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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Einundzwanzigstes Kapitel

Genever-Schenken.

Es ist sicherlich nicht uninteressant, daß gewisse Gewerbe derselben Krankheit unterworfen zu sein scheinen, die man vorzugsweise bei Elephanten und Hunden antrifft und in deren Folge sie periodisch leidenschaftlich, ungeberdig, wild und toll werden. Der große Unterschied zwischen den Thieren und Gewerben liegt aber darin, daß die erstern mit einer gewissen Art von Schicklichkeit toll werden und in ihren Unregelmäßigkeiten doch nie die Regeln der guten Lebensart befolgen. Man weiß den Zeitpunkt, wo der Zustand eintreten wird, voraus, und sieht sich demgemäß dagegen vor. Wenn ein Elephant toll wird, so hat man schon Alles für ihn in Bereitschaft – Tod oder Kur – Pillen oder Kugeln – Calomel in Rosen-Conserve oder Blei in einem Gewehrlaufe.

Sieht ein Hund in den Sommermonaten bedenklich erhitzt aus, sucht er die Schattenseite der Straße und hängt ihm die Zunge eine Viertelelle lang aus dem Rachen, so wird ihm im Augenblicke ein starker lederner Maulkorb, der in Folge einer weisen Gesetzgebung vorsorglich bereit gehalten werden muß, behufs seiner Abkühlung über den Kopf geworfen, und er sieht nun die nächsten sechs Wochen entweder sehr unglücklich aus, oder wird wirklich so toll, als es die Parlaments-Akte vorschreibt.

Die Anfälle der Gewerbe dagegen sind eben so excentrisch, als die Erscheinungen eines Kometen, ja sogar noch schlimmer, denn Niemand kann die Rückfälle, welche oft und heftig eintreten, voraus berechnen. Ueberdieß ist die Ansteckung allgemein und die Schnelligkeit, mit welcher sie um sich greift, fast unglaublich. Wir wollen zur Erläuterung ein paar Fälle anführen. Vor sechs oder acht Jahren begann die Epidemie sich unter den Mode- und Putzwaaren-Händlern zu verbreiten. Die ursprünglichen Symptome bestanden in einer unnatürlichen Liebe zu Spiegelgläsern und in einer Leidenschaft für Gasbeleuchtung und Vergoldung. Die Krankheit nahm nach und nach zu und erreichte endlich eine fürchterliche Höhe. Friedliche, staubige, alte Kramläden in verschiedenen Theilen der Stadt wurden niedergerissen und geräumige Gebäude, die Vorderseite mit Stukaturarbeit und goldenen Lettern verziert, an deren Stätte errichtet; der Boden mit türkischen Teppichen belegt, die Decke durch massive Pfeiler unterstützt, Thüren in Fenster, ein Dutzend Fensterflügel in Einen, Ein Ladendiener in ein Dutzend verwandelt, – und es ist nicht abzusehen, was daraus geworden wäre, wenn man nicht gerade noch zu rechter Zeit, glücklicherweise die Entdeckung gemacht hätte, daß die Bankerotts-Commissäre in der Entscheidung solcher Fälle eben so kompetent wären als die Tollhaus-Commissäre, und daß ein wenig Einsperren und eine kleine freundliche Untersuchung Wunder thäten. Die Krankheit nahm ab – verschwand ganz, und für ein paar Jahre trat vergleichungsweise eine leidliche Ruhe ein. Plötzlich brach sie wieder unter den Apothekern aus; die Symptome waren dieselben, blos kam noch ein starker Trieb hinzu, das königliche Wappen über die Ladenthüre zu hängen, und eine große Wuth nach Mahagony, Lack und kostspieligen Fuß-Teppichen. Dann wurden die Strumpfhändler angesteckt und fingen an, die Vorderseite ihrer Läden mit wahnsinnigem Leichtsinn niederzureißen. Auch diese Manie verlor sich wieder und man glaubte sich schon über ihr gänzliches Verschwinden Glück wünschen zu dürfen, als sie mit zehnfacher Heftigkeit unter den Gastwirthen und den Inhabern von »Weinkellern« ausbrach. Von diesem Augenblicke an verbreitete sie sich unter ihnen mit unerhörter Schnelligkeit, entwickelte eine Verkettung aller der frühern Symptome und drang in alle Stadttheile ein, riß sämmtliche alte Wirthshäuser nieder und an jeder Straßenecke erhoben sich glänzende Paläste mit steinernen Ballustraden, Schreinwerk von Rosenholz, ungeheueren Lampen und beleuchteten Uhren. Der großartige Maßstab, nach welchem diese Orte eingerichtet, und die prunkende Weise, mit der die Geschäfte sogar bei den kleinsten Branchen abgetheilt wurden, ist höchst amüsant. Eine hübsche Platte von geschliffenem Glase an einer Thüre zeigt uns das »Comptoir«, eine zweite das »Flaschen-Departement«, eine dritte das »Haupt-Departement«, eine vierte die »Wein-Promenade« u. s. w., so daß wir jetzt täglich nur noch einer »Branntweinglocke«, oder einem »Wisky-Eingang« entgegensehen. Ferner hat sich der Erfindungsgeist daran erschöpft, anziehende Titel für die verschiedenen Sorten von Genever aufzufinden; welche dem schnapsenden Theile der menschlichen Gesellschaft – wenn er die riesenmäßigen weißen und schwarzen Buchstaben angafft, welchen im Kaliber blos ihre Träger an die Seite gesetzt werden können – stets die angenehme Wahl lassen zwischen der »Milch vom Thale«, dem »Extrafeinen«, dem »Kein Mißverständniß«, dem »Gut zum Mischen«, dem »Niederwerfer«, dem »wahren Feuerbrand«, dem »berühmten Butter-Genever« und einem Dutzend anderer, gleich einladender und gesunder Liqueure. Obgleich man Plätzen dieser Art je in der zweiten Straße begegnet, so sind sie doch gerade da am zahlreichsten und glänzendsten, wo der Schmutz und die Armuth der Nachbarschaft am größten ist.

Die Geneverschenken in und nahe bei Drury-Lane, Holborn, St. Giles, Covent-Garden und Clare Market sind die schönsten in London – und in der Nähe dieser großen Straßen ist mehr Liederlichkeit und mehr schmutziges Elend zu finden, als in irgend einem anderen Theile der großen und mächtigen City.

Wir wollen es versuchen, die Schenkstube einer großen Geneverkneipe und ihre gewöhnlichen Kunden zur Erbauung solcher Leser zu skizzieren, die keine Gelegenheit haben, derlei Scenen zu beobachten, und – um eine für unsere Absicht wohl gelegene aufzufinden – uns nach Drury-Lane wenden, durch die schmalen Straßen und schmutzigen Höfe, welche diese von der Oxford-Straße und von jenem classischen Platze trennen, der an die Brauerei am Ende von Tottenham-Court-Road stößt und dem Eingeweihten am besten unter dem Namen »Rookery« (Krähennest) bekannt ist.

Von dem schmutzigen und elenden Anblick, welchen dieser Theil von London darbietet, kann sich Niemand, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat (und deren gibt es Viele), eine Vorstellung machen. Erbärmliche Häuser, zerbrochene, mit Lumpen und Papier verstopfte und verklebte Fenster, jede Stube von einer andern Familie bewohnt und in vielen Fällen gar von zweien oder dreien; Früchte- und Zuckerwerkfabriken in den Souterrains; Barbiere und Bückling-Verkäufer in den vorderen Parterre-Zimmern, Schuhflicker in den hintern; ein Vogelhändler im ersten Stocke, drei Familien im zweiten; Hungernde in den Dachstuben, Irländer im Gange, ein »Musikus« in der Vorderküche und eine Taglöhnerin mit fünf hungrigen Kindern in der hintern – wo man hinsieht, allenthalben Schmutz und Unflath – ein Gußstein vor dem Hause, ein Ableitungs-Graben hinten – Kleider hängen zum Trocknen vor den Fenstern und alle Augenblicke kommt ein Guß heraus; Mädchen von vierzehn oder fünfzehn Jahren, baarfuß mit verwirrten Haaren und in alten weißen Oberröcken – fast ihrer einzigen Bedeckung; – Knaben von allen Arten, in Röcken von allen Formen und ohne Röcke; Männer und Weiber in einer wahren Musterkarte von schmutzigen und ärmlichen Kleidern lungern umher, schelten, trinken, rauchen, zanken und fluchen.

Biegt man um die Ecke – welche Veränderung! Wie durch einen Zauberschlag ist Alles herrlich und glänzend. Der lustige Lärm von hundert Kehlen läßt sich aus jener glänzenden Geneverschenke hören, die den Anfang zu den beiden, einander gegenüber liegenden Straßen bildet, und das prächtige Gebäude, mit dem fantastisch verzierten Eingange, der beleuchteten Uhr, den Fenstern von geschliffenem Glase, mit Stucco-Rosetten umgeben, und der herrlichen Gas-Beleuchtung in reich vergoldeten Lampen, – dieß Alles im Vergleiche mit der Finsterniß und dem Unflath, den wir soeben verlassen haben, muß Einen vollkommen verblenden. Das Innere ist noch schöner. Eine Barriere von polirtem Mahagonyholze mit elegantem Schnitzwerke zieht sich durch die ganze Breite des Zimmers; in zwei Seitenreihen liegen große Fässer, mit Grün und Gold bemalt, hinter einem glänzenden Messinggitter; sie tragen Inschriften, wie: »Alter Tom, 549«; »Junger Tom, 360«; »Sampson, 1421«. Hinter der Barriere befindet sich ein geräumiger Saal, ebenfalls voll von gleich verführerischen Geschirren, ebenfalls von einer Gallerie umgeben. Auf dem Werktische stehen, außer den gewöhnlichen Trink-Apparaten, zwei oder drei Körbchen mit Kuchen oder Biskuits, sorgfältig mit einem geflochtenen Deckel verwahrt, damit ihr Inhalt nicht auf ungesetzmäßige Weise in unrechte Hände komme. Hinter diesem Tische stehen zwei prächtig gekleidete Demoisellen in großen Halstüchern; diese vertheilen die geistigen Getränke und »Gemische«, wobei ihnen der sehenswerthe Eigenthümer des Geschäftes an die Hand geht, ein plumper gemeiner Bursche, mit einer schief auf der Seite sitzenden Pelzmütze, welche ihm ein pfiffiges Ansehen geben und seinen rothen Bart vortheilhaft herausheben soll.

Nun betrachtet aber die Gruppe der Gäste, und merkt auf, wie verschieden die Mienen sind, womit sie ihre Bedürfnisse fordern – je nachdem sie mehr oder weniger über die Großartigkeit der Einrichtung erstaunt sind. – Die beiden alten Waschweiber, welche auf der kleinen Bank zur Linken der Barriere sitzen, sind ganz außer sich über den Kopfputz und das vornehme Wesen der dienstthuenden jungen Damen, nehmen ihren halben Schoppen Genever und Pfefferminze mit nicht geringer Ehrerbietung in Empfang und bitten um »eines von den mürben Biskuits« mit den Worten: »Sein Sie so gefällig, Ma'am etc.« Sie sind völlig erstaunt über das unverschämte Wesen des jungen Burschen in dem braunen Rocke mit weißen Knöpfen, der mit zwei Begleiterinnen gekommen ist und an der Barriere auf- und abgeht, als wenn er sein Lebenlang unter solchen grünen und goldenen Zierrathen und Herrlichkeiten herumgegangen wäre, einer der jungen Damen mit auffallender Familiarität zuwinkt und einen »Nimm dich in Acht, in einem Glas sind drei« bestellt, gerade, als ob er in seinem Eigenthume wäre.

»Sie wollen Genever, Sir?« sagt die junge Dame, als sie ihm welchen herausgelassen, und sieht überall hin, nur nicht auf ihn, um ihm zu zeigen, daß sein Zuwinken auf sie keinen Eindruck mache. »Ja wohl, liebe Mary,« erwiederte der Gentleman. »Ich heiße zufällig nicht Mary,« sagt das Mädchen schnippisch, während sie ihm herausgibt. »Hat nichts zu sagen, wenn Sie auch nicht so heißen, so sollten Sie doch so heißen,« versetzt der Unwiderstehliche; »alle Mary's, die ich noch gesehen habe, waren hübsche Mädels.« Hier bricht die junge Dame, die sich nicht genau erinnern kann, wie man in solchen Fällen erröthet, plötzlich die Tändeleien ab und wendet sich zu der Dame mit den verschossenen Federn, die so eben eingetreten ist und die, nachdem sie zur Vorbeugung aller künftigen Mißverständnisse genau auseinandergesetzt, daß ›dieser Gen'lm'n‹ bezahle, »ein Glas Portwein und ein bischen Zucker« bestellt, während dem Trinken und Kauen ihrem Begleiter allerlei zuflüstert, und viel zu kichern hat, worüber eine ansehnliche Zeit hingeht.

Man beobachte die Gruppe auf der andern Seite: jene zwei alten Männer, welche hereingekommen sind, nur um schnell »ein Schlückchen zu nehmen,« sind im Nu mit ihrem dritten Viertelchen fertig und haben sich betrunken geschrie'n; und die dicken, wohlgenährten ältlichen Weiber, deren jede ein Glas Rum-ShrubShrub, Getränk aus einer Säure, Branntwein und Zucker. vor sich hat, klagen über die schlechten Zeiten, und Eine schlägt vor, noch ein Glas gemeinschaftlich zu trinken, mit der scherzhaften Bemerkung: »Kummer flickt keine zerbrochenen Beine und wackere Leute müssen sich nur nichts darum kümmern, so gehört sich's, sage ich;« ein Gefühl, das Denen, die nichts zu bezahlen haben, sehr zur Beruhigung dienen mag.

Es beginnt spät zu werden; das Gedränge der Männer, Weiber und Kinder, die unaufhörlich aus- und eingehen, nimmt allmälig ab, und endlich sieht man nur noch zwei oder drei Nachzügler daherschleichen – erfroren, elend und zerlumpt aussehende Kirchhofskandidaten, im letzten Stadium der Abzehrung. An dem untern Ende des Raumes sitzt noch ein Haufen frischer Taglöhner, die sich schon seit einer Stunde bald freundschaftlich die Hände geben, bald einander todt zu schlagen drohen; endlich werden sie wüthend in ihrem Streite, und da sie einen Mann, der sich besonders Mühe gibt, die Zwistigkeiten zu schlichten, nicht zum Stillschweigen bringen können, so greifen sie zu dem unfehlbarsten Aushilfsmittel – sie schlagen ihn zu Boden und treten ihn mit Füßen.

Nun springt der Mann in der Pelzmütze mit seinem Jungen herbei: der Skandal und die Verwirrung sind auf das Höchste gestiegen; die Irländer theilen sich in zwei Hälften und gehen auf einander los: der Junge liegt im Augenblicke unter den Fässern, der Wirth schlägt nach Allen und Alle schlagen auf ihn; die Mädchen am Schenktische kreischen Zeter und die Polizei kommt; das Schlachtfeld bietet ein verwirrtes Gemisch von Waffen, Stuhlfüßen, Prügeln und Kleiderfetzen dar; es ist ein Geschrei und ein Lärm, wie man in seinem Leben nichts gehört hat. Einige der Gesellschaft werden nach dem Polizeigefängnisse gebracht und die Uebrigen gehen nach Hause, um ihre zankenden Weiber zu prügeln und die über Hunger klagenden Kinder herumzupuffen.

Wir haben nur ein oberflächliches Bild gegeben und zwar nicht blos, weil es zu weit führen würde, sondern auch, weil es zu abscheulich und abstoßend werden müßte. Anständige Herren und zartfühlende Damen würden sich in dem angenehmen Bewußtsein ihrer eigenen hohen Sittlichkeit, ohne der Armuth und Versuchung ihrer Nebenmenschen zu gedenken, mit Kälte und Abscheu von einer Schilderung betrunkener, bewußtloser Männer und elender, gesunkener, verächtlicher weiblicher Wesen abwenden – die einen nicht unansehnlichen Theil der Gäste in jenen Nestern bilden. Das Branntweintrinken ist in England ein großer Fehler, aber Armuth ist ein noch größerer, und bis man dieser abzuhelfen oder ein halbverhungertes Gerippe dahin zu bringen im Stande ist, daß es keine solche Palliativhülfe sucht, um sein Elend durch Aufopferung seines letzten Scherfleins zu vergessen, das, unter seine Familie vertheilt, gerade für jedes Glied eine Brodkrume abwerfen würde, – ehe man es so weit bringen kann, muß Zahl und Glanz der Schnappsläden sich immer noch vermehren. Wenn Mäßigkeits-Vereine ein Mittel gegen Hunger und Noth auffinden oder Schenken errichtet werden könnten, wo das Lethe-Wasser umsonst verzapft würde, dann wären die Genever-Paläste gewesen – allein ehe es soweit kömmt, ist an ihre Abnahme nicht zu denken.


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