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Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben

Charles Dickens: Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Dickens
titleSkizzen aus dem Londoner Alltagsleben
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year1862
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141117
projectid4c6924e6
secondcorrectorHerbert Niephaus
modified20161027
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Sechstes Kapitel

Gedanken in der Monmouthstraße

Wir haben von jeher eine besondere Anhänglichkeit an die Monmouthstraße, als dem einzig reellen Emporium für alte Kleider gehabt. Die Monmouthstraße ist ehrwürdig wegen ihres Alterthums und achtungswürdig wegen ihrer Gemeinnützigkeit. Die Holywellstraße ist verächtlich; wir verabscheuen die rothköpfigen und rothbärtigen Juden, welche die Vorübergehenden mit Gewalt in ihre schmutzigen Häuser hineinzerren und ihm einen Anzug aufdringen, mag er ihn nun wollen oder nicht.

Die Bewohner der Monmouthstraße bilden ein eigenes Völkchen; es sind friedliche, zurückgezogene Leute, welche sich die meiste Zeit über in tiefe Keller oder kleine Hinterstübchen einmauern und nur selten an's Licht der Welt treten, außer in der Dämmerung und Kühle des Abends, wo sie in Lehnstühlen vor ihren Häusern sitzen, ihre Pfeife rauchen oder die Luftsprünge ihrer jubelnden Kinder überwachen, welche sich in den Gossen balgen, eine glückliche Truppe junger Straßenfeger. Auf ihrem Gesichte drückt sich Nachdenken und Achtlosigkeit auf ihr Aeußeres aus, sichere Zeichen ihrer Liebe zum Handel; und ihre Wohnungen unterscheiden sich durch Vernachlässigung des äußeren Gepränges und der persönlichen Bequemlichkeit, eine Gewohnheit, die bei Leuten so häufig vorkommt, welche beständig über tiefen Speculationen brüten und mit Geschäften überhäuft sind, welche nicht viel Bewegung erfordern.

Wir haben auf das Alterthum unserer Lieblingsstraße hingedeutet. »Ein Tressenrock aus der Monmouthstraße« sagte man schon vor einem Jahrhundert; und immer noch ist die Monmouthstraße dieselbe. Lotsenüberröcke mit hölzernen Knöpfen haben die Stelle der gewichtigen Tressenröcke mit voller Einfassung eingenommen; gestickte Westen mit großen Batten sind den doppelten Brusttüchern mit Rollkrägen gewichen; und Dreispitze von seltsamem Aussehen haben den niederen, breitkrempigen Kutscherhüten Platz gemacht; aber es ist die Zeit, welche diese Veränderung hervorgebracht hat, nicht die Monmouthstraße. Bei jeder Umwandlung, bei jedem Wechsel ist die Monmouthstraße stets die Begräbnißstätte der Moden gewesen, und dem ganzen gegenwärtigen Anscheine nach wird sie es bleiben, bis es keine Moden mehr zu begraben gibt.

Wir wandeln gerne zwischen diesen weiten Gräbern der erlauchten Todten und geben uns den Gedanken hin, die sie in unserem Geiste erwecken. Wir messen bald einen hingeschiedenen Rock, bald ein todtes Paar Hosen, bald die irdischen Ueberreste einer Staatsweste einem Wesen an, das wir selbst heraufbeschwören, und suchen aus der Gestalt und Façon des Gewandes auf seinen früheren Eigenthümer zu schließen und denselben unserem inneren Auge vorzuführen. In solche Gedanken vertieften wir uns so lange, bis ganze Reihen Röcke von ihren Nägeln herabsprangen und sich aus eigenem Antrieb um den Leib eingebildeter Träger schloßen; Linien von Hosen hüpften herunter, um sich ihnen anzureihen; Westen zerprangen beinahe vor Begierde, sich umzuhängen, und ein halbes Jauchert Schuhe fand plötzlich Füße, denen sie sich anpaßten, und humpelten mit ihrem Gepolter die Straße hinab, das uns beinahe aus unserer süßen Träumerei geweckt und mit einem wilden Starrblicke langsam fortgedrängt hätte, worüber das gute Völkchen in der Monmouthstraße höchlich erstaunt und der Polizeidiener an der gegenüber liegenden Straßenecke nicht wenig argwöhnisch geworden wäre.

Mit solchen Gedanken beschäftigten wir uns eines Tages, für ein Paar umgestülpte Halbstiefel aus der Vorrathskammer unserer Einbildungskraft eine Person hervorholend, der sie, redlich gestanden, um die Hälfte zu klein waren, als uns einige vor einem Ladenfenster ausgehängte Anzüge in die Augen fielen. Es war uns auf der Stelle klar, daß sie alle einem und demselben Individuum angehört, in verschiedenen Lebensperioden von ihm getragen worden und nun durch eine jener seltsamen Verknüpfungen der Umstände, die uns so oft vorkommen, in einem und demselben Laden miteinander zum Verkauf ausgestellt waren. Die Idee schien uns phantastischer Natur zu sein, und wir betrachteten die Kleider wieder mit dem festen Entschlusse, uns nicht so leicht hinreißen zu lassen. Aber nein; wir hatten Recht. Je länger wir sie betrachteten, desto mehr wurden wir von der Wahrheit unserer ersten Vermuthung überzeugt. Des Mannes ganzes Leben war so leserlich auf diesen Kleidern geschrieben, als hätten wir seine Selbstbiographie auf Pergament gedruckt vor uns.

Das erste war ein geflickter und stark beschmutzter Skeletanzug; eines von jenen engen, blauen Tuchgehäusen, in welche die Jungen gesperrt zu werden pflegten, ehe Gürtel und Kinderröcke auf- und alte Gebräuche abkamen – eine sinnreiche Erfindung, die volle Symmetrie einer Knabengestalt hervorzuheben, indem man ihn in eine enganschließende, auf beiden Seiten der Brust mit einer Reihe Knöpfe dekorirte Jacke steckt, über welcher die Hosen zugeknöpft werden, daß es den Anschein gewinnt, die Beine seien gerade unter den Achselhöhlen eingefügt. Dieß war der Anzug des Knaben: – er hat nämlich einem Knaben aus der Stadt gehört, das konnten wir sehen; die Beinkleider und die Aermel hatten eine Kürze und die Kniee eine Fülle, welche der aufwachsenden Jugend der Londoner Straßen eigenthümlich ist. Es war offenbar ein kleiner Privatschüler. Hätte er eine öffentliche Knabenschule besucht, so würde man nicht geduldet haben, daß er so viel auf der Hausflur spielte und seine Kniee so abrutschte. Auch hatte er eine nachsichtige Mutter und keinen Mangel an Halbpencestücken, wie die vielen, von einer klebrigen Substanz herrührenden Schmutzflecken im Umkreis der Taschen und unter dem Kinn, die sogar die Geschicklichkeit des Verkäufers nicht herauszubringen vermochte, zur Genüge bewiesen. Seine Eltern waren wohlhabend, aber nicht mit Reichthum überladen, sonst hätten sie ihn den Anzug nicht so lange tragen lassen, bis er in jene Corduroys mit der runden Jacke überging, worin er eine öffentliche Knabenschule besuchte, in der er schreiben lernte und zwar mit einer Tinte von nicht sehr übertriebener Schwärze, wenn man die Stelle, wo er seine Feder abzuwischen pflegte, für einen Beweis gelten lassen mag.

Ein schwarzer Anzug und die Jacke wichen einem Diminutivrock. Sein Vater ist gestorben, und die Mutter hat den Knaben als Laufburschen in eine Schreibstube gethan. Ein lange getragener Anzug; abgeschabt und fadenscheinig, bevor er abgelegt wurde, aber reinlich und fleckenlos bis an's Ende. Armes Weib! Wir können uns ihre verstellte Freude über das spärliche Mahl und die Verkleinerung ihrer eigenen Portion zu Gunsten des hungrigen Knaben vorstellen. Ihre beständige Sorge für seine Wohlfahrt, ihr Stolz auf sein Heranwachsen, zuweilen mit dem quälenden Gedanken vermischt, wenn er ein Mann sein würde, könnte seine alte Liebe erkalten, seine alte Zärtlichkeit abnehmen und seine alten Versprechungen vergessen werden – der stechende Schmerz, den ihr schon jetzt ein liebloses Wort oder ein kalter Blick verursachen würde – das Alles drang sich unserem Geiste so lebhaft auf, als hätten wir den ganzen Auftritt vor Augen.

Diese Dinge ereignen sich zu jeder Stunde und wir Alle wissen es; und doch fühlten wir so viel Kummer, als wir die Veränderung, die jetzt Platz zu greifen begann, sahen, oder zu sehen uns einbildeten – was auf Eins hinausläuft – als hätten wir eben erst die bloße Möglichkeit begriffen, daß so etwas zum ersten Male vorkommen könnte. Der folgende Anzug – schmuck, aber nachlässig, anscheinend flott, aber nicht halb so anständig, als sein fadenscheiniger Vorgänger, und traurig über das müßige Herumlungern und die schlechte Gesellschaft – erzählte uns, wie wir uns vorstellten, daß die Hoffnungen der Wittwe eilends von dannen flohen. Wir konnten uns vorstellen – doch was sage ich vorstellen? Wir konnten es sehen; wir haben es hundertmal gesehen – wie dieser Rock in Gesellschaft von drei oder vier anderen Röcken von demselben Schnitt irgend einen Tempel der nächtlichen Sünde besucht.

Aus demselben Laden statteten wir im Augenblicke noch ein Halbdutzend Jungen von fünfzehn bis zwanzig Jahren aus, und beobachteten sie, wie sie, die Cigarre im Mund und die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderten und in einer Ecke herumlungerten, und sich mit schamlosen Scherzen und wiederholten Flüchen unterhielten. Erst als sie, ihre Hüte auf die Seite gedrückt, in das Wirthshaus gepoltert waren, verloren wir sie aus dem Gesicht und traten dann in ihr verlassenes Vaterhaus, wo die Mutter noch spät in der Nacht in der Einsamkeit trauert; wir sahen, wie sie in fiebrischer Angst das Zimmer auf und ab lief, alle Augenblicke die Thüre öffnete, sehnsüchtig auf die finstere und menschenleere Straße hinaussah und wieder zurückkehrte, um wieder und wieder getäuscht zu werden. Wir sahen den Blick der Geduld, womit sie die fühllose Drohung, ja den Schlag des Betrunkenen ertrug, und wir hörten das angsterpreßte Schluchzen unter den Thränen, die aus der Tiefe ihrer Brust empordrangen, als sie in ihrem verlassenen und elenden Gemach auf die Kniee sank.

Ein langer Zeitraum ist verflossen und eine größere Veränderung hat Statt gefunden, als er den Anzug ablegte, der dort oben hing. Es war der Anzug eines starken breitschulterigen Mannes; und wir sahen im Nu, wie jeder bei dem ersten Blick auf den breitschößigen grünen Frack mit den großen Metallknöpfen erkennen mußte, daß sein Träger selten ohne einen Hund hinter sich und einen müßigen Raufbold, das wahre Ebenbild von ihm selbst an der Seite ausging. Die Laster des Knaben sind mit dem Manne groß geworden und wir stellten uns seine dermalige Wohnung vor – wenn ein solcher Ort diesen Namen verdient.

Wir sahen das nackte, erbärmliche Zimmer, von allem Geräthe entblößt, mit seiner Familie angefüllt, Weib und Kind bleich, hungrig und abgemagert; der Mann, ihre Wehklagen verfluchend, nach der Bierstube taumelnd, von der er eben zurückgekehrt ist, gefolgt von seinem Weib und einem siechen Kinde, das nach Brod schreit; und hörten den Zank auf der Straße und die überlauten Vorwürfe, die sein fühlloses Benehmen hervorruft. Und dann führte uns die Einbildungskraft nach einem Arbeitshaus in der Hauptstadt, mitten in einem Labyrinthe von Straßen und Gassen, die mit schädlichen Dünsten angefüllt sind. Lärmendes Geschrei dringt zu unseren Ohren, während ein altes, schwaches Weib, um Gnade für ihren Sohn flehend, in einem engen, finsteren Gemache mit dem Tode ringt, ohne ein Kind, ihre Hand zu drücken und ohne ein frisches Lüftchen, ihre Stirne zu kühlen. Ein Fremder drückte die Augen zu, welche in einem kalten, gläsernen Blick erstarben und fremde Ohren empfingen die Worte, die über die weißen, halbgeschlossenen Lippen zitterten.

Eine grobe und abgeschnittene Jacke, mit einem abgetragenen baumwollenen Halstuch und andern Kleidungsstücken der gemeinsten Art vollendeten die Geschichte. Ein Gefängniß und das Urtheil – Verbannung oder der Galgen. Was würde jetzt der Mann gegeben haben, um die zufriedenen, bescheidenen Kinderjahre noch einmal zurückzurufen, nur noch eine Woche, einen Tag, eine Stunde, eine Minute, nur noch so viel Zeit übrig zu haben, als erforderlich wäre, der kalten, bleichen Gestalt, die auf dem Armenkirchhofe modert, ein Wort seiner tiefen Reue zu sagen und einen Laut der Vergebung von ihr zu vernehmen! Die Kinder wild auf der Straße, die Mutter eine verlassene Wittwe; beide gebrandmarkt mit der Schande des Gatten und Vaters, und von der nackten Noth an den Rand des Abgrundes gedrängt, der ihn einem langsamen, vielleicht noch Jahre lang zögernden Tode, manches tausend Meilen von hier, entgegenführt. Wir haben die Geschichte nicht bis zum Ende verfolgt, aber ihr Schluß ist leicht zu errathen.

Wir gingen einen oder zwei Schritte weiter, versetzten uns wieder in unsere natürliche, heitere Stimmung und begannen eingebildete Füße in ein ganzes Magazin voll Stiefeln und Schuhen mit einer Eile und Genauigkeit einzufügen, welche die erfahrensten Lederkünstler in Erstaunen gesetzt haben würden. Da war ein Paar Stiefel, welches unsere Aufmerksamkeit besonders auf sich zog – ein lustig, gutmüthig aussehendes Paar, das unsere wärmste Theilnahme erweckte; und ehe wir eine halbe Minute lang die Bekanntschaft derselben gemacht, hatten wir auch schon einen feinen jovialen Burschen von Marktgärtner mit einem rothen Gesichte für sie gefunden. Sie waren gerade für ihn da. Seine dicken, feisten Beine schwellen über der Oeffnung, und da diese etwas zu eng ist, um sie in die Röhre schlüpfen zu lassen, so ist letztere nicht straff angespannt, sondern faltig und läßt zwischen ihrem Ende und dem Knieband noch einen Streifen des Strumpfes gewahr werden; seine blaue Schürze ist rund und seine Weste aufgerollt; und da steht er nun in seiner rothen Halsbinde, seinem blauen Rock und einem weißen Hut, der seitwärts auf seinem Kopfe sitzt, und verzieht sein breites, rothes Gesicht, verpfeift aber alsbald seinen Verdruß, als wäre nie ein anderer Gedanke, als der Gedanke an Wohlbehagen und Lust in sein Gehirn gekommen.

Dieß war ein Mann nach unserem Herzen; wir kannten alle seine Verhältnisse; wir hatten ihn schon ein Halbdutzendmal in seiner grünen Chaise, mit dem fetten, runden Rößchen nach Convent-Garden kommen sehen; und sogar in diesem Augenblicke, wo wir einen zärtlichen Blick auf seine Stiefel werfen, springt plötzlich der Fuß einer zierlichen Dirne in ein Paar Dänemarksatlasschuhe, die daneben stehen, und wir erkennen sogleich dasselbe Mädchen, dem er letzten Dienstag Morgen, als wir von Richmond in die Stadt ritten, gerade an dieser Seite der Hammersmither Hängebrücke einen Sitz in seinem Chaischen anbot.

Ein schmuckes Frauenzimmer mit einer glänzendweißen Haube schlüpfte in ein Paar graue Tuchstiefelchen mit einer schwarzen Einfassung und Franzen von derselben Farbe, und streckte die Fußspitzen coquettirend auf der andern Seite der Stulpenstiefel aus, augenscheinlich in der Absicht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; aber wir bemerkten nicht, daß unser Freund, der Handelsgärtner, durch diese Schmeicheleien gefesselt worden wäre; denn außer einem Winke der Erkennung, wodurch er vielleicht darauf hindeuten wollte, daß er ihren Endzweck wohl einsehe, nahm er keine weitere Notiz davon. Seine Gleichgültigkeit wurde jedoch durch die ausgezeichnete Galanterie eines sehr alten Herrn mit einem silberbeschlagenen Stock reichlich ersetzt, welcher in ein Paar große Randschuhe trippelte, die auf dem Rande des Brettes stunden, und seine Bewunderung der Dame in den Tuchstiefelchen durch eine Menge ausdrucksvoller Geberden an den Tag legte, zum unermeßlichen Ergötzen eines jungen Burschen, den wir in ein Paar Tanzschuhe mit hohem Quartier steckten, und welcher mit seinem Gelächter den Rock zu zersprengen drohte, der herabsprang, um sich um seinen Leib zu schließen.

Wir hatten dieser Pantomime einige Zeit lang mit großem Vergnügen zugesehen, als wir zu unserem unaussprechlichen Erstaunen bemerkten, daß sich die ganze Gesellschaft mit Einschluß eines zahlreichen Balletcorps von Stiefeln und Schuhen im Hintergrund, in welche wir eiligst so viel Füße steckten, als wir zu unserem Dienste aufbringen konnten, zum Tanzen in Ordnung stellten, und im Augenblicke eine Musik ertönte, der sie sich unverzüglich fügten. Es war höchst ergötzlich, die Gliederfertigkeit des Handelsgärtners zu beobachten. Fort flogen die Stiefel zuerst auf der einen und dann auf der andern Seite, bald seitwärts, bald in's Gedränge, bald gegen die Dänemarksschuhe, dann vorwärts, dann rückwärts, dann ringsherum, und wenn alle diese Evolutionen ausgeführt waren; fing er die Reihe von vorn an, ohne daß er nur im Mindesten unter der Heftigkeit der Bewegung zu leiden schien.

Auch die Dänemarksschuhe blieben nicht zurück, denn sie hüpften und sprangen in allen Richtungen umher; und wenn sie gleich weder so regelmäßig, noch so taktfest tanzten, als die Tuchstiefelchen, so sah man es ihnen doch an; daß es von Herzen ging, und daß sie mehr Lust daran hatten, und darum, wir bekennen es frei, gefiel uns ihre Tanzweise besser.

Aber der amüsanteste Gegenstand in der ganzen Gesellschaft war der alte Herr in den Randschuhen; denn abgesehen von seinen grotesken Versuchen, jugendlich und verliebt zu erscheinen, welche an sich unterhaltend genug waren, wußte es der junge Bursche in den Tanzschuhen so künstlich anzustellen, daß er dem alten Herrn, so oft sich dieser der Dame in den Tuchstiefelchen näherte, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers auf die Zehen trat, so daß dieser vor Schmerz laut aufschrie und die Uebrigen sich todt lachen wollten.

Wir waren im Vollgenusse dieser Feierlichkeiten, als wir eine gellende, keineswegs musikalische Stimme rufen hörten, »ich hoffe, Sie werden mich jetzt kennen, Sie unverschämter Gaffer!« Wir warfen forschende Blicke um uns, um zu sehen, woher der Laut kam, und bald fanden wir, daß er nicht, wie wir anfangs zu vermuthen geneigt gewesen, von der jungen Dame in den Tuchstiefelchen ausgegangen war, sondern von einer großen, ältlich aussehenden Dame herrührte, welche oben an der Kellertreppe auf einem Stuhle saß, offenbar um den Verkauf der dort aufgestellten Gegenstände zu überwachen.

Eine Trommel, welche hart hinter uns mit voller Kraft geschlagen worden war, verstummte; die Leute, welche die Schuhe und Stiefel angezogen hatten, ergriffen bei dieser Unterbrechung die Flucht; und da wir uns bewußt waren, in der Tiefe unseres Nachdenkens die alte Dame, ohne daran zu denken, vielleicht eine halbe Stunde lang unverschämt angestarrt zu haben, ergriffen wir ebenfalls die Flucht und befanden uns bald in der dichtesten Finsterniß der angrenzenden Dials.

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