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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 8
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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»Ein Tröpferl noch!«

»Denn sie haben auch Weinsammlungen.«
(Weiland Minister Stremayr, bei Gelegenheit der konfessionellen Vorlagen, 1874)

Freilich haben sie auch derlei Sammlungen, aber wenn man mich selbst mit Kunstwein foltern würde, ich nenne weder Ort noch Namen, erstens: damit mich das »Vaterland« nicht beschuldigt, ich denunziere den plünderungssüchtigen Massen die Klosterschätze, und zweitens: weil ohnehin jedes Kind die Firmen kennt, wo der echteste zu finden wäre. Nämlich in den Kellerräumen der geweihten Paläste, unter denen der vielberühmte »Zum rinnenden Zapfen« nicht einmal der berühmteste ist.

Ja, sie haben samt und sonders guten Wein, und ich erfülle nur eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn ich es offen ausspreche, daß mich ein Trunk in den schlichten Refektorien des bescheidensten Bettelordens stets mehr labte und erquickte, als die generöse Ration an (dubiosem) »Moet« und »Lafitte«, welche Seine vizekönigliche Hoheit Ismail Pascha auf alttestamentarischem, also klassischem Boden mir seinerzeit bewilligte. Ich trank diese kostspielige Mischung wohl auch, aber mein Herz erwärmte sie nicht, es flossen keine begeisterten Hymnen von meinen Lippen, das Naß tiefinnerster Rührung strömte nicht aus den funkelnden Augen, wie in jenen gottbegnadeten Momenten, wenn der respektive Pater Kellermeister mir den gefüllten Heber darreichte und schmunzelnd mir ins Ohr lispelte: »Ein Tröpferl noch! Den müssen Sie auch versuchen! Der ist auch nicht schlecht!« – Bei allen Heiligen! er war es nicht.

Ein Tröpferl noch! Warum sind alle Patres Kellermeister so liebenswürdige Männer?! Ich habe auf meinen bunten Kreuz- und Querzügen mit diversen Würdenträgern und Funktionären in solch heiligen Räumen verkehrt, habe die Schatzkammern besichtigt und von überaus freundlichen Cicerones die erbetenen Auskünfte bereitwilligst erhalten; ich habe in den Bibliotheken nach seltenen Ausgaben Virgils und Horaz' gestöbert, ja selbst nach unkastrierten Klassikern, und man zeigte mir in loyaler Courtoisie die deliziösesten Exemplare. Die mineralogischen, entomologischen, numismatischen und sonstigen Kabinette durchwanderte ich, und an meiner Seite hatte ich einen gelehrten Herrn in schwarzem oder weißem Habit, der nicht müde wurde, mir die Raritäten und Kostbarkeiten der Kollektion zu erklären, aber jene sympathische Verschmelzung oft divergierender Naturen, jenes seelische Verständnis für unausgesprochene Wünsche, jenen erratenden Blick der geheimsten Gedanken, und das rasche Eingehen auf leicht hingeworfene, forschende Bemerkungen fand ich doch nur, und zwar in Nord und Süd, in Ost und West bei dem jeweiligen Pater Kellermeister, wenn endlich dieser Mann der exakten Wissenschaft herantrat und meine instruktiven Rundgänge mit dem elektrisierenden Aviso zum schönen Abschluß brachte: »Nun müssen Sie aber auch unserer Kellerwirtschaft ein paar Augenblicke schenken!« – »Ein paar Augenblicke nur, hochwürdigster Mann? Ich will an Ihrer Seite bleiben, bis die Ewigkeit grau wird!«

Und dann ging's durch weite hallende Gänge, Eisengitter schlossen sich vor uns auf und fielen rasselnd zurück in ihre Angeln; immer fort – an den schön getünchten Wänden die blutbedeckten Konterfeis legalster Märtyrer – ich grüßte sie schaudernd und lobte Gott den Herrn ob der milden Wandlung der Zeiten – noch eine Türe, auch sie öffnete sich, und wir standen vor einer mächtigen Eichenpforte. Warum fühle ich's wie Beben in meinen Gliedern? Warum pocht mein Herz und glüht meine Zunge? Unsichtbare Genien umflattern mich, und süße, würzige Düfte steigen aus dem dunklen Abgrund empor. Balsamische Kühle labt vorahnend mir Stirn und Wangen und Schläfe, und alle Wohlgerüche, nicht Arabiens, sondern Bisambergs, Oberretzbachs, Perchtoldsdorfs, Merkensteins usw. senden ihren Willkomm mir vielverheißend entgegen! »Nur behutsam! Es sind zweiundzwanzig Stufen, bitte achtzugeben – es geht um die Ecke – reichen Sie mir die Hand – so, da sind wir. Wir brauchen keinen Küfer. Wir bleiben allein!« – Allein! Allein mit ihm! Hört ihr's, ihr Ewigen?

»Wie Sie sehen, sind unsere Keller nicht übermäßig groß; wir haben auch keine kostbaren Weine – nur Mittelgut. – Seine bischöfliche Gnaden halten dafür, daß – was meinen Sie, wohin diese Tür führt? Zu ein paar kleinen Nebenkellern – es sind einige Sorten, die – bitte, wollen Sie mir hieher folgen. Diese Fässer sind für den Haustrunk des Stiftes. Wollen Sie versuchen? Ein Tröpfchen nur. Ganz leichter Landwein. Läßt sich übrigens wässern, wer ihn wässern will. – Hier ist eine etwas bessere Qualität. Für Gäste, die uns an hohen Feiertagen beehren, und auch sonst. Bitte zu versuchen, Weidlinger vierunddreißiger. Noch etwas gefällig? Das hier ist Pfaffstädter achtundsechziger. Der mundet schon ausgezeichnet. Nicht wahr? Das ist des Herrn Pater Kämmerer Lieblingswein. Schmeckt vortrefflich! Was? Ein Tröpfchen noch! Ja? Nun, wie's beliebt! – Das hier ist Maurer. Alt. Sehr alt. Ein Geschenk von einer hohen Dame. Fast wie Dessertwein. Nicht wahr? – Diese Reihe hier ist Mallberg, und diese Gumpoldskirchen. Gefällig? Das große Mittelfaß ist ebenfalls ein frommes Legat. Nun geben Sie auf den Unterschied acht zwischen zwei Jahrgängen. Das ist zweiundfünfziger. Bitte ihn eine Sekunde lang auf der Zunge zu behalten – so. Und nun hier dreiundfünfziger. Was sagen Sie dazu? Wie Veilchen, nicht wahr? Ein prächtiger Tropfen. War anfänglich unterschätzt. Würde heute hundertzwanzig Gulden kosten. – Auch der Bockfließer hier ist nur für Kenner. Bitte. Der erste Schluck befremdet. Nicht wahr? Nun versuchen Sie nochmal. Was? He! Nun?«

»Wir kommen nun zu den Roten. Hier Höbesbrunn. Wir bekamen ihn damals billig. Wie finden Sie ihn? Herb? Das ist eben der Charakter der Rotweine. – Was Sie hier sehen, ist Schrattenthaler. Wird zuweilen auch nicht recht gewürdigt, ist aber doch ein Kapitalwein. Bitte! Nur, daß Sie ihn kennenlernen! – Das hier ist Vöslau, Sie suchen einen Platz zum Niedersetzen? Hier, wenn ich bitten darf. Wollen Sie nur ganz ruhig bleiben. Ich werde Ihnen die Probe schon bringen. So. Bitte. Ist sehr beliebt. Der Abt von N. wollte uns vierundachtzig Gulden bieten, leider ist unser Vorrat so gering, daß wir auf den freundlichen Antrag nicht gut eingehen konnten. Herrscht seitdem eine kleine Verstimmung. Noch ein Tropfen gefällig?«

»Wollen Sie mir Ihre Hand geben, bitte, zwei Stufen nach aufwärts. Nur fest aufgetreten! Im Freien wird's dann schon besser. So, geht ja vortrefflich – bitte sich nicht anzustoßen. Hier ist eine Bank, wenn's gefällig ist.« –

»Wir sind nun in Ungarn und Siebenbürgen. Nach Steiermark und Tirol kommen wir auf dem Rückwege. Eine Flasche Brauneberger sollten wir übrigens auch noch versuchen – oder ist vielleicht Oppenheimer gefällig? Goldberg fünfundsechzig! Gar nichts mehr? Aber wir dürfen doch mindestens den Ujhelyer hier, weil wir ihm schon eine Visite abgestattet, nicht kränken. Neusiedler würde Ihnen jetzt nicht mehr munden. Sonst nicht übel. Also hier ein Gläschen aus der edlen Hegyalja, das ist die wahre Gottesgabe! Was? Ich verstehe Sie nicht – bitte lauter zu sprechen – fehlt Ihnen etwas? Nichts? Also ein Tröpfchen noch gefällig?«

Ach, wie ruht sich's so kühl im dunklen Klostergarten, auf moosbedeckter Steinbank, beschattet von duftigen Lindenbäumen, die ihre Blüten auf mein Haupt schütten. Lustige Träume umgaukeln mich. Auf räumendem Rosse durchfliege ich Ungarns Steppen, ich halte vor den Mauern Tokays und fordere die Stadt zur Übergabe auf. Statt des Bürgermeisters erscheint der Kellermeister, in Gestalt meines ehrwürdigen Paters, und bringt auf rotsamtnen, von Weinlaub umkränzten Kissen einen Bund Schlüssel, die sämtliche Keller der Abteien und Stifte des gemeinsamen teuren Vaterlandes öffnen würden. Ich lange nach ihnen, ich halte sie in freudig zitternder Hand und schwöre in längerer Rede mit all meinen Partei- und Gesinnungsgenossen, dafür einzustehen, daß »geistliche Güter nicht besteuert werden dürfen!« Da schwebt aus lichten Höhen Semeles goldlockiger Sohn herab und kredenzt aus funkelndem Pokale mir echten Nachtigaller. Ich schlürfe in langen Zügen und fühle das flüssige Feuer meine Adern durchtoben. »Noch ein Tröpferl gefällig?« lispelt Dionysos – ich aber stammle: »Da – da – danke, für heute gen – ug!« Ach, mein armer Kopf! – – –

 


 

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