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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Sechstes Kapitel

Der Spital-Patient.

Wenn wir Abends zuweilen in den Straßen von London umherstreichen, so bleiben wir oft unter den Fenstern eines öffentlichen Krankenhauses stehen und malen uns die düsteren traurigen Scenen aus, welche darin vorkommen. Die schnelle Bewegung einer Kerze, wie ihr schwacher Lichtstrahl von Fenster zu Fenster zuckt, bis die Helle nach und nach verschwindet, als wenn sie in den hinteren Theil des Zimmers an das Bett eines armen Kranken gebracht würde – reicht hin, ein ganzes Heer von Gedanken zu erwecken; schon der Schimmer der düster brennenden Lampe, welche, wenn alle übrigen Wohnungen in Dunkelheit und Schlummer versunken sind, noch das Zimmer bezeichnet, wo so Mancher sich auf seinem Schmerzenslager windet oder abzehrend dahin stirbt, vermag der lärmendsten Lustigkeit Einhalt zu thun.

Wer erzählt von der Qual der angstvollen Stunden, wenn der Kranke keinen andern Ton vernimmt, als die unzusammenhängenden Fieber-Phantasien seines Nachbars, seine leise Schmerzensklage, oder vielleicht das Murmeln eines längst vergessenen Gebetes aus dem Munde eines Sterbenden? Nur wer dieß selbst empfunden hat, kann sich das Gefühl von Einsamkeit und Trostlosigkeit vorstellen, welches den ergreifen muß, welcher, in der Stunde gefährlicher Krankheit, der Pflege von Fremden überlassen ist; denn welche Hand, mag sie auch noch so zart sein, kann die feuchte Stirne so schonend abtrocknen oder das unruhige Lager sanfter auflockern, wie die Hand einer Mutter, einer Gattin oder eines Kindes? –

Von diesen Gedanken erfüllt gingen wir durch die fast öden Straßen; der Anblick der paar elenden Creaturen, die noch dahinwankten, war nicht geeignet, die unangenehmen Empfindungen, welche durch Betrachtungen hervorgerufen werden, zu verringern. Der Spital ist der Zufluchtsort und Ruheplatz für hunderte, welche ohne solche Anstalten auf der Straßen und unter den Thorwegen sterben müßten; allein welche Gefühle müssen sich solcher Ausgestoßener bemächtigen, wenn sie ohne Hoffnung der Wiedergenesung auf das Krankenlager hingestreckt sind? Das elende Weib, welches nach Mitternacht noch auf der Straße herumstreift und der armselige Schatten von einem Mann – der schauerliche Rest, den Mangel und Trunksucht übrig gelassen – welcher unter einem Thorbogen kauert, um hier, etwas geschützt vor dem Regen, zu schlafen, haben wenig, was sie an das Leben kettet, und was sollten sie in der Todesstunde darauf zurückblicken? Was ist ihnen die ungewohnte Bequemlichkeit eines Daches und eines Bettes, wenn die Erinnerung eines ganzen Lebens voll Erniedrigung an ihnen vorüber zieht, wo Buße ein Hohn scheint und Reue zu spät kommt? –

Vor ungefähr einem Jahre, als wir gerade durch Covent-Garden strichen (wir hatten uns die Nacht über solche Gedanken gemacht), wurden wir durch ein sehr interessantes Schauspiel angezogen: ein aufgegriffener Taschendieb wollte sich nicht die Mühe nehmen nach dem Polizeiamte zu Fuß zu gehen, weil er überhaupt nicht dorthin zu gehen im Sinne hatte, und wurde deßhalb zum großen Ergötzen der Menge, aber sichtbarlich nicht sehr zu seinem eigenen Vergnügen auf einem Schiebkarren fortgeschafft.

Unter solchen Umständen können wir nicht leicht der Neigung widerstehen, uns unter die Menge zu mischen; wir kehrten also mit dem Haufen um und gingen mit auf die Polizei, in Gesellschaft von unserem Freunde, dem Taschendiebe, ein paar Polizeidienern und so viel Schmutzgesichtern von Zuschauern, als sich hineinzudrängen vermochten.

Ein starker, schlecht aussehender Bursche stand gerade hinter den Schranken und wurde wegen so häufig vorkommenden Anklagen verhört: er hatte nämlich in der vergangenen Nacht eine Weibsperson, welche mit ihm in einer nahen Gasse zusammen wohnte, mißhandelt. – Verschiedene Zeugen bestätigen sein grobes, unmenschliches Benehmen; auch wurde eine Bescheinigung von dem Arzte des benachbarten Hospitals über den Zustand der Mißhandelten verlesen, mit der Andeutung, daß ihr Aufkommen sehr ungewiß sei.

Es schien sich einiger Zweifel über die Identität des Verhafteten erhoben zu haben; denn als für gut befunden wurde, daß zwei Beamte heute Abend um acht Uhr sich nach dem Spital begeben und dort die Angabe der Verwundeten aufnehmen sollten, ward beschlossen, den Angeklagten ebenfalls dorthin bringen zu lassen. Eine tödtliche Blässe überzog sein Gesicht, als der Befehl dazu gegeben wurde, und seine Hand faßte krampfhaft das Gitter. Er wurde unmittelbar abgeführt und sprach kein Wort.

Wir fühlten eine unwiderstehliche Neugierde, Zeuge der Zusammenkunft zu sein, obgleich wir in dem jetzigen Augenblicke kaum sagen können, warum, denn wir wußten wohl, daß es einen sehr peinlichen Auftritt geben würde. – Die Erlaubniß dazu bekamen wir leicht. Der Verhaftete und der Polizeidiener, welcher ihn bewachte, waren schon in dem Spitale als wir hinkamen, und erwarteten in einem kleinen Gemache neben der Treppe die Ankunft der Beamten. Der Mann hatte Handschellen an und sein Hut bedeckte die Augen. Das stete Zucken der Muskeln seines schwarzgelben blassen Gesichts bezeugte übrigens deutlich, daß es ihm auf das bange war, was kommen würde. Nach kurzer Zeit wurden die Beamten und ein Schreiber von dem Hausarzt herein becomplimentirt, nebst ein paar jungen Männern, welche sehr stark nach Tabak rochen – diese wurden als Unterärzte vorgestellt; – nachdem sich der eine Beamte bitter über die Kälte, der andere über den Mangel der Neuigkeiten in den Abendblättern beklagt hatte, wurde gemeldet, daß die Patientin bereit sei; man führte uns nach ihrem Schmerzenslager.

Das düstere Licht, welches in dem weiten Saale brannte, diente eher dazu, das Grausige des Anblicks der in zwei langen Reihen auf jeder Seite in ihren Betten liegenden unglücklichen Geschöpfe wo möglich noch zu steigern. In dem einen Bette lag ein in Binden eingewickeltes halbverbranntes Kind; in einem anderen eine Weibsperson, welche, durch irgend einen unglücklichen Zufall scheußlich zugerichtet, in ihrer Schmerzensqual mit geballter Faust fortwährend wild auf die Bettdecke schlug; in einem dritten lag ein junges Mädchen, offenbar in der dumpfen Betäubung, welche gewöhnlich die Vorläuferin des Todes ist: ihr Gesicht war mit Blut befleckt, Brust und Arme mit leinenen Bändern umwickelt. Zwei oder drei Betten waren leer, die jüngsten Inhaber saßen daneben, aber mit so bleichen Gesichtern und so starren und glasigen Augen, daß es schrecklich war, ihren Blicken zu begegnen. Jedes Gesicht trug das Gepräge von Qual und Leiden.

Der Gegenstand unseres Besuches lag an dem oberen Ende des Zimmers. Es war ein hübsches junges Weib von etwa zwei- oder dreiundzwanzig Jahren. Das lange schwarze Haar hatte man ihr wegen der Kopfwunden in der Eile abgeschnitten; es lag noch in unordentlichen wirren Locken über dem Kissen. Ihr Gesicht trug die schrecklichen Spuren der Mißhandlung; die eine Hand drückte sie in die Seite, als ob sie hier den Hauptschmerz fühle, ihr Athem ging kurz und schwer: man konnte klar sehen, daß sie am Sterben war. Als Antwort auf die Frage des Beamten, ob sie sehr leide, murmelte sie ein paar Worte und blickte, nachdem sie durch die Wärterin von dem Kissen aufgerichtet worden war, theilnahmlos auf die fremden Gesichter, welche ihr Lager umgaben. Der Beamte winkte dem Polizeidiener, den Mann vorzuführen. Er that es und stellte ihn neben das Bett. Das Mädchen schaute mit unstätem flüchtigem Blick hin; allein ihr Auge war zu trübe, sie erkannte ihn nicht.

»Nehmt ihm den Hut ab,« sagte der Beamte. Sein Befehl wurde befolgt, das Gesicht des Mannes war jetzt ganz unverdeckt. Plötzlich fuhr das Mädchen mit einer übernatürlichen Kraft in die Höhe; in ihrem trüben Auge strahlte wieder Feuer, und das Blut schoß ihr in die bleichen eingefallenen Wangen; doch fiel sie gleich wieder zurück auf ihr Kissen, bedeckte ihr zerfetztes wundes Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus. Der Mann warf einen ängstlichen Blick auf sie, sonst schien er aber ganz unbewegt zu sein. Nach einer kurzen Pause machte man sie mit der Absicht der Gerichtsherren bekannt und verlangte ihren Eid.

»O nein, ihr Herren,« sagte das Mädchen, richtete sich noch einmal auf und faltete ihre Hände; »nein, nein, ihr Herren, um Gottes Willen! Ich habe es ja selbst gethan – es ist Niemand Schuld daran – es war ein Zufall. Er hat mich nicht geschlagen; nicht um alle Welt hätte er es gethan. Jack, lieber Jack, du weißt, daß du es nicht warst.«

Fast brach ihr jetzt das Auge, und ihre Hand tappte gleichsam suchend auf dem Betttuche umher. So roh der Mann auch war, darauf schien er nicht vorbereitet; er wandte sich von dem Bett ab und schluchzte laut. Die Farbe des Mädchens änderte sich und ihr Athem wurde leichter. Sie war augenscheinlich am Sterben.

»Wir ehren die Gefühle, welche Euch zu dieser Aeußerung veranlassen,« sagte der Beamte, welcher zuerst gesprochen hatte, »aber ich gebe Euch zu bedenken, beharrt nicht auf der Unwahrheit, die Ihr wohl kennt, bis es zu spät ist. Es hilft ihm doch nichts.«

»Jack,« murmelte das Mädchen, und legte ihre Hand auf seinen Arm, »sie sollen mich nicht überreden, dein Leben wegzuschwören. – Er hat es nicht gethan, ihr Herren. Er hat mich nie geschlagen.« Sie faßte seinen Arm fest an und setzte mit leiser gebrochener Stimme hinzu: »Ich hoffe, Gott der Allmächtige wird mir vergeben – alles Unrecht, was ich begangen, und das Leben, welches ich geführt. Gott sei mit dir, Jack. Irgend eine mitleidige Seele wird meinem armen alten Vater mein letztes Lebewohl bringen. Vor fünf Jahren hat er gesagt, er wünschte, ich wäre als Kind gestorben. O wäre es nur so, wäre es nur so!«

Die Wärterin beugte sich ein paar Sekunden über das Mädchen hin, dann zog sie das Tuch über ihr Gesicht. Es deckte eine Leiche.


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