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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Ein Besuch in Newgate.

»Die Macht der Gewohnheit« ist eine alte Phrase, welche man fast aus jedem Munde hört, und es ist gewiß nicht wenig bemerkenswerth, daß gerade diejenigen, welche sich derselben gegenüber von Anderen am häufigsten bedienen, unwissentlich an sich selbst die auffallendsten Beispiele liefern, wie sehr Gewohnheit und Sitte die Gefühle des Menschen beherrschen, und wie wenig Aufmerksamkeit sie solchen Gegenständen zuzuwenden pflegen, welche ihnen etwas Alltägliches geworden sind.

Wenn Bedlam gleich einem zweiten Palast Aladins plötzlich verrückt und auf die Stelle hingezaubert werden könnte, welche gegenwärtig Newgate einnimmt, so würde wohl kaum von hundert Menschen Einer, den seine Geschäfte jeden Morgen durch Newgate-Street oder an Old-Bailey vorüberführen, an diesen Gebäuden vorbeigehen, ohne einen raschen Blick auf seine kleinen Gitterfenster zu werfen, und ohne daß sich ihm wenigstens ein vorübergehender Gedanke an den Zustand der unglücklichen Wesen, die dort in ihre abscheulichen Zellen eingemauert sind, aufdränge; jetzt aber gehen dieselben Menschen Tag für Tag, und Stunde für Stunde an diesem trübseligen Verwahrungsorte der Schuld und des Elends der Hauptstadt, von dem Strome des unaufhaltsam bewegten Lebens dahingerissen, hin und her, und bleiben völlig gefühllos gegen die Masse der hineingesperrten elenden Geschöpfe; ja sie wissen nicht einmal, oder wenn sie es auch wissen, so bekümmern sie sich wenigstens nicht darum, daß sie, so oft sie an der hervorspringenden Ecke der massiven Mauern mit hellem Gelächter und fröhlichem Pfeifen vorübergehen, nur eine Ellenlänge von einem hülflosen gefesselten Mitmenschen trennt, dessen Stunden gezählt sind, dem der letzte Hoffnungsstern für immer untergegangen ist, und dessen beklagenswerther Lebensbahn in Kurzem durch einen gewaltsamen und schmählichen Tod ein Ziel gesteckt werden wird. Die Berührung mit dem Tode ist schon in seiner minder abschreckenden Gestalt etwas Feierliches und Ergreifendes; einen wie viel schrecklicheren Eindruck muß er aber auf uns machen in der Nähe eines zum Tode Bestimmten – in der Nähe eines Menschen in voller Gesundheit, Kraft und Jugendblüthe, im Frühlinge seines Daseins, mit denselben vollkommenen Geisteskräften und denselben kräftigen Gefühlen, wie unsere eigenen, der aber nichts desto weniger ein Sterbender ist, welchem die Hand des Todes ihren Stempel eben so unauslöschlich aufgedrückt hat, als wenn eine tödtliche Krankheit seine Gestalt zu einem Schatten gemacht und ekelhafte Verwesung bereits ihr Werk begonnen hätte.

Solche Gedanken hatten sich unserer bemächtigt, als wir – nachdem sie einmal unsere Lieblingsgedanken geworden – vor einigen Wochen den Entschluß faßten, das Innere von Newgate zu besehen; und da wir unser Vorhaben inzwischen verwirklicht haben, so wollen wir auch nicht säumen, das Ergebniß unsern Lesern vorzulegen. Wir glauben, die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß diese Papiere – wenn auch mehr mit Rücksicht auf die Natur des Gegenstandes, als in stolzer Zuversicht auf unsere Darstellungsgabe – nicht gänzlich uninteressant gefunden werden dürften, und haben blos noch voranzuschicken, daß wir nicht beabsichtigen, den Leser mit irgend einem statistischen Nachweise über dieses Gefängniß zu ermüden, – welche sie in einer Menge von Berichten eben so zahlreicher Comitées und verschiedener anderer gleichgewichtiger Autoritäten finden können; denn wir machten keine Bemerkungen, zeichneten keine Notizen auf, maßen keine Höfe und Zimmer nach Zollen ab, und sind sogar nicht einmal im Stande, über die Zahl der Abtheilungen des Gefängnisses Auskunft zu geben.

Wir sahen die Gefangenen-Anstalt und die Gefangenen, und was wir sahen und was wir dabei dachten, dieß allein wollen wir auf unsere Weise erzählen.

Nachdem wir unsere Erlaubnißkarte dem Diener abgegeben hatten, der uns das Gouvernementshaus geöffnet, wurden wir in das »Amtszimmer« eingeführt – ein kleines Zimmer, zur Rechten des Eingangs, mit zwei Fenstern, die sich gegen Old-Bailey hin öffnen, und gleich dem gewöhnlichen Geschäftszimmer eines Anwaltes oder dem Comptoir eines Kaufmannes mit den unentbehrlichen Gerätschaften ausgestattet, nämlich einer Gitterbarriere, ein paar Bänken, einem Schreibtische, ein paar Stühlen und ein paar Schreibern, einem Kalender, einer Glocke und einigen Karten. Nach kurzem Verzuge, dadurch veranlaßt, daß man erst nach dem Diener, dessen Amt es ist, Fremde herumzuführen, in das Innere des Gefängnisses senden mußte, kam dieser herbei – es war ein Mann von ansehnlicher Gestalt, etwa zwei- bis dreiundfünfzig Jahre alt, mit breitgerändertem Hute und ganz schwarz gekleidet, der, ohne seine Schlüssel, mehr einem Geistlichen als einem Gefängnißschließer ähnlich gesehen hätte, so daß wir ganz erstaunt darüber waren, denn – er trug nicht einmal Stulpenstiefeln.

Wir folgten unserem Führer durch den der Eingangsthüre gegenüberliegenden Ausgang, und gelangten in ein kleines Zimmer, in welchem sich keine anderen Geräthschaften befanden, als ein kleiner Schreibtisch, auf dem das Fremdenbuch lag, und ein Aktenständer mit einigen Fächern und den Gypsabgüssen der Köpfe der bekanntesten Mörder Bishop und Williams, wo uns namentlich der Erste durch seine markirte Kopf- und Gesichtsbildung die volle Ueberzeugung aufdrang, daß zu jeder Zeit hinlängliche moralische Gründe für seine Hinrichtung da gewesen sein mußten, selbst wenn lediglich keine andern Beweise gegen ihn vorgelegen hätten. Durch die Thüre gegenüber kamen wir in ein kleines Gemach, von dem ein Ausgang nach Old-Bailey führt; die eine Wand war reichlich mit einer ausgewählten Sammlung schwerer eiserner Fesseln verziert, zu denen auch jene gehörten, welche von dem gefürchteten Jack Sheppard getragen wurden; – diese waren wenigstens ächt; andere dagegen, welche die kräftigen Glieder des nicht minder berüchtigten Dick Turpin geziert haben sollen, werden für zweifelhaft gehalten. Von diesem Gemache aus betritt man durch eine starke eichene, mit Eisenblech und Nägeln beschlagene Thüre, welche, wenn wir uns noch recht erinnern, von einem andern Schließer bewacht wird, eine kleine Treppe, welche sich in einen schmalen, dunkeln, massiven Durchgang endigt, der mit Old-Bailey parallel läuft und durch eine große Anzahl krummer und verworrener Gänge zu den verschiedenen Höfen führt, die durch ungeheure Thore und starke Gitter verwahrt sind, und deren Anblick allein schon hinreichend ist, jedem Neuankommenden alle Hoffnung auf Flucht zu benehmen, mit der er sich etwa bisher noch getragen haben mochte. Es ist selbst, wenn man etwa später diesen Weg wieder macht, unmöglich, sich so genau an Alles noch zu erinnern, ohne auf ein Labyrinth von Verwirrung zu stoßen.

Es wird hier notwendig sein, die Bemerkung einzuschalten, daß die Gebäude des Gefängnisses – oder eigentlich seine verschiedene Quartiere – ein Viereck bilden, dessen Seiten beziehungsweise an Old-Bailey, das alte medicinische Collegium (das nun einen Theil des Newgatemarktes bildet), das Sitzungshaus und die Newgatestraße grenzen. Der innere Raum ist in mehrere gepflasterte Höfe abgetheilt, in welchen die Gefangenen freie Luft genießen und sich Leibesbewegung machen dürfen, soweit dieß an einem solchen Orte nur immer sein kann.

Diese Höfe laufen, mit Ausnahme derer, auf welche die zum Tode verurtheilten Gefangenen beschränkt sind (von denen wir unten eine genauere Beschreibung geben werden), mit der Newgatestraße und demnach auch der Richtung von Old-Bailey nach dem Newgatemarkt parallel. Die Abtheilung für die Weiber befindet sich in dem rechten Flügel des Gefängnisses, zunächst dem Sitzungshause, und da wir in diesen Theil des Gefängnisses zuerst geführt wurden, so wollen wir auch denselben Gang befolgen, wobei wir unsere Leser um ihr freundliches Geleite bitten.

Wir wandten uns demnach zur Rechten durch denselben Gang, dessen wir eben erwähnt haben, und gelangten, ohne von den zahllosen Thüren und Thoren, die vor uns auf- und zugeschlossen wurden, etwas zu sagen, denn wenn wir sie alle aufzählen wollten, so käme auf jedes Komma eine Thüre, endlich an ein großes Thor aus starken eichenen Riegelhölzern, durch welches wir ungefähr zwanzig Weibspersonen erblickten, die in einem kleinen Hofraume auf und ab gingen, sich jedoch, so wie sie Fremde gewahr wurden, zum größten Theile in ihre Gefängnisse zurückzogen. Die eine Seite dieses Hofes ist völlig vergittert und bildet dadurch eine Art von eisernem Käfig, etwa fünf Fuß zehn Zoll hoch, oben mit einem Dache und in der Front mit eisernen Stäben versehen, durch welche die Angehörigen der weiblichen Gefangenen mit ihnen sprechen dürfen. An einer Ecke auf der Außenseite des sonderbaren Zwingers stand ein gelbes, häßliches, ausgemergeltes altes Weib in einem zerlumpten Kleide, das einst schwarz gewesen sein mochte, die Reste eines alten Strohhutes mit abgeschossenen Bändern von derselben Farbe auf dem Kopfe, in angelegentlicher Unterhaltung mit einem jungen Mädchen – natürlich einer Gefangenen – von etwa zweiundzwanzig Jahren. Man kann sich unmöglich ein ergreifenderes Bild der bittersten Armuth, oder ein durch das Uebermaß des Elendes und der Verlassenheit an Leib und Seele gleich niedergedrücktes Geschöpf denken, als das alte Weib. Das Mädchen sah gut und kräftig aus, ihr reiches Haar flatterte im Winde – denn sie hatte keinen Hut – und ein seidenes Männertaschentuch war leicht um ihre vollen Schultern geschlungen. Das alte Weib sprach zu ihr in jenem leisen, gedämpften Tone, der die Unruhe des Gemüthes so deutlich bezeichnet, und brach hie und da in unwillkürliches Schluchzen aus, – abgerissene Schmerzenslaute, die erschütterndsten Töne, welche menschliche Ohren je vernehmen können. Das Mädchen schien völlig theilnahmlos. Ohne alle Hoffnung auf Befreiung, resignirt und verhärtet, horchte sie mürrisch den Worten ihrer alten Mutter, was sie ihr auch sagen mochte; und außerdem, daß sie nach »Jem« fragte, und hastig nach den wenigen Halfpencen griff, die ihr die bettelarme Mutter zusteckte, nahm sie an deren Reden augenscheinlich keinen größeren Antheil, als der unbefangenste Zuschauer. Gott weiß es, daß sich unter den Gefangenen im äußeren Hofe genug befanden, die sich um das, was unter ihren Augen vorging und was sie hörten, eben so wenig bekümmerten, als wenn sie blind oder taub gewesen wären. Was konnte ihnen auch daran gelegen sein? und außer dem Gefängnisse waren sie mit dergleichen Scenen schon allzubekannt geworden, als daß in ihnen auch nur der vorübergehende Gedanke rege geworden wäre, irgend Theil daran zu nehmen, wenn es nicht allenfalls etwas Lächerliches oder Verächtliches war – denn für alles Andere hatten sie längst alle Sympathie verloren.

In einiger Entfernung war eine schlumpig aussehende Weibsperson, in schmutziger, alter zerlumpter Haube, die Arme in ein großes rothes Halstuch gewickelt, dessen ausgefranzte Enden über eine unreinliche, ehemals weiße Schürze herabhingen, in Mittheilung einiger Instruktionen an ihren Besuch – augenscheinlich ihre Tochter – begriffen. Das Mädchen war leicht gekleidet und zitterte vor Frost. Einige gewöhnliche Erkundigungen wurden zwischen ihr und ihrer Mutter ausgetauscht, als diese am Gitter erschien, aber Hoffnung, Trost, Betrübniß oder Theilnahme wurde so wenig von der einen als von der andern Seite ausgesprochen. Die Mutter flüsterte ihr allerlei Weisungen zu, und das von Hunger und Elend abgemagerte Gesicht der Tochter nahm dabei den Ausdruck wohl berechneter Verschmitztheit an. Es war wohl von ihrer Verteidigung und der Hoffnung auf Befreiung die Rede, denn über des Mädchens Angesicht verbreitete sich – aber nur einen Augenblick – ein hämisches Lächeln, gleich als ob sie sich nicht sowohl über die Wahrscheinlichkeit der Befreiung ihrer Mutter, als vielmehr darüber freute, daß sie doch ihren Verfolgern zum Trotz loskommen würde. Die Unterredung hatte bald ein Ende, und mit derselben unbekümmerten Theilnahmlosigkeit, mit der sie sich einander genähert hatten, wandte sich die Mutter wieder dem innern Raume des Hofes und das Mädchen dem Thore zu, durch welches sie gekommen war.

Dieses Mädchen gehörte zu jener leider so zahlreichen Klasse, deren bloße Existenz ein Menschenherz bluten machen kann. Kaum über die Jahre der Kindheit hinaus, bedurfte es bei ihr doch blos eines Blickes, um die Entdeckung zu machen, daß sie eine jener Unglücklichen war, die – in Armuth und Laster geboren und erzogen – nie erfahren durften, was Kindheit ist, und nie lernten, was es heißt zu lieben und nach einem Lächeln der Eltern zu geizen, oder einen finstern Blick derselben zu fürchten. Die tausenderlei namenlosen Schmeicheleien der Kindheit, ihre Fröhlichkeit und Unschuld kennen solche nicht. Sie sind mit Einemmale in die rauhe Wirklichkeit in den Jammer des Lebens getreten, und es ist rein vergeblich, von ihnen zu erwarten, daß in spätern Zeiten einige bessere Gefühle bei ihnen einkehren würden, wie sie die edlere Natur, wenn auch nur für Augenblicke, in dem Busen anderer, gewöhnlicher Menschen, wie verdorben sie auch bereits sein mögen, hervorzurufen pflegt. Erzählet ihnen von elterlicher Sorge, den glücklichen Tagen der Kindheit, und den fröhlichen Spielen der Jugend – eitle Worte! – Sprecht aber mit ihnen von Hunger, von den Straßen, vom Betteln, von Ruthen, von Branntweinkneipen, von Correktionshäusern und Pfandverleihern – dann werden sie euch verstehen.

Zwei oder drei Weiber standen an verschiedenen Orten vor dem Gitter und unterhielten sich mit ihren Angehörigen, aber der bei weitem größere Theil der Gefangenen schien – außer solchen, die sich wohl auch innerhalb dieser Mauern befinden mochten – gar keine Freunde zu besitzen.

Wir schritten rasch durch den Hof, verweilten nur kurz bei der Beobachtung der eben erwähnten Zwischenvorfälle, und wurden dann eine reinliche, helle Steintreppe hinauf zu einem der Gefängnisse geführt. Es befanden sich deren in diesem Theile des Gebäudes verschiedene, eine Beschreibung des Einen paßt jedoch auf alle.

Es war ein geräumiges, kahles, weiß getünchtes Zimmer, natürlich durch Fenster beleuchtet, die gegen das Innere der Anstalt gingen, aber weit heller und freundlicher, als man billigerweise in einem solchen Aufenthaltsorte erwarten konnte. In demselben befand sich ein großes geheiztes Kamin, nebst einem tannenen Tisch, um welchen zehn bis zwölf weibliche Gefangene auf hölzernen Bänken beim Mittagessen saßen. Längs der beiden Wände lief ein Gesimse hin, unter welchem in regelmäßigen Zwischenräumen eine Reihe großer Haken in der Mauer befestigt war, an denen die Schlafmatten der Gefangenen hingen; ihre Bettdecken und Leintücher aber lagen zusammengelegt auf dem Gesimse. Bei Nacht werden die Matten je unter dem Haken, an welchem sie den Tag über hängen, auf den Boden gelegt und durch diese Vorrichtung wird das Gemach zugleich Wohn- und Schlafzimmer. Ueber dem Kamine lag ein Stoß Pappendeckel, worauf viele Bibelsprüche standen, deren mehrere auch, wie die Vorschriften in den Schulen, in dem Zimmer herum vertheilt waren. Das Mittagessen auf dem Tische bestand aus einer hinreichenden Menge von gedämpftem Fleisch und Schwarzbrod auf Zinnschüsseln, welche sehr blank erhalten waren und nach dem Essen in großer Ordnung wieder auf die Gesimse gestellt wurden.

Die Weiber standen bei unserem Eintritte schnell auf und schaarten sich um das Kamin. Alle waren reinlich, – viele recht anständig gekleidet, und weder in ihrem Aeußern noch in ihrem Benehmen war etwas besonders Auffallendes zu bemerken. Eine oder zwei griffen zu dem Strickzeuge, welches sie wahrscheinlich vor dem Essen bei Seite gelegt hatten, Andere gafften ihren Besuch mit sorgloser Neugierde an, und wieder ein paar Andere versteckten sich hinter ihre Gefährtinnen im fernsten Winkel des Zimmers, als ob sie einer auch nur zufälligen Beobachtung eines Fremden ausweichen wollten. Einigen alten irischen Weibern, welche wir hier und in den andern Gefängnissen antrafen, schien die Sache nichts Neues zu sein; sie waren über unsere Gegenwart vollkommen gleichgültig und blieben hart an den Sitzen stehen, von denen sie so eben aufgestanden waren; im Allgemeinen schien übrigens allen Weibern unser Besuch, der jedoch sehr kurz war, unangenehm zu sein. Nicht ein Wort wurde gesprochen, so lange wir da waren, mit Ausnahme der Antworten, welche die Aufseherin dem uns begleitenden Schließer gab, als wir einige Fragen an ihn richteten. In jedem Gefängnisse ist eine solche Aufseherin aufgestellt, um die Ordnung zu erhalten, und dieselbe Einrichtung findet sich auch in den männlichen Gefängnissen, welche ihre Aufseher haben. Sie sind ebenfalls Gefangene und werden ihrer guten Aufführung wegen dazu gewählt. Sie allein haben das Vorrecht, in Bettstellen zu schlafen, zu welchem Zwecke in jedem Gefängnisse eine kleine Bettstelle aufgeschlagen ist. Auf beiden Seiten des Gefängnisses befindet sich ein kleines Gemach, in welches die Gefangenen bei ihrer Einlieferung gebracht werden und das sie nicht eher verlassen dürfen, bis sie zuvor von dem Hausarzte untersucht worden sind.Seit der Veröffentlichung dieses Aufsatzes ist die Gefängniß-Ordnung, namentlich in Bezug auf das Einsperren den Tag über, das Schlafen und andere ökonomische Einrichtungen bedeutend verbessert worden.

Wir kehrten durch denselben traurigen Gang zurück, durch welchen wir zuerst gekommen waren. – Derselbe enthält drei oder vier finstere Zellen zur Bändigung widerspenstiger Gefangener, und wir wurden von da durch einen engen Hof in die »Schule« – einer Abtheilung des Gefängnisses, welche ausschließlich für Knaben unter vierzehn Jahren bestimmt ist – geführt. In einem ziemlich großen Zimmer, in dem sich Schreibmaterialien und einige Vorschriftbücher befanden, trafen wir den Schulmeister mit ein paar Zöglingen; die übrigen wurden aus einem anstoßenden Zimmer herbeigeholt und alle in einer Reihe zu unserer Inspektion aufgestellt. Es waren im Ganzen ihrer vierzehn, einige mit, andere ohne Schuhe, einige mit Westen ohne Jacken, andere mit Jacken ohne Westen, und wiederum andere, die kaum etwas von diesem Allem hatten. Wenn wir nicht irren, so waren Alle sammt und sonders wegen Taschendieberei verhaftet, und so viele kleine Schelmengesichter sind uns in unserm ganzen Leben nicht auf Einmal vor Augen gekommen. Auch nicht ein freisprechender Zug – nicht ein Schein von Ehrlichkeit – nicht eine Spur war in der ganzen Sammlung herauszufinden, die nicht Galgen und Galeeren ausgedrückt hätte. Von Scham oder Reue war gar keine Rede. Sie thaten sich augenscheinlich etwas darauf zu gut, daß man sie nur der Beachtung für würdig hielt; sie schienen der Meinung zu sein, daß wir blos deßhalb nach Newgate gekommen wären, um es gleich einem Schauspiele zu betrachten, für dessen wesentlichsten Theil sie sich hielten; jeder dieser Knaben schien sich, wenn er in die Reihe trat, für eben so interessant und wichtig zu halten, als ob er diesen Platz irgend einer höchst verdienstlichen That zu danken hätte. Nie hat etwas einen widerwärtigeren Eindruck auf uns gemacht; wir hatten aber auch nie zuvor vierzehn ähnliche heillose und unverbesserliche Schlingel bei einander gesehen.

Zu beiden Seiten des Schulhofes befindet sich je einer für die Männer; in dem einem – gegen Newgate-Street hin – sind die Gefangenen einer bessern Klasse eingeschlossen. Von den übrigen haben wir eigentlich wenig zu sagen, da die verschiedenen Gefängnisse alle denselben Charakter tragen. Gleich denen der weiblichen Abtheilung sind sie mit Matten und Bettdecken versehen, welche den Tag über gerade so wie dort aufgehängt werden, und der einzige wirklich auffallende Unterschied, welcher den Gefängnissen der Weiber gegenüber in die Augen fällt, besteht darin, daß man die Männer lediglich ohne alle Beschäftigung sieht.

Rücksichtslos unter einander gemischt sitzen auf zwei dem Kamine gegenüberstehenden Bänken vielleicht zwanzig Männer; hier ein Knabe in Livree, dort ein Mann in einem groben Oberrocke mit Stulpstiefeln; weiter unten ein verzweifelt aussehender Bursche in Hemdärmeln, mit einer schottischen Mütze auf dem zottigen Kopfe; in seiner Nähe ein stämmiger Gauner in einem Bauernkittel und nächst diesem ein elendes schwächliches Wesen von erbärmlichem Aussehen, den Kopf in die Hand gestützt. In einer Beziehung aber sind sich Alle gleich, Alle träg und verdrossen. Wenn sie nicht am Kamine sitzen, so schlendern sie gedankenlos umher, legen sich an's Fenster, oder lehnen an den Wänden herum und wiegen sich unthätig hin und her. Mit Ausnahme von zwei oder drei Fällen, wo wir einen eine Zeitung lesen sahen, fanden wir dieß in allen Gefängnissen.

Die einzige Communikation, welche den Männern gestattet ist, findet, wie bei den Weibern, im Hofe statt, nur daß sich hier zwei verschlossene Eisengitter mit einem Zwischenraume von etwa zwei Ellen in der Weite befinden, so daß nichts hineingereicht werden, ja selbst der Gefangene die Person, welche ihn besucht, nicht einmal berühren kann. Die verheirateten Männer haben ein abgesondertes Gitter, an dem sie mit ihren Frauen sprechen dürfen, dessen Konstruktion aber dieselbe ist.

Die Gefängnißkapelle befindet sich an der Rückseite des Gouvernementshauses, und das letztere hat keine Fenster, die nach dem Innern des Gefängnisses gehen. Ob die mit dieser Kapelle zusammenhängende Ideenverbindung, – das Bewußtsein, daß hier aus gewissen schrecklichen Veranlassungen eine Art Leichengottesdienst für Lebendige gehalten wird, – ihm ein noch trüberes und düstereres Aussehen mittheilt, als es die Kunst gethan hat, können wir nicht sagen; sein Anblick ist aber in der That Schauer erregend. An einem stillen, abgeschlossenen Orte der Gottesverehrung erscheint an sich Alles höchst feierlich und ergreifend, daher mag wohl auch gerade diese Verschiedenheit von dem, was wir in anderen Kirchen zu sehen gewohnt sind, den melancholischen Eindruck noch verstärken. Das höchst Einfache der Ausstattung – die nackte, schmale Kanzel mit den dunkel angestrichenen Pfeilern zu beiden Seiten, die Emporbühne der Weiber mit ihren großen, dichten Vorhängen, die Plätze der Männer mit ihren rohen Bänken und von Alter geschwärzten Betpulten, die wackelnde kleine Tafel am Altar mit den zehn Geboten darüber an der Mauer, die verschossen, verbleicht und vor Staub und Dunst kaum mehr lesbar sind, – gegenüber dem reichen Sammet, der prächtigen Vergoldung, dem herrlichen Marmor und dem polirten Holze neuerer Kirchen – sind das Ergreifendste dieses höchst auffallenden Kontrastes. Außerdem ist es aber noch ein anderer besonderer Gegenstand, der unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und unsere Blicke fesselt, ein Gegenstand, von dem wir uns vergebens mit Schrecken und Abscheu wegzuwenden suchen und der uns noch Monate lang nachher schlafend und wachend verfolgte. Unmittelbar unter der Kanzel befindet sich nämlich zu ebener Erde der Kapelle, und zwar so, daß er in ihrem kleinen Raume am meisten in die Augen fällt, der Stuhl der Verurtheilten, – ein hoher, schwarzer Sperrsitz, welche jene elenden Wesen, die dem Tode geweiht sind, am Sonntage, der ihrer Hinrichtung vorangeht, Angesichts aller ihrer Mitgefangenen, – von denen sie vielleicht kaum seit einer Woche abgesondert waren, – einnehmen, um dem Gebete für ihr eigenes Heil anzuwohnen, in die Responsorien ihres eigenen Trauergottesdienstes einzustimmen und die Ermahnungen mit anzuhören, wodurch die übrigen Gefangenen an ihrem Schicksale ein warnendes Beispiel zu nehmen aufgefordert, sie selbst aber ermahnt werden, so lange es noch Zeit ist, – etwa noch vierundzwanzig Stunden, – »umzukehren und dem Zorngerichte, das über sie kommen werde, zu entrinnen.« – Was mögen die Gefühle jener Menschen sein, welche dieser fürchterliche Stuhl umschließt! Außer Galgen und Schwert haben sie keine weitere Aussicht mehr. Man denke sich ihr hoffnungsloses Festhalten am Leben bis zum letzten Augenblicke, die wilde Verzweiflung, die bei weitem noch ihre Angst vor dem Verbrechertode übersteigt, durch den sie so gewiß, so eilig mit allen auf ihren Häuptern lastenden Verbrechen, welche noch aus dem Munde des Geistlichen in ihren Ohren wiedertönen, in eine andere Welt befördert werden sollen! Es ist noch nicht lange her, daß sogar die Särge der hinzurichtenden Verbrecher während des ganzen Gottesdienstes neben ihnen in dem Stuhle aufgestellt wurden. Es mag unglaublich erscheinen, aber es ist vollkommen wahr. Wir wollen hoffen, daß der wachsende Sinn für Aufklärung und Humanität, der diese abscheuliche und herabwürdigende Sitte abschaffte, sich auch auf andere gleich barbarische Gebräuche ausdehnen möge, – Gebräuche, die nicht einmal die Entschuldigung der Zweckdienlichkeit für sich haben, denn die Erfahrung hat noch jedes Jahr gelehrt, daß sie mehr und mehr nutzlos sind.

Kehrt man von der Kapelle zu dem schon so oft erwähnten Gange zurück, und hat man den Hof, welcher Gefangenen von einer respectableren Klasse, als die hier eingesperrten, angewiesen ist, quer durchschnitten, so gelangt man an ein großes eisernes Thor von bedeutender Dicke und Stärke. Ist man von dem diensthabenden Schließer durch dieses eingelassen worden, so wendet man sich gleich links, und steht wieder vor einem Thore; hat man endlich auch diese letzte Barriere überschritten, so befindet man sich in dem schrecklichsten Theile dieses trübseligen Gebäudes – dem Gefängnißhofe der Verurtheilten. Der Zwanghof (the press yard), dessen Name den Zeitungslesern durch seine häufigen Nachrichten von – Gottlob jetzt selteneren – Hinrichtungen wohl bekannt ist, liegt in der Ecke des Gebäudes, zunächst dem Hause des Geistlichen in Newgate-Street, und zieht sich von dieser Straße gegen den Mittelpunkt des Gefängnisses parallel mit dem Newgate-Markte hin. Es ist ein langer, schmaler Hof, von dem ein Theil der Newgate-Street begränzenden Mauer das eine, und das Thor das andere Ende bildet. An dem oberen Ende, zur Linken – an der Mauer gegen Newgate-Street – befindet sich ein Brunnen und unten ein doppeltes Gitter (von dem das Thor selbst einen Theil bildet), dem oben beschriebenen ähnlich. Hinter diesen Gittern ist den Gefangenen gestattet, ihre Freunde zu sehen; doch hält sich während der ganzen Unterredung stets ein Gefängnißaufseher in dem Raume zwischen den beiden Gittern auf. In dem Gebäude unmittelbar zur Rechten, wenn man hereinkommt, sieht man das Zwangs-Zimmer (pressroom), das Tagszimmer (day-room) und die Zellen (cells); der Hof ist von hohen, mit chevaux de frise versehenen Mauern umgeben, und das Ganze steht unter der beständigen Obhut wachsamer und erfahrener Aufseher.

In dem ersten Gelaß, in welches wir geführt wurden, – am Ende einer Treppe und unmittelbar über dem Zwangszimmer, – befanden sich fünfundzwanzig bis dreißig Gefangene, welche sämmtlich zum Tode verurtheilt waren und nur der Bestätigung des Urtheilsspruchs entgegen sahen, – Leute von jedem Alter und dem verschiedenartigsten Aeußern, von einem verhärteten alten Bösewicht mit dunkelm Gesicht und grauem Barte an bis zu einem hübschen, noch nicht vierzehn Jahre alten Knaben, der selbst für dieses Alter besonders jugendlich aussah und wegen Einbruchs zum Tode verurtheilt worden war. Das Aeußere dieser Gefangenen bot nichts besonders Auffallendes dar. Ein paar anständig gekleidete Männer starrten mit niedergeschlagenen Mienen und in dumpfes Brüten versunken auf das Feuer, und ein paar Gruppen im oberen Theile des Zimmers standen an den Fenstern, während die Uebrigen sich um einen jungen Mann versammelt hatten, der am Tische saß und damit beschäftigt schien, die Jüngern im Schreiben zu unterrichten.

Das Zimmer war groß, luftig und reinlich. In den Zügen und der ganzen Haltung dieser Leute war wenig Angst oder Gemüthsunruhe zu lesen, obgleich ihr Urtheil bereits gefällt war und nur noch der Bestätigung bedurfte; aber wir fragen, ob trotz dem auch nur Einer unter ihnen war, der nicht gewiß gewußt hätte, daß es mit dem Urtheilsspruch nur eine Ceremonie gewesen sei und daß man nie die Absicht gehabt habe, ihm das Leben zu nehmen? Auf dem Tische lag ein neues Testament, aber nichts verrieth, daß es kürzlich gebraucht worden wäre.

In der unter diesem Zimmer befindlichen Zwangsstube trafen wir drei Männer, deren Absonderung, selbst von den Gefährten ihrer Schuld, nothwendig geworden war. Es ist eine lange, düstere Stube mit zwei in der Mauer eingetieften Fenstern. Hier schließt man die Unglücklichen am Morgen ihrer Hinrichtung ein, ehe sie zum Schaffot geführt werden. Das Schicksal eines jener drei Männer war noch ungewiß; denn seit seiner Verurtheilung hatten sich noch mildernde Umstände ergeben, die von dem Friedensgerichte menschlicherweise nachträglich vorgelegt worden waren. Die beiden andern hatten von der Gnade des Königs nichts zu erwarten; ihr Urtheil war bereits unterzeichnet, es war keine weitere Vertheidigung mehr zulässig, und sie wußten wohl, daß in dieser Welt für sie nichts mehr zu hoffen übrig blieb. »Die beiden Kleinen,« flüsterte der Schließer, »sind todte Leute.«

Der Eine, welcher noch Hoffnung hatte, begnadigt zu werden, stand an einem Fenster in der Nähe der Thüre, möglichst weit von seinen Gefährten weg. Unsere Ankunft war ihm sicher nicht entgangen, obgleich er die Miene entschlossener Gleichgültigkeit annahm; er hatte uns vorsätzlich den Rücken zugekehrt und rührte sich nicht, so lange wir da waren. Die beiden Andern standen an dem obern Ende des Zimmers. Einer von ihnen, den wir bei der Dunkelheit des Zimmers nicht deutlich sehen konnten, hatte sich, ebenfalls den Rücken gegen uns gekehrt, über das Feuer niedergebeugt, seinen rechten Arm auf den Kaminmantel gestützt und seinen Kopf darauf gelegt. Der Andere lehnte an dem Gesimse des entferntesten Fensters. Das durch dieses auf ihn fallende Licht theilte seinem blassen, abgezehrten Gesichte mit dem struppigen Haare ein wahrhaft gräßliches Ansehen mit. Seine Wange ruhte auf seiner Hand, sein Gesicht war ein wenig erhoben, und mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend, schien er mechanisch die Risse in der Wand zu zählen. Wir kamen nachher noch ein Mal in dieses Gemach und trafen den Ersten mit vollkommen militärischen Schritten auf und ab gehend, – er war Soldat bei der Fuß-Garde, – seine Tuchmütze saß keck auf der einen Seite; er verbeugte sich vor unserm Begleiter achtungsvoll, und dieser erwiederte seinen Gruß freundlich. Die beiden Andern waren immer noch in der alten Stellung und so regungslos wie Statuen.Beide wurden kurz darauf hingerichtet, den Andern hat der König begnadigt.

Nur wenige Schritte von dem Hofe der Verurtheilten, in einer Fortsetzung des Gebäudes, in welchem die beiden letztbeschriebenen Zimmer liegen, befinden sich die Zellen der Verurtheilten. Man gelangt über eine schmale finstere Treppe zu einem gleich finstern Gange, in welchem ein Holzkohlenfeuer ein trübseliges schwarzgelbes Licht auf die nächsten Gegenstände wirft und zugleich ein wenig Wärme verbreitet. Linker Hand im Gange befinden sich die massiven Thüren zu den Zellenreihen, durch welche man allein dahin gelangen kann. Drei solcher Gänge mit je drei Zellen von Einer Größe liegen über einander. Ihre Möbelirung und ihr Aussehen sind vollkommen gleich. Sobald das Urtheil zur Bestätigung vorgelegt ist, werden alle zum Tode verurtheilten Gefangenen Abends fünf Uhr von dem Tagzimmer in diese Zellen gebracht, wo ihnen bis zehn Uhr Licht gestattet ist, – und hier bleiben sie bis sieben Uhr des nächsten Morgens. Ist der Befehl zu des Gefangenen Hinrichtung angelangt, so wird er alsbald in eine solche Zelle gebracht und verläßt sie nur, um das Schaffot zu besteigen. Doch hat er die Freiheit, in dem Hofe herum zu gehen, aber sowohl bei seinem Spaziergange als in seiner Zelle steht er unter beständiger Aufsicht eines Schließers, der ihn unter keinem Vorwande auch nur einen Augenblick verlassen darf.

Wir traten in die erste Zelle. Es war ein acht Fuß langes und sechs Fuß breites steinernes Gewölbe. Dem Eingange quer gegenüber stand eine Bank mit einer Bibel und einem Gebetbuch; darunter lag eine gewöhnliche Pferde-Decke. Ein eiserner Leuchter war in der Mauer befestigt, und ein kleines hohes Fenster, das gerade so viel Luft und Licht herein ließ, als durch eine doppelte Reihe starker, eiserner Querstangen durchdringen konnte, befand sich an der Seite; Geräthschaften waren außerdem keine da. Man mache sich einen Begriff von der Lage eines Menschen, der die letzte Nacht seines Lebens in einer solchen Zelle zuzubringen hat. Allerlei unbestimmte und unklare Hoffnungen eines Aufschubs, woher er kommen sollte, schweben seiner Phantasie vor; er bildet sich allerhand ausschweifende und träumerische Fluchtgedanken, – weiß aber nicht, wie sie ausführen; – Stunde für Stunde der drei seiner Hinrichtung vorangehenden, ihm zur Vorbereitung gestatteten Tage flieht mit einer Eile dahin, wie sie kein lebendiges Wesen für möglich hielte, denn Niemand als ein dem Tode Verfallener vermag sie zu würdigen. Er hat seine Freunde mit Gesuchen ermüdet, die Aufseher mit ewigen Aufträgen geplagt, in seiner fieberhaften Unruhe die zeitlichen Warnungen seines geistlichen Trösters vernachlässigt und nun, wenn die Täuschung endlich verschwunden, wenn die Ewigkeit vor ihm, seine Schuld hinter ihm liegt, – nun, wenn seine Todesfurcht fast in Wahnsinn übergeht und das Gefühl seines hoffnungslosen Zustandes sich seiner mit erdrückender Gewalt bemächtigt hat, – ist er in dumpfes Brüten verloren und für Alles abgestorben, hat weder die Kraft, noch auch den Willen, sich zu dem Allmächtigen zu wenden und den anzuflehen, bei welchem doch allein Gnade und Vergebung zu suchen ist, vor dem allein seine Reue Nutzen bringen kann.

Stunden sind dahin geflohen und noch sitzt er mit verschränkten Armen auf derselben steinernen Bank, als denke er nur an die schnell verrinnende Zeit, die noch vor ihm liegt, taub für die dringenden Ermahnungen des guten Mannes an seiner Seite. Das schwache Licht ist dem Erlöschen nahe, die Todtenstille auf der Straße außen war hie und da durch ein Fuhrwerk unterbrochen, dessen Rasseln schauerlich in den weiten Hofräumen widerhallt und ihm warnend zuruft, daß die Nacht rasch dahin fliehe. Die dumpfe Glocke auf St. Paul schlägt Eins! Er hört es, der Schlag hat ihn wach gerüttelt. Nur noch sieben Stunden! Er schreitet den schmalen Raum seiner Zelle mit eilenden Schritten auf und ab, kalter Angstschweiß steht auf seiner Stirne, jede Muskel bebt vor Todesangst. Sieben Stunden! Ruhig läßt er sich nach seinem Sitz zurückgeleiten; mechanisch schlägt er die Bibel auf, welche man ihm in die Hand gibt; er versucht zu lesen und auf seinen Beichtvater zu hören. Es geht nicht: seine Gedanken schweifen stets ab. Das Buch ist durch vielen Gebrauch zerrissen und beschmutzt, – ganz so war das, in welchem er gerade vor vierzig Jahren in der Schule den ersten Unterricht begonnen! Er hat nicht wieder daran gedacht, seit er sie als Kind verlassen, und nun treten ihm Ort, Zeit, Stube – ja sogar die Knaben, mit denen er spielte, so lebendig vor Augen, als wenn es von gestern wäre. Gewisse längst vergessene Ausdrücke, gewisse läppische Worte aus den Tagen seiner Kindheit klingen in seinem Ohre nach, als hätte er sie kaum vor Minuten vernommen. Die dumpfe Stimme des Geistlichen ruft ihn wieder zu der Wirklichkeit zurück. Er liest ihm aus dem heiligen Buche vor, daß der reuige Sünder Gnade zu hoffen habe, den verhärteten aber die ewige Verdammniß erwarte. Er sinkt auf die Kniee nieder und faltet die Hände zum Gebet. Horch! was war das für ein Ton? Er springt auf, – es kann noch nicht Zwei sein. Horch! Zwei Viertel – drei – vier. Es ist so! Noch sechs Stunden! Nun sage ihm Keiner mehr von Reue, von Trost. Sechs Stunden der Reue für achtmal sechs Jahre der Schuld und der Sünde! Er verbirgt sein Gesicht in den Händen und sinkt auf die Bank hin.

Ermattet durch Wachen und Aufregung schläft er endlich ein und derselbe wirre Geisteszustand verfolgt ihn auch in seinen Träumen. Eine unerträgliche Last ist von seiner Brust genommen; er wandelt mit seinem Weibe auf einem herrlichen Gefilde, der weite blaue Himmel über ihnen, nach allen Seiten hin eine zauberische, unbegrenzte Landschaft. – Wie verschieden von den Steinmauern von Newgate! Und wie sein Weib aussieht! nicht wie damals, als er sie das letzte Mal an diesem schrecklichen Orte sah; nein, wie in den ersten schönen Zeiten ihrer Liebe – lange, lange vorher, ehe Elend und schlechte Behandlung sie entstellt, und das Laster sie zu Grunde gerichtet hatte, – auf seinen Arm gelehnt, blickt sie mit Zärtlichkeit und Liebe zu ihm empor, und doch schlägt er jetzt nicht nach ihr, doch stößt er sie nicht roh von sich. Und ach! wie angelegentlich erzählt er ihr Alles, was er ihr das letzte Mal, als sie sich so schnell wieder trennen mußten, zu sagen vergessen hat; auf den Knieen fleht er sie inständig um Verzeihung an für all' sein unfreundliches und grausames Betragen, welches ihre Schönheit zerstört und ihr Herz gebrochen hat. Plötzlich verändert sich die Scene. Er steht wieder vor dem Gericht. Da sitzt der Richter mit den Geschworenen, dort der Ankläger und die Zeugen, gerade wie es früher war. Welche Menge von Zuschauern! – welch ein wogendes Meer von Köpfen – dazu noch ein Galgen und ein Schaffot – und wie all' diese Leute auf ihn – nur auf ihn starren! Das Urtheil lautet; »Schuldig!« – Thut nichts – er wird entkommen!

Die Nacht ist finster und kalt. Man hat die Thore offen gelassen, im Augenblick ist er auf der Straße, mit Windesschnelle läßt er die Schreckens-Scenen seines Gefängnisses hinter sich. Die Straßen sind leer: endlich hat er das offene Feld gewonnen und das freie weite Land liegt vor ihm. Weiter tappt er mitten in der dicksten Finsterniß über Hecken und Gräben, durch Schlamm und Wasser, springt von Stelle zu Stelle mit einer Hast und Leichtigkeit, daß er selbst über sich staunen muß. Endlich hält er stille: nun ist er wohl vor Verfolgung sicher; er kann sich jetzt auf jene Bank legen und schlafen, bis die Sonne aufgeht.

Nun tritt völlige Bewußtlosigkeit ein. Zitternd vor Frost und Mattigkeit erwacht er endlich; das trübselige graue Licht der Morgendämmerung stiehlt sich in seine Zelle und fällt auf die Gestalt des ihn bewachenden Aufsehers. Schlaftrunken springt er von seinem harten Lager in Ungewißheit empor, – diese dauerte aber blos einen Augenblick. – Jeder Gegenstand in der engen Zelle ruft ihm zu laut die fürchterliche Wahrheit zu, als daß ihm noch ein Zweifel bleiben könnte. Er ist wieder der schuldige, zum Tode verurtheilte, verzweifelnde Verbrecher – und zwei Stunden später eine Leiche.


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