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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Herr Minns und sein Vetter.

Herr Augustus Minns war ein Junggeselle und etwa vierzig Jahre alt, wie er sagte – seine Freunde meinten achtundvierzig. Er war stets außerordentlich sauber, pünktlich und niedlich – vielleicht sogar ein Geck, und der zurückgezogenste Mensch von der Welt. Sein brauner Rock hatte nicht die geringste Falte, seine hellen Inexplikables waren stets fleckenlos, sein zierliches Halstuch in den höchst elegantesten Knoten geschlungen und seine Stiefel untadelhaft, auch sah man ihn nie ohne einen braunseidenen Schirm mit Elfenbeinhandgriff. Er war Schreiber in Somersethouse, oder hatte, wie er selbst sagte: »eine verantwortliche Stellung bei der Regierung«. Außer einem eigenen hübschen Vermögen von 10 000 Pfunden in Staatspapieren, hatte er ein schönes Diensteinkommen, welches noch besser werden konnte, und er bewohnte den ersten Stock in Tavistock-Street, Convent-Garden, schon seit zwanzig Jahren. Er lebte mit seinem Hauswirth in ewigen Händeln, und drohte regelmäßig, den ersten Tag im nächsten Quartale ausziehen zu wollen, besann sich aber jedesmal am andern Tage wieder eines Besseren. Vor zwei Dingen in der Welt hatte er den größten und entschiedensten Abscheu – vor Hunden und Kindern. Er war kein Wütherich, allein eine Hundexekution oder ein Kindermord hätte ihm zu jeder Zeit das größte Vergnügen gemacht. Das Thun und Lassen dieser Wesen stand mit seiner Liebe zur Ordnung in zu grellem Gegensatze, und seine Liebe zu dieser war nicht geringer, als die zum Leben. Verwandte hatte Herr Augustus Minns keine, weder in noch bei London, außer seinem Vetter, Herrn Oktavius Budden, von dessen Sohn er Pathe war, welchen er übrigens nie gesehen (denn er konnte den Vater nicht leiden); bei der Taufhandlung hatte er sich vertreten lassen. Herr Oktavius Budden war seines Zeichens ein Kornhändler, hatte sich ein hübsches Vermögen durch dieses Geschäft erworben, und da er eine große Vorliebe für das Landleben hatte, so kaufte er sich ein Haus in der Nähe von Stamfordhill, wohin er sich mit dem Weibe seines Herzens und seinem einzigen Sohne, dem jungen Herrn Alexander Augustus Budden, zurückgezogen hatte. Eines Abends, als Herr und Frau Budden die vielen bewunderungswürdigen Vorzüge ihres Sohnes abhandelten und sich über seine fernere Erziehung besprachen, namentlich, ob die klassischen Sprachen hauptsächlich dabei berücksichtigt werden sollten, machte die Mutter ihrem Gatten die ernstlichsten Vorstellungen darüber, welche große Vortheile es für den Sohn haben könnte, wenn der Vater die Freundschaft des Herrn Minns besser kultivirte, so daß Herr Budden sich endlich vornahm, es solle seine Schuld nicht sein, wenn er und sein Vetter in Zukunft nicht auf dem vertraulichsten Fuße ständen.

»Ich werde das Eis brechen, meine Liebe,« sagte Herr Budden und rührte den Zucker seines Grogglases auf, während er einen Seitenblick auf seine Gattin warf, um zu sehen, welchen Eindruck sein Vorhaben auf sie machen werde – »ich will Minns auf den Sonntag zum Mittagsessen einladen.«

»Dann schreib' aber auch gleich an deinen Vetter, Herr Budden,« entgegnete die Gattin. »Wenn wir ihn nur ein Mal herauskriegen können, wer weiß, ob er nicht von unserem Alexander so bezaubert wird, daß er ihn zu seinem Erben macht? – Alick, mein Kind, geh' doch mit den Füßen vom Stuhle herunter!«

»Ganz Recht,« sagte Herr Budden nachsinnend, »ganz Recht – vollkommen, meine Liebe!«

Am andern Morgen saß Herr Minns bei seinem Frühstücke, schob abwechselnd bald einen Bissen geröstetes Brod in den Mund, bald warf er einen Blick in die Morgenzeitung, welche er stets von dem Titel bis zu dem Namen des verantwortlichen Redakteurs pflichtmäßig durchzulesen pflegte, als er an der Hausthüre klopfen hörte und bald darauf ein Diener eintrat, welcher ihm eine ganz kleine Karte einhändigte, worauf mit ungeheuren Buchstaben zu lesen war: »Herr Oktavius Budden, Amalia Cottage (Frau Budden hieß Amalia), Poplar Walk, Stamfordhill.«

»Budden – was zum Henker führt diesen gemeinen Kerl daher? – Sag', ich schlafe – sag', ich sei ausgegangen und komme nicht wieder – was du willst, nur daß er nicht heraufkommt.«

»Erlauben Sie, aber er kommt ja schon herauf,« entgegnete der Diener.

Die Sache war auch wirklich so, denn man hörte ein Krachen von Stiefeln auf der Treppe und noch ein weiteres trippelndes Geräusch, dessen Grund sich Herr Minns um's Leben nicht zu enträthseln vermochte.

»Hm – so führe den Herrn in – Gottes Namen herein,« sagte der unglückliche Junggeselle. Der Diener geht und Herr Budden kommt – voraus ein großer, zottiger, weißer Hund, mit rothen Augen, langen Ohren und unmerklichem Schwanze.

Nun war das Getrapp auf dem Gange nur zu klar. Herr Augustus Minns glaubte, der Schlag müsse ihn rühren, als er den Hund sah.

»Wie geht es Ihnen, mein lieber Junge?« sagte Budden bei seinem Eintritte.

Er war immer zu schreien gewohnt und sagte Alles wenigstens ein Dutzend Mal.

»Wie geht es Ihnen, mein Vortrefflichster?«

»Wie befinden Sie sich, Herr Budden? – Nehmen Sie doch Platz,« stotterte der geschlagene Minns in seiner Höflichkeit.

»Danke, – danke, – gut; – und wie geht es Ihnen, he?«

»Sehr gut, dank' Ihnen,« sagte Herr Minns und warf einen teuflischen Blick auf den Hund, welcher, die Hinterbeine auf dem Boden und die Vordertatzen auf dem Tische, ein Stück Butterbrot vom Teller geholt hatte und sich nun anschickte, es zu verzehren, – die Butterseite auf dem Fußteppiche.

»Ah, du Schelm!« sagte Budden zu seinem Hunde. »Sie sehen, Herr Minns, er ist gerade ein Kerl wie ich, thut überall, als ob er zu Hause wäre; – he, mein Junge? – Ja – ich bin verdammt warm und tüchtig hungrig geworden! Ich habe den ganzen Weg von Stamfordhill hierher zu Fuß gemacht.«

»Haben Sie schon gefrühstückt?« fragte Minns.

»Nein! ich will bei Ihnen frühstücken, – klingeln Sie einmal, liebster Junge, – und lassen Sie noch ein Glas und Teller bringen, – da ist ja der Schinken noch; – Sie sehen, ich thue als wäre ich daheim!« fuhr Budden fort und stäubte seine Stiefel mit einer Serviette ab. – »Ha!-ha!-ha! bei Gott, ich habe Hunger, wie ein Wolf.«

Minns klingelte und machte einen mißlungenen Versuch zu lächeln.

»Es ist mir in meinem Leben nicht so heiß geworden,« sprach Oktavius weiter und wischte sich die Stirne ab. »Aber wie steht es denn um Ihr Befinden? Auf Seele, Sie sehen prächtig aus!«

»Meinen Sie?« sagte Minns und probirte abermals ein Lächeln.

»Ja, beim Teufel!«

»Frau Budden doch auch recht wohl und – wie heißt er doch?«

»Alick, – meinen Sohn meinen Sie? – wie ein Fisch im Wasser, wie ein Fisch im Wasser. Da draußen in unserm Poplar Walk ist es so gesund, daß man gar nicht krank werden kann, wenn man auch wollte. Wie ich das ganze Anwesen zum ersten Male gesehen habe, bei Gott, es sah so einladend aus mit dem Garten daran, mit dem grünen Lattenzaun, dem messingenen Klopfer und all' den Sachen, – da dachte ich gleich, es ließe sich ein Schnitt machen.«

»Meinen Sie nicht, es wäre besser, wenn Sie den Schinken von der andern Seite schnitten?« bemerkte Minns dazwischen. Mit einer nicht zu beschreibenden Empfindung mußte er mit ansehen, wie der Herr Vetter den Schinken, allen angenommenen Regeln zum Trotze, auf eine die Herkömmlichkeit mit Füßen tretende Art anschnitt, oder vielmehr zermetzelte.

»O nein, – Sie sind sehr gütig,« erwiederte Budden mit barbarischer Gleichgültigkeit über sein ruchloses Benehmen; »ich ziehe es so vor, er ist so mürber. – Aber, damit wir nicht eins in das Andere reden, – Minns, wann kommen Sie denn einmal zu uns hinaus? Es wird Ihnen gewiß bei uns gefallen, ganz gewiß. Amelie und ich haben noch gestern Abend von Ihnen gesprochen, und meine Frau meinte – ich bitte noch um ein Stückchen Zucker – danke schön – sagte sie, meinst du nicht, mein Lieber, du solltest einmal unsern Vetter Minns auf ein freundliches – der Teufel soll den Hund holen! da reißt er den Vorhang zu Schanden, Minns – he! – he! – he!«

Minns flog von seinem Stuhle auf, als hätte er einen Schlag von einer Elektrisir-Maschine bekommen.

»Will er 'naus! – Marsch!« schrie der arme Augustus, hielt sich aber doch in sehr ehrfurchtsvoller Entfernung von dem Hunde, da er erst den Morgen einen schrecklichen Fall von Wasserscheu in der Zeitung gelesen hatte. Es kostete gewaltige Mühe, bis sie endlich den Köter mit Stöcken und Regenschirmen unter Sofa und Tischen hervorgejagt und zur Thüre auf den Gang hinaus transportirt hatten, wo er ein erbärmliches Geheul anhub und das Untertheil der hübsch angestrichenen Thüre dergestalt zerkratzte, bis sie aussah, wie das Innere eines Triktrakbrettes.

»Ein prächtiger Hund auf den Hof!« bemerkte Budden gleichgültig gegen den Vetter Minns, welcher halb außer sich war – »er ist aber das Einsperren nicht gewohnt. – Wann wollen Sie denn aber nun zu uns hinauskommen, Minns? Abschlägige Antwort wird keine angenommen, – durchaus nicht. Lassen Sie einmal sehen – heute ist Donnerstag – wollen Sie am Sonntage kommen? Wir essen um fünf – Sie dürfen nicht nein sagen.«

Nach langem Zureden und Quälen sagte endlich Herr Augustus Minns in der Verzweiflung zu und versprach, am nächsten Sonntage präcis ein Viertel vor fünf Uhr sich zu Poplar-Walk einzustellen.

»Nun will ich Ihnen auch den Weg sagen,« fuhr Budden weiter fort. »Alle halbe Stunden geht eine Kutsche vom »Blumentopf« in Bishop'sgate-Street ab. Wenn sie am »Schwan« hält, so werden Sie gerade gegenüber ein weißes Haus bemerken.«

»Und das ist das Ihrige – richtig,« meinte Herr Minns und hoffte dadurch mit einem Male Besuch und Erzählung abzuschneiden.

»Nein, nein, das ist es noch nicht; das gehört Grogus, dem Eisenhändler. Also – an dem weißen Hause gehen Sie hinab, bis Sie nicht mehr weiter können – merken Sie das – dann wenden Sie sich rechts, bei ein paar Ställen – wenn Sie dort sind, werden Sie, dicht neben dem Wege, eine Mauer sehen, worauf mit großen Buchstaben steht: »Vor dem Hunde in Acht nehmen!« – (Minns schauderte unwillkürlich zusammen) – von da gehen Sie an der Mauer eine gute halbe Viertelstunde weit fort, und dann kann es Ihnen jedes Kind zeigen.«

»Schön, schön – danke – Guten Tag.«

»Kommen Sie aber nicht zu spät.«

»Nein, nein, ich komme bald, in allem Ernste. Guten Tag.«

»Apropos Minns, Sie haben doch schon eine Karte?«

»Ja wohl; danke.«

Damit entfernte sich Herr Oktavius Budden endlich und ließ seinen Vetter mit der angenehmen Aussicht auf den nächsten Sonntag allein. – Dieser freute sich auf den Besuch wie ein Dichter, der keinen Kreuzer in der Tasche hatte, auf die Wochenvisite seiner schottischen Wirthin.

Der Sonntag kam; der Himmel war rein und klar; das Volk strömte durch die Straßen, sich je nach seiner Art den Tag zu vertreiben, und Alles sah froh und glücklich aus, nur Herr Augustus Minns nicht.

Es war ein äußerst schöner Tag, aber sehr heiß; trotz dem, daß Herr Minns auf der Schattenseite von Fleet-Street, Cheapside und Thread-Needle-Street gegangen, war er doch sehr warm und staubig geworden, und schon ziemlich spät war es obendrein. Ein großes Glück, daß vor dem Blumentopfe noch eine Kutsche hielt, und auf die feierliche Versicherung des Kondukteurs, daß in drei Minuten abgefahren werde, stieg Herr Augustus Minns ein – denn es befiehlt ja eine Parlamentsakte, daß dieß die höchste Zeit sein darf, welche gewartet wird. Eine Viertelstunde war herum und noch sah man keine Anstalt zum Abfahren. Zum sechsten Male sah Minns auf die Uhr.

»Kutscher, geht's bald, oder nicht?« bellte der Passagier und streckte den Kopf und den halben Leib zum Schlage heraus.

»Gle-ich, Sir,« erwiederte dieser und sah, mit seinen Händen in der Tasche, nichts weniger als wie ein Mann aus, welcher Eile hat.

»Bill, mach' das Spritzleder einstweilen auf.« Abermals dauerte es fünf Minuten, dann stieg endlich der Kutscher auf den Bock, sah von seiner Warte die Straße hinauf und hinab und rief die nächsten fünf Minuten jeden Vorübergehenden an.

»Kutscher! wenn es nicht im Augenblicke fortgeht, so steige ich aus,« rief Herr Minns, und wurde ganz desperat, denn es war schon spät und er sah die Unmöglichkeit vor sich, zur bestimmten Zeit in Poplar-Walk einzutreffen.

»Die Minute geht's, Sir,« bekam er zur Antwort; – und zur Bekräftigung rumpelte auch das Fuhrwerk richtig fort, – ein paar hundert Schritte – abermals halt. Minns duckte sich in eine Ecke und ergab sich in sein Schicksal, als ein Kind, eine Mutter, eine Bandschachtel und ein Schirm seine Mitpassagiere wurden.

Das Kind war ein gar zuthunliches, liebes Geschöpf, hielt Herrn Minns für seinen Papa und wollte ihn mit aller Gewalt um den Hals kriegen.

»Sei ruhig liebes Kind,« sagte die Frau Mama und suchte den Ungestüm des Kleinen zu zügeln, welcher mit seinen dicken Beinchen strampfte und trampelte und in der größten Ungeduld alle möglichen Manövers mit machte. »Sei ruhig, Kind; das ist nicht dein Papa.«

»Gott sei Lob und Dank, daß ich es nicht bin« – dachte Minns; und dieß war der erste Freudenstrahl, welcher heute wie ein leuchtendes Meteor die Nacht seines Elendes erhellte:

Die zuthunliche Zärtlichkeit des Kindes war aber nicht seine geringste Liebenswürdigkeit – es konnte auch so muthwillig und scherzhaft spielen. – Als es sich darüber zufrieden gegeben hatte, daß Herr Minns nicht sein Vater war, suchte es dessen Aufmerksamkeit durch ein fortwährendes Abkratzen seiner schmutzigen Schuhe an seinen Beinkleidern auf sich zu ziehen, stieß ihn mit Mama's Sonnenschirm in's Gesicht, und machte ihm tausend andere kindische Liebkosungen, womit es die Langeweile des Wegs – augenscheinlich zu seinem großen eigenen Ergötzen – zu verkürzen suchte.

Als unser unglücklicher Gentleman vor dem Schwan anlangte, entdeckte er zu seinem großen Aerger, daß es schon ein Viertel über fünf Uhr war. Das weiße Haus, die Ställe, die Warnungstafel – alle Wegweiser ließ er mit einer Schnelligkeit hinter sich, wie man sie nicht selten bei Herrn von einem gewissen Alter antrifft, welche zu spät zum Essen zu kommen fürchten. Noch fünf Minuten und Herr Minns stand vor einem gelben Backsteinhause mit grüner Thüre, messingenem Thürklopfer und Thürenblech, grünen Fensterläden und ditto Geländer, nebst einem »Garten« vorn, das heißt, einem kleinen verlorenen Endchen sandbestreuten Bodens, mit einem runden und zwei gleichseitig dreieckigen Beeten, worin eine Tanne, zwanzig bis dreißig Tulpen und eine unbestimmte Anzahl von Ringelblumen standen. Einen Beweis des guten Geschmackes von Herrn und Frau Budden gab ein Cupido auf jeder Seite des Eingangs, welche auf einem Haufen weißgetünchter röthlicher mit Muscheln verzierter Steine gleich ein paar Vögeln saßen.

Auf das Klopfen kam ein kleiner stumpiger Junge in einer groben Livree, Baumwollenstrümpfen und Halbstiefeln (Wachtelpfeifer), welcher erst seinen Hut an einen der Dutzend Nägel hing, welche den Gang verzierten (höflicher Weise »die Halle« genannt) und der den Gast dann in das vordere Zimmer führte, von welchem aus man die unbeschränkteste Aussicht auf die Misthöfe der Nachbarschaft hatte. Nachdem die gewöhnlichen Empfangsceremonien und so weiter vorüber waren, nahm sich Herr Minns einen Stuhl und war nicht wenig erstaunt, als er fand, daß er der letzte Kommende und der Löwe von etwa einem Dutzend Leute war, welche sammt und sonders in dem kleinen Zimmer bei einander saßen, und die allerekelhafteste und langweiligste Zeit, welche es gibt, – die unmittelbar vor dem Essen – möglichst kurzweilig todt zu schlagen suchten.

»Also Brogson,« sagte Budden, und wandte sich an einen ältlichen Mann mit schwarzem Rocke, kurzen Hosen und hohen Gamaschen, welcher über die Blätter eines Almanachs, in welchem er scheinbar die Kupferstiche betrachtete, Herrn Minns und sein Aussehen neugierig musterte. – »Also Brogson, was haben die Minister im Sinn? Werden sie nachgeben, oder nicht?«

»Ja – was – nun, Sie wissen, daß ich der Letzte bin, den man nach Neuigkeiten fragen darf. Ihr Vetter muß seiner Stellung zufolge am besten darüber Auskunft geben können.«

Herr Minns versicherte den Herrn, welcher zuletzt gesprochen, daß, trotz seiner Verbindung mit Somersethouse, er doch keine offiziellen Mittheilungen über die Pläne von Ihrer Majestät Ministern erhalte. Dieß würde offenbar sehr ungläubig aufgenommen; doch wagte Niemand weiter eine Muthmaßung darüber zu äußern, und es entstand eine lange Pause, welche unter Husten, Gähnen und Schneutzen hinging, bis endlich die Erscheinung der Frau Budden einen allgemeinen Aufstand zur Folge hatte. Nachdem die Vorstellung vorüber war, wurde gemeldet, daß aufgetragen sei und die Gesellschaft begab sich hinab. Herr Minns führte Frau Budden bis an die Zimmerthüre, war aber wegen der engen Treppe nicht im Stande, seine Galanterie weiter auszudehnen. Das Mittagsessen ging wie in der Regel vorüber. Zwischen dem Geklapper der Messer und Gabeln und dem Gesumme der Unterhaltung hörte man alle Augenblicke Herrn Budden's Stimme, wie er Einem zurief sich einzuschenken und ihn versicherte, wie sehr er sich freue, ihn bei sich zu sehen; auch gab das Abräumen der Teller und Platten mehreremale der Frau Budden Veranlassung zu kleinen Zwischenspielen mit den Dienstboten, während welcher ihr Gesicht die ganze Barometerscala von schön Wetter bis zu Sturm durchmachte.

Bei dem Nachtische wurde, auf einen bezeichnenden Wink der Frau Budden, »Master Alexander« gebracht; er hatte ein himmelblaues Kleid mit silbernen Knöpfen an; seine Haare waren fast von derselben Farbe, wie dieses Metall. Nach allerlei Lobspendungen von Seiten der Frau Mama und verschiedenen Ermahnungen des Herrn Papas, hübsch brav und ordentlich zu sein, wurde er dem Herrn Pathen vorgestellt.

»Ach, mein kleiner Bursche – du bist ja ein ganz netter Junge, nicht wahr?« sagte Herr Minns, so munter wie eine Meise auf der Leimruthe.

»Ja.«

»Wie alt bist du?«

»Acht Jahre nächsten Mittwoch. Wie alt bist denn du?«

»Alexander,« unterbrach ihn die Mutter, »wie kannst du Herrn Minns fragen, wie alt er ist?«

»Er hat mich ja auch gefragt, wie alt ich sei,« meinte der Junge, welcher nicht auf den Kopf gefallen war; und Herr Minns schwor sich in dem Augenblicke innerlich zu, daß der Racker nie einen Shilling von ihm bekommen sollte. Sobald das Gekicher, welches die Folge jener Entschuldigung war, aufgehört hatte, rief ein kleiner Mann von etwas losem Aussehen, mit rothem Backenbarte, welcher unten an dem Tische saß und die ganze Zeit über sich Mühe gegeben hatte, Zuhörer für seine Geschichten von Sheridan zu werden, mit einer gewaltigen Gönnermiene dem Kleinen zu:

»Was für ein Redetheil ist: ich bin?«

»Ein Zeitwort.«

»Brav, mein Söhnchen,« sagte Frau Budden mit allem mütterlichen Stolze. »Weißt du auch was ein Zeitwort ist?«

»Ein Zeitwort ist ein Wort, welches ein Sein, Thun oder Leiden bezeichnet: als: ich bin, ich will, ich befehle. Ma', gib mir einen Apfel.«

»Ich will dir einen geben,« erwiederte der Mann mit dem rothen Barte, welcher ein Hausfreund war, oder, mit andern Worten, stets von Frau Budden eingeladen wurde, es mochte Herrn Budden recht sein oder nicht – »wenn du mir sagst was bin bedeutet.«

»Ei,« sagte das Wunderkind nach einem Zögern – »ein Insekt welches Honig sammelt.«

»Nein, Kind,« erwiederte Frau Budden und zog die Augenbraunen zusammen. – »Biene, mit ie ist ein Hauptwort.«

»Ich glaube, er weiß noch nicht viel von den gewöhnlichen Substantiven,« sagte der lose Herr, welcher die herrliche Gelegenheit, einen Witz anzubringen, nicht vorbei lassen wollte. »Man sieht wohl, daß er mit den Eigennamen nicht sehr bekannt ist.«

»He! he! he! – Meine Herrn,« rief jetzt Herr Budden vom untern Ende des Tisches mit einer Stentorstimme und gab sich ein gewaltiges Ansehen, »wollen Sie die Güte haben und ihre Gläser füllen? Ich möchte einen Toast vorschlagen.«

»Hört, hört!« riefen die Herren und gaben die Flaschen weiter. Nachdem sie Alle eingeschenkt hatten, fuhr Herr Budden fort –

»Meine Herrn, es ist ein Herr unter uns –«

»Hört, hört!« rief der kleine Mann mit dem rothen Barte.

»Seien Sie doch ruhig, Jones;« entgegnete Budden. »Ich sage, meine Herrn, es ist ein Gentleman unter uns,« nahm der Wirth wieder das Wort, »dessen Gegenwart, wie ich gewiß bin, uns sehr erwünscht ist, und – und – dessen Unterhaltung jedem Anwesenden sehr viel Vergnügen machen muß.« (Gott sei Dank, er meint doch mich nicht, dachte Minns, denn er wußte recht gut, daß er aus lauter Bescheidenheit und Zurückhaltung noch kein Dutzend Worte gesprochen hatte, seit er im Hause war –) »Meine Herrn, ich selbst kann nun zwar nicht in Anschlag gebracht werden und muß vielleicht um Nachsicht bitten, daß ich die freundschaftliche Zuneigung, welche ich für die Person, die ich meine, hege, so weit treibe, daß ich es wage, aufzustehen und die Gesundheit jener Person vorzuschlagen, – jenes Herrn, der gewiß – das heißt – ich wollte sagen, – eines Mannes, dessen treffliche Eigenschaften ihn Allen werth machen müssen, welche ihn kennen, und welcher Allen, welche ihn zu kennen das Vergnügen haben, nicht mißfallen kann.«

»Hört, hört!« rief die Gesellschaft mit ermuthigendem Beifallrufen.

»Meine Herrn,« fuhr Budden fort, »mein Vetter ist ein Mann, welcher – welcher durch die Bande der Vetterschaft mit mir verbunden ist.« (»Hört! hört!«) Minns stöhnte hörbar. »Welchen ich so glücklich bin hier zu sehen und der, wenn er nicht hier wäre, uns gewiß des großen Vergnügens seiner Gegenwart beraubt hätte. (Lautes Rufen: »hört!«) Meine Herrn, ich fühle, daß ich ihre Aufmerksamkeit schon allzulange in Anspruch genommen habe. Mit dem lebhaftesten Gefühle – von – von – mit der innigsten Empfindung von – von –«

»Befriedigung«, – blies ihm der Hausfreund ein.

»– von Befriedigung schlage ich die Gesundheit von Herrn Minns vor.«

»Stehend, meine Herrn!« rief der unermüdliche Rothbart, – »und mit dem Ehrenmarsche. Richten Sie sich nur nach mir. Hip! hip! hip! – za! – hip! hip! hip! – za! – – hip! hip! – z-a-a!«

Aller Augen waren auf den Gefeierten gerichtet, welcher, um seine Verwirrung zu verbergen, den Portwein so hastig hinabstürzte, daß er augenscheinlich Gefahr lief, zu ersticken. Nachdem er anständigerweise nicht mehr länger zögern konnte, stand er auf; allein um uns des häufigen Ausdruckes der öffentlichen Blätter zu bedienen: »Wir bedauern, daß wir auch nicht einmal das Wesentliche der Rede des ehrenwerthen Gentleman zu geben im Stande sind.« Die Worte: »anwesende Gesellschaft«, – »Ehre«, – »Gelegenheit« – und »großes Vergnügen«, – welche hie und da gehört wurden und sich öfters wiederholten, in Verbindung mit einem Gesichte, auf welchem die Verwirrung und das trostloseste Elend mit Großbuchstaben geschrieben stand, gaben der Gesellschaft die Ueberzeugung, daß er eine excellente Rede halte; folglich schrie sie auch, als sie sich wieder setzte, unter allen möglichen andern Beifallsbezeugungen aus vollem Halse; »Bravo!« Jones hatte schon lange auf eine günstige Gelegenheit gewartet und sprang jetzt auf.

»Budden, darf ich jetzt auch einmal einen Toast vorschlagen?« »Warum denn nicht,« erwiederte Budden und flüsterte halblaut zu Minns, welcher rechts saß, über die Tafel hinüber: »ein ganz durchtriebener Bursche, der Jones, seine Rede wird Ihnen sehr gut gefallen. Ihm ist Alles eins, über Alles spricht er gleich gut.«

Minns nickte mit dem Kopfe und Herr Jones begann:

»Es ist mir schon bei unterschiedlichen Gelegenheiten, in vielen Fällen, in verschiedenen Gesellschaften und unter allerlei Umständen begegnet, daß ich in den Fall gekommen bin, denen, welche damals in meiner Umgebung waren, einen Toast vorzuschlagen. Zuweilen habe ich, ich gestehe es gerne, – denn warum sollte ich es läugnen? – von der Natur der Aufgabe, welche ich übernommen, bewältiget, gefehlt und mir sagen müssen, daß ich dem Gegenstande nicht gewachsen sei. Wenn dieß bei früheren Veranlassungen meine Empfindungen waren, welcher Art müssen sie jetzt sein, jetzt, unter den außerordentlichen Verhältnissen, welche mich heute umgeben. (»Hört, hört!«) Eine genaue Beschreibung meiner Gefühle zu geben, wäre unmöglich; aber ich kann ihnen keine bessere Idee davon verschaffen, meine Herrn, als wenn ich eines Umstandes erwähne, welcher mir, sonderbar genug, gerade im Augenblicke in das Gedächtniß kommt. Bei irgend einer Gelegenheit, wo jener so ausgezeichnete und hochgestellte Mann, Sheridan –«

Es ist nicht abzusehen, was für ein neuer Spitzbubenstreich in Form eines Witzes dem wahrhaft gemißbrauchten alten Sheridan aufgebürdet worden wäre, wenn nicht der gelbgraue Junge, athemlos hereinstürzend, gemeldet hätte, es regne schrecklich draußen und die Neunuhrkutsche habe angefragt, ob Jemand da wäre, der mit in die Stadt fahren wolle; in diesem Falle sei noch Platz innen für Eine Person.

Herr Minns sprang auf und beharrte trotz aller Verwunderungsäußerungen und dringender Bitten, zu bleiben, darauf, den noch übrigen Platz in der Kutsche zu nehmen. Aber der braune Seidenschirm war nirgends zu finden, und da der Kutscher nicht warten konnte, fuhr er nach seinem Schwan und versprach wieder zu kommen und Herrn Minns zu holen. Aber erst nach den emsigsten Nachforschungen fiel es Herrn Minns nach zehn Minuten ein, daß er seinen braunseidenen Regenschirm auf dem Herwege in der anderen Kutsche gelassen hatte, und da er auch überdieß dafür bekannt war, daß er sich nicht zu übereilen pflegte, so war es gar kein Wunder, daß bei seiner glücklichen Ankunft in dem Schwan die Kutsche, – die letzte für heute, – ohne ihn abgefahren war.

Ungefähr um drei Uhr Morgens klopfte Herr Augustus Minns ganz schachmatt an seine Hausthüre in Tavistock-Street, erfroren und naß, wie eine gebadete Maus, in der elendesten Lage und verdrießlichsten Laune von der Welt. Am andern Morgen setzte er seinen letzten Willen auf, und sein Geschäftsmann hat uns gesagt, – im strengsten Vertrauen, wie wir dieß dem Publikum auch mittheilen, – daß weder der Name Herr Oktavius Budden, noch Frau Amelia Budden, noch Master Alexander Augustus Budden darin vorkommt.


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