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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Des Pfandverleihers Laden.

Unter all' den zahllosen Niederlagen des Elends und der Armuth, von denen die Straßen Londons leider strotzen, gibt es wohl keine, welche die Noth und das Laster treffender darstellte, als der Laden eines Pfandverleihers. Die Natur und die eigentliche Bestimmung solcher Oerter bringen es schon mit sich, daß sie außer den unglücklichen Wesen, welche Verschwendung oder Unglück nöthiget, zeitliche Hilfe bei ihnen zu suchen, nur sehr Wenigen bekannt sind. Der Gegenstand mag beim ersten Anblick nicht viel Einladendes darbieten; wir wollen uns aber nichts desto weniger daran wagen, in der Hoffnung, daß jedenfalls unsere Schilderung, soweit dieß die Grenzen unseres Unternehmens gestatten, selbst unseren zartfühlendsten Leserinnen durchaus nichts Anstößiges darbieten werde.

Es existiren Leih-Anstalten von wirklich vornehmer Gattung. Wie überall sonst im Leben, gibt es auch hier gewisse Grade und Abstufungen, und Unterscheidungen muß man selbst bei der Armuth machen. Der aristokratische spanische Mantel und das plebejische Baumwollenhemd – das silberne Besteck und das gewöhnliche eiserne – die Musselin-Cravate und das grobe Halstuch würden übel zusammenpassen; daher nennen sich die vornehmeren Pfandverleiher Silberarbeiter und zieren ihren Laden mit hübschen Sachen und ausgesuchtem Schmucke, während die geringere Klasse derselben kühn ihren wahren Namen nennt und die Aufmerksamkeit gerade damit auf sich ziehen will. Die Leihanstalten der letzteren Art sind es nun, mit denen wir es zu thun haben werden. Wir haben uns zu diesem Zwecke einen solchen Laden ausgelesen und wollen es versuchen, ihn zu beschreiben.

Des Pfandverleihers Laden liegt nahe bei Drury-Lane, an der Ecke eines Gäßchens und hat zur Bequemlichkeit solcher Gäste, welche der Beobachtung der Vorübergehenden zu entgehen wünschen, oder nicht auf der öffentlichen Straße erkannt werden wollen, einen Seiteneingang. Es ist ein niederer, schmutzig aussehender, staubiger Laden, dessen Thüre sich immer in einem zweifelhaften Zustande befindet, ein bischen geöffnet, den zögernden Gast halb einladend, halb zurückweisend, der, wenn er noch nicht ganz entschlossen ist, eine der alten Granatbrochen hinter dem Fenster mit verstelltem Interesse betrachtet, als ob er im Sinne hätte, etwas zu kaufen, dann vorsichtig umherblickt, ob ihn Niemand sieht, und endlich rasch durch die Thüre hineinschlüpft, welche von selbst hinter ihm so weit wieder zugeht, als sie es vorher war.

Die Vorderseite des Ladens und die Fensterrahmen geben hinreichendes Zeugniß, daß sie einst angestrichen waren; was sie aber ursprünglich für eine Farbe hatten, oder von welcher Zeit sich dieß wohl herdatirt, bleibt eine Frage, die nach so vielen Jahren leichter gestellt, als beantwortet werden kann.

Die Sage geht, daß der Transparent an der Vorderthüre, der bei Nacht drei rothe Punkte auf blauem Grunde zeigt, einst in zierlichen Schriftzügen die Worte getragen hätte: »hier wird Geld vorgeschossen auf Silbergeschirr, Schmuck, getragene Kleider und alle Arten von Hausrath,« aber nur einige wenige unleserliche Hieroglyphen sind Alles, was noch darauf hinzuweisen scheint.

Das Silbergeschirr und der Schmuck mögen wohl mit der Ankündigung verschwunden sein; denn die Hauptartikel, welche in ziemlicher Zahl an den Fenstern ausgestellt sind, enthalten durchaus keinen werthvollen Luxusartikel irgend einer Art. Ein paar alte Porzellantassen, einige modernere Vasen mit erbärmlichen Gemälden, drei spanische Cavaliere, die auf drei spanischen Guitarren spielen, oder eine Gesellschaft zechender Bauern, von denen jeder ein Bein mühsam in die Höhe reckt, um zu zeigen, wie munter und behende er ist; verschiedene Schachspiele, zwei oder drei Flöten, einige Geigen, ein grasses, mit großen runden Augen aus einem finstern Grunde hervorstarrendes Porträt, einige buntscheckig eingebundene Gebetbücher und Testamente, zwei Reihen silberner Uhren, vollkommen so plump und fast eben so groß, als Fergusons erste, zahlreiche, altväterische Tisch- und Theelöffel, fächerartig in halben Dutzenden ausgebreitet, Korallenschnüre mit großen breiten vergoldeten Schlössern, Ringe und Halsbänder, gleich den Insekten im britischen Museum einzeln auf Karten geheftet, geringe silberne Etuis und Tabaksdosen und ein ausgezackter Stern machen das ganze Schmuckdepartement aus, während fünf oder sechs Bettstücke in schmutzigen Ueberzügen, Weißzeug in Bündeln, seidene und baumwollene Taschentücher und getragene Kleidungsstücke jeder Art den nützlicheren, aber minder zierlichen Theil der zum Verkaufe ausgesetzten Artikel bilden.

Eine große Sammlung von Hobeln, Meiseln, Sägen und anderem Zimmermannswerkzeuge, verpfändet und nicht wieder eingelöst, bildet den Vordergrund des Gemäldes; stellt man sich dazu nun noch vor: große Tische und Fächer voll numerirter Bündel aller Art, die man durch die schmutzigen Fenster nur kaum sehen kann – die garstige Nachbarschaft – die abscheulichen, halb verfallenen und vermoderten, schiefen, den Einsturz drohenden Häuser, aus deren Fenstern ein paar unsaubere, sieche Gesichter glotzen und vor welchen auf wackeligen Gestellen Küchengeschirr und verbuttete Pflanzen in zerbrochenen Töpfen aufgestellt sind, die jedem Vorübergehenden auf den Kopf zu fallen drohen – müssige, unter dem Thorbogen oder vor der benachbarten Branntweinschenke herumlungernde Tagediebe, deren Weiber geduldig an dem Ecksteine stehen und hinter großen Körben voll geringer grüner Waare auf Käufer warten, so hat man das Wesentliche der ganzen Schaustellung. Ist nun das, was man von außen sehen kann, schon darauf berechnet, die Aufmerksamkeit des vorübergehenden spekulativen Fußgängers auf sich zu ziehen und sein Interesse zu erregen, so muß das Innere diese Wirkung in noch viel höherem Grade hervorbringen. Die Außenthüre an der Vorderseite, deren wir schon vorhin erwähnten, geht in den gewöhnlichen Laden, wo sich alle jene Kunden einfinden, welche alte Bekanntschaft mit dergleichen Scenen schon längst gleichgültig dagegen gemacht hat, ob sie von den Gefährten ihrer Armuth gesehen werden oder nicht.

Die Seitenthüre führt nach einem schmalen Gange, von dem ungefähr ein halbes Dutzend Thüren (die von innen durch Riegel verschlossen werden können) nach einer gleichen Zahl Verschlägen oder Cabineten führen, welche auf das Comptoir gehen. Hier hinein begiebt sich der furchtsamere und respektablere Theil der Leute, um sich von der Masse abzusondern und von ihr unbemerkt zu bleiben, und wartet geduldig, bis es dem Herrn hinter dem Ladentische mit dem gekräuselten schwarzen Haare, dem Diamantringe und der doppelten silbernen Uhrkette gefällig sein wird, Notiz von ihnen zu nehmen – ein Umstand, der allein von der Stimmung abhängt, in welcher sich der besagte Herr zur Zeit gerade befindet.

Im gegenwärtigen Augenblicke ist dieses elegant gekleidete Individuum damit beschäftiget, das Duplicat von seiner so eben gemachten Ausfertigung in ein dickes Buch einzutragen, in welchem Geschäfte er blos durch ein Gespräch mit dem bei einer ähnlichen Arbeit nicht weit von ihm sitzenden andern jungen Manne zuweilen unterbrochen wird, und dessen Andeutungen, wie z. B. »jene letzte Flasche Sodawasser vergangene Nacht« und »wie schön rund sich mein Hut fühlte, als ihn mir das junge Mädchen abnahm,« möchten allerlei Vermuthungen von verstohlenen Vergnügungen in letzter Nacht aufkommen lassen.

Die Kunden scheinen im Allgemeinen übrigens nicht sehr geneigt zu sein, an dem Spaß, welchen sie daran haben könnten, irgend Theil zu nehmen, denn ein altes, bleich aussehendes Weib, die schon seit einer halben Stunde, mit beiden Armen auf den Ladentisch gelehnt und ein kleines Bündel vor sich, dasteht, unterbricht das Gespräch plötzlich, indem sie sich an den aufgeputzten Mann wendet und sagt: – »Nun, Herr Henry, machen sie ein bischen voran, seien Sie lieb und brav: meine beiden Enkel sind zu Hause eingeschlossen und ich bin wegen des Feuers in Sorgen.« Der Ladendiener erhebt kaum seinen Kopf und hat das Ansehen, als ob man ihn aus den tiefsinnigsten Gedanken aufgestört hätte, macht aber so bedächtig mit seinem Eintrag fort, als ob er mit Kupferstechen beschäftiget wäre, und sagt: »Sie haben wohl heute Abend Eile, Frau Tatham, nicht wahr?« Dieß ist die einzige Notiz, welche er nach fünf Minuten von der alten Frau nimmt. »Ja, ich habe in der That Eile, Herr Henry; fertigen Sie mich doch bald ab, Sie sind ja ein guter Herr. Ich würde Sie gewiß nicht so drängen, aber es ist mir nur wegen der beiden Kinder.« – »Was haben Sie denn da?« fragt der Ladendiener und öffnet das Bündel – »wahrscheinlich altes Zeug – ein paar Hauben und ein Unterrock; Sie müssen sich wo anders umsehen, alte Frau; darauf kann ich nichts geben: die Sachen sind jetzt schon ganz abgenützt, wäre es auch nur dadurch, daß sie dreimal in der Woche eingeschlossen und wieder herausgenommen wurden.« – »O! Sie sind ein Schelm, Sie,« erwiedert die alte Frau und lacht pflichtschuldigst aus vollem Halse; »wenn ich nur auch so sagen könnte, wie Sie, dann würden Sie mich nicht so oft da sehen. Nein, nein; es ist kein Unterrock, ein Kinderkleid ist es und ein hübsches seidenes Taschentuch, das meinem Manne gehört. Er hat vier Shillinge dafür gegeben an dem Unglückstage, als er den Arm brach.« – »Was wollen Sie denn auf diesen Bettel?« fragt Herr Henry und sieht die Sachen kaum an, die wahrscheinlich alte Bekannte von ihm sind. »Was wollen Sie auf diesen Bettel?« – »Achtzehn Pence.« – »Neun Pence, mehr gebe ich nicht darauf.« – »O, machen Sie einen Shilling; ich weiß, Sie sind ein lieber Herr, – machen Sie einen Shilling.« – »Keinen Farthing weiter.« – »In Gottes Namen, so muß ich es eben nehmen.«

Der Zettel wird doppelt ausgefertigt, einer der alten Frau gegeben, der andere an die Gegenstände geheftet und diese in einen Winkel geworfen; hierauf bitten andere Kunden ohne Verzug abgefertigt zu werden.

Die Wahl fällt jetzt auf einen unbarbirten, schmutzigen, stupid aussehenden Burschen, dessen abgeschossene Papiermütze nachlässig auf dem einen Auge sitzt und sein ohnedem schon nichts weniger als einladendes Aussehen noch abschreckender macht. Er genoß nun hier seit einer Viertelstunde einige Ruhe von seiner vorher gehabten Anstrengung, welche darin bestanden hatte, seine Frau mit dem Fuße im Hofe herum zu stoßen. Er war gekommen, um einiges Handwerkzeug einzulösen – wahrscheinlich um sich in den Stand zu setzen, ein neues Pfand damit zu vervollständigen, auf das er schon einiges Geld vorempfangen hatte, wenn man aus seinem rothen Gesicht und trunkenen Blick darauf schließen darf. Nachdem er noch kurze Zeit gewartet hat, macht er seine Anwesenheit dadurch kund, daß er seine üble Laune an einem kleinen Jungen ausläßt, der nicht im Stande ist, sein Gesicht in die Höhe des Ladentisches durch einen andern Prozeß zu bringen, als indem er hinanklettert und sich dann mit den Ellbogen festhält – freilich etwas unbequem, denn er hängt da, wie der Vogel auf dem Zweig, und fällt stets wieder herab, wobei er gewöhnlich mit den Zehen irgend einer in der Nähe stehenden Person in unangenehme Berührung kommt. Dießmal hat der arme kleine Tropf einen Puff erwischt, daß er bis zu der Thüre purzelt; nun geht es aber alsbald mit großer Entrüstung über den Thäter her.

»Für was schlagt Ihr den Buben, Ihr Grobian?« ruft eine Frau in Schlappschuhen, mit zwei eisernen Pfannen in einem Körbchen; »glaubt Ihr, es sei Euer Weib, Ihr Schuft?« – »Geht und hängt Euch,« erwiedert der Beschimpfte mit dem wilden Blicke viehischen Stumpfsinnes der Betrunkenheit und führt zu gleicher Zeit nach der Frau einen Schlag, der aber glücklicherweise sein Ziel verfehlt. »Hängt Euch und wartet dann, bis ich komme Euch abzuschneiden.« – »Abschneiden?« erwiedert die Frau, »ich wünschte, Ihr schnittet Euch vor meinen Augen den Hals ab, Ihr Galgenstrick. (laut) O, so ein prächtiger Galgenstrick! (lauter) Wo ist Euer Weib, Ihr Lump? (noch lauter; denn Weiber dieser Klasse sind alle gleich, sie arbeiten sich im Augenblicke über jeder Kleinigkeit in die heftigste Leidenschaft hinein). Euer armes, braves Weib, die Ihr schlechter als einen Hund behandelt! – schlägt ein Weib und will ein Mann sein! (völlig kreischend) ich wollt', ich wäre Euer Weib, – umbringen wollt' ich Euch, ja, und wenn ich dafür sterben müßte.« – »Nun, nur nicht so grob,« erwiedert der Mann grimmig. – »Seid Ihr nicht so grob, Ihr Lump!« ruft das Weib verächtlich aus. »Hat er sie nicht herumgestoßen?« fährt sie gegen eine alte Frau gewendet fort, die aus einer der vorhin erwähnten kleinen Abtheilungen hervorgelauscht und gleich bei der Hand ist, sich in den Kampf zu mischen, da sie die beruhigende Ueberzeugung hat, daß sie hinter Schloß und Riegel geborgen ist. »Hat er sie nicht herumgestoßen, Ma'am?« – (»Erschrecklich,« sagt die alte Frau dazwischen, ohne eigentlich zu wissen, von was die Rede war.) »Er hat ein Weib, Ma'am, und das mißhandelt er, und sie ist dazu eine so fleißige und arbeitsame Frau, wie man nur eine finden kann; (sehr eifrig) sie wohnen in unserem Hause hinten hinaus, und mein Mann und ich vornen hinaus, (mit großem Eifer) und wir hören's oft die ganze Nacht, wenn er betrunken nach Hause kommt und sie schlägt; und nicht allein sie schlägt er, nein, auch seine eigenen Kinder noch dazu, um sie noch elender zu machen, – uff, das Vieh! – und sie, das arme Geschöpf, sie klagt nicht beim Friedensgericht auf Scheidung und macht sonst nichts gegen ihn, denn sie hat den Tropf trotz allem dem gern – den schlechten Kerl.« Als sich die Frau hier ganz außer Athem geschrieen, benützt der Pfandverleiher – ein graugekleidetes Männchen, der inzwischen selbst in den Laden getreten ist, den günstigen Augenblick, um ein Wort dazwischen zu sprechen: – »Ich kann nicht zugeben, daß in meinem Hause solche Sachen vorkommen,« sagt er und sucht sich ein großes Ansehen dabei zu geben. »Frau Macken, haltet Euer Maul, oder ich gebe Euch nicht vier Pence auf Euer Eisengeschirr da; und Ihr, Jinkins, laßt Euern Zettel hier, bis Ihr wieder nüchtern seid, und schickt Eure Frau nach den beiden Hobeln, denn um keinen Preis will ich Euch in meinem Laden haben; und nun macht, daß Ihr fortkommt, oder ich will Euch dazu helfen.«

Diese kräftigen Worte thun Alles, nur nicht die gewünschte Wirkung. Die Weiber schimpfen in Gemeinschaft weiter, der Mann schlägt nach allen Seiten hin um sich und ist im besten Zuge, sich ein unbestrittenes Recht auf eine Gratiswohnung für diese Nacht zu verschaffen, als der Eintritt seiner Frau, eines elenden, abgemagerten Wesens, anscheinend im letzten Stadium der Auszehrung, deren Gesicht deutliche Spuren grober Mißhandlung trägt und deren Kräfte kaum hinzureichen scheinen, eine, Gott weiß es, sehr leichte Bürde – ein kleines, kränkliches, halb verhungertes Kind – auf ihrem Arme zu tragen, seiner feigen Wuth eine weniger gefährliche Richtung gibt. »Komm nach Hause, Lieber,« ruft das unglückliche Geschöpf in kläglichem Tone, »komm nur nach Hause, sei ordentlich und geh' zu Bette.« – »Geh' du selber nach Hause,« erwiedert der wüthende Trunkenbold und stößt nach ihr unter Ausdrücken, welche wir nicht wiederholen wollen. – »Geh' doch ordentlich mit nach Hause,« wiederholt die Frau unter einem Strome von Thränen. – »Geh' du selber nach Hause,« erwiedert der Mann abermals und unterstützt sein Argument mit denselben Gründen wie vorhin. Das arme Geschöpf entflieht unter seinen fortwährenden ungestümen Drängen aus dem Laden und ihr »natürlicher Beschützer« verfolgt sie durch die Straße, indem er seine Wuth wechselsweise dadurch ausläßt, daß er sie zu schnellerem Laufe antreibt und die ärmliche, kleine, blaue Mütze dem unglücklichen Kinde in dessen noch ärmlicheres welkes Gesichtchen immer weiter hineinschlägt.

In der letzten Abtheilung, in dem finstersten und entlegensten Winkel des Ladens, ziemlich weit von den beiden Gaslichtern entfernt, sind zwei Personen eingetreten, ein zartes, junges, anständig gekleidetes Mädchen von etwa zwanzig Jahren und ein älteres Frauenzimmer, nach der Aehnlichkeit zwischen Beiden zu schließen, augenscheinlich ihre Mutter. – Beide stehen so weit zurück, als wenn sie sich sogar den Blicken des Ladendieners entziehen wollten. Sie erscheinen nicht zum ersten Male in einem Pfandverleihersladen, denn sie antworten, ohne einen Augenblick zu zögern, auf die gewöhnlichen Fragen, welche an sie in achtungsvolleren Ausdrücken und in leiserem Tone, als gewöhnlich an Andere gerichtet werden, wie z. B.: »Welchen Namen darf ich notiren?« »Ihr Eigenthum natürlich.« »Wo wohnen Sie, Ma'am?« »Hausbesitzerin oder zur Miethe?« Sie handeln überdieß um ein höheres Anlehen, als der Ladendiener im Anfange zu geben geneigt ist, was ein völlig Fremder kaum zu thun wagen würde, und die ältere Dame redet ihrer Tochter in kaum vernehmlichem Flüstern zu, alle ihre Ueberredungskunst aufzubieten, einen größern Vorschuß als die angebotene Summe und einen höhern Anschlag der Pfandgegenstände zu erlangen. Diese bestehen in einer kleinen goldenen Kette und einem »Vergißmeinnicht«-Ringe, augenscheinlich dem Eigenthume des Mädchens, denn sie sind beide zu klein für die Mutter; – Geschenke aus bessern Zeiten, – einst vielleicht um des Gebers willen werthgeschätzt, aber nun ohne Sträuben hingegeben, denn Mangel hat die Mutter und ihr Beispiel die Tochter verhärtet. – Die Aussicht, Geld zu erhalten, verbunden mit der Erinnerung an das Elend, welches sie aus Mangel daran ausgestanden haben – die Theilnahmlosigkeit früherer Freunde – die wehe thuende Hartherzigkeit der Einen und das fast noch quälendere Mitleid der Andern – scheinen das demüthigende Gefühl, wie sehr sie sich durch ihr Erscheinen an diesem Orte selbst herabsetzen, welches einst der bloße Gedanke hieran in ihnen erweckt haben würde, ganz verwischt zu haben.

In der nächsten Abtheilung befindet sich ein junges Frauenzimmer, deren Anzug armselig, aber ausnehmend bunt, erbärmlich leicht, aber im höchsten Grade modisch ist und nur zu klar ihren Stand darthut. Das reiche Atlaskleid mit seinem abgeschossenen Besatz – die abgetragenen dünnen Schuhe und fleischfarbenen Seidenstrümpfe – der Sommerhut im Winter und das verwelkte Gesicht, auf welchem das aufgetragene Roth blos zum Zeugniß dient, daß die Verheerungen einer verwüsteten Gesundheit nicht mehr vertilgt und verlorene Munterkeit nie wieder hergestellt werden kann, und dessen erzwungenes Lächeln dem freudlosen Herzen Hohn spricht, lassen keine Mißdeutung zu. Ein scheuer Blick, welchen sie so eben auf ihre junge Nachbarin und auf die Kleinigkeiten wirft, welche diese zum Pfande angeboten, scheint längst schlummernde Erinnerungen in ihr hervorgerufen und ihr ganzes Benehmen für einen Augenblick umgewandelt zu haben. Der erste Eindruck, den ihre halbverborgenen Nachbarinnen auf sie hervorbringen, veranlaßt sie, sich ein wenig vorwärts zu beugen, um sie genauer sehen zu können; kaum aber hat sie bemerkt, daß jene unwillkürlich vor ihr zurückbeben, so zieht sie sich selbst in einen Winkel ihrer Clause zurück, bedeckt das Gesicht mit beiden Händen, und bricht in einen Strom von Thränen aus.

Das menschliche Herz hat gar sonderbare Saiten, die durch Jahre der Verdorbenheit und Versunkenheit ruhen können, die aber oft, durch den anscheinend unbedeutendsten Umstand angeschlagen, wieder erklingen und uns verlorene Tage, die wir nicht wieder zurückzurufen vermögen, und bittere Erinnerungen vergegenwärtigen, deren sich selbst das entartetste Geschöpf nicht zu entschlagen im Stande ist.

Noch eine andere Zuschauerin war, in der Person einer Frau, in dem Laden zugegen, – ein Ausbund von Gemeinheit, schmutzig, ekelhaft, zerlumpt und mit ungekämmten Haaren. Zuerst wurde durch das Wenige, was sie von jenen sehen konnte, ihre Neugierde, dann ihre Aufmerksamkeit angeregt; ihr stierer, halb berauschter Blick nahm den Ausdruck von Rührung an, und ähnliche Gefühle, wie wir sie soeben beschrieben, schienen sich für einen kurzen Augenblick in ihrem Busen zu regen, aber auch nur für einen Augenblick. Wer kann sagen, wie bald wohl jene Weiber auf derselben Stufe mit dieser stehen werden? Die letztbeschriebene hat blos noch zwei Aussichten, – das Hospital und das Grab! Wie viele weibliche Geschöpfe in derselben Lage, wie ihre beiden Gefährtinnen – was meist auch bei ihr der Fall gewesen sein mag, – haben dieselbe erbärmliche Laufbahn auf dieselbe erbärmliche Weise beschlossen. Eine ist bereits schon weit vorgerückt, und wird mit fürchterlicher Schnelligkeit in ihre Fußstapfen treten. Wie bald mag wohl auch die Andere ihrem Beispiele folgen! Wie Viele sind ihr schon vorangegangen!


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