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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 5
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Die Unheilbaren

Aus so manchen Zeichen und Wundern könnte der Deutungskundige vielleicht ersehen, daß es mit dem stark bespöttelten politischen Indifferentismus der Wiener, ihrem verlästerten Stumpfsinn gegenüber welterschütternden Ereignissen und ihrer Empfindungslosigkeit für externe Angelegenheiten im allgemeinen doch nicht mehr so arg sei. Denn, daß es überhaupt Parteien – wenn auch mitunter fatale – gibt, ist eine nicht genug zu preisende Errungenschaft der Neuzeit, und je ärger sie sich befehden, um desto sicherer werden die allfälligen Versuche scheitern, die sogenannte Glückseligkeitsära des bevormundeten Untertanentums zu restaurieren und uns willenlos in die Stickluft des leidigen Patriarchalismus zurückzuführen. Und weiters wehrt diese rege Teilnahme der Wiener an ernsteren Dingen, an Affären, die außerhalb der Linienschranken, ja außerhalb der Landesmarken passieren, der Befürchtung einzelner Hyperängstlicher, daß die so lange gehöhnte Metropole der Denkfaulen eines Tages von irgend einer abgekarteten und arrangierten Begebenheit dennoch ahnungslos überrumpelt werde, daß wir erst dann aus dem Duselschlafe erwachen, wenn uns der Nachbar auf das unsanfteste emporgerüttelt, und daß wir mit blödem Auge vielleicht ein fait accompli anglotzen werden, zu dessen ungenierter Szenierung man anderwärts Zeit und Muße fand, während wir »alleweil fidel« im Possen-, Harfenisten- und Maskentrubel die kostbarsten Stunden verschlemmen.

Und deshalb ist es auch Pflicht der ehrlichen Patrioten, der von frivolen Spekulanten genährten (oder doch angestrebten) Verflachung der Wiener, der Geistesversumpfung ganzer Schichten unserer kommunalen Zeitgenossen mit allen Kräften entgegenzuarbeiten, alltäglich und allstündlich denen, die es zur Heilung bedürfen, schonungslos den Spiegel vorzuhalten, der ihre Fratze zeigt, die Einschläferungspläne der Volksverführer zu durchkreuzen und es zu hindern, daß uns das sattsam bekannte Distichon-Brandmal des Phäakentums unvernarbt erhalten bleibe. – Wie gesagt: im großen und ganzen steht die Sache nicht schlimm, dennoch will es mich bedünken, als ob wir von jener ersehnten antiken Klassizität noch etwas entfernt seien, und daß nicht sämtliche Wiener Spartaner geworden.

Man muß sich durch eine oberflächliche Umschau nicht täuschen lassen. Wohl brodelt und prasselt es, gärt es und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mischt, wenn in gewissen öffentlichen neumodischen Lokalitäten von den jugendlichen Heißspornen der City ein Telegramm diskutiert, eine Nachricht der Norddeutschen mitgeteilt, eine Demokratenarretierung, eine Hinrichtung von Franc-Tireurs oder ein zurückgeworfener Ausfall u. dgl. bejubelt oder bejammert wird; wohl funkeln da die Augen, wohl setzt es da gewichtige Worthiebe, wohl lärmt es und tobt es da zeitweilig und geraten im Gefechte der Meinungen, im Gemetzel der Vorurteile und Ansichten, im Guerillakriege der Sympathien und Antipathien die Gegner nicht selten hart aneinander; aber diese heißblütige Bierhallen-, Weinstuben- und Kaffeehausbesatzung in den Quartieren des Zentrums und dessen nächsten Bezirken ist noch nicht Wien. Diese heißblütigen Toll- und Brauseköpfe, die, wenn sie nicht als Ballkomitee fungieren oder über die Form der Cotillonorden und Damenspenden sich beraten, so heldenmäßigen Spektakel treiben können und in ihrer leidenschaftlichen Parteinahme sogar bis zum todesmutigen Kampfe mit Bierkrügeln bereit wären, repräsentieren nicht das alleine und einzige Temperament Wiens, denn die Väter dieser ungeratenen und entarteten Söhne sitzen vielleicht in demselben Augenblicke in stiller Eintracht und völlig unberührt und unerschüttert von jedem telegrammatischen Einflusse in irgendeiner angestammten, soliden Bierklause, sich um das Schicksal der fremden Könige und Völker wenig kümmernd und nur dann zu einem energischen Faustschlage an der Tischecke sich vergessend, wenn der Partner nicht rechtzeitig die »Könige schmiert«. Dort sucht also den Stock des eigentlichen historischen Wienertums, den Urtypus der unverbesserlichen und unheilbaren Landsleute Ehren-Bäuerles, jenes vielbesungene Urbild der Alt-Wienerschen Harmlosigkeit, das Bürgerideal aller Behörden, und ihr werdet die tadellosesten Muster, die dickbäuchigsten Exemplare noch immer gut konserviert und von den Stürmen der zwanzig Bewegungsjahre völlig unbeschädigt vorfinden. Ja, man raucht dort sogar noch aus den geschichtlichen silberbeschlagenen »Mirfamenen«!

Es ist meine alte Marotte, an ereignisvollen denkwürdigen Tagen, wenn ich den Eindruck, den irgendeine Katastrophe auf meine städtischen Mitbürger gemacht, zur Genüge geschaut, auch eine kleine Physiognomienvisitation außerhalb der Barrieren vorzunehmen und vergleichende Anatomie der diversen Spezies zu treiben. Im Weichbilde der sinnlichen Residenz sind die Stammcharaktere im Laufe der Zeiten fast abgestorben, der dichte Wald voll köstlicher Chargen und Typen und Originalgestalten ist so gelichtet, als ob ein Hirschl-Minister mit der rationellen Abstockung betraut worden wäre; die urkräftigen Farben sind abgeblaßt oder bis zur Unkenntlichkeit verwischt, aber draußen, in den Vororten oder auf den »entern Gründen«, glaubte ich noch den echten, unverfälschten Wiener, das Rassen-Vollblut zu finden, und ich fand noch immer, was ich suchte oder vielmehr, was ich zu finden fürchtete.

So war's auch an jenem 4. Juli 1866. Mit bleichen Gesichtern, zornentflammten Blicken, geballten Fäusten durcheilten die Wiener die Straßen der Stadt. Man hatte nur ein Wort, das man sich zuflüsterte, zurief oder mit einem wilden Aufschrei der Verzweiflung begleitete: »Die Armee auf regelloser Flucht!« – Ich wanderte hinaus in die Vorstädte, in die Arbeiterviertel, ich erwartete – gerade herausgesagt – eine Demonstration patriotischen Impulses, ein Anbieten von hunderttausend Armen: Ich fand nur vereinzelte Gruppen, welche sich die Neuigkeit zischelnd mitteilten. Dann trennte man sich seufzend und huschte seiner Behausung zu, vielleicht ging man auch in die Kneipe.

Da, als es Abend wurde, kam mir plötzlich der lüsterne Gedanke, nachzusehen, welch ein Bild ein echtes Wiener Wirtshaus an dem Tage böte, wo eine Schlacht verloren und Hekatomben von Söhnen des Vaterlandes erschossen, zertreten, ersäuft oder zusammengeritten wurden. Wie mag es, frug ich mich, heute dort oder hier wohl triste und öde sein, wo sonst die trinklustige Menge Kopf an Kopf gereiht saß und schäumende Bierkrüge und Maßflaschen voll perlenden Markersdorfer etc. in der Runde kredenzt wurden! Und da ich bei meinen Forschungen immer die untrüglichsten Quellen aufzusuchen pflege, so wähle ich auch diesmal für meine kulturhistorischen Studien ein sicheres Objekt: den populären »Weichselgarten«, das Eldorado unwandelbarer, verläßlichster Stammgäste. – Ach! So vollgepfropft fand ich jene geräumige Herberge begeisterter »Biermanen« noch selten, und als ich vis-à-vis der lärmenden Sektion der Königrufer ein Plätzchen mir eroberte, wo mein Tischnachbar unaufhörlich nach seinem üblichen »Niernbratl« schrie, da konnte der Klampferer, der antiquarische, aber noch immer brauchbare Speisenträger des weitläufigen Etablissements, nur sein Bedauern aussprechen, daß dem geehrten Wunsche nicht mehr willfahrt werden könne, welche entsetzliche Resolution er mit dem abweisenden Achselzucken eines Siegers in die knappe Redeformel zu bringen wußte: »Nix mehr da! War heut' unser stärkster Tag! Hab' drei Kalbl'n braucht!« – Welch Appetit nach dem Nebel von Chlum!

Ist's heute anders? Ein halber Weltteil stand in Flammen, keine europäische Assekuranzgesellschaft übernahm unsere eigene volle Versicherung, aber fragt den Sebastian, den schärfsten Menschenkenner bei der »Kohlkreunze«, oder die achtzigjährige Frau Resel, die stille Beobachterin der »Abfahrer« und nebenbei unsterbliche Eßzeugputzerin bei der »Flaschen« – sie werden gestehen, keine sonderliche Veränderung an ihren Stammgästen bisher wahrgenommen zu haben. Im Laufe der Jahre sind die Herren freilich dicker geworden und teilweise auch in der Achtung der Nebengäste avanciert; viele hätten es nämlich vom Akzessisten zweiter Klasse bis zum Rechnungsrat erster Klasse, oder vom einfachen bis zum zwei- und dreifachen Hausherrn gebracht, aber sonst wären sie ganz dieselben geblieben. Sie trinken ihr normales Quantum und halten sich streng nach dem Register des Speiszettels. Nur wenn der Wursttag wäre, sei eine gewisse Aufregung bemerkbar, indem für Späterkommende meist keine Plunzen mehr vorrätig, was immer eine gewisse Verstimmung, ja sogar heftige Dispute im Gefolge habe, welche Gemütsaffektion oft bis zum nächsten Tage andauere, wenn es nicht doch gelänge, den verletzten Ehrgeiz, das beleidigte Stammgastbewußtsein durch ein exquisites Spanfadlköpfl zu versöhnen.

Und sie sitzen auch heute noch auf demselben Flecke, und es werden ihrer auch nicht weniger! Denn jeder durch einen Todesfall leer gewordene Platz zählt zehn Aspiranten, die sich alle längst schon gesehnt, an den Symposien teilzunehmen, die allabendlich an derlei nahrhaften Zufluchtstätten von solch gleichgearteten Männern abgehalten werden, denen bei dem melodischen Deckelklange ihres eigenen Krügels, in der bewundernden Betrachtung eines anzurauchenden Bocksbeutels, bei der nachträglichen eingehenden Kritik einer Preferanze- oder Kegelpartie, unter dem Meinungsaustausch über den Wert von ein Paar »schwarzgscheckerten Burzeln« oder eines dressierten »Daxels«, bei der Beratung eines Juxes für den Taschenfeitlball, in der sehnsuchtsvollen Erwartung, ob der X. Contra angesagt, und mit der Aussicht auf ein Paar starkbratene Leberwürst wirklich alles andere in der Welt »Wurscht« ist. »Mir kinnen's eh nit ändern!« lautet die gemeinsame Parole dieser ungefährlichsten Staatsbürger, deren einziger Kultus der nämliche und deren Lebenserfahrungen sich stets nur um den einen Punkt drehen: »daß man vom Pilsner um gute fünf Seitel mehr trinken kann«.

Die Sorte bleibt sich gleich. Ob es ein Patrizier der Fleischselcherzunft oder ein Kanzleibonze, ob es ein Häuptling der Leimsieder oder ein Amtsscheik, ob es ein Oberbefehlshaber der Lebzelter oder der Chan der Nagelschmiede, die Spezies kennt, wie der Freimaurerorden zwar Grade, aber das Band der gemeinsamen, gleichgesinnten Bruderschaft umschließt sie alle, und haben sie einen traulichen Winkel entdeckt, wo sie verschont von dem dummen Zeitungsgewäsche ihren friedlichen Neigungen sich widmen können, so kehren sie allabendlich dahin zurück, wie der Vogel in sein Nest.

 


 

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