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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 50
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Horatio Sparkins.

»In der That, lieber Mann, er hat Teresa bei der letzten Assemblee sehr große Aufmerksamkeit bewiesen,« sagte Frau Malderton zu ihrem Gemahle, welcher, nach des Tages Mühen in der City, behaglich am Kamine saß und, ein seidenes Taschentuch unter dem Kopfe, die Füße auf das Gitter gestellt, seinen Portwein trank; – »sehr große Aufmerksamkeit; und ich wiederhole es, wir sollten Nichts versäumen, ihm auf jede mögliche Weise entgegen zu kommen. Er muß schlechterdings ein Mal zum Essen eingeladen werden.«

»Wer muß eingeladen werden?« fragte Herr Malderton.

»Wie? – du weißt ja, wen ich meine, lieber Mann – der junge Mann mit dem schwarzen Backenbart und der weißen Halsbinde, welcher das erste Mal bei unserer letzten Assemblee war und von dem alle Mädchen sprechen. Der junge – der junge – Gott, wie heißt er doch? – Marianne – was hat er doch für einen Namen?« fragte Frau Malderton ihre jüngste Tochter, die eben damit beschäftigt war, eine Börse zu häckeln, und sich alle Mühe gab, empfindsam auszusehen.

»Herr Horatio Sparkins, Ma,« erwiederte Miß Marianne mit einem Julia-Seufzer.

»Ach ja! ja – Horatio Sparkins,« sagte Frau Malderton; »ohne Frage der ausgemachteste Gentleman unter unsern jungen Männern. Ich lasse es mir nicht nehmen, daß er in dem Rocke, den er an jenem Assemblee-Abende trug, und der ihm wie angegossen saß, gerade aussah wie – wie –«

»Wie Prinz Leopold, Ma, – so nobel, so gefühlvoll!« fiel Miß Marianne im Tone enthusiastischer Bewunderung ein.

»Du wirst wissen, mein Lieber,« bemerkte Frau Malderton, »daß Teresa nunmehr achtundzwanzig Jahre alt ist; es muß uns sehr daran gelegen sein, daß bald irgend etwas geschieht.«

Miß Teresa Malderton war eine sehr kleine Dame von ziemlichem Umfange, mit hochrothen Wangen, gutmüthig und leider noch unversorgt, obgleich man ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, daß der Grund dieses Mißgeschickes keineswegs in einem Mangel an Beharrlichkeit von ihrer Seite lag. Vergebens hatte sie zehn Jahre lang coquetirt, vergebens hatten Herr und Frau Malderton sich alle ersinnliche Mühe gegeben, eine ausgedehnte Bekanntschaft junger heirathsfähiger Männer von Camberwell und sogar von Wandsworth und Brixton zu unterhalten, die aus der Stadt selbst gar nicht einmal zu rechnen, welche Sonntags einsprachen. Miß Malderton war so bekannt, wie der Löwe auf dem Giebel von Northumberland-House, und hatte ungefähr eben so viele Wahrscheinlichkeit für sich, »abzugehen«.

»Ich bin vollkommen überzeugt, daß du ihn schätzen lernen wirst,« fuhr Frau Malderton fort, »er ist ein gar zu feiner Mann!«

»So geistreich!« sagte Miß Marianne.

»Und was er für eine blühende Sprache hat,« fügte Miß Teresa hinzu.

»Er hat auch eine hohe Achtung vor dir, mein Lieber,« sagte Frau Malderton zu ihrem Gatten in zuversichtlichem Tone.

Herr Malderton hustete und sah in das Kaminfeuer.

»Ja,« sagte Miß Marianne, »ich weiß es sicher, wie sehr er Pa's Gesellschaft schätzt.«

»Daran ist gar kein Zweifel,« stimmte Miß Teresa bei.

»In der That, er hat es mir selbst im Vertrauen gesagt,« bemerkte Frau Malderton.

»Gut, gut,« erwiederte Herr Malderton endlich, einigermaßen geschmeichelt; »wenn ich ihn morgen bei der Assemblee sehe, lade ich ihn vielleicht ein. Ich hoffe, er wird wissen, daß wir auf Oak Lodge in Camberwell wohnen, meine Liebe?«

»Natürlich – und auch daß du einen eigenen Einspänner hast.«

»Nun ich will sehen, was zu machen ist,« sagte Herr Malderton und schickte sich zu einem Schläfchen an; »ich will sehen.«

Herr Malderton war ein Mann, dessen ganzer Ideen-Kreis sich auf Lloyd's, die Börse, das Ostindische Haus und die Bank beschränkte. Einige glückliche Spekulationen hatten ihn aus dem Stande der Dunkelheit und verhältnißmäßigen Dürftigkeit zum Wohlstande und Ueberflusse empor gehoben. Wie es nun in solchen Fällen häufig zu gehen pflegt, so war es auch bei ihm; die Meinung von seiner Person und seiner Familie hatte sich mit dem Zunehmen seines Vermögens ungebührlich gesteigert; sie wollten es den Vornehmern und Reichern im Tone und Geschmacke, in jeder fashionablen Thorheit nachthun und glaubten, es gezieme ihnen besonders, einen entschiedenen Abscheu vor Allem, was nur irgend für gemein gelten konnte, an den Tag zu legen. Er war gastfreundschaftlich aus Prahlerei, illiberal aus Unwissenheit, und aus Dünkel voll von Vorurtheilen. Aus Eitelkeit und um davon sprechen zu machen, führte er eine glänzende Tafel: Convenienz und die Anziehungskraft seiner Leckerbissen führten ihm zahlreiche Gäste zu. Er sah gerne gescheidte Leute, oder wenigstens solche, die er dafür hielt, an seinem Tische (denn es war ihm keine Kleinigkeit, daß davon gesprochen wurde), konnte aber durchaus die spitzigen Leute, wie er sie nannte, nicht leiden.

Augenscheinlich hatten ihn Rücksichten gegen seine beiden Söhne zu dieser Abneigung bestimmt, welche aber ihrem Papa in diesem Punkte nicht die geringste Ursache zur Unzufriedenheit gaben. Die Familie ging sehr darauf aus, Bekanntschaften und Verbindungen in einer höheren Sphäre der Gesellschaft anzuknüpfen, als in der sie sich gewöhnlich selbst bewegten; es war daher eine unausbleibliche Folge dieses Hanges und ihrer gänzlichen Unbekanntschaft mit der Welt außerhalb ihres beschränkten Kreises, daß Jeder, der sich nur mit einigem Scheine einer Bekanntschaft mit Leuten von Rang und Titel zu rühmen wußte, dadurch einen Freipaß für die gastliche Tafel zu Oak-Lodge in Camberwell hatte.

Herrn Horatio Sparkins' Auftreten in der Assemblee hatte die Neugierde und die Bewunderung der regelmäßigen Theilnehmer nicht wenig rege gemacht. Wer mochte er wohl sein? Er war augenscheinlich verschlossen und anscheinend melancholisch. War er ein Geistlicher? Er tanzte zu gut. Ein Rechtsgelehrter? Man hatte noch nie etwas von ihm gehört. Er bediente sich sehr gewählter Ausdrücke und sprach ziemlich viel. War er vielleicht ein Ausländer von Distinktion, welcher in der Absicht nach England gekommen war, die Sitten und Gebräuche des Landes zu schildern, und City-Bälle und öffentliche Gastmahle deßhalb besuchte, um sich mit dem Leben und Treiben der großen Welt, deren glatter Etiquette und dem englischen Raffinement bekannt zu machen? – Aber man merkte ihm keinen fremden Accent an. War er Arzt, Mitarbeiter an Journalen, schrieb er fashionable Novellen oder war er Künstler? – Allen diesen Vermuthungen stand irgend ein gewichtiger Einwurf entgegen. Jedermann sagte: »Er muß aber doch Etwas sein.« – Das glaube ich auch, dachte Herr Malderton bei sich selbst, »denn er fühlt unsere Superiorität und erweist uns so viele Aufmerksamkeit.«

An dem Abende nach der mitgetheilten Familienunterredung war »Assemblee«. Die »Doppelfly« war präcis auf neun Uhr bestellt. Die Miß Maldertons zogen ihre himmelblauen, mit künstlichen Blumen besetzten Atlaskleider an, und Frau Malderton (eine kleine korpulente Frau) in ditto mit ditto, sah aus, wie ihre älteste Tochter, mit Zwei multiplicirt. Herr Frederick Malderton, der älteste Sohn, war in vollem Ballanzuge, das vollständige beau ideal eines Kellners im Wichs, und Herr Thomas Malderton, der jüngste, glich in seinen weißen Beinkleidern, blauem Rocke mit hellen Knöpfen und seinem rothen Uhrbande, aufs Haar dem Bildnisse jenes interessanten, obgleich etwas raschen jungen Gentlemans, Georg Barnwell.

Sämmtliche Mitglieder der Familie waren darauf gespannt, die Bekanntschaft mit Herrn Horatio Sparkins zu kultiviren. Miß Teresa nahm sich natürlich vor, so liebenswürdig und interessant zu erscheinen, als Damen von achtundzwanzig Jahren, welche die Absicht haben, einen Mann zu angeln, stets sind. Frau Malderton probirte im Voraus das zuckersüßeste Lächeln und den Honigseim ihrer Freundlichkeit; Miß Marianne gedachte, um ein paar Verse in ihr Album zu bitten; Herr Malderton hatte vor, sich dem großen Unbekannten durch eine Einladung zum Diner als Gönner zu erweisen, und Tom beabsichtigte, den Umfang seines Wissens in Bezug auf Schnupftabak und Cigarren zu sondiren.

Sogar Herr Frederick Malderton selbst – die Familien-Autorität in Allem, was Geschmack, Kleidung und fashionable Arrangements betraf – der eine eigene Wohnung in »West-End« und freien Zutritt im Covent-Garten-Theater hatte, sich stets genau nach der Mode des Monats kleidete, während der Saison zweimal wöchentlich eine Wasserpartie machte und sich in Wirklichkeit der vertrauten Freundschaft eines Mannes rühmen konnte, der einst mit einem Gentleman bekannt war, welcher vormals bei Albany gewohnt hatte – sogar er war mit sich im Reinen, daß Herr Horatio Sparkins ein verteufelt guter Bursche wäre, dem er die Ehre erweisen wollte, mit ihm eine Partie Billard zu spielen.

Das Erste, was den sehnsüchtigen Blicken der erwartungsvollen Familie bei ihrem Eintritte in den Ballsaal begegnete, war der interessante Horatio. Er hatte sich die Haare von der Stirne aufwärts gestrichen und lehnte mit schmachtend nach der Decke gerichteten Blicken an einem Pfeiler.

»Da ist er, lieber Mann,« flüsterte Frau Malderton ihrem Gemahle zu.

»Wie er Lord Byron so ähnlich sieht!« murmelte Miß Teresa.

»Oder Montgomery,« flüsterte Marianne.

»Oder den Portraits des Kapitän Roß!« fiel Tom ein.

»Tom – sei kein Esel,« sagte sein Vater, der ihn bei allen Gelegenheiten abfahren ließ, ohne Zweifel, um zu verhindern, daß er »spitzig« würde, was – beiläufig gesagt – nicht sehr wahrscheinlich war. –

Der fashionable Sparkins verweilte mit bewundernswürdigem Effekte in seiner Attitüde, bis die Familie Malderton in seine Nähe kam, fuhr dann mit höchst natürlich nachgemachter freudiger Ueberraschung empor, redete Frau Malderton mit der größten Herzlichkeit an, grüßte die jungen Damen auf die bezauberndste Weise, verbeugte sich auf das Ehrerbietigste vor Herrn Malderton, schüttelte ihm mit einem an Verehrung grenzenden Respekte die Hand und erwiederte die Grüße der beiden jungen Herren mit halb geschmeichelter und halber Gönnermiene, was diese vollends überzeugte, daß er ein nicht unbedeutender, sondern zugleich ein höchst herablassender Mann sei.

»Miß Malderton,« sagte Horatio nach den gewöhnlichen Begrüßungen mit einer sehr tiefen Verbeugung, »darf ich mir wohl schmeicheln, die Hoffnung hegen zu dürfen, daß Sie mir gestatten werden, das Vergnügen zu haben – –«

»Ich glaube nicht, daß ich schon engagirt bin,« sagte Miß Teresa, die schrecklichste Gleichgültigkeit affektirend – »aber, – wirklich – so viele – –«

Horatio sah allerliebst unglücklich aus, wie ein Hamlet, welcher auf einer Orangenschale ausgleitet.

»Es wird mir sehr viel Vergnügen gewähren,« flüsterte die interessante Teresa endlich, und Horatio's Antlitz begann wieder zu glänzen, wie ein alter Hut, wenn er in dem Regen kommt.

»Wahrhaftig, ein sehr artiger junger Mann,« sagte der geschmeichelte Herr Malderton, als der diensteifrige Sparkins sich mit seiner Tänzerin der Quadrille anschloß.

»Er hat merkwürdig viel Manier,« bemerkte Herr Frederick.

»Wahrhaftig, er ist ein Staatskerl,« fiel Tom ein, der stets auch seinen Senf dazu geben wollte – »er hat ein Mundwerk ganz wie ein Auktionator.«

»Tom!« sagte sein Vater feierlich, »ich glaube dir vorhin schon gesagt zu haben, du sollst kein Dummkopf sein.« – Tom sah so vergnügt aus, wie ein Hahn an einem Regenmorgen.

»Wie herrlich!« sagte der interessante Horatio zu seiner Dame, als er mit ihr nach beendigter Tour im Saale auf- und abging; »wie herrlich, wie erhaben ist es, sich den wolkenumhüllten Stürmen des wechselvollen unruhigen Lebens, wäre es auch nur für wenige kurze, schnell dahin fliegende Augenblicke, entziehen zu können; und diese Augenblicke – verflüchtigen sie sich auch noch so geschwind, verwelken sie noch so rasch – in der lieblichen, himmlischen Nähe eines Wesens verweilen zu dürfen, dessen einziger zürnender Blick augenblicklichen Tod bringen, dessen Kälte wahnsinnig machen, dessen Falschheit zeitliches und ewiges Glück untergraben, dessen Treue unendliche Seligkeit gewähren würde! Der Mensch, welcher sich dessen Neigung zu versichern wüßte, könnte wohl mit Recht von sich sagen, daß ihm der Himmel den glänzendsten, herrlichsten Lohn gewährt habe, mit welchem er je einen Mann beglücken kann.«

»Welch' tiefes Gefühl! Welch' zarte Empfindsamkeit!« dachte Miß Teresa und schmiegte sich fester an ihres Begleiters Arm.

»Doch genug – genug,« fuhr der elegante Sparkins mit theatralischem Air fort. »Was habe ich gesagt! Was habe ich – ich – mit dergleichen Gefühlen zu schaffen? Miß Malderton,« hier hielt er inne; »darf ich hoffen, daß Sie mir gestatten werden, Ihnen als eine schwache Huldigung –«

»Wirklich, Herr Sparkins,« unterbrach ihn die entzückte Teresa und erröthete in süßester Verwirrung, – »ich muß Sie an meinen Vater verweisen. Ohne seine Zustimmung darf ich es durchaus nicht wagen, zu – zu –«

»Er wird sicher nichts dagegen haben.«

»Ach ja, Sie kennen ihn nicht,« fiel Miß Teresa ein, die zwar wohl wußte, daß nichts zu fürchten war, aber der Sache doch einen möglichst romantischen Anstrich zu geben wünschte.

»Er kann doch wahrhaftig nichts dagegen haben,« fuhr der anbetungswürdige Sparkins nicht ohne Erstaunen fort, »wenn ich ihnen ein Glas Glühwein anbiete.«

»Ist das Alles?« sagte die in ihrer Hoffnung getäuschte Teresa zu sich selbst. – »Da hätte er nicht so viel Wesens zu machen gebraucht!«

»Es wird mir zum größten Vergnügen gereichen, Sir, Sie am nächsten Sonntage um fünf Uhr in Oak-Lodge, Camberwell, zum Diner bei mir zu sehen, sofern Sie nicht schon vielleicht angenehmer versagt sind,« sagte Herr Malderton, als er und seine Söhne sich am Schlusse des Abends mit Herrn Horatio Sparkins noch unterhielten.

Horatio verbeugte sich verbindlichst und nahm die schmeichelhafte Einladung mit Dank an.

»Ich muß gestehen,« fuhr der manövrirende Vater fort und offerirte seinem neuen Bekannten eine Prise, »daß mir diese Assembleen nicht halb so viel Vergnügen machen, als der Comfort – ich hätte bald gesagt der Luxus – von Oak-Lodge; sie haben für ältere Leute nicht mehr viel Anziehendes.«

»Und zudem, Sir, was ist der Mensch überhaupt?« sagte der metaphysische Sparkins – »ich frage, was ist der Mensch?«

»Sehr richtig,« sagte Herr Malderton – »sehr richtig.«

»Wir wissen, daß wir leben und athmen,« fuhr Horatio fort; »daß wir bedürfen und wünschen, verlangen und begehren –«

»Gewiß,« sagte Herr Frederick Malderton mit äußerst tiefsinniger Miene.

»Ich wollte sagen, wir wissen, daß wir existiren,« wiederholte Horatio mit erhobener Stimme, »aber da halten wir; da ist unser Wissen zu Ende, da stehen wir an dem Grenzstein unserer Kenntnisse, da sind wir an den äußersten Marken des Endpunktes unserer Bestrebungen angelangt. Was wissen wir weiter?«

»Nichts,« erwiederte Frederick – und in der That konnte auch Niemand mit größerem Rechte die Beantwortung dieser Frage für sich in Anspruch nehmen. Tom wollte eben auch ansetzen, allein zum Glücke für seinen Ruf begegnete er dem zornigen Auge seines Vaters und schlich davon, wie ein junger Hund, welcher auf einer Dieberei ertappt worden ist.

»Auf Ehre,« sagte Herr Malderton, der Vater, als die Familie in ihrer Fly heimkehrte, »dieser Herr Sparkins ist doch ein bewundernswürdiger junger Mann. Was für erstaunliche Kenntnisse! wie außerordentlich gelehrt und wie er Alles so schön zu sagen weiß!«

»Ich glaube zuversichtlich, daß er eine bedeutende Person incognito ist,« sagte Miß Marianne. »Wie bezaubernd romantisch.«

»Er spricht sehr laut und hübsch,« bemerkte Tom schüchtern, »aber ich verstehe eigentlich nicht genau, was er meint.«

»Ich fange fast an, daran zu verzweifeln. Tom, daß du je irgend Etwas verstehen wirst,« sagte sein Vater, der natürlich durch Herrn Sparkins Unterhaltung nicht wenig erbaut und erleuchtet worden war. –

»Es schmerzt mich, Tom, daß du dich heute Abend so lächerlich gemacht hast,« sagte Miß Teresa.

»Das ist nur zu wahr,« schrie Alles zusammen – und der unglückliche Tom zog sich in seinem Winkel wie eine Schnecke zusammen.

Herr und Frau Malderton besprachen nach ihrer Heimkehr noch lange die Aussichten ihrer Tochter und die für ihre Zukunft zu treffenden Einrichtungen. Miß Teresa ging zu Bette und überlegte, ob es sich wohl, falls sie einen Titel erheirathete, für sie schicken würde, die Besuche ihrer jetzigen Freundinnen noch anzunehmen, und träumte die ganze Nacht von Nichts als verkleideten Kavalieren, prachtvollen Routs, Straußenfedern, Brautgeschenken und von Horatio Sparkins.

Am Sonntag Morgen ward mancherlei darüber hin und her gesprochen, auf welche Weise der sehnsüchtig erwartete Horatio wohl erscheinen würde. Wird er in einem Gig kommen – oder vielleicht kommt er zu Pferde – oder wird er sich herablassen, eine Miethkutsche zu nehmen? Diese und ähnliche Fragen von gleicher Wichtigkeit beschäftigten Frau Malderton und ihre Tochter während des ganzen Vormittags.

»Auf Ehre, liebe Frau,« sagte Herr Malderton, »es ist mir höchst widerwärtig, daß dein Bruder mit seinen ordinären Manieren sich gerade heute bei uns eingeladen hat. In Betracht, daß Herr Sparkins kommt, habe ich absichtlich Niemanden außer Flamwell eingeladen, – und wenn mir dann dein Bruder einfällt – ein Gewürzkrämer – 's ist unausstehlich. Es ist mein bitterer Ernst, nicht um tausend Pfund möchte ich mit anhören, wenn er vor unserem neuen Bekannten von seinem Laden spräche. Ich wollte nichts darüber sagen, wenn er nur so viel Takt hätte, es nicht merken zu lassen, welche Schande er der Familie bringt; aber er ist so verwünscht für sein abscheuliches Geschäft eingenommen, daß er die Leute mit Gewalt wissen lassen will, wer und was er ist.«

Herr Jakob Barton, die Person, von welcher sie sprachen, war ein wohlhabender Spezereihändler, aber so gemein und so ohne allen Zartsinn, daß er nicht einmal Anstand nahm, zu bekennen, wie er sich seines Geschäftes gar nicht schäme: »Ich habe mein Geld dadurch erworben,« pflegte er zu sagen, »und kann nicht einsehen, warum dieß die Leute nicht wissen sollten.«

»Ah, Flamwell; mein werthester Freund, wie geht's Ihnen?« rief Herr Malderton einem so eben eintretenden kleinen hagern Mann mit grüner Brille entgegen. »Sie haben mein Billet doch erhalten?«

»Ja wohl, ja wohl; und bin so frei, von Ihrer Einladung Gebrauch zu machen.«

»Kennen Sie vielleicht einen Herrn Sparkins, wenigstens dem Namen nach? Sie kennen ja sonst alle Welt.«

Herr Flamwell gehörte zu den Leuten von unglaublich ausgebreiteter Bekanntschaft, wie man sie zuweilen in Gesellschaft trifft, die Jedermann zu kennen vorgeben, natürlich aber Niemand kennen. Bei Malderton's, wo jede Nachricht von Leuten aus den höheren Ständen begierig verschlungen wurde, stand er in hoher Gunst, und da er seine Leute kannte, so pflegte er bei ihnen sein Steckenpferd, mit der ganzen Welt bekannt sein zu wollen, nach Herzenslust springen zu lassen. Er hatte eine besondere Manier, seine größten Lügen nur so nebenbei und mit der Miene bescheidener Selbstverleugnung einfließen zu lassen, als ob er fürchtete, man könnte es ihm für Anmaßung auslegen.

»Wen? nein, unter diesem Namen kenne ich ihn nicht;« erwiederte Flamwell mit gedämpfter Stimme und höchst wichtiger Miene. »Ich zweifle übrigens nicht, daß ich ihn doch kenne. Ist er groß?«

»Von mittlerer Statur.« sagte Miß Teresa.

»Schwarzes Haar?« fuhr Flamwell fort, eine dreiste Frage auf den Zufall hin wagend.

»Ja,« erwiederte Miß Teresa eifrig.

»So eine Art von Stumpfnase?«

»Ach, nein,« sagte die getäuschte Teresa, »er hat eine römische Nase.«

»Ganz recht eine römische Nase – sagt' ich nicht so?« fuhr Flamwell fort. »Er ist ein eleganter junger Mann?«

»O, gewiß.«

»Von äußerst einnehmenden Manieren?«

»Ach, ja!« sagte die ganze Familie wie aus Einem Munde. »Sie müssen ihn kennen.«

»Ja, ich dachte mir's wohl, daß Sie ihn kennen würden, wenn er Etwas ist,« rief Herr Malderton triumphirend aus. »Für was halten Sie ihn denn?«

»Für was? Ihrer Beschreibung nach,« sagte Flamwell sinnend und ließ seine Stimme fast zum Geflüster herabsinken, »hat er eine große Ähnlichkeit mit dem sehr ehrenwerthen Augustus Fitz-Edward Fitz-John Fitz-Osborne. Er ist ein sehr talentvoller junger Mann und ein wenig excentrisch. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er seinen Namen aus irgend einer Absicht für den Augenblick geändert hat.«

Teresa pochte das Herz gewaltig. Wenn er in der That der sehr ehrenwerthe Augustus Fitz-Edward Fitz-John Fitz-Osborne wäre? Was für ein Name, auf zwei glasirten Verlobungskarten elegant gestochen und mit weißem Atlasband verbunden. »Die sehr ehrenwerthe Frau: Augustus Fitz-Edward Fitz-John Fitz-Osborne!« Es war ein entzückender Gedanke.

»Schon fünf Minuten auf fünf Uhr,« sagte Herr Malderton, auf seine Uhr sehend; »ich hoffe, er wird uns nicht vergeblich warten lassen.«

»Da ist er!« rief Miß Teresa aus, als man laute Doppelschläge an der Thüre hörte. Alle bemühten sich – wie die Leute häufig zu thun pflegen, wenn sie Jemand begierig erwarten – so auszusehen, als wenn ihnen seine Nähe vollkommen unbekannt wäre.

Die Thüre ging auf. – »Herr Barton!« rief der Bediente.

»Ich wollte, der wäre wo sein Pfeffer wächst!« murmelte Malderton. »Ah! Mein werther Schwager, wie geht's? Was gibt es Neues?«

»Nichts Besonderes,« erwiederte der Spezereihändler, mit seiner gewöhnlichen, biedern, geraden Manier, »nichts Besonderes. Nichts das mir interessant wäre. – Was machen Ihr Buben und Mädels? Herr Flamwell, Sir – erfreut Sie zu sehen.«

»Da kommt Herr Sparkins,« sagte Tom, der bisher durch das Fenster geschaut hatte, »auf einen prächtigen Rappen!«

In der That, es war Horatio, daran war kein Zweifel, er sprengte auf seinem großen Rappen daher, den er Courbettiren ließ, gleich dem besten Supernumerär bei Astley's. Nachdem er das Pferd noch eine Zeitlang herumgetummelt, ihm bald den Zügel hatte schießen lassen, bald straff anzog, was dann von dem gewöhnlichen Schnauben, Aufsteigen und Hintausschlagen begleitet war, hielt er endlich, ungefähr hundert Schritte von dem Thore, stieg ab, und übergab das Thier Herrn Malderton's Stallbedienten. Die Ceremonie der Vorstellung wurde in aller gehöriger Form vorgenommen. Herr Flamwell musterte Horatio durch seine grüne Brille mit geheimnißvoll-wichtiger Miene, und der galante Horatio konnte nicht unterlassen, Miß Teresa, die sich ihrer Seits alle Mühe gab, ungewöhnlich schmachtend auszusehen, unaussprechliche Dinge verkündende Blicke zuzuwerfen.

»Ist's der sehr ehrenwertste Herr Augustus – wie sagten Sie vorhin?« zischelte Frau Malderton Flamwell zu, der sie nach dem Speisezimmer führte.

»Hm – nein – wenigstens nicht so ganz eigentlich,« erwiderte die große Autorität – »nicht – eigentlich.«

»Aber wer ist er denn?«

»S-s-st!« sagte Flamwell mit bedeutsamem Kopfnicken, was andeuten sollte, daß er ihn sehr wohl kenne, aber besondere Gründe habe, das wichtige Geheimniß bei sich zu behalten. Vielleicht war er ein Minister, welcher die Volksstimmungen sondiren wollte.

»Herr Sparkins,« sagte die glückliche Frau Malderton, »bitte, setzen Sie sich zwischen die Damen. John stelle einen Stuhl für den Herrn zwischen Miß Teresa und Miß Marianne.«

Dieser Befehl war an einen Mann gerichtet, welcher gewöhnlich halb als Stallknecht, halb als Gärtner funktionirte, aber an diesem Tage, wo es sehr darauf ankam, Herrn Sparkins eine große Meinung beizubringen, in eine weiße Halsbinde und Schuhe gesteckt, und zu einem Lakaien aufgeputzt worden war. Das Diner war excellent; Horatio war gegen Miß Teresa die Aufmerksamkeit selbst, und Alles war in der heitersten Laune, ausgenommen Herr Malderton, welcher die Lieblingsweise seines Schwagers zu gut kannte, um nicht beständig in jener Angst zu schweben, welche, wie uns die Zeitungsblätter schildern, die ganze Nachbarschaft ergreift, wenn sich ein Briefträgerjunge auf einem Heuboden aufhängt, und die man sich viel leichter einbilden, als beschreiben kann.

»Haben Sie unsern Freund, Sir Thomas Roland, kürzlich gesehen, Flamwell?« fragte Herr Malderton, mit einem Seitenblicke auf Horatio, um zu beobachten, welche Wirkung die Erwähnung eines so bedeutenden Mannes bei ihm hervorbrächte.

»Hm – nein in der Kürze nicht; Lord Gubbleton habe ich aber vorgestern gesprochen.«

»Ich hoffe, Seine Herrlichkeit befindet sich doch ganz wohl,« sagte Malderton, im Tone der lebhaftesten Theilnahme. Es wird kaum nöthig sein, zu sagen, daß er bis diesen Augenblick gar nicht gewußt hatte, daß es einen solchen Mann in der Welt gebe.

»O, ja, er war sehr wohl – in der That sehr wohl. Es ist ein verteufelt guter Kerl; ich begegnete ihm in der City und plauderte lange mit ihm. Wir stehen ganz intim. Ich konnte mich indeß leider nicht so lange bei ihm verweilen, als ich gewünscht hätte, denn ich war gerade auf dem Wege zu einem Banquier, einem sehr reichen Manne und Parlamentsmitgliede, mit dem ich ebenfalls auf einem ziemlich – ich darf wohl sagen – sehr vertrauten Fuße stehe.«

»Ach, ich weiß schon wen Sie meinen,« entgegnete der Wirth, wußte aber natürlich eben so wenig von ihm, als Flamwell selbst.

»Er hat ein Kapitalgeschäft.«

Damit war übrigens ein höchst gefährlicher Punkt berührt.

»Apropos von Geschäften, Malderton,« warf Herr Barton dazwischen, der in der Mitte der Tafel saß. »Da ist auch vor ein paar Tagen ein Gentleman, welchen Sie sehr genau gekannt haben, ehe Sie ihre erste glückliche Spekulation machten, in meinen Laden gekommen und hat nach Ihnen –«

»Barton, darf ich Sie damit belästigen, mir die Kartoffeln zu geben,« unterbrach ihn der erstarrte Hausherr, in der Hoffnung, die Geschichte in der Geburt zu ersticken.

»Von Herzen gern,« erwiederte der Gewürzkrämer, welcher aber keine Ahnung von der Absicht seines Schwagers hatte – »äußerst freundschaftlich gefragt.« –

»Ist Ihnen vielleicht etwas Blumenkohl gefällig,« unterbrach ihn Malderton zum zweiten Male, da er die Fortsetzung um jeden Preis vermeiden wollte, vorzüglich aber die Wiederholung des Wörtchens »Laden« fürchtete.

»Er sagte also, wie gesagt,« fuhr der Abscheuliche fort, während er die Kartoffeln herüberreichte, »wie gehen ihre Geschäfte?« sagte er; da sagte ich im Spasse – »Sie kennen ja meine Art – sag' ich, ich schäme mich nie meines Geschäftes und hoffe mein Geschäft wird sich auch nie an mir schämen. Ha, ha, ha!«

»Herr Sparkins,« sagte der Wirth, der sich vergebens Mühe gab, seinen Verdruß zu verbergen, »ein Glas Wein?«

»Mit dem größten Vergnügen, Sir.«

»Ich bin sehr erfreut Sie bei uns zu sehen.«

»Sie sind sehr gütig.«

»Wir sprachen neulich Abends,« fuhr der Wirth gegen Horatio fort, theils in der Absicht, mit der Unterhaltungs-Gabe seines neuen Bekannten zu prunken, theils in der Hoffnung, die Krämers Geschichten damit niederzuschlagen, »wir sprachen neulich über die menschliche Natur. Ihre Ansicht hat mich sehr angesprochen?«

»Mich nicht minder,« fiel Herr Frederick ein; und Horatio dankte durch ein verbindliches Kopfnicken.

»Aber ich bitte Sie, Herr Sparkins – was ist denn ihre Ansicht über die Frauen?« fragte Herr Malderton.

Die jungen Damen lächelten verschämt geziert.

»Der Mann,« erwiederte Horatio, »bewohne er die prächtigen, herrlichen, lieblichblühenden Gefilde eines zweiten Eden, oder die rauheren, unfruchtbaren, fast möchte ich sagen alltäglich gemeinen Regionen, mit denen wir uns in der Zeit, in der wir leben, zu begnügen genöthigt sind, so wird der Mann, sage ich, unter allen Umständen und an allen Orten – möge unter den rauhen Stürmen des kalten Nordens sein Blut zu Eis erstarren, oder mögen ihm die glühenden Strahlen der Südpolsonne das Hirn versengen – der Mann wird ohne die Frauen stets – allein sein.«

»Ich bin ausnehmend glücklich, zu finden, Herr Sparkins, daß Sie so ehrenwerthe Ansichten hegen,« bemerkte Frau Malderton.

»Und ich,« fügte Miß Teresa hinzu. Horatio warf ihr einen Blick voll süßer Wonne zu und die junge Dame erröthete gleich einer aufgeplatzten Päonie.

»Nun meine ich aber – –« begann Herr Barton – –

»Ich weiß, was Sie sagen wollen,« unterbrach ihn Herr Malderton, entschlossen, seinen Schwager unter keinen Umständen wieder zum Worte kommen zu lassen, »und bin mit Ihnen keineswegs einverstanden.«

»Wie so?« fragte der Gewürzkrämer ganz erstaunt.

»Es thut mir leid, daß unsere Ansichten so verschieden sind, Barton,« sagte der Wirth so bestimmt, als wenn der Krämer wirklich eine Ansicht aufgestellt hätte, welche er zu bekämpfen sich anschickte; – »allein ich kann nun einmal unter keinen Umständen einer Behauptung beitreten, welche sich für entschieden unrichtig halten muß.«

»Ich wollte ja aber nur sagen –«

»Sie können mich nie überzeugen,« sagte Malderton und gab sich das Ansehen der hartnäckigsten Bestimmtheit. »Nie, nie.«

»Und ich,« fiel Herr Frederick ein, um sich gleich dem Vater in das Kampfgewühl zu stürzen, »ich kann Herrn Sparkins Ansicht nicht ganz beipflichten.«

»Wie?« rief Horatio aus, der immer metaphysischer wurde und sich seine Ansichten um so weniger bestreiten lassen wollte, als er gewahrte, daß die Damen mit staunendem Entzücken auf ihn lauschten. »Wie! ist die Wirkung eine Folge von der Ursache, oder geht die Ursache der Wirkung voran?«

»Das ist es gerade, worauf es ankommt;« fiel Flamwell beistimmend ein.

»Allerdings,« sagte Herr Malderton.

»Wenn nun die Wirkung die Folge der Ursache ist und die Ursache der Wirkung vorangeht, so möchte ich behaupten, daß Sie entschieden Unrecht haben,« fuhr Horatio fort.

»Entschieden,« bekräftigte Flamwell und drückte ein Stück Fisch hinunter.

»Wenigstens glaube ich behaupten zu dürfen, daß dieß eine logische Begründung meines aufgestellten Satzes sei,« sagte Sparkins in fragendem Tone.

»Ohne allen Zweifel,« stimmte Flamwell abermals bei. »Sie haben Ihren Satz ganz sonnenklar bewiesen.«

»Mag sein,« sagte Frederick, »ich habe es vorhin nur nicht recht begriffen.«

»Und ich begreife es noch nicht,« dachte der Specereihändler; »doch sie werden es wohl am besten wissen und mir ist Alles recht.«

»Aber was das für ein wundervoll gescheidter Mann ist;« flüsterte Frau Malderton ihren Töchtern zu, als sie sich in's Nebenzimmer zurückzogen.

»O, es ist ein völliger Liebesgott,« sagten die beiden jungen Damen zugleich; »er spricht wie ein zweiter Pelham. Er muß das Leben genau kennen gelernt haben.«

Als die Herren sich selbst überlassen waren, entstand eine kleine Pause, während welcher Alle sehr ernst aussahen, als wenn sie von dem wichtigen Gegenstande des vorangegangenen Gespräches ganz überwältigt wären. Flamwell, der sich vorgenommen hatte, dem Herrn Horatio Sparkins auf den Zahn zu fühlen, wer und was er eigentlich sei, brach zuerst das Stillschweigen.

»Sie entschuldigen, Sir,« begann dieses ausgezeichnete Individuum – »ich vermuthe, Sie haben wohl die Rechte studirt? Ich wollte mich einst selbst diesem Stande widmen – und noch jetzt stehe ich wenigstens mit mehreren der Hauptzierden dieses vortrefflichen Standes auf dem vertrautesten Fuße.«

»Nein – nein!« sagte Horatio mit einigem Zögern; »so eigentlich nicht.«

»Aber Sie müssen sich doch sehr viel unter den seidenen Roben aufgehalten haben, oder ich müßte mich sehr irren?«

»Fast mein ganzes Leben hindurch,« erwiederte Sparkins.

Herr Flamwell glaubte nun ganz mit sich im Reinen zu sein. – Es war ein junger angehender Sachwalter.

»Ich möchte nicht Advokat sein,« sagte Tom, der jetzt zum erstenmale den Mund öffnete, und sah sich rings am Tische um, ob er Jemand finden könne, der seine Bemerkung beachtete. Aber Niemand erwiederte etwas darauf.

»Ich möchte keine Perücke tragen,« wagte Tom eine zweite Bemerkung.

»Tom, mache dich doch nicht so lächerlich,« sagte sein Vater. »Sei so gut und höre auf das, was gesprochen wird, und suche dich dadurch zu unterrichten; die ewigen abgeschmackten Anmerkungen laß aber unter Wegs.«

»Sehr wohl, Vater,« erwiederte der unglückliche Tom, der noch kein Wort gesprochen hatte, seitdem er um ein Stück Rindfleisch gebeten; dieß war ein Viertel nach fünf und jetzt war es acht Uhr.

»Ja, ja, Tom,« bemerkte der gutmüthige Onkel, »laß dich das nicht anfechten, ich halte es mit dir; – möchte auch keine Perücke tragen, ich trage lieber eine Schürze.«

Herr Malderton hustete überlaut, Herr Barton aber fuhr fort: – »Denn wenn sich Einer seines Geschäftes schämt –« Der Husten kehrte mit zehnfacher Heftigkeit zurück und hörte nicht eher wieder auf, bis dessen unglückseliger Veranlasser in seiner Bestürzung gänzlich vergaß, was er eigentlich hatte sagen wollen.

»Herr Sparkins,« sagte nun Flamwell, und nahm seine Forschungen wieder auf, »kennen Sie vielleicht Herrn Delafontaine von Bedford-Square?«

»Ich habe Karten mit ihm getauscht und seitdem hatte ich manchmal Gelegenheit, ihm wesentliche Dienste zu leisten,« erwiederte Horatio leicht erröthend, ohne Zweifel darüber, daß er seine Bekanntschaft verrathen hatte.

»Sie sind sehr zu beneiden, wenn Sie Gelegenheit gehabt haben, sich diesen hochstehenden Mann zu verpflichten,« bemerkte Flamwell mit der Miene tiefen Respektes.

»Ich weiß in der That nicht, wer er ist,« gestand Flamwell Herrn Malderton im Vertrauen, als sie Horatio in das Damen-Zimmer nachfolgten; – »dem Rechtsgelehrtenstande gehört er aber ohne alle Frage an und ist ein Mann von großer Bedeutung, der vornehme Verbindungen hat.«

»Ohne Zweifel, ohne allen Zweifel,« erwiederte sein Begleiter.

Der Rest des Abends verging äußerst angenehm. Herrn Malderton fiel ein Stein vom Herzen, als er sah, daß Herr Barton fest schlief, und wurde deßhalb so gesprächig und liebenswürdig, als nur immer möglich. Miß Teresa spielte »den Fall von Paris,« wie Herr Sparkins versicherte, vollkommen meisterhaft, und beide sangen unter Herrn Fredericks Mitwirkung Trio's und alle möglichen munteren Lieder, nachdem sie die erfreuliche Entdeckung gemacht, daß ihre Stimmen wundervoll harmonirten.

Freilich sangen alle drei die erste Stimme, und außer dem kleinen Umstande, daß Horatio gar kein Gehör hatte, kannte er auch nicht eine einzige Note; demungeachtet verging ihnen aber die Zeit höchst angenehm und es war schon zwölf Uhr vorüber, als Herr Sparkins seinen – einem Trauerwagenpferde ähnlichen – Renner vorführen ließ, wozu er jedoch nicht eher die Erlaubniß erhielt, als bis er die bestimmteste Zusage gemacht hatte, seinen Besuch am folgenden Sonntage wiederholen zu wollen.

»Vielleicht entschließt sich aber Herr Sparkins, uns morgen Abend Gesellschaft zu leisten?« fragte Frau Malderton. »Herr Malderton gedenkt die Mädchen in's Theater zu führen, um St. George und den Drachen zu sehen –«

Herr Sparkins verbeugte sich und versprach, die Gesellschaft im Laufe des Abends in der Loge Nr. 48 aufzusuchen.

»Den Vormittag wollen wir Ihnen nicht rauben,« sagte Miß Teresa in zauberischem Schmeicheltone; »Mama will mit uns in allerlei Läden gehen, um Einiges einzukaufen, und ich weiß, welch' großen Abscheu die Herren vor solchen Orten hegen.«

Herr Sparkins verbeugte sich wiederholt und versicherte, es würde ihm das größte Vergnügen machen, sie zu begleiten, aber wichtige Geschäfte nähmen ihn für den Morgen in Anspruch.

Flamwell warf Malderton bedeutungsvolle Blicke zu. – »Er wird einen Termin haben,« flüsterte er.

Den andern Vormittag um zwölf Uhr stand das Fly vor der Hausthüre von Oak-Lodge, um Frau Malderton und ihre Töchter zu ihrer beabsichtigten Putzladen-Expedition aufzunehmen. Sie wollten bei einer Freundin zu Mittag essen und sich bei ihr auch zum Theater ankleiden. Daher fuhren sie zuerst mit ihren Band- und Haubenschachteln dorthin und setzten dann ihren Ausflug weiter fort, um Einkäufe bei den Herren Jonas, Spruggins und Smiths in Tottenham-Court-Street, dann bei Redmaynes in Bond-Street und an unzähligen anderen Orten zu machen, von denen noch nie ein Mensch etwas gehört hat. Die jungen Damen vertrieben sich während der Fahrt die Langeweile damit, daß sie sich in Horatio Sparkin's Lob ergoßen und mit Mama zankten, daß diese so weit herumführe, um einen Shilling zu ersparen, man meine ja, es gehe an das Ende der Welt. Endlich hielt die Equipage vor einem nicht sehr elegant aussehenden, mit verschiedenen Aushängeschildern versehenen Laden eines gewöhnlichen Putzhändlers, an dessen Fenster ein buntes Gemisch von Waaren aller Art ausgestellt war, an welchen die Preise mit dickbauchigen, wassersüchtigen Zahlen von sieben Shillingen bis zu den kleinsten von drei Farthing in der Ecke angeschrieben standen, die so klein waren, wie die winzigsten Wasserthierchen, welche man durch das Gas-Mikroskop sieht und welche »dem bloßen Auge vollkommen unsichtbar sind;« dreimalhundert und fünfzigtausend Damen-Boa's von einem Shilling und anderthalb Pencen an, ächte französische Saffianschuhe zu zwei Shillingen und neun Pencen; grüne Sonnenschirme mit Handgriffen gleich Tranchirgabeln, um gleiche Spottpreise, und »alle Arten von Handelsartikeln,« wie die Verkäufer sagten – und die mußten es doch am besten wissen – »fünfzig Procent unter dem Ankaufspreise.« –

»Gott! Mama! wo haben Sie uns hingeführt!« sagte Miß Teresa. »Was würde Herr Sparkins sagen, wenn er uns an diesem schauderhaften Orte sähe!«

»Ja wahrhaftig!« rief Miß Marianne, und schauderte nur bei dem Gedanken daran.

»Darf ich bitten Platz zu nehmen, meine Damen. Mit was darf ich Ihnen zuerst dienen?« fragte der dienstfertige Ceremonienmeister des Hauses, welcher in seinem weißen Halstuche mit dem steifen Knoten eine entfernte Aehnlichkeit mit einem »schlechten Porträte eines Gentlemans« in der Ausstellung von der Sommerset-House hatte.

»Ich wünschte einige Seidenstoffe zu sehen,« erwiederte Frau Malderton.

»Sogleich, Madame. – Herr Smith! Wo ist Herr Smith?«

»Hier!« rief eine Stimme hinten aus dem Ladenstübchen hervor.

»Machen Sie doch, daß Sie kommen, Herr Smith,« rief ihm sein Principal zu. »Sie sind doch nie da, wenn man Sie braucht.«

So zur möglichsten Eile aufgefordert, voltigirte Herr Smith mit einer Agilität sonder Gleichen über den Ladentisch und stand wie der Blitz vor den eben angekommenen Kunden. Frau Malderton stieß einen Schrei des Schreckens aus; Miß Teresa, die sich gerade zu ihrer Schwester herabgebeugt hatte, um ihr Etwas zu sagen, sah auf und erblickte – Horatio Sparkins!!!

»Ueber die jetzt folgende Scene wollen wir einen Schleier ziehen;« wie die Romanenschreiber sagen –

Der geheimnißvolle, philosophisch-romantisch-metaphysische Sparkins, welcher der interessanten Teresa als das verkörperte Ideal der jungen Herzoge und anderer poetischer Großen im blauen seidenen Schlafrocke nebst ditto Pantoffeln erschienen war, von denen sie gelesen und geträumt, das sie aber zu schauen kaum gehofft hatte, – war plötzlich verwandelt in Herrn Samuel Smith, dem Ladendiener in einem »Spottpreis-Laden«, den jüngsten Theilhaber einer gefährlichen Firma, die ungefähr drei Wochen existirte.

Das würdevolle Verschwinden des Helden von Oak-Lodge nach dieser unerwarteten Enthüllung konnte man mit Nichts eher vergleichen, als mit der Flucht eines diebischen Hundes, welchem man ein ansehnliches Holzscheit in den Schweif geklemmt hat. Alle die süßen Hoffnungen der Familie Malderton sollten nun auf einmal zu Wasser werden, wie das Citronen-Eis bei einem Sommer-Diner; Almacks stand ihnen nun wieder eben so ferne, als der Nordpol, und Miß Teresa hatte nun wieder eben so viele Aussicht auf einen Mann, als Kapitän Roß auf die Entdeckung der Nord-West-Durchfahrt.

Jahre sind seit den Ereignissen dieses schrecklichen Morgens vergangen. Dreimal haben inzwischen die Maßliebchen auf dem Anger von Camberwell geblüht – die Sperlinge dreimal ihr Frühlings-Gezwitscher im Haine von Camberwell wiederholt – aber noch immer sind die Miß Malderton's ohne Männer. Miß Teresa's Lage ist verzweifelter denn je, allein Flamwell steht jetzt im Zenith seines Ansehens, und die Familie hegt fortwährend dieselbe Vorliebe für aristokratische Bekanntschaften, und ihr Abscheu vor allem Gemeinem ist um das Doppelte gestiegen. –


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