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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20141117
modified20161027
projectid4c6924e6
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Siebentes Kapitel

Miethkutschen-Stände.

Wir behaupten, daß die Miethkutschen – d. h. die eigentlichen Miethkutschen – eine ausschließlich der Hauptstadt angehörige Eigenthümlichkeit sind. Man wird uns zwar entgegenhalten, – daß es auch Miethkutschen-Stände in Edinburgh gäbe; ja, um den Widerspruch unserer Behauptung nicht einmal so weit aufzusuchen, so wird man uns in Erinnerung bringen, daß Liverpool, Manchester »und andere große Städte« – wie der parlamentarische Ausdruck laute – gleichfalls ihre Miethkutschen-Stände hätten. Wir geben gerne zu, daß diese Orte im Besitze gewisser Fuhrwerke sind, die fast eben so schmutzig aussehen und eben so langsam fahren, als die Londoner Miethkutschen; daß sie aber auch nur die geringsten Ansprüche hätten, sich mit denen der Metropolis, sei es im Punkte der Stände, oder der Kutscher, oder der Pferde, gleichzustellen, dieß müssen wir mit der gebührenden Verachtung zurückweisen.

Man nehme einmal eine regelmäßige, schwerfällige, gebrechliche Londoner Miethkutsche von dem ächten alten Schlage an, und irgend ein Mensch soll die Kühnheit haben, aufzutreten und zu behaupten, daß ihm je irgend ein Gegenstand auf der Welt vor Augen gekommen sei, der jener Maschine auch nur entfernt ähnlich wäre – eine andere Miethkutsche von demselben Stande ausgenommen. Wir haben zwar schon auf verschiedenen Ständen – und sagen es mit tiefem Schmerze – hellgrüne Wagen und gelblackirte Kutschen mit vier Rädern von derselben Farbe, wie die Kutsche, beobachtet, während es doch Jedermann, der diesen Gegenstand studirt hat, vollkommen bekannt ist, daß jedes Rad von verschiedener Farbe und verschiedener Größe sein muß. Dieß sind aber blos Neuerungen und, gleich anderen unberufenen Verbesserungen, gewichtige Zeichen von der Veränderlichkeit der öffentlichen Gesinnungen und der geringen Achtung vor unserem guten alten Herkommen. Warum sollten denn die Miethkutschen reinlich sein? – Unsere Vorfahren hatten sie so. Warum sollten wir mit unserem überspannten Streben nach »Fortschritten« verlangen, in einer Stunde sechs Meilen zu machen, während unsere Vorfahren sich mit vier begnügten? Dieß sind sehr bedenkliche Meinungen. Miethkutschen sind specielle Theile und Gegenstände unserer Landesgesetze – durch die Gesetzgebung begründet – und bezeichnet und nummerirt durch die Weisheit des Parlaments.

Wie sind endlich diese Institute durch Kabriolets und Omnibusse besudelt worden? Oder – warum soll dem Volk gar gestattet sein, eine ganze Meile für 18 Pence im Fluge zu fahren, nachdem einmal das Parlament feierlich entschieden hat, daß es einen Shilling für die Meile bezahlen soll, um langsam zu fahren? – Wir halten hier inne, um eine befriedigende Antwort auf diese Frage aufzufinden – und da es nicht gelingen will, so beginnen wir einen neuen Absatz.

Unsere Bekanntschaft mit den Miethkutschen schreibt sich schon von lange her. Wir sind ein wanderndes Buch, das immer auf der Fahrt begriffen ist, und fühlen uns gleichsam halb in die Miethkutschen gefesselt, um stets hierüber auf dem rechten Standpunkte zu bleiben. Wir kennen alle regelmäßigen Miethkutscher innerhalb dreier Meilen um Covent-Garden von Person, und möchten fast zu dem Glauben versucht werden, daß selbst alle Miethkutschenpferde in diesem Distrikte uns vom Ansehen kennen würden, wenn nicht die Hälfte blind wäre. Wir fühlen eine außerordentliche Theilnahme für die Miethkutschen; aber wir kutschiren selten selbst, da wir einige Geschicklichkeit besitzen, uns umzuwerfen, wenn wir es uns je beigehen lassen. Wir sind den Pferden nicht minder zugethan, als der renomirte Obsthändler Martin, und doch reiten wir nie. Wir halten kein anderes Pferd, als ein KleiderpferdZum Ausklopfen der Kleider., – lieben keinen Sattel so sehr, als den von einer gebratenen Gans – und da wir blos unsern Neigungen zu folgen gewöhnt sind, so folgen wir nie den Hatzhunden bei Fuchsjagden. Wir überlassen dergleichen Flugmaschinen – gemacht, um schneller über den Boden wegzusetzen, oder schneller auf ihn hinabgesetzt zu werden – denen, die dieß lieben, und nehmen unsern Stand bei den Miethkutschen-Ständen.

Ein solcher befindet sich hart unter dem Fenster, an dem wir schreiben. Nur noch eine Kutsche befindet sich da, aber sie ist das leibhafteste Bild derjenigen Gattung von Fuhrwerken, von der wir sprechen, ein großer, viereckigter Rumpelkasten von braungelber Farbe, gleich einer gallichten Brünette, mit sehr kleinen Fenstern, aber desto größeren Rahmen. Die Kissen sind mit einem verschossenen militärrothen Tuche geschmückt und in der Form einigermaßen einer in der Mitte durchschnittenen Fledermaus ähnlich; die Achsen sind roth und die Mehrzahl der Räder grün. Der Bock ist zum Theil mit einem alten Oberrock, mit verschiedenen Stücken von Mantelkrägen und mehreren ganz absonderlich aussehenden Kleidungsstücken belegt, und das Stroh, mit dem die Segeltuchkissen ausgestopft sind, sticht an verschiedenen Stellen hervor, als ob es mit dem Heu, das aus den Rissen der Kutschenschläge heraussieht, wetteifern wollte. Die Pferde, deren Mähnen und Schwänze – ähnlich vielgebrauchten Wiegenpferden – nur etliche Haare zählen, stehen mit gesenkten Köpfen geduldig auf etwas Stroh, und schlagen gelegentlich ein wenig hinten aus, oder rütteln ihre Geschirre; hie und da erhebt wohl auch eines sein Maul zu dem Ohr seines Gefährten, als wenn es ihm zuflüstern wollte, daß es Lust hätte, den Kutscher todt zu schlagen. Dieser selbst befindet sich in dem Brunnenhause, und der Brunnenmann, der seine Hände in die Taschen gesteckt hat, so tief sie hineingehen wollen, tanzt vor dem Brunnen den »Double-Shuffle«, um seine Füße warm zu halten.

Ein Dienstmädchen aus Nummer 5 mit bunten Haubenbändern öffnet plötzlich die Hausthüre; alsbald springen vier kleine Kinder heraus und kreischen aus Leibeskräften »Kutsch'!«

Der Brunnenmann verläßt pfeilschnell die Pumpe, ergreift die Pferde bei ihren Zügeln, und schleppt sie nebst der Kutsche zum Hause heran, während er die ganze Zeit über seine Stimme bis zur äußersten Höhe, oder vielmehr Tiefe anstrengte – denn er ist ein tiefer Baßbrummer – um den Kutscher herbeizurufen. Endlich läßt sich eine Antwort aus der Schenkstube hören – es ist die des Kutschers, der in seinen Schuhen mit Holzsohlen abermals die Straße wiederhallen läßt, die er durchrennt – und dann folgt ein solches Hin- und Herbewegen, Schieben und Zerren, um die Kutsche gerade vor die Hausthüre hin zu bringen, daß die Kinder vor Vergnügen fast närrisch werden. Welche Rührigkeit! Die alte Dame, die sich seit dem letzten Monate hier aufgehalten hat, reist wieder in ihre Heimath zurück. Eine Schachtel nach der andern wird herausgebracht, und die eine Seite des Fuhrwerks ist im Augenblick mit Gepäcke angefüllt; die Kinder sind Jedermann im Wege, und das jüngste, das im Bestreben, einen Regenschirm herbeizuschleppen, hingefallen ist, wird verwundet und schreiend fortgetragen. Es entsteht eine kurze Pause, während welcher die alte Dame ohne Zweifel im Hinterzimmer – Alle nach der Reihe abschmatzt. Endlich erscheint sie, gefolgt von ihrer verheiratheten Tochter und allen Kindern, so wie von den beiden Mägden, die es mit der vereinten Beihilfe des Kutschers und des Brunnenmanns endlich dahin bringen, die Großmutter in die Kutsche hinein zu schaffen. Ein Mantel wird ihr nachgereicht, und ein Körbchen, das – wie wir fast darauf schwören wollten – eine kleine, schwarze Flasche und ein Papier mit Sandwich-Butterschnitten enthält. Die Tritte werden aufgeschlagen und der Schlag geschlossen. – »Goldencross, Charingcross, Tom,« sagt der Brunnenmann. – »Adieu, Großmama!« rufen die Kinder; und fort wackelt die Kutsche, ungefähr drei Meilen in der Stunde – und die Mama und die Kinder ziehen sich wieder in's Haus zurück, mit Ausnahme eines kleinen Bösewichts, der mit der größten Geschwindigkeit – von der oben besagten Magd, der es nicht wenig Vergnügen macht, eine Gelegenheit zu haben, ihre Anziehungskräfte spielen zu lassen, verfolgt – die Straße hinabrennt. Sie erwischt ihn endlich und bringt ihn zurück; und nachdem sie zwei bis drei graziöse Blicke über die Straße entsendet hat, die entweder uns oder dem Laufburschen über uns gegolten – wir wissen dieß nicht ganz genau – schließt sie die Thüre – und der Miethkutschenstand ist nun abermals in sein voriges Stillschweigen versunken.

Häufig schon haben wir uns an dem überschwenglichen Vergnügen ergötzt, das ein nach einer Miethkutsche gesendetes Dienstmädchen an den Tag legt, wenn sie sich hineinsetzen darf; deßgleichen auch an dem unaussprechlichen Behagen, womit Knaben, denen ein ähnlicher Auftrag zu Theil geworden, die Kutsche besteigen. Doch hat uns nie irgend eine Miethkutschenpartie mehr unterhalten, als eine, von der wir neulich eines Morgens in Tottenham-Court-Street Augenzeuge waren. Es war eine Hochzeitsgesellschaft, die aus einer der untern Straßen in der Nähe von Fitzroy-Square heraufkam. Die Braut trug ein dünnes, weißes Kleid, und hatte ein stark rothes Angesicht; und die Brautjungfer, ein kleines, stilles, gutmüthiges, junges Mädchen, war natürlich ganz in dasselbe Costüme gekleidet; der Bräutigam, sowie der von ihm erwählte Freund, trugen blaue Fräcke, gelbe Westen, weiße Beinkleider und dazu passende Berliner Handschuhe. Sie hielten an der Straßenecke und riefen mit unbeschreiblicher Gravität nach einer Miethkutsche. Im Augenblick waren sie eingestiegen; die Brautjungfer ließ einen rothen Shawl, den sie ohne Zweifel zu diesem Zwecke gekauft hatte, nachlässig über die Nummer des Kutschenschlags herabhängen, augenscheinlich in der Absicht, um die Vorbeigehenden glauben zu machen, es sei ein Privatwagen – und fort rollten sie, vollkommen zufrieden, daß die Täuschung so gut gelungen war, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß hinten auf einer Messingplatte, so groß wie die Schiefertafel eines Schulknaben, die Nummer gleichfalls in schönen, groben Zügen zu lesen war. Ein Shilling die Meile! Die Fahrt war fünf werth – wenigstens für sie!

Was für ein interessantes Buch könnte eine Miethkutsche schreiben, wenn sie so viel in ihrem Kopf zu führen vermöchte, als in ihrem Leibe! Die Selbstbiographie einer zu Grunde gegangenen Miethkutsche würde sicherlich eben so unterhaltend sein, als die eines zu Grunde gegangenen gemietheten Dramatikers; und ohne Zweifel könnte sie uns vielerlei Geschichten von den verschiedenen Leuten zum Besten geben, die sie in Geschäfts-, Profit-, Vergnügens- oder Trauerangelegenheiten geführt hat! Und wie manche traurige Geschichte über dieselben Personen in verschiedenen Perioden! Das Landmädchen – die prächtige, modisch gekleidete Dame – das betrunkene Freudenmädchen! – Der unerfahrene Lehrbursche – der verschwenderische Prasser – der Dieb!

Kommen wir auf die Cabriolets! – Cabriolets mögen sehr gut sein in Fällen, wo es rasche Beförderungen gilt, wenn es sich um den Hals oder um nichts – um Leben oder Tod – um zeitliche oder ewige Heimath handelt. Aber, abgesehen davon, daß ein Cabriolet des ehrwürdigen Ansehens, das eine Miethkutsche auszeichnet, gänzlich ermangelt, so darf man nie vergessen, daß ein Cabriolet eine Sache von gestern ist, welche nie vorher bessere Tage kannte. Ein Miethcabriolet ist von seinem Eintritt in's öffentliche Leben an stets nur ein Miethcabriolet gewesen, während eine Miethkutsche das Ueberbleibsel ehemaliger Gentilität – ein Opfer der Mode – ein Erbstück einer alt-englischen Familie ist, deren Wappen sie noch trägt. Sie wurde in bessern Tagen von Leuten begleitet, die Livreen trugen; jetzt aber ist sie ihrer Schönheit entkleidet, und in die Welt hinausgestoßen, gleich einem ehemals stattlichen Bedienten, wenn er für seinen Dienst nicht mehr jugendlich genug ist, und sinkt immer tiefer und tiefer in ihrer vierrädrigen Entwürdigung herab, bis sie endlich auf einen »Stand« kommt.


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