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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141117
projectid4c6924e6
secondcorrectorHerbert Niephaus
modified20161027
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Vierzehntes Kapitel

Vauxhall bei Tage.

Es gab eine Zeit, wo Einer tüchtig ausgelacht worden wäre, wenn er den absurden Einfall gehabt hätte, sich dahin auszusprechen, daß er doch wissen möchte, wie sich Vauxhall bei Tage ausnähme. – Vauxhall bei Tage! – Ein Porterkrug ohne Porter, das Haus der Gemeinen ohne Sprecher, eine Gaslampe ohne Gas, – pah! – Unsinn! – ein Unding, eine Chimäre! Auch ging in jenen Tagen das Gerücht, der Vauxhallgarten sei bei Tage der Schauplatz geheimnißvoller und versteckter Experimente; Vorschneider übten sich da in der mystischen Kunst, einen Schinken von sehr mäßiger Größe in so dünne Scheibchen zu trenchiren, daß man den ganzen Garten damit überdecken könne, – unter den Schatten der Bäume seien tiefsinnige Leute unablässig mit chemischen Untersuchungen beschäftigt, um herauszubringen, wie viel Wasser eine Bowle Negus möglicherweise vertragen könne, – und in einigen, dem Studium der Ornithologie gewidmeten Winkeln geben sich andere kluge und gelehrte Leute unaufhörlich Mühe, durch ein ihnen allein bekanntes Verfahren, Geflügel rein auf Haut und Knochen zu reduciren.

Solche dunkle Gerüchte, in Verbindung mit noch anderen ähnlicher Art, breiteten über Vauxhall einen geheimnißvollen Nebel, und da das Geheimnißvolle schon an sich sehr viel Anziehendes hat, so ist gar nicht zu zweifeln, daß auf alle Fälle bei vielen Leuten gerade dieser Umstand sehr viel zu ihrem Vergnügen beitrug.

Wir müssen gestehen, daß wir auch zu diesen gehören. Wir wandelten gar gerne durch die erleuchteten Alleen, vergegenwärtigten uns die anhaltenden und mühsamen Forschungen, welche den Tag über hier angestellt worden waren, und überzeugten uns von deren Resultat bei dem Abendessen, welches bei Lampenlicht und nächtlicher Musik servirt wurde. – Die Tempel, Säle, Cosmorama's und Springbrunnen glänzten und funkelten vor unsern Augen, die Schönheit der Sängerinnen und das elegante Benehmen der Herren fesselte unser Herz, einige hunderttausend Lampen dazu blendeten unsere Sinne, ein paar Bowlen dampfender Punsch umnebelte unser Gehirn – und wir waren selig.

Zur bösen Stunde fiel es den Eigenthümern von Vauxhall ein, den Garten auch bei Tage zu öffnen. Wir bedauerten diesen Gedanken sehr, da er nothwendig den Schleier des Geheimnisses, welcher seit so manchem Jahre über dem Etablissement hing, mit roher, kalter Hand zerreißen mußte – wohin bis jetzt nur die Mittagssonne und Herr Simpson selig gedrungen waren. Wir hatten einen Abscheu davor, hinzugehen, und wissen auf die heutige Stunde noch nicht recht, warum eigentlich. Vielleicht schwebte uns das unheimliche Vorgefühl einer nahen Täuschung vor – vielleicht hielt uns eine böse Ahnung – vielleicht das Wetter ab – kurz, sei es, was es wolle, wir gingen eben nicht hin, bis uns endlich die zweite oder dritte Ankündigung von einem Wettflug zweier Luftballone anzog und wir doch hingingen.

An dem Thore zahlten wir unsern Shilling und sahen hier, daß der Eingang, wenn dieser überhaupt je etwas Magisches gehabt hatte, gänzlich seines Zaubers entkleidet war, denn er bestand eigentlich in nichts weiter, als in einer Combination von grobbeklexten Brettern und Sägespänen. Wir warfen im Vorübereilen einen Blick auf das Orchester und den Speisesaal – wir konnten sie gerade noch wieder erkennen, das war Alles. Wir gingen nach dem Feuerwerksplatze; hier wenigstens hofften wir nicht getäuscht zu werden – aber wie eingewurzelt vor Erstaunen standen wir mit tiefem Schmerze davor! Dieß ist also der maurische Thurm – dieser Bretterschuppen, mit dem Thor in der Mitte, und ringsherum mit Roth und Gelb beschmiert – wie ein kolossales Uhrgehäuse! Dieß ist also der Ort, wo wir alle Abende den unerschrockenen Herrn Rackemore in einem Flammenmeer und unter dem Donner des Geschützes seine grausenerregenden Ascensionen machen sahen, und wo die weißen Gewänder der Madame So und So (ihr Name fällt uns gerade nicht ein), welche so edelmüthig ihr Leben der Feuerwerkerei widmet, so oft in den Lüften flatterten, wenn sie bald rothes, bald blaues, bald buntfarbiges Feuer zur Illumination ihres Tempels commandirte! Dieß war also der – – – – doch in diesem Augenblick hörte man die Glocke; im Durcheinander rannte das Volk nach dem Orte, woher der Schall kam, und – so groß ist die Macht der Gewohnheit – wir waren unter den Vordersten und liefen, als gälte es unser Leben.

Das Läuten hatte dem Concert auf der Musikbühne gegolten. Eine kleine Kapelle grämlicher Männer in aufgekrämpten Hüten »executirte« die Ouvertüre aus Tancred, und eine zahlreiche Assemblee von Herren und Damen mit ihren Familien ließen ihre Bierkrüge halbvoll stehen und kamen haufenweise aus den Speisehütten heraus auf das Orchester losgestürzt. Ein dumpfes Gemurmel der Bewunderung ging durch die ganze Versammlung, als ein ungewöhnlich kleiner Herr im Frack eine ungewöhnlich große Dame in einem blauen Sarcenet-Ueberrocke und ditto Hut mit großen weißen Federn am Arm herführte und sofort ein klagendes Duett begann.

Wir erkannten den kleinen Herrn gleich; schon oft hatten wir sein Bild auf dem Titelblatt von Musikstücken lithographirt gesehen – mit weit aufgesperrtem Munde, als ob er gerade sänge, ein Weinglas in der Hand und einen Tisch mit zwei Maaßkrügen und vier Ananas darauf im Hintergrunde. Auch die große Dame hatten wir schon oft und viel, vor Verwunderung in sprachloses Entzücken verloren, angestaunt – wie ganz anders doch die Leute bei Tage und ohne Punsch aussehen! Es war ein herrliches Duett: zuerst sang der kleine Herr eine Frage, die große Dame antwortete darauf; dann sangen der kleine Herr und die große Dame höchst melodisch miteinander; dann trug der kleine Herr ein Bravoursolo mit sehr viel Gefühl, sogar leidenschaftlich, vor, worauf die große Dame deßgleichen that; dann schlug der kleine Herr ein paar Triller, die große Dame desselbigen gleichen, und dann kamen Beide wieder in das alte Geleis der Arie; die Musik fiel mit einem rasenden Getöse ein, der kleine Herr führte die große Dame ab und der Beifallssturm brach los.

Der komische Sänger machte indeß noch mehr Fourore, und wir glaubten in der That, ein Gentleman, welcher mit seinem Mittagessen im Schnupftuche neben uns stand, werde in dem Uebermaß seines Entzückens eine Ohnmacht kriegen. Der komische Sänger ist aber auch ein verteufelt spaßhafter Gentleman; besonders charakteristisch sind an ihm eine flachsartige Perücke und ein altes eingeschrumpftes Gesicht; auch trägt er, wenn wir nicht irren, den Namen einer englischen Grafschaft. Er sang, eine halbe Stunde lang, ein ganz vortreffliches Lied von den sieben Lebensaltern zum größten Entzücken der Zuhörer – wie es mit dem Reste ging, können wir nicht sagen, da wir das Ende nicht abwarten konnten.

Wir wanderten weiter und stießen mit jedem Schritt auf eine neue Täuschung. Was uns sonst am besten gefallen hatte, war weiter nichts als farbige Sudelei; der Springbrunnen, welcher so prächtig beim Lampenlicht gefunkelt hatte, sah aus wie eine aufgeplatzte Wasserröhre; alle Verzierungen waren schmutzig und verraucht; alle Spaziergänge sahen düster und trübselig aus. In dem kleinen, offenen Theater nahmen sich die Vorstellungen auf dem Seile wie ein Gespenstertanz aus. Die Sonne schien auf den Flitterstaat der Künstler, und ihre Produktionen machten denselben Eindruck wie ein Contretanz in einer Familiengruft. So gingen wir wieder nach dem Feuerwerksplatz zurück und mischten uns unter den kleinen Haufen, der Herrn Green anstaunte.

Ein halbes Dutzend Männer waren aufgestellt, um das Ungestüm des Luftballons zu zügeln, welcher schon gefüllt und bereits mit der Gondel in Verbindung gebracht war. Da sich das Gerücht verbreitet hatte, ein Lord werde mit aufsteigen, so war die Menge noch neugieriger und gesprächiger. Unter dieser befand sich auch ein kleiner Mann von schmutzigem Aussehen, in einem abgetragenen Kleid und verschossenem schwarzen Halstuch mit rothem Rande, welches wie ein Strick um seinen Nacken lag; er mischte sich in jede Unterhaltung und wußte zu jeder Bemerkung, die innerhalb seines Hörkreises gemacht wurde, seinen Senf zu geben. Mit gekreuzten Armen schaute er an dem Ballon in die Höhe und ließ alle Augenblicke seinen ehrfurchtsvollen Gefühlen für den Luftschiffer freien Lauf, indem er – im Kreise umherblickend – sagte: »'s ist doch ein verteufelter Kerl, der Green; das ist nun wohl schon das zweihundertste Mal, daß er steigt; ein Mann, wie Green, wird in seinem Leben kein Zahnwehe bekommen, nicht in hundert Jahren; das kommt Alles daher. Wenn Einer wirkliches Talent hat und außerdem noch angeborenes – so muß man ihn aufmuntern – das ist meine Maxime!« Dann schlug er die Arme wieder mit noch größerer Entschiedenheit übereinander und starrte mit einer Mischung von Bewunderung und Verachtung gegen jeden Erdensohn – sich und Green ausgenommen – an dem Ballon hinauf, so daß das Volk die zuversichtlichste Meinung von der Untrüglichkeit dieses Orakels gewinnen mußte.

»Sie haben vollkommen Recht, Sir,« sagte ein anderer Herr mit Weib und Kind, Mutter und Schwägerin, und noch einem Paare weiblicher Anverwandten in der ganzen niedlichen Herrlichkeit weißer Taschentücher, Chemisetten, Krägen und Spencern. »Mr. Green hat Haare auf den Zähnen, Sir; um ihn braucht Einem nicht bange zu sein.«

»Bange?« sagte der kleine Mann; »ist es nicht etwas Schönes, wenn er mit seiner Frau in einem Ballon in die Luft steigt, und seinen Sohn mit seiner Frau in einem anderen nachzieht – und noch obendrein, wie sie dann so ein zwanzig oder dreißig Meilen in drei Stunden, oder so was, machen und in Postchaisen wieder heim kommen? Man kann gar nicht sagen, wo das noch aufhören wird; ja, ja, das geht mir immer im Kopf herum!«

Hier entstand ein lebhaftes Geplapper unter den Frauenzimmern in den Spencern.

»Worüber lachen die Damen, Sir?« fragte der kleine Mann sehr herablassend.

»Meine Schwester Mary da,« sagte eine von den Mädchen, »meint nur, Seine Herrlichkeit werde sich doch nicht fürchten, wenn sie in der Gondel sind, und deßhalb wieder aussteigen.«

»Lassen Sie sich darum keine grauen Haare wachsen, mein liebes Fräulein,« entgegnete der kleine Mann. »Wenn er sich einfallen läßt, ohne Erlaubniß nur einen Mucker zu thun, so gibt ihm Green eins mit dem Fernrohr über den Schädel, daß er im Nu auf dem Boden der Gondel liegt und nicht mehr zu sich kömmt, bis sie wieder unten sind.«

»Sollte er wohl?« fragte die Andere.

»Gewiß,« erwiederte der Kleine; »er würde keine Umstände machen, und wenn es der König selbst wäre. Ja, der Green besitzt eine wundervolle Geistesgegenwart.«

In diesem Augenblick richteten sich alle Augen auf die beiden Bälle, zu deren Aufsteigen eben die letzten Vorkehrungen getroffen wurden. Man befestigte die Gondel an dem zweiten Ballon, brachte beide ganz nahe zusammen und die Militärmusik fing an mit einem Eifer und einer Wuth zu spielen, daß auch der allerfurchtsamste Mann auf der ganzen Welt sich überglücklich geschätzt hätte, irgend ein Mittel an die Hand zu bekommen, um diesen Fleck Erde, wo er sich aufgestellt hatte, eiligst und schleunigst verlassen zu können. Hierauf stiegen Herr Green senior und sein edler Genosse in die eine Gondel, und Herr Green junior mit seinem Genossen in die andere; dann erhoben sich beide Bälle, die Luftpassagiere standen auf, das Volk außen brach in ein Jubelgeschrei aus, die beiden Herren, welche noch nie vorher gestiegen waren, versuchten ihre Fahnen zu schwingen, als ob es ihnen ganz pomadig wäre, hielten sich aber doch immer gewaltig fest; die Bälle schwebten anmuthig dahin, und wie sie schon längst nur noch als kleine Punkte in der Luft erschienen, stritt unser kleiner Freund immer noch hartnäckig und ernsthaft, daß er Herrn Green's weißen Hut recht wohl unterscheiden könne. Die Menschenfluth wälzte sich nun aus dem Garten; die Jungen liefen auf und ab und schrieen: »Ballon!« Ueberall rannten die Leute aus ihren Häusern heraus auf die Straße, starrten eine Zeitlang empor nach ein paar kleinen schwarzen Dingern in der Luft, bis sie sich den Hals schier verrenkten, und gingen dann – vollkommen zufriedengestellt – wieder in ihre vier Pfähle zurück.

Den andern Tag las man in den Morgenzeitungen einen großartigen Bericht über die Auffahrt, und das Publikum erfuhr, daß der Tag – vier frühere ausgenommen – der schönste gewesen sei, dessen sich Herr Green je erinnern könne; wie ihnen die Erde im Gesicht geblieben, bis sie hinter den Wolken verschwunden sei, und wie der Widerschein des Ballons auf den wogenden Dunstmassen prachtvoll malerisch gewesen – nebst etlichen wissenschaftlichen Brocken über die Strahlenbrechung und einigen mysteriösen Winken über die atmosphärische Temperatur und die Richtung der Luftströmungen.

Auch wurde noch ein sehr interessanter Umstand erzählt, wie nämlich Herr Green junior ganz deutlich einen Mann in einem Boote ausrufen hörte: »Potz tausend!« welches Herr Green junior so erklärte, daß der Ton jener Stimme in den Ballon hinaufgestiegen, der Schall aber abgeprallt und wieder in die Gondel zurückgedrungen sei; das Ganze schloß mit einem hingeworfenen Winke, daß nächsten Mittwoch abermals eine Ascension stattfinden werde, – was denn Alles höchst belehrend und höchst ergötzlich war, wie unsere Leser finden werden, wenn sie sich die Mühe geben wollen, selbst in den Zeitungen nachzulesen. Da wir aber das Datum des Blattes vergessen haben, so brauchen sie nur bis nächsten Sommer zu warten; wenn sie dann den Bericht über die erste beste Fahrt zur Hand nehmen, so wird ihnen dieser ganz dieselben Dienste leisten.

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