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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 53
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
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Achtes Kapitel

Das Duell von Groß-Winglebury.

Die kleine Stadt Groß-Winglebury liegt genau zweiundvierzig und drei viertel Meilen von der Ecke des Hyde-Parkes entfernt. Sie hat eine lange, unregelmäßige, todte Hauptstraße – ein kleines, rothes, in der Mitte dieser Straße gelegenes Rathhaus, mit einer großen schwarzen und weißen Uhrtafel – einem Marktplatz – ein Gefängniß – einen Gesellschaftssaal – eine Kirche – eine Brücke – eine Kapelle – ein Theater – eine Leihbibliothek – ein Gasthaus – einen Pumpbrunnen und ein Postamt.

Die Sage erzählt von einem »Klein-Winglebury,« das etwa zwei Meilen vom Städtchen an einer Nebenstraße gelegen; und die Sage scheint auf geschichtlicher Wahrheit zu beruhen, da einst ein viereckiges Stück schmutzigen Papiers, von dem man vermuthete, daß es ursprünglich einen Brief habe vorstellen sollen, und auf dem einige ungewisse Schriftzeichen standen, aus welchen eine lebhafte Einbildungskraft entfernte Aehnlichkeit mit dem Wörtchen »Klein« herausfinden mochte, – so lange an dem Fenster des Postamtes zur Einsicht aufgestellt gewesen war, bis es vor Altersschwäche in Staub zerfiel.

Der Volksglaube ist jedoch geneigt, anzunehmen, daß sich dieser Name blos auf einen kleinen, abgelegenen Weiler, am Ende einer ungefähr ein paar Meilen langen, sumpfigen Seitenstraße beziehe, der von einem Wagner, vier armen Häuslern und einem Schenkwirthe bewohnt ist; aber sogar auf diese Autorität darf man sich nicht mit voller Sicherheit verlassen, da die Bewohner des Weilers selbst darin vollkommen mit einander übereinstimmen, daß er von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag überhaupt keinen besondern Namen geführt habe.

Das Winglebury-Wappen im Mittelpunkte der Hauptstraße, dem kleinen Gebäude mit der großen Uhrtafel gerade gegenüber, ist der erste Gasthof von Groß-Winglebury – zugleich Börse, Posthalterei und Acciseamt; Sitzungshaus des Comité's der »Blauen« bei jeder Wahl und der Jury zur Assisenzeit. Es ist ferner das Hauptquartier des Gentlemen-Whist-Clubbs der Blauen von Winglebury (so genannt zur Unterscheidung von dem Gentlemen-Whist-Clubbs der Gelben von Winglebury, welcher in dem andern, nicht weit entfernten Wirthshause, seine Auflage hat); und so oft ein Taschenspieler, Wachsfiguren-Kabinets-Besitzer oder Concertgeber Groß-Winglebury mit seiner Gegenwart beglückt, so verkünden augenblicklich zahllose Anschläge in der ganzen Stadt, daß Herr So und So »im Vertrauen auf die allbekannte großmüthige Unterstützung, welche die edlen Einwohner Groß-Winglebury's von jeher der Kunst angedeihen ließen, mit großen Kosten die eleganten und geräumigen Versammlungssäle des Gasthofes zum Winglebury-Wappen gemiethet habe.«

Dieses Gasthaus ist in der That geräumig, hat ein rothes Ziegeldach und steinerne Frontmauer, eine hübsche geräumige Halle, die mit stets grünen Pflanzen verziert ist, und sich im Hintergrunde mit einem eleganten Comptoir endigt, in welchem ein Glaskasten steht, der Delicatessen ohne Zahl zur Schau stellt, welche man nur anzurichten braucht, und die den Appetit des neu Ankommenden, der sie nothwendig gleich bei seinem Eintritte erblicken muß, auf das Höchste steigern.

Zwei einander gegenüberliegende Ausgänge führen zu den »Kaffee- und Gesellschaftszimmern«, und eine große breite Treppe mit unzähligen Absätzen und Ausgängen – drei Treppen, ein Ausgang – vier Treppen, ein zweiter Ausgang – eine Treppe, wieder ein Ausgang – ein halbes Dutzend Treppen und abermals ein Ausgang – und so fort – führt zu zahllosen Gängen und Schlafstuben, und zu Labyrinthen von Gastzimmern, die »Privatzimmer« genannt werden, wo man so sicher vor Störungen privatim leben kann, als es in einem Hause möglich ist, in welchem alle fünf Minuten irgend eine verirrte und verwirrte Kreatur aus Mißverständniß die Thüre des Privatzimmers öffnet und, ihren Irrthum gewahrend, wieder zurückprallt, um alle übrigen Thüren im Gange zu öffnen, bis sie endlich ihr eigenes Zimmer findet.

So ist das Winglebury-Wappen bis auf diesen Tag, und so war es auch im Winglebury-Wappen vor einiger Zeit – der Tag thut nichts zur Sache – zwei oder drei Minuten vor der Ankunft der Londoner Postkutsche. Vier angeschirrte Pferde – zum Wechsel für die Kutsche bestimmt – standen ruhig in einem Winkel des Hofes, von einer Gruppe müßiger Postillons mit glänzenden Hüten und weiten Röcken umgeben, die sich über die Verdienste der Thiere besprachen; ein halbes Dutzend zerlumpter Jungen standen ein wenig bei Seite und horchten mit augenscheinlicher Theilnahme dem Gespräche dieser Würdenträger zu, und einige Müßiggänger umgaben den Pferdetrog und warteten auf die Ankunft der Kutsche.

Es war ein heißer, sonniger Tag; die Stadt befand sich im Zenith ihrer Trägheit, und mit Ausnahme dieser Tagdiebe war auch nicht Eine Seele zu sehen.

Plötzlich wurde die einförmige Stille der Straße durch den lauten Ton eines Posthorns unterbrochen, – und hereinrasselte die Kutsche mit donnerndem Lärm über das unebene Pflaster, daß der Zeiger auf dem breiten Zifferblatt hätte still stehen mögen.

Die Passagiere der Außenseite stiegen ab und alle Fenster des Gasthauses gingen auf; die Kellner sprangen heraus, die Hausknechte, die Müßiggänger, die Postillons und die Betteljungen eilten herbei, als ob sie elektrisirt wären, spannten rührig, anstellig, lebendig und unverdrossen die lammfrommen Pferde aus und die widerspenstigen ein, und schrien munter untereinander.

»Die Dame innen bleibt hier,« ruft der Conducteur.

»Ist Ihnen gefällig auszusteigen, Ma'am?« fragt der Kellner.

»Ein Privatzimmer?« fragt die Dame.

»Ja wohl, Ma'am,« erwiedert das Zimmermädchen.

»Haben Sie sonst noch Gepäcke, Ma'am?« fragt der Conducteur.

»Nein,« entgegnet die Dame.

Die Außenseite füllt sich wieder, der Conducteur und der Kutscher sitzen auf, das Spritzleder wird auf den Ruf: »Alles in Ordnung« eingehängt, und der Wagen rollt weiter.

Die Müßiggänger lungern noch ein paar Minuten in der Straße umher und sehen der Kutsche nach, bis sie um die Straßenecke biegt; dann verschwindet Einer nach dem Andern. Die Straße ist wieder leer, und die Stadt wo möglich noch einsamer als vorher.

»Ist die Dame in Nummer Fünfundzwanzig geführt worden, Thomas?« ruft die Frau vom Hause.

»Ja, Ma'am.«

»Hier ist ein Brief, welchen so eben der Hausknecht vom Löwen an den Herrn in Nr. 19 abgegeben hat. Braucht keine Antwort.«

»Ein Brief an Sie, Sir,« sagte Thomas, und legte den Brief auf den Tisch in Nr. 19.

»An mich?« sagte der Gast in Nr. 19 und drehte seinen Kopf vom Fenster ab, aus dem er die so eben beschriebene Scene mit angesehen hatte.

»Ja, Sir,« – Kellner sprechen immer nur in abgebrochenen Sätzen, nur mit leichten Andeutungen; – »ja, Sir – Hausknecht vom Löwen, Sir, – Comptoir, Sir, – Missis sagte Nummer 19, Sir – Alexander Trott, Esq., Sir? – Ihre Karte auf dem Comptoir, Sir, wie ich glaube, Sir?«

»Mein Name ist allerdings Trott,« erwiederte Nummer Neunzehn, den Brief erbrechend.

»Sie können gehen, Kellner.«

Der Kellner zog den Fenstervorhang herab und wieder hinauf – denn ein ächter Kellner muß sich immer etwas zu schaffen machen, ehe er das Zimmer verläßt – stellte die Gläser auf einem Seitentische zurecht, stäubte einen Tisch ab, der gar nicht staubig war, rieb sich die Hände, schlich sachte nach der Thüre und verschwand.

Der Brief enthielt augenscheinlich etwas wenn nicht vollkommen Unerwartetes, doch höchst Unangenehmes.

Herr Alexander Trott legte ihn hin und nahm ihn wieder auf, ging mehrmals auf besonderen Quadraten des Bodenteppichs auf und ab, und machte sogar den verunglückten Versuch, ein Liedchen zu pfeifen. Es wollte durchaus nicht gehen. Er warf sich auf einen Stuhl und las folgende Epistel mit lauter Stimme:

»Blauer Löwe und Magen-Wärmer,
Groß-Winglebury.
»Mittwoch Vormittag.

»Sir!

»Im Augenblicke, als mir Ihre Absicht bekannt wurde, verließ ich unser Comptoir und folgte Ihnen nach. Ich kenne den Zweck Ihrer Reise; – doch dieser soll von Ihnen nie erreicht werden.

»Ich habe hier gegenwärtig keinen Freund, dessen Verschwiegenheit ich mich vertrauen könnte. Dieß soll jedoch meiner Sache kein Hinderniß in den Weg legen. Emilie Brown soll weder den gemeinen Zudringlichkeiten eines Schurken, der ihr verhaßt und Jedermann verächtlich ist, ausgesetzt bleiben, noch gedenke ich, die versteckten Angriffe eines elenden Schirmfabrikanten gutwillig zu dulden.

»Sir, von der Kirche des Städtchens führt ein Fußpfad durch vier Wiesenstücke nach einem abgelegenen Orte, dem Stadtvolke unter dem Namen Stiffuns-Acre bekannt. (Herr Trott überlief ein kalter Schauder.) Ich werde Sie dort Morgen früh, zwanzig Minuten vor sechs Uhr, allein erwarten. Sollten Sie es verschmähen, mich dort zu treffen, so werde ich mir das Vergnügen vorbehalten, Ihnen mit einer Hundspeitsche meine Visitte zu machen.

»Horace Hunter.

»N. S. An der Hauptkirche wohnt ein Büchsenmacher, und wenn es einmal dunkel ist, wird kein Schießpulver mehr verkauft – Sie verstehen mich.

»N. N. S. Sie werden wohl daran thun, Morgen vor unserer Zusammenkunft kein Frühstück zu bestellen; es möchte eine unnöthige Ausgabe sein.«

»Ein ganz verzweifelt blutgieriger Schurke! Ich wußte wohl, daß es so kommen würde.« s eufzte Trott und zitterte vor Schrecken über die unangenehme Botschaft. »Ich sagte es dem Vater ja immer, sobald er mich auf dieses Unternehmen ausschickte, würde mich der Hunter gleich dem ewigen Juden verfolgen. Es ist schon an sich schlimm genug, auf Befehl der alten Leute und ohne die Einwilligung des Mädchens zu heirathen; was wird aber Emilie von mir denken, wenn ich, noch athemlos vom Davonlaufen vor diesem höllischen Salamander, zurückkomme? Was soll – was kann ich aber thun? Gehe ich nach der City zurück, so bin ich für immer blamirt – verliere das Mädchen, und, was noch schlimmer ist, das Geld obendrein. Wollte ich auch mit der Postkutsche zu Brown's eilen, so wäre mir gleich der Hunter mit Extrapost auf den Socken; und gehe ich an den verdammten Platz nach dem Stiffuns-Acre (ein abermaliger Schauder überlief ihn), so bin ich so gut als todt. Ich sah ihn in der Schießbahn in Pall-Mall den gemalten Mann fünf Mal unter sechsen, in's zweite Westenknopfloch treffen, und wenn er ihn nicht dahin traf, schoß er ihn durch den Kopf.« Und bei dieser tröstlichen Erinnerung seufzte Herr Trott abermals: »Was soll ich thun?«

Lange und schwierig waren seine Betrachtungen, die er, den Kopf in die Hand gestützt, darüber anstellte, wie er es wohl jetzt am besten anzugreifen hätte.

Sein Gedankenlaufzettel lautete auf London. Er gedachte des Zornes seines »Alten« und des Versprechens, welches der alte Brown dem alten Trott gegeben, mit seiner Tochter auch deren Geld dem jungen Trott überliefern zu wollen; dann standen die Worte »zu Brown's« leserlich in besagtem Laufzettel geschrieben, aber Horace Hunter's Drohungen klangen grauenvoll in seinen Ohren wieder, und ganz unten stand mit blutrothen Lettern geschrieben »zum Stiffuns-Acre«.

Endlich faßte Herr Alexander Trott seinen Entschluß und schritt auch ohne Säumen zu dessen Ausführung.

Zuerst und vor allem entsendete er den Hausknecht nach dem Blauen Löwen und Magen-Wärmer mit einem gentlemanisch abgefaßten Billet an Herrn Horace Hunter, worin er ausdrücklich bemerkte, daß ihn nach seinem Blute dürste, und er sich Morgen früh das Vergnügen machen werde, ihm unfehlbar das Lebenslicht auszublasen.

Sofort schrieb er ein zweites Billet, klingelte und bat, man möchte ihm den zweiten Hausknecht hersenden – denn man hielt hier ein Paar. Ein rasches Klopfen an der Zimmerthüre ließ sich vernehmen – »Herein,« sagte Herr Trott. Ein rothhaariges, einäugiges Haupt schob sich zur Thüre herein, und nachdem er abermals »herein« gerufen hatte, kamen auch der dazu gehörige Körper und die Beine nebst der obligaten Pelzmütze.

»Sind Sie der Oberhausknecht?« fragte Herr Trott.

»Ja, ich bin der Oberhausknecht,« erwiederte eine Stimme aus dem Innern des sammtüberzogenen Gehäuses mit Perlmutterknöpfen heraus – »heißt das, bin der Hausknecht, der zum Haus g'hört; der Andere ist mein Gehülf', der ausläuft und allerhand Sachen thut, – Stulp'stiefel und Halbstiefel putzt, und was man uns aufträgt Ein unübersetzliches Wortspiel in dem englischen boots, welches Hausknecht und Stiefeln bedeutet.

»Sie sind aus London?« fragte Herr Trott.

»Hab' sonst'n Cab gefahren,« war die lakonische Antwort.

»Warum fahren Sie es nicht noch jetzt?« fragte Herr Trott weiter.

»Weil ich mein Cab über- und ein Weib z'sammeng'führt hab',« erwiederte der Stulpenstiefelputzer kurz.

»Wissen Sie des Herrn Mayors Wohnung?« fragte Herr Trott.

»Versteht sich,« erwiederte der Hausknecht bezeichnend, als ob er hinreichende Gründe hätte, sich ihrer zu erinnern.

»Sollten Sie wohl ein Billet dahin bringen können?«

»Sollt' mich wundern, wenn ich's nicht könnt'.«

»Aber dieses Billet,« sagte Trott, ein zerknittertes Papier zitternd in der einen und fünf Shillings in der andern Hand haltend – »das Billet ist aber anonym!«

»A – was?«

»Anonym – er darf nicht wissen, woher es kommt.«

»Ah, verstehe schon,« erwiederte der Definitive, und nickte pfiffig mit dem Köpfe, aber ohne die mindeste Abneigung gegen den Auftrag an den Tag zu legen; – »versteh' schon – so'n Art Brandbrief, heh?« Und sein eines Auge wanderte im Zimmer herum, als ob er sich nach einer Blendlaterne oder nach einem Feuerzeug umsähe. »Aber ich sage,« fuhr er fort, und ließ sein von der Entdeckungsreise heimgekehrtes Auge fest auf Herrn Trott haften, – »ich sag', 's ist 'n Affegat, unser Mayor, und in der Feuerskuranz. Haben Sie so 'n Hassard auf 'n, würden S' besser thun, sein Haus nicht nieder z'brennen – aber der T... soll mich holen, wenn ich nicht denken thu', 's wär' 'm der größte G'fallen, den Sie 'm thun könnten.« Dabei lachte er in sich herzlich hinein.

Hätte sich Herr Alexander Trott nicht in so verzweifelter Lage befunden, so wäre wohl sein Erstes gewesen, den Kerl durch Stellvertretung die Treppe hinabzuwerfen, oder mit andern Worten, er hätte die Glocke gezogen und dem Wirthe gerathen, seinen Hausknecht davon zu jagen. So begnügte er sich übrigens damit, seinen Lohn zu verdoppeln und ihm aus einander zu setzen, daß er den Mayor blos von einem Friedensbruche benachrichtigen wolle.

Der Hausknecht entfernte sich mit dem feierlichen Versprechen, seinen Mund zu halten, und Herr Alexander Trott setzte sich bei weitem gefaßter, als er seit Empfang des Mordbriefes von Herrn Horace Hunter gewesen, zu einer gebratenen Zunge, einer Maintenon-Cotelette, einer Flasche Madeira und verschiedenen andern guten Sachen nieder.

Die mit der Londoner Postkutsche angekommene Dame hatte sich kaum in Nr. 25 eingerichtet und eine kleine Veränderung in ihrem Reiseanzuge vorgenommen, als sie sich auch schon niedersetzte, um ein Billet an Joseph Overton, Esq., Rechtsanwalt und Mayor von Groß-Winglebury, abzufassen und ihn darin zu ersuchen, sich alsbald in einer höchst wichtigen Privatangelegenheit zu ihr zu verfügen. Dieser würdige Beamte verlor auch keine Zeit, dem Begehren zu entsprechen; nachdem er seine Augen ziemlich weit aufgerissen und verschiedene Male »Gott stärke mich,« und andere Ausdrücke des Erstaunens hatte hören lassen, nahm er seinen breitgeränderten Hut von dem gewohnten Nagel in seinem kleinen Arbeitszimmer, wanderte eilig durch die Hauptstraße nach dem Winglebury-Wappen und stieg durch die Halle die Treppe hinauf zu der Zimmerthüre mit Nummer Fünfundzwanzig, wohin er durch die Gastgeberin und eine Unzahl dienstbarer Geister gewiesen worden war.

»Führen Sie den Herrn herein,« sagte die fremde Dame in Erwiederung auf des Kellners vorausgegangene Ankündigung, und der Herr trat sofort ein. –

Die Dame erhob sich von ihrem Sopha; der Mayor trat einen Schritt vorwärts, dann schwiegen Beide einige Minuten lang, und sahen einander, als ob sie es so ausgemacht hätten, mit großen Augen an. Vor dem Mayor stand eine gutconservirte, rasche, reich gekleidete Dame von ungefähr vierzig Jahren, und vor der Dame ein freundlicher Mann, der ungefähr zehn Jahre älter sein mochte, in engen, gelbgrauen Beinkleidern, schwarzem Rocke, Halstuche und Handschuhen.

»Miß Julia Manners!« rief der Mayor endlich aus, »Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Das ist nicht sehr artig von Ihnen, Overton,« erwiederte Miß Julia; »doch, ich kenne Sie lange genug, als daß ich mich noch über Etwas, was Sie thun, wundern sollte; Sie mögen mir also immerhin diese Höflichkeit erweisen.«

»Aber davon zu laufen – förmlich davon zu laufen mit einem jungen Manne?« entgegnete der Mayor.

»Sie werden doch nicht verlangen, daß ich mit einem Alten davon laufen soll, hoffe ich?« war Miß Manners gelassene Erwiederung.

»Und dann nach mir zu schicken – gerade nach mir – vor allen Leuten der Welt – einem Manne meines Alters und meines Standes – dem Mayor der Stadt – daß ich so einen Skandal noch befördern soll,« polterte Joseph Overton verdrießlich, warf sich in einen Lehnstuhl und nahm Miß Julia's Billet aus der Tasche, als ob er seine Behauptung, daß man nach ihm gesandt habe, dadurch bekräftigen wolle.

»Nun, Overton,« erwiederte die Dame ungeduldig, »ich bedarf Ihres Beistandes in dieser Angelegenheit, und Sie müssen ihn mir gewähren. Bei Lebzeiten jenes armen, guten Alten, Herrn Cornberry's, der – der – «

»Der Sie heirathen wollte und es nicht that, weil er vorher starb, und Ihnen dann sein Vermögen ohne die lästige Zugabe seiner Person hinterließ,« fiel der Mayor sarkastisch ein.

»Ja wohl,« erwiederte Miß Julia leicht erröthend, »bei Lebzeiten des lieben, guten Alten lastete auf seinem Vermögen die schwere Zugabe Ihrer Verwaltung und noch heute wundere ich mich, daß dieses nicht selbst statt seines Besitzers an der Abzehrung drauf ging. Damals halfen Sie sich, jetzt helfen Sie mir.«

Herr Joseph Overton war ein Weltmann und Advokat; gewisse unbestimmte Rückerinnerungen von einem oder ein paar tausend Pfunden, welche aus Mißverständniß in seine Tasche gewandert waren, tauchten in ihm auf; er räusperte sich einlenkend, lächelte freundlich, blieb ein paar Sekunden stille und fragte endlich: »Was begehren Sie denn eigentlich von mir?«

»Das will ich Ihnen sagen,« erwiederte Miß Julia, – »mit zwei Worten will ich es Ihnen sagen. Lord Peter – «

»Das ist wohl der junge Mann?« fiel der Mayor ein.

»Der junge Edelmann,« unterbrach ihn die Dame, und hob das letzte Wort besonders hervor. »Der liebe Lord Peter ist wegen des Zornes seiner Familie nicht wenig in Sorgen; und wir haben es daher für das Beste gehalten, uns heimlich trauen zu lassen. Um allen Verdacht zu vermeiden, hat er die Stadt verlassen unter dem Vorgeben, seinen Freund, den ehrenwerthen Augustinus Flair, zu besuchen, dessen Landsitz, wie wir wissen, etwa dreißig Meilen von hier entfernt ist, blos unter Begleitung seines getreuen Kammerdieners. Wir haben verabredet, daß ich mit der Londoner Postkutsche allein hieher reisen solle; er wird seinen Kammerdiener und sein Cabriolet bei seinem Freunde zurücklassen, und heute Nachmittag sobald als möglich gleichfalls eintreffen.«

»Vortrefflich,« bemerkte Joseph Overton; »und dann braucht er ja nur Postpferde zu nehmen, und Sie können zusammen nach Gretna-Green fahren, ohne daß es die Gegenwart oder Vermittlung einer dritten Person bedarf; oder nicht so?«

»Mit nichten,« erwiederte Miß Julia. »Wir haben alle Ursache, zu vermuthen, – der liebe Lord Peter steht nämlich bei seinen Angehörigen nicht gerade in dem Geruche besonderer Klugheit, oder vielmehr besonderen Scharfsinnes, und sie haben seine Zuneigung zu mir ausgewittert, so daß man ihn, sobald seine Abwesenheit entdeckt wird, in dieser Richtung verfolgen wird. Um dieß nun zu vereiteln und unserer Entdeckung zuvorzukommen, ist es mein Wunsch, daß man in diesem Hause den theuren Lord Peter für etwas derangirt, das heißt, für nicht recht bei Troste, aber doch völlig gutartig halte, und daß man glaube, ich sei bestimmt, ihn ohne sein Wissen zu erwarten, um ihn in einer Postchaise nach einer Privat-Irrenanstalt, – allenfalls nach Berwick, – zu bringen. Wenn ich mich nun nicht viel sehen lasse, glaube ich annehmen zu dürfen, für seine Mutter passiren zu können.«

Hier drängte sich dem Mayor unwillkürlich der Gedanke auf, daß sich die junge Dame recht wohl ohne Furcht vor Entdeckung sehen lassen könne, denn sie war ungefähr noch ein Mal so alt, als ihr bestimmter Bräutigam. Er schwieg jedoch, und sie fuhr fort: –

»Der liebe Lord Peter ist mit dem ganzen Arrangement einverstanden, und Alles, was ich von Ihnen fordere, ist, daß Sie durch Ihren Einfluß die Täuschung zu befördern suchen, und den Leuten im Hause dieß als den Zweck meines Hierseins und als die einzige Ursache angeben, warum ich den Lord mit fortführe. Da es aber mit der Fabel nicht wohl vereinbar wäre, wenn ich mit ihm eher zusammenträfe, als bis er in der Postchaise sitzt, so wünschte ich auch noch, Sie möchten ihn aufsuchen und ihm sagen, daß Alles in gehöriger Richtigkeit sei.«

»Ist er schon angekommen?« fragte Overton.

»Ich weiß es nicht,« erwiederte die Dame.

»Wie soll ich es denn aber erfahren?« fragte der Mayor. »Er wird natürlich seinen wahren Namen am Comptoir nicht angeben.«

»Ich habe ihn gebeten, Ihnen seine Ankunft alsbald durch ein Billet zu melden, Ihnen die Nummer seines Zimmers anzuzeigen, und, damit unser Projekt ja auf keine Weise entdeckt werde, anonym und in geheimnißvollen Ausdrücken zu schreiben.«

»Potz Tausend!« rief der Mayor aus, sprang plötzlich von seinem Sitze auf und durchsuchte seine Taschen. – »Das ist ein höchst außerordentliches Zusammentreffen, – er ist ja da, – ich habe sein mysteriöses Billet auf höchst geheimnißvolle Weise kaum ein paar Minuten vor dem Ihrigen erhalten, wußte indeß nicht, was ich daraus machen sollte, und gewiß würde ich ihm keine Acht geschenkt haben. – Doch hier ist es.« Und mit diesen Worten zog Joseph Overton den bekannten Brief Herrn Alexander Trott's aus der Tasche, hielt ihn der Dame vor die Augen und fragte: »Ist dieß seiner Herrlichkeit Hand?«

»Ach ja,« rief Miß Julia, »das gute, pünktliche Geschöpf! Ich habe zwar seine Handschrift nicht mehr als ein- oder zweimal gesehen, aber ich weiß, daß er sehr schlecht und weitläufig schreibt. Sie wissen ja, Overton, diese lieben, ausgelassenen, jungen Edelleute.«

»Ja, ja,« fiel der Major ein, »ich kenne das, – Pferde und Hunde, Spiel und Wein, Jokey's, Operntänzerinnen und Cigarren, – die Reitbahn, der grüne Tisch, das B– –l, die Taverne, und zuletzt der gesetzgebende Senat. Doch hören Sie, was er schreibt. – ›Sir! – Ein junger Gentleman in Nummer Neunzehn im Winglebury-Wappen gedenkt Morgen zu einer sehr frühen Stunde einen dummen Streich zu machen,‹ – (Das ist sehr gut, er meint 's Heirathen.) ›Wenn Ihnen an dem Frieden der Stadt, an der Erhaltung eines – oder gar zweier – Menschen Leben gelegen‹ – Was beim Henker will er damit sagen?«

»Daß er sehr besorgt für das Zustandekommen der Trauung ist, daß er es nicht überleben würde, wenn etwas dazwischen käme, und daß dieß möglicherweise auch bei mir der Fall sein könnte,« erwiederte die Dame mit großem Wohlgefallen.

»Ja so, nun begreife ich, – davor darf er keine Furcht haben; – also: – ›Zweier Menschen Leben gelegen, so werden Sie seine Entfernung noch in dieser Nacht veranlassen,‹ – (Er befürchtet, es könnte ihn wieder reuen.) – ›Befürchten Sie nicht, sich dadurch Verantwortung zuzuziehen, denn Morgen wird die unumgängliche Nothwendigkeit dieser Maßregel sich nur zu deutlich zeigen. Vergessen Sie nicht: Nummer Neunzehn. Der Name ist Trott. Zögern Sie keinen Augenblick, denn Leben und Tod hängt von Ihrer raschen Entschlossenheit ab,‹ – Eine sehr leidenschaftliche Sprache, in der That. – Soll ich zu ihm gehen?«

»Ja, thun Sie es,« erwiederte Miß Julia; »und ermahnen Sie ihn, daß er seine Rolle gut spielt, ich habe halb Sorge für ihn. Sagen Sie ihm doch ja, daß er sich mit Vorsicht benimmt.«

»Ich werde,« sagte der Mayor.

»Treffen Sie alle Anstalten.«

»Ich werde,« wiederholte der Mayor.

»Und sagen Sie ihm, es würde meiner Meinung nach am besten sein, die Postchaise auf Ein Uhr zu bestellen.«

»Sehr wohl,« sagte der Mayor noch ein Mal, empfahl sich und rief, – verdrießlich über die widerwärtige Lage nachdenkend, in welche ihn das Geschick und eine alte Bekanntschaft versetzt, einen Kellner, um sich dem gegenwärtigen Bewohner von Nummer Neunzehn anmelden zu lassen.

Die Anmeldung: »ein Herr wünscht mit Ihnen zu sprechen, Sir,« veranlaßte Herrn Trott, das Glas Portwein, das er eben zum Munde führen wollte, wieder niederzustellen, von seinem Stuhle aufzuspringen und sich einige Schritte gegen das Fenster hin zu retiriren, um sich auf den Fall, daß der schreckliche Horace Hunter in leibhaftiger Gestalt hereinträte, einen Rückzug zu sichern. Ein Blick auf Joseph Overton verscheuchte übrigens seine Besorgniß im Augenblicke. Er nöthigte ihn höflich, Platz zu nehmen. Nachdem sich der Kellner ein wenig mit der Flasche und den Gläsern zu schaffen gemacht hatte, bequemte er sich endlich dazu, das Zimmer zu verlassen. Joseph Overton legte seinen breitgekrämpten Hut auf den nächsten Stuhl, beugte seinen Körper höflich vorwärts und eröffnete sein Anliegen, indem er in leisem und vorsichtigem Tone anhub:

»Mylord – «

»He?« rief Herr Alexander Trott mit möglichst lauter Stimme, und zeigte ganz den theilnahmslosen, mystificirten Starrblick eines gefühllosen Somnambulen.

»S-t, – s-t, – « sagte der vorsichtige Advokat, – »sein Sie ruhig – Alles in der Ordnung – kein Titel hier – mein Name ist Overton, Sir.«

»Overton!«

»Ja, der Mayor dieses Orts. – Sie schickten mir diesen Nachmittag eine anonymes Billet.«

»Ich, Sir?« rief Trott mit schlecht verhehlter Ueberraschung aus, denn so feig er auch war, hätte er doch gerne die Autorschaft des fraglichen Briefes verläugnet. »Ich, Sir?«

»Nun ja, Sie, Sir; ist es etwa nicht so?« entgegnete Overton, verdrießlich über ein, wie es ihm schien, zu weit getriebenes, unnöthiges Mißtrauen. »Entweder ist dieses Billet von Ihnen, oder nicht. Ist es von Ihnen, so können wir unbesorgt über den bewußten Gegenstand mit einander sprechen, im andern Falle habe ich natürlich nichts weiter zu sagen.«

»Ich bitte, bleiben Sie doch,« sagte Trott, »es ist ja von mir; ich habe es ja geschrieben. Was blieb mir übrig, Sir? Ich habe hier keinen Freund.«

»Seien Sie ruhig, – seien Sie ruhig;« erwiederte der Mayor ermuthigend, »Sie hätten allerdings nichts Besseres thun können. Hören Sie nun; es wird nothwendig sein, daß Sie heute Nacht in einer vierspännigen Postchaise abreisen, und je schneller die Postillons fahren, desto besser ist's. Sie sind hier nicht sicher vor Verfolgung.«

»Gott stehe mir bei!« rief Trott in entsetzlicher Angst, »kann so etwas in einem Lande wie England vorkommen! Welch' hartnäckige, kaltblütige Feindseligkeit!« – und er wischte sich den Angstschweiß, der sich in dicken Tropfen auf seiner Stirne gesammelt hatte, mit zitternder Hand ab und stierte Overton schaudernd in's Gesicht.

»Es ist allerdings arg genug,« erwiederte der Mayor lächelnd, »daß ein liebendes Paar in einem freien Staate nicht soll heirathen können, wenn es will, ohne daß man hinter ihm her ist, gleich Verbrechern. Uebrigens ist ja, wie Sie wissen, im gegenwärtigen Falle die Dame willig, und das ist denn doch die Hauptsache von Allem.«

»Die Dame willig!« wiederholte Trott mechanisch. – »Woher ist Ihnen denn die Bereitwilligkeit der Dame bekannt?«

»Ach, die ist die gute Stunde selbst,« sagte der Mayor, Herrn Trott wohlwollend mit dem breitgekrämpten Hute auf den Arm tippend; »ich kenne sie schon seit langer Zeit genau, und sollte es auch Jemand nur entfernt bezweifeln, so versichere ich Sie, ich thue es nicht, und Sie haben's auch nicht nöthig.«

»Bei Gott!« sagte Trott nachsinnend. – »Bei Gott, ein höchst wunderbarer Fall!«

»Allerdings, Lord Peter,« sagte der Mayor aufstehend.

»Aber – Lord Peter!« wiederholte Herr Trott.

»Ach – ja, ich vergaß. Gut, Herr Trott also – Herr Trott – sehr gut, ha! ha! ha! – Gut, Sir, die Postchaise soll um halb ein Uhr bereit sein.«

»Und was soll bis dahin aus mir werden?« fragte Trott sehr ängstlich. »Man könnte dadurch den Schein retten, daß ich gleichsam unter eine gewisse Aufsicht gestellt würde.«

»Ah!« erwiederte Overton, »ein sehr guter Gedanke – in der That, ein kapitaler Einfall. Ich werde alsbald Jemand heraufschicken; auch möchte es nicht schaden, wenn Sie sich ein wenig sträubten, und nur mit Gewalt in die Postchaise bringen ließen, Sie können sich ja den Anschein geben, als ob es nicht mit ihrem Willen geschähe. Sie verstehen mich schon?«

»Seien Sie unbesorgt,« sagte Trott; »lassen Sie mich nur machen.«

»Nun, Mylord,« sagte Overton in leisem Tone, »ich wünsche Eurer Herrlichkeit bis auf Wiedersehen einen guten Abend.«

»Lord – Herrlichkeit!« stieß Trott abermals hervor, trat ein paar Schritte zurück und maß mit unaussprechlicher Verwunderung den Mayor von Kopf bis zu Füßen.

»Ha, ha, ha! Ich sehe wohl, Mylord – wollen sich schon auf die Rolle des Verrückten einüben, wie? In der That, sehr gut, – täuschend leerer Blick – kapital Mylord, vortrefflich – guten Abend, Herr – Trott – ha! ha! ha!«

»Dieser Mayor ist offenbar betrunken,« sprach Herr Trott zu sich selbst und sank in höchst nachdenkender Stellung auf seinen Stuhl.

»Der junge Edelmann ist doch nicht so dumm, als ich ihn mir gedacht – er macht seine Sache verteufelt gut,« dachte Overton, als er sich nach dem Comptoir hinunter begab, um dort seine weiteren Anordnungen zu treffen. Dieß war bald geschehen. Jedes Wort von ihm ward als baare Münze hingenommen, und der einäugige Hausknecht erhielt sogleich den Auftrag, sich nach Nummer Neunzehn zu verfügen und dort bis halb ein Uhr als Wächter des vermeintlichen Tollhäuslers zu bleiben. In Folge des Auftrages bewaffnete sich dieser etwas excentrische Gentleman mit einem Spazierstocke von einigermaßen gigantischen Dimensionen, begab sich mit seinem gewöhnlichen Gleichmuthe nach Herrn Trotts Zimmer, trat ohne weitere Umstände ein, setzte sich ruhig auf einen Stuhl dicht an der Thüre und begann zum Zeitvertreib im besten Humor einen Gassenhauer zu pfeifen.

»Was will er hier, er Schurke?« schrie Herr Alexander Trott und spielte die Rolle eines über seine Haft Entrüsteten höchst natürlich.

Der Hausknecht schlug mit dem Kopfe den Takt zu seiner Melodie, sah Herrn Trott mitleidig lächelnd an und pfiff ein Adagio.

»Ist er auf Herrn Overton's Befehl hier?« fragte Trott, doch ein wenig verwundert über des Menschen Benehmen.

»Bekümmern Sie sich um sich und lassen Sie sich keine grauen Haare d'rüber wachsen, junger Herr; brauchen kein Wort z'reden,« erwiederte der Hausknecht ruhig und fing wieder zu pfeifen an.

»Ich verstehe gar nicht, was das sein soll,« rief Herr Trott mit verstelltem Unwillen aus, eifrig besorgt, die Farce durchzuspielen, als wenn er alles Ernstes wünschte, das Duell auszufechten, wenn man es ihm nur gestatten wollte; – »ich protestire dagegen, daß man mich hier fest hält; ich läugne die Absicht, mich mit Jemand schlagen zu wollen, und nur weil es nutzlos ist, gegen überlegene Zahl anzukämpfen, werde ich mich ruhig verhalten.«

»Daran werden's wohl thun,« bemerkte der sanftmüthige Hausknecht, seinen gewaltigen Prügel bedeutsam emporhebend.

»Allein ich protestire,« fügte Alexander Trott hinzu und setzte sich, heftige Entrüstung im Gesichte und große Zufriedenheit im Herzen, nieder – »feierlich protestire ich!«

»Ja, ja!« antwortete der Hausknecht; »Alles, wie's Ihnen beliebt. Sind Sie zufrieden, bin ich's doppelt; sprechen's nicht z'viel, sonst wird's nur noch schlimmer mit Ihnen.«

»Noch schlimmer mit mir!« rief Trott mit unverstelltem Staunen aus. »Der Mensch ist betrunken!«

»Sie würden besser d'ran thun, sich ruhig z'verhalten, junger Bursche,« bemerkte der Hausknecht und machte dabei mit dem Prügel eine höchst bedenkliche Pantomime.

»Der Kerl ist vielleicht gar verrückt,« fuhr Herr Trott noch unruhiger werdend fort. »Pack er sich aus dem Zimmer, Bursch, und sag' er unten, man solle mir Jemand anders heraufschicken.«

»Thut sich nicht!« erwiederte der Hausknecht.

»Augenblicklich aus dem Zimmer!« schrie Trott und riß heftig an der Glocke, denn der Hausknecht war für ihn ein zweiter Popanz.

»Lassen's die Glock in Ruh, Sie elender Tollhäusler!« rief der Hausknecht und schleuderte den unglückseligen Trott plötzlich auf seinen Stuhl zurück. »Ruhig, Sie miserabeles Subject,« und schwang seinen Prügel, »muß denn Jedermann wissen, daß 'n Toller im Haus ist?«

»Er ist wirklich toll! Er ist wirklich toll!« rief der entsetzte Trott aus und blickte dem rothköpfigen Hausknechte mit Grausen in das Eine Auge.

»Toll?« sagte dieser – »Gott verdamm' mich, ich glaub' das ist ein gefährlicher Narr! Passen's auf, Sie Unglückseliger. Ah? Da wird Nix draus!« – indem versetzte er Herrn Trott einen leichten Schlag mit seinem großen Stocke auf den Schädel, da dieser einen zweiten Versuch machen wollte, die Glockenschnur zu ergreifen; – »gelt', ich hab ihn erwischt?«

»Schont meines Lebens!« rief Trott, die Hände flehend in die Höhe haltend, aus.

»Was will ich von Ihrem Leben?« erwiederte der Hausknecht verächtlich, »ob ich gleich glaub', 's wär 'ne Wohlthat, wenn's sonst Jemand thät'.«

»Nein, nein, es wäre keine,« unterbrach ihn der arme Herr Trott schnell und eifrig; »nein, nein, es wäre keine! I-i-ch will es lieber behalten!«

»O! sehr wohl,« sagte der Hausknecht, »'s ist nur wie man's ansieht – Jeder nach B'lieben, wie jener sagte, als er sich vergiftet hatte. Aber jetzt sag' ich zum letzten Mal', Sie bleiben ruhig auf dem Stuhl da sitzen und ich sitz Ihnen geg'nüber, und wenn's ruhig sitz'n bleib'n, und keine Fax'n mach'n, so werd ich Ihnen nix thun; aber wenn's nur 'ne Hand oder 'n Fuß rühren, vor halb Eins, so werd' ich Sie zeichnen, daß Sie den Himmel für 'n Baßgeig' ansehen thun. Also niederg'sess'n.«

»Ich will – ich will ja,« antwortete das Opfer des Mißverständnisses und setzte sich nieder; ihm gerade gegenüber nahm der Hausknecht Platz, und hielt seinen Prügel auf alle möglichen Fälle in Bereitschaft, um ihn bei der geringsten Widersetzlichkeit manövriren zu lassen.

Langsam und trübselig schlichen nun die folgenden Stunden dahin. Die Glocke der Kirchenuhr von Groß-Winglebury hatte so eben Zehn geschlagen, und aller Wahrscheinlichkeit nach mußten nun noch zwei und eine halbe Stunde weiter ablaufen, ehe Hülfe zu hoffen war. Eine halbe Stunde lang brachte das Schließen der Läden in der Straße doch noch Etwas, was einigem Leben ähnlich sah, hervor, und Herrn Trott's langweilige Lage wurde dadurch minder unerträglich – als aber auch dieses aufhörte, und man nichts mehr vernahm, als hier und da das Gerassel einer Postchaise, die in den Hof herein fuhr, um Pferde zu wechseln, und dann wieder fortrumpelte, oder das Stampfen der Pferde im Stalle hinten, konnte er es fast nicht mehr aushalten.

Der Hausknecht bewegte sich zuweilen ein paar Zolle von seinem Stuhle vorwärts, um das Licht zu putzen, nahm aber augenblicklich seine vorige Stellung wieder ein, und da er sich erinnerte, ein Mal gehört zu haben, daß der menschliche Blick eine unwiderstehliche Macht besitze, Wahnsinnige zu bemeistern, so heftete er sein einziges Organ der Sehkraft ohne Unterlaß auf Herrn Alexander Trott. Zur Abwechslung starrte dieses unglückselige Individuum gleichfalls seinen Gefährten so lange an, bis dessen Züge ihm mehr und mehr undeutlich – sein Haar minder roth – und das Zimmer trüber und finsterer wurde. Herr Alexander Trott fiel endlich in einen gesunden Schlaf, aus welchem er erst durch ein Gerassel auf der Straße und den Ruf – »Postchaise mit vier Pferden für Nummer fünfundzwanzig!« wieder erweckt wurde.

Man hörte ein Geräusch auf der Treppe: die Zimmerthüre wurde hastig geöffnet und Herr Joseph Overton trat ein, gefolgt von vier handfesten Kellnern und Frau Williamson, der kräftigen Wirthin vom Winglebury-Wappen.

»Herr Overton!« rief Herr Alexander Trott aus und sprang ihm in wahnsinnig leidenschaftlicher Aufregung entgegen – »betrachten Sie einmal diesen Menschen da; denken Sie sich meine Lage, seit länger als drei Stunden – der Mensch, den Sie zu meiner Bewachung geschickt haben, ist ein Wahnsinniger – ein wüthender – ein rasender – wahnwitziger – mörderischer Tollhäusler.«

»Bravo!« flüsterte Overton ihm zu.

»Der arme Mensch!« sagte die mitleidige Frau Williamson; »Wahnsinnige halten immer andere für verrückt.«

»Armer Mensch!« schrie Herr Alexander Trott. »Was zum Teufel meinen Sie mit dem armen Menschen? Sind Sie die Wirthin dieses Gasthauses?«

»Ja, ja,« erwiederte die kräftige alte Frau, »ereifern Sie sich nicht, seien Sie brav und ordentlich – denken Sie doch an Ihre Gesundheit.«

»Mich ereifern?« zankte Herr Alexander Trott; »hole es der Henker – es ist eine reine Gnade Gottes, wenn ich noch ein Bischen Athem habe, um mich ereifern zu können; – seit drei Stunden schwebe ich in beständiger Angst, von diesem rothhaarigen, einäugigen Ungeheuer mit dem Galgengesichte erwürgt zu werden. Wie können Sie es verantworten, einen Verrückten im Hause zu haben – wie mögen Sie einen Wahnsinnigen halten, der ihre Gäste in Schrecken setzt und in Lebensgefahr bringt?«

»Ich werde nie wieder einen Zweiten der Art aufnehmen,« sagte Frau Williamson und blickte den Mayor vorwurfsvoll an.

»Vortrefflich – vortrefflich,« flüsterte Overton wieder und half Herrn Alexander Trott in seinen warmen Reisemantel.

»Vortrefflich, Sir?« rief Trott aus. »Ich sage Ihnen, schrecklich war es – die bloße Erinnerung daran macht mir die Haut schaudern. Lieber wollte ich mich in drei Stunden vier Mal duelliren, wenn ich die ersten drei überlebte, als nur noch Eine Stunde Angesicht gegen Angesicht so einem Wahnsinnigen gegenüber sitzen.«

»Fahren Sie so fort, wenn Sie die Treppe hinab gehen,« flüsterte Overton; »Ihre Rechnung ist bezahlt und Ihr Mantelsack im Wagen;« dann setzte er laut hinzu: »Nun Kellner, der Herr ist bereit?«

Auf dieses Signal umringten die Kellner Herrn Trott augenblicklich; der Eine bemächtigte sich seines rechten, der Andere seines linken Armes, der Dritte ging mit einem Lichte voraus, der Vierte hintendrein, ebenfalls mit einem Lichte; der Hausknecht und Herr Williamson bildeten die Nachhut und so ging es die Treppe hinab, während Herr Alexander Trott mit höchster Anstrengung seiner Stimme abwechslungsweise sein verstelltes Widerstreben, abzureisen, und seine unverstellte Entrüstung darüber ausdrückte, mit einem Wahnsinnigen zusammen eingeschlossen worden zu sein.

Herr Overton wartete am Kutschenschlage; die Postillione waren bereits aufgestiegen und obendrein hatten sich mehrere Knechte und Stallbuben versammelt, um »den verrückten Herrn« abreisen zu sehen.

Herr Alexander Trott stand mit dem einen Fuße auf dem Tritte, als ein schwacher Lichtschein in den Wagen fiel, und ihn eine dicht eingehüllte menschliche Gestalt darin erblicken ließ.

»Wer ist das?« fragte er Overton flüsternd.

»S't, S't,« erwiederte der Mayor; »die andere Person natürlich.«

»Die andere Person!« rief Trott aus, und wollte sich zurückziehen.

»Ja, ja, Sie werden sich schon zurecht finden, ehe Sie weit gefahren sind, denke ich – aber machen Sie etwas Lärmen, es möchte sonst Verdacht erregen, wenn Sie so viel mit mir flüstern.«

»Ich gehe nicht in diese Chaise,« schrie Herr Alexander Trott, bei dem all' seine ursprüngliche Furcht mit zehnfacher Heftigkeit wiederkehrte. »Man will mich ermorden – man will mich – «

»Bravo, bravo,« flüsterte Overton. »Ich werde Sie jetzt hineinschieben.«

»Aber ich will mich nicht hineinschieben lassen, zu Hülfe, zu Hülfe,« schrie Trott, »Man will mich gegen meinen Willen entführen. Man will mich umbringen.«

»Ach, der arme Mensch!« sagte Frau Williamson abermals.

»Nun Jungens, laßt wacker laufen,« rief der Mayor, während er Trott rasch hinein schob und die Thüre zuschlug. »Fahrt zu, was ihr könnt; unter keinen Umständen vor der nächsten Station angehalten! – Alles in Ordnung.«

»Postgeld bezahlt, Tom,« rief Frau Williamson, und fort rasselte der Wagen, vierzehn Meilen in der Stunde mit Herrn Alexander Trott und Miß Julia Manners, beide sorgfältig zusammen eingeschlossen.

Während der ersten zwei oder drei Meilen verhielten sich die Dame und Herr Alexander Trott, je in einen Winkel der Chaise hineingedrückt, vollkommen still. Als aber seine geheimnißvolle Gefährtin Herrn Trott immer näher und näher rückte, schmiegte er sich in demselben Maße tiefer in seine Ecke und mühte sich vergeblich ab, die Finsterniß zu durchdringen, um das wüthende Gesicht des vermeintlichen Horace Hunter zu erkennen.

»Wir können nun sprechen,« hub seine Reisegefährtin endlich an; »die Postillione können uns weder sehen noch hören.«

»Das ist Hunter's Stimme nicht!« – dachte Alexander erstaunt.

»Theurer Lord Peter!« fuhr Miß Julia im schmeichelndsten Tone fort und schlang ihren Arm um Trotts Schulter; – »theurer Lord Peter! Kein Wort für mich?«

»Was – ein Frauenzimmer!« rief Trott leise und höchst verwundert aus.

»Ach – wessen Stimme ist denn das?« sagte Julia – »das ist nicht Lord Peter's Stimme.«

»Nein, – es ist die meinige,« erwiederte Herr Trott.

»Die Ihrige!« rief Miß Julia Manners aus. »Ein fremder Mann! Gütiger Himmel – wie kamen Sie in diesen Wagen?«

»Wer Sie auch sein mögen, so werden Sie doch bemerkt haben, daß ich gegen meinen Willen herein kam, Ma'am,« erwiederte Alexander Trott, »denn ich machte Lärm genug, als man mich hereinschob.«

»Kommen Sie von Lord Peter?« fragte Miß Manners.

»Den Lord Peter soll der Guckguck holen,« versetzte Trott verdrießlich, – »ich kenne keinen Lord Peter – habe nie von einem Lord Peter gehört, bis heute Abend, wo mich bald der Eine, bald der Andere so lange lordpeterte, bis ich am Ende selbst glaubte, ich wäre verrückt oder träumte.«

»Wohin reisen wir denn?« fragte die Dame tragisch.

»Wie soll ich das wissen?« antwortete Trott mit auffallender Gleichgültigkeit – die Ereignisse des Abends hatten ihn völlig verhärtet.

»Halt! Halt!« rief die Dame und ließ die Vorderfenster des Wagens herab.

»Lassen Sie doch, meine theure Ma'am!« sagte Herr Trott, schloß mit der einen Hand wieder das Fenster und umschlang Miß Julia zart mit der andern. »Es waltet hier irgend ein Mißverständniß ob; lassen Sie mir Zeit bis zur nächsten Station, es meiner Seits aufzuklären – so weit müssen wir schon mit einander fahren – Sie können ja jetzt in der Nacht da auf der Landstraße nicht aussteigen.«

Die Dame gab nach und das Mißverständniß war bald von beiden Seiten gelöst.

Herr Trott war ein junger Mann, hatte einen viel versprechenden hübschen Bart, beneidenswerthe Taille, einen vortrefflichen Schneider und ein sehr einnehmendes Wesen – es fehlte ihm nichts als Muth, und was will das sagen bei jährlichen dreitausend Pfunden? Die Dame aber besaß diese und noch mehr; ihr dagegen fehlte ein junger Ehemann und das einzige Mittel für Herrn Trott, der Schmach zu entgehen, war eine reiche Frau. Sie kamen daher zu dem Schlusse, daß es doch sehr schade sein würde, all' diese Widerwärtigkeiten umsonst durchgemacht und so viel Geld für nichts und wieder nichts ausgegeben zu haben, und daß sie am besten thäten, da sie doch einmal so weit wären, vollends mit einander nach Gretna-Green zu fahren und sich trauen zu lassen. – Und so machten sie es auch. Der Eintrag unmittelbar vor dem ihrigen in dem Trauungsregister des Schmieds war kein anderer, als der von Emilie Brown und Horace Hunter.

Herr Hunter führte seine Frau heim, bat um Verzeihung und erhielt sie auch; Herr Trott führte gleichfalls seine Frau heim, bat um Verzeihung und erhielt sie gleichfalls. Lord Peter aber, der sich über die festgesetzte Zeit durch Champagner und ein Kirchthurmrennen hatte aufhalten lassen, kehrte wieder zu seinem ehrenwerthen Freunde Augustus Flair zurück, trank abermals Champagner, ritt abermals mit bei einem Kirchthurmrennen, ward abgeworfen und brach den Hals.

Horace Hunter zog großen Nutzen aus der Feigheit Alexander Trotts. Die Zeit enthüllte nach und nach den ganzen Verlauf dieses Abenteuers und Alles wurde sorgfältig niedergeschrieben; wer sich je einmal eine Woche lang im Winglebury-Wappen aufhält, kann die ganze Geschichte von dem Duell zu Groß-Winglebury gerade so hören, wie wir sie so eben erzählt haben.

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