnete der Conducteur, streckte den Kopf in den Wagen und stellte sich, als ob er es nicht verstanden hätte. –

»Ich sagte, Sie möchten die Thüre nicht so zuschlagen,« wiederholte Dumps und machte ein Gesicht dazu, wie der Eichelober in Krämpfen.

»Ah, so! 's ist halt ein besonderer Umstand mit der Thür da, Sir; sie will nicht schließen, wenn man sie nicht zuschlägt,« erwiederte der Conducteur, öffnete die Thüre abermals ungeheuer weit und schlug sie zum Beweise seiner Versicherung mit schrecklichem Krachen zu.

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir,« redete ein kleiner, engbrüstiger alter Mann Dumps an, »aber haben Sie nie bemerkt, wenn Sie an einem regnerischen Tage in einem Omnibus fuhren, daß von fünf Passagieren immer vier große baumwollene Regenschirme haben, an welchem weder Handgriffe, noch Messingzwingen mehr sind?«

»Nein, Sir,« erwiederte Dumps, – es schlug gerade zwölf Uhr – »dieß ist mir noch nie aufgefallen; aber nun, da Sie mich aufmerksam machen, so – – Holla! Holla!« schrie der Schmerzensmann, eben als der Omnibus an Drury-Lane vorüberrasselte, wo er abgesetzt werden wollte. – »Wo ist der Conducteur?«

»Ich denke auf dem Bocke, Sir,« sagte der oben besagte junge Herr mit dem bunten Hemde, welches aussah, als ob es mit rothen Dintenstreifen illuminirt worden wäre.

»Ich verlange abgesetzt zu werden!« sagte Dumps mit schwacher Stimme, ganz schachmatt von der vorherigen Anstrengung.

»Ich meine, diese Conducteurs sollten abgesetzt werden,« erwiederte der Advokatenschreiber und lachte über seinen Witz hellauf.

»Holla!« schrie Dumps abermals.

»Holla!« wiederhallte es von den Passagieren.

Der Omnibus rollte an der St. Giles-Kirche vorüber.

»Halt!« rief endlich der Conducteur; – »Gott straf' mich, wir haben ja den Gen'lm'n vergessen, der in Drury-Lane abgesetzt werden wollte. – Nun, Sir, beeilen Sie sich ein wenig, wenn Sie so gut sein wollen.« Damit öffnete er die Wagenthüre und half ihm gleichgültig heraus, als ob »Alles in der Ordnung« wäre. Nun trug aber doch auf ein Mal Dumps' Entrüstung den Sieg über seinen cynischen Gleichmuth davon. »Drury-lane!« keuchte er mit der Stimme eines Knaben, welcher das erste Mal in ein kaltes Bad gesetzt wird.

»Duhry-lane, Sir? – Ja, Sir, – an der dritten Ecke rechter Hand, Sir.«

Dumps' Zorn hatte den höchsten Grad erreicht; er spannte den Schirm auf und war im Begriffe fortzugehen, mit dem festen Entschluß, den Fuhrlohn nicht zu bezahlen. Merkwürdiger Weise traf es sich aber, daß der Conducteur gerade der entgegengesetzten Meinung war, und der Himmel weiß, wie weit diese Meinungsverschiedenheit noch geführt haben würde, wenn sie nicht durch den Kutscher auf höchst gewandte und befriedigende Weise zur Entscheidung gebracht worden wäre.

»Holla!« rief das ehrenwerthe Individuum, stellte sich auf seinem Bocke in die Höhe und lehnte sich mit einer Hand an das Dach des Omnibus; »Holla, Tom! Sag' dem Herrn, wenn er sich so sehr beschwert fühlte, wollten wir ihn umsonst nach der Edge–er (Edgeware) Straße mitnehmen und ihn bei Duhry-lane absetzen, wenn wir zurückkämen. Da kann er Nichts entgegen haben.«

Gegen diese Entscheidung war in der That Nichts einzuwenden: Dumps bezahlte die bestrittenen Sixpence und stand in einer Viertelstunde an der Hausthüre von Nr. 14 Great-Russel-Street.

Hier sah man aus Allem, daß Vorbereitungen zum Empfange »einiger Freunde« für den Abend getroffen wurden. Zwei Dutzend Extra-Kelche und vier ditto Weingläser – die alles Andere, nur nicht durchsichtig waren, mit kleinen Stückchen Stroh darin – standen auf einem Brette im Gange und schienen eben angelangt zu sein; auf der Treppe roch es nach Nichts, als Muskatnüssen, Mandeln und Portwein; die Ueberzüge über die Treppenteppiche waren weggenommen und eine Statue der Venus, am ersten Absatze, sah aus, als ob sie sich an dem Compositionsleuchter in ihrer rechten Hand schämte, was herrlich mit dem von Lampenruß geschwärzten Gewande der Liebesgöttin contrastirte.

Ein sehr erhitzt und geschäftig aussehendes Hausmädchen führte Dumps in ein vorderes, prächtig meublirtes Besuchzimmer, in welchem auf allen Tischen Blumenkörbchen, bunte Obstteller, Porzellan-Figuren, gemalte und vergoldete Albums und regenbogenfarbig gebundene kleine Bücher zur Schau ausgestellt waren.

»Ach, Oheim!« rief ihm Herr Kitterbell entgegen, »wie befinden Sie sich? Erlauben Sie mir – liebe Jemima – mein Oheim – Ich denke, Sie haben Jemima schon gesehen, Sir?«

»Habe schon das Vergnügen gehabt,« erwiederte der lange Dumps, doch so, daß sein Ton und seine Mienen es sehr zweifelhaft machten, ob er je in seinem Leben ein solches Gefühl empfunden.

»Gewiß,« sagte Frau Kitterbell mit ganz mattem Lächeln und ein bischen hustend; »gewiß – hm – jeder Freund meines Charles – hm – noch vielmehr aber ein Verwandter – ist –«

»Ich weiß, wie du denkst, Liebe« – unterbrach der kleine Kitterbell seine Frau und blickte sie ganz schmachtend an, sah aber dabei aus, als ob er nach den Häusern gegenüber schaute, – »der Himmel segne dich dafür.« Diese letzten Worte begleitete er mit einem so rührenden Lächeln und einem so zärtlichen Händedrucke, daß Oheim Dumps' ganze Galle rege wurde.

»Jane, sag' der Amme, sie soll den Kleinen herbringen,« befahl Frau Kitterbell dem Hausmädchen.

Frau Kitterbell war eine große, schmächtige junge Frau mit sehr hellen Haaren und einem ausnehmend weißen Gesichte, – eine von den jungen Frauen, die Einem fast unvermeidlich, ohne daß man eigentlich genau zu sagen wüßte warum, den Gedanken an einen kalten Kalbsbraten hervorrufen.

In Kurzem trat die Amme mit einem merkwürdig kleinen, in einen kleinen blauen Mantel mit weißer Pelzverbrämung eingepackten Bündel auf dem Arme in das Zimmer. Dieß war der Stammhalter.

»Nun, Oheim,« sagte Herr Kitterbell, während er mit triumphirender Miene den Mantel so weit lüftete, daß man des Kindes Gesicht sehen konnte, »wem sieht er wohl ähnlich?«

»He! He! Ja, wem?« kicherte Frau Kitterbell, nahm ihres Gatten Arm und sah Dumps mit so viel Theilnahme in das Gesicht, als sie nur je zu zeigen im Stande war.

»Guter Gott, wie klein er ist!« rief der liebenswürdige Oheim aus und fuhr mit sehr gut nachgemachtem Erstaunen drei Schritte weit zurück, »wahrhaftig, merkwürdig klein.«

»Glauben Sie das wirklich?« fragte der arme kleine Kitterbell etwas verblüfft. »Er ist jetzt ein Monstrum im Vergleich zu dem, was er früher war – nicht wahr, Amme?«

»Ach, er ist so ein liebes Herzchen,« sagte die Amme, um der Frage auszuweichen, und drückte das Kind an sich – nicht weil sie Anstand genommen hätte, eine Unwahrheit zu sagen, sondern weil sie die halbe Krone nicht verscherzen wollte, welche sie von Dumps zu erwarten hatte.

»Gut, aber wem gleicht er denn?« fragte der kleine Kitterbell abermals.

Dumps sah auf das kleine scheckige Ding vor ihm hin und sann eben einen Augenblick nach, wie er die jungen Eltern am besten kränken könnte.

»Ich weiß wirklich nicht, wem er eigentlich gleicht,« antwortete er, wußte aber gar wohl, was man für eine Antwort von ihm erwartet hatte.

»Glauben Sie nicht, daß er mir ähnlich sieht?« fragte nun sein Neffe mit pfiffiger Miene.

»O nicht entfernt!« erwiederte Dumps mit einem Nachdruck, der nicht zu mißdeuten war. »Ihnen gleicht er nicht. – Im Geringsten nicht!«

»Gleicht er Jemima?« fragte Kitterbell kleinlaut.

»Nein, Lieber, auch nicht; nicht die Spur! Ich bin natürlich in solchen Sachen kein kompetenter Richter, aber ich glaube wirklich, daß er mehr einer jener kleinen interessanten Steinfiguren ähnlich ist, wie man sie zuweilen auf Grabsteinen findet, so ein Posaunenengel!«

Die Amme beugte sich über das Kind nieder und gab sich alle Mühe, ein lautes Gelächter zu unterdrücken. Pa' und Ma' sahen fast ebenso jammervoll aus, als der liebenswürdige Herr Oheim.

»Gut!« sagte der in seinen Hoffnungen getäuschte kleine Vater, »Sie werden sich schon noch besser überzeugen, wem er allenfalls ähnlich sieht. Heute Abend sollen Sie ihn ohne Mantel sehen.«

»Das soll mir lieb sein,« entgegnete Dumps, innerlich vergnügt über den Erfolg seiner Bosheit.

»Nun aber, Liebe,« sagte Kitterbell zu seiner Frau, »ist es Zeit, daß wir aufbrechen. Wir werden die übrigen Taufpathen in der Kirche treffen, Oheim, – Herr und Frau Wilson, unsere Nachbarn über der Straße, sehr liebe Leute. Meine liebe Jemima, hast du dich doch auch wohl verwahrt?«

»Ja, lieber Mann.«

»Solltest du nicht lieber noch einen weitern Shawl umwerfen?« fragte der besorgte Gatte.

»O nein, mein liebes Herz,« erwiederte die bezaubernde Mutter und nahm Dumps' dargebotenen Arm.

Die kleine Gesellschaft stieg nun in die Miethkutsche, um nach der Kirche zu fahren. Während der Fahrt unterhielt Dumps Frau Kitterbell dadurch, daß er ihr sehr weitläufig auseinandersetzte, welchen Gefahren die Kinder durch Masern, Blattern, Zahnfieber und andere namhafte Krankheiten ausgesetzt seien.

Die Tauffeierlichkeit (welche ungefähr fünf Minuten dauerte) ging ohne etwas Besonderes vorüber. Der Geistliche war zu einem Mittagessen in einer entfernten Vorstadt eingeladen und hatte vorher noch in weniger als einer Stunde zwei Wöchnerinnen einzusegnen, drei Kinder zu taufen und einen Leichengottesdienst zu halten. Die Taufpathen versprachen sofort, dem Teufel und all' seinen Werken zu entsagen, »und dergleichen« – wie der kleine Kitterbell sagte – »so schnell man eine Hand umdreht,« nur hätte wenig gefehlt, daß Dumps das Kind in das Taufbecken fallen ließ, als er es dem Geistlichen darhielt; die ganze Handlung ging in dem üblichen Geschäfts- und Gewohnheits-Style vor sich, und Dumps verfügte sich mit schwerem Herzen und mit der traurigen Gewißheit, daß er bei der heutigen Abendgesellschaft schon in Einnahme gestellt sei, um zwölf Uhr wieder nach den Bank-gates.

Der Abend kam – und mit ihm auch Dumps in Schuhen, schwarzen seidenen Strümpfen und weißem Halstuche, welche er sich durch einen Jungen von Pentonville hatte bringen lassen. Der gebeugte Taufpathe machte seine Toilette auf dem Zimmer eines Freundes und ging dann, da sich das Wetter aufgeklärt hatte und der Abend erträglich geworden war, nach Great-Russel-Street in einer Stimmung von fünfzig Graden unter Null zu Fuße. Langsam schritt er Cheapside- und Newgate-Street hinauf, Snow Hill hinunter und Holborn ditto hinauf, eben so grimmig aussehend, wie ein Kopf an dem Vordertheile eines Kriegsschiffes, und bei jedem Schritte fand er neue Ursachen zum Verdruß. Eben drehte er sich um die Ecke von Hatton-Garden, als ein dem Anscheine nach Betrunkener an ihn hintaumelte und ihn sicher niedergerannt haben würde, hätte ihn nicht ein ganz junger Herr aufgefangen, welcher zufällig in demselben Augenblicke hart an ihm vorüberging. Der Stoß hatte jedoch Dumps' Nerven so erschüttert und seinen Anzug dergestalt in Unordnung gebracht, daß er kaum mehr auf seinen Beinen stehen konnte. Der Herr gab ihm den Arm und begleitete ihn höchst dienstfertig bis zu Turnivals-Hotel. Dumps empfand zum ersten Male in seinem Leben eine Regung von Erkenntlichkeit und Höflichkeit: er schied von dem gentlemanisch aussehenden jungen Manne unter Versicherungen der lebhaftesten Dankbarkeit.

»Es gibt doch wenigstens einige ordentliche Menschen in der Welt,« brummte der misanthropische Dumps im Weitergehen vor sich hin.

»Rat-tat-ta-ra-ra-ra-ra-rat,« klopfte ein Miethkutscher an Kitterbells Thüre, um einen Gentlemansbedienten nachzuahmen, gerade als Dumps dort anlangte, und aus dem Wagen stiegen eine alte Dame mit großem Hute, ein alter Herr mit blauem Rocke und drei weibliche Kopien der alten Dame in Rosa-Kleidern und dergleichen Schuhen.

»Es ist eine große Gesellschaft,« ächzte der unglückliche Taufpathe, wischte sich den Schweiß von der Stirne und lehnte sich gegen den Hofzaun. Es dauerte eine ziemliche Weile, ehe der unglückliche Gentleman es über sich gewinnen konnte, an der Thüre zu klopfen, und als er eingelassen wurde, gaben ihm leider die wichtige Miene des Nachbars Gemüsehändlers (der um sieben Shillinge und sechs Pence zum Aufwärter gemiethet worden war, und dessen Waden allein schon das Doppelte werth gewesen wären), die Lampen in der Hausflur und die Venus am Eingange, endlich noch das Summen der vielen Stimmen, nebst den Tönen einer Harfe und zweier Violinen die schreckliche Gewißheit, daß seine Vermuthungen nur allzuwohl gegründet seien.

»Ah – wie geht's Ihnen,« sagte der kleine Kitterbell und kam in größter Geschäftigkeit, einen Korkzieher in der Hand und verschiedene Sägespäne, die gleich verkehrten Comma's auf seinen Inexpressibles lagen, aus einem kleinen Hinterzimmer seinem Oheim entgegengelaufen.

»Guter Gott!« seufzte Dumps, als er in das Hinterzimmer trat, um seine Schuhe anzuziehen, die er in der Rocktasche mitgebracht hatte, – erblaßte aber noch mehr bei dem Anblicke von sieben frisch ausgezogenen Pfropfen und einer entsprechenden Anzahl von Flaschen. »Wie viele Personen sind denn oben?«

»O, nicht über fünfunddreißig. Wir haben den Teppich in dem hintern Gesellschaftszimmer wegnehmen lassen, und das Fortepiano und die Spieltische sind im vorderen Zimmer. Jemima glaubte, dieses Zimmer würde am Besten zu einem förmlichen Souper passen, worauf sie namentlich wegen des Redenhaltens und dergleichen bestand. Aber um Gottes willen, was ist Ihnen?« fuhr der kleine Mann ganz erschrocken fort, denn Dumps stand da mit einem Schuhe und visitirte seine Taschen unter den fürchterlichsten Grimassen.

»Haben Sie etwas verloren – Ihr Taschentuch doch nicht?«

»Nein,« erwiederte Dumps mit einer Stimme, wie Desdemona mit dem Kissen auf dem Munde, und fuhr bald in die eine, bald in die andere Tasche.

»Ihr Karten-Etui? – Ihre Schnupftabaksdose? Ihren Hausschlüssel?« ließ Kitterbell wie Blitze Frage auf Frage nach einander folgen.

»Nein, nein!« ächzte Dumps und fuhr immer wieder mit großer Beharrlichkeit in seinen leeren Taschen herum.

»Doch nicht – nicht den Becher, von dem Sie diesen Morgen gesprochen?«

»Ja, den Becher!« stöhnte der Schmerzenssohn und sank auf seinen Stuhl.

»Wie konnte das aber nur zugehen?« fragte Kitterbell. »Wissen Sie gewiß, daß Sie ihn eingesteckt haben?«

»Ja, ja! Jetzt geht mir ein Licht auf!« rief Dumps plötzlich aus und fuhr auf, denn wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: »Ich unglücklicher Mensch – ich bin zum Leiden geboren. Jetzt ist es mir klar vor den Augen; es war der feine, dienstfertige junge Herr.«

»Herr Dumps!« schrie der Gemüsehändler mit einer Stentor-Stimme, als er dem – einigermaßen wieder zu sich gekommenen – Pathen eine halbe Stunde nach diesem Vorfalle die Thüre des Gesellschaftszimmers öffnete. »Herr Dumps!«

Aller Augen wendeten sich nach der Thüre und herein kam Herr Dumps, der sich ungefähr eben so behaglich an seiner Stelle fühlte, als ein Lachs auf dem Sandboden.

»Sehr erfreut, Sie wieder zu sehen,« sagte Frau Kitterbell, welche gar nichts von des unglücklichen Mannes Verwirrung und Jammer wußte; »Sie gestatten mir, Sie einigen unserer Freunde vorzustellen! – Meine Mutter, Herr Dumps – mein Vater – meine Schwestern.« Dumps schüttelte die Hand der Mutter mit so viel Wärme, als wenn Sie seine eigene Mutter gewesen wäre, und verbeugte sich vor den jungen Damen und gegen einen Herrn hinter ihm; von dem Vater, der sich seit drei und einer viertel Minute unaufhörlich verbeugte, nahm er lediglich gar keine Notiz.

»Oheim,« sagte der kleine Kitterbell, nachdem Dumps einem oder zwei Dutzenden Auserwählter vorgestellt worden war, »Sie müssen mir erlauben, daß ich Sie dort unten meinem Freunde Danton vorstelle. Ein trefflicher Mensch! Ich bin überzeugt, daß er Ihnen gefallen wird, – hier, wenn Sie die Güte haben wollen.«

Dumps ließ sich eben so folgsam leiten, wie ein zahmer Bär.

Herr Danton war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit einem ansehnlichen Vorrathe von Unverschämtheit und einem desto kleineren an Verstand. Er war ein großer Günstling der jungen Damen von sechszehn bis fünfundzwanzig Jahren (beides einschließlich); er konnte das Waldhorn bewunderungswürdig nachahmen, sang komische Lieder fast ohne seines Gleichen, und hatte die liebenswürdige Gabe, seinen in ihn vergafften Verehrerinnen auf das Unverschämteste das nichtssagendste Zeug von der Welt in der einnehmendsten Weise vorzuschwatzen. Gott weiß, wie er zu dem Rufe gelangt war, ein äußerst witziger Kopf zu sein, und sonach lachte Jedermann aus vollem Halse, so oft er nur den Mund öffnete.

Die Vorstellung fand in geziemender Form statt. Herr Danton verbeugte sich und drehte ein Damentaschentuch, das er in der Hand hielt, auf eine höchst komische Weise zusammen. Alles lächelte.

»Sehr warm,« sagte Dumps, der es für nothwendig hielt, doch Etwas zu sagen.

»Ja. Es war gestern noch wärmer,« erwiederte der witzige Herr Danton – ein allgemeines Gelächter erfolgte.

»Es gereicht mir zum großen Vergnügen, Sie bei Ihrem ersten Auftreten in der Eigenschaft als Vater beglückwünschen zu können, Sir,« fuhr er fort, indem er sich wieder an Dumps wandte – »Gevatter – wollte ich sagen.«

Die jungen Damen bekamen schier Krämpfe vor Lachen, und die Herren waren ganz außer sich. Ein allgemeines Bewunderungsgesumm unterbrach nun das Gespräch; die Amme kam mit dem Kleinen. Augenblicklich bildeten die jungen Damen einen Kreis um Beide, denn die Mädchen sind, wie man weiß, in Gesellschaft stets unendlich verliebt in die kleinen Kinder.

»O, du lieber Kleiner,« sagte Eine.

»Wie süß!« rief eine Andere in dem sanften Tone enthusiastischer Bewunderung.

»Himmlisch!« fügte eine Dritte hinzu.

»O, was für allerliebste Aermchen!« sagte eine Vierte, und hielt ein Aermchen des Kindes in die Höhe, das ungefähr von der Größe und Gestalt eines sauber gerupften Hühnerbeines war.

»Haben Sie schon einmal« – sagte eine kleine Kokette, welche aussah wie eine französische Lithographie, und wandte sich mit gewaltigem Wesen an einen Herrn mit drei Westen. – »Haben Sie je schon einmal –«

»In meinem Leben nie,« erwiederte ihr Verehrer und zupfte seinen Vatermörder in die Höhe.

»O, geben Sie mir es einmal, Amme!« sagte eine andere junge Dame. »Das herzige Kind.«

»Macht es die Augen schon auf, Amme?« fragte wieder Eine, die vollkommenste Unschuld affektirend. – Kurz, sämmtliche ledige Damen declarirten das Kind einstimmig für einen Engel, und die Verheiratheten versicherten ebenfalls einstimmig, daß er entschieden der hübscheste Kleine wäre, den sie je gesehen – ihre eigenen ausgenommen.

Nun wurden die Quadrillen mit großem Eifer wieder begonnen, und Herr Danton trug das allgemeine Lob davon, daß er sich heute selbst übertreffe. Mehrere junge Damen entzückten die Gesellschaft und verrückten den Herrn die Köpfe durch ihre Gesänge, wie z. B. »Wenn mir dein etc.« – »Dein gedenk' ich etc.« – »So du willst treulos von mir scheiden?« und andere sentimentale und interessante Lieder.

»Die jungen Herren machten sich sehr angenehm,« wie Frau Kitterbell sagte; die Mädchen machten sich die Gelegenheit auch zu Nutze, und Alles versprach einen excellenten Abend. – Dumps war anderer Meinung; er hatte sich einen Plan – einen kleinen Spaß nach seiner Art ausgedacht, und war beinahe vergnügt! Er spielte einen Rubber und machte nicht einen einzigen Point. Herr Danton bemerkte höchst witzig, Einen Point habe er doch gemacht, denn das Spiel zu verlieren sei von vornherein schon sein Point gewesen. – Alles lachte aus Leibeskräften. Dumps gab dafür einen weit besseren Scherz zurück, aber Niemand lächelte, den Wirth ausgenommen, der es für seine Schuldigkeit zu halten schien, über Alles zu lachen, bis er schwarzblau im Gesichte war. Nur Eins ging nicht, wie es sollte: die Musiker spielten nicht ganz so feurig, als man gewünscht hätte. Die Ursache wurde übrigens zur Genüge erklärt, denn es ging aus dem Zeugnisse eines der anwesenden Herren hervor, welcher des Nachmittags von Gravesend heraufgekommen war, daß sie den ganzen Tag über an Bord eines Gravesend-Dampfschiffes auf dem Hin- und Herwege gespielt hatten.

Das »förmliche Abendessen« war ausgezeichnet. Es standen vier Gerstenzucker-Tempel auf der Tafel, die sich recht hübsch ausgenommen haben würden, wenn sie nicht, noch ehe das Souper begann, zusammengeschmolzen wären; ferner eine Wassermühle, wobei der einzige Fehler war, daß das Rad nicht herum, sondern das Wasser auf das Tischtuch lief. Ferner waren da Geflügel, Zungen und allerlei Zubehör, Süßes, Hummernsalat, eingemachtes Fleisch, kurzum alle mögliche Leckerbissen; aber so oft auch der kleine Kitterbell nach reinen Tellern rief, die reinen Teller kamen immer nicht; darauf erklärten die Herren, welchen sie fehlten, es hätte gar nichts zu sagen, sie wollen ein Jeder den Teller einer Dame nehmen; und dann belobte sie Frau Kitterbell warm wegen ihrer Galanterie; und der Gemüsehändler rannte so lange hin und her, bis ihm seine 7 Sh. 6 P. sauer genug verdient däuchten; und die jungen Damen aßen nicht viel, aus Furcht, es möchte nicht romantisch aussehen, und die verheiratheten Damen aßen so viel als möglich, aus Furcht, sie möchten nicht genug bekommen; und eine ziemliche Masse Wein wurde getrunken, und viel wurde gesprochen und erklecklich gelacht.

»Bst! Bst!« sagte Herr Kitterbell und erhob sich mit sehr wichtiger Miene. »Meine Liebe (dieß war an seine Frau gerichtet, die am andern Ende des Tisches saß), sei so gut, für Frau Maxwell, deine Frau Mamma und die übrigen verheiratheten Damen zu sorgen; ich denke, die Herren werden die jungen Damen schon bewegen, ihre Gläser zu füllen.«

»Meine Damen und Herren,« begann der lange Dumps mit wahrer Grabesstimme im weinerlichsten Tone, und erhob sich gleich dem Geiste im Don Juan von seinem Stuhle, »wollen Sie die Gefälligkeit haben, Ihre Gläser zur Hand zu nehmen? Ich wünsche einen Toast auszubringen.«

Tiefes Stillschweigen erfolgte und die Gläser wurden gefüllt. – Jedermann nahm eine feierliche Miene an – der Uebergang vom Scherz zur Trauer, von der Freude zum Ernste.

»Meine Damen und Herren,« fuhr der unglückweissagende Dumps langsam fort, »ich« – (hier ahmte Herr Danton ein paar Waldhorntöne nach, und zwar so laut und natürlich, daß der nervenschwache Toastausbringer wie elektrisirt war und seine Zuhörer in ein konvulsivisches Lachen ausbrachen).

»Zur Ordnung, zur Ordnung!« rief Kitterbellchen, und trachtete seine Lachlust zu bekämpfen.

»Zur Ordnung!« riefen die Herren nach.

»Danton seien Sie doch ruhig,« rief ihm ein genauer Bekannter über den Tisch zu.

»Meine Damen und Herren,« begann Dumps abermals, der sich um so bälder wieder gefaßt hatte, als er nicht sehr aus dem Concepte gekommen war, denn er hatte Routine im Redenhalten – »in Uebereinstimmung mit dem bei dergleichen Veranlassungen, so viel ich weiß, herkömmlichen Gebrauche, habe ich es mir, als einem der Pathen Master Frederick Charles William Kitterbell's (hier bebte des Redners Stimme, denn er dachte an den Becher) – erlaubt, aufzustehen, um eine Gesundheit vorzuschlagen. Ich darf wohl kaum sagen, daß mein Vorschlag dahin geht, das Gedeihen und Wohlergehen des Herrchens zu trinken, dessen jungen Lebens erstes wichtiges Ereigniß zu feiern wir heute versammelt sind. (Beifall.) Meine Damen und Herren, wir können unmöglich annehmen, daß seine Eltern, unsere Freunde hier, denen wir Alle von ganzes Herzen jedes mögliche Glück wünschen, ohne alle Prüfung durch das Leben gehen werden, ohne zahlreiche Leiden, ernste Trübsale und schwere Verluste zu erfahren.« – Hier hielt der Erzverräther inne, zog langsam ein großes weißes Taschentuch heraus, und mehrere Damen folgten seinem Beispiele.

»Daß sie mit diesen Prüfungen möglichst lange verschont bleiben mögen, ist mein inbrünstiges Flehen, mein heißester Wunsch. (Ein schwerer Seufzer der Großmutter.) Ich hoffe und vertraue, meine Damen und Herren, daß das liebe Kind, dessen Taufe wir heute Abend zu feiern versammelt sind, den Armen seiner Eltern nicht durch einen frühzeitigen Tod entrissen (hier kamen verschiedene Taschentücher in Bewegung), daß diese junge und gegenwärtig anscheinend gesunde Gestalt nicht durch langwieriges Siechthum zerstört werden möge. (Dumps blickte sardonisch umher, denn unter den verheiratheten Damen gab sich große Rührung kund.) Ich bin überzeugt, daß mein Wunsch auch der Ihrige ist, – nämlich daß der Knabe lange leben möge zur Freude und zur Zufriedenheit seiner Eltern. (Hört! Hört! rief Herr Kitterbell und schluchzte vor Rührung.) Sollte er aber nicht so werden, wie wir wünschen, – sollte er einst vergessen, was er seinen Eltern schuldig ist, – sollten sie die traurige Erfahrung jener unglückseligen Wahrheit machen, daß ein wunderbares Kind noch schlimmer ist, als der Biß einer giftigen Schlange, –« hier wankte Frau Kitterbell, das Taschentuch vor den Augen, von mehreren Dienern begleitet, aus dem Zimmer und sank auf dem Gange in heftigen Krämpfen nieder, während sich ihre stärkere Hälfte in einem fast eben so schlimmen Zustande befand; Dumps hatte einen sehr vortheilhaften Eindruck zu seinen Gunsten hervorgebracht, denn Rührung lieben die Leute über Alles.

Es wird nicht nöthig sein, daß wir noch sagen, wie dieses Ereigniß der Harmonie des Abends ein plötzliches Ende machte. Essig, Hirschhorngeist und kaltes Wasser wurden nun eben so sehr in Anspruch genommen, als kurz zuvor Negus, Backwerk und Confekt.

Frau Kitterbell wurde alsbald in ihr Schlafgemach gebracht, die Musik verabschiedet, die Witze hörten auf und die Gesellschaft ging in aller Stille auseinander. Dumps verließ das Haus gleich im Anfange des Tumults und ging mit leichten Schritten und fröhlichen Herzens nach Hause. Seine Hauswirthin, die im anstoßenden Zimmer schläft, will eidlich erhärten, daß sie ihn auf seine eigentümliche Weise habe lachen hören, sobald er seine Thüre geschlossen hatte. Diese Behauptung ist jedoch so unzuverlässig und trägt so sehr das Gepräge der Unwahrheit, daß man ihr bis auf die heutige Stunde noch keinen Glauben schenkt.

Die Familie Herrn Kitterbell's hat sich seither ansehnlich vermehrt; er hat nunmehr zwei Söhne und eine Tochter, und da er in nicht sehr ferner Zeit einen Zuwachs zu seinem blühenden Geschlecht erwartet, so macht es ihm viel Sorge, einen paßlichen Taufpathen für den Ankömmling aufzufinden. Er ist jedoch entschlossen, demselben zwei Bedingungen zu stellen: erstlich muß er sich feierlich verpflichten, nach dem Abendessen durchaus keine Rede zu halten; die zweite unerläßliche Bedingung ist, daß er auf keinerlei Weise »mit dem unglücklichsten Manne von der Welt« in Verbindung stehen darf.


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