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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141117
projectid4c6924e6
secondcorrectorHerbert Niephaus
modified20161027
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Zwölftes Kapitel

Der Jahrmarkt zu Greenwich.

Wenn – wie man zu sagen pflegt – die Parks die Lungen Londons sind, so möchten wir wohl fragen, was der Jahrmarkt von Greenwich ist? – Ein periodischer Anfall, etwa ein Frühlingsexanthem, ein dreitägiges Fieber, durch welches das Blut auf sechs Monate hinaus abgekühlt wird und an dessen Ende London eben so schnell und vollständig wieder zu seinen alten Gewohnheiten und zu seiner unermüdeten Industrie zurückkehrt, als ob gar keine Unterbrechung dazwischen gekommen wäre. In unseren jüngeren Jahren waren wir stets ein treuer Gast auf der Messe von Greenwich. Wir sind in allen möglichen Gattungen von Fuhrwerken hin und wieder heim gefahren und können mit gutem Gewissen nicht in Abrede ziehen, daß wir einst diesen Weg auf einem großen Leiterwagen, in Gesellschaft von dreizehn Herren und vierzehn Damen, einer Unzahl von Kindern nebst einem Bierfasse gemacht haben; und es schwebt uns eine dunkle Erinnerung vor, daß wir uns sogar später einmal auf dem achten Außenplatze, nämlich auf der Decke einer Miethkutsche, nach vier Uhr Morgens mit einer ziemlich verwirrten Idee von unserem Namen und unserer Wohnung erblickt haben. Seitdem sind wir älter, ruhiger und gesetzter geworden, und bringen unsere Oster- und alle andern Feiertage nirgends lieber zu, als in einer stillen Ecke, mit Leuten, deren wir nie überdrüssig werden; doch wird uns wohl noch etwas von dem Jahrmarkte zu Greenwich und dem, was sich dort zusammenfindet, erinnerlich sein. – Wenigstens wollen wir es versuchen.

Die Straße nach Greenwich stellt während des ganzen Ostermontags eine Scene ewiger geräuschvoller Lebendigkeit dar. Cabriolets, Miethkutschen, Chaisen, Kohlenwägen, Postkutschen, Omnibusse, Gesellschaftswägen, Gigs, Eselfuhrwerke, alle gepfropft voll Menschen – denn es kommt nie darauf an, was das Pferd ziehen, sondern nur was der Wagen fassen kann – rollen mit möglichster Eile auf der Straße hin – Wolken von Staub verfinstern die Luft – Ingwer-Bier-Pfröpfe fliegen knallend in die Höhe – die Balkone aller Wirthshäuser sind mit Rauchern und Trinkern angefüllt – die Hälfte der Privathäuser sind in Theeschenken umgewandelt – alle Fidler sind in Bewegung – jeder Obstladen ist mit vergoldeten Pfefferkuchen und Pennywaaren angefüllt – die Schlagbaumwärter sind in Verzweiflung – hier Pferde, die nicht mehr ziehen, dort Fuhrwerke, welche herein wollen – Damen auf »Caravanenwagen« schreien bei jedem neuen Stoße, als ob sie am Spieße stäken, und ihre Verehrer halten es für Pflicht, sich so dicht als möglich an sie anzuschließen, um ihnen Muth zu machen; Dienstmädchen aller Art, die sonst nicht ausgehen dürfen, erhalten heute Urlaub, und widmen ihre ganze Zeit dem getreuen Liebhaber, der sonst jeden Abend an der Straßenecke einer verstohlenen Zusammenkunft entgegenharrt, wenn seine Schöne nach Bier geschickt wird – die Lehrbursche werden sentimental und die Strohhutflechter zart; – Jedermann sorgt nur dafür, den Tag so viel als möglich zu genießen, und der allgemeine Wunsch ist, so bald als nur immer möglich auf den Markt oder in den Park zu kommen.

Fußgänger machen gruppenweise an der Straße Halt, unvermögend den Lockungen der wohlbeleibten Eigenthümerin des »Schachtelmännchens – drei Shilling für einen Penny,« oder den noch glänzenderen Anträgen des Mannes zu widerstehen, welcher drei Fingerhüte und eine Erbse auf einem runden Brettchen vor sich hat und die neugierige Menge ungefähr mit folgenden Worten in Erstaunen setzt, »hier ist zu sehen ein Spiel, das euch noch sieben Jahre nach eurem Tode zum Lachen bringen wird, und wovon jedes Haar auf eurem Kopf vor Lust grau werden soll! Drei Fingerhüte und eine kleine Erbse – mit eins, zwei, drei, und mit zwei, drei, eins: fange sie, wer kann, paß't 'mal auf, macht eure Augen auf! Nur lustig herbei; Keinen wird sein Geld reuen: all's hübsch 'ran, immer 'ran; wer nicht wagt, gewinnt nicht, – wer das Glück hat, führt die Braut heim! Wettet, Gentl'm'n, von 'ner halben Krone bis zu 'nem Souv'rän, es kann mir keiner sagen unter welchem Fingerhut die Erbse ist.« Hier flüstert ein Gelbschnabel seinem Freunde zu, daß er genau bemerkt habe, wie die Erbse unter den mittlern Fingerhut gerollt sei; – ein in der Nähe stehender Herr mit Stulpstiefeln bestätigt dieß sogleich und setzt in leisem Tone hinzu, er bedaure, nicht selbst wetten zu können, er habe leider seine Börse vergessen; der Fremde solle aber ja diese goldene Gelegenheit nicht vorüber gehen lassen. Der Same ist nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen; die Wette wird angenommen, der Fremde verliert natürlich, und während der Gentleman mit den Fingerhüten das Geld einstreicht, tröstet er ihn, mit der Versicherung, »so ist das Glück im Spiel! Dießmal gewinn' ich, 's nächstemal Sie. Wer wird den Verlust von zwei Schillingen und sechs Pencen anschlagen! Setzen Sie nochmal, so können Sie's wieder holen. Allhier können Sie sehen das Spiel u. s. w.« und er richtet seinen beredten Vortrag mit allerlei Variationen, wie sie dem Sprecher seine Phantasie eingibt, abermals an die gaffende Menge, welche durch neue Ankömmlinge sich immer mehr vergrößert.

Der Haupttummelplatz den Tag über ist, nächst den Wirthshäusern, der Park, wo die vorzüglichste Unterhaltung darin besteht, die jungen Damen den steilen Hügel, der zum Observatorium führt, hinauf zu schleppen und dann mit reißender Schnelligkeit wieder herab zu zerren, so daß Locken und Hüte zur augenscheinlichsten Erbauung der unten Stehenden in die äußerste Unordnung gerathen. »Küssen im Kreise,« und »der Großmutter die Nadel einfädeln« gehören ebenfalls zu den beliebtesten Spielen. Liebeskranke Schäfer, deren zarte Neigung unter dem Einflusse des Grog noch wächst, werden gewaltsam zärtlich und zuthunlich, und die zarten Gegenstände ihrer Verehrung steigern den Werth der gestohlenen Küsse noch durch Sträuben und Abwenden des Kopfes: »Ach! lassen Sie mich doch gehen, George – O, kitzle ihn doch, Mary! – Warum nicht gar, das fällt mir nicht ein!« und ähnliche, einer Lukretia würdige Stoßgebetlein. Alte Männlein und Weiblein, mit einer kleinen Korbflasche unter dem Arme und einem Weinglase ohne Fuß in der andern Hand, bieten den verschiedenen Gruppen »einen Tropfen vom Aechten« an, und junge Damen, welche man beredet hat, einen Tropfen von vorbesagtem Aechten zu kosten, sträuben sich auf die ergötzlichste Weise dagegen, einen zweiten »zu nehmen« und husten nachher mit großem Anstand.

An die alten Invaliden, welche für die mäßige Belohnung von einem Penny das Mast-Haus, die Themse, den Einschiffungs-Platz, den Platz, wo die Kriegsschiffe vor Anker liegen und andere interessante Ansichten durch ein Teleskop sehen lassen, werden Fragen über die verschiedenen Gegenstände innerhalb des Sehkreises der Gläser gestellt, deren Beantwortung einen Salomo in Verlegenheit bringen könnte, denn man verlangt von ihnen, daß sie besondere Häuser in besonderen Straßen herausfinden sollen, die zu entdecken selbst für Herrn Horner (nicht der junge Gentleman, der Fleischpastetchen mit dem Daumen ißt, sondern der Mann, der vom Colosseum her bekannt ist) schwierig gewesen wäre. An manchen Orten, besonders wo etliche Liebespaare beisammen auf dem Grasboden sitzen, sieht man ein sonnverbranntes Weib in rothem Mantel, welches wahrsagt und Männer prophezeit, deren Personal-Beschreibung gerade keine besonders genaue Observation erfordert, da sie die Originale vor sich hat. Die betreffende Dame lacht und erröthet, verbirgt ihr Gesicht hinter einem unechten Cambric-Taschentuche, und der ihr prophezeite Herr ist über die Maßen entzückt, drückt ihr die Hand, und belohnt die Zigeunerin reichlich; diese geht ganz zufrieden fort, läßt die hinter ihr eben so zufrieden zurück und die Prophezeihung geht ihrer Zeit eben so gut in Erfüllung, wie andere Prophezeihungen von größerer Wichtigkeit.

Doch nun beginnt es dunkel zu werden. Die Menge hat sich nach und nach verloren und nur noch einige Herumstreicher bleiben zurück. Die von der Gegend der Kirche herkommende Helle beweist, daß der Marktplatz schon beleuchtet ist, und an dem Lärmen hört man, daß es sehr voll sein muß. Der Raum, auf dem eine halbe Stunde früher das Toben ausgelassener Fröhlichkeit herrschte, ist nun so still und ruhig, als ob seine Ruhe nie gestört worden wäre; die herrlichen alten Bäume, die majestätischen Gebäude zu ihren Füßen und der im Mondschein glänzende stattliche Fluß stellen sich uns in all' ihrer Schönheit und ihrer günstigsten Beleuchtung dar; die Stimmen der ihr Abendlied singenden Knaben dringen sanft zu unseren Ohren und der niedrigste Handarbeiter, welcher von dem weichen Grasteppiche nicht wegkommen kann, weil es den Füßen, die gewohnt sind, von Woche zu Woche dieselbe dämische Runde auf dem Londoner Straßenpflaster zu machen, so wohl thut, fühlt sich, wenn er um sich blickt, von Stolz durchdrungen bei dem Gedanken, daß er einem Lande angehört, welches einen solchen Ort zum Ruhesitze für seine ältesten und ausgezeichnetsten Vertheidiger ausgesucht hat, damit sie die Neige ihres Lebens dort in Muße genießen können.

Ein Gang von fünf Minuten bringt dich auf den Markt, zu einer Scene, die darauf berechnet scheint, Gefühle ganz anderer Art zu erwecken. An dem Eingang zu beiden Seiten sitzen Pfefferkuchen- und Spielwaarenhändler, ihre Buden sind lustig beleuchtet; die anziehendsten Sachen liegen in Menge umher und junge Mädchen ohne Hüte fassen dich, in ihrem Eifer für das Interesse ihres Herrn, beim Rocke und wenden alle mögliche Ueberredungskünste an, z. B. »Mein schöner Herr – kaufen Sie 'was Hübsches – Gehen Sie nicht so vorbei u. s. f.,« um dich zu verleiten, ein halbes Pfund ächter Pfeffernüsse zu kaufen, von denen die Mehrzahl der gewöhnlichen Marktgäste ein oder zwei Pfund zu Geschenken in einem baumwollenen Taschentuche mit heim trägt. Gelegentlich kommst du an einem tannenen Tische vorüber, auf dem Stückchen eingepöckelter Salmen (mit Fenchel) in kleinen weißen Näpfchen aufgestellt sind; Austern mit Schalen, so groß als Käseteller und eine mannigfaltige Auswahl einer Art Schnecken (Trompetenschnecken genannt) schwimmen in einer fast wie Galle aussehenden grünen Flüssigkeit. Auch nach Cigarren ist große Nachfrage, denn die Gentlemen müssen ganz natürlich geraucht haben, und hier kann man sie ja haben – zwei für einen Penny und zwar aus einem ächten authentischen Cigarrenkistchen von Havannah; ein auf dem Tische stehendes brennendes Talglicht erleichtert das Anzünden.

*

Bilde dir nun ein, lieber Leser, du befändest dich in einem ungewöhnlich dicht gedrängten Haufen, der dich hin und her und heraus und hinein schiebt, kurz jeden Weg, nur den rechten nicht; denke dir dazu das Gekreisch der Weiber, das Schreien der Knaben, das Rasseln der Trommeln, das Abfeuern der Pistolen, das Läuten der Glocken, das Schmettern der Trompeten, das Quäcken der Pennypfeifen, das Lärmen von einem halben Dutzend Musikbanden, deren jede drei Trommeln hat und die alle zu gleicher Zeit je verschiedene Stücke spielen, das Ausrufen von Männern mit Raritäten, dazwischen das Gebrüll der wilden Thiere in der Menagerie – und dann bist du im eigentlichen Mittelpunkte, im Herzen des Marktes. Jene ungeheure Bude mit der großen Schaubühne, die du so glänzend mit bunten Lampen und brennenden Fettämpelchen illuminirt siehst, ist die von »Richardson«, wo dir ein Melodrama (in dem drei Mordthaten und ein Geist vorkommen), eine Pantomime, ein komisches Singspiel, eine Ouvertüre und allerhand andere Musik – Alles in fünfundzwanzig Minuten aufgetischt wird.

Die Gesellschaft promenirt gegenwärtig außerhalb, mit all' ihrem Schmuck von Perücken, Locken, Flittern, rother und weißer Schminke. Sieh' einmal, mit welch' grimmiger Miene der Gentleman, welcher den Mexikanerhäuptling darstellt, auf und ab schreitet, und mit welch' ruhiger Würde im Auge der erste tragische Künstler auf die gemeine Masse herabsieht, oder sich zutraulich mit dem Harlekin unterhält. Die vier Hanswurste mit ihrem possierlichen Schwertkampf mögen alle schon recht für die gewöhnlichen Feiertagsgäste sein; aber jene Leute dort sind für den vornehmeren, gebildeteren Theil des Publikums. Sie sehen in dieser römischen Kleidung, mit ihren gelben Beinen und Armen, ihren schwarzen Lockenköpfen, buschichten Augenbrauen und Mord und Rache schnaubenden Blicken so edel aus: ihr ganzes Wesen athmet Erhabenheit und feierliche Würde. Und vollends die Damen – hat man je so unschuldige und ehrfurchtgebietende Geschöpfe gesehen, als wie sie hier zu Zweien und Dreien, die Arme um einander geschlungen oder auf einen jener majestätischen Männer gestützt, auf der Plateform auf- und abgehen? Ihre mit Flittern besetzten Mousselinkleider, ihre blauen Atlasschuhe oder Sandalen (etwas Weniges abgenützt vom Tragen) werden von Jedermann angestaunt; und die scherzhafte Weise, mit der sie die Zudringlichkeiten des Hanswursts abwehren, ist vollends bezaubernd.

*

»G'rade fängt's an! Nur herein spaziert, spazieren's rein!« ruft der Mann im Bauernanzuge schon zum siebzehnten Mal, und das Volk drängt sich in Massen die Treppe hinan. Die Musik beginnt sogleich zu spielen; Harlekin und Columbine treten zuerst auf und geben etwas zum Besten; schnell bilden sich Tänzergruppen; die römischen Helden stemmen ihre Arme in die Seite und tanzen mit bedeutender Agilität; die erste tragische Schauspielerin aber und der Akteur, welcher den »Gentleman« in der Pantomime spielt, produziren sich in hoher Vollkommenheit.

»Hat schon angefangen!« ruft der Direktor an der Thüre, wenn es noch möglich ist, weitere Personen »hereinspazieren« zu lassen, und rasch eilen die Hauptmitglieder der Gesellschaft weg, um die erste Schreckensscene loszulassen.

Einige Abwechslung in der Darstellung findet zwar jeden Tag während der Messe statt, aber die Fabel der Tragödie bleibt stets dieselbe. Da ist ein rechtmäßiger Erbe, der ein junges Mädchen liebt und von ihr wieder geliebt wird, und ein falscher Erbe, der sie ebenfalls liebt, von ihr aber nicht wieder geliebt wird; der falsche Erbe läßt den rechtmäßigen gefangen nehmen und ihn in einen finstern Kerker sperren, um ihn, sobald es ihm gut dünkt, zu tödten, in welcher Absicht er ein paar Meuchelmörder dingt – einen guten und einen schlechten, die, so wie sie sich allein befinden, eine kleine Mordthat auf eigene Faust begehen; der Gute erschlägt nämlich den Bösen, nachdem er vorher vom Bösen verwundet worden ist. Dann wird der rechtmäßige Erbe in seinem Kerker entdeckt; er sitzt kleinmüthig in einem großen Lehnstuhle und hält sorgfältig eine lange Kette in den Händen; die Dame tritt ein – zwei Takte sanfte Musik – und umarmt den rechtmäßigen Erben; dann tritt der falsche Erbe herein – zwei Takte gellende Musik – beträgt sich auf sehr anstößige Weise, zerrt die Dame mir nichts dir nichts wie einen Flederwisch herum, und schimpft den rechtmäßigen Erben, mit der fürchterlichsten Stimme auf ihn hineinschreiend, in der doppelten Absicht, einmal, um seinen Zorn dadurch auszudrücken, und zweitens, damit der Ton nicht durch die Sägespähne allzusehr gedämpft wird: »der – r – r Ell – lende! de – r – r Räuber!« Nun steigert sich das Interesse; der unrechtmäßige Erbe zieht das Schwert und springt auf den Andern dar; plötzlich steigt ein blauer Rauch empor, ein Paukenschlag ertönt und eine lange weiße Gestalt (welche die ganze Zeit über, mit einem Tischtuche bedeckt, hinter dem Lehnstuhle hockte) erhebt sich langsam nach dem Takte des Liedes »Oft in der stillen Nacht.« Diese Gestalt ist Niemand anders, als der Geist des Vaters des rechtmäßigen Erben, der durch des Andern Vater getödtet worden ist. Wie der Unrechtmäßige diesen erblickt, bekommt er Krämpfe, wird buchstäblich vom Schlag gerührt und die Bühne ist kaum groß genug für ihn, um, so lang und breit er ist, hinzufallen. Dann wankt der gute Meuchelmörder herein und erklärt, er und der böse Meuchelmörder seien von dem unrechtmäßigen Erben gedungen worden, den rechtmäßigen Erben zu ermorden; er habe seiner Zeit ziemlich viele Leute umgebracht, das thue ihm aber sehr leid und er wolle es nicht mehr thun – ein Versprechen, von dem er alsbald entbunden wird, indem er Knall und Fall umfällt und ohne alles weitere stirbt. Hierauf schüttelt der rechtmäßige Erbe seine Kette ab; zwei Personen, ein Matrose und ein junges Mädchen, welche die Lehensleute des Erben repräsentirten, treten ein; der Geist macht ihnen stumme Zeichen, welche sie durch übernatürliche Vermittelung verstehen – denn Niemand außer ihnen vermag dieß; und der Geist (der nichts ohne blaues Feuer thun kann) segnet den rechtmäßigen Erben und die junge Dame dadurch, daß er sie halb durch Rauch erstickt; endlich läßt sich ein Theeglöckchen hören und der Vorhang fällt.

Die Darstellungen, welche nächst diesen wandernden Theatern am meisten Popularität besitzen, sind die herumziehenden Menagerien, oder, um deutlicher zu sprechen, die »Wilde Thierschau«, wo eine Militärmusik in Ochsenfleischessers-Uniform Volksbenennung für Leibgardisten., mit Leopardenfellhelmen, unaufhörlich spielt; außen hängen, um die Zuschauer herbeizuziehen, große, prächtig gemalte Darstellungen von Tigern, welche Menschen die Köpfe abreißen und einem Löwen, der mit glühenden Eisen gebrannt wird, damit er sein Opfer fahren lasse.

Der erste Aufseher solcher Menagerien ist gewöhnlich ein sehr großer, heisergeschriener Mann in einem Scharlachrocke und hat einen Stecken in der Hand, mit dem er zuweilen auf die vorbesagten Gemälde hintippt, um seiner Beschreibung wenigstens dadurch etwas mehr Deutlichkeit zu geben. »Herbei – herbei! Allhier – können Sie sehen: den Löwen – den Löwen (Klapp) akkurat, wie er auf dieser Leinwand dargestellt ist (drei Klapps); Sie brauchen nicht zu warten – wie bei den Anderen – auch keine Täuschung nicht! – Das ist der gr–r–rimmige Löwe (Klapp klapp) – welcher einem Gentleman den Kopf abgebissen hat, letzte Fastnacht war's ein Jahr; derselbige frißt auch alle Jahre im Durchschnitte drei Wärter seit er ausgewachsen ist. – Auch wird nicht noch einmal gesammelt, – der Eintrittspreis ist blos sechs Pence.« Diese Worte verfehlen nie, bedeutenden Eindruck zu machen, und mit der wunderbarsten Schnelligkeit fliegen die Sechspencestücke in die Kasse. Zwerge sind ebenfalls ein bedeutender Gegenstand der Neugierde; und da ein Zwerg, eine Riesin, ein lebendiges Skelett, ein wilder Indianer, eine »junge Dame von ausgezeichneter Schönheit, mit ganz weißen Haaren und rothen Augen,« sammt zwei oder drei anderen Naturmerkwürdigkeiten gewöhnlich mit einander um den unbedeutenden Preis von einem Penny zu sehen sind, so ziehen sie eine Masse Zuschauer an. Das Beste an einem Zwerge ist, daß er stets ein kleines etwa zwei Fuß und sechs Zoll hohes Häuschen hat, in das er sich durch lange Uebung gerade hinein zwängen kann, wenn er sich wie ein Stiefelzieher zusammenlegt; dieses Kästchen ist von außen gleich einem Hause mit Fenstern und Stockwerken gemalt, und wenn der Pöbel ihn die Glocke ziehen oder aus dem Fenster des ersten Stockes eine Pistole abfeuern sieht, so glaubt er in der That, daß dieß seine eigentliche Wohnung und dieselbe, gleich andern Gebäuden, in Wohnzimmer, Speisezimmer und Schlafzimmer abgetheilt sei. In diese Kapsel eingeschlossen muß das unglückliche kleine Geschöpf zur Ergötzung des Publikums ein scherzhaftes Gespräch mit dem Eigenthümer abhalten, in dessen Verlaufe der Zwerg (der stets halb betrunken ist) Gesundheiten ausbringt, ein komisches Lied singt und den Damen allerlei Komplimente macht, welche diese bewegen, unter lautem Kichern, »'ranzukommen.« – Da ein Riese nicht so mobil ist, so werden Inexpressibles von ungeheurem Umfange und ein Paar großmächtige Schuhe herausgebracht, worin beide Füße von dreien der stärksten Männer zumal Platz haben; das Volk hat seine größte Freude daran, und ist mit der feierlichen Versicherung, daß dieses der Werktaganzug des Riesen sei, vollkommen zufrieden.

Die grandioseste und allerbesuchteste Bude auf der ganzen Messe ist übrigens »Krone und Anker« – ein temporärer Ballsaal – wir wissen nicht mehr, wie viele hundert Fuß lang – der Eintrittspreis ist ein Shilling. Hast du dein Geld bezahlt und trittst ein, so ist gleich rechter Hand das Buffet, auf welchem kaltes Ochsenfleisch, gekocht oder geröstet, Semmeln, Doppelbier, Wein, Zungen, Schinken, sogar Geflügel, wenn wir uns recht erinnern, in verführerischer Schlachtordnung aufgestellt sind. Das Orchester in der Höhe oben angebracht und der Tanzplatz unten, nach allen Richtungen in Felder abgetheilt, die gerade für einen Contretanz groß genug sind. Hier gibt es keinen Ceremonienmeister – in diesem künstlichen Eden ist Alles gleich – Alles im Naturzustande, zwanglos und unstudirt. Der Staub macht Einen fast blind, die Hitze ist unerträglich, die Gesellschaft ein Bischen laut und ausgelassen fröhlich. In dem Uebermaße ihres unschuldigen Jugendfeuers tanzen die Damen mit den Hüten ihrer Herren auf dem Kopfe und die Herren promeniren über »die muntere und festliche Scene« mit den Hüten der Damen, oder dem kostspieligem Schmucke falscher Nasen, oder in ganz niedrigen, tintenfaßähnlichen Hüten und spielen auf Kindertrommeln, wozu Damen mit Pennytrompeten accompagniren.

Der Lärm, welchen diese verschiedenen Instrumente, das Orchester, das Geschrei, das Gekratze und das Tanzen machen, ist zum Rasendwerden. Der Tanz selbst verdient eine besondere Beschreibung: – jede Figur dauert etwa eine Stunde und die Damen springen auf und ab und mit unaussprechlicher Lust darauf los, daß es jede Beschreibung übersteigt. Die Herren stampfen mit den Füßen auf den Boden, so oft die »Ronde« beginnt, chassiren mit Cigarren im Mund und seidenen Taschentüchern in der Hand auf und ab, drehen ihre Damen im Kreise herum, ob sie wollen oder nicht, stolpern und fallen, umarmen einander und rennen andere Paare nieder, bis sie so ermüdet sind, daß sie sich nicht mehr rühren können. Dieselbe Scene wiederholt sich wieder und immer wieder (nur so hie und da durch eine Rauferei unterbrochen) bis in die späte Nacht; und der nächste Morgen findet manchen Schreiber und Lehrling mit Kopfschmerzen, leeren Taschen und ruinirtem Hute, in einer sehr unvollkommenen Erinnerung, wie es zugegangen, daß er nicht zu Hause ist.

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