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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 3
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Vom »G'spaß« und »Hamur«

Werden wir etwa plötzlich doch klüger oder nur langweiliger? Volksschmeichler könnten vielleicht für erstere Ansicht einige Belege bringen, dennoch glaube ich, daß die Verfechter der gegenteiligen Behauptung mit einem weit größeren Vorrate von Beweisen zu dienen vermöchten, und daß es ihnen nicht schwer fiele, die ernsthaftere Physiognomie der Stadt an der allmählichen Gedankenverarmung unserer heimatlichen Witzlinge zu demonstrieren, welcher Umstand allein schon genüge, ohne daß auch eine gleichzeitige Philosophenübervölkerung oder sonstiger Massennachwuchs von Denkern schuld an jenem neuesten Gepräge wäre. Mit anderen Worten: Die Spaßmacher sterben aus, aber auch die Weisen wollen nicht recht sonderlich gedeihen, so bleibt denn jenes fatale Mittelgut, das stets langweilig und umso langweiliger ist, je ärger die Quantität ist.

Die Spaßmacher sterben aus. Was in den diversen Ären des Nachmärz das Genre noch kultivierte, brachte nichts Einschlagendes mehr zustande. Mühselige Kopisten jener unvergeßlichen Heroen der lustigsten Tollheit und des dreistesten Schabernacks, womit das Bäuerle-Deinhartstein-Castellische Konsortium unseren Eltern Fluten von Lachtränen entlockte, quälen sich die Erben des Geschäftes ab, das beneidenswerte Renommée von »Teixelskerlen« zu erlangen, obwohl sie keinen Augenblick anstehen, dafür einen Fufzger springen zu lassen. Dieser schöne Ehrgeiz kostet sie wohl öfter auch noch mehr, aber das ersehnte Renommée bleibt trotzdem unerreichbar, höchstens, daß statt des Rufes eines Teixelskerls der eines dummen Kerls eingetauscht werden kann.

Die Spaßmacher sterben aus, und die gigantesken Späße, die eine ganze Stadt zum Lachen zwangen, sind mit ihren Schöpfern begraben worden. Auch die kolossaldummen Anekdoten, in denen wir einst so Großes leisteten und die den Zuhörern immer einige Westenknöpfe kosteten, sind aus der Mode. Ein paar schöngeistige Börsenjünglinge üben sich zwar noch in ihren Mußestunden mit Wortspielen, aber es lächeln darüber nur die vertrautesten Freunde. Wir sind in allen Dingen kühler und besonnener geworden.

Und auch zahmer sind wir geworden. Wenn der österreichische Anakreon es in der terroristischesten Epoche des Sedlnitzkytums wagen konnte, einen »Schweiniglverein« zu gründen und klangvolle Namen darauf stolz waren, ein »Saubartl-Diplom« von dem Großmeister der Zote zu erhaschen, so begnügen sich die gesitteteren Epigonen, Mitglieder des »Taschenfeitlvereines« zu sein, oder in irgendeiner vorstädtischen stillen Rittergesellschaft das übliche Samstagzehnerl erlegen zu dürfen. Große, lärmende Juxapparate eines gleichgesinnten Männerzirkels werden immer seltener, die Ansprüche der Teilnehmer bescheidener und wie aus der barocken, von schäumendem Aberwitz triefenden »Ludlamshöhle« die wohlgepflegte, solide »grüne Insel« entstanden, so fügten sich auch die Matadore der wildesten Hetze in mildere Formen, lösten ihre ungebärdigen Verbindungen und vertreiben sich nunmehr die Zeit mit sanfteren Spielen, als da sind: »Zuchipassen«, »Anbugeln«, »Kopf oder Wappen«, »Grad oder Ungrad«, »Hacklzieg'n«, »Auszipfeln« usw. Nur die sogenannten »Narrenabende« machen alljährlich noch einigen Rumor, aber auch ihre Stunden sind schon gezählt.

Gewissen aufgeweckten Geistern, namentlich aus der Branche der Kunstdilettanten, mußte dieser Zustand nachgerade unerträglich werden, und sie gingen deshalb wieder an die Bildung von soi-disant Geselligkeitsvereinen. Dutzendweise schossen diese ungefährlicheren Gründungen denn auch bald empor; in jedem Bezirke, in jedem Wirtshaussalönchen, zwischen den unakustischesten Verschlägen schlugen die Präsidenten und Vizepräsidenten und übrigen Ehrenchargen der unter den romantischesten Firmen intabulierten, deklamierenden und musizierenden Konnexe ihre Sitze auf, und Prochs »Alpenhorn« und das Duett aus den »Puritanern« und Saphirs »Lied vom Frauenherzen« und J. N. Vogls Balladen kamen wieder zu Ehren. Aber die zweiten Baritone wollten mitunter dieselben gesellschaftlichen Rechte wie die tiefen Bässe beanspruchen, oder einige ungebildete Gäste zündeten sich zuweilen ihre Zigarren an, noch ehe der erste Tenor die »Adelaide« gesungen, oder die Harfenspielerin kam mit einer längeren Schleppe als die Pianistin, oder der kleine Mucki, der hoffnungsvolle Sohn des Präsidentenstellvertreters, wurde nach der berühmten Deklamation des »Stiergefechtes« aus Müllners »Schuld« nicht genügend applaudiert, oder während eines Flötensolos wurde laut dem Kellner gerufen, oder während der Produktion der beliebten Stimmporträts fing ein Hund zu heulen an (trotzdem das Mitnehmen der Hunde strengstens untersagt!), oder es verlöschten die Gasflammen, als die sechsjährige Arabella die »Cachucha« zu tanzen begann, oder der zweite Vizepräsident hielt die Dankrede, indessen sie unstreitig von dem ersten Vizepräsidenten (in Verhinderung des Präsidenten) zu halten gewesen wäre – genug, es gab der Anlässe in Hülle und Fülle, um die meisten dieser ausübenden »Künstler«-Verbindungen trotz der harmonischesten Programme in eitel Disharmonie enden zu lassen, wenn nicht schon der Vereinskassier durch seine unerwartete Abreise der Geschichte überhaupt den Garaus gegeben.

Und darum taten sich wieder Männer zusammen, welche jedoch durch derlei unliebsam Erfahrungen gewitzigt, der ganzen »dalketen langweiligen Musiziererei und Deklamiererei« Fehde und Urfehde schwuren und von nun an nur dem »G'spaß und Hamur« eine freundliche Pflegestätte bieten wollten. »Nur ka Politik nit!« war der zweite Paragraph der Statuten dieser anspruchslosen Assoziationen von gewisse Quantitäten Liesinger oder Hütteldorfer und Markersdorfer oder Mailberger vertilgenden Männern, die an bestimmten Tagen zur bestimmten Stunde im Hinterstübchen beim »Roten Ochsen« oder »Blauen Fuchsen« oder »Goldenen Stiefel« gar gewissenhaft sich einfanden und hoch und heilig gelobten, sich »g'müatli« zu unterhalten.

»An erlaubten G'spaß – ka Silb'n Politik – und an Dischcurs voll Hamur!« so lautete das Programm dieser ungefährlichsten Sekten, dieser Muster-Untertanen, bei deren Symposien die p. t. Regierungsvertreter (vulgo Polizeikommissäre) nicht als feindselige Späher und grimmige Zensoren, sondern als lachlustige Spezi erschienen, die ebenfalls zustimmend und beifällig mit dem Kopfe nickten, wenn eine kleine Verschwörung im Zuge war: in das Pfeifenspitzel des Herrn von Grausgrueber ein Zündhölzl zu stecken, in das Salzfassel gestoßenen Zucker zu geben, das Paprikabüchsel von innen zu verkleben, die Speiszettelpreise auf die Hälfte abzuändern, eine gewisse Tür zu verriegeln, die Pelzärmel des Herrn von Hammergschwandtner heimlich zuzunähen, das Hutleder des Herrn von Hausleitner mit Kienruß zu bestreichen usw. usw.

»Mir woll'n an G'spaß und weiter nix!« Das war die Devise jener Männer vom Grund, denen übrigens auch viele Stadtherren die Hand zum schönen Bunde reichten und als notorische Kreuzköpfeln mit ihrem Witze gerne aushalten, wenn es galt, einen etwas kostspieligeren Jux zu arrangieren. Und weder die Fundamentalartikel der Tschechen noch die Forderungen der Polen, weder Thronreden noch Diplomatenreisen genierten diese Extrazimmerbesatzungen, an deren erprobter (nicht selten auch dekorierter) guter Gesinnung die alarmierendsten Depeschen machtlos abprallten. Nichts störte die kollegialste, fidelste Eintracht. Wurde vielleicht in vierteljährigen Intervallen ein »käwiger Preuß« vor die Türe gesetzt, so schwemmten ein paar Maßl G'rebelten das ärgerliche Intermezzo bald aus ihrem Gedächtnisse hinweg, und die alte Ordnung war wieder hergestellt.

Diese idyllischen Zustände mahnten fast an jene denkwürdige Zeit, wo der alte Gräffer mit schönem Eifer für die Konstituierung von förmlichen Lachanstalten plädierte und beispielsweise theatralische Vorstellungen von Buckligen beantragte, wobei die Zuschauer vor Lachen zerplatzen müßten. An solch phantastische Projekte wagen wir uns jedoch nicht, der heutigen Generation genügen harmlose Wirtshausvereine mit der Produktion oberwähnter Späße, wobei höchstens noch als Zugabe (auf allgemeines Verlangen) die köstliche Rezitation des ABC oder Einmaleins von rückwärts der allzeit lachbereiten Gesellschaft geboten wird. Ist auch dieses Kunststück zu Ende, so geht man noch auf ein paar Besetzpartien ins Stammkaffeehaus, und sind die Spieler besonders animiert, dann verstecken sie einer dem anderen den Karamboleballen oder lassen die Kreide in einem kleinen Schwarzen verschwinden. »Kummts morg'n zeitlicher!« heißt der Abschiedsgruß, und ein Dutzend Händedrücke besiegelt den Schwur. Sind diese Leute nicht glücklich? Und man will sie durch Lärmartikel über direktes Wahlrecht etc. aufrütteln, d. h. ihre Aufmerksamkeit auf ernsthaftere Dinge lenken? Vergeblich Bemühen.

Da, wie eine Bombe platzt die Nachricht in die herkömmlichen Tagesnotizen, daß der »Verein der Lachbrüder wegen Mangel an Teilnehmern sich aufgelöst habe«! – Eine Lokalkorrespondenz mit dem bedeutungsvollen Namen »Fortschritt« brachte die überraschende Kunde. Wie ist die Sache zu erklären, wie zu verstehen? Haben die Leute keine Lust mehr am »G'spaß«, hat sie ihr »Hamur« verlassen, und haben sie das Lachen verlernt? Sind wir doch klüger oder nur noch langweiliger geworden? Ach, vielleicht kommt der Exvorstand des falliten Vereines und motiviert die Krida auf die natürlichste Weise und sagt: »Wegen Erhöhung der Bierpreise und des Kartengeldes sind wir momentan etwas verdrießlich; ist die Geschichte verwunden, dann gibt es wieder Hetzen genug, z. B. eine ›Schlittasch‹ nach Schellenhof oder in die Bieglerhütte, einen kostümierten Faschingszug nach Ottakring oder sonst a ›Remasuri‹, denn ›lang lassen mir ka Traurigkeit nit g'spür'n, weil's das bei uns nit gibt!‹« – Und so ist es und wird es sein! –

 


 

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