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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Fünftes Kapitel

Der Wirthshaus-Redner.

Eines Abends schlenderten wir in Oxford-Street, Holborn, Cheapside, Coleman-Street, Finsbury-Square und ähnlichen Orten umher, in der Absicht, über Pentonville und Rew-Road wieder heimzukehren, als wir ziemlichen Durst verspürten und fünf bis zehn Minuten auszuruhen beschlossen. Wir kehrten also wieder um, nach einem alten, stillen, anständigen Gasthause, an dem wir vor ein paar Minuten vorbeigegangen zu sein uns erinnerten; es war nicht weit von City-Road, wo wir unsere trockene Zunge mit einem Glas Ale zu erquicken gedachten. Das Haus war keines von den neuen, mit Stukkaturarbeiten und nach französischer Art ausstaffirten und erleuchteten Hotels, sondern ein bescheidenes Gasthaus der alten Schule, mit einem kleinen altmodischen Schenkstübchen und einem alten kleinen Wirthe, welcher ganz gemächlich mit Weib und Tochter von gleichem Schlage in dem erwähnten Stübchen – einem heimlichen kleinen Plätzchen mit einem lustigen Feuer, unter dem Schutze eines großen Schirmes dasaß, aus dem das junge Mädchen auftauchte, als wir unser Verlangen nach einem Glas Ale aussprachen.

»Wollen Sie nicht in das Gastzimmer treten, Sir?« fragte das Mädchen in verführerischem Tone.

»Sie gingen besser in das Gastzimmer, Sir!« sagte der kleine alte Wirth, zog seinen Stuhl zurück und guckte um die eine Seite des Schirmes herum, um uns in Augenschein zu nehmen.

»Sie thäten viel besser, in das Zimmer zu gehen, Sir!« meinte auch die Frau und streckte ihren Kopf an der anderen Seite des Schirmes hervor.

Wir warfen einen flüchtigen Blick umher, gleichsam um unsere Unbekanntschaft mit der so angepriesenen Lokalität anzudeuten; der kleine alte Wirth bemerkte es, kam in dienstfertiger Eile aus der Thüre des kleinen Stübchens und geleitete uns selbst in das Gastzimmer.

Es war ein altes, finsteres Zimmer, mit eichenem Getäfel, sandbestreutem Stubenboden und hohem Kamine. Die Wände zierten drei oder vier gemalte Bilder in schwarzen Rahmen, Seegefechte vorstellend: ein paar Kriegsschiffe kanonirten mit großer Heftigkeit auf einander los, während einige andere Fahrzeuge in der Entfernung in die Luft flogen und der Vordergrund ein buntes Durcheinander von zerbrochenen Mastbäumen und blauen Beinen darbot, welche aus dem Wasser hervorguckten. Von der Mitte der Decke hing ein Gaslicht und eine Glockenschnur herab, an jeder Seite standen drei oder vier lange schmale Tische, hinter welchen eine enggepflanzte Reihe von jenen unsicheren, wackeligen Holzstühlen stand, welche den Orten, wie wir eben einen beschreiben, so eigenthümlich sind. Das einförmige Aussehen des sandbestreuten Bodens war hie und da durch einen Spucknapf unterbrochen und jede der beiden oberen Ecken des Gemachs war mit einem dreieckigen Exemplar von diesen nützlichen Artikeln geziert.

An dem vordersten Tisch, zunächst dem Feuer, das Gesicht gegen die Thüre am Ende des Zimmers gekehrt, saß ein derber Mann von etwa vierzig Jahren, dessen kurzes, straffes, schwarzes Haar dicht an der breiten hohen Stirne anlag, mit einem Gesichte, welchem noch etwas Anderes als Wasser und körperliche Anstrengung einen ziemlich glühenden Anstrich gegeben hatten. Mit an die Decke gehefteten Augen rauchte er eine Cigarre und hatte ganz das zuversichtliche Aussehen, welches ihn als politischen Wortführer, als Hauptautorität und allgemeinen Anekdotenerzähler des Platzes dokumentirte. Augenscheinlich hatte er so eben etwas höchst Gewichtiges vorgetragen, denn die übrige Compagnie blies den Rauch ihrer respektiven Pfeifen und Cigarren, so feierlich in Betrachtung versunken, in die Luft, als wären sie von der Großartigkeit des eben besprochenen Gegenstandes total überwältiget.

Zu seiner Rechten saß ein weißköpfiger ältlicher Herr in braunem Hut mit breiter Krempe, und zu seiner Linken ein Mann mit spitziger Nase und hellem Haare, in einem braunen Ueberrocke, welcher ihm fast bis auf die Knöchel ging; bald that er einen Zug aus seiner Pfeife, bald warf er wieder einen Blick der Bewunderung auf den Mann mit dem rothen Gesichte.

»Ganz außerordentlich!« sagte der Blonde nach einer Pause von fünf Minuten. Ein beifälliges Murmeln ging durch die Versammlung.

»Ganz und gar nichts Außerordentliches – ganz und gar nicht!« erwiederte der Mann mit dem rothen Gesichte, plötzlich aus seinen Träumereien erwachend, und wandte sich gegen den Blonden, so wie er dessen Stimme vernahm.

»Warum sollte es denn etwas Außerordentliches sein? – Warum ist es außerordentlich? – Beweist, daß es außerordentlich ist!«

»O, wenn Sie dahinaus wollen –« sagte der Blonde.

»Dahinaus wollen?« polterte der Mann mit dem rothen Gesichte. »Aber wir müssen da hinaus. Wir stehen gegenwärtig auf der ruhigerhabenen Höhe intellektueller Vollkommenheit und hocken nicht in dem finsteren Winkel der Geistesarmuth. Beweise verlange ich – Beweise und keine Behauptung, in dieser bewegten Zeit des Fortschritts. Wer mich kennt, weiß auch, von welcher Art meine Bemerkungen gewesen sind und welche Wirkung sie bei den Berathungen des Oldstreet-Vorstadts-Repräsentanten-Entdeckungs-Vereins gethan haben – wo ein Kandidat für einen Ort in Cornwall – ich habe den Namen vergessen – vorgeschlagen werden sollte. – ›Herr Snoben‹ sagte Herr Wilson, ›ist ein sehr tüchtiger und qualifizirter Mann dazu, den Burgflecken im Parlamente zu vertreten.‹ – ›Beweist mir es,‹ sagte ich. ›Er ist ein Anhänger der Reform,‹ sagte Herr Wilson. ›Beweist es,‹ sagte ich. ›Er ist für die Tilgung der Nationalschuld, läßt sich in seinem Widerspruch gegen die Pensionen nie irre machen; ist der unerschütterliche Sachwalter der Schwarzen, dringt auf Reduktion der Sinekuren und ist gegen die längere Dauer des Parlaments; nichts liegt ihm mehr am Herzen, als die Stimme und der Beifall des Volks,‹ sagte Mr. Wilson. ›Beweist es,‹ sagte ich. ›Seine Thaten beweisen es,‹ sagte er. ›Beweist mir diese,‹ sagte ich.

»Und er konnte es nicht beweisen,« sagte der Mann mit dem rothen Gesichte und blickte triumphirend umher; »und der Flecken bekam ihn nicht; und wenn Ihr diesen Grundsatz ganz durchführen wollt, werdet Ihr keine Schuld, keine Pensionen, keine Sinekuren, keine Sklaven, nichts mehr haben. Dann steht Ihr auf dem erhabenen Punkte intellektueller Vollkommenheit, habt den höchsten Gipfel der Völkerwohlfahrt erstiegen, könnt allen Völkern der Erde Trotz bieten und Euch in dem stolzen Selbstbewußtsein Eurer Weisheit und hohen Ueberlegenheit brüsten. Das ist mein Grundsatz, – dieß war stets mein Grundsatz und wäre ich Mitglied von dem Hause der Gemeinen, so wollte ich sie damit morgen in ihren Schuhen zittern machen.« Dabei schlug das rothe Gesicht mit geballter Faust heftig auf den Tisch, um seiner Erklärung noch mehr Nachdruck zu geben, und dampfte fort, wie ein Brauofen.

»Ja,« sagte der Spitznasige sehr langsam und mit leiser Stimme zu der Gesellschaft gewandt, »ich sage es und habe es immer gesagt, daß unter allen Herren, welche ich das Vergnügen habe hier anzutreffen, keiner ist, den ich so gern sprechen höre, als Herrn Rogers, oder der so viel zur Belehrung seiner Umgebung beiträgt, als er.«

»Zur Belehrung seiner Umgebung beiträgt!« sagte Herr Rogers; denn so hieß der Mann mit dem rothen Gesichte. »Sie dürfen wohl sagen, daß ich die Gesellschaft belehre, denn ich habe euch Alle in vieler Beziehung ausgebildet, obgleich es in Bezug auf das Lob, welches mein Freund Ellis eben meiner Unterhaltung gespendet hat, meine Sache nicht ist, viel Worte darüber zu machen. Sie, meine Herren, wissen diese am besten; aber das will ich sagen, als ich in diesen Stadttheil zog und vor zehn Jahren zum ersten Mal dieses Haus betrat, war, so viel ich weiß, kein Einziger hier, welcher gewußt hätte, daß er ein Sklave ist, und jetzt wißt ihr es Alle, daß ihr Sklaven seid und krümmt euch unter dem Joche. Man schreibe dieß auf meinen Grabstein und ich bin zufrieden!«

»Was das auf Ihr Grab schreiben betrifft,« sagte ein kleiner, pausbackiger Gewürzkrämer, »so mögen Sie Alles, was Sie und Ihre Händel betrifft, darauf schreiben lassen, wenn Sie es bezahlen mögen und können, allein, wenn Sie daher kommen und von Sklaven reden und uns so herunter machen wollen, so thäten Sie besser und behielten es bei sich, denn, ein für allemal, ich liebe es nicht, mich Abend für Abend so aushunzen zu lassen.«

»Sie sind doch ein Sklave,« sagte der Mann mit dem rothen Gesichte, »und zwar der kläglichste von allen!«

»Es ist sehr hart für mich,« unterbrach ihn der Gewürzkrämer, »denn da kommt mir also von den zwanzig Millionen, welche für die Emancipation bezahlt worden sind, gar nichts zu gut.«

»Ein freiwilliger Sklave seid Ihr,« stieß der Mann mit dem rothen Gesichte aus und wurde durch die heftige Entwickelung seiner Beredsamkeit und den Widerspruch immer noch röther – »der auf das kostbarste Geburtsrecht seiner Kinder verzichtet – nicht auf den heiligen Ruf der Freiheit hört, welche flehentlich bittend vor ihm steht, an die wärmsten Gefühle seines Herzens appellirt und vergebens auf seine hülflosen Kinder zeigt.«

»Beweisen Sie es,« sagte der Gewürzkrämer.

»Es beweisen,« wiederholte höhnend der Mann mit dem rothen Gesichte. »Was? Wir schmachten unter einer insolenten und faktiösen Oligarchie, seufzen unter der Macht grausamer Gesetze und unter dem Drucke der Tyrannei, welche rechts und links, von oben und von unten, aus jedem Winkel auf uns lauert. Es beweisen!«

Der Mann mit dem rothen Gesichte brach schnell ab, grinste wie ein Tyrann im Melodram und vergrub Gesicht und Unwillen in seinem Maßkrug.

»Ja, wahrhaftig, Herr Rogers,« sagte ein derber Trödler in einer großen weiten Weste, welcher während der ganzen Rede mit unverwandten Blicken den Aufklärer angeglotzt hatte. »Ja, wahrhaftig,« meinte der Trödler mit einem Seufzer, »so ist die Sache.«

»Natürlich, natürlich,« stimmten verschiedene Glieder der Gesellschaft ein, welche beinahe eben so viel davon verstanden, als der Trödler selbst.

»Sie ließen ihn besser gehen, Tommy,« sagte der Trödler, um dem Gewürzkrämer einen wohlmeinenden Rath zu geben, »er ist im Stande und sagt nach acht Tagen, wie viel Uhr es ist, ohne nur auf das Zifferblatt zu sehen; das kann er. Probiren Sie es nur – da müssen Sie es anders anfangen, so werden Sie nicht mit ihm fertig.«

»Was ist ein Mann?« fuhr der Repräsentant seiner weit verbreiteten Rasse mit dem rothen Gesichte fort und riß zornig seinen Hut vom Nagel an der Wand. »Was ist ein Engländer? Ist er dazu da, um von jedem Unterdrücker auf sich herum trampeln zu lassen? Darf Jedermann die Schuhe an ihm abputzen? Muß er auf Jedermanns Befehl Kratzfüße machen? Was ist Freiheit? Kein stehendes Heer. – Was ist ein stehendes Heer? Keine Freiheit. – Was ist allgemeine Wohlfahrt? Kein allgemeines Elend. – Freiheit ist keine Fenstertaxe, nicht wahr? Die Lords sind keine Gemeinen, nicht so?«

Und immer heller ließ nun der Mann mit dem rothen Gesichte seine Beredsamkeit leuchten; die Beiwörter »memmenhaft«, »grausam«, »gewaltsam«, »blutdürstig«, bildeten die hervorstechendsten Ausdrücke in seiner Tirade. Als er fertig war, stülpte er seinen Hut zornig über die Augen, verließ das Zimmer und schmiß die Thüre hinter sich zu.

»Ein wundervoller Mann,« sagte der Spitznasige.

»Ein glänzender Redner!« fügte der Trödler hinzu.

»Ein großes Talent!« sagten Alle außer dem Gewürzkrämer, und wiegten dabei geheimnißvoll ihre Köpfe; dann schlich sich Einer nach dem Andern fort, und ich war endlich allein in dem Zimmer.

Wären wir dem Gedankenzuge, zu welchem das Vorhergehende Veranlassung gab, auf die gewöhnliche Weise gefolgt, so hätten wir unaufhaltsam in ein Meer von Betrachtungen versinken müssen. Das alterthümliche Aussehen des Gemachs – die alten Bilder an der Wand – das von Rauch und Alter geschwärzte Kamin – hätten uns wenigstens um hundert Jahre zurück versetzt, und wir würden sicher so lange fortgeträumt haben, bis plötzlich der zinnerne Krug auf dem Tische oder die kleine Bierflasche am Kamin Leben bekommen und eine lange Geschichte aus vergangenen Zeiten erzählt hätte. Allein wir waren einmal nicht romantisch gestimmt, und obgleich wir uns alle Mühe gaben, dem alten Gerümpel Leben und Odem einzuhauchen, so blieb es dennoch völlig leblos, eigensinnig und stumm. Da wir nun auf die unlustige Nothwendigkeit beschränkt waren, an ganz alltägliches Zeug zu denken, so kehrten unsere Gedanken wieder zu dem Manne mit dem rothen Gesicht und zu seinem Rednertalent zurück.

Es ist eine zahlreiche Rotte – diese Leute mit rothem Gesicht; – es gibt nicht leicht eine Wirthsstube, ein Clubbzimmer, eine Wohlthätigkeits-Gesellschaft, oder irgend einen andern kleinen Verein von beliebiger Art, welche nicht ihren Mann mit rothem Gesicht hätten. Es sind schwachköpfige Tölpel, und obgleich sie es nicht böse meinen, so richten sie viel Unheil in der Welt an; darum haben wir – um ein Muster aufzustellen, woran man die Anderen erkennen kann – hier ein Abbild von Einem gegeben und dieß ist auch der einzige Grund, warum dieser Aufsatz geschrieben worden ist.


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