Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Uebelangebrachte Liebe des Herrn John Dounce.

Es gibt eine ganz besondere Sorte von Männern, welche, wenn wir die Leute zu classificiren hätten, ohne Weiteres unter die Rubrik »Alte Knaben« zu stehen kämen, und diese alten Knaben würden einen ziemlich großen Raum in unserer Tabelle einnehmen. Welchen bestimmten Ursachen man die reißend schnelle Vermehrung des alten Junggesellenstandes zuzuschreiben hat, sind wir nicht zu sagen im Stande; die Untersuchung wäre höchst interessant, allein dazu ist unser Raum viel zu beschränkt; wir sprechen deßhalb nur die einfache Thatsache aus, daß die Zahl der alten Knaben in den letzten paar Jahren nach und nach immer zugenommen hat, und daß sie gegenwärtig auf eine sehr beunruhigende Weise im Wachsen ist.

Allgemein betrachtet und ohne speciell in das Detail einzugehen, sind wir geneigt, die alten Knaben in zwei verschiedene Classen zu theilen – in die lustigen alten Knaben und in die gesetzten alten Knaben. Die lustigen alten Knaben sind dickbauchige alte Herren, als junge verkleidet, bei Tage häufig im Quadrant und der Regentstreet, Abends in den Theatern, namentlich in solchen, die unter der Leitung von Damen stehen, zu finden, und maßen sich alle Narrheit und allen Leichtsinn von Jünglingen an, ohne deren Jugend und Unerfahrenheit für sich zu haben. Die gesetzten alten Knaben sind gewisse stattliche alte Herren von sehr sauberem und zierlichem Ansehen, welche man immer in einer und derselben Taverne sieht, wo sie zu derselben Stunde jeden Abend in derselben Gesellschaft rauchen und trinken.

Man konnte einmal eine schöne Sammlung solcher alten Jungen jeden Abend zwischen halb neun und halb zwölf um den runden Tisch bei Offley's sehen. Seit einiger Zeit sind sie uns aber aus dem Gesichte gekommen. Es waren und sind, so viel wir wissen, noch zwei prächtige solche Exemplare in vollster Blüthe in der Regenbogentaverne von Fleet-Street zu sehen, welche stets in dem Verschlage nächst dem Feuer sitzen und rauchen, wobei ihre langen Weichselrohre unter den Tisch reichen und der Kopf auf dem Boden aufsteht. Es waren kostbare alte Knaben – wohlgenährte Bursche, mit rothen Gesichtern und weißen Köpfen; – immer auf dem Platze – der Eine auf dieser, der Andere auf jener Seite des Tisches – stets mit vieler Würde fortpuffend und trinkend; Jedermann kannte sie und es gab viele Leute, welche Beide für unsterblich hielten.

Herr John Dounce war ein alter Knabe von der letzteren Classe (wir meinen nicht von der unsterblichen, sondern von der gesetzten) – ein Handschuhmacher, welcher sich zur Ruhe gesetzt hatte, Wittwer, und hauste mit drei Töchtern – alle erwachsen und noch ledig – in Cursitor-Street, Chancery-Lane. Er war ein kurzer, runder, dicker Bursche, mit breitem Gesichte, trug einen Hut mit großer Krempe, einen passenden, bequemen Rock, und hatte den feierlichen aber zuversichtlichen Gang, der überhaupt alten Junggesellen so eigen zu sein pflegt. Regelmäßig wie ein Uhrenwerk – um neun Uhr Frühstücken – dann Toilette machen und ein wenig kokettiren – hinunter nach dem »Irgend-Jemand-Kopf« – ein Glas Bier nebst Zeitung – heimkommen und die Töchter spazieren führen – um drei Uhr Mittagessen – ein Glas Grog und eine Pfeife – Mittagsschläfchen – Thee – kleiner Spaziergang – abermals wieder nach dem Irgend-Jemand-Kopfe – ein Kapitalhaus, herrliche Abende! Hier war auch Herr Harris, der Buchhändler, und Herr Jennings, der Kleidermacher (zwei muntere junge Cumpane, gleich ihm) und Jones, der Advokatenschreiber, – ein Staatsbursche der Jones – prächtiger Gesellschafter – voll Anekdoten! und hier saßen sie jeden Abend genau bis zehn Minuten vor zwölf Uhr beisammen, tranken ihren Branntwein mit Wasser, schmauchten ihre Pfeifen, erzählten Geschichten und unterhielten sich in ihrer so zu sagen feierlichen Jovialität auf eine höchst erbauliche Weise.

Manchmal schlug Jones einen Besuch in Drurylane- oder Coventgarden-Theater, für halben Eintrittspreis, vor, um zwei Akte eines Stückes von fünfen und vielleicht eine neue Posse oder ein Ballet zu sehen, wo dann alle Vier jedesmal mit einander gingen; sie hatten aber kein solches Getreibe und Pressiren, wie man sonst sieht: erst tranken sie ganz gemächlich ihren Branntwein mit Wasser, bestellten dann Beefsteak und etliche Austern zum Abendessen, wenn sie wieder kommen würden, und gingen nun ganz ruhig und gelassen in ihr Theater, wenn der »Rudel« erst vorher darin war, wie alle ordentlichen, verständigen Leute es machen und gemacht haben, als Herr Dounce noch jung war, ausgenommen damals, wie der hochgefeierte Herr Betty Furore machte, ja damals, Herr – damals – Herr Dounce erinnerte sich noch lebhaft, wie er einen blauen Montag gemacht und den Theatereingang von Morgens eilf bis Abends sechs Uhr blokirt hielt, mit etlichen Sandwichs in einem Schnupftuch und etwas Wein in einem Fläschchen, wie er endlich vor Hitze und Müdigkeit, ehe das Stück anging, ohnmächtig wurde und in diesem Zustand von fünf der schönsten Damen der damaligen Zeit aus dem Theater in ein Ankleidezimmerchen gebracht wurde, Herr – welche ihm große Theilnahme bezeugten und alle mögliche stärkende Mittel anwandten, und den andern Morgen einen sechs Fuß hohen Mohren schickten, in blauer Livree, mit Silber, welcher ein Compliment ausrichtete und nach seinem Befinden fragen mußte, Herr – ja, bei Gott! – Zwischen den Aufzügen stunden Herr Dounce sowohl als Herr Harris und Herr Jennings gewöhnlich auf und sahen sich überall im Hause um; Jones – der weiß Alles, der Jones – kannte Jedermann – bezeichnete die fashionable und gefeierte Lady So und So in einer Loge, worauf dann Herr Dounce, so wie er den Namen hörte, mit der Hand durch das Haar fuhr, sein Halstuch zurechtzupfte, die besagte Lady So und So durch ein ungeheures Fernglas betrachtete und entweder die Bemerkung machte, daß sie »eine hübsche Frau« sei, – »eine sehr hübsche Frau, in der That,« oder »es dürfte wohl etwas mehr an ihr sein – he, Jones!« wie es sich nun gerade treffen mochte. Wenn das Ballet anfing, waren John Dounce und die andern alten Jungen besonders ängstlich darauf aus, Alles zu sehen, was auf der Bühne vorging, und Jones – ein gottloser Bursche, der Jones – flüsterte seinem Freunde Dounce einige kritische Bemerkungen in die Ohren, welche John Dounce wieder Herrn Harris, und Herr Harris wieder Herrn Jennings mittheilte, und dann lachten alle Viere, daß ihnen die Thränen in die Augen traten.

Sobald der Vorhang gefallen war, gingen sie zwei und zwei miteinander zu ihren Beefsteaks und Austern zurück, und wenn sie an das zweite Glas Branntwein und Wasser kamen, so erzählte gewöhnlich Jones – ein Schalk, der Jones – wie eine Dame mit weißen Federn in einer Loge den ganzen Abend kein Auge von Herrn Dounce verwendet, und wie er Herrn Dounce, der sich ganz unbemerkt geglaubt, darüber erwischt habe, daß er der Dame wieder dagegen die brennendsten Liebesblicke zugeworfen. Darüber pflegten jedesmal Herr Harris und Herr Jennings aus vollem Herzen zu lachen, und John Dounce noch herzlicher, als irgend Einer, wobei er übrigens zu verstehen gab, daß es eine Zeit gegeben haben könne, wo er wohl solche Sachen getrieben haben möge, worauf Herr Jones ihn in die Rippen zu stoßen pflegte und sagte: er sei zu jener Zeit ein loser Vogel gewesen, was John Dounce aus vollem Halse lachend zugestand. Nachdem nun auch Herr Harris und Herr Jennings ihr Recht auf den Ruhm, lose Vogel gewesen zu sein, in Anspruch genommen hatten, trennten sich die Freunde in bestem Vernehmen und trabten nach Hause.

Die Wege des Schicksals und die Mittel, welcher es sich bedient, sind geheim und unerforschlich. John Dounce hatte seit zwanzig Jahren nicht den geringsten Wunsch nach einem Wechsel oder einer Veränderung verspürt – als auf einmal das ganze sociale System aufgehoben und vollständig über den Haufen geworfen wurde, – nicht durch ein Erdbeben oder ein anderes schauerliches Naturereigniß, wie der Leser allenfalls glauben möchte, sondern blos durch die einfache Wirkung einer Auster; und dieß ging folgendermaßen:

Eines Abends kehrte Herr John Dounce von dem Irgend-Jemands-Kopfe nach seiner Behausung in Cursitor-Street zurück, – nicht benebelt, aber doch etwas exaltirt, denn es war Herr Jennings Geburtstag und sie hatten ein paar Rebhühner zum Abendessen, sammt ein paar Extragläsern hintendrein gehabt, und Jones war noch nie so unterhaltend gewesen – als seine Augen auf einen neueröffneten, prächtig eingerichteten Austernladen fielen, wo frische Austern zierlich geordnet, in runden Marmorbecken an den Fenstern, neben kleinen, an Lords und Baronets, an Obristen und Kapitäne in allen Theilen der bewohnten Erde addressirten Austernfäßchen lagen. Hinter den lebenden Austern waren die Fäßchen und hinter den Fäßchen ein junges Frauenzimmer von etwa fünfundzwanzig Jahren, ganz in Blau gekleidet, und allein – was für ein prächtiges Geschöpf, welch' reizendes Gesichtchen, – was für ein herrlicher Wuchs! – Es ist schwer anzugeben, ob Herr Dounce's rothes Gesicht, wie es durch das flackernde Gaslicht unter dem Fenster, vor welchem er stehen blieb, erleuchtet war, das Frauenzimmer zum Lachen brachte, oder ob ihre eigene große natürliche Lebhaftigkeit das gesetzte Wesen, welches die gesellschaftlichen Formen so diktatorisch vorschreiben, zu sehr in Versuchung führte, – so viel ist wenigstens gewiß – die Dame lächelte, legte dann den Finger auf den Mund, – weil ihr augenblicklich einfiel, was sie sich selbst schuldig sei, – und zog sich endlich mit austernhafter Sprödigkeit ganz in den Hintergrund des Ladens zurück. Die lose Vogelnatur kam heftig über unsern John Dounce; einen Augenblick zauderte er, – die blaue Dame machte kein Zeichen. Er hustete – sie kam auch nicht. – Er trat in den Laden.

»Können Sie mir wohl eine Auster öffnen?« sagte Herr Dounce.

»Gewiß kann ich das, Sir,« erwiederte die blaue Dame mit bezaubernder Freundlichkeit.

Und Herr Dounce aß eine Auster, blickte dann auf das junge Frauenzimmer, aß wieder eine, drückte dem Mädchen die Hand, als sie die dritte öffnete, und so fort, bis er, ehe man eine Hand umdreht, zwölf Stücke, das Dutzend zu acht Pence, verzehrt, hatte.

»Können Sie mir nicht noch ein halbes Dutzend aufmachen, mein liebes Kind?« fragte Herr Dounce weiter.

»Ich will sehen, was ich für Sie thun kann, Sir,« erwiederte die junge blaue Dame noch bezaubernder als vorher, und Herr Dounce aß noch ein halbes Dutzend von denen zu acht Pence, und seine Galanterie wuchs immer mehr.

»Sie können mir wohl ein Glas Branntwein und Wasser besorgen, – mein liebes Kind, nicht wahr?« sagte Herr Dounce, als er mit seinen Austern fertig war, in einem Tone, welcher klar zeigte, daß er überzeugt war, sie könne.

»Ich will sehen, Sir,« meinte das Mädchen.

Damit rannte sie aus dem Laden, die Straße hinab und ihre langen Rabenlocken flatterten mit hinreißendem Zauber in der Luft. Bald kehrte sie wieder zurück, schwebte über den Kohlenbehälter-Deckel gleich einem tanzenden Kreisel, und brachte ein Glas Branntwein und Wasser, woran Herr Dounce die Schöne Theil zu nehmen nöthigte, denn es war vollständiger Damengrog, – heiß, stark, süß und viel.

Die junge Dame setzte sich mit Herrn John Dounce in einen kleinen rothen Verschlag mit grünem Vorhang, nahm ein kleines Schlückchen Grog und warf ein kleines Blickchen auf Herrn John Dounce; dann drehte sie ihr Köpfchen weg, machte das ganze übrige Geberdenspiel der liebenswürdigsten Koketterie durch und spielte ihre Rolle so gut, daß Herr John Dounce unwillkürlich an die Zeit erinnert wurde, wo er seiner Frau zuerst die Cour gemacht hatte, was ihn denn auch zärtlicher als je stimmte. Im Drange seiner zärtlichen Gefühle sondirte Herr John Dounce die junge Schöne, ob sie schon versprochen sei, worauf diese erklärte, daß sie sich nie auf irgend eine solche Weise gebunden habe, sie könne die Männer gar nicht leiden, sie seien lauter Verführer und Betrüger; dann sagte Herr John Dounce, ob dieser Vorwurf der Flatterhaftigkeit auch andere als junge Männer treffen solle, worauf die junge Dame tief erröthete; – endlich wandte sie ihr Gesicht weg und sagte, Herr Dounce habe sie erröthen gemacht, und es sei natürlich, daß sie roth geworden sei. – Herr John Dounce trank sehr langsam an seinem Branntwein und Wasser, so daß die junge Dame oft sagte: »Machen Sie doch, daß Sie fertig werden.« So ging Herr Dounce am Ende nach Hause in sein Bett, träumte von seiner ersten Frau und von seiner zweiten Frau, und von dem jungen Mädchen und von Feldhühnern, und von Austern und von Branntwein und Wasser, und von uneigennütziger Zärtlichkeit.

Am andern Morgen war Herr Dounce in einer ganz fieberhaften Glut in Folge des Extra-Grogs der vergangenen Nacht, und theils in der Hoffnung, sich durch eine Auster abzukühlen, theils in der Absicht, sich zu versichern, ob er dem jungen Mädchen nichts schuldig geblieben sei, ging er wieder nach dem Austernladen. War das Mädchen bei der Nacht schön gewesen, so war sie bei Tag ganz unwiderstehlich, und von dieser Zeit an ging eine vollständige Veränderung mit Herrn John Dounce sogar in seinen Träumen vor. Er kaufte Busennadeln, trug einen Ring am Goldfinger, las Gedichte, bestach einen wohlfeilen Miniaturmaler zu dem Frevel, sein jugendliches Conterfei zu malen, mit einem Vorhang über dem Kopfe, sechs großen Büchern im Hintergrunde und einer offenen Gegend in der Ferne (dieß nannte er sein Porträt), und so wurde es immer toller und toller, daß endlich die drei Fräulein Dounce sogar auszogen und sich in eine Pension begaben, da er ihnen die Wohnung in Cursitor-Street für einen ferneren Aufenthalt zu warm gemacht hatte; kurz, er betrug sich in jeder Beziehung gleich einem zügellosen alten Türken.

Was seine alten Freunde, die andern alten Knaben in Sir Irgend-Jemands-Kopfe betrifft, so zog er sich nach und nach von ihnen zurück; denn wenn er auch ein Mal in seine alte Kneipe hin ging, so ließ ihm Jones – ein gemeiner Kerl, der Jones – nicht die leibliche Ruhe mit seinen Erkundigungen: »ob es bald richtig sei?« und: »ob er seine Handschuhe schon gekauft habe?« nebst andern gleich beleidigenden Fragen, wozu nicht allein Harris, sondern auch Jennings lachte. So ließ er sie denn am Ende laufen und schloß sich einzig und allein an die blaue junge Schöne in dem netten Austerladen an.

Nun kommt die Nutzanwendung von der Geschichte, – denn jede Geschichte hat ihre Moral am Ende. Nachdem die erwähnte junge Schöne hinlänglichen Vortheil aus John Dounce's Neigung gezogen hatte, weigerte sie sich nicht allein, als die Sache endlich zur Entscheidung kommen sollte, und er ihr den Vorschlag machte, es auf gutes Glück mit ihm zu wagen, sondern sie deklarirte auch ausdrücklich, um uns ihres eigenen starken Ausdruckes zu bedienen, »daß sie ihn um keinen Preis möchte,« und der beklagenswerthe John Dounce, welcher sich seine alten Freunde und nächsten Verwandten entfremdet und sich in Jedermanns Augen lächerlich gemacht hatte, bot nach einander einer Schullehrerin, einer Wirthin, einer Tabakskrämerin und einer Haushälterin seine Hand an; er wurde von allen sammt und sonders entschieden abgewiesen und endlich von seiner Köchin auf- und angenommen, mit welcher er jetzt lebt und die ihn schrecklich unter dem Pantoffel hat: ein trauriges Bild selbst verschuldeten Elends in seinen alten Tagen und eine lebendige Warnungstafel für alle üppigen alten Knaben.


 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.