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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 44
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Eilftes Kapitel

Die durchgemachte Nacht.

Damon und Pythias waren unstreitig ein paar ganz brave Kameraden in ihrer Art: der erstere wegen seiner außerordentlichen Bereitwilligkeit, sich für seinen Freund in das entschiedenste Verderben zu stürzen, und der letztere wegen seiner nicht weniger merkwürdigen, eigentlich trumpfartigen Pünktlichkeit, mit der er gerade im rechten Außenblick wieder zum Vorschein kam. Viele Züge, welche ihnen eigenthümlich waren, sind übrigens jetzt außer Cours gekommen. Damone sind in unsern Tagen der Schuldthürme nicht leicht mehr zu finden (außer unächte, und diese kosten eine halbe Krone), und was die Pythiasse betrifft, so sind die wenigen, welche in dieser entarteten Zeit existirt haben, unglücklicherweise darauf ausgelernt, sich gerade in dem Augenblick aus dem Staub zu machen, wenn ihr Erscheinen streng classisch wäre. Kann aber auch den Thaten dieser Helden in der neueren Zeit nichts an die Seite gestellt werden, so findet doch ihre Freundschaft ihres Gleichen. Auf der einen Seite haben wir Damon und Pythias – auf der anderen Potter und Smithers, und da die zwei letzteren Namen schwerlich je die Ohren unserer Leser erreicht haben, so können wir nichts Besseres thun, als sie sofort mit ihren Trägern bekannt machen.

Herr Thomas Potter also war ein Schreiber in der City und Herr Robert Smithers war ein ditto ebendaselbst; ihr Einkommen war sehr beschränkt, dagegen kannte ihre Freundschaft keine Gränzen. Sie wohnten in derselben Straße, gingen jeden Morgen zur nämlichen Stunde nach der Stadt, aßen jeden Tag auf denselben Glockenschlag zu Mittag und gingen jede Nacht mit einander in die Schenke. Sie waren durch die festesten Bande der innigsten Freundschaft mit einander verbunden, oder, wie Herr Thomas Potter sehr rührend bemerkte, »sie gingen mit einander und für einander durch Dick und Dünn!« Es lag ein Anstrich von Romantik in Herrn Smithers Charakter, ein Funke von Poesie, ein Strahl von Weltschmerz, so eine Art von, er wußte selbst nicht bestimmt was, welches über ihn kam, er wußte eigentlich selbst nicht wie – und das zu der stets bereiten, leichtfertigen und Beutelschneiderdilettanten ähnlichen Art, welche Herrn Potter in so hohem Grade auszeichnete, in zartem Gegensatze stand.

Das Eigenthümliche in ihrem respektiven Charakter dehnte sich auch auf ihre beiderseitige Kleidung aus. Herr Smithers ging gewöhnlich im Oberrocke und Schuhen, einer schmalen Halsbinde und einem braunen Hut, welcher an den Seiten stark aufgekrempt war; – dieß waren Eigenthümlichkeiten, welche Herr Potter gänzlich vermied, denn er setzte seinen Ehrgeiz darein, sich halb und halb die Kinder und Fiaker zum Muster zu nehmen, und ging sogar einmal so weit, daß er sich einen groben blauen Rock mit Holzknöpfen anschaffte, der nach dem Schnitte der Spritzenmänner gemacht war und in welchem er nebst einem blumentopfuntersetztellerähnlichen Hute mit niedriger Krone zu Albion in Little Russell-Street und an verschiedenen sonstigen Plätzen, wo sich das fashionable Publikum zu versammeln pflegt, beträchtliche Sensation erregte.

Herr Potter und Herr Smithers hatten ausgemacht, daß sie jedesmal an den Zahltagen ihrer Vierteljahresbesoldung, vereint in Compagnie, einen Abend verjubeln wollten, eine offenbar unrichtige Bezeichnung, was den »Abend« betrifft, da Jedermann weiß, daß bei einer solchen Gelegenheit nicht der Abend, sondern das Geld, welches Einer hat, gewöhnlich dasjenige ist, was verjubelt zu werden pflegt; weiter hatten sie für besagten Abend verabredet, daß sie »eine ganze Nacht daraus machen wollten,« – ein sehr bezeichnender Ausdruck, indem er darthut, daß von dem folgenden Morgen verschiedene Stunden geborgt, zu der vorherigen Nacht geschlagen werden und so aus dem Ganzen eine zusammengesetzte Nacht gemacht wird.

Der Quartaltag kam endlich – wir sagen endlich, denn die Quartaltage sind so excentrisch, wie Kometen: sie kommen wunderbar schnell, wenn man viel zu bezahlen, und merkwürdig langsam, wenn man ein Bischen einzunehmen hat. Herr Thomas Potter und Herr Robert Smithers setzten fest, daß der Abend mit dem Diner beginnen sollte, sie hatten auch ein ganz nettes, trauliches, behagliches Essen, bestehend aus einer kleinen Prozession von vier Schnitten und vier Nieren, welche hinter einander kamen, auf jeder Seite von einem Krug des ächten und gerechten Stoffes flankirt, unter der Escorte von verschiedenen Keilen Brod und Käselaiben.

Als das Tischtuch weggenommen war, befahl Herr Thomas Potter dem Aufwärter zwei »Budel« vom besten schottischen Whiskey, warmes Wasser und Zucker, nebst ein paar von seinen »allerleichtesten« Havanna-Cigarren zu bringen, was der Aufwärter auch that. Herr Thomas Potter machte den Grog und brannte seine Cigarre an; Herr Robert Smithers that das nämliche und dann schlug Herr Thomas scherzweise als ersten Toast vor: »Pereant alle Aemter« (nicht Sinekuren, sondern Schreibstuben), worauf Herr Robert Smithers schnell mit dem lebhaftesten Beifalle trank. So führten sie politische Gespräche, rauchten Cigarren, schlürften Whiskey und Wasser, bis die »Budel« – sehr bezeichnend so genannt – beide verschluckt waren, welches Mr. Robert Smithers bemerkte und sogleich eine zweite Auflage vom besten schottischen Whiskey und noch zwei von den allerleichtesten Havanna-Cigarren bestellte; – die Schnäpse gingen hinab und die Cigarren gingen aus, bis bei all dem Trinken, Anzünden und Rauchen, – daß die abgeklopfte Asche auf dem Tisch lag und der Talg an den Cigarren hing – Herr Robert Smithers doch zu zweifeln begann, ob die Cigarren denn auch wirklich so leicht seien, denn es wurde ihm dergestalt schlecht darauf, als ob er einen ganzen Tag lang in einer Miethkutsche rückwärts gefahren wäre.

Herr Thomas Potter dagegen lachte laut auf und versuchte einige unartikulirte Aeußerungen, daß bei ihm Alles »in Richtigkeit« wäre, und um dieß zu beweisen, kommentierte er mit lallender Zunge das Abendblatt; da er es aber ein wenig schwierig fand, etwas Neues in seinen Spalten zu entdecken, oder sich genau zu überzeugen, ob es überhaupt nur Spalten habe, so wankte er langsam hinaus, um nach dem Monde zu sehen; als er wieder herein kam, ganz blaß von dem langen »an den Himmel Schauen,« machte er einen Versuch, seine Freude darüber, daß Herr Robert Smithers eingeschlafen war, durch unterschiedliches Glucksen auszudrücken, legte seinen Kopf auf die Arme und schlief gleichfalls selig ein. Als er aufwachte, ermunterte sich Herr Robert Smithers auch und Beide waren sehr ernstlich der Meinung, daß es höchst unklug von ihnen gewesen, so viele eingemachte Wallnüsse zu den Schnitten zu essen, denn es sei eine ausgemachte Sache, daß sie die Leute stets »überzwerch und schläfrig« machten; und wahrlich, wenn nicht der Whiskey und die Cigarren gewesen wären, weiß Gott, wie sie ihnen bekommen sein würden! Sie tranken nun ihren Kaffee, bezahlten ihre Rechnung, zwölf Shillinge und zwei Pence für das Essen und die einfältigen zehn Pence für den Kellner – dreizehn Shillinge in Allem – und taumelten hinaus, um sich an ihre Nacht zu machen.

Es war just halb neun Uhr, und so dachten die Freunde, sie könnten nichts Besseres thun, als um den halben Preis noch in das City-Theater zu gehen. – Gesagt, gethan! – Nachdem sie die Rechnung in Ordnung gebracht hatten, war Herr Robert Smithers in eine äußerst poetische Stimmung gerathen und sagte seinem Freunde, Herrn Thomas Potter, unter Wegs, auf der Straße, im Vertrauen, daß er so ein gewisses innerliches Vorgefühl einer baldigen Auflösung habe, und demnach im Theater wahrscheinlich eine schöne Extravorstellung geben werde, nämlich einen süßen Schlummer, Kopf und Arme über die Brüstung der Loge hinaushängend.

Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, und Herr Robert Smithers, dessen Sache Anmaßung überhaupt nicht war, betrug sich in der That auch so ruhig und still, wie sein Herz ihm gesagt hatte, – in Folge der glücklichen Wirkung, welche Whiskey und Havanna-Cigarren auf diesen interessanten Mann äußerten. Dagegen aber Herr Thomas Potter, dessen höchstes Ziel es war, für eine »gescheidte Kratzbürste« und für einen »Springinsfeld« und so weiter zu gelten, betrug sich ganz anders und fing auch in der That an, seine Sprünge zu machen, und zwar so, daß sie dem Parterre beinahe zu stark waren. Zum Eingange begnügte er sich damit, den Gentlemen der Gallerie: »hell auf!« zuzurufen und wollte außerdem noch von ihnen haben, sie sollten unverzüglich »sich an ihn anschließen;« seinem Verlangen wurde auch sogleich und zwar in der Manier, wie sie bei solchen Veranlassungen am meisten im Gange zu sein pflegt, entsprochen.

»Wirf dem Hund einen Knochen hin!« schrie ein Gentleman in Hemdärmeln.

»Wo habt Ihr denn inzwischen Eure halbe Pinte Bier getrunken?« rief ein Anderer.

»Schneiderseele!« schrie ein Dritter.

»Barbierersknecht!« ein Vierter.

»Haut ihn über den Ko-opf!« brüllte ein Fünfter; und hundert Stimmen riethen Herrn Thomas Potter, in die Arme seiner mütterlichen Pflegerin zurückzukehren – oder, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, »zum Teufel und seiner Großmutter« zu gehen.

All' diesen Spott ertrug Herr Thomas Potter mit großer Verachtung, rückte seinen niederen Filz noch ein wenig mehr auf die Seite, wenn ihm wieder ein Kompliment gemacht wurde, stand trotzig auf, stemmte die Arme in die Seite und nahm, ganz wie dieß im Theater geschieht, eine hohe herausfordernde Stellung an.

Die Ouvertüre, zu welcher die erwähnten verschiedenen Töne ein Accompagnement ad libitum gebildet hatten, endete; das zweite Stück begann und Herr Thomas Potter, dessen Kühnheit durch die Straflosigkeit immer mehr zunahm, fuhr fort, sich beispiellos üppig und unverschämt zu betragen. Zuerst ahmte er die Triller der Prima Donna nach; dann stöhnte er bei dem Anblicke des Feuers; als der Geist erschien, that er, als wolle er vor Schrecken Krämpfe bekommen, und am Ende gab er nicht nur mit sehr hörbarer Stimme einen fortlaufenden Commentar zu den Reden auf der Bühne, sondern weckte auch wirklich den Herrn Robert Smithers auf. Als dieser seinen Gefährten einen solchen Lärm verführen hörte, wußte er zwar nicht genau, wo er eigentlich sei, oder was man von ihm haben wolle, fing aber, um seines Freundes gutem Beispiele zu folgen, ein unablässiges, schreckliches, wahrhaft teuflisches Geheul an, wie noch keines erhört worden. Das war aber denn doch zu arg. – ›Hinaus mit ihnen!‹ scholl es von allen Seiten. Man hörte das Getrampel von Füßen, ein Getöse, als wenn man ein paar Leute mit Gewalt an die Wand würfe, und dann ein »geflügeltes« Zwiegespräch: ›Hinaus!‹ – ›Ich mag nicht!‹ – ›Doch!‹ – ›Und doch nicht!‹ – ›Ihren Namen, Sir!‹ – ›Sie sind ein Schurke, Sir!‹ – und weiter. Allgemeiner Beifall der Zuhörer – und Herr Robert Smithers und Herr Thomas Potter befanden sich auf einmal mit erstaunlicher Eile auf der Straße, ohne daß sie nöthig gehabt hätten, während ihrer ganzen reißend schnellen Fahrt auch nur Einen Fuß auf den Boden zu setzen.

Da Herr Smithers von Natur keine Liebhaberei für die Eile hatte und es ihm bei der letzten Expedition vollkommen schnell genug gegangen war, so daß er mit der zweiten wenigstens bis zum nächsten Quartal füglich warten zu können meinte, so hatte er kaum mit seinem Gefährten das Weichbild von Milton-Street hinter sich, als er mit weiten Umschweifen die Annehmlichkeiten des Schlafes heraus zu streichen begann und entfernte Anspielungen darauf machte, daß es eigentlich gar nicht so übel wäre, wenn sie sich heim nach Islington schöben und probirten, ob ihre Patent-Bramahschlüssel an den Schlössern ihrer respektiven Hausthüren noch ihren Dienst gehörig zu thun vermöchten. Allein der mannhafte Herr Thomas Potter blieb unerschütterlich. Er hatte sich einmal vorgenommen, die Nacht durch zu machen, und also mußte sie auch durchgemacht werden. So gab endlich Herr Robert Smithers, dem es ganz flau und elend war, in der Verzweiflung nach und sie gingen in einen Weinkeller, um sich dort zum Durchmachen Stoff und Stärkung zu holen. Hier fanden sie eine ziemliche Anzahl junger Frauenzimmer, verschiedene alte Herren und eine ganze Musterkarte von Fiakern und Cabrioletkutschern, trinkend und jubelnd. Herr Thomas Potter und Herr Robert Smithers tranken kleine Gläser Branntwein und große Gläser Sodawasser, bis ihre Ideen sehr konfus zu werden anfingen und sich nach und nach ihre Begriffe sowohl im Allgemeinen als auch im Besondern bedeutend verwirrten. Nachdem sie sich selbst hinlänglich gütlich gethan hatten, traktirten sie nun auch alle Uebrigen, und das Ende vom Liede war ein verworrenes Durcheinander von Oben und Unten, schwarzen Augen und blauen Uniformen, Koth und Gasbeleuchtung, dicken Thüren und einem gepflasterten Stubenboden.

Nun wird es, wie unsere Romanschreiber so ausdrucksvoll sagen, »in unserer Geschichte dunkel,« welche Dunkelheit jedoch das Wort »Polizeiwache« erhellt, auf der sich am andern Morgen, als ihnen die Augen aufgingen, Herr Thomas Potter, Herr Robert Smithers und der größere Theil ihrer Weinkellerkumpane von der vorigen Nacht, nebst einem verhältnißmäßig sehr kleinen Theile ihrer verschiedenen Kleidungsstücke vorfanden. Bei dem Polizeiamte stellte sich zur heftigen Entrüstung der Richter und zu großer Verwunderung der Zuschauer heraus, daß ein gewisser Robert Smithers, mit Hülfe und auf Anstiften eines gewissen Thomas Potter's, in verschiedenen Straßen, zu verschiedenen Zeiten, fünf Männer, vier Knaben und drei Weibspersonen zu Boden geschlagen und geprügelt habe; daß besagter Thomas Potter verbrecherischer Weise sich fünf Thürklopfer, zweier Klingelhandgriffe und einer Mütze bemächtigt habe, daß Robert Smithers, sein Freund, zum wenigsten für vierzig Pfund Flüche ausgestoßen, im Anschlag von fünf Shillinge per Stück, ganze Straßen voll Unterthanen Seiner Majestät durch grauenvolles Geschrei und Feuriorufen in Schrecken versetzt, fünf Polizeidienern die Uniformen zerrissen und noch eine unzählige Menge von Schandtaten und Abscheulichkeiten begangen habe, welche gar nicht aufzuzählen sind. Das Gericht verurtheilte Herrn Thomas Potter und Herrn Robert Smithers, außer einem angemessenen Verweis, jeden zu einer Strafe von fünf Shillingen, weil sie, wie es das Gesetz insgemein nennt, betrunken waren, nebst unbedeutenden weiteren vierunddreißig Pfunden für siebzehn tätliche Beleidigungen, zu vierzig Shillingen per Kopf, unter Erlaubniß, sich mit den Klägern abzufinden.

Sie fanden sich auch so weit mit den Klägern ab, daß die Herren Potter und Smithers ein Vierteljahr lang, so gut es gehen wollte, auf Credit leben mußten, und obgleich die Kläger ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, sich unter den bewußten Bedingungen zweimal jede Woche anpacken und prügeln zu lassen, so hat man doch seither nicht mehr gehört, daß jene »eine Nacht durchgemacht hätten.«


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