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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 51
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141117
projectid4c6924e6
secondcorrectorHerbert Niephaus
modified20161027
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Sechstes Kapitel

Der schwarze Schleier.

(Wir glauben vorausschicken zu müssen, daß die Umstände, auf welche sich nachfolgende Erzählung gründet, uns von einem unserer intimsten Freunde mitgetheilt worden sind, dessen Wahrheitsliebe unseres Wissens nie im Geringsten in Zweifel gezogen ward, und daß er diese Geschichte, so oft er sie auch mit großem Nachdrucke und sichtlicher Rührung erzählte, jedes Mal ohne nur die mindeste Abweichung von seiner Darstellungsweise vortrug.)

*

An einem Decemberabende des Jahres 1800, oder auch ein paar Jahre früher oder später, saß ein junger Arzt, welcher seit Kurzem erst seine Kunst auszuüben begonnen, an dem behaglichen Feuer seines bescheidenen Wohnzimmers und horchte auf den Wind, der große Regentropfen gegen das Fenster trieb und entsetzlich in dem Schornstein rumorte.

Die Nacht war feucht und kalt; er war den ganzen Tag durch Koth und Wasser gewatet, ruhte jetzt bequem im Schlafrocke und Pantoffeln aus, und dachte, halb schlafend, halb wachend, an tausenderlei Dinge, die seine rastlose Phantasie durchkreuzten.

Zuerst dachte er, wie scharf der Wind doch bliese und wie er ihm in diesem Augenblicke den kalten Regen in das Gesicht treiben würde, wenn er nicht so behaglich zu Hause säße; dann führten ihn seine Gedanken in seinen Geburtsort und zu seinen allertheuersten Freunden, die er alljährlich am Weihnachtsabende zu besuchen pflegte; er dachte, wie froh sie Alle sein würden, ihn wieder zu sehen, und wie glücklich es Rosa machen würde, wenn er ihr nur erst sagen könnte, daß er endlich einen Patienten bekommen habe, bald auf mehrere hoffen dürfe und sie dann in einigen Monaten heimführen könnte, damit sie ihm seinen einsamen Haushalt versüße und ihn zu neuen Anstrengungen ermuntere. Dann fing er an zu grübeln, wie lange es wohl noch anstehen möchte, bis er zu seinem ersten Kranken gerufen würde, oder ob ihm nicht durch eine besondere Schickung der Vorsehung bestimmt wäre, gar keinen Patienten zu bekommen. Endlich dachte er abermals an Rosa, nickte nach und nach ein und träumte von ihr, bis es ihm war, als ob wirklich ihre süße liebliche Stimme in seinen Ohren klänge und als ob ihre zarte Hand auf seiner Schulter ruhe. –

In der That war aber auch seine Schulter von einer Hand berührt, allein sie war weder zart noch klein; denn sie gehörte einem derben rundköpfigen Jungen an den ihm das Kirchspiel für einen Shilling die Woche und Beköstigung vermiethet hatte, um Arzneien und Botschaften hin und her zu tragen.

Da aber den ersten Artikel Niemand verlangte und der zweite also auch ziemlich unnöthig war, so brachte er seine müßigen Stunden – etwa vierzehn des Tages – damit zu, Pfeffermünztropfen abzuziehen, animalische Nahrungsstoffe zu sich zu nehmen und zu schlafen.

»Eine Dame, Herr – eine Dame!« flüsterte der Junge und suchte seinen Herrn durch Rütteln zu erwecken.

»Was für eine Dame,« rief unser Freund, aus dem Schlafe auffahrend, ungewiß, ob sein Traum bloße Täuschung wäre, und halb in der Erwartung, Rosa selbst an seiner Seite zu sehen. – »Was für eine Dame? Wo?«

»Sehen Sie denn nicht? Dort, Herr!« erwiederte der Junge, mit der Miene des Schreckens, den ihm wohl die ganz ungewöhnliche Erscheinung eines Kunden eingejagt haben mochte, und zeigte auf die Glasthüre, welche zum Arbeitszimmer führte.

Der Arzt sah nach der Thüre und konnte selbst einen Augenblick lang eine kleine Anwandlung von Schrecken nicht ganz unterdrücken, als er einen so unverhofften Besuch vor sich sah.

Es war eine ungewöhnlich hohe, weibliche Gestalt, in tiefe Trauer gekleidet, welche so dicht hinter der Thüre stand, daß ihr Gesicht fast das Glas berührte. Sie hatte sich sorgfältig in einen schwarzen Shawl gehüllt, als ob sie die Absicht hätte, sich zu verbergen und ihr Gesicht war mit einem dichten schwarzen Schleier vermummt. Sie stand kerzengerade in ihrer ganzen Größe da, und obgleich der Arzt mit einem leichten Frösteln fühlte, daß die Augen unter dem Schleier auf ihn gerichtet waren, so blieb sie doch völlig regungslos stehen und gab nicht durch die leiseste Bewegung zu erkennen, daß sie es bemerkt hatte, wie er sich nach ihr umgewendet. –

»Wünschen Sie mich zu konsultiren?« fragte er nach einigem Zögern, nachdem er die Thüre geöffnet. Da diese einwärts aufging, so brachte dieß keine Veränderung in der Stellung der verschleierten Gestalt hervor: diese blieb fortwährend regungslos auf dem Flecke stehen und nickte blos kaum merklich bejahend mit dem Kopfe.

»Darf ich bitten, einzutreten,« sagte der Arzt höflich.

Die Gestalt trat einen Schritt vorwärts, drehte dann den Kopf nach dem dicken Jungen – zu dessen unendlichem Schrecken – und schien wieder zu zaudern.

»Verlaß das Zimmer, Tom,« sagte er zu dem Jungen, dessen große runde Augen sich während der kurzen Unterhaltung bis zu ihrer größten Ausdehnung erweitert hatten; – »zieh' den Vorhang zu und verschließ die Thüre.«

Der Knabe befolgte den Befehl, zog sich in das Arbeitszimmer zurück, schloß die Thüre hinter sich und suchte darauf sogleich mit einem seiner großen Augen das Schlüsselloch.

Der Arzt stellte einen Stuhl zum Kamin und lud seinen Besuch zum Sitzen ein.

Die geheimnißvolle Gestalt schritt langsam nach dem Stuhle hin, und als die Flamme die schwarzen Kleider beleuchtete, bemerkte er, daß sie durch Regen und Koth gegangen sein mußte.

»Sie haben sehr durch das schlechte Wetter gelitten,« sagte er.

»Ja,« antwortete die Fremde mit leiser, kaum hörbarer Stimme.

»Und Sie sind unwohl?« fragte der Arzt mitleidig; denn der Ton ihrer Stimme schien anzudeuten, daß sie heftige Schmerzen leide.

»Ja, ich bin krank,« war die Antwort, »sehr krank, doch nicht körperlich, sondern seelenkrank. Nicht um meinetwillen bin ich zu Ihnen gekommen. Wenn mich körperliche Leiden drückten, so würde ich nicht allein, in einer solchen Stunde und in einer Nacht wie diese ausgegangen sein, und läge ich auf dem Krankenbette, so würde ich, Gott weiß es, gerne in vierundzwanzig Stunden meinen Geist aufgeben. Für einen Andern suche ich Hülfe bei Ihnen, mein Herr. Es mag thöricht sein, daß ich sie für ihn suche – ich glaube auch wohl, daß es thöricht ist – aber Nacht für Nacht, wenn ich die langen schrecklichen Stunden unter Wachen und Weinen zubrachte, war dieser Gedanke meinem Geiste immer gegenwärtig; und obwohl ich einsehe, daß menschliche Hülfe ihn nicht retten kann, so macht doch der bloße Gedanke, daß man ihn ohne solche in das Grab legen sollte, mein Blut in den Adern starren!«

Ein Schauder, welcher, wie der junge Arzt wohl wußte, nicht erkünstelt sein konnte, durchfuhr bei diesen Worten die ganze Gestalt der Sprecherin. In dem ganzen Wesen des Weibes lag der Seelenschmerz der entschiedensten Verzweiflung, welcher unserm Freunde ins Herz drang. Er war noch zu neu in seinem Berufe und hatte noch nicht genug von dem Elende gesehen, durch dessen Anblick so viele erfahrene Mitglieder seines Standes gegen menschliche Leiden mehr oder weniger abgestumpft werden.

»Wenn sich der Patient, von dem Sie sprechen, in so hoffnungslosem Zustande befindet, wie Sie ihn schildern,« sagte er, und stand rasch auf, »so ist kein Augenblick zu verlieren. Ich will sogleich mit Ihnen gehen. Warum haben Sie nicht schon früher ärztliche Hülfe gesucht?«

»Weil es früher eben so vergeblich gewesen wäre, als es jetzt auch vergeblich sein wird,« erwiederte die Unbekannte und rang schmerzlich die Hände.

Der Arzt warf einen durchdringenden Blick auf den schwarzen Schleier, um den Ausdruck des unter demselben verborgenen Antlitzes zu beobachten; allein dieser war zu dick und deßwegen nichts zu sehen.

»Sie sind doch krank,« sagte er mit Theilnahme, »obgleich Sie es nicht wissen. Das Fieber, welches Ihnen bisher die Kraft verliehen hat, Ihre Anstrengungen, denen Sie sich augenscheinlich unterzogen haben, auszudauern, ohne sie zu fühlen, brennt nun in Ihnen. Trinken Sie,« fuhr er fort und reichte ihr ein Glas Wasser, »suchen Sie sich für kurze Zeit wenigstens zu fassen und erzählen Sie mir möglichst ruhig, was für eine Krankheit den Patienten befallen hat und wie lange er schon leidet. Sobald ich daraus abnehmen kann, womit ich mich zu versehen habe – aber das muß ich wissen, wenn mein Besuch von Erfolg sein soll – bin ich bereit, Sie zu begleiten.«

Die Unbekannte führte das Glas an den Mund, ohne den Schleier zu lüften, setzte es aber unberührt wieder nieder und brach in Thränen aus.

»Ich weiß,« sagte sie unter lautem Schluchzen, »was ich Ihnen nun sagen werde, muß Ihnen wie Fieber-Wahnsinn klingen. Andere haben mir dieß früher schon gesagt, ehe ich zu Ihnen kam, aber nicht so liebreich als Sie. Ich bin nicht mehr jung, mein Herr; und man sagt, daß, je näher das Leben seinem Ende entgegen eilt, die letzten kurzen Augenblicke – so werthlos sie Andern auch scheinen mögen – dem nahe am Ziele Stehenden theurer seien, als alle seine früher erlebten Jahre, wenn gleich die Erinnerungen an alte längst entschlafene Freunde und an neue sich an sie knüpfen, an Kinder, die vielleicht ungerathen sind und uns so vollständig vergessen haben, als wenn sie wirklich gestorben wären. – Dem Laufe der Natur zufolge kann meines Lebens Gränze nicht mehr ferne stehen und das Dasein sollte mir darum theuer sein, doch ohne Seufzer wollte ich es von mir schütteln – ja mit Freuden, ja mit Lust, wenn nur das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, unwahr oder eingebildet wäre. Morgen früh wird der, von dem ich rede – ich weiß es nur zu gut, obgleich ich gerne mein Herzblut gäbe, wenn es anders wäre – außer dem Bereiche aller menschlichen Hülfe sein; und doch dürfen Sie ihn heute Abend, trotz dem, daß sein Leben in Todesgefahr ist, nicht sehen und würden ihm auch nicht helfen können.«

»Ich beabsichtige nicht,« erwiederte unser Freund nach einem kurzen Stillschweigen, »Ihren Schmerz noch durch irgend eine Bemerkung über das, was Sie mir so eben gesagt haben, zu vergrößern, noch will ich neugierig den Gegenstand, den Sie so ängstlich verbergen zu wollen scheinen, erforschen: allein es herrscht in Ihren Angaben so viel Widersprechendes, daß ich sie durchaus nicht zusammenreimen kann, und sie, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, nicht ganz wahrscheinlich finde. Der Patient liegt heute Nacht im Sterben und ich darf ihn nicht sehen, wo ihm mein Beistand möglicher Weise noch nützen könnte. Sie sehen ein, daß mein Besuch Morgen fruchtlos sein wird, und doch soll ich den Kranken erst dann sehen. Wenn er Ihnen aber wirklich so theuer ist, als er es nach Ihren Worten und Ihrem Benehmen zu sein scheint, warum wollen Sie denn nicht versuchen, sein Leben zu erhalten, ohne länger zu zögern und bevor die Fortschritte der Krankheit es unmöglich gemacht haben werden?«

»Gott helfe mir!« rief die Unbekannte unter einem Strome bitterer Thränen. »Wie kann ich hoffen, daß Fremde glauben werden, was sogar mir selbst als unglaublich erscheint! Sie wollen ihn also nicht sehen, mein Herr?« fügte sie hinzu und stand plötzlich auf.

»Ich habe nicht gesagt, daß ich ihn nicht sehen wolle,« antwortete der Arzt, »aber ich warne Sie, nicht eine furchtbare Verantwortung auf sich zu laden, wenn Sie auf Ihrem begehrten unerklärlichen Zögern und Ihrer sonderbaren Ansicht beharren und den Kranken ohne Hülfe sterben lassen.«

»Die Verantwortung wird allerdings auf irgend Jemand schwer lasten,« versetzte die Fremde bitter: »die auf mir lastende bin ich gefaßt zu tragen und zu verantworten bereit.«

»Da ich mir keine Schuld auflade,« fuhr der Arzt fort, »soferne ich Ihrem Begehren entspreche, so werde ich den Patienten Morgen früh besuchen, wenn Sie mir die Adresse zurücklassen wollen. Zu welcher Stunde kann ich ihn sehen?«

»Um neun Uhr,« erwiederte die Fremde mit hohlem Tone.

»Entschuldigen Sie meine zudringlichen Fragen,« sagte der Arzt weiter; »allein befindet sich der Kranke unter Ihrer Obhut?«

»Nein,« war die Antwort.

»Wenn ich Ihnen nun einige Vorschriften für seine Behandlung, während der Nacht, gäbe, würden Sie ihm also auch nicht beistehen können?«

Die Frau weinte bitterlich und erwiederte: »Ich könnte es nicht.«

Da unser Freund fand, daß wenig Aussicht vorhanden war, weitere Auskunft zu erlangen, und die Gefühle, der Unglücklichen zu schonen wünschte, welche sie zwar Anfangs gewaltsam zu unterdrücken versucht hatte, die aber jetzt um so heftiger und schmerzlicher hervordrangen, so wiederholte er sein Versprechen, zur festgesetzten Stunde zu erscheinen, und entließ die räthselhafte Frau, nachdem sie ihm vorher ein Haus in einem abgelegenen Theile von Walworth bezeichnet hatte; eben so geheimnißvoll, wie sie gekommen war, entfernte sie sich auch wieder.

Man wird gerne glauben, daß ein so außerordentlicher Besuch einen ungewöhnlichen Eindruck auf das Gemüth des jungen Arztes hervorbrachte und daß er nicht wenig – aber mit sehr geringem Erfolge – über die möglichen Nebenumstände dieses Vorfalles nachsann.

Gleich Andern hatte er öfter schon von merkwürdigen Fällen gehört und gelesen, daß ein Vorgefühl oder eine Vorhersagung des Todes gewisser Personen auf den Tag, ja sogar auf die Minute eingetroffen wären. In dem einen Augenblicke war er zu glauben geneigt, der gegenwärtige könnte ein solcher Fall sein, wogegen er indeß im andern wieder bedachte, daß alle Geschichten dieser Art, von denen er je gehört, nur Vorgefühle betrafen, die gewisse Personen von ihrem eigenen Tode gehabt hatten. Die Frau hatte aber von einer dritten Person – einem Manne – gesprochen und unmöglich konnte er annehmen, daß sie ein bloßer Traum oder eine Täuschung ihrer Phantasie veranlaßt haben sollte, von seinem Tode mit solch' schrecklicher Bestimmtheit zu reden, als sie es gethan. Es konnte wohl nicht sein, daß der Mann am andern Morgen ermordet werden sollte und daß die Frau – ursprünglich damit einverstanden, sich durch einen Eid gebunden und nachher bereut hatte – wenn sie auch unvermögend war, ein solches Verbrechen von dem Opfer abzuwenden, wo möglich wenigstens seinen wirklichen Tod durch schleunige Anwendung ärztlicher Hülfe verhindern wollte; denn der Gedanke, daß solche Dinge sich kaum zwei Meilen von der Hauptstadt ereignen sollten, schien ihm zu schrecklich und zu widersinnig, um nur einen Augenblick daran festzuhalten. Dann erinnerte sich unser Freund wieder an den ursprünglichen Eindruck, welchen die Frau auf ihn gemacht, an den Gedanken, daß ihr Verstand zerrüttet sein müsse; und da es die einzige Art war, die schwierige Aufgabe mit einigem Grade von Wahrscheinlichkeit zu lösen, so zwang er sich mit Gewalt zu dem Glauben, sie sei wahnsinnig; allein gewisse Zweifel über diesen Punkt schlichen sich mit der Zeit wieder bei ihm ein und vergegenwärtigten sich seinem Geiste während des langen, trübseligen Verlaufes einer schlaflosen Nacht immer und immer wieder, und alle seine Gegenanstrengungen, den schwarzen Schleier aus seiner aufgeregten Einbildungskraft zu verbannen, waren fruchtlos.

Der abgelegenere Theil von Walworth in seiner weitesten Entfernung von der Hauptstadt ist noch heut zu Tage ein elender Ort ohne regelmäßige Straßen; aber vor fünfunddreißig Jahren war der größte Theil davon nicht viel besser, als eine schaurige Einöde, in der nur wenige Bewohner von sehr zweideutigem Charakter hausten, welchen Armuth nicht gestattete, in besseren Gegenden Wohnungen zu miethen, oder denen ihre Gewohnheiten und Lebensweise die Einsamkeit besonders wünschenswerth machten.

Sehr viele Häuser, welche seither allenthalben wie Pilze aus dem Boden emporgeschossen sind, gehören viel späteren Jahren an; die meisten aber von denen, welche schon damals in unregelmäßigen Zwischenräumen dort zerstreut umherlagen, befanden sich im rohesten und elendesten Zustande.

Der Anblick der Gegend, welche unser junger Arzt durchwanderte, war daher gar nicht geeignet, seinen Geist aufzurichten, noch gewisse in ihm aufsteigende unheimliche und niederdrückende Gefühle zu zerstreuen, welche der sonderbare Besuch, dem er entgegen ging, in ihm erweckt haben mochte.

Als er von der Hauptstraße abbog, führte ihn sein Weg über einen sumpfigen Anger, durch unregelmäßige Gassen, an denen hin und wieder eine baufällige, fast von Mauern entblößte Hütte stand, die durch Alter und Vernachlässigung dem Einsturze nahe war. Bald hemmte ein im Wege liegender Baum, bald eine Pfütze mit stehendem Wasser, bald ein Bach, der durch den starken Regen in der vorangegangenen Nacht in eine träge, schleichende Bewegung gesetzt worden war, seine Schritte, und hier und da gab ein elendes Stückchen Gartenland, mit einem aus alten Brettern zusammengestoppelten Gartenhäuschen oder einer alten Einzäunung, unvollkommen aus Pfählen, welche von den benachbarten Zäunen entwendet worden waren, zusammengeflickt, hinreichendes Zeugniß von der Armuth der Bewohner sowohl, als von ihren geringen Bedenklichkeiten, fremdes Eigenthum in ihren Nutzen zu verwenden.

Hie und da zeigte sich ein zerlumptes, schmutziges, weibliches Wesen an der Thüre eines eben so unsaubern Hauses, um ein Küchengeschirr in die gegenüberliegende Rinne auszuleeren, oder um ein kleines Mädchen in Schlappen laut auszuschelten, das nur wenige Schritte von der Thüre unter der Last eines blassen Kindes, beinahe eben so groß als sie selbst, niederzufallen drohte; – aber Alles, was sich in dieser Umgebung bewegte und was sich durch den dichten dumpfen Nebel, welcher trübselig darüber hing, unterscheiden ließ, bot einen völlig verlassenen und abschreckenden Anblick dar, der vollkommen mit den Gegenständen übereinstimmte, die wir eben beschrieben haben.

Nachdem unser Freund lange und mühselig durch Dick und Dünn seinen Weg fortgesetzt und oft gefragt, aber eben so oft widersprechende und ungenügende Antworten erhalten hatte, kam er endlich vor dem Hause an, welches ihm als der Ort seiner Bestimmung bezeichnet worden war. Es war ein kleines, niedriges, einstöckiges Gebäude und sah noch schlechter und verzweifelter aus, als irgend eines von den bisherigen. Ein alter gelblicher Vorhang war dicht vor das Fenster im obern Stocke gezogen und die Fensterladen des Erdgeschosses geschlossen, aber nicht befestigt. Das Haus war von den übrigen abgelegen, und da es am Ausgange einer engen Gasse stand, so hatte es auch keine Aussicht auf eine andere Wohnung.

Wenn wir sagen, daß unser Freund ein wenig zauderte und einige Schritte über die Hütte hinaus ging, ehe er es über sich gewinnen konnte, zu klopfen, so sagen wir gewiß nichts, was bei den furchtlosesten unserer Leser ein Lächeln erregen könnte.

Die Polizei Londons war in jener Zeit etwas ganz anderes als heut zu Tage; die damalige isolirte Lage der Vorstädte, als die Bauwuth und der Zuwachs der Bevölkerung diese noch nicht mit der Hauptstadt und ihren Umgebungen in Verbindung gesetzt, hatte manche Vorstadt (und diese insbesondere) zu einem Aufenthaltsorte des schlechtesten und verdorbensten Gesindels gemacht. Sogar die Straßen in den lebhaftesten Theilen Londons waren damals nur unvollkommen beleuchtet und Plätze wie diese lediglich der Barmherzigkeit des Mondes und der Sonne anheimgestellt.

Es gab daher sehr wenige Mittel, verzweifelte Menschen zu entdecken oder sie aus ihren Schlupfwinkeln hervorzuziehen, und ihre Verbrechen arteten bis zur Tollkühnheit aus, weil das Bewußtsein hinreichender Sicherheit sich durch ihre tägliche Erfahrung nur steigerte.

Dazu kommt noch, daß unser Freund eine Zeit lang in den öffentlichen Hospitälern der Hauptstadt beschäftigt gewesen war, und obgleich weder Burke noch Bischop damals schon ihre schauderhafte Berühmtheit erlangt hatten, so mögen ihm doch seine eigenen Beobachtungen hinreichend genug gesagt haben, wie leicht hier die Gräuelthaten, denen der erstere seither seinen Namen geliehen, ausgeführt werden konnten.

Sei dem aber wie ihm wolle, was für eine Erwägung ihn auch zum Zögern veranlaßt haben mochte, – er zögerte; aber da er ein junger Mann von kräftigem Geiste war und viel persönlichen Muth besaß, so hatte er seinen Entschluß nach wenigen Augenblicken gefaßt; er kehrte hastig um und klopfte sachte an die Thüre.

Ein leises Geflüster ließ sich unmittelbar hierauf hören, als wenn Jemand am Ende der Hausflur heimlich mit einer auf dem Treppenabsatze stehenden Person spräche. Schwere Tritte näherten sich hierauf, der Riegel wurde leise zurückgeschoben und die Thüre vorsichtig von einem großen, widerlich aussehenden Manne in schwarzen Haaren geöffnet, dessen Gesicht, wie unser Freund später öfters versicherte, so bleich und leichenhaft war, wie er jemals ein Todtengesicht gesehen zu haben sich entsann.

»Treten Sie ein, mein Herr,« sagte der Mann mit gedämpfter Stimme.

Unser Arzt schritt über die Schwelle; der Andere verschloß die Thüre wieder sorgfältig mit der Kette und ging ihm dann nach einem kleinen Hinterzimmer am äußersten Ende der Hausflur voran.

»Komme ich zu rechter Zeit?« fragte unser Freund besorgt.

»Zu bald,« erwiederte der Mann. Der Arzt drehte sich hastig mit einem Ausdrucke der Bestürzung um, welcher sich auch einige deutliche Zeichen von Unruhe beigesellten, die er unmöglich zu unterdrücken im Stande war, aber gerne wieder zurückgenommen hätte.

»Wenn Sie hier eintreten wollen, mein Herr,« sagte der Mann, welcher augenscheinlich den Vorgang bemerkt hatte, »so versichere ich Sie, daß Sie keine fünf Minuten aufgehalten werden sollen.«

Der Arzt trat sofort in die Stube; der Mann schloß die Thüre und ließ ihn allein.

Es war ein kleines kaltes Gemach mit keinen andern Geräthschaften als zwei Stühlen von Tannenholz und einem Tische von demselben Materiale. Ein ärmliches Feuerchen, das nicht einmal eine Schutzplatte hatte, brannte auf dem Roste und diente nur dazu, den Dunst zu vertreiben, denn die ungesunde Feuchtigkeit floß in langen, schneckenförmigen Zügen von den Wänden herab.

Das Fenster, welches an vielen Stellen zerbrochen und verstopft war, ging auf ein kleines eingeschlossenes Grundstück, das fast ganz unter Wasser stand. Kein Laut ließ sich weder in noch außer dem Hause hören, und unser Freund setzte sich an das Feuer, den Erfolg seines ersten ärztlichen Besuches ruhig abzuwarten.

Er hatte kaum einige Minuten in dieser Lage zugebracht, als das Geräusch eines sich nähernden Fuhrwerks zu seinen Ohren drang. Es hielt; die Hausthüre wurde geöffnet, – ein schwaches Geflüster – Geräusch von Fußtritten und Gedränge auf der Hausflur und Treppe, als wenn zwei oder drei Männer etwas Schweres in die obere Stube trügen. Nach einigen Sekunden verkündete das Knarren der Treppe, daß die Wiederherabkommenden ihr Geschäft, was es auch immer war, vollbracht hatten. Die Thüre wurde hinter ihnen verschlossen, und das vorige Stillschweigen trat wieder ein.

Abermal vergingen fünf Minuten, und eben hatte sich der Arzt entschlossen, im Hause Nachforschungen anzustellen, ob er nicht Jemand anträfe, der ihn zurecht weisen könnte, als die Thüre aufging, und sein Besuch vom gestrigen Abend, ganz auf dieselbe Weise gekleidet und durch denselben schwarzen Schleier verhüllt, ihm winkte, ihr zu folgen.

Die ungewöhnliche Größe der Gestalt, verbunden mit dem Umstande, daß sie nicht sprach, brachte ihn einen Augenblick auf die Vermuthung, sie könnte wohl ein verkleideter Mann sein; allein das krampfhafte Schluchzen, das sich unter dem Schleier hervor hören ließ, und ihre ganze gramgebeugte Stellung überzeugten ihn bald von der Ungereimtheit seines Verdachtes und er folgte ihr raschen Schrittes.

Die Frau führte ihn die Treppe hinauf zu der Vorderstube und hielt an der Thüre still, um ihn zuerst eintreten zu lassen. Die Gerätschaften des Gemachs bestanden, sehr spärlich, nur in einem alten tannenen Schranke, einigen Stühlen und einer Himmelbettstelle ohne Vorhänge, auf welcher eine geflickte alte Decke lag.

Das schwache Licht, welches durch den Vorhang, den er schon von außen bemerkt hatte, hereindrang, ließ die Gegenstände in der Stube nicht genau unterscheiden und verbreitete über alle eine ganz gleiche Farbe, so daß er erst dann den auf dem Bette liegenden Gegenstand bemerkte, als die Frau wie wahnsinnig an ihm vorbei rannte und sich an der Seite des Lagers auf die Kniee niederwarf.

Dicht in ein Leinentuch gehüllt lag unter einer Decke eine menschliche Gestalt, steif und regungslos auf dem Bette ausgestreckt. Kopf und Gesicht gehörten einem Manne an und waren, eine Binde, die über den Kopf und unter dem Kinn durchging, abgerechnet, unverhüllt. Die Augen waren geschlossen. Der linke Arm lag schwer auf dem Bette, und die Frau hielt die schlaffe Hand in der ihrigen.

Der Arzt schob die Frau sanft auf die Seite und ergriff selbst die Hand.

»Mein Gott!« rief er aus, und ließ sie unwillkürlich wieder fallen – »der Mann ist todt!«

Die Frau sprang auf und schlug die Hände zusammen. »O! sagen Sie nicht also mein Herr!« schrie sie mit einer an Wahnsinn gränzenden Leidenschaftlichkeit. – »O! sagen Sie das nicht, mein Herr; ich kann – kann es nicht ertragen – bei Gott ich kann es nicht! Es sind oft schon wieder Menschen in's Leben gebracht worden, die von Unerfahrenen verloren gegeben waren, und Viele sind gestorben, welche gerettet werden konnten, wenn die geeigneten Mittel angewendet worden wären. Lassen Sie ihn nicht hier liegen, mein Herr, ohne den Versuch gemacht zu haben, ihn zu retten, das Bischen Leben, welches vielleicht noch in ihm ist, könnte sonst entfliehen. Versuchen Sie es, mein Herr, versuchen Sie es um Gottes willen!« und während sie so sprach, rieb sie hastig zuerst die Stirne, dann die Brust der vor ihr liegenden gefühllosen Gestalt, um sie zu erwärmen und faßte dann wild die kalten Hände zusammen, die, wenn sie dieselben losließ, willenlos und schwerfällig wieder auf die Bettdecke zurück fielen.

»Es ist völlig nutzlos, meine gute Frau,« sagte der Arzt teilnehmend, indem er ihre Hand von des Mannes Brust wegzog. »Doch halt, nehmen Sie den Vorhang von dem Fenster.«

»Warum?« sagte die Frau, ihn anstarrend.

»Ziehen Sie den Vorhang zurück,« wiederholte der Wundarzt etwas heftiger.

»Ich habe das Zimmer vorsätzlich verdunkelt,« sagte die Frau und stellte sich ihm in den Weg, als er den Vorhang selbst hinwegzunehmen Miene machte.

»O! mein Herr, haben Sie Mitleiden mit mir! Wenn es zwecklos und er wirklich todt ist, so bitte ich Sie – ich bitte Sie dringend, setzen Sie den Leichnam nicht andern Augen aus, als den meinigen.«

»Dieser Mann starb keines natürlichen und keines leichten Todes,« sagte der Arzt, »deßhalb muß ich die Leiche sehen.« Und mit einer so raschen Bewegung, daß die Frau kaum bemerkte, wie er von ihrer Seite gekommen, riß er den Vorhang zurück, so daß das volle Tageslicht hereinfiel, und kehrte dann wieder zu dem Bette zurück.

»Hier ist Gewalt verübt worden,« sagte er auf den Leichnam hindeutend und sah der Frau unverwandt in's Gesicht, welches der schwarze Schleier nicht weiter bedeckte. In der Aufregung hatte sie vorhin Hut und Schleier abgeworfen, und starrte ihm nun fest in das Gesicht. Ihre Züge bezeichneten eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, die einst schön gewesen sein mochte. Sorgen und Thränen hatten Spuren zurückgelassen, welche die Zeit allein nimmer hätte hervorbringen können. Ihr Antlitz war blaß wie der Tod, ihre Lippen zogen sich krampfhaft zusammen und in ihren Augen glühte ein unnatürliches Feuer, welches nur zu klar andeutete, daß ihre körperliche und geistige Kraft unter einer Masse von Elend fast zu Grunde gegangen war.

»Hier ist Gewalt verübt worden,« sagte der Arzt, ohne seinen forschenden Blick von ihr abzuwenden.

»So ist es!« erwiederte die Frau.

»Dieser Mann ist ermordet worden.«

»Ja, Gott der Allmächtige weiß es, das ist er; mitleidslos, unmenschlich ermordet!« rief die Frau leidenschaftlich.

»Von wem?« fragte der Wundarzt, die Frau beim Arme fassend.

»Betrachten Sie das Mordzeichen und dann fragen Sie mich wieder,« antwortete sie.

Der Arzt kehrte sich nach dem Bette und beugte sich über den Leichnam, auf welchen nun die ganze Tageshelle fiel. Der Hals war angeschwollen und ein blauschwarzer Streifen lief um ihn herum. – Die Wahrheit stand ihm urplötzlich vor den Augen.

»Dieß ist einer von den Männern, die heute Morgen gehangen wurden!« rief er und wandte sich schaudernd ab.

»So ist es,« erwiederte die Frau mit kaltem, gefühllosem Blicke.

»Wer ist er?« fragte der Wundarzt weiter.

» Mein Sohn,« entgegnete die Frau und sank sinnlos zu seinen Füßen nieder.

So war es auch. Ein Gefährte von ihm, gleich schuldig, war wegen Mangels an Beweis freigesprochen, und er zum Tode verurtheilt und hingerichtet worden. Die näheren Umstände eines Ereignisses, das sich schon vor so langer Zeit zugetragen, zu erzählen, möchte überflüssig sein und könnte einige noch lebende Personen unangenehm berühren. Die Geschichte war eine alltägliche. Die Mutter, eine Wittwe ohne Freunde und ohne Vermögen, hatte sich selbst das Nothwendigste versagt, um es ihrem verwaisten Knaben zuzuwenden. Trotz ihrer flehentlichen Bitten und uneingedenk der Opfer, welche die Mutter unter steter Seelenangst und selbstaufgelegten Entbehrungen dem Sohne gebracht, hatte sich dieser in Ausschweifungen und Verbrechen gestürzt. Und dieß waren die Folgen: – sein Tod durch Henkershand und seiner Mutter Schmach und unheilbarer Wahnsinn.

Noch viele Jahre nach diesem Vorfalle, als längst einträgliche Berufsgeschäfte und eine glänzende Stellung, bei welcher Andere wohl die Existenz eines so elenden Wesens vergessen haben würden, dem jungen Arzte zu Theil geworden waren, besuchte dieser täglich die harmlose Geisteskranke, welcher er nicht allein durch seine Gegenwart und Theilnahme Trost brachte, sondern auch mit freigebiger Hand alle mögliche Unterstützung und Bequemlichkeit verschaffte.

In den kurzen klaren Zwischenräumen, welche ihrem Tode vorangingen, entströmten den Lippen dieses armen freundlosen Geschöpfes so inbrünstige, glühende Gebete für sein Wohlergehen, wie sie nur je der Mund eines sterblichen Wesens aussprach. Das Gebet stieg zum Himmel empor und ward erhört. Die Segnungen, die er ihr als Werkzeug der Vorsehung brachte, sind ihm tausendfältig vergolten worden; noch mitten unter all' seinen Ehren und Reichthümern, mit welchen er seitdem überschüttet worden, und dieser, so wohl verdient, – ist keine Rückerinnerung befriedigender für sein Herz, als die – an den schwarzen Schleier.

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