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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Ein Zug aus dem Leben des Herrn Watkins Tottle.

 

1.

Es ist sprichwörtlich bekannt, daß Heirathen kein Spaß, vielmehr eine sehr ernstliche Sache ist. Gleich einer überwiegenden Vorliebe für den Grog ist es ein Uebel, in welches man gar leicht verfällt, und aus dem man sich nicht ohne große Schwierigkeiten wieder herauszufinden vermag. Es hilft nichts, wenn man einem Menschen, welcher in diesem Punkte bedenklich ist, versichert, daß blos ein Anlauf dazu gehöre und dann die Sache auf Einmal abgethan sei. Man sagt den Unglücklichen, zum Tode Verurtheilten in Old-Bailey dasselbe, und sie finden weder in dem Einen, noch in dem Andern großen Trost.

Watkins Tottle war ein sehr ungewöhnliches Mixtum von außerordentlicher Heirathslust und blöder Ehestandsscheu. Er war etwa fünfzig Jahre alt, vier Fuß, sechs Zoll und drei Linien groß – wenn er nämlich Stiefeln anhatte – denn Strümpfe trug er nie – und war wohlbeleibt, sauber und rothwangig. Er sah ziemlich wie eine Titel-Vignette in Richardson's Romanen aus, und hatte so eine gewisse Saubere-Kravatte-Art in seinem Wesen und ein schürhakensteifes Auftreten, um welches ihn selbst Sir Charles Grandison beneidet haben würde. – Er lebte von einer Jahresrente, welche in Einer Hinsicht zu seiner Individualität vollkommen paßte, – sie war nämlich sehr klein. Der Betrag wurde ihm in periodischen Raten, je über den andern Montag, ausbezahlt, und er war am Ende der ersten Woche eben so regelmäßig damit fertig, als eine acht Tage lang gehende Uhr; dann – um das Gleichniß zu verfolgen – zog ihn seine Hauswirthin wieder auf, und er ging abermals seinen regelmäßigen Gang. –

Herr Watkins Tottle lebte bisher im Stande glückseliger Ehelosigkeit – wie die Junggesellen sagen – oder im Stande des verwünschten Jungfernthums – wie unverheirathete Frauenzimmer denken – demungeachtet hatte er aber stets Heirathsgedanken im Kopfe.

Wenn er so in seinen infalliblen Träumereien versunken war, dann zauberte ihm seine Phantasie das kleine Zimmer in Cecil-Street zu einem niedlichen Hause in einer Vorstadt um, – der halbe Zentner Kohlen unter der Küchentreppe verwandelte sich auf Einmal in drei Tonnen der besten von Walls-End, – seine kleine Bettstelle machte einem regelmäßigen Himmel-Ehebette Platz – und auf dem leeren Stuhle an dem Kamine saß eine hübsche junge Frau, welche möglichst wenig Eigensinn besaß, aber desto mehr Geld zu erwarten hatte.

»Wer ist da?« fragte Herr Watkins Tottle, als er eines Abends durch ein leises Pochen an der Zimmerthüre in seinen Betrachtungen unterbrochen wurde.

»Tottle, mein lieber Junge, was machen Sie?« sagte ein kleiner, runder, ältlicher Herr mit rauher Stimme, der rasch in das Zimmer trat, statt auf eine Antwort zu warten, wieder eine neue Frage stellte, und ihm dann mit großer Feierlichkeit die Hand schüttelte.

»Sie glaubten wohl nicht, daß ich Sie heute noch überfallen würde?« sagte der kleine Herr, und überließ erst nach einigem Sträuben und Ausweichen Tottle seinen Hut.

»Sehr erfreut, Sie bei mir zu sehen, sehr erfreut,« erwiederte Watkins Tottle, und wünschte ihn innerlich zu den Fischen in der Themse.

Die vierzehn Tage waren nämlich beinahe um, und Watkins ganz auf dem Trockenen.

»Wie befindet sich Mistreß Gabriel Parsons?« fragte Tottle.

»Recht wohl, danke der Nachfrage,« antwortete Herr Gabriel Parsons – denn so hieß besagter Herr. Nun trat eine kleine Pause ein; der kleine Herr sah in die linke Kaminecke und Tottle starrte in einiger Verlegenheit gerade vor sich hin.

»Recht wohl,« wiederholte Jener nach weitern fünf Minuten. »Ich möchte fast sagen, außerordentlich wohl,« fuhr er fort, und rieb sich die Hände so eifrig, als ob er durch die Friction Feuer machen wollte. –

»Wollen Sie nicht Etwas nehmen?« fragte Tottle plötzlich mit der Eile eines verzweifelten Menschen, der innerlich nichts sehnlicher wünscht, als daß sein Besuch Abschied nehmen möchte.

»O, ich weiß es selbst nicht. – Haben Sie ein Bischen Whisky?«

»Ja« –, erwiderte Tottle gedehnt, denn es war ihm blos darum zu thun, Zeit zu gewinnen, »vergangene Woche hatte ich ganz vortrefflichen, außerordentlich starken; leider ist er mir aber ausgegangen, es ist mir daher sehr – –«

»O, hat Nichts zu sagen, hat Nichts zu sagen, brauche keine Entschuldigung,« sagte der Kleine und lachte so herzlich, als ob er hocherfreut darüber sei, daß der treffliche Whisky ausgetrunken war.

Herr Tottle lächelte, – aber es war ein Lächeln der Verzweiflung.

Als Herr Gabriel Parsons endlich genug gelacht hatte, bemerkte er ganz bescheiden, daß er in Ermangelung von Whisky nicht abgeneigt wäre, etwas Branntwein anzunehmen.

Herr Watkins Tottle zündete mit großer Feierlichkeit eine Pennykerze an, brachte einen ungeheuern Schlüssel zum Vorschein, welcher eigentlich zur Hausthüre gehörte, aber gelegentlich als Kellerschlüssel figuriren mußte, und verließ das Zimmer, um seine Hauswirthin zu bitten, die Gläser füllen zu wollen und es in Gottes Namen aufzuschreiben.

Seiner Bitte ward alsbald entsprochen und der Schnapps schnell, – wenn auch nicht aus dem »tiefen Keller«, doch wenigstens aus einer benachbarten Schenke – herbeigeschafft.

Die beiden kleinen Herren mischten sich nun ihren Grog und saßen dabei so vertraulich am Kamine zusammen, als ob sie sich selbst räuchern wollten.

»Tottle,« sagte Herr Gabriel Parsons, »Sie kennen meine Weise – offen, gerade heraus zu sagen, was ich denke – bin kein Freund von Ziererei – halte Nichts auf die Leute, die immer hinter dem Berge halten und wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, noch weniger aber auf Solche, die einen baumwollenen Strumpf auffärben, daß er aussehen soll, als ob er von Seide wäre; – merken Sie einmal auf, was ich Ihnen sagen werde.«

Hier schwieg der Kleine und that einen herzhaften Zug Grog. Herr Watkins Tottle nippte ebenfalls an seinem Glase, schürte das Feuer zusammen und gab sich den Anschein, als sei er begierig zu hören.

»'s führt zu Nichts, eine lange Brühe über eine Sache zu machen,« fuhr der Kleine fort, – »Sie wünschen zu heirathen – nicht wahr?«

»Hm, ja, –« stotterte Herr Watkins Tottle ausweichend; denn er war so erschrocken, daß er heftig zitterte und ein plötzlicher Schauer seinen ganzen Körper durchrieselte – »hm – ich möchte wohl – wenigstens glaube ich.« –

»Wollen Sie etwa nicht,« sagte der Kleine – »frei heraus, oder die Sache hat ein Ende; – brauchen Sie Geld?«

»Das wissen Sie selbst am Besten.«

»Lieben Sie das schöne Geschlecht?«

»Ja.«

»Möchten also gerne eine Frau?«

»Allerdings.«

»Dann sollen Sie auch eine haben! So weit wären wir also im Reinen.«

Bei diesen Worten nahm Herr Gabriel Parsons eine Prise, und machte sich ein weiteres Glas Grog zurecht.

»Darf ich Sie nun wohl bitten, sich ein wenig deutlicher zu erklären?« sagte Tottle. »Ich kann nicht läugnen, daß mich Ihr Vorschlag interessirt, ehe ich mich aber weiter einlasse, möchte ich doch etwas Näheres wissen.«

»Das soll auch geschehen,« erwiederte Herr Gabriel Parsons, der die Ansicht hatte, man müsse das Eisen schmieden und den Grog trinken, so lange beide warm seien. – »Ich kenne eine Dame – sie hält sich gegenwärtig bei meiner Frau auf – und diese wäre gerade eine Person für Sie. – Gebildet, spricht Französisch, spielt Clavier, ist eine Kennerin der Blumen und Muscheln und all' dergleichen Sachen – und hat jährliche fünfhundert Pfund, über welche sie unbeschränkt durch letzten Willen verfügen kann.«

»Ich wäre nicht abgeneigt, mit ihr bekannt zu werden,« sagte Herr Tottle. – »Sie ist wohl nicht mehr sehr jung – oder?«

»Nicht sehr; aber gerade recht für Sie, wie gesagt.«

»Was für Haare hat sie?« fragte Herr Watkins Tottle.

»Ach was! Das weiß ich nicht mehr genau,« erwiederte Gabriel mit großer Gleichgültigkeit. »Wenn ich nicht irre, so glaube ich bemerkt zu haben, daß sie eine Tour trägt.«

»Was?« rief Tottle aus.

»So ein Ding mit Locken da herum,« sagte Parsons und beschrieb zur nähern Erläuterung der Sache gerade über den Augen eine Linie um die Stirne. »Ich glaube die Tour ist schwarz; doch über ihre eigenen Haare kann ich nichts Bestimmtes sagen, außer was man so im Vorbeigehen erhaschen kann; aber fast sollte man meinen, es wäre hier und da etwas heller als die Tour – so ein leichter Anflug von Grau etwa.«

Herr Watkins Tottle sah aus, als ob ihm nichts Gutes ahnte. Herr Gabriel bemerkte dieß und hielt daher für gut, ohne Verzug zum zweiten Angriff zu schreiten.

»Sind Sie schon einmal verliebt gewesen, Tottle?« fragte er.

Herr Tottle erröthete bis unter die Augen und wieder herab bis zum Kinn, so daß, als ihm die verfängliche Frage vorgelegt wurde, sein Antlitz die mannigfaltigste Farbenmischung darbot.

»Ich glaube, wie Sie noch jung – bitt' um Entschuldigung – wie Sie noch jünger waren,« verbesserte Parsons – »haben Sie aber doch mehr als Einmal angeklopft?«

»Nie, in meinem ganzen Leben nicht,« erwiederte sein Freund, und schien es fast übel zu nehmen, daß man nur so Etwas von ihm glauben könne. »Nie! Sie wissen ja, daß ich über diesen Punkt meine besondern Ansichten hege. Ich habe gerade keine Scheu vor den Damen – jung oder alt – weit entfernt; bin aber der Meinung, daß sie sich heutigen Tages im Umgange mit unverheiratheten Männern bei weitem zu viel Freiheit gestatten. Ich konnte es daher nie über mich gewinnen, mir dieselbe Ungezwungenheit im Umgange anzugewöhnen, und da ich stets in Sorge bin, zu weit zu gehen, so werde ich gewöhnlich, wie ich wohl sagen darf, für kalt und steif gehalten.«

»Sollte mich gar nicht wundern,« erwiederte Parsons ernst; »sollte mich gar nicht wundern. Das wird jedoch im vorliegenden Falle nur um so besser sein, denn die Dame hat noch weit strengere Ansichten von Schicklichkeit und Delikatesse, als Sie. Gott soll mich bewahren, was glauben Sie wohl? – als sie zu uns in's Haus kam, hing in ihrem Schlafzimmer das Portrait eines alten Mannes mit ein Paar großen, schwarzen, starren Augen, und sie wäre um's Leben nicht zu Bette gegangen, wenn wir es nicht abgenommen hätten, – sie hielt es für unanständig.«

»Derselben Meinung bin ich auch,« sagte Herr Watkins Tottle.

»Und vollends gar am andern Abende, – in meinem ganzen Leben habe ich nicht so gelacht,« fuhr Herr Gabriel Parsons fort; »ich war da bei einem rauhen Ostwinde nach Hause gefahren und hatte mir verteufelte Gesichtsschmerzen zugezogen. Das war gut; als nun Fanny – nämlich Frau Parsons, wie Sie wissen – und diese ihre Freundin, ich und Frank Roß einen Rubber zusammen spielten, machte ich den Spaß und sagte, ich wollte heute Nacht meinen Kopf in Fanny's Flanell-Unterrock wickeln. Augenblicklich warf sie ihre Karten weg und lief aus dem Zimmer.«

»Ganz recht,« sagte Herr Watkins Tottle, »ganz recht; sie hätte sich unmöglich anständiger und würdevoller benehmen können. Und was thaten Sie?«

»Ich – was ich that? – Frank spielte mit dem Strohmanne und ich gewann sechs Pence.«

»Aber entschuldigten Sie sich denn nicht, daß Sie ihr Zartgefühl so schonungslos verletzt hatten?«

»Der Teufel, doch – ein Bischen. Am nächsten Morgen sprachen wir beim Frühstücke darüber. Sie behauptete: jede Erwähnung eines Flanell-Unterrocks wäre höchst unziemlich; – Männer sollten gar nicht wissen lassen, daß sie so ein Ding nur kennten. Ich brachte zu meiner Entschuldigung vor, daß ich doch ein Ehemann sei.«

»Und was sagte die Dame dazu?« fragte Tottle, der sich bereits ungemein für dieselbe interessirte.

»Sie schlug mich mit einem zweiten Grunde: Frank sei unverheirathet und dieß also hinreichend, um meinen Ausdruck als unschicklich erscheinen zu lassen.«

»Welch' ein nobel gesinntes Geschöpf!« rief der entzückte Tottle aus.

»O, Fanny und ich sagten gleich zu einander, daß sie ganz wie für Sie geschaffen wäre.«

Ein sanfter Freudenstrahl erhellte das runde Antlitz Herrn Watkins Tottle's, als er diese Prophezeiung hörte.

»Es hat blos noch Einen Anstand, und das ist allerdings eine kitzelige Sache,« meinte Herr Gabriel Parsons, als er sich zum Fortgehen anschickte; »ich kann mir nämlich durchaus gar nicht vorstellen, wie zum Henker Sie es anzugreifen haben werden, um sich mit ihr zu verständigen; denn das bin ich vollkommen überzeugt, wenn der Gegenstand zur Sprache gebracht wird, so kriegt die Dame ohne Weiteres Krämpfe.« Nach diesen Worten setzte sich Herr Gabriel Parsons noch einmal nieder und lachte, daß es ihm ganz schwach wurde. Tottle war ihm Geld schuldig, und somit hatte er auch das vollkommenste Recht, auf dessen Kosten zu lachen.

Herr Watkins Tottle dachte bei sich selbst, daß dieß eine weitere charakteristische Aehnlichkeit wäre, welche er mit dieser neuen Lukretia gemein habe. Die Einladung, übermorgen mit Parsons zu Mittag zu essen, nahm er übrigens sehr bestimmt an und sah, als er wieder allein war, seiner Vorstellung mit möglichster Fassung entgegen.

Die Sonne hat wohl noch nie ein zierlicher geputztes Persönchen beschienen, als unsern Herrn Watkins Tottle, wie er am festgesetzten Tage auf der Außenseite der Norwood-Kutsche saß, und eben so wenig hat sie je den Schicksalspfad eines Mannes beleuchtet, welcher sich unbehaglicher und beängstigter gefühlt hätte, als zur Zeit, wo diese Kutsche vor einem Dinge, das einem Pappendeckel-Gartenhause mit falschen Schornsteinen gleichsah, und einem wie ein grüner Bogen Papier aussehender Rasenplatz davor, anhielt, und unser guter Herr Watkins Tottle heraussprang, – nein, wir müssen um Entschuldigung bitten, – mit höchst gravitätischer Würde herausstieg.

»Alles in Ordnung!« sagte er, und die Kutsche fuhr wieder mit demselben unzerstörlichen Gleichmuthe, durch welchen sich unsere Stellwägen so besonders auszeichnen, den Hügel hinan.

Mit zitternder Hand zog Herr Watkins Tottle die Glockenschnur des Gartenthores, that einen zweiten, etwas energischeren Riß und – seine ohnedieß schon schwache Kraft drohte ihn gänzlich zu verlassen, denn die Glocke stürmte, als wenn es brennte.

»Ist Herr Parsons zu Hause?« fragte Tottle den Mann, der ihm die Thüre öffnete; dabei hörte er sich kaum selbst sprechen, denn noch immer lärmte die Glocke fort.

»Da bin ich,« rief eine Stimme auf dem Rasenplatze; und dort sah der erstaunte Gast den Herrn Gabriel Parsons, wie er in einer Flanelljacke rückwärts und vorwärts zwischen einem Dreistab und zwei auf einander gestellten Hüten wie toll hin und her sprang, während ein anderer Herr in Hemdärmeln einem Balle nachlief. Es dauerte nicht ganz zehn Minuten, so hatte dieser ihn gefunden, sprang nach den Hüten zurück und Gabriel Parsons legte den Ball wieder auf. Dann rief der Herr ohne Rock mit lauter Stimme ›los‹ und warf; Herr Gabriel Parsons schlug den Ball mehrere Schritte weit fort und lief ihm wieder nach, dann zielte der andere Herr, traf aber nicht. Nachdem Herr Gabriel Parsons lange genug auf eigene Faust umhergerannt war, legte er sein Racket weg und rannte hinter dem Ball her, welcher endlich in einen benachbarten Garten fiel – und dieß nannten sie Cricketspielen.

»Tottle, wollen Sie auch mitspielen?« fragte Herr Gabriel Parsons, trat ihm näher und wischte sich den Schweiß von der Stirne.

Herr Watkins Tottle verbat sich die Ehre, denn schon der bloße Gedanke daran machte ihn wärmer, als sein Freund bereits war.

»So wollen wir lieber in's Haus gehen; es ist ohnedieß schon vier Uhr vorbei, und ich muß doch noch meine Hände vor dem Essen waschen,« sagte Parsons. »Hier, – ich bin, wie Sie wissen, kein Freund von Förmlichkeiten, – Timson, das ist Tottle, – Tottle, das ist Timson; er ist für die Kirche bestimmt, aber ich fürchte, die Kirche nicht für ihn;« und dabei lachte er aus vollem Halse über den alten Witz. Herr Timson verbeugte sich nachlässig, Herr Tottle steif, und Parsons geleitete Beide in's Haus.

Herr Gabriel Parsons war ein wohlhabender Zuckerbäcker, der, wie viele Andere, Rohheit für Geradheit, und Grobheit für Aufrichtigkeit nahm.

An der Treppe empfing Frau Gabriel Parsons ihre Gäste höchst artig und ging ihnen dann zum Besuchszimmer voran.

Auf dem Sofa saß eine auffallend steife und gezierte, höchst todt aussehende Dame. Sie gehörte zu den Frauenzimmern, deren Alter schwer zu taxiren ist; sie mochte in ihren jüngeren Jahren recht hübsch gewesen sein, konnte aber auch gerade wieder so ausgesehen haben, wie jetzt. Einige Flecken hie und da abgerechnet, hatte sie eine eben so reine und durchsichtige Haut und ein eben so ausdrucksvolles Gesicht, wie eine hübsche Wachspuppe. Sie war sehr zierlich gekleidet und zog, um Effekt zu machen, eine goldene Uhr auf.

»Meine liebe Miß Lillerton, – unser Freund, Herr Watkins Tottle, ein sehr alter Bekannter von uns,« sagte Frau Parsons, als sie den Wildfang aus Cecil-Street vorstellte.

Die Dame erhob sich und machte einen tiefen Knix, welchen Herr Watkins Tottle mit einer ernsthaft komischen Verbeugung erwiderte.

»Welch' ein prächtiges, majestätisches Geschöpf!« dachte Watkins Tottle. Sie war das vollständige beau ideal der Dame seines Herzens.

Herr Timson trat ihr hierauf näher, und Herr Watkins Tottle fing alsbald an, ihn zu hassen; – Männer entdecken einen Nebenbuhler instinktmäßig, – und Herr Watkins Tottle mochte wohl fühlen, daß seine Eifersucht hier nicht an der unrechten Stelle angebracht war.

»Darf ich mir wohl erlauben,« sagte der hochehrwürdige Herr Timson, – »darf ich mir wohl erlauben, Miß Lillerton, um eine kleine Gabe für meine Suppen-, Kohlen- und Bettweißzeug-Vertheilungs-Gesellschaft zu bitten?«

»Wollen Sie mich mit zwei Souverains unterzeichnen,« erwiederte automatenähnlich Miß Lillerton.

»Sie sind doch die Wohlthätigkeit selbst, Madame,« sagte der Hochehrwürdige, »und bekanntlich bedeckt diese Tugend eine Menge von Sünden. Ich muß mich übrigens sehr verwahren, daß Sie diese Bemerkung nicht in dem Sinne deuten, als ob ich der Meinung wäre, Sie hätten viele Fehler, welche des Bedeckens bedürften; vielmehr mögen Sie meiner Versicherung trauen, daß ich noch Niemanden kennen gelernt habe, der weniger, als Miß Lillerton, gut zu machen hätte.«

Etwas, das eine entfernte Aehnlichkeit mit einem Lebenszeichen hatte, leuchtete bei dieser Schmeichelei über das Antlitz der Dame, während in Watkins Tottle der sündhafte Wunsch aufstieg, daß Sr. Hochehrwürden, Charles Timson's Asche auf dem Kirchhofe seiner Pfarrei, – wo diese auch wäre, – in Ruhe und Frieden eingescharrt liegen möchte.

»Ich will Ihnen was sagen,« fiel Parsons ein, der so eben mit reinen Händen und im schwarzen Fracke eingetreten war, »ich will Ihnen etwas sagen, ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß Eure Vertheilungsgesellschaft eigentlich Nichts, als Prahlerei und Aufschneiderei ist.«

»Das ist doch ein allzu liebloses Urtheil,« erwiederte Timson mit christlich-demüthigem Lächeln; er konnte Parsons nicht leiden, wohl aber liebte er seinen Tisch.

»Höchst ungerecht,« sagte Miß Lillerton.

»Zuverlässig,« bestätigte Tottle.

Die Dame sah in die Höhe und ihre Blicke begegneten Herrn Watkins Tottle. Sie schlug sie in süßer Verwirrung nieder und Tottle that dasselbe, – die Verwirrung war eine sympathetische.

»Aber,« entgegnete Herr Parsons, um seine Behauptung durch Gründe zu unterstützen, »was kann es um's Himmels willen für einen Nutzen haben, Jemanden Kohlen zu geben, der Nichts zu kochen hat, oder Einen mit Bettweißzeug zu versehen, der kein Bett besitzt, oder ihm Suppe zu schicken, wenn er wesentlicherer Nahrung bedarf? – Gerade als wenn sie Einem Manschetten geben wollten, der kein Hemd hat. Warum gibt man den Armen nicht eine Kleinigkeit an Geld, wie ich es thue, wenn ich glaube, daß sie es bedürfen und dessen würdig sind, und läßt sie dann dafür selbst kaufen, was sie wollen. Ich will Euch den Deckel vom Topf thun! – Weil Eure Subscribenten dann ihre Namen nicht gedruckt an der Kirchenthüre lesen könnten, – da liegt der Hund begraben.«

»In der That, Herr Parsons,« sagte Miß Lillerton etwas beleidigt, »ich will nicht hoffen, daß Sie damit sagen wollen, als ob ich wünschte, meinen Namen gedruckt an der Kirchenthüre zu lesen.«

»Und ich will es auch nicht hoffen,« wiederholte Herr Watkins Tottle, der sich zum zweiten Male hören ließ und zum zweiten Male einem Blicke begegnete.

»O, bewahre!« erwiederte Parsons. »Ich glaube durchaus nicht, daß Sie so darauf aus sind, Ihren Namen in der Subscriptionsliste zu lesen, aber wohl in dem Kirchenregister, – nicht wahr?«

»Register! Was für ein Register?« fragte die Dame sehr ernsthaft.

»Was für eins? Nun das Trauungsregister, natürlich;« erwiederte Parsons und lachte über seinen Witz aus Herzensgrunde, Tottle zuwinkend.

Herr Watkins Tottle glaubte vor Verlegenheit in den Boden versinken zu müssen, und es läßt sich nicht wohl denken, welche Wirkung der Scherz auf die Dame hervorgebracht haben würde, wenn nicht in demselben Augenblicke zu Tische gerufen worden wäre. Herr Watkins Tottle bot Miß Lillerton in einer noch nie gesehenen Anwandlung von Galanterie – die Spitze seines kleinen Fingers, die Dame nahm es mit jungferlicher Schüchternheit an, und so schritten sie gehörigermaßen in das Speisezimmer, wo Beide ihre Plätze nebeneinander erhielten. Das Zimmer war ganz behaglich, das Essen trefflich und die kleine Gesellschaft in bester Laune. Die Unterhaltung machte sich recht hübsch, und als Herr Watkins Tottle nur erst ein paar Bemerkungen aus seiner Nachbarin herausgepreßt und ein Glas Wein mit ihr getrunken hatte, nahm seine Zuversicht und sein Selbstvertrauen mit Riesenschritten zu. Das Tischtuch wurde abgenommen, Frau Parsons trank vier Gläser Portwein, denn man mußte wissen, daß sie gegenwärtig einen Buben zu säugen hatte, und Miß Lillerton nahm etwa dieselbe Zahl Schlücke zu sich, weil sie keinen mochte.

Endlich zogen sich die Damen zur größten Zufriedenheit Herrn Gabriel Parsons zurück, denn er hatte schon seit einer halben Stunde seiner Frau zugehustet und die Stirne gerunzelt. – Miß Parsons beachtete aber die Signale nicht eher, bis sie ihr ordinäres Quantum zu sich genommen hatte, was sie dann auch, um Störung zu vermeiden, auf ein Mal that.

»Nun – wie gefällt sie Ihnen?« fragte Herr Parsons leise seinen Freund Tottle.

»Ich bin von ihrer Anmuth völlig bezaubert,« erwiederte dieser.

»Meine Herren, bitte, lassen Sie uns eins trinken, – die Damen,« sagte der hochehrwürdige Herr Timson.

»Die Damen!« rief Herr Watkins Tottle mit großer Emphase und leerte sein Glas. Er fühlte jetzt den Muth in sich, einem ganzen Dutzend Damen auf ein Mal Liebeserklärungen zu machen.

»Ah!« sagte Herr Gabriel Parsons, »ich erinnere mich, als ich noch jünger war – aber füllen Sie doch Ihr Glas, Timson!«

»Ich habe es so eben ausgetrunken.«

»Nun, so füllen Sie's wieder.«

»Wenn Sie befehlen,« erwiederte Timson und ließ die That dem Worte folgen.

»Ich erinnere mich,« begann nun Herr Parsons abermals, »mit welch' besonderen Gefühlen ich in meinen jüngeren Jahren solche Gesundheiten zu trinken pflegte, und dabei hielt ich jedes Mädchen für einen Engel – für ein wahrhaft höheres Wesen.«

»War das, ehe Sie verheirathet waren?« fragte Herr Tottle schmachtend.

»Versteht sich,« erwiederte Herr Gabriel Parsons; »seitdem denke ich anders und muß ein rechter Schafskopf gewesen sein, daß ich mir nur jemals so Etwas in den Kopf setzen konnte. Sie wissen ja wohl, daß ich Fanny unter den allersonderbarsten und spaßhaftesten Umständen heirathete.«

»Ei, was waren dieß für Umstände, lassen Sie doch hören?« sagte Timson, der die Geschichte seit sechs Monaten im Durchschnitte zwei Mal wöchentlich gehört hatte.

Herr Watkins Tottle horchte, in der Hoffnung, etwas seinem Vorhaben Günstiges bemerken zu können, andächtig zu.

»Ich brachte meine Hochzeitsnacht in dem Schornsteine einer Waschküche zu,« begann Parsons.

»Im Schornsteine einer Waschküche!« rief Herr Watkins Tottle aus. »Das ist ja erschrecklich!«

»Allerdings war es nicht besonders angenehm,« erwiederte der kleine Wirth. »Also, es war der Umstand, Fanny's Eltern mochten mich zwar ziemlich wohl leiden, nur wollten sie mir ihre Tochter nicht geben. Sie müssen wissen, damals hatte ich noch kein Geld; aber sie waren reich; und so wollten sie mit ihrer Fanny höher hinaus. Aber demungeachtet wußten wir Mittel und Wege zu finden, unsere Neigung einander zu gestehen. Ich suchte sie bei gemeinschaftlichen Freunden am dritten Orte zu treffen: zuerst tanzten, plauderten, liebäugelten wir mit einander, und trieben allerlei dergleichen Spiel, Sie kennen das ja wohl; dann war mir überhaupt nichts lieber, als an ihrer Seite zu sitzen – wir sprachen da freilich nicht sehr viel mit einander, aber ich erinnere mich noch wohl, daß ich eine besondere Freude daran hatte, aus dem äußersten Winkel meines linken Auges nach ihr zu blicken; hierauf kam eine ganz besondere Krankheit über mich, ich wurde sentimental, begann Verse zu machen, und Macassar-Oel zu gebrauchen. Endlich konnte ich es nicht mehr länger aushalten, – und nachdem ich eine ganze Woche lang auf der Sonnenseite von Oxford-Street – es war dazu noch in einem verteufelt heißen Sommer – in engen Stiefeln, mit der Hoffnung, ihr zu begegnen, auf- und abgegangen war, setzte ich mich hin und schrieb ihr einen Brief, worin ich sie bat, es so einzurichten, daß wir heimlich zusammenkommen könnten, denn ich wünschte, die Entscheidung aus ihrem eigenen Munde zu hören. Ich sagte ihr, daß ich zu meiner vollkommenen Zufriedenheit und Freude die Entdeckung gemacht habe, nicht ohne sie leben zu können, und wenn sie Nichts von mir wollte, entschlossen sei, Blausäure zu trinken oder auszuwandern, um auf eine oder die andere Art mich zu expediren. Darauf borgte ich eine Guinee, bestach das Hausmädchen, und diese übergab ihr das Billet.«

»Und was erhielten Sie für eine Antwort?« fragte Timson, der längst die Entdeckung gemacht hatte, daß man nicht häufiger eingeladen wird, als wenn man zur Wiederholung alter Geschichten auffordert.

»O! die gewöhnliche, – wissen Sie – Fanny erwiederte, daß sie sich sehr unglücklich fühle, deutete auf ein frühes Grab hin, sagte, daß Nichts sie von den ihren Eltern schuldigen Pflichten abwendig machen könne, und beschwor mich, sie zu vergessen und einer Würdigeren meine Liebe zu schenken, und was dergleichen Possen weiter sind. Sie schrieb mir ferner, ohne Vorwissen ihrer Eltern könne und dürfe sie unter keinen Umständen mit mir zusammenkommen, und bat mich schließlich, wenn sie sich den andern Morgen um eilf Uhr in einem bestimmten Teil des Kensington Garden einfinden sollte, ja keinen Versuch zu machen, sie dort zu treffen.«

»Natürlich gingen Sie auch nicht hin?« fragte Watkins Tottle.

»Ich? – Ging nicht hin? – Natürlich ging ich hin und traf sie dort, und das bewußte Hausmädchen stand im Hintergrunde Schildwache, um eine Ueberraschung zu verhüten. Wir gingen ein paar Stunden lang mit einander herum, glaubten aus lauter Herzensfreude recht unglücklich zu sein und versprachen uns förmlich. Dann fingen wir an zu correspondiren, das heißt, wir schrieben uns etwa vier Mal des Tages; was wir uns aber zu schreiben haben konnten, ist mir noch heute ein Räthsel, und jeden Abend war Rendezvous, entweder in der Küche, oder im Keller, oder sonst wo. So ging die Sache einige Zeit lang fort: wir wurden jeden Tag verliebter, und als endlich unsere Liebe ihren höchsten Punkt erreicht und mein Einkommen sich kurz vorher ziemlich verbessert hatte, beschlossen wir, uns heimlich trauen zu lassen. Fanny mußte die Nacht vorher bei einer guten Freundin schlafen; am nächsten Morgen in aller Frühe wollten wir uns trauen lassen, und dann heimgehen und pathetisch werden. Sie sollte dem alten Herrn zu Füßen fallen und seine Stiefel in ihren Thränen baden; ich sollte die alte Dame umarmen, sie Mutter nennen und dabei mein Taschentuch so viel als möglich benutzen. Getraut wurden wir am folgenden Morgen, zwei Freundinnen meiner Fanny waren Brautjungfern, und ein um fünf Shillings und eine Pinte Porter dazu gedungener Mann fungirte als Vater. Nun wollte aber gerade das Unglück, daß die alte Dame einen Besuch in Ramsgate machte und erst am folgenden Morgen zurückkam; da wir nun wegen der Verleihung hauptsächlich auf sie bauten, so blieb nichts Anderes übrig, als das Bekenntniß um vierundzwanzig Stunden zu verschieben. Meine neugebackene Frau kehrte nach Hause zurück und ich brachte meinen Hochzeitstag damit zu, in Hampstead-Heath herumzuschlendern, und meinen Schwiegervater zum Teufel zu wünschen. Natürlich ging ich Abends zu meinem lieben Weibchen, um sie so viel als möglich zu trösten und ihr zu versichern, daß unser Jammer bald vorüber sein würde. Ich öffnete wie gewöhnlich die Gartenthüre, zu welcher ich einen Schlüssel hatte, und wurde von dem Hausmädchen nach dem gewöhnlichen Zusammenkunftsplatze, einer steingeplatteten Waschküche, geführt, wo wir in Ermangelung von Stühlen auf einem Küchentische zu sitzen und von Liebe zu sprechen pflegten.«

»Auf einem Küchentische von Liebe sprechen!« unterbrach ihn Herr Watkins Tottle, dessen Anstandsbegriffen dieß vollkommen zuwiderlief.

»Ja wohl, auf einem Küchentische!« erwiederte Parsons; »und glauben Sie mir, alter Freund, wenn Sie wirklich bis über die Ohren verliebt wären, und keinen andern Platz hätten, um darauf von Liebe zu reden, so würden Sie verdammt schnell bei der Hand sein, von derselben Gelegenheit zu profitiren. Doch weiter; wo sind wir denn stehen geblieben?«

»Bei dem Küchentische,« meinte Timson.

»Ach – ja! Gut also, hier traf ich die arme Fanny ganz untröstlich. Der alte Brummbär war den ganzen Tag über in der übelsten Laune gewesen, und darüber hatte sie sich so einsam und verlassen gefühlt, daß sie nun höchst niedergeschlagen war. Ich machte aber möglichst gute Miene zum bösen Spiele, lachte darüber und sagte, wir müßten uns jetzt gerade des Kontrastes wegen der Annehmlichkeiten des ehelichen Lebens um so mehr zu erfreuen suchen, und dergleichen, bis endlich die arme Fanny ein wenig heiterer wurde. Ich blieb nun bis ungefähr eilf Uhr dort: Als ich aber zum vierzehnten Male Abschied nahm, kam das Mädchen ohne Schuhe in voller Angst mit der Nachricht die Treppe herabgelaufen, daß der alte Schlingel – Gott verzeihe mir's, daß ich ihn so nenne, – er ist jetzt längst todt und auch begraben, – im Begriff sei, – ich glaube nicht anders, als vom Fürsten der Finsterniß dazu getrieben, – herabzukommen, um sein Bier zum Abendessen selbst zu holen. Das war ihm noch nie eingefallen; – und das heillose Faß lag ja gerade in der Waschküche! Traf er mich hier, so war an eine vernünftige Auseinandersetzung gar nicht zu denken, denn wenn ihn Etwas ärgerte, so wurde er so außerordentlich heftig, daß er mir zuverlässig kein Gehör geschenkt hätte. Es blieb nur Ein Ausweg übrig. – Der Schornstein war sehr weit – man hatte ihn ursprünglich für einen Ofen gebaut – ging einige Fuß senkrecht in die Höhe, zog sich dann nach hinten und bildete eine kleine Höhle. Meine Hoffnungen, mein Glück – fast unsere beiderseitige Existenz stand auf dem Spiele. Gleich einem Eichhörnchen kletterte ich hinan, duckte mich in meinen Versteck, und nachdem Fanny und das Mädchen das Kaminbrett wieder davorgestellt hatten, konnte ich deutlich meinen nichts ahnenden Schwiegervater mit dem Lichte in der Hand anmarschiren sehen. Ich hörte, wie er zapfte, und in meinem Leben habe ich kein Bier so langsam laufen hören. Schon wollte er die Küche wieder verlassen, und ich machte mich bereits zum Herabsteigen fertig, als das Kaminbrett mit höllischem Gepolter umfiel. Er blieb stehen und stellte das Licht und den Bierkrug auf den Küchentisch; er war ein nervenschwacher alter Geselle, und jedes unerwartete Geräusch erschreckte ihn sehr. Endlich sagte er ganz gleichgültig: »da das Kamin nicht mehr benützt wird, so wäre es wohl am besten, das Brett festzumachen,« und schickte das erschrockene Mädchen nach einem Hammer und Nägeln, und nagelte wahrhaftig das Brett ohne Weiteres vor das Kamin, ging fort und schloß die Thüre von außen. Da stack ich nun, in den weißen Hochzeit-Kasimir-Beinkleidern, der prächtigen Weste und dem blauen Fracke, in der Brautnacht in einem Waschküchen-Schornstein; – unten war er zugenagelt und oben hatte man ihn früher, damit die Nachbarschaft nicht so sehr durch den Rauch incommodirt werden sollte, um etwa fünfzehn Fuß erhöht. Und hier,« fügte Herr Gabriel Parsons hinzu und füllte sein Glas wieder, »hier blieb ich bis nach halb sieben Uhr am nächsten Morgen, wo der Geliebte des Hausmädchens, ein Zimmermann, mich wieder meiner Haft entließ. Der alte Spitzbube hatte mich so fest und sicher eingenagelt, daß ich bis zur Stunde noch glaube, nur ein Zimmermann war im Stande, mich wieder zu erlösen.«

»Und was sagte Frau Parsons Vater dazu, als er endlich von Ihrer Heirath hörte?« fragte Herr Watkins Tottle, der seiner Erzählung die scherzhafte Seite abzugewinnen wußte und nie zufrieden war, bis er Alles völlig von A bis Z gehört hatte.

»Was er sagte? Die Schornsteingeschichte machte ihm so viel Spaß, daß er uns auf der Stelle begnadigte und uns ein Jahrgeld aussetzte, bis er den Weg alles Fleisches ging. Ich brachte die folgende Nacht in dem Vorderzimmer seines zweiten Stockes etwas behaglicher zu, als die vorige; denn ohne Zweifel werden Sie muthmaßen – –«

»Die Frau erwartet die Herren zum Thee,« sagte ein schnell in das Zimmer tretendes Hausmädchen von mittleren Jahren.

»Das ist dasselbe Mädchen, welches in meiner Geschichte figurirt,« sagte Herr Gabriel Parsons; – »sie trat gleich nach unserer Verehelichung in Fanny's Dienste und ist seitdem bei uns; ich bin aber überzeugt, daß sie seitdem keinen Funken von Respekt mehr gegen mich hat – seit jenem Morgen, wo sie meiner Erlösung beiwohnte und darüber in einen so heftigen Lachkrampf verfiel, daß er ihr heute noch nachgeht. – Wollen wir nun die Damen aufsuchen?«

»Wie Sie befehlen,« sagte Herr Watkins Tottle.

»Das versteht sich,«, fügte der folgsame Herr Timson hinzu, und das Kleeblatt begab sich sofort in das Conversationszimmer. Nach dem Thee wurde erst Rubber vorgeschlagen. Herr und Frau Parsons und Herr Watkins Tottle und Miß Lillerton kamen zusammen. Herr Timson hatte, als ein Diener des göttlichen Wortes, Gewissensskrupel gegen das Kartenspiel und hielt sich an den Grog, setzte sich neben Herrn Watkins Tottle und verfolgte dessen Spiel.

Der Abend ging herrlich vorüber; Herr Watkins Tottle fühlte sich ganz selig, da er einiges Glück bei Miß Lillerton gemacht zu haben glaubte, und ehe er schied, wurde noch für den nächsten Sonnabend eine kleine Partie nach Beulah-Spa ausgemacht.

»Geht charmant, glaube ich,« sagte Herr Gabriel Parsons zu Herrn Watkins Tottle, als er ihm die Gartenthüre öffnete.

»Ich hoffe es auch,« erwiederte dieser und schüttelte seinem Freunde herzlich die Hand.

»Sie werden mit der ersten Kutsche am Sonnabend hier sein, und nicht auf sich warten lassen,« rief ihm Parsons nach.

»Gewiß nicht,« erwiederte Herr Watkins Tottle, »zuverlässig nicht.«

Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen, und Herr Watkins Tottle sollte allerdings am Sonnabende auf sich warten lassen. Doch seine Abenteuer an jenem Abende und den Erfolg seiner Freierei müssen wir für ein anderes Kapitel aufsparen. –

 

2.

»Ist denn noch gar keine Kutsche vorbeigekommen, Tom?« fragte Herr Gabriel Parsons am Sonnabende Morgens – dem zu der Fahrt nach Beulah-Spa festgesetzten Tage – und ging gemächlich auf dem Kiesboden seiner vierzehn Fuß langen »Planie« auf und ab.

»Nein, Sir; hab' noch nichts gesehen,« antwortete ein Gärtner in blauer Schürze, der diese Zierde des Hauses, für eine halbe Krone täglich und Kost, im Stande hielt.

»Zeit wäre es, daß Tottle endlich käme,« sagte Herr Gabriel Parsons nachdenklich. – »O, da kommt er ja, ohne Zweifel,« fuhr Gabriel fort, als ein Cabriolet eilig den Berg herabfuhr, – knöpfte seinen Schlafrock zu und öffnete das Thor, um den erwarteten Gast zu empfangen. Das Cabriolet hielt und heraus sprang – nicht Herr Tottle – sondern ein Mann in einem groben Petersham-Oberrocke, vergelbtem Halstuche, abgetragenen schwarzen Beinkleidern, gelben Stulpenstiefeln und einem jener Hüte mit großer Krone, denen man früher selten begegnete, die nun aber fast allgemein eine Lieblingstracht der Gentlemen und Obsthändler geworden sind.

»Herr Parsons?« fragte der Mann, sah die Aufschrift eines Billets, das er in der Hand hatte, an, und blickte Gabriel forschend in's Gesicht.

»So heiße ich,« antwortete der Zuckerbäcker.

»Hab' da ein Billet,« sagte das gelbgestiefelte Individuum mit heiserem Geflüster; »hab' dieß Billet zu überbringen von einem Gen'lm'n, der diesen Morgen in Ihr Haus kommen soll.«

»Ich erwartete den Herrn allerdings in meinem Hause,« sagte Parsons und erbrach das Siegel, welches Seiner Majestät Profil trug, wie man es auf einem Sixpence-Stücke sieht.

»Zweifle nicht; der Gen'lm'n würd' wohl hergekommen sein,« erwiederte der Fremde, »wenn er nicht veranlaßt worden wär', zuerst bei uns vorzusprechen; aber wir trauen keinem Gen'lm'n weiter, als wir ihn sehen – daß Sie mich aber nicht mißverstehen,« – fügte der Unbekannte mit possierlichem Grinsen hinzu; – »bitt' um Verzeihung, Sir, wollt' Sie nicht beleidigen, aber, einmal drinn – dann – haben Sie es nun, Sir.«

Herr Gabriel stand nicht in großem Rufe, Etwas schnell zu haben, außer den Schnupfen. Er warf daher auf seinen geheimnißvollen Besuch blos einen verwundernden Blick und schickte sich an, das von ihm überbrachte Billet zu entfalten. Kaum war dieß aber geschehen, so hatte er es auf einmal.

Herr Watkins Tottle war unerwartet wegen 33 Pf. 10 Sh. 4 P. verhaftet worden, und die Mittheilung war aus einem jener Verwahrungsörter in der Nachbarschaft von Chancery-Lane datirt.

»Fatale Geschichte, dieß!« sagte Parsons und legte das Billet zusammen.

»O, wenn man einmal daran gewöhnt ist –« bemerkte der Mann im Petershamrocke gleichgültig.

»Tom!« rief Parsons, nachdem er ein paar Minuten überlegt hatte, »spannt sogleich das Pferd ein,« – dann fuhr er gegen den Mercurius des Sheriff-Amtes fort: »Sagen Sie dem Herrn, daß ich fast so bald, als Sie selbst, bei ihm sein werde.«

»Sehr wohl,« erwiederte dieser wichtige Beamte, indem er noch zutraulich hinzufügte: »ich möcht' des Gen'lm'ns Freunden wohl rathen, ihn bald zu erlösen. Es ist ja nur ein Bagatell und kann doch Nichts helfen, wenn es der Gen'lm'n erst auf die Entscheidung des Gerichts ankommen lassen will; ist ja nicht der Mühe werth, den Leuten die Mühe zu machen, Sie wissen ja. Unser Gouverneur ist früh auf, ja wohl; ich will nichts sagen gegen ihn oder sonst Jemand; aber er weiß, was die Glocke geschlagen hat, ja, das weiß er.«

Nachdem der Herr mit den Stulpen diesen sehr beredten, überdieß noch durch verschiedenes Kopfnicken und Winken interpretirten Sermon an Parsons gehalten hatte, dem sie dadurch erst ganz verständlich wurde, setzte er sich wieder in sein Cabriolet und fuhr so rasch davon, daß er im Augenblick aus dem Gesichte war. Herr Parsons setzte seinen Spaziergang auf dem Kiespfade noch einige Minuten lang – in tiefes Nachdenken versunken – fort. Das Ergebniß desselben schien übrigens ganz zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er eilte rasch nach seinem Hause und sagte, daß ihn ein Geschäft plötzlich in die City rufe; er habe Herrn Watkins Tottle bereits davon benachrichtigt und werde mit diesem zum Mittagessen wieder eintreffen. Er machte sich sofort eilig zur Abfahrt bereit, bestieg sein Gig und war alsbald auf dem Wege nach der Anstalt Herrn Salomon Jakobs, die sich (wie ihm Herr Watkins Tottle berichtet hatte) in Cursitor-Street, Chancery-Lane, befand.

Muß man Etwas in besonderer Eile unternehmen und hat man einen bestimmten Gegenstand im Auge, dessen Erlangung lediglich von dieser Eile abhängt, so stellen sich gewiß nicht nur unzählige Hindernisse aller Art in den Weg, sondern diese scheinen sogar eigens nur zu diesem Zwecke auf der Welt zu sein. Herr Gabriel hatte während seiner Fahrt hinlänglich Gelegenheit, die Wahrheit dieses alten Erfahrungssatzes nicht auf die erfreulichste Weise zu erproben. Namentlich gibt es drei Gattungen belebter Wesen, die uns sogar in ziemlich leeren Straßen, welche wir ungestört oder schnell zu durchfahren im Sinne haben, vor allen andern den Weg verlegen, nämlich: Schweine, Kinder und alte Weiber. In unserm Falle hielten die Schweine luxuriöse Mahlzeiten an herumliegenden Kohlstängeln, die ganze Straße war mit ballspielenden Kindern angefüllt, man sah nichts als Federbälle, die von einem Racket zum andern flogen, und Weiber, einen Korb in der einen und den Hausschlüssel in der andern Hand, hatten nichts Besseres zu thun, als gerade vor dem Kopfe des Pferdes quer über die Straße zu gehen, so daß Herr Gabriel Parsons über die unaufhörlichen Hindernisse ganz rasend und von dem ewigen Ho-Ho-Rufen, Fluchen und Zanken völlig heiser wurde. Als er endlich in Fleet-Street angekommen war, hatte das Gedränge die Straße dergestalt gestopft, daß die Leute in Fuhrwerken die Beruhigung hatten, etwa eine halbe Stunde Rast zu machen, und die langsamsten Fußgänger einstweilen beneiden konnten; Polizeidiener rannten hin und her, hießen die Gefährte halten, ergriffen die Pferde beim Zügel und schoben sie mit den Wagen in die Ladenfenster zurück, um die Straße zu säubern und Unordnung zu verhüten. Endlich wandte sich Herr Gabriel Parsons gegen Chancery-Lane, und nachdem er Cursitor-Street erfragt hatte (denn diese Lokalität war ihm gänzlich unbekannt), fand er sich bald vor dem Hause Herrn Salomon Jakobs. Nachdem er Pferd und Gig der Aufsicht eines der vierzehn Jungen anvertraut hatte, die ihm von der Black-friars-Brücke, in der Hoffnung, daß man ihrer Dienste bedürfen würde, nachgelaufen waren, schritt er über die Straße und klopfte an einer Thüre mit eingelassener Glasscheibe, welche aber, gleich den übrigen Fenstern des einladenden Gebäudes, mit einer eisernen, des komfortableren Aussehens willen, weiß angestrichenen Gitterverzierung versehen war.

Das Klopfen wurde von einem blassen, rothhaarigen, schmutzigen Jungen beantwortet, der zuerst Herrn Parsons durch die Glasthüre von Kopf bis zu Fuß betrachtete, ehe er einen großen Schlüssel auf einen ungeheuern, hölzernen Auswuchs applizirte, welcher in Wirklichkeit ein Schloß war, in Verbindung aber mit den eisernen Nägeln, womit die rohen Fourniere daran festgemacht waren, der Thüre ein Aussehen verliehen, als sei sie von Warzen befallen.

»Ich wünschte, Herrn Watkins Tottle zu sprechen,« sagte Parsons.

»Das ist der Herr, der diesen Morgen angekommen ist, Jem,« rief vom Ausgange der Küchentreppe her eine Stimme, welche einer schmutzigen Frau angehörte, die so eben ihr Kinn mit der Hausflur in gleiche Richtung gebracht hatte. »Der Herr befindet sich im Kaffeezimmer.«

»Eine Treppe höher, Sir,« sagte der Junge und öffnete die Thüre gerade weit genug, um Parsons hereinzulassen, ohne ihn zu zerquetschen, verschloß sie aber im Augenblicke wieder doppelt; – »im ersten Stocke – die Thüre rechts.«

Herr Gabriel Parsons, also unterrichtet, stieg die kahle, finstere Treppe hinan und nachdem er an der vorbesagten »Thüre rechts« mehrere Male leise geklopft hatte, was aber bei dem Gesumme der Stimmen im Zimmer und dem zischenden Lärm, welcher von dem Kochen und Backen unter der Treppe herauf kam, nicht gehört werden konnte, ergriff er die Klinke und trat ein.

Da man ihm sagte, daß der unglückliche Gegenstand seines Besuches so eben nach dem obern Stocke gegangen sei, um einen Brief zu schreiben, so hatte er Muße genug, sich zu setzen und die Scene zu beobachten, welche sich seinen Blicken darbot. –

Das Zimmer – eine schmale, eng begrenzte Spelunke – war in verschiedene kleine Abtheilungen – gleich den Eßzimmern in einem Speisehause niedern Ranges – eingetheilt. Dem schmutzigen Boden war der Kehrbesen augenscheinlich eben so lange als ein Teppich fremd geblieben und das Getäfel durch den Lampenrauch völlig geschwärzt. Die graue Asche an dem Rande der Tische und die in großer Menge um das staubige Gitter umherliegenden Cigarrenreste gaben hinreichende Rechenschaft für den unausstehlichen Tabaksgestank, welcher in dem Zimmer herrschte, gleichwie die leeren Gläser, die halb ausgedrückten Citronenschnitten auf den Tischen und die daneben stehenden Porterkrüge Zeugniß von den häufigen Libationen ablegten, welche sich die Individuen angelegen sein ließen, mit deren temporärem Besuche Herr Salomon Jakobs beehrt wurde. Auf dem Kamingesimse stand ein armselig aussehender Spiegel, der ungefähr die Hälfte des Kamines einnahm, während zu Herstellung des Gleichgewichts die Asche von einer rostigen Schutzplatte aufgefangen wurde, welche etwa zwei Mal so breit als das Kamin war.

Von diesem lieblichen Gemache selbst wandte natürlich Herr Parsons seine Aufmerksamkeit auf die Bewohner. In der einen Abtheilung spielten zwei Männer Cribbage mit schmutzigen Karten, welche aus allerlei gebrauchten Spielen zusammengelesen worden waren und demnach blaue, rothe und grüne Rückseiten hatten. Das Cribbagebrett war lange vorher schon durch irgend einen erfinderischen Kopf – wie es schien mittelst Hülfe eines Taschenmessers und einer zweizinkigen Gabel – auf dem Tische ausgeschnitten und zugleich die erforderliche Zahl von Löchern in gewissen Entfernungen auf dem Tische zu Aufnahme der hölzernen Marken eingegraben worden. In einer andern Abtheilung saß ein wohlbeleibter, kräftig aussehender Mann, von etlichen vierzig Jahren, am Mittagsessen, welches ihm seine Frau – eine nicht minder gutgenährte Person – in einem Korbe gebracht hatte, und in einer dritten unterhielt sich ein junger Mann von anständigem Aussehen eifrig, aber in leisem Tone, mit einer jungen Dame, deren Angesicht ein dichter Schleier barg, welche aber Herr Parsons auf den ersten Blick für die Frau des Schuldgefangenen halten zu müssen glaubte. Ein junger Bursche, von gemeinen Manieren, nach dem eigentlichen Extreme der herrschenden Mode gekleidet, ging, eine brennende Cigarre im Munde, im Zimmer auf und ab; die Hände in den Taschen, blies er Wolken von Rauch vor sich her und nahm zuweilen, mit anscheinend großem Wohlbehagen, seine Zuflucht zu einer Bierkanne, deren Inhalt er auf dem Kamine kühl erhalten zu wollen schien.

»Noch einmal vier Pence, bei Gott!« rief einer der Cribbagespieler seinem Gegner am Schlusse der Partie zu und zündete seine Pfeife an; »man sollte glauben, Sie hätten das Glück in einer Pfefferbüchse verwahrt und dürften nur schütteln, wenn Sie es brauchten.«

»Ja, das wäre so übel nicht,« erwiederte der Andere – ein Pferdehändler von Islington.

»Allerdings, und es sollte mich freuen, wenn es so wäre,« unterbrach sie der vorbesagte Dicke, welcher nach beendigtem Mittagessen ganz munter mit seiner Gattin in zärtlich ehelicher Harmonie Glas und warmen Grog theilte. Die getreue Teilnehmerin seiner Sorgen hatte einen hinreichenden Vorrath dieses Anti-Mäßigkeits-Fluidums in einem großen, flachgedrückten, steinernen Gefäße mitgebracht, das etwa aussah, wie ein erfolgreich gegen die Wassersucht angezapfter Halb-Gallon-Krug.

»Sie sind so eine durstige Leber, Herr Walker – wollen Sie Ihren Schnabel da 'mal 'rein stecken, Sir?«

»Wenn Sie erlauben, Sir,« erwiederte Herr Walker, und verließ sogleich seinen Käficht, um von dem Anerbieten zu profitiren.

»Ihre und Ihrer lieben Frau Gesundheit, Sir. Meine Herren, ebenfalls auf gute Besserung. Nun, Herr Willis,« fuhr der lustige Gefangene fort, sich an den Jüngeren mit der Cigarre wendend, »Sie sehen ja heute ganz geschniegelt aus. Was ist denn los, Sir? Sie sind ja ganz im Wichse.«

»O, ich habe auch das Recht dazu,« erwiederte der Cigarrenraucher. »Morgen werde ich frei.«

»Werden Sie? So, ei, das ist recht schön,« sagte der Andere. »Verdammt, ich wünschte, ich könnte auch so sagen. Ich sitze bis über die Ohren darin, so tief als der Royal George und habe ungefähr dieselbe Hoffnung, loszukommen. Ha! Ha! Ha!«

»Warum –,« sagte der junge Mann sehr laut und hemmte seinen Spaziergang, »betrachten Sie mich einmal; warum glauben Sie wohl, daß ich seit zwei Tagen hier brummen mußte?«

»Ohne Zweifel, weil Sie nicht fort durften, vermuthe ich,« sagte Herr Walker, den Uebrigen zuwinkend. »Nicht, daß Sie gerade nothwendig hätten, hier zu bleiben, – blos, weil Sie nicht anders konnten. Kein Zwang, verstehen Sie, nur weil Sie mußten – he?«

»Haben wir da nicht ein Staatskerlchen?« fragte das vergnügte Individuum, welches vorhin den Grog angeboten hatte, seine Frau.

»O, allerdings,« erwiederte die Dame und schien über die sprühenden Witze ganz außer sich zu sein.

»Wie? Mein Fall,« ergriff das Schlachtopfer des Schuldengesetzes mit finsterem Blicke wieder das Wort, warf den Rest einer Cigarre in das Feuer, und stieß zur Erläuterung seiner Behauptung hin und wieder mit dem Bierkruge auf den Tisch, »mein Fall ist ein ganz besonderer; mein Vater ist ein sehr reicher Mann, und ich bin sein Sohn –«

»Das ist allerdings ein sehr absonderlicher Umstand,« unterbrach ihn der scherzhafte Herr Walker en passant.

»– Ich bin sein Sohn, der eine anständige Erziehung genossen hat. Ich bin Niemand Nichts schuldig – nicht eines Pfennigs Werth, aber ich wurde verleitet, müssen Sie wissen, meinen Namen zu einigen Wechseln für einen Freund herzugeben – zu Wechseln von großem Belange – ich darf sagen, von sehr großem Belange, von deren Wichtigkeit ich keinen Begriff nicht hatte. Was war die Folge davon?«

»Was? Ich denke wohl, die Wechsel gingen hinaus und Sie kamen hier herein. Jene wurden nicht acceptirt, aber Sie wurden hier acceptirt, wie?« fragte Walker.

»So ist es allerdings,« erwiederte der junge Herr mit der anständigen Erziehung; »allerdings, und nun bin ich hier wegen zwölfhundert Pfunden.«

»Warum bitten Sie aber Ihren alten Herrn nicht, daß er die Kleinigkeit ausgleiche?« fragte Walker mit einem etwas skeptischen Blicke.

»O, bei Gott! Der wird es nimmermehr thun,« erwiederte der Andere mit kläglicher Stimme, »nimmermehr!«

»So? Das ist doch sehr sonderbar, gewiß,« bemerkte der Besitzer des großen Kruges und machte sich ein zweites Glas zurecht; »da habe ich übrigens seit dreißig Jahren ganz andere Fatalitäten gehabt, mehr als Einer sagen kann. Ich will mich aber in Stücke zerreißen lassen, wenn es mir in meinem ganzen Leben – wie zum Beispiel, als ich vor dreißig Jahren in einer Walkmühle war; oder später, als ich Obsthandel trieb und eine Schnellbleiche hielt; oder noch später, als ich mit Kohlen Geschäfte machte – je vorgekommen ist, daß so ein junger Bursche an einen derartigen Ort gekommen wäre, ohne daß er gesagt hätte, seine Haft würde nicht lange dauern, und jedesmal war er wegen eines für einen guten Freund unterzeichneten Wechsels verhaftet worden, für den er Nichts – auf der Welt Nichts – nicht eines Nagels groß empfangen hatte.«

»O, gewiß! So pfeifen sie Alle,« sagte Walker, »und ich kann gar nicht einsehen, zu was es gut sein soll, das ist's, was mich so falsch macht! – Was? Ich würde viel mehr auf Einen halten, wenn er geradezu ehrlich und redlich, wie es einem Gentleman geziemt, sagen würde, daß er Alles getrieben hätte, was er nur konnte.«

»Allerdings,« bemerkte der Pferdehändler, dem dieses Axiom völlig einleuchtete, da es auf seine Handelsgeschäfte ganz prächtig paßte, »so meine ich auch.«

Der junge Herr, der die Veranlassung zu diesen Bemerkungen gegeben hatte, war auf dem Punkte, diesen Hohn mit etwas Derbem zu beantworten, als ihre Unterhaltung durch das Aufstehen des vorerwähnten jungen Mannes, und seiner jungen Frau, welche bisher bei ihm gesessen hatte und sich nun entfernen wollte, plötzlich unterbrochen wurde.

Sie hatte bitterlich geweint, und die abscheuliche Luft des Zimmers hatte noch überdieß bei ihren erschütterten Gefühlen ihre zarte Constitution so angegriffen, daß sie der Unterstützung ihres Begleiters höchst nothwendig bedurfte, als sie mit einander das Zimmer verließen.

In dem Aeußern dieser beiden Personen offenbarte sich eine so bestimmt ausgesprochene Überlegenheit und in ihrem Benehmen lag Etwas, das an einem solchen Orte so ungewöhnlich war, daß ein achtungsvolles Stillschweigen eintrat, bis das Knarren und Einfallen der Thüre anzeigte, daß sie sich außer dem Bereiche des Hörens befanden. Die Frau des Exobsthändlers brach das Stillschweigen zuerst.

»Armes Geschöpf!« sagte sie und flößte einen Seufzer mit einem tüchtigen Schluck Grog hinunter. »Sie ist noch so jung.«

»Ein feines Weibchen,« fügte der Roßkamm hinzu.

»Weßhalb ist er denn da, Ikey?« fragte Walker einen Mann, der damit beschäftigt war, ein mit zahlreichen Senfflecken beschmutztes Tischtuch auszubreiten; Herr Gabriel Parsons erkannte in ihm ohne Schwierigkeit den Mann wieder, welcher ihm heute früh einen Besuch abgestattet hatte.

»Warum?« erwiederte das Factotum; »das ist eine der ärgsten Geschichten, die es gibt. Er kam letzten Mittwoch herein, wo er, so beiläufig gesagt, in der Nacht über's Wasser gehen wollte, – aber da kam man ihm zuvor. – Ich bin nun, verstehen Sie, auf und ab gelaufen, hin und her wegen seiner Geschichte, und hab' mir Müh' gegeben, durch die Bedienten und so davon heraus z'kriegen; und wenn ich recht versteh', so scheint's darauf hinaus zu laufen, was dazu beigetragen, daß –«

»Macht's kurz, alter Bursche,« unterbrach ihn Walker, der aus früherer Erfahrung wußte, daß die Erzählungen des Stulpengestiefelten weder sehr kurz, noch sehr verständlich waren.

»Laßt mich nur machen,« erwiederte Ikey, »und Ihr sollt in fünf Sekunden Alles wissen. Dieses jungen Gen'lm'ns Vater also – hab' ich gehört, müßt Ihr wissen – und der Vater der jungen Dame lagen sich stets in den Haaren, so daß sie einander lieber ein Bischen zu Boden geschlagen hätten, und zum Fenster hinaus geworfen, als sonst was; aber irgendwo in einem fremden Haus, wo eine Visite war, fing er eine Bekanntschaft mit der jungen Dame an. Er sah sie verschiedene Male, und dann, er nicht faul, sagt, er wollt' sie heirathen, wenn's ihr recht wär'. Gut, 's war ihr recht, und sie that so schön mit ihm, als er mit ihr, und so weit, glaub' ich, ging Alles gut; denn sie heiratheten sich, ungefähr sechs Monate später – heimlich, müßt Ihr wissen, wenigstens wußten's die beiden Väter nicht, so hab' ich gehört. Als die nun aber dahinter kamen, potz Wetter – da war Feuer im Dach! Hunger sterben lassen war das Wenigste, was man mit ihnen thun wollt'. Des jungen Gen'lm'ns Vater trumpft' ihm tüchtig auf und sagt' sich von ihm los, weil er sich selbst ein Weib angehängt hätt', und der jungen Dame ihr Vater macht's noch schlimmer und unnatürlicher, läßt kein gutes Stückchen an ihr und schwört, er wolle nichts mehr von ihr hören; stellt auch so einen Kunden auf, den ich wohl kenn' – und den Sie auch kennen, Herr Walker, einen prächtigen Kerl, der mußt' herum gehen und die Wechsel und dergleichen aufkaufen, mit denen der junge Ehemann, in der Meinung, seinen Alten wieder herum zu kriegen, sich hat eine Weile Lust machen wollen, und außerdem noch bot er Alles auf, sonstige Leute gegen ihn zu hetzen. Da zahlt' er dann, so lang es ging; aber – Dinge, an die er nicht gedacht, daß er sie eher aufgetischt kriegen würde, als bis er den Daumen wieder rühren könnte, sind eben nur zu bald gekommen, und so haben sie ihn am Ende arretirt. Man bracht' ihn letzten Mittwoch, wie ich schon gesagt, hierher, und ich glaub', daß noch ein ganzes halbes Dutzend Klagen gegen ihn vorliegen. Ich bin nun fünfzehn Jahr' in dieser Profession und noch ist mir kein solcher Hassard vorgekommen.«

»Die armen guten Leute!« rief des Kohlenhändlers Frau wieder und tröstete sich abermals durch die alte Arznei, wie vorhin. – »Ach! wenn sie erst so viel durchgemacht haben werden, als ich und mein Alter da, so werden sie sich eben so d'rein finden lernen, als wir.«

»Die junge Dame ist ein herrliches Geschöpf,« sagte Walker, »obgleich sie etwas zu zart für meinen Geschmack wäre – es ist nicht genug an ihr. Was den jungen Herrn betrifft, so mag er sehr achtungswerth sein und sonst noch Alles, aber er ist zu stumm für mich, – er hat kein Leben.«

»Leben?« rief Ikey, der die Lage eines Messers und einer Gabel mit grünen Handgriffen schon wenigstens ein halbes Dutzend Mal geändert hatte, um einen Vorwand zu haben, noch länger in dem Zimmer bleiben zu können. »Er hat Leben genug, wenn es gilt, über 'was bös' zu sein; aber wer kann lebendig sein, wie Sie's nennen, Herr Walker, wenn man so'n bleiches Geschöpf, wie er, an Einem hängen hat? – Es möcht' Einem ja das Herz bluten, wenn man sie so bei einander sieht und das Alles weiß. Nimmer werd' ich vergessen, wie sie zuerst her kamen; er schrieb ihr am Donnerstag, sie solle kommen – ich weiß's, weil ich den Brief forttrug. Er war ungewöhnlich unruhig den Tag über, ja und des Abends geht er 'nunter in's Bureau und sagt zu Jakobs, ›Sir, kann ich wohl für diesen Abend wenige Minuten ein b'sonderes Zimmer haben, ohne daß es mir besondere Kosten macht, blos um meine Frau dort z's'hen?‹ sagt er. Jakobs sah aus, als ob er sagen wollte: ›hol mich der Henker, wenn der nicht einer von den Bescheidenen ist!‹ Aber da ein Gen'lm'n, der in einem Hinterzimmer gewesen, gerade fortgekommen war und es für den ganzen Tag schon bezahlt hatte, sagt' er – sehr ernst –: ›Sir,‹ sagt er, ›'s ist gegen unsere Ordnung, unsern Hausleuten b'sondere Zimmer ohne Entschädigung einzuräumen, aber,‹ sagt er, ›einem Gentleman zu Lieb können wir schon einmal davon abgehen, und es soll mir nicht darauf ankommen.‹ Er wendet sich dann zu mir und sagt: ›Ikey, stell zwei gegossene Lichter in das Hinterzimmer und bring sie diesem Gen'lm'n in Rechnung,‹ was ich auch gethan habe. Das war gut, eine Miethkutsche kommt nun beiderweil' vor das Thor, und das war, wie wohl zu vermuthen, die junge Dame, in so einem Opernmantel und ganz allein. Ich hatte an jenem Abend das Thor zu öffnen und ging dann hinaus, als die Kutsche da war; er stand unter der Zimmerthür', und ich glaub', er zitterte gar. Das arme Geschöpf sah ihn, und hatte kaum noch Kraft, auf ihn zuzugehen. ›O Harry,‹ sagt' sie, ›daß es so weit kommen mußte! – und Alles um meinetwillen‹ sagt' sie, und legt' ihre Hand auf seine Schulter. Er schlingt seinen Arm um das hübsche Weibchen, und führt sie 'n paar Schritte in's Zimmer hinein, daß er die Thür' schließen konnte, und sagt so liebevoll, so sanft –: ›Wie, Kate‹ sagt er –«

»Da ist der Herr, den Sie zu sehen wünschen,« sagte Ikey zu Herrn Gabriel Parsons, – plötzlich seine Erzählung abbrechend, und zeigte auf Watkins, der – im Augenblicke ganz niedergeschlagen – in dem Zimmer erschien. Watkins kam mit einer in Holz geschnittenen Duldersmiene näher und ergriff Parsons dargebotene Hand.

»Ich wünschte mit Ihnen zu sprechen,« sagte Gabriel Parsons mit einem Seitenblicke, der sein Mißfallen über die Anwesenden deutlich genug ausdrückte.

»Kommen Sie nur mit mir,« erwiederte dieser und schlug den Weg nach dem Vorderzimmer ein, wo sich die reicheren Schuldgefangenen aufhielten und gegen eine Entschädigung von ein paar Guineen täglich das luxuriöseste Leben führten.

»Da bin ich nun hier,« sagte Watkins Tottle, setzte sich auf einen Sopha, legte seine flachen Hände auf die Kniee und blickte ängstlich an seinem Freunde empor.

»Ja, und hier werden Sie wahrscheinlich auch bleiben,« entgegnete Gabriel kalt, guckte aus dem Fenster und rasselte mit dem Gelde in den Taschen seiner Unaussprechlichen.

»Wie hoch beläuft sich Ihre Schuld, nebst den Kosten?« fuhr er endlich nach einer ängstlichen Pause fort.

»Auf 37 Pfd. 3 Sh. 10 Pence.«

»Haben Sie noch Geld?«

»Neun Shillinge und sechs Pence.«

Herr Gabriel Parsons schritt einige Sekunden im Zimmer auf und ab, ehe er seinen bereits fertigen Plan mittheilen wollte. Er trieb starke Wuchergeschäfte, zugleich war er aber auch höchst besorgt dafür, seinen Geiz zu bemänteln. Endlich blieb er stehen und sagte:

»Tottle, Sie sind mir fünfzig Pfund schuldig.«

»Ja.«

»Und nach Allem, was ich sehe, muß ich befürchten, Sie werden sie mir auch schuldig bleiben.«

»Ich auch.«

»Aber Sie wären doch geneigt, mich zu bezahlen, wenn Sie es könnten?«

»Gewiß.«

»Dann,« sagte Herr Gabriel, »passen Sie einmal auf; ich habe einen Vorschlag. Sie kennen meine Weise von Alters her. Nehmen Sie meine Proposition an, – ja oder nein – ich will – oder will nicht. – Ich werde Ihre Schuld nebst den Kosten bezahlen, und will Ihnen noch weitere zehn Pfund leihen, was nebst Ihrem Einkommen hinreichen wird, Ihr Vorhaben auszuführen, wenn Sie eine Handschrift ausstellen, wornach Sie mir, sechs Monate nach Ihrer Verheirathung mit Miß Lillerton, hundert und fünfzig Pfund zu bezahlen versprechen.«

»Mein liebster, teuerster –«

»Halt – noch eine Minute – nur noch eine Bedingung. Sie machen Miß Lillerton ohne weitern Verzug den Antrag.«

»Ohne weitern Verzug? Mein lieber Parsons, bedenken Sie.«

»Es ist an Ihnen, zu bedenken, nicht an mir. Sie kennt Sie wohl vom Hörensagen, obgleich sie erst kürzlich Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht hat. Trotz ihrer jungfräulichen Ziererei, denke ich, wird sie verteufelt weich werden, wenn sie von Heirathen hört, und sich nicht lange bedenken, sondern zugreifen. Meine Frau hat sie schon darüber ausgeholt und sie hat gebeichtet.«

»Was – was?« unterbrach ihn der verliebte Watkins eifrig.

»Was?« erwiederte Parson; »möchte gerade nicht leicht sein, genau zu sagen, was sie gestanden hat, denn sie sprachen nur so durch Andeutungen und verblümt; aber meine Frau, welche sich auf dergleichen Sachen versteht, hat erklärt, daß das, was sie gestanden, so gut wäre, als wenn sie gesagt hätte, daß sie gegen Ihre Verdienste durchaus nicht gleichgültig sei – kurz, daß sie kein Anderer haben solle.«

Herr Watkins Tottle stand hastig von seinem Sitze auf und riß an der Glocke.

»Was haben Sie vor?« fragte Parsons.

»Ich will nach einem Stempelbogen zur Handschrift schicken,« erwiederte Tottle.

»Sie sind also fest entschlossen?«

»Allerdings fest;« – und Beide schüttelten einander auf's Freundschaftlichste die Hände. Die Schrift ward ausgestellt – die Schuld nebst Kosten bezahlt – Ikey für seine Mühe belohnt – und die beiden Freunde befanden sich bald auf derjenigen Seite von Herrn Salomon Jakob's Anstalt, welche den meisten seiner Gäste die erwünschteste wäre – nämlich auf der Außenseite.

»Nun, Tottle,« sagte Herr Gabriel Parsons, als sie mit einander gegen Norwood hinfuhren – »Sie werden heute Abend noch Gelegenheit finden, Ihren Antrag anzubringen, und da müssen Sie sich dann aussprechen, Tottle.«

»Das werde ich – das werde ich,« erwiederte Watkins mannhaft.

»Ich möchte Euch wohl miteinander sehen,« rief Herr Gabriel Parsons aus – »was das für Spaß sein müßte!« Und darüber lachte er so lange und so laut, daß Herr Watkins Tottle ganz außer Fassung kam und das Pferd scheu wurde.

»Da gehen Fanny und Ihre Zukünftige in der Anlage spazieren,« sagte Gabriel, als sie sich dem Hause näherten – »die Augen in die Höhe, Tottle.«

»Ich habe keine Furcht,« erwiederte Watkins entschlossen, während sie den Damen entgegengingen.

»Da bringe ich Ihnen Herrn Tottle, meine Liebe,« sagte Frau Parsons zu Miß Lillerton. Die Dame wandte sich rasch um und erwiederte seine zierliche Verbeugung mit jener zarten Verwirrung, welche Tottle schon bei seiner ersten Zusammenkunft wahrzunehmen Gelegenheit gehabt hatte, doch schien dieses Mal Etwas wie Täuschung oder Gleichgültigkeit in ihren Blicken zu liegen.

»Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie vergnügt sie über Ihr Kommen war?« flüsterte Parsons seinem Freunde zu.

»So, bemerkten Sie das wirklich? Ich glaubte in der That, sie sah eher aus, als ob sie sonst Jemand lieber gesehen hätte, als mich,« erwiederte Tottle.

»Pah! Unsinn!« flüsterte Parsons wieder, »das ist bei den Weibern stets so, sie mögen jung oder alt sein. Sie wollen nie merken lassen, wie vergnügt sie sind, Den zu sehen, dessen Gegenwart ihr Herz klopfen macht. Das ist bei dem ganzen Geschlechte einmal nicht anders; es wundert mich nur, wie man dieß in Ihrem Alter noch nicht wissen kann. Fanny bekannte es mir nach der Heirath mehr als einmal – da sehen Sie, was es werth ist, eine Frau zu haben.«

»Ich glaube es wohl,« meinte Tottle kleinlaut, dessen Muth gänzlich dahin war.

»Nun also, Sie würden wohl daran thun, die Bahn zu brechen,« sagte Parsons, der sich nun, nachdem er einmal das Geld daran gewagt hatte, auch zum Dirigenten aufwarf.

»Ja, ja, ich will – augenblicklich,« erwiederte Tottle und nahm einen Anlauf.

»Sagen Sie ihr Etwas,« munterte ihn Parsons weiter auf. »Zum Henker! Machen Sie ihr irgend ein Kompliment; können Sie denn das nicht?«

»Nein! Jetzt nicht, aber nach dem Essen,« erwiederte der blöde Tottle, nur dafür besorgt, den fürchterlichen Augenblick noch weiter hinauszuschieben.

»Aber, meine Herren,« sagte Frau Parsons, »es ist in der That recht artig von Ihnen – Sie machen sich davon und lassen sich den ganzen Morgen nicht sehen, während Sie es doch versprochen haben, mit uns einen Ausflug zu machen, und nun, wo Sie endlich nach Hause kommen, stehen Sie hin und flüstern einander in die Ohren, ohne von uns die geringste Notiz zu nehmen!«

»Wir hatten noch von unserem Geschäfte zu sprechen, das uns diesen Morgen hinhielt, meine Liebe,« erwiederte Parsons, Tottle bedeutungsvoll ansehend.

»Aber um Gottes willen, wie schnell der Morgen vergangen ist!« sagte Miß Lillerton und nahm ihre goldene Uhr zur Hand, welche bei solchen Gelegenheiten regelmäßig aufgezogen wurde, ob sie abgelaufen war oder nicht.

»Mir ist sie vielmehr sehr langsam vergangen,« bemerkte Tottle mit schmachtendem Tone.

»So ist's recht – bravo!« flüsterte ihm Parsons zu.

»Wirklich!« sagte Miß Lillerton mit würdevoller Ueberraschung.

»Ich kann es blos dem unvermeidlichen Hinderniß zuschreiben, das mich nöthigte, Ihre Gesellschaft zu missen, Fräulein – und die der Frau Parsons,« fügte er noch hinzu.

Während dieses kurzen Dialogs hatten die Damen den Weg nach dem Hause eingeschlagen.

»Was, zum Henker, fiel Ihnen denn ein, Fanny in dieses Kompliment mit hineinzuflicken?« sagte Parsons zu Tottle, als sie den Damen folgten; »das hat den ganzen Effekt total verdorben.«

»Aber es wäre doch wahrlich zu plump gewesen, wenn ich das nicht gethan hätte,« erwiederte Watkins Tottle; »in der That, zu plump.«

»Er ist ganz närrisch,« flüsterte Parsons seiner Frau zu, als sie in's Zimmer eintraten, »ganz närrisch; – vor lauter Bescheidenheit.«

»Ach Himmel!« rief die Dame aus, »so etwas ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen.«

»Sie werden finden, daß Sie sich mit Hausmannskost begnügen müssen,« sagte Frau Parsons, als sich die Gesellschaft zu Tische setzte; »Miß Lillerton ist hier zu Hause, und Sie, Freund, betrachten wir natürlich auch als keinen Fremden.«

Herr Watkins Tottle drückte die Hoffnung aus, daß Parsons' Familie ihn nie als einen Fremden ansehen würde, und wünschte innerlich, daß ihm nur auch seine Blödigkeit gestatten möchte, sich selbst weniger fremd zu fühlen.

»Nehmen Sie die Deckel ab, Martha,« sagte Frau Parsons, welche den Wechsel der Tischscenerie mit großer Sorgsamkeit dirigirte.

Dem Befehl wurde alsbald Folge geleistet, und am oberen Ende der Tafel präsentirte sich gebratenes Geflügel, Zungen et cetera's, am unteren aber ein Lendenbraten. Auf der einen Seite standen zwei grüne Sauce-Terrinen, mit Löffeln von derselben Farbe auf einer grünen Platte, und auf der andern ein Kaninchen mit Curriesauce und Citronenschnitten.

»Meine liebe Miß Lillerton,« sagte Frau Parsons, »darf ich Ihnen vorlegen?«

»Ach nein, ich danke Ihnen; ich denke, Herr Tottle wird erlauben, daß ich ihn belästige.«

Watkins fuhr auf – zitterte – machte sich an das Kaninchen und zerbrach einen Kelch. Die Dame vom Hause, die bisher freundlich gewesen war wie ein Ohrwürmchen, machte urplötzlich ein bitterböses Gesicht.

»Thut mir außerordentlich leid,« stammelte Watkins, während er sich nun selbst in der fürchterlichsten Zerstreuung von der Curriesauce nebst Petersilie und Butter vorlegte.

»Hat gar nichts zu bedeuten,« erwiederte Frau Parsons mit einem Tone, welcher nur zu deutlich merken ließ, daß es nur zu viel zu bedeuten hätte, und hieß den Jungen, der unter dem Tische die Glasscherben auflas, sich entfernen.

»Ich glaube,« sagte Miß Lillerton, »Herr Tottle wird wohl wissen, was in solchen Fällen bei Junggesellen der Brauch ist; ein Dutzend Gläser ist gewöhnlich die geringste Buße.«

Herr Gabriel Parsons gab seinem Freunde einen auffordernden Tritt auf die Zehen. Denn das sollte ja augenscheinlich heißen, je eher er aufhörte, ein Junggeselle zu sein, und sich von solchen Bußen frei machte, desto besser wäre es.

Herr Watkins Tottle faßte die Bemerkung ebenfalls aus demselben Gesichtspunkte auf, und forderte Frau Parsons auf, mit ihm ein Glas Wein zu trinken, und offenbarte dabei in der That eine Geistesgegenwart, die unter den vorliegenden Umständen wirklich außerordentlich war.

»Miß Lillerton,« sagte Gabriel, »kann ich das Vergnügen haben?«

»Es wird mir sehr angenehm sein.«

»Tottle, wollen Sie Miß Lillerton bedienen und die Flasche zur Hand nehmen. Danke Ihnen.« (Und die gewöhnlichen pantomimischen Komplimente von Kopfneigen und Nippen aus dem Glase gingen sofort vor sich.)

»Tottle, sind Sie schon einmal in Suffolk gewesen?« fragte der Herr vom Hause, der vor Verlangen brannte, eine seiner sieben Stockhistorien zum Besten zu geben.

»Nein,« erwiederte Watkins, fügte übrigens, um doch etwas zu sagen, als Klausel hinzu, »aber in Devonshire bin ich schon gewesen.«

»Nein,« erwiederte Gabriel, »in Suffolk war es; da begegnete mir einst, schon vor vielen Jahren, eine ganz besondere Geschichte. Habe ich sie Ihnen vielleicht schon einmal erzählt?«

Allerdings hatte sie Herr Watkins Tottle seinen Freund nicht weiter als vierhundert Mal erzählen hören. Natürlich war er aber doch höchst neugierig und äußerst ungeduldig, sie noch einmal zu hören.

Herr Gabriel Parsons machte sich daher – auf die Gefahr hin, so oft als möglich unterbrochen zu werden, was, wie unsere Leser schon häufig beobachtet haben werden, dem Herrn vom Hause in ähnlichen Fällen nicht selten begegnet – bereit, die Historie zu beginnen.

Wir wollen unseren Lesern einen kleinen Begriff davon geben, wie wir dieß meinen.

»Als ich einst in Suffolk war,« begann Herr Gabriel Parsons – –

»Martha, nimm erst das Geflügel weg,« unterbrach ihn seine Frau; »ich bitte um Entschuldigung, lieber Mann.«

»Als ich einst in Suffolk war,« fing Herr Parsons nochmals an, und zwar nicht ohne einen ungeduldigen Blick auf seine Frau, die sich aber stellte, als bemerke sie dieß nicht, »was nun schon mehrere Jahre her ist, führten mich meine Geschäfte auch nach Bury St. Edmunds. Ich war genöthigt, an den bedeutendsten Orten anzuhalten, und reiste deßhalb, der Bequemlichkeit wegen, in einem Gig. Ich verließ Sudbury spät Abends, – es war zur Winterszeit und sehr finster, – um etwa neun Uhr: der Regen goß in Strömen herab, der Wind heulte in den Bäumen an der Straße, und ich war am Ende genöthigt, Schritt vor Schritt zu fahren, denn es war so finster, daß man keine Hand vor den Augen sehen konnte – –«

»John,« unterbrach ihn Frau Parsons mit leiser, hohler Stimme, »verschütte die Sauce nicht.«

»Fanny,« sagte Parsons unwirsch, »ich möchte wohl wünschen, daß du solche häusliche Vorschriften zu gelegenerer Zeit ertheiltest. In der That, Liebe, dergleichen beständige Unterbrechungen sind höchst widerwärtig.«

»Aber, lieber Mann, ich unterbrach dich ja nicht,« sagte Frau Parsons.

»Doch hast du mich unterbrochen, meine Liebe,« bemerkte Herr Parsons.

»Du bist aber doch auch gar zu kurios, Lieber! Ich muß doch den Dienstboten hie und da Etwas sagen; ich bin vollkommen überzeugt, daß, wenn ich ruhig hier säße und mit ansehen würde, wie John die Sauce über den neuen Fußteppich schüttet, du der Erste wärest, der mir Vorwürfe machte, sobald du morgen die Flecken sähest.«

»Gut also,« fuhr Gabriel ganz resignirt fort, da er wohl wußte, daß er im Punkte des Teppiches nichts gewinnen würde. »Ich glaube, ich bin dabei stehen geblieben, wie ich sagte, es sei so finster gewesen, daß ich keine Hand vor den Augen sehen konnte. Die Straße war völlig einsam, und ich versichere Sie, Tottle (damit wollte er Tottle's Aufmerksamkeit wieder fesseln, welche durch eine heimliche Mittheilung zwischen Frau Parsons und Martha und die Aushändigung eines großen Schlüsselbundes abgeleitet worden war), ich versichere Sie, Tottle, daß dieß einen ganz besonderen Eindruck auf mich machte und ich die Einsamkeit meiner Lage schmerzlich fühlte.«

»Bring' die Pastete deinem Herrn,« unterbrach ihn Frau Parsons abermals.

»Aber, ich bitte dich doch, Liebe,« entgegnete Parsons ärgerlich.

Frau Parsons erhob ihre Hände und zog die Augenbrauen in die Höhe, um durch diese Pantomime stillschweigend an Miß Lillerton zu appelliren.

»Als ich an eine Krümmung der Straße kam,« fuhr Gabriel fort, »hielt das Pferd plötzlich still und brauste und schnaubte fürchterlich. Ich fuhr wie der Blitz heraus, vor an den Kopf des Pferdes, und fand, was meint ihr wohl, was ich fand – einen Mann mitten auf der Straße; er lag auf dem Rücken ausgestreckt, und mit den Augen sah er gen Himmel; ich hielt ihn anfänglich für todt; aber es war nicht so, er lebte und es schien ihm Nichts zu fehlen. Plötzlich sprang er in die Höhe, legte die Hand auf die Brust und sah mich so ernst an, wie Sie sich's gar nicht denken können, und rief endlich mit hohler Grabesstimme: –«

»Bringe den Pudding daher,« sagte Frau Parsons.

»O, es ist aber doch nicht mehr zum Aushalten!« eiferte der Hauswirth in kompletter Verzweiflung. »Da, Tottle, nehmen Sie Ihr Glas. Es ist doch umsonst, Etwas zu erzählen, so lange Frau Parsons da ist.«

Der Angriff wurde auf die gewöhnliche Weise aufgenommen. Frau Parsons sprach mit Miß Lillerton und über ihre bessere Hälfte; beklagte sich über die Ungeduld der Männer im Allgemeinen, bemerkte, daß ihr Herr Gemahl sich in diesem Punkte besonders auszeichne, und setzte noch hinzu, daß, wenn sie nicht das ruhigste Temperament von der Welt hätte, sie es nicht auszuhalten im Stande wäre. In der That aber war es durchaus unmöglich, daß Jemand, der sie so im Gewöhnlichen sah, irgend Etwas von dem entdecken konnte, was sie ausstehen mußte. – Da nun Herr Parsons so viel bei seiner Erzählung zu dulden hatte, so beschloß er, sich kurz zu fassen, und begnügte sich damit, blos noch hinzuzufügen, jener Mann sei ein Wahnsinniger und aus einem benachbarten Irrenhause entsprungen gewesen.

Das Tischtuch wurde abgenommen; die Damen zogen sich bald zurück, und Miß Lillerton spielte im obern Zimmer zur Erbauung des Gastes sehr laut auf dem Pianoforte. Herr Watkins Tottle und Herr Gabriel Parsons saßen ganz behaglich plaudernd bei einander, und nachdem sie die zweite Flasche ausgestochen hatten, machte Parsons den Vorschlag, nun zu den Damen hinaufzugehen, da er und seine Frau den Plan entworfen hätten, Tottle und Miß Lillerton nach dem Thee allein beisammen zu lassen.

»Lassen Sie sich was sagen,« meinte Tottle, als sie die Treppe hinaufgingen, »glauben Sie wohl nicht, daß es besser wäre, wenn wir es bis – bis – morgen verschöben?«

»Glauben Sie nicht, daß es besser gewesen wäre, wenn ich Sie in jenem abscheulichen Loche gelassen hätte, wo ich Sie diesen Morgen fand?« erwiederte ihm Parsons barsch.

»Nun, – nun, – man wird doch fragen dürfen?« sagte der arme Watkins Tottle mit einem tiefen Seufzer.

Der Thee war bald getrunken, und Miß Lillerton stellte ein kleines Arbeitstischchen an das Kamin, legte einen kleinen hölzernen Rahmen darauf, der einem Pferdegöpel im Kleinen, – aber ohne Pferd, – ähnlich sah, und war bald eifrig an einem Uhrbande von brauner Seide beschäftiget.

»Potz Tausend!« rief Parsons plötzlich aus, und sprang plötzlich mit wohl nachgemachtem Schrecken in die Höhe, »ich habe die verdammten Briefe vergessen. Tottle, ich weiß, Sie entschuldigen mich!«

Hätte Tottle freie Hand gehabt, so würde er Niemanden, als sich selbst, erlaubt haben, das Zimmer zu verlassen; unter bewandten Umständen mußte er aber so gut als möglich dazu sehen, wie Parsons das Zimmer verließ.

Kaum hatte sich dieser entfernt, als Martha den Kopf zur Thüre hereinsteckte: »Sie möchten herauskommen, Ma'am!«

Frau Parsons verließ nun ebenfalls das Zimmer, machte die Thüre sorgfältig hinter sich zu und Herr Watkins Tottle befand sich jetzt mit Miß Lillerton allein.

Die ersten fünf Minuten über herrschte eine Todtenstille. – Herr Watkins Tottle dachte darüber nach, was er nun beginnen sollte, und Miß Lillerton schien an gar nichts zu denken. Das Feuer brannte sehr spärlich; Herr Watkins Tottle störte es daher etwas auf und legte einige Kohlen hinzu.

»Hm!« hustete Miß Lillerton; Herr Watkins Tottle glaubte, das liebliche Geschöpf habe gesprochen, und sagte:

»Bitte um Entschuldigung.«

»Wie?«

»Ich glaubte, Sie hätten etwas gesagt.«

»Nein.«

»So!«

»Dort liegen Bücher auf dem Sopha, Herr Tottle, wenn Sie vielleicht Lust hätten, ein wenig hineinzublicken;« sagte Miß Lillerton nach weiteren fünf Minuten.

»O nein, ich danke Ihnen,« erwiederte er und fügte dann mit einem Muthe, der ihn sogar selbst in Erstaunen versetzte, hinzu: »Madame, das heißt Miß Lillerton, ich wünschte mit Ihnen zu sprechen.«

»Mit mir?« sagte Miß Lillerton verwundert, ließ die Seide aus der Hand fallen und schob ihren Stuhl einige Schritte zurück. »Sprechen? – mit mir?«

»Ja, mit Ihnen, Madame – und zwar über den Zustand Ihrer Herzensneigung.«

Die Dame stand rasch auf, und würde ohne Zweifel das Zimmer verlassen haben, wenn sie nicht Herr Watkins Tottle möglichst zart bei der Hand gefaßt hätte, und während er diese, so weit als es die beiderseitige Länge ihrer Arme gestatten wollte, von sich entfernt festhielt, fuhr er fort:

»Ich bitte Sie dringend, mich nicht zu mißkennen oder zu glauben, daß ich mich, nach einer so kurzen Bekanntschaft, durch die Meinung von meinen eigenen Verdiensten hätte verleiten lassen, Ihnen zudringlich zu sein, denn ich fühle es, daß ich keine Verdienste besitze, die mir einigen Anspruch auf Ihre Hand geben könnten. Ich hoffe daher, Sie werden meine Freiheit entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich von Frau Parsons über Ihre Gesinnungen unterrichtet bin, – das heißt, daß Frau Parsons mir wenigstens gesagt hat, – eigentlich nicht Frau Parsons, sondern – –« hier wollte es nicht mehr recht weiter gehen, bis ihn endlich Miß Lillerton erlöste.

»Wenn ich recht verstehe, Herr Tottle, so hat Frau Parsons Sie mit meinen Gefühlen bekannt gemacht – mit meiner Neigung – vielmehr mit meiner Achtung vor einer Person des andern Geschlechts?«

»So ist es.«

»Dann aber möchte ich wohl fragen,« sagte Miß Lillerton, und wendete ihr Gesicht mit jungfräulicher Verschämtheit ab, »was Sie veranlassen konnte, eine Unterredung darüber mit mir zu wünschen? Was kann Ihre Absicht dabei sein? Wie vermag ich zur Beförderung Ihres Glückes Etwas beizutragen, Herr Tottle.«

Nun war die Gelegenheit gekommen, seinem verliebten Herzen Luft zu machen. –

»Dadurch, daß Sie mir gestatten,« erwiederte Watkins, und ließ sich auf ein Knie nieder (wobei ihm zwei Knöpfe absprangen und die Westenbänder zerrissen), – »dadurch, daß Sie mir erlauben, Ihr Diener, Ihr Sklave zu sein, – kurz, daß Sie mich rückhaltslos zum Vertrauten Ihrer Gefühle machen, ich möchte sagen, zur Beförderung Ihres eigenen Glückes, – ich möchte sagen, damit Sie das Weib eines Sie so zärtlich liebenden Verehrers werden!«

»Edelmüthiger Mann!« rief Miß Lillerton aus, und verhüllte ihr Angesicht in ein weißes Taschentuch mit einer durchbrochenen Bordüre.

Herr Watkins Tottle dachte, wenn die Dame Alles wüßte, so würde sie wahrscheinlich ihre Meinung über den Punkt des Edelmuthes ändern. Mit großer Feierlichkeit zog er nun die Spitze ihres Mittelfingers an seine Lippen und erhob sich von seiner knienden Position mit möglichster Anmuth.

»Meine Nachrichten waren also gegründet?« fragte er bebend, sowie er sich wieder auf seinen Füßen befand.

»So ist es.«

Watkins erhob seine Hände und blickte nach dem Lampenhaken an der Decke, um seine tiefe Erregung auszudrücken.

»Unsere Lage, Herr Tottle,« nahm die Dame endlich das Wort, während sie ihn durch ein Loch des durchbrochenen Schnupftuches anblinzelte, »ist von höchst besonderer und delikater Natur.«

»Allerdings,« erwiederte Herr Tottle.

»Unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer,« sagte Miß Lillerton.

»Kaum eine Woche,« bemerkte Watkins Tottle.

»O, doch mehr!« rief die Dame nicht ohne Staunen aus.

»Wirklich?«

»Mehr, als einen Monat, ja mehr, als zwei Monate.«

»Doch sonderbar,« dachte Watkins. »O!« sagte er und erinnerte sich an Parsons' Mittheilung, daß sie ihn dem Ruf nach kenne, »ich verstehe! Aber eben deßhalb, meine liebe Madame, bitte ich Sie, zu bedenken, daß je länger die Bekanntschaft schon bestand, desto weniger Ursache zu weiterem Zögern vorhanden ist. Warum wollen Sie also den Zeitpunkt, der die Hoffnungen Ihres ergebensten Anbeters krönen soll, nicht auf einmal feststellen?«

»Man hat mir dieß schon wiederholt vorgestellt,« erwiederte Miß Lillerton, »aber Sie müssen es meinen Anstandsgefühlen zu gut halten, Herr Tottle, – Sie werden meine Verwirrung entschuldigen, – ich habe meine besonderen Ansichten über Dergleichen, und ich kenne mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich es nie würde über mich gewinnen können, meinem künftigen Gemahle den Tag unserer Verbindung zu sagen.«

»Dann erlauben Sie mir, ihn zu sagen,« sagte Tottle eifrig.

»Ich möchte ihn wohl selbst festsetzen,« erwiederte Miß Lillerton verschämt, »aber ich kann dieß nicht, ohne zuvor die Zustimmung einer dritten Person zu haben.«

»Einer dritten Person!« dachte Watkins Tottle staunend; »wer, beim Henker, mag das wohl sein?«

»Herr Tottle,« fuhr Miß Lillerton fort, »Sie haben mir einen höchst uneigennützigen, gütigen Vorschlag gemacht – und ich nehmen den Vorschlag an. Wollen Sie wohl der Ueberbringer eines Billets an – an Herrn Timson sein?«

»An Herrn Timson?« sagte Watkins.

»Nach dem, was zwischen uns vorgefallen,« erwiederte Miß Lillerton fortwährend mit noch abgewandtem Gesichte, »werden Sie wohl verstehen, wen ich meine? Herr Timson, – den – den Geistlichen.«

»Herrn Timson, den Geistlichen!« rief Watkins Tottle im Zustande unaussprechlicher Seligkeit aus, und konnte sich über den glücklichen Erfolg seiner Werbung nicht genug wundern. »Engel! – ach! – dieser Augenblick! –«

»Ich will sogleich gehen und das Billet schreiben,« sagte Miß Lillerton und schritt auf die Thüre zu; »die Ereignisse dieses Tages haben mich aber so sehr angegriffen, Herr Tottle, daß ich heute Abend mein Zimmer nicht mehr verlassen werde; das Mädchen soll Ihnen das Billet bringen.«

»Noch einen Augenblick, – nur noch einen einzigen Augenblick,« rief Tottle, aber stets in der ehrerbietigsten Ferne von der Dame, »wann werde ich Sie wiedersehen?«

»O, Herr Tottle!« erwiederte Miß Lillerton kokettirend, »wenn wir erst einmal getraut sind, dann kann ich Sie nicht zu oft sehen, Ihnen nicht oft genug danken;« und mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.

Herr Watkins Tottle sank in einen Lehnstuhl und verfiel in die süßesten Träumereien von künftiger Seligkeit, wobei der Gedanke an die jährlichen fünfhundert Pfund und die unbeschränkte Macht, darüber durch letzten Willen verfügen zu können, hauptsächlich vorherrschend war. Er hatte seine Sache so wohl angebracht und so bewundernswürdig sieghaft durchgeführt, daß es ihm beinahe leid that, nicht verlangt zu haben, daß die jährlichen fünfhundert Pfund ihm stipulirt werden sollten.

»Darf ich hereinkommen?« fragte Herr Parsons und guckte zur Thüre herein.

»Kommen Sie immer herein,« erwiederte Watkins.

»Nun, wie ist's gegangen?« fragte Gabriel besorgt.

»Wie's gegangen ist?« antwortete Watkins Tottle, »S-t, ich gehe eben zum Geistlichen.«

»Aber nein!« sagte Parsons, »wie Sie Ihre Sache gut gemacht haben!«

»Wo wohnt Timson?« fragte Watkins.

»Bei seinem Oheim,« erwiederte Gabriel, »gerade an der nächsten Straßenecke. Er wartet auf eine Anstellung, und hat diesem seit den letzten zwei oder drei Monaten assistirt. Aber nun sagen Sie mir doch, wie Sie das Alles angefangen haben, – das hätte ich in der That nicht hinter Ihnen gesucht.«

Herr Watkins Tottle setzte ihm sofort auseinander, daß eben doch die Richardson'schen Principien die besten in der Liebe seien, als er durch Martha unterbrochen wurde, die hereintrat, und ein kleines Rosabillet überbrachte, welches einem wunderlich aufgekrämpten Hute glich.

»Miß Lillerton's Empfehlung,« sagte Martha, überreichte Tottle das Billet und verschwand wieder.

»Bemerken Sie die Zartheit?« sagte Tottle zu Herrn Gabriel Parsons. »Empfehlung, nicht Gruß, – durch die Magd, heh?«

Herr Gabriel Parsons wußte eigentlich nicht genau, was er darauf erwiedern sollte, und als Antwort stieß er Herrn Watkins Tottle mit dem Zeigefinger zwischen die dritte und vierte Rippe.

»Kommen Sie,« sagte Watkins, als sich endlich das Gelächter über diesen verbrauchten Scherz wieder gelegt hatte; »bringen wir die Sache vollends in's Reine; vorwärts, ohne Zeitverlust!«

»Sie haben Recht!« stimmte Parsons bei, und in fünf Minuten befanden sie sich vor Herrn Timsons Gartenhause.

»Ist Herr Charles Timson zu Hause?« fragte Herr Watkins Tottle den Bedienten des Oheims.

»Herr Charles ist wohl zu Hause,« erwiederte dieser ein wenig zögernd; »er hat mir aber aufgetragen, Sir, ihn von keinem Kirchspielsangehörigen unterbrechen zu lassen.«

»Ich gehöre nicht zum Kirchspiele,« erwiederte Watkins.

»Macht Herr Charles vielleicht eine Predigt, Tom?« fragte Parsons, ohne sich aufhalten zu lassen.

»Nein, Herr Parsons, er macht gerade keine Predigt nicht, aber er spielt in seinem Schlafzimmer auf dem Violoncell, und hat mir strengen Befehl gegeben, ihn nicht stören zu lassen.«

»Sagt ihm nur, ich sei da,« erwiederte Gabriel, und ging durch den Garten voran; »Herr Parsons und Herr Tottle wünschten ihn in Privat- und Familien-Angelegenheiten zu sprechen.«

Sie wurden sofort in ein Vorzimmer geführt, und der Diener entfernte sich, um seine Botschaft auszurichten; das Grunzen des Violoncells aus der Ferne hörte auf, Tritte ließen sich auf der Treppe hören, und Herr Timson kam und schüttelte Parsons die Hand auf's Freundlichste.

»Wie befinden Sie sich, Sir?« fragte Watkins Tottle mit großer Feierlichkeit.

»Wie befinden Sie sich, Sir?« entgegnete Timson so kalt, als ob es ihm völlig gleichgültig wäre, wie er sich befände, – was auch der Fall war.

»Ich erlaube mir, Ihnen dieses Billet zu übergeben,« sagte Watkins Tottle, und producirte besagten aufgekrämpten Hut.

»Von Miß Lillerton?« sagte Timson, die Farbe wechselnd, »bitte, Platz zu nehmen.«

Herr Watkins Tottle setzte sich und richtete, während Timson das Billet durchlas, seine Blicke auf ein austernsaucefarbiges Porträt des Erzbischofs von Canterbury, welches über dem Kamine hing.

Herr Timson stand, als er das Billet gelesen, rasch von seinem Stuhle auf, sah Parsons zweifelhaft an, und wandte sich sofort mit der Frage an Watkins Tottle: – »darf ich wohl fragen, ob unser Freund von der Ursache Ihres Besuches unterrichtet ist?«

»Unser Freund ist allerdings davon unterrichtet,« antwortete Watkins in sehr wichtigem Tone.

»Dann, Sir,« sagte Timson und ergriff Tottle an beiden Händen, »dann gestatten Sie mir, mein Herr, Ihnen in Gegenwart unseres Freundes meinen unverholensten, wärmsten Dank für die edle Weise auszudrücken, mit der Sie sich in dieser Angelegenheit benommen haben.«

»Er glaubt wahrscheinlich, ich hätte ihn empfohlen,« dachte Tottle; »die Bursche denken doch an Nichts, als an ihre Gebühren!«

»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Ihre Absichten nur einen Augenblick mißdeuten konnte, mein lieber, werther Freund,« fuhr Timson fort. »Edelmüthig und männlich, in der That! Es gibt wirklich wenige Menschen, die so gehandelt hätten.«

Herr Watkins Tottle konnte nicht umhin, die letzte Bemerkung für kein gewaltiges Compliment zu halten, und fragte daher ziemlich hastig: »Was für ein Tag ist bestimmt?«

»Donnerstag,« erwiederte Timson, »Donnerstag Vormittags um halb neun Uhr.«

»Ziemlich früh,« bemerkte Watkins Tottle mit der Miene triumphirender Selbstverläugnung. »Es wird mir wohl kaum möglich werden, mich um diese Stunde schon hier einzufinden;« dieß sollte nämlich ein Witz sein.

»Hat gar nichts zu sagen, lieber Freund,« erwiederte Timson voller Anmuth, und schüttelte ihm wiederholt auf's Herzlichste die Hände, »wenn wir Sie nur beim Frühstücke sehen, Sie wissen schon –«

»Wie?« sagte Parsons mit einem so merkwürdigen Ausdrucke, wie ihn nur je ein sterbliches Antlitz schauen ließ.

»Was?« rief Tottle zugleich.

»Ich sage, wenn wir Sie nur beim Frühstücke sehen, dann wollen wir Sie gerne von der Feierlichkeit dispensiren, obgleich uns Ihre Anwesenheit natürlich zum größten Vergnügen gereichen würde.«

Herr Watkins Tottle taumelte an die Wand zurück und stierte Timson bis zum Tode erblassend an.

»Timson,« sagte Parsons, eilig seinen Hut mit dem linken Aermel abwischend, »wenn Sie sagen uns, wen meinen Sie damit?«

Nun kam die Reihe an Herrn Timson; ganz verblüfft erwiederte er: »Wen? – Frau Timson – wie sie nämlich bis dahin heißen wird; das heißt, Miß Lillerton –«

»Nun – sehen Sie nicht auf den Narren in dem Winkel da,« rief Parsons höchst ärgerlich, als er bemerkte, daß die außerordentlichen Grimmassen Watkins Tottle's die Verwunderung Timson's in hohem Grade erregten, – »sondern haben Sie die Güte, mich mit zwei Worten von dem Inhalte des Billets zu unterrichten.«

»Dieses Billet;« erwiederte Timson, »ist von Miß Lillerton, mit welcher ich seit fünf Wochen förmlich versprochen bin. Ihre besondern Bedenklichkeiten und ihre etwas auffallenden Ansichten über gewisse Punkte verzögerten bisher immer noch die Gewährung meiner sehnlichsten Wünsche. Nun sagt sie mir aber hier, sie habe Frau Parsons sondirt, um sie zu ihrer Vertrauten und Vermittlerin zu machen. Frau Parsons habe diesen ältlichen Herrn, Herrn Tottle, von der Sache unterrichtet, und dieser sich auf die zuvorkommendste und delikateste Weise erboten, uns auf jede Weise beizustehen, und sogar dieses Billet zu überbringen, welches ihre so lange vergeblich nachgesuchte Einwilligung enthält – wofür ich dem edlen Herrn Tottle nie dankbar genug sein kann.«

»Gute Nacht, Timson,« sagte Parsons und schleppte den verwirrten Tottle mit sich fort.

»Wollen Sie sich's nicht ein Bischen bei mir gefallen lassen – und Etwas annehmen?« sagte Timson.

»Nein, danke,« erwiederte Parsons; »ich habe schon genug.« Damit eilte er fort und Tottle, in einem Zustande vollkommener Betäubung, hinter ihm her.

Herr Gabriel Parsons stürmte wie rasend durch die Straßen und pfiff vor sich hin, bis sie etwa schon eine Viertelmeile weit an seinem eigenen Hause vorbei waren, wo er plötzlich stille hielt und sagte – »Sie sind doch ein ganz gescheidter Kerl, Tottle, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht,« erwiederte der unglückliche Tottle.

»Ich denke mir wohl, Sie werden jetzt die Schuld auf Fanny schieben, oder nicht?« fragte Gabriel.

»Ich weiß gar Nichts,« erwiederte der betäubte Tottle.

»Schon gut,« sagte Parsons und drehte sich auf dem Absatze herum, in der Absicht, heim zu gehen; »ich will Ihnen nur noch Einen Rath geben. Wenn Sie wieder einen Antrag machen, so werden Sie besser daran thun, sich etwas deutlicher auszusprechen, und die Gelegenheit nicht versäumen; – und wenn Sie wieder im Schuldgefängnisse sitzen, dann warten Sie, bis ich komme, um Sie heraus zu lösen.«

Wie und zu welcher Stunde Herr Watkins Tottle nach Cecil-Street kam, ist völlig unbekannt. Seine Stiefeln standen zwar am nächsten Morgen wie gewöhnlich vor seinem Schlafzimmer; aber nach der zuverlässigen Aussage seiner Hauswirthin können wir versichern, daß er vierundzwanzig Stunden lang nicht zum Vorschein gekommen ist, und eben so wenig irgend eine Nahrung zu sich genommen hat. Nach dem Ablauf dieser Periode hielt man eben in der Küche Kriegsrath darüber, ob man nicht den Kirchspielsdiener herbeirufen sollte, um die Thüre aufzubrechen, da schellte es plötzlich und Tottle verlangte Milch und Wasser: Am folgenden Morgen ließ er sich zwar wieder auf die Formalitäten des Essens und Trinkens wie gewöhnlich ein, aber eine Woche später verfiel er beim Durchlesen der Heirathsanzeigen einer Zeitung in einen Rückfall, von dem er sich nie wieder ganz erholte.

Abermals einige Wochen später fand man den Leichnam eines Unbekannten im Regent's Kanale. In den Taschen seiner Beinkleider fanden sich vier Shillings und drei Pence, eine Heirathsanzeige, welche von einem Sonntagsblatte abgerissen zu sein schien, ein Zahnstocher und ein Visitenkartenetui vor, welch letzteres eigentlich auf die Identität des unglücklichen Herrn hätte führen sollen; leider waren aber die Karten ohne Namen. Herr Watkins Tottle war kurz vorher aus seiner Wohnung verschwunden. Eine unbezahlte Rechnung wurde am folgenden Morgen präsentirt und ein anderer Anschlag bald nachher an seinem Fenster befestigt. Wir haben daher nur zu viel Grund zu der Vermuthung, daß Herr Tottle jenes Individuum war, das man im Wasser und sonst seitdem nirgends mehr gefunden hat.


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