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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Sechzehntes Kapitel

Die Omnibusse.

Es ist allgemein anerkannt, daß die öffentlichen Fuhrwerke ein ausgedehntes Feld für die Unterhaltung und Beobachtung darbieten; und von all' den Transportmitteln, welche es seit den Tagen der Arche – wohl des frühesten, von dem wir wissen – bis auf den heutigen Tag gegeben hat, loben wir uns am meisten den Omnibus. Eine Landkutsche ist gerade auch nicht zu verachten; aber da hat man blos sechs Plätze im Innern des Wagens, und es kann sich treffen, daß alle Passagiere den ganzen Weg über bei einander bleiben, – und somit fällt jede Veränderung, jede Abwechslung weg. Ueberdieß werden die Leute nach den ersten zwölf Stunden widerwärtig und schläfrig, und wenn man einen Menschen einmal in seiner Schlafmütze gesehen hat, so verliert man allen Respect vor ihm – wenigstens geht es uns so. Dann werden die Leute auf ebenen Straßen auch gerne prosaisch, erzählen endlose, langweilige Geschichten, und selbst die, welche nicht sprechen, haben gewöhnlich andere, nicht sehr angenehme Liebhabereien.

Wir reisten einst vierhundert Meilen in dem Innern einer Landkutsche mit einem wohlbeleibten Manne, der sich an jeder Station ein Glas warmen Grog zum Wagenfenster hineinreichen ließ. Das war denn doch gewiß höchst widerwärtig. Ein anderes Mal sind wir in Gesellschaft eines kleinen Jungen mit blassem Aussehen, hellem Haare und kaum bemerkbarem Halse gereist, der unter dem Schutze des Kondukteurs von der Schule nach der Stadt fuhr und angewiesen war, sich an den Groß-Keys absetzen zu lassen, um zu warten, bis man ihn abhole. Dieß ist vielleicht sogar noch schlimmer, als Rum und Wasser in einer eingeschlossenen Atmosphäre. Dazu kommt noch die ganze Masse von Widerwärtigkeiten, welche mit dem steten Wechsel der Kutsche verbunden sind, nebst dem Aerger, wenn es dem Kondukteur einfällt, und dieß wird sicher alle Mal in dem Augenblicke geschehen, wo man gerade einschlummern will, daß er ein Packpapierpacket braucht, welches, wie er sich genau erinnert, unter unserem Sitze liegen muß. Er greift und krabbelt eine ziemliche Weile umher, und während man nun förmlich erwacht und durch ein fast übernatürliches Experiment, seine Beine in die Höhe zu heben, damit er hinten umherstören kann, den Krampf darin bekömmt, so fällt ihm endlich bei, daß es sich im Vordersitze befinde. Bautz – schlägt die Thüre wieder zu – das Packet findet sich jetzt im Augenblicke und der Kondukteur bläst auf seinem Posthorn so unverschämt laut, als er nur immer blasen kann, gerade wie wenn er sich noch über unsern Aerger lustig machen wollte.

Mit einem Omnibus ist es etwas ganz Anderes; da begegnen Einem bestimmt keine solche Widerwärtigkeiten. Die Passagiere wechseln im Laufe einer Fahrt so oft, als die Figuren in einem Kaleidoskop, und sind sie auch nicht so glänzend, so sind sie doch weit unterhaltender. Wir glauben, es gibt kein Beispiel, daß Jemand in einem solchen Fuhrwerke geschlafen hätte. Und lange Geschichten – wie wollte das ein Mensch anstellen, in einem Omnibus eine lange Geschichte zu erzählen? Und wenn er es thäte, wer wäre am meisten dabei angeführt? Kein Mensch wäre ja im Stande, nur ein Wort zu verstehen. Ferner, Kinder – zuweilen, aber doch nicht sehr häufig, trifft man diese in einem Omnibus an; sind aber welche da, und das Fuhrwerk ist voll – wie in der Regel – so sitzt Jemand auf ihnen, und wir werden dann ihre Anwesenheit gar nicht einmal gewahr. Ja, nach reiflicher Ueberlegung und hinlänglicher Erfahrung glauben wir, entschieden die Ansicht aussprechen zu dürfen, daß von allen bekannten Fahrwerken, von der Glaskutsche, in welcher wir zur Taufe gebracht werden, bis zu jenem düstern Kasten, in dem wir einst unsere letzte irdische Reise machen müssen, keines einem Omnibus gleichkommt.

Die Maschine, in welcher wir unsere tägliche Reise von dem Ende der Oxford-Street bis in die City machen, kann sich mit jedem andern »Bus« auf der Straße messen, sei es in Betracht des Aeußern, der vollkommenen Einfachheit des Innern, oder des natürlichen Gleichmuthes des Kondukteurs. Der letztere junge Gentleman ist ein wahres Muster von Selbstaufopferung; sein gewissermaßen ungezügelter Eifer zum Nutzen seines Herrn macht ihm vielen Verdruß und bringt ihn gelegentlich auch in's Correctionshaus; kaum ist er übrigens wieder entlassen, so kehrt er mit neuem Eifer zu seinem alten Berufe zurück. Was ihn vor Allem auszeichnet, ist seine grenzenlose Thätigkeit. Den größten Ruhm sucht er darin, »daß er einen alten Gentl'm'n, den er geködert hat, in seinen ›Bus‹ rasch hineinschieben, die Thüre zuschlagen und davonrasseln kann, ehe dieser noch weiß, wo es mit ihm hingeht« – eine Heldenthat, die er fleißig ausübt – zum großen Gaudium von Jedermann, den betreffenden alten Herrn ausgenommen, der, wie auch mancher Andere, darin durchaus nichts Spaßhaftes finden kann.

Wir haben nie gehört, daß es je genau ermittelt worden wäre, wie viele Passagiere ein Omnibus zu fassen vermag. Augenscheinlich sind die Kutscher der Meinung, daß ihr Fuhrwerk hinreichend Raum für so viele Personen habe, als er hineinlocken kann. »Noch Platz?« ruft ein erhitzter Fußgänger. »Platz g'nug, Sir,« erwiedert der Kondukteur, öffnet langsam nach und nach die Thüre, läßt ihn aber den wahren Sachbestand nicht sehen, bis der Unglückliche auf dem Tritte steht. »Wo?« fragt der Mann in der Falle, und will wieder zurück. »Auf beiden Seiten, Sir,« erwiedert der Kondukteur, schiebt ihn hinein, und schlägt die Thüre zu. »Alles in Ordnung, Bill.« An einen Rückzug ist nicht zu denken; der neue Ankömmling kugelt herum, bis er irgendwo hinfällt, und – dort bleibt er.

Wenn wir ein wenig vor zehn Uhr nach der City fahren, so treffen wir unter der Gesellschaft vier oder fünf regelmäßige Passagiere. Wir begegnen ihnen stets an demselben Platze und gewöhnlich nehmen sie auch dieselben Sitze ein; sie sind stets auf dieselbe Weise gekleidet, und handeln unabänderlich dasselbe Kapitel ab – das ungeheuere Ueberhandnehmen der Cabriolets, und die große Rücksichtslosigkeit, welche man gegen die von den Omnibusunternehmern eingegangenen moralischen Verpflichtungen an den Tag legt. Da ist ein kleiner, wunderlicher alter Mann, mit gepudertem Kopfe, der stets, wenn du hereinkömmst, rechter Hand am Schlage sitzt und die gefalteten Hände auf seinen Regenschirm stützt. Er ist ungewöhnlich ungeduldig und sitzt dort in der Absicht, ein scharfes Auge auf den Kondukteur zu haben, mit dem er gemeiniglich ein sehr fließendes Zwiegespräch hält. Er ist äußerst dienstfertig, den Leuten ein- und auszuhelfen, und immer bereit, dem Kondukteur einen Puff mit seinem Schirm zu geben, wenn Jemand auszusteigen wünscht. Er erinnert stets die Damen, sechs Pence bereit zu halten, um eine Zögerung zu vermeiden, und wenn Jemand ein Fenster herabläßt, welches er erreichen kann, so zieht er es augenblicklich wieder in die Höhe.

»Nun, was halten Sie denn da?« sagt der kleine alte Mann jeden Morgen, sobald er das entfernteste Zeichen des Kondukteurs, an der Ecke von Regentstreet zu halten, bemerkt, worauf sich zwischen ihm und dem Kondukteur folgender Dialog entspinnt:

»Was halten Sie da?«

Hier pfeift der Kondukteur und stellt sich, als habe er die Frage nicht gehört.

»Ich frage (ein Stoß), warum Sie da halten?«

»Wegen der Passagiere, Sir. Nach der Bank! Oha!«

»Das weiß ich, daß Sie wegen der Passagiere halten; das ist aber jetzt nicht nothwendig. Warum halten Sie?«

»Warum, Sir? Ja, das ist eigentlich 'ne schwierige Frage. Wir halten wahrscheinlich hier, weil wir es dem Weiterfahren vorziehen.«

»Schon gut!« ruft der kleine alte Mann mit großer Heftigkeit aus. »Morgen kriegen Sie ihren Abschied; ich habe es schon oft thun wollen, nun will ich es aber auch halten.«

»Dank Ihnen, Sir,« erwiederte der Kondukteur, und greift spöttisch an den Hut, um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu geben; – »sehr verpflichtet, in der That, Sir.« Hiebei lacht der junge Mann herzlich in den Omnibus herein und der alte Gentleman wird so roth, wie ein welscher Hahn und scheint gewaltig erbost.

Der dicke Herr in dem weißen Halstuche, an dem andern Ende des Wagens, macht ein sehr prophetisches Gesicht und sagt, in Kurzem müsse mit diesem Burschen etwas geschehen, sonst könne man nicht sagen, wo das noch hinaus wolle, und der schäbig-elegante Mann mit der grünen Tasche drückt seine vollständige Uebereinstimmung damit aus, wie er es seit den letzten sechs Monaten regelmäßig jeden Morgen gethan hat.

Ein zweiter Omnibus kommt nun angefahren und hält unmittelbar hinter uns. Aus der Ferne sieht man einen andern alten Herrn mit emporgehobenem Stocke aus Leibeskräften auf den Omnibus losrennen; mit vieler Theilnahme folgen wir seinen Schritten; die Thüre ist schon zu seiner Aufnahme geöffnet; aber plötzlich verschwindet er – die Oppositionspartei hat ihn weggefischt.

Hierauf verhöhnt der Kutscher der Opposition unsere Leute damit, »daß er den alten Knasterbart richtig weggekapert habe,« während man den »alten Knasterbart« mit lauter, vernehmlicher Stimme vergebens gegen diese ungesetzliche Entführung protestiren hört. Wir rumpeln davon, – der andere Omnibus uns nach, und so oft wir halten, um einen Passagier aufzunehmen, hält er auch, um ihn wegzufischen. Zuweilen erobert er ihn, zuweilen erhalten wir ihn; allein wem er auch zu Theil werden mag, Jeder behauptet, er habe ihm gehört, und die beiden Kondukteure erschöpfen sich sofort in gegenseitigen Complimenten.

Wenn wir in der Nähe von Lincolns-Inn-Fields, von Bedfordrow und von andern legalen Stapelplätzen anlangen, verlieren wir einen großen Theil unserer ursprünglichen Passagiere und nehmen wieder frische ein, welche eine äußerst unfreundliche Aufnahme finden.

Es ist in der That merkwürdig, daß die meisten Personen in einem Omnibus stets die Neuankommenden betrachten, als schwebe ihnen eine gewisse unbestimmte Idee vor, daß diese eigentlich durchaus nicht hereinzukommen nöthig gehabt hätten. Wir sind vollkommen überzeugt, daß der kleine alte Mann irgend eine Ansicht dieser Art hegt, – und den Eintritt von Neulingen als eine Art negativer Unverschämtheit betrachtet.

Die Unterhaltung stockt nun gänzlich, man sieht gedankenlos zu den Fenstern hinaus und Jedermann glaubt, sein vis-à-vis starre ihn an. Steigt Einer bei Shoe-Lane ein und ein Anderer an der Ecke von Farringdon-Street aus, so brummt der kleine alte Gentleman und bemerkt gegen den Letzteren, wenn er ebenfalls bei Shoe-Lane ausgestiegen wäre, so hätte man keinen doppelten Aufenthalt gehabt; darüber lachen die jungen Leute, und der alte Herr macht ein sehr ernsthaftes Gesicht und sagt nichts mehr. An der Bank steigt er aus, trabt, so schnell es ihm möglich ist, weiter, und überläßt uns dasselbe zu thun; – wir thun es auch und im Weitergehen drängt sich uns der Wunsch auf, auch Andern einen Theil des Vergnügens, welches wir genossen haben, übertragen zu können.


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