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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Achtes Kapitel

Die getäuschte Putzmacherin.

Miß Amelie Martin war blaß, groß, mager und zweiunddreißig Jahre alt, – was schlechte Leute für ausgemacht und sogar für aktenmäßig declarirten. Sie war Putz- und Kleidermacherin, lebte für ihr Geschäft und für sonst weiter nichts. Wenn ein junges Dienstmädchen zu Miß Martin will, wie dieß bei vielen jungen Dienstmädchen zuweilen der Fall ist, so muß sie sich gegen Abend nach Nummer 47, Drummond-Street, George-Street, Euston-Square aufmachen, und wenn ihr dann ein zweiundzwanzig Zoll hohes und fünfzehn Zoll breites, an allen vier Ecken mit großen messingenen Knöpfen verziertes Thürenblech in die Augen fällt, worauf steht: »Miß Martin, Putz- und Kleidermacherin aller Art«, pocht es zwei Mal laut an der Hausthüre; dann wird Miß herabkommen in einem Merino-Ueberrock nach der neuesten Façon, schwarzen Sammt-Bracelets der nettsten Art und andern niedlichen Kleinigkeiten nach elegantestem Geschmack und wird ihm die Thüre offnen.

Wenn Miß Martin die junge Dame kennt, welche nach ihr verlangt, oder wenn ihr diese durch eine andere junge Dame ihrer Bekanntschaft empfohlen ist, so wird sie dieselbe sofort zwei Treppen hinauf, vorn heraus, führen, und schwatzen wird sie mit ihr – so artig und so gemüthlich, – daß es gar nicht aussieht, wie ein Geschäft, so freundlich ist sie. Dann betrachtet Miß Martin den Wuchs und das Aussehen des jungen Dienstmädchens mit anscheinend großer Bewunderung und wird sagen, wie gut ihr ein langes Kleid mit kurzen Aermeln, recht vollen Schößen und unten vier Falten stehen müsse, worauf das Dienstmädchen in sehr ausdrucksvollen Worten entgegnen wird, das sei auch ganz und gar ihre Meinung; – dann wird sie sich mit edlem Zorne über die Tyrannei ihrer Frau auslassen, welche einem jungen Mädchen nicht erlauben will, kurze Aermel am Nachmittag zu tragen, – nein, auch gar nichts von Schmuck, nicht einmal Ohrringe, man solle sein Haar immer unter einer so garstigen Haube verstecken und so fort. Wenn dieses Klaglied ein Ende hat, wird Miß Amelie Martin entfernt den schwarzen Verdacht merken lassen, daß manche Herrschaft wegen ihrer eigenen Töchter neidisch sei und die Schönheit ihrer Mägde nicht aufkommen lassen dürfte, aus Furcht, daß sie vorher Männer bekommen möchten; dieß sei aber gar nichts Ungewöhnliches, – sie wenigstens kannte zwei oder drei Dienstmädchen, welche sich um ein gutes Theil besser verheirathet hatten, als ihre Fräulein, und sahen nicht einmal so gut aus; darauf theilt das Mädchen der Miß Martin im engsten Vertrauen mit, wie eines ihrer Fräulein mit einem jungen Mann versprochen sei und nächstens heirathen werde, und das Fräulein sei so stolz darauf, daß es nicht zum Aushalten sei, sie hätte aber nicht nöthig, ihren Kopf so hoch zu tragen, denn er sei ja doch weiter nichts, als ein Schreiber. Nachdem sie ihre gebührende Verachtung gegen die Schreiber überhaupt und gegen den versprochenen insbesondere ausgedrückt und sich gegenseitige Versicherungen ihrer Hochschätzung gegeben haben, verabschiedeten sich Miß Martin und das Dienstmädchen auf eine höchst freundliche, aber ganz feine Manier, und die eine geht wieder heim, die andere aber in ihr Zimmer im zweiten Stock vorn heraus.

Man kann nicht sagen, wie lange Miß Amelie Martin ihr Leben so fortgeführt und wie ausgebreitete Verbindungen sie sich unter den jungen Dienstmädchen verschafft hätte, oder worauf am Ende ihre Forderungen bei den Vierteljahrs-Rechnungen hinausgelaufen wären, hätte nicht eine Reihe unvorgesehener Umstände ihre Gedanken auf einen vom Kleidermachen und Putzgeschäft ganz verschiedenen Wirkungskreis gerichtet.

Eine von Miß Martins Freundinnen, welche schon lange mit einem Dekorationsmalergehülfen in Verbindung gestanden hatte, war es endlich zufrieden, (freilich hatte er noch nie früher das Begehren an sie gestellt), den Tag zu bestimmen, wann sie ihren erwähnten Gehülfen zum glücklichen Ehegatten machen wollte. Ein Montag wurde zur Feier der Hochzeit festgesetzt, und unter andern war auch Miß Amelie eingeladen, das Hochzeitmahl mit ihrer Gegenwart zu beehren. Es war eine charmante Gesellschaft: man wählte dazu Somerstown und ein Gastzimmer vorn heraus zum Versammlungsort. Der Dekorationsmalergehülfe hatte ein Haus gemiethet, – kein Logis, oder so etwas Gewöhnliches, sondern ein Haus, – vier hübsche Zimmer und ein herziges kleines Waschhaus am Ende des Durchgangs, welches das gelegenste und bequemste Ding von der Welt war; denn die Brautjungfern konnten vorn im Zimmer sitzen und die Gesellschaft empfangen, dann in das Waschhaus laufen und nach dem Pudding und dem kochenden Schweinefleisch im Kessel sehen, dann schnell wieder in das Gesellschaftszimmer huschen, so verborgen und bequem, wie man sich nur etwas denken konnte. Und dazu war es auch noch ein so schönes Gesellschaftszimmer! Ein prächtiger Kidderminster-Teppich, – sechs nagelneue gebeitzte Rohrstühle, – drei Weingläser und ein Tummler auf jedem Seitenbrett, ein Bauernmädchen und ein Bauernjunge über dem Kamin, von denen Eines über einen Steg sprang und das Andere sich in einen Heugabelstiel spießte, – lange weiße Vorhänge an den Fenstern, – kurz, alles so elegant und fein, als man sich nur immer vorstellen kann.

Dann das Mittagessen. Da war ein gebratener Hammelsschlegel oben, ein gesottener Hammelsschlegel unten und ein Schinken in der Mitte; Porterkrüge in der Ecke, Pfeffer, Senf und Essig im Centrum, und Gemüse und Pflaumenpudding und Aepfelkuchen und Torten ohne Zahl, ungerechnet den Käse, Selleri und Brunnenkresse und was sonst noch Alles da war. Und dann die Gesellschaft! Miß Amelie Martin selbst erklärte bei einer späteren Gelegenheit, so viel sie auch von der Verwandtschaft und Bekanntschaft des Dekorationsmalergehülfen gehört habe, so hätte sie doch nicht geglaubt, daß sie nur halb so anständig sei. Da war sein Vater, ein zu kurzweiliger alter Herr – und seine Mutter, eine zu liebe alte Frau – und seine Schwester, ein zu hübsches Mädchen – und sein Bruder, ein so männlich aussehender Jüngling mit zu hübschen Augen. Aber all' diese waren so viel als nichts in Vergleich mit seinen musikalischen Freunden, Herrn und Frau Jennings Rodolph, von White Conduit, mit welchen der Dekorationsmalergehülfe bei Gelegenheit, als er den Concertsaal jener nobeln Anstalt ausmalte, so glücklich gewesen war, eine genaue Bekanntschaft zu schließen. Sie einzeln singen zu hören, war vollkommen göttlich, aber wenn sie das tragische Duett: »Rother Spitzbub' zurück!« miteinander vortrugen, – das war, wie Miß Martin später sich ausdrückte, »schauderhaft schön.« Und warum waren sie (nach Herrn Jennings Rodolphs Meinung) auf keinem der privilegirten Theater engagirt? Man habe ihm gesagt, ihre Stimmen seien nicht stark genug, das Haus auszufüllen; er erwiedere aber blos, daß er jede Wette eingehen wolle, Russel-Square auszufüllen, – welcher Behauptung auch die ganze Gesellschaft, nach Anhörung des Duetts, ihren vollen Glauben schenkte; alle meinten, es sei eine schändliche Behandlung, Herr und Frau Jennings Rodolph meinten ebenfalls, es sei schändlich; Herr Jennings Rodolph sah sehr ernsthaft dabei aus und sagte, er kenne seine boshaften Gegner wohl, aber sie thäten besser, wenn sie ihm vom Leibe blieben, denn wenn sie ihn zu sehr reizten, so sei er noch gar nicht entschlossen, ob er die Sache nicht vor das Parlament bringen werde, und alle stimmten bei, »daß es ihnen ganz recht geschähe und es sei ganz gut, wenn man an solchem Volk ein Exempel statuire.« So meine er auch, sagte Herr Jennings Rodolph.

Als die Unterhaltung wieder in das alte Geleis gekommen war, nahm Herr Jennings Rodolph sein Recht in Anspruch, eine Dame aufzufordern, und da man ihm das zugestand, hoffte er, Miß Martin werde der Gesellschaft die Gunst erzeigen; – der Vorschlag wurde mit allgemeinem Beifall ausgenommen, worauf Miß Martin nach einiger Unschlüssigkeit zum Eingang ein paar Mal hustete und declarirte, sie fürchte sich zu Tode, vor so bedeutenden Kunstrichtern einen Versuch zu wagen, und endlich eine Art von fistulirendem Gegirr anfing mit ewigen Anspielungen auf den Namen eines jungen Mannes, welcher Hen-e-ry hieß, nebst einer kleinen Zuthat von Raserei und gebrochenen Herzen. Herr Jennings Rodolph unterbrach den Gesang häufig durch den Ausruf: »Schön!« – »Herrlich!« – »Brillant!« – »Ah! prächtig!« etc., und als sie endete, kannte seine und seiner Frau Bewunderung keine Gränzen.

»Hast du je eine so sanfte Stimme gehört, meine Liebe?« fragte Herr Jennings Rodolph die Frau Jennings Rodolph.

»Niemals, in der That niemals, mein Lieber,« erwiederte Frau Jennings Rodolph.

»Glaubst du nicht, daß Miß Martin mit ein bischen Schule der Signora Marro Boni gleichkommen würde, meine Liebe?« fragte Herr Jennings Rodolph.

»Das nämliche habe ich auch gedacht, mein Lieber,« antwortete Frau Jennings Rodolph.

So verging die Zeit; Herr Jennings Rodolph musicirte auf einem Papierstocke, verbarg sich dann hinter der Thüre und gab sein berühmtes Stück, die Nachahmung von Schauspielern, Sägen und Thieren zum Besten. Miß Martin sang noch verschiedene Lieder mit immer steigendem Beifalle, und sogar der alte Herr fing zu singen an; sein Lied hatte just sieben Verse, allein er konnte sich nur noch auf den ersten besinnen, und diesen sang er auch zu seinem eigenen, sichtbar großen Spasse sieben Mal durch. Darauf sang die ganze Gesellschaft den National-Hochgesang mit äußerst nationeller Unabhängigkeit, – jedes für sich, ohne Rücksicht auf die Uebrigen – und als sie auseinander gingen, erklärten alle, daß sie noch nie einen so herrlichen Abend zugebracht hätten; aber Miß Martin war heimlich entschlossen, den Rath von Herrn Jennings Rodolph zu befolgen und sich ohne Zeitverlust daran zu machen, um bald möglichst aufzutreten.

Nun ist aber das Auftreten entweder beim Komödienspielen, Singen in der Gesellschaft oder mit einem Witz, oder in irgend sonst etwas, eine ganz hübsche Sache und merkwürdig ergötzlich, besonders für das namentlich dabei interessirte Individuum, wenn er oder sie es nur einrichten können, mit gehörigem Applaus herauszukommen, und, wenn sie draußen sind, sich draußen zu halten und nicht durchzufallen; allein es ist unglücklicherweise der Fall, daß beides zusammen sehr schwer zu erreichen ist, und daß das Schwierige des ersten Auftretens, und wenn dieses überwunden, die Schwierigkeit, sich das zweitemal zu halten, zwei Punkte, und zwei sehr kitzliche Punkte sind, – und das erfuhr Miß Amelie Martin bald. Es ist ein sonderbarer Umstand, besonders da es Frauenzimmer waren, daß Miß Amelie Martins Hauptfehler Eitelkeit und Frau Jennings Rodolphs Haupttendenz Liebhaberei zu einem neuen Kleide war. Gräuliches Geheul erscholl von nun an aus dem zweiten Stocke von Nummer 47 Drumond-Street, George-Street, Euston-Square: – Miß Martin übte sich. Ein halbunterdrücktes Gemurmel störte die sonst so ruhige Haltung des White-Conduit-Orchesters bei dem Anfange der Saison; die Erscheinung von Miß Jennings Rodolph war daran Schuld; sie war in einem vollen neuen Staate. Miß Martin studirte unablässig und brachte es dadurch zu einiger Fertigkeit. Miß Jennings Rodolph gab ihr dann und wann gratis Unterricht und brachte es dadurch zu einem Kleide.

Wochen vergingen; die Saison von White-Conduit hatte begonnen und war schon mehr als halb vorüber. Das Kleidermachergeschäft war ganz vernachlässiget worden und der Profit beinahe unmerklich verschwunden. Es sollte nächstens eine Benefizvorstellung gegeben werden; Herr Jennings Rodolph gab den eifrigen Bitten von Miß Amelie Martin nach und führte sie persönlich bei dem »komischen Herrn« ein, dessen Benefiz sein sollte. Der lustige Herr war lauter Lächeln und Schmeichelei – er hatte expreß ein Duett dazu componirt, und Miß Amelie Martin sollte es mit ihm singen. Der Abend kam: es war ein ungeheurer Saal: siebenundzwanzig Sechspencegläser Wachholderschnaps und Wasser, zweiunddreißig Kelche Branntwein und Wasser, fünfundzwanzig Krüge Ale und einundvierzig Becher Negus; der Dekorationsmalergehülfe mit seiner Frau und einem auserwählten Zirkel von Bekannten saß an einem Seitentische, nahe am Orchester. Das Concert fing an. Gesang – sentimentales Lied – von einem blondhaarigen jungen Herrn in blauem Frack mit hellen Metallknöpfen (Beifall). Weiteres Lied – zweifelhaften Inhalts von einem andern Herrn in blauem Frack und noch helleren Metallknöpfen (steigender Beifall). Duett, Herr Jennings Rodolph und Frau Jennings Rodolph »Rother Spitzbub', zurück!« (großer Applaus). Solo, Miß Julie Montague (sicher nur bei dieser Gelegenheit) »Ein Mönch bin ich« – (Begeisterung). Originalduett, – komisch – Herr H. Taplin (der komische Herr) und Miß Martin – »der verhängnißvolle Tag.« – »Brävoh! – Brävoh!« schrie die Partei des Dekorationsmalergehülfen, als Miß Martin höchst zierlich von dem komischen Herrn eingeführt wurde. »An's Werk, Harry!« riefen die Freunde des komischen Herrn. Tap – Tap – Tap – schlug der Kapellmeister auf sein Pult. Die Symphonie begann und bald folgte eine Art von mattem Bauchgequiecke, welches aus der tiefsten Tiefe von Miß Amelie Martin hervorzukommen schien. – »Heraus mit der Stimme!« rief ein Herr in weißem Ueberrocke. »Brauchst dich nicht zu scheuen, mit vollem Dampfe zu fahren, alte Jungfer!« rief ein Anderer. »S-s-s-s-s-s-s« machten die fünfundzwanzig Alekrüge. »Pfui, pfui!« – remonstrirte die Partei des Dekorationsmalergehülfen. – »S-s-s-s« machten wieder die Alekrüge, unterstützt von allen Wachholderschnapsern und der Majorität von Branntweintrinkern.

»Werft das schnatternde Volk hinaus!« schrie die Partei des Dekorationsmalergehülfen mit großer Indignation.

»Lassen Sie doch Ihre Stimme heraus,« flüsterte Herr Jennings Rodolph.

»Ich thue es ja,« antwortete Miß Amelie Martin.

»Singen Sie lauter,« sagte Frau Jennings Rodolph.

»Ich kann ja nicht,« erwiederte Miß Amelie Martin.

»Weiter, weiter, weiter!« riefen die übrigen Zuhörer.

»Brävoh!« – schrie die Malerpartei. – Es wollte sich nicht machen – Miß Amelie Martin verließ das Orchester mit weit weniger Ceremonie als sie es betreten hatte, und da sie ihre Stimme nicht herauslassen konnte, so blieb sie auch ganz zu Hause. Die allgemein gute Laune wurde nicht wieder hergestellt, ungeachtet sich Herr Jennings Rodolph bei der Nachahmung seiner Thierstimmen eine halbe Stunde anstrengte, so daß er kirschbraun im Gesicht wurde, bis es ihm gelang, sich Gehör zu verschaffen; und bis auf diesen Tag ist auch weder Miß Amelie Martins gute Laune zurückgekehrt, noch sind mehr für Frau Jennings Rodolph Kleider gemacht worden, noch hat man wieder Etwas von dem musikalischen Talente der Miß Martin gehört, für welches Herr Jennings Rodolph damals seinen Künstlerruf zum Pfande gesetzt hatte.


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