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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 7
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Alte »Neunundvierziger«

Warum spricht man nicht auch von ihnen? Von jenen plötzlichen Normalpatrioten, die ja ein förmlicher Gattungsbegriff gewesen, die sich in so prägnanter Weise in den Vordergrund zu stellen wußten und in dieser vorteilhaften Position der allgemeinen Beachtung nicht entgehen konnten? Warum spricht und erzählt man auch nicht von dieser Sorte, dieser Spezies, diesen merkwürdigen Leuten, die gleich den geschultesten Schauspielern je nach der Szene entweder in Entrüstungsattitüden parodierten oder in Zerknirschungsposen machten? Immer und immer nur von diesen leidigen Achtundvierzigern, diesen unheilbaren Trotz- und Tollköpfen, diesen ungebärdigen Gesellen, die, weil sie gegen den Strich gebürstet, wenn man sie anfaßte, gewissen heiklichen Händen ein Gruseln verursachten, diesen unpraktischen Phantasten, deren Herrschaft ohnehin nur ein paar Monate dauerte; immer und stets nur von dem Rebellenpack zu erzählen und zu berichten und der Repräsentanten und Stützen der wiederhergestellten »Ordnung«, der triumphierenden Partisane der nachfolgenden Ära mit keinem Sterbenswörtlein zu gedenken! Das ist eine unkluge und sträfliche Vergeßlichkeit. Denn sie verdienten doch ebenfalls eine eingehende Beleuchtung und sollten von gewissenhaften Chronikenschreibern in den bezüglichen Geschichtsbüchern mit der gehörigen Seitenanzahl bedacht werden. Aber niemand gedenkt ihrer mehr – verschollen die Namen, ausgelöscht ihre Taten, verdorrt und verwelkt ihre Kränze, mit denen man sie einst geschmückt! Warum diese Gleichgültigkeit gegen eine einst allmächtige Klasse, dieses Ignorieren, das empfindlichere Menschen wie Mißachtung deuten könnten?

Aber – ich täusche mich vielleicht und man hat dieser Leute nicht vergessen und denkt im Gegenteile sogar noch recht lebhaft an sie, in jenen Kreisen, wo man zu denken pflegt, und es basiert sich mein Irrtum etwa nur auf den Umstand, daß sie nicht unter der in meiner Überschrift angegebenen Benennung, sondern unter ganz andern, und zwar recht garstig klingenden Titulaturen im Munde des Volkes fortleben und im öffentlichen Urteile sich erhalten haben. Und so ist es denn auch. Während die Wortführer und Tribunen und Kämpfer des Sturmjahres unter der populären und allen geläufigen Bezeichnung: »ein Achtundvierziger« völlig und ehrbarst legitimiert sind, hat man die Koryphäen des nächsten Jahres, die richtigen »Neunundvierziger«, nicht einmal unter diesen Namen firmiert, sondern ihnen andere, für jedermann noch verständlichere Kennzeichen aufgedrückt, und schleichen sie, für den Wissenden mit dieser Brandmarke versehen, noch immer wohlpräpariert herum. Nein, und abermals nein – man hat ihrer nicht vergessen; ich sehe soeben, wie eine Gruppe grauhaariger Männer einem Altersgenossen, der scheu vorüberhuscht, höhnisch nachblickt; wie sie mit den Fingern nach ihm deutet, sich etwas in die Ohren wispert und wie man dann gemeinschaftlich – ausspuckt. Es war ein Denunziant, ein freiwilliger Angeber von damals; wer unter ihrer Macht geseufzt und gelitten, gedenkt dieser Kreaturen bis zu seiner letzten Stunde!

Die meisten dieses saubern Freiwilligen-Korps gehen heute, wo sie erkannt zu sein glauben, abseits, biegen rasch um die Ecke, schlagen die Augen zu Boden und vermeiden es überhaupt, offenen Blicken zu begegnen; lastet doch vielfacher Fluch – in perpetuam rei memoriam – auf ihnen! Andere spielen wieder die Allerliebsten und sind unerschöpflich in Jux und Spaß und im Erzählen von Anekdötlein, manchmal selbst gewagtesten Inhaltes. Das sind jene, die angeblich (oder vergeblich) »in sich gegangen«; die, wie sie im Vertrauen sagen, vieles bereuen, wozu sie im Übermaß der Angst und in allzu beschleunigter Dokumentierung ihrer politischen Tadellosigkeit sich hinreißen oder wieder durch andere sich verleiten ließen. Ein erbärmlich Pack, das seine Gesinnung wie seine Beinkleider je nach der Jahreszeit wählt und wechselt; ein widerlich Gezücht, von dem sich schließlich selbst die bezüglichen Stellen und Ämter, Behörden und Personen, denen man zu dienen und gefällig zu sein glaubte, ekelerfüllt abwendeten; eine traurige Sippe, deren Aufdringlichkeit man überdrüssig ward und der man die Tür weisen mußte, um doch auch zeitweise zu Atem zu kommen. Denn das löste sich so ab: Spitzel, Speichellecker und Petenten – letztere unersättlichster Art!

Ja, die richtigen Neunundvierziger! Nur Eingeweihte und Verständige kannten diese Signatur, die man sich nachmals zuraunte, wenn einzelne über eine plötzlich auftauchende mystische Persönlichkeit im unklaren waren und betreffs deren Verläßlichkeit billige Zweifel hegten. »Ein Neunundvierziger!« – »Verstanden!« Das genügte, und man wendete sich ab und mied den also Gezeichneten demonstrativ.

Aber der wienerische Ostrazismus ging noch weiter. Als die Aushebungen, Arretierungen und steckbrieflichen Verfolgungen, zu denen das »Zivil- und Militär-Gouvernement« durch unaufhörliche Anzeigen nimmermüder »Forscher« fast gewaltsam gedrängt wurde, zu solcher Ausdehnung gelangten, daß die gesamte Bevölkerung beinahe nur mehr in zwei Klassen: in Verdächtigte und Verdächtiger, geschieden war, und jeder gesellschaftliche Verkehr nur unter den größtmöglichen gegenseitigen Vorsichtsmaßregeln gepflogen wurde, da begann jene Sitte Platz zu greifen, die heute noch gang und gäbe, und die Wien, der legitimen Hauptstadt der Gemütlichkeit, so schlecht steht, zu der es sich aber bequemen mußte, als es die Beute der ansteckendsten Krankheit, des allgemeinen Mißtrauens, und zwar in rapidester Schnelligkeit, geworden war. Ich meine die nur von jener Zeit datierende unliebenswürdigste Mode des Absonderns und Separierens jedes einzelnen in öffentlichen Lokalitäten. Wer den Nächsten nicht kennt, betrachtet ihn mit Argwohn und meidet ihn. An zwanzig Tischen sitzen zwanzig Personen, die sich verstohlen beobachten. Wie war das einst hier anders, wo die lustigen Wiener noch dem muntern Geschlechte der »Inséparables« zugezählt wurden, wo man kordialst beisammen saß und wo der nächste Tisch sich erst belegt sah, wenn der erste bereits vollgepfropft besetzt war! Denn man liebte Mitteilungen und engagierte sich gern zu Gesprächen.

Nun wurde es plötzlich anders. Die Achtundvierziger schwiegen und wurden stumm gemacht, und die Neunundvierziger, die Partei der »Gutgesinnten«, kamen zu Wort. Aber man kannte den Text und die Melodie ihrer Hymnen und auch ihre Lockgesänge zur Genüge, und man trachtete, sobald sie ihre Stimme erhoben, rasch aus dem Gehege und Netzgestränge dieser gierigen Vogelfänger zu kommen. Nicht immer gelang es. Mancher verwickelte sich durch ein Wort, das man als Köder ihm hinwarf und das er unwillkürlich aufgriff, in den aufgerichteten Maschen, und hatte seine liebe Not, aus dem Gestrüppe und Gewirre von Kreuz- und Querfragen sich herauszuwinden.

Eine entsetzliche Zeit, in der auch das Dümmste kolportiert und von der durch tausend Gerüchte betäubten und eingeschüchterten Menge geglaubt wurde. Sogar die Schulbuben waren gefährlich; man munkelte etwas wie von einer Verschwörung und daß sie nichts Geringeres beabsichtigten, als – die Kanonen, mit denen die Basteimauern rings garniert waren, zu vernageln, selbstverständlich nachdem vorerst die Schanzen erobert, die Bewachungsmannschaft überfallen und kampfunfähig gemacht worden. Dann sollte die Stadt mit Sturm genommen und die Burg demoliert werden. Daß das große Werk gelänge, mußten auch die Erwachsenen einstweilen durch Erkennungszeichen sich verbinden, um von der Anzahl der Gesinnungsgenossen sich zu überzeugen; und nun waren es bald lange Haare, bald breite Hutbänder, ein anderes Mal rotfärbige Uhrschnüre oder derlei Krawatten, gewisse Stockformen und Kleidertrachten etc. die als Signalement der Umstürzler geeigneten Ortes »verzunden« wurden. Welch Halali nun in allen vierunddreißig Vorstädten!

Eine trübsel'ge Zeit, eine Zeit des Jammers und der Verzweiflung! Die Aburteilungen über tätliches Vergehen im traurigen Oktober wollten kein Ende nehmen, da seitens diensteifriger Personen täglich und wohl auch nächtlich und zu jeder Stunde immer neue Anzeigen einliefen. Viele Mitteilungen wurden auch anonym gemacht, wie es ja das alte Vorrecht der unverfälschten Niedertracht ist, die giftigsten Pfeile aus sicherm Versteck abzusenden. Der perfide Schütze steht dann meist bei dem Verwundeten oder zu Tode Getroffenen und reicht seinem Opfer mitleidsvoll die Hand und weint bittere Zähren. Ich war wiederholt Zeuge solcher Szenen, wo alles Blut mir zum Herzen drang und wo ich schweigen mußte und nichts tun konnte, als einen Blick zum Himmel werfen, erwartend, daß ein Blitz den Schurken, der neben mir stand, zerschmettern müsse. Aber der Allmächtige zauderte, das Maß war vielleicht noch nicht voll, und so sparte er sein Zornesgewitter, mit dem er später allerdings so manchen Frevler zermalmte.

Aber in der Zwischenzeit ruhte die Meute nicht eine Stunde und nahm sie an der Hatz mit ungeschwächtem Mute teil. Gab's doch auch immer Neues zu entdecken und neue Formen von Verbrechen zu enthüllen! Da fielen die noch heute unaufgeklärten Schüsse, von denen jede Patrouille zu erzählen wußte, die nachts, von Seressanern angeführt und von Kroaten gedeckt, die Straßen durchstreifte, um sich von der »Ruhe« der Stadt zu vergewissern. Wie gesagt, es fielen, wie es heißt, regelmäßig Schüsse, aus dem Hinterhalt, von unsichtbarer Seite; getroffen wurde niemand, aber die Kugeln hörte man, wie die Rotmäntler schwuren, ganz deutlich pfeifen. So war kein Zweifel, daß es auf einen demnächstigen Angriff auf das Militär abgesehen, daß noch immer Waffen und Munition in schwerer Menge vorhanden waren, und nun ging die Suche nach diesen verborgenen Werkzeugen der Aufständler von vorne an. Man fand übrigens nur mehr Weniges, und die Überwiesenen wurden ohnehin standrechtlich erschossen.

Eine fürchterliche Zeit! Deutsche Offiziere klagten damals häufig, daß sie von Zivilpersonen, oft sogar nobelsten Exterieurs, mit Anzeigen gegen deren Mitbürger in aufdringlichster Weise und geradezu bis zur Qual behelligt wurden. War es Loyalität, war es Servilismus, der in der Tat nun seine wahnwitzigsten Orgien feierte? Ach, es war mitunter das gemeinste Motiv: hier Rache an einem Geschäfts- oder sonstigen Rivalen, und dort Befriedigung persönlicher Eitelkeit, die Hardiesse, für seine »patriotischen«- Leistungen sichtbar sich auszeichnen zu lassen. Man schlug maßgebenden Orts manchmal voll Abscheu und entsetzt die Hände über dem Kopfe zusammen, wer alles und für was man einen Orden zu verlangen die eherne Stirne hatte.

Eine böse und schreckliche Zeit, welche die Menschheit entarten zu machen schien! Alle Bande der Freundschaft waren gelöst, unanknüpfbar zerrissen, und selbst in viele Familien zogen Haß und Zwietracht ein, denn der Verrat umspann mit seinen Saugarmen auch die intimsten Kreise. Die Bessern und Edelgesinnten erfaßte schier Verzweiflung; in dumpfem, schweigendem Hinbrüten verbrachte man die Monde und Jahre und sah in banger Beklemmung in die dunkle Zukunft. Das Regiment dieser freiwilligen und ungebetenen Offizianten der neuesten Gegenreformation dauerte nämlich etwas gar zu lange. Es begann eigentlich schon am Allerheiligentage 1848, nach der Einnahme Wiens, und mit dem Truppeneinmarsche, aber die Herren wirkten und arbeiteten vorläufig doch nur meist im stillen und im verborgenen; man war Ungarns wegen noch nicht vollkommen sicher, da jedoch die russische Hilfe und Unterstützung im nächsten Sommer eingetroffen, die Sache bei Világos ihren Abschluß gefunden, die Insurrektion besiegt war und die »Pazifikation« allerorten begann, da konnte auch hier die »Partei der Ordnung« endlich ungescheut ihr Haupt erheben und in Aktion treten. Und sie tat es sodann auch und mit Vehemenz. Nichts genügte ihr mehr; man rannte die Türen der Würdenträger ein und überbot sich in Anträgen und Vorschlägen, die freilich nicht samt und sonders akzeptiert werden konnten, denn es waren darunter einige Ideen, die nur dem Gehirne eines Verrückten entsprungen sein konnten. Projektierte doch einer allen Ernstes, als es im März 1850 ruchbar wurde, daß einige Exgarden und Exlegionäre den Schmelzer Friedhof besuchen und auf das damals noch simple Grab der Märzgefallenen einen schlichten Kranz legen wollten, daß man ein Dutzend Fanghunde von patriotischen Fleischern ausleihen und auf die Demonstranten loslassen möge! Er selbst würde das Ganze mit Freuden arrangieren. Und Anno 1851 lief sich ein anderer die Füße wund, um es bei allen Amtsvorständen durchzusetzen, daß diese darauf drängen, von ihrem Personale im Jahre mindestens zweimal die Beichtzettel abgeliefert zu bekommen. Als man ihn auslachte, prophezeite er das Hereinbrechen des Chaos und ging, damit doch jemand für die Religion etwas tue, zu den Dominikanern ministrieren. Wieder ein anderer trachtete seine, wenn auch unmaßgeblichen, so doch wohlerwogenen Ansichten bezüglich der Staatsgefährlichkeit der Knebelbärte zur Geltung zu bringen; während wieder ein anderer treugehorsamst auf die breitkrämpigen Hüte hinwies und sich anzuempfehlen erlaubte, auf Kopfbedeckungen überhaupt ein scharfes Auge zu haben!

Und so fort. Später kam gar die Severinusperiode, der Abschluß des Konkordates, die Heilighaltung des Sonntags mittelst Arretierung der Wäscherinnen, wenn sie mit Butten und Tragkörben betreten wurden, und der rigorosesten Schließung aller Läden und Gewölbe (mit Ausnahme der Kaffee- und Gasthäuser und Branntweinschenken) und was der Dinge mehr waren, die einen ehrlichen Achtundvierziger nicht entzücken konnten, und wobei in hellster Begeisterung immer nur der Neunundvierziger figurierte, das große Wort sprach und an der Tête marschierte. Eine wunderliche Zeit und wunderliche Menschen!

Apropos – was ich zum Schlusse sagen wollte: Danken wir Gott, daß der ganze Trubel vorüber! Man hat freilich die schönsten Jahre unter ihm verseufzt, hat viel geduldet und gelitten, ist dabei alt und mürrisch und verdrossen geworden und hat, von odiosesten Kämpfen zusammengerüttelt, fast die Freude am Leben verlernt. Aber man kann doch ohne Beschämung Rückschau auf sich selbst halten – was ist's und wie steht's mit den andern?

 


 

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