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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141117
projectid4c6924e6
secondcorrectorHerbert Niephaus
modified20161027
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die peinlichen Gerichtshöfe.

Wir werden niemals das Gefühl von Scheu und Ehrfurcht vergessen, welches uns der Anblick der Mauern von Newgate in den Tagen unserer Schulknabenzeit einzuflüstern pflegte. Wie drohend sahen seine massiven Mauern aus! – namentlich seine schweren Thore, welche ganz dazu gemacht schienen, die Leute hinein-, aber nicht mehr herauszulassen. Dann die Fesseln über der Thüre, welche wir ganz bona fide für wirkliche, eiserne Ketten hielten, die man der Bequemlichkeit wegen hingehängt hatte, um sie jeden Augenblick wegnehmen und einem widerspänstigen Schelm anlegen zu können! Wir mußten uns stets höchlich verwundern, wie nur die Fiaker, welche gegenüber ihren Stand hatten, in einer so grausenvollen Nähe ihre Späße machen und ganze Krüge von »Halb und Halb« bis auf die Nagelprobe leeren konnten! –

Oft sind wir hier zur Sitzungszeit herumgestrichen, um einen Blick in den Prangerhof zu thun und auf das finstere Gebäude an der Seite des Hofes, wo der Galgen mit all' seinem schrecklichen Apparat aufgehoben ist, und auf die Thüre, woran wir immer halb erwarteten, eine Messingplatte mit der Inschrift »Meister Knüpfauf« zu sehen, denn wir konnten uns durchaus nicht vorstellen, daß ein so ausgezeichneter Staatsbeamter möglicherweise ohne so etwas existiren könne. Die Zeit jener kindischen Träume ist vorbei und mit ihr manche andere jugendliche Idee fröhlicherer Art. So viel haben wir aber doch noch von unsern ursprünglichen Empfindungen beibehalten, daß wir noch bis zur Stunde nicht ohne Schauder an dem Gebäude vorüber zu gehen vermögen.

Wer geht hie und da zu Fuß durch London und hat nicht schon zuweilen einen eiligen Blick in das Pförtchen geworfen, durch welches die Gefangenen in diese traurige Behausung eingehen? – Wer hat nicht schon die wenigen Gegenstände, welche zu unterscheiden waren, mit unbeschreiblicher Neugierde überblickt? – Das dicke, mit Eisenblech beschlagene und mit Nägeln versehene Thor, gerade niedrig genug, um, darüber hingebeugt, einen grämlich aussehenden Burschen mit dreikantigem Hute, grobem Halstuche und Stulpstiefeln, in blauem Rocke, der etwa halb wie ein Ueberrock und halb wie ein Jagdfrack aussieht, mit einem ungeheuern Schlüssel in der Linken zu erblicken! Vielleicht bist du so glücklich, hineinzukommen, wenn man gerade das Thor öffnet; dann siehst du auf der andern Seite des Stübchens eine zweite Thüre, ganz der Pendant zu der ersten, und zwei oder drei Schließer, welche wie eine Multiplication des Ersten aussehen, um ein Feuer sitzen, durch welches das weißgetünchte Gemach gerade so weit erhellt wird, um dir einen schnellen Ueberblick auf die verschiedenen Gegenstände zu gönnen. Wir haben großen Respekt vor Mrs. Fry, allein sie sollte eigentlich mehr Romane geschrieben haben, als Mrs. Radcliffe.

Eines Tages schlenderten wir nach Old-Bailey hinab, und als wir gerade an besagter Thüre vorbeigingen, wurde sie von dem dienstthuenden Schließer aufgemacht. Natürlich drehten wir uns hurtig um, und sahen zwei Personen die Treppe herabkommen. Wir konnten nicht umhin, stehen zu bleiben und sie zu betrachten. Es war eine ältliche Weibsperson von anständigem Aeußeren, obgleich augenscheinlich arm, und ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren. Sie weinte bitterlich; in der Hand trug sie ein kleines Bündel und der Junge ging hinter ihr her. Ihre kleine Geschichte war leicht zu errathen.

Der Junge war ihr Sohn, welchem zu Liebe sie sich schon frühe alle Bequemlichkeiten des Lebens zu versagen gewohnt war, um dessenwillen sie Hunger und Kummer ohne Murren ertragen hatte, in steter Erwartung der Zeit, wo einmal der, welcher schon so lange Zeuge davon war, wie sie sich um ihn abmühte, auch Etwas für ihr beiderseitiges Fortkommen zu thun im Stande sein würde. Er war in schlechte Gesellschaft gerathen; Faulheit hatte ihn zum Verbrecher gemacht, und so war er verhaftet und wegen einer kleinen Dieberei in Untersuchung genommen worden. Man hatte ihn längere Zeit eingesperrt und, mit einer kleinen Warnung auf den Weg, heute Morgen frei gelassen. Es war sein erstes Vergehen und seine arme alte Mutter, welche die Hoffnung nicht aufgab, ihn wieder auf bessere Wege zu bringen, hatte an der Thüre gewartet, um ihn zur Rückkehr nach Hause zu bewegen.

Der Junge wird uns immer im Gedächtniß bleiben; er stieg die Treppe mit mürrischem Blicke herunter, und sein Kopfschütteln verrieth hinlänglich Trotz und hartnäckigen Eigensinn. Sie gingen ein paar Schritte, dann blieben sie stehen. In ihrer Seelenangst legte das Weib die Hand bittend auf seine Schulter, der Junge richtete den Kopf mürrisch in die Höhe, gleichsam als eine abschlägige Antwort. Es war ein herrlicher Morgen, und Alles weit und breit sah frisch und froh im hellen Sonnenlichte aus; ein paar Augenblicke sah er sich um, gewissermaßen verwirrt gemacht durch die Schönheit der Umgebung, denn es war schon lange her, daß er nichts Anderes gesehen hatte, als die finsteren Mauern seines Gefängnisses. Vielleicht machte der Jammer der Mutter Eindruck auf sein junges Herz, vielleicht stieg eine unbestimmte Erinnerung der Zeit in ihm auf, wo er noch ein glückliches Kind, und sie seine einzige Freundin und beste Genossin war – er brach in Thränen aus, bedeckte sein Gesicht mit der einen Hand, gab schnell die andere seiner Mutter, und so gingen sie mit einander weiter.

Die Neugierde hat uns gelegentlich auch in die beiden Gerichtshöfe von Old-Bailey geführt. Nichts ist für den Neuling auffallender, als die kalte Gleichgültigkeit, mit welcher hier verfahren wird; jedes Verhör scheint hier nichts als ein gewöhnliches Geschäft zu sein. Lauter Form – keine Theilnahme; ziemliches Interesse – aber keine Sympathie. Nehmen wir den Old-Court zum Beispiel. Hier sitzen die Richter, deren große Wichtigkeit Jedermann kennt, worüber wir also nichts mehr zu sagen brauchen. In der Mitte sitzt der Lord-Mayor, so kaltblütig aussehend, als ein Lord-Mayor nur immer aussehen kann, er hat ein ungeheures Bouquet vor sich liegen, und strahlt in aller Pracht und Herrlichkeit seines Amtes. Nun kommen die Sheriffe, beinahe eben so würdevoll als der Lord-Mayor selbst, dann die Anwälte, – ihrer hohen Meinung nach – ebenfalls wichtig genug, endlich die Zuschauer, welche die Erlaubniß bezahlt haben und deßwegen die ganze Scene betrachten, als wenn sie ausdrücklich zu ihrer speciellen Unterhaltung veranstaltet wäre. Wirft man einen Blick auf die ganze Gruppirung der Gerichtsmitglieder – so sind einige gänzlich in die Morgenzeitungen vertieft, andere schlummern wieder behaglich ein Stündchen, und man sollte kaum glauben, daß es sich bei der Untersuchung um Leben oder Tod des Elenden handelt, welcher hier vor den Schranken steht.

Richte einmal deine Augen dorthin; beobachte den Gefangenen aufmerksam ein paar Minuten und die Thatsache liegt vor dir – in ihrer ganzen schmerzlichen Wahrheit. Sieh', wie rastlos er die letzten zehn Minuten allerlei phantastische Figuren mit den Blumen, welche auf der Brüstung vor ihm herumliegen, gemacht hat; betrachte, wie sein Gesicht aschenfahl wird, wenn ein Belastungszeuge erscheint, wie er seine Stellung ändert und seine feuchte Stirne und fieberglühenden Hände abwischt, wenn die Anklageakte geschlossen ist, als läge eine Beruhigung für ihn darin, daß die Jury nun das Schlimmste weiß.

Sein Vertheidiger ist fertig. Der Richter faßt nun alle Beweise zusammen und der Gefangene bewacht das Gesicht der Geschworenen wie ein Sterbender, der, bis zum letzten Hauche noch am Leben hängend, fruchtlos auf dem Antlitze des Arztes nach einem Funken von Hoffnung sucht. Sie entfernen sich zur Berathung; – jetzt kannst du fast sein Herz schlagen hören, während er die Rosmarinstengel zerkaut und eine verzweifelte Anstrengung macht, ruhig zu erscheinen. Die Geschworenen nehmen ihre Plätze wieder ein. Todesstille herrscht, der Obmann spricht das Verdict aus: – »Schuldig.« – Man hört einen Schrei von einem Frauenzimmer auf der Gallerie; der Gefangene wirft schnell einen Blick nach der Gegend, wo der Ton herkam, wird aber schnell von einem Schließer abgeführt. Der Sekretär befiehlt einem Gerichtsdiener, die Person hinaus zu schaffen, und ein neuer Prozeß beginnt, als ob nichts vorgefallen wäre.

Man kann sich übrigens keinen größern Contrast denken, als der eben beschriebene Fall mit einer Scene steht, welche man täglich in New-Court sehen kann, dessen Ernsthaftigkeit gar oft nicht wenig durch die Halsstarrigkeit der jugendlichen Uebelthäter auf die Probe gesetzt zu werden pflegt. Ein Bursche von dreizehn Jahren ist nämlich angeklagt, die Tasche eines Unterthans Sr. Majestät ausgestohlen zu haben, und sein Vergehen liegt so klar am Tage, als nur irgend ein Vergehen am Tage liegen kann. Er wird aufgefordert, Etwas zu seiner Vertheidigung zu sagen, begnügt sich aber mit einer kleinen Deklamation über die Geschworenen und über sein Land, behauptet, alle Zeugen haben falsch geschworen, und gibt zu verstehen, daß die polizeiliche Gewalt sich förmlich gegen ihn »verschworen« habe. So wahrscheinlich diese Behauptung auch ist, so überzeugt sie den Gerichtshof doch nicht, und es fallen dann Scenen, wie folgende, vor:

Richter: »Bist du im Stande, Zeugen zu stellen, welche über deinen Charakter Auskunft geben können?«

Beklagter: »Ja, Mylord, fünfzehn Schindelmen warten draußen und haben gestern den ganzen Tag gewartet, welche mich die Nacht, bevor ich hierher gebracht worden bin, gesprochen haben.«

Richter: »Man sehe nach diesen Zeugen.«

Ein vierschrötiger Büttel geht weg und schreit aus vollem Halse nach den Zeugen; man hört seine Stimme immer schwächer und schwächer, je weiter er die Treppe in den Hof hinabstürzt. Nach fünf Minuten kommt er schwitzend und heiser wieder zurück und meldet, – was man vorher schon genau wußte, – daß weit und breit keine Zeugen zu finden wären. Darauf erhebt der Junge das schauerlichste Geheul, das man je innerhalb oder außerhalb der Mauern eines Gerichtshofes gehört hat, reibt die Augenwinkel mit den Händen und gibt sich alle mögliche Mühe, wie ein Bild der gekränkten Unschuld auszusehen. Die Jury erklärt ihn einstimmig für »schuldig« und seine Bemühungen, eine oder zwei Thränen heraus zu pressen, verdoppeln sich. Auf die Frage des Gerichts erklärt dann der Gefangenwärter, daß der Galgenstrick schon zweimal unter seiner Obhut gewesen sei. Dieß verneint aber der Range beherzt mit den Worten: »So wahr mir Gott helfe, ich bin noch nie vorher in solchen Verdrießlichkeiten gewesen; ganz gewiß, Mylord, noch niemals. Da ist aber nichts daran Schuld, als daß ich einen Zwillingsbruder habe, den man einmal unschuldigerweise bezüchtiget hat, er hätte gemaust, und der mir so täuschend ähnlich sieht, daß man uns nicht von einander kennt.«

Diese Stellvertretung, so wie seine Vertheidigung, verfehlt übrigens die beabsichtigte Wirkung, und der Junge wird vielleicht zu sieben Jahren Deportation verurtheilt. Als er sieht, daß es ihm unmöglich ist, Theilnahme zu erregen, so läßt er seinen Gefühlen durch Verwünschungen gegen »die alten Perückenstöcke« freien Lauf, und da er sich weigert, den Ort zu verlassen, so wird er durch zwei Männer hinausgeschafft, während er sich heimlich freut, daß es ihm gelungen ist, Allen so viel Mühe und Verdruß als möglich zu machen.

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