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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 21
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Ein lobscheuer Poet

In meiner Gedächtnismappe sind auch einige gar sonderbare Grillparziana aufbewahrt. Soll ich sie hervorholen? Soll ich sie einem verehrungswürdigen Publikum bekanntgeben? Soll ich sie erzählen? Es sind ein paar Anekdoten darunter, die mir nicht zur Ehre gereichen, und es wäre vielleicht klüger, wenn ich, der ich allein um sie weiß, sie verschweigen würde. Aber da höre und lese ich, daß eine ausführliche Biographie samt Charakteristik der angeblich wunderlichen Persönlichkeit des größten österreichischen Dichters von einigen dazu eigens designierten Schriftstellern in Arbeit genommen sei und daß man endlich daran gehe, ein erschöpfendes Quellenwerk zum genauern Verständnisse, ein gewissenhaft ausgeführtes Bild des Wiener Pindar anzufertigen, und da ist es denn möglich, daß die kleinen Sandkörnlein, die ich liefere, bei dem Aufbau dieses projektierten literargeschichtlichen Monumentes etwa doch verwendet werden könnten. Dieser Gedanke läßt mich die Rücksicht auf meine eigene Person vergessen, und ich erzähle, was ich weiß und selbst erlebte, unbekümmert darum, ob ich mich nun vor den Augen der streng denkenden Weisen lächerlich mache oder nur ihr geheucheltes Mitleid mir erwerbe. Denn ich habe unter anderem auch von Malheurs zu berichten, die mir passierten, indem ich – freilich in unschuldigster Weise – den Dichter der »Ahnfrau« und »Medea« aus zwei Wiener Gasthäusern vertrieben habe, dagegen aber auch wieder bei anderer Gelegenheit die direkte Veranlassung war, daß der seit Jahren schweigsam Gewordene plötzlich und unerwartetst mit einem epochalen Poem in die Öffentlichkeit trat.

Mein erster »Unfall« datiert in das Jahr 1841 zurück. Es war am 20. Juni, am Tage der Eröffnung der Südbahn, die ich in jugendlichster Ungeduld mitmachen zu müssen glaubte, obwohl meine Angehörigen, im Hinblick auf die drei Jahre vorher geschehene Nordbahnkatastrophe, vor solchem Wagstück mich warnten. Aber ich war nicht zu halten, versprach jedoch vorsichtig zu sein, beim Auf- und Abstieg die Trittbretter in acht zu nehmen und überhaupt in tollkühne Sprünge etc. mich nicht einzulassen. Außerdem mußte ich hoch und heilig schwören, weder den Kopf noch die Hände bei den Fenstern hinauszustecken und was der Reisekautelen in jener naiven Zeit noch mehr waren. Als es mir tatsächlich glückte, von Baden mit heiler Haut zurückzukommen, wollte ich meine Leute noch nachts von dem wunderbaren Ereignisse vergewissern, und ich lief stracks in die Stadt, Himmelpfortgasse, in das Gasthaus »Zur ungarischen Krone«, wo ich wußte, daß sie nach ihrem beendeten Dienst im Hofoperntheater ihr frugales Vesperbrot einzunehmen pflegten. Rasch riß ich die Türe auf und sagte: »Da bin ich!« Meine Schwester, immer lebhaften Temperamentes und zu Witzeleien aufgelegt, rief in drolliger Rührung: »Ach, mein Bruder!« worauf ich in gedämpftem Pathos erwiderte:

»Ja, ich bin's, du Unglücksel'ge,
Ja, ich bin's, den du genannt!«

»Zahlen!« zirpte es aus dem Hintergrunde der Gaststube, die nur vier Personen beherbergte, meine Eltern samt Schwester und einen in der letzten Ecke verschüchterten Gast. Mein Vater winkte mir, ich wendete den Kopf nach dem »Rufer in der Wüste«, es war – Grillparzer. Er beglich seine Zeche, erhob sich eiligst, entfernte sich, ohne zu grüßen, und – kam nie wieder.

Mit einem harmlosen Scherze verscheuchte ich ihn und vertrieb dem braven Wirte einen anständigen Gast! Was ärgerte ihn? Was verletzte ihn? Daß sein geliebter Jaromir, mit dem ihm noch in späten Tagen auch Löwe so viel Freude gemacht, wirklich populär geworden, daß seine Trochäen im Munde des Volkes leben? oder daß sie an einem unwürdigen Orte gesprochen wurden, daß man den gefeierten Dichter am Wirtshaustische zitierte? Bei Apollo! Was gäbe mancher landläufige vaterländische Versmacher dafür, wenn nur eine einzige seiner vermeintlichen Effekt- oder Kraftstellen als geflügeltes Wort paradieren möchte, eine einzige lyrische Sentenz in der Öffentlichkeit sich bleibend erhalten könnte? Und Franz Grillparzer wurde verstimmt, wurde »böse«, weil die ihm am meisten ans Herz gewachsene Dichtung tatsächlich volkstümlich geworden und das damalige, das Theater besuchende Wien die melodisch klingenden Monologe und sonstige rhythmische Prachtstücke derselben fast auswendig kannte! Denn die krasse »Ahnfrau« war einst ein gern gesehenes und namentlich unter Palffys Glanzregierung oft und mit ungeheuerstem Erfolge gegebenes Stück. Spielten doch darin neben dem unvergleichlichen Heurteur auch die große Sophie Schröder, der gewaltige Lange, der geniale Küstner und Fritz Demmer, der auch noch nicht ersetzt wurde. Was erzählte mir mein Vater nicht alles von jenen Wundervorstellungen der Jahre 1817, 1818 usf.! Und nach vierundzwanzig Jahren schmerzte es förmlich den Dichter, daß das Volk mit seiner Schöpfung noch vertraut war! Wie eine Mimose bei der leisesten Berührung, zog sich der zaghafte Mann bei dem kleinsten ihn störenden Eindrucke scheu zurück. – Und das Intermezzo störte ihn.

Ich war beschämt und tat dem Wirte fast Abbitte, als ich an den nächsten Abenden sah, daß der Entflohene für ihn auf immer verloren sei. Aber Johann Kahla – der brave Mann starb hochbetagt erst vor kurzem – beruhigte mich selbst in seiner gewohnten Güte und schüttelte nur lächelnd den Kopf und meinte: »Der Herr v. Grillparzer ist halt ein gar ein wunderlicher Herr!« Und nun ging's ans Erzählen. Grillparzer, der vormals in der Dorotheergasse Nr. 1118 wohnte, wechselte anfangs der vierziger Jahre sein Domizil und bezog ein bescheidenes Stübchen bei einer Schneidermeisterin im obersten Stockwerke des Finkschen Hauses Nr. 960 auf der Seilerstätte. Die gute Frau kochte auch für ihren schweigsamen Zimmerherrn zu seiner vollen Zufriedenheit, nur als einmal ein Waschtag und andere Zwischenfälle eintraten, gab sie ihrem Kostzögling den Rat, in das (um die Ecke) nebenan befindliche Gasthaus (»Zur ungarischen Krone«) zu gehen und dort das Essen zu nehmen. Das tat denn auch der also Beorderte. Er kam um die Mittagszeit still und geräuschlos, setzte sich abseits, begehrte ein Glas Tischwein und deutete dem Kellner drei Gänge des Tarifes mit dem Finger an: Reissuppe, Rindfleisch mit Sauce und Kalbsbraten. Das Verlangte wurde gebracht und dem Gaste serviert. Der aber saß, ohne etwas zu berühren, stumm und starrte regungslos nach der Decke. Nach einer Stunde entschwand er, ohne daß sein Abgehen im selben Augenblicke wäre bemerkt worden. Nur als der Kellner sah, daß ihm ein Gast abhanden gekommen war, der nicht gezahlt habe, schlug er Lärm und wollte, daß man den Flüchtling verfolge. Kahla frug: »Wer ist abgefahren?« – »Der dort im Winkel.« – »Was hat er verzehrt?« – »Nix hat er verzehrt, hat ja all's stehn lassen!« – »Nun, wenn er nichts verzehrt hat, so haben Sie keinen Schaden, die Sachen werden abgeschrieben. Gar ist's!« – Am nächsten Morgen kam die Schneidermeisterin und verlangte den Wirt zu sprechen: »Sö, dös is a schöne G'schicht, machen S' nur ka Aufseg'n! Der Herr v. Grillparzer schickt mich her und laßt um Entschuldigung bitten, daß er gestern Mittag aufs Zahlen vergessen hat. Ich soll sein' Zech jetzt richtig machen!« – »Ja, der Herr – wenn es der Herr v. Grillparzer war – hat ja gar nichts gegessen, uns ist er nichts schuldig!« – »Was? Gar nix g'essen hat er? Jessas, der arme Mann! Und ka Wort hat er g'sagt! Ein' ganzen Tag kein' Bissen im Leib! I sag's ja, die Dichter – wissen S', mein Zimmerherr is a Dichter – leben rein nur von der Luft! No, i dank' in sein' Namen; der wird schaun, wann i ihm's Geld wieder bring'! Tun S' nur nix dergleichen, wenn er vielleicht einmal wieder zu Ihnen hereinkommt; er hat das nit gern, wann m'r von seine Eigenheiten red't; nit einmal sein' Nam' soll m'r öffentlich laut rufen! So viel geschreckt is er! Wann er a Frau'nzimmer wär', saget i, daß er g'schami is!« Und die Plauderin lief kichernd und lachend davon, die daheim gewiß schweigsam zu sein verstand, sonst hätte es der »sonderbare Zimmerherr« nicht einen halben Tag lang bei ihr ausgehalten.

Und in der Tat besuchte der wortkarge Gast diese Wirtsstube – meist abends – nun häufiger, die ihm durch den Takt des Wirtes sympathisch wurde, der ihn insoferne rücksichtsvoll behandelte und behandeln ließ, als man auf sein Tun und Lassen (nach seinem Wunsche) eben keine Rücksicht nahm. Wie oft saß er da, in seine Träume versunken, und ließ den Wein warm und den Braten kalt werden, und wie lächelte er sanft und milde, wenn er aus seinem Hinbrüten erwachte und er seine Zerstreutheit gewahr wurde, und er den Garçon, der ihn bereits verstehen gelernt, bat, ohne Aufsehen abzuräumen und die Rechnung zu machen. Darauf bestand er allmählich, auch wenn er zeitweise von dem Aufgetragenen nichts genossen. An Respekt ließ man es nicht fehlen, aber auf Geheiß des klugen und gebildeten Wirtes mußte jede Ostentation und Aufdringlichkeit vermieden werden, man ließ den Einsamen sein, wie er sein wollte, und belästigte ihn weder durch Fragen, noch durch das beliebte übliche begaffende Umstehen der Kellnerjungen. Es grenzte dies alles beinahe an ein völliges Ignorieren seiner Anwesenheit, aber es war das stilgemäße Nichterkennen einer vornehmen Persönlichkeit, welche inkognito zu sein und zu bleiben den Wunsch hatte. Diese Rücksicht wurde ihm in vollstem Maße angetan, das Zimmerchen wurde ihm dadurch traulich und ihm daselbst heimisch wie daheim, da – mußte ich in meiner Einfalt, allerdings absichtslos, aber auch ohne Überlegung, ihn laut zitieren und – aus war's mit seinem abendlichen Asyle!

War meine Tat denn wirklich so arg, daß ich nun wie ein Verbrecher herumschlich, den Leuten nicht mehr ins Gesicht zu schauen wagte und den ganzen Rayon der Himmelpfortgasse auf Lebenszeit meiden zu müssen glaubte, weil Franz Grillparzer meinetwegen aus einem Gasthause wegblieb? Aber meinetwegen! Da liegt's! Und nun drohte mir, falls die Sache ruchbar würde und in den Bereich der Biographen und Literarhistoriker käme, mich – allerdings unfreiwillig – unsterblich zu machen, mich mit dem gefeierten Dichter auf die Nachwelt zu schleppen, aber (leider!) nur in beschämendem, wenn schon nicht in völlig herostratischem Lichte! Ein entsetzlicher Gedanke, ein Bewußtsein, das mich fast zu Boden drückte.

Die alles heilende Zeit ließ auch diese Wunden meines Gemütes vernarben, und ich glaube, daß ich nach einigen Jahren sogar wieder lachen konnte, denn es lachte ja auch der gemütliche Kahla selbst, wenn ich ihm begegnete und er auf die tragikomische Affäre zu sprechen kam. Ja, ich lachte wieder zeitweilig, wenn es zu lachen gab, und als das tolle Jahr 1848 anbrach und ich von Gott begnadet wurde, die glorreichen Märztage und Wiens Erhebung und Metternichs und Sedlnitzkys Sturz zu erleben, da lachte ich nicht nur, ich jubelte laut auf und vergaß, hingerissen von der Größe des Augenblicks, von der Erhabenheit der Geschehnisse, im Taumel der freudigsten Begeisterung all der Misere, die mich im Leben bisher verfolgte, all der kläglich kleinen Geschichten, die mich geärgert, all der läppischen Abenteuer, die ich ruhmlos bestanden. »Diesen Kuß der ganzen Welt« – mit Ausnahme der Geistesschergen und übrigen Tröpfe, die ohnehin zum Teufel gejagt wurden! Bis in die Wolken drangen die Rufe brausenden Entzückens! Man muß jene Zeit mitgemacht und Zeuge der Szenen und jung und warmfühlend gewesen sein, als eine Konstitution verliehen, Preßfreiheit verkündigt und überhaupt »Alles bewilligt« wurde. Es waren wohl Wiens schönste Tage!

Da kam das Schreiben über die Leute. Jedermann hatte etwas auf dem Herzen und etwas zu sagen, und jedermann griff zur Feder und schrieb seine Gedanken nieder, in Versen und in Prosa, und alles wurde gedruckt! Auch das Dümmste. Aus diesem Chaos, diesem unorthographischen, ungrammatikalischen, unsyntaktischen und unmetrischen Unsinnsbrei leuchteten nur wie einzelne Perlen die Geistesmanifeste berufener Poeten und Schriftsteller tröstlich hervor, und waren es namentlich Ferdinand Kürnberger, Anastasius Grün, Alfred Meißner, Moriz Hartmann, Karl Beck, L. A. Frankl, Eduard Bauernfeld, Siegfried Kapper, Emil Kuh, Johannes Nordmann etc. etc., die ihre tönende Stimme in dem allgemeinen Charivari zur Erbauung zu Gehör zu bringen wußten. Nur einer schwieg; einer, nach dem sich aller Augen wandten, nach dessen leisestem Lispeln alles lauschte. Franz Grillparzer hatte nichts zu sagen.

Da ritt mich abermals der Teufel, mit dem hehren Namen anzubinden, und ich faßte mir ein Herz und warf – die Musen mögen mir die Missetat verzeihen! – in noch immer jugendlichem Ungestüm und in überströmender Verehrung, die mich zeitlebens für den teuren Mann erfüllte, einen versifizierten und gereimten Aufruf auf das Papier, den ich »An Einen!« adressierte und – o der Dreistigkeit! – mit meinem vollen unberühmten Namen fertigte. Das Poem, die lauterste und zweifelloseste Gymnasialpoesie (obwohl ich der betreffenden Charge längst entwachsen), war wohl ehrlich gemeint und beschwor in aufrichtiger und glühendster Inbrunst den geliebten Dichter, mit einem einzigen Liede hervorzutreten und der Stunde der erlangten Preßfreiheit damit die Weihe zu geben; aber es war trotzdem eine schmähliche Pfuscherarbeit, die mich heute erröten macht und die des erlauchten Adressaten wahrlich nicht würdig war. Um dies zu erkennen, fehlte mir die ruhige Einsicht, die prüfende Überlegung, ja jegliches Verständnis, das mir im Taumel der Verzückung völlig abhanden gekommen. So lief ich denn atemlos zu Adolf Bäuerle, dem Mäzen aller nicht zu honorierenden Beiträge, und übergab ihm mit wogender Brust das fast noch nasse Manuskript. Bäuerle las, las funkelnden Auges, las laut, in Gegenwart von zehn bis zwölf mir unbekannten Herren und Damen, und umarmte mich! Der Schäker!

Wer war glücklicher als ich! So mußte Hutten zu Mute gewesen sein, als er in Augsburg vom Kaiser Maximilian zum Ritter geschlagen wurde. Bäuerle hörte nicht auf, mein Opus zu loben, er las einzelne (besonders schwulstige) Stellen zum zweitenmal, und als er die (närrische) Passage

Rustan war nicht der letzte deiner Helden,
Den du geschöpft aus der Begeist'rung Bronnen!

mit nachdrücklicher Betonung sprach, da weinte der Heuchler, und alle Anwesenden weinten mit. Es müssen Komödianten gewesen sein, weil sie die Grimasse so a tempo und so packend zu machen verstanden. Ich stürzte ab. Ich irrte planlos durch die Straßen, dann über die Basteien. Meine Füße schlotterten, meine Pulse pochten hörbar. Da drang im Mondenschimmer das Giebeldach des Theseustempels aus dem kahlen Geäste des Volksgartens hervor. Eine olympische Form! Warum hat Wien noch keine Walhalla? Plötzlich durchfuhr wie ein Blitz mich ein fürchterlicher Gedanke: Ich hatte keine Abschrift von dem Gedichte! Bäuerle, der leichtsinnige Mann, besaß mein alles! Wenn es verloren ging! Ach, die Götter verstehen auch boshaft und grausam zu sein, sie verhüteten es, daß dieses befürchtete Unglück eintrat und sorgten vielmehr dafür, daß es auch den lachenden Epigonen erhalten bleibe, denn am nächsten Morgen stand das Gedicht gedruckt an der Spitze der noch allmächtigen »Theaterzeitung!« Nun schien's doch um mich geschehen zu sein. Ich verlor die Sprache und lallte nur mehr; das Gedicht nun gedruckt zu lesen, war mir unmöglich, denn es flimmerte mir vor den Augen. Warum sehen die Leute mich so staunend an? Weiß man bereits allüberall davon? Freunde und Bekannte schütteln mir auffallend die Hand und grüßen mich fast ehrerbietig. Wenn der Vater meiner Braut erfährt, welch ein Glanz auf meinen Namen gefallen.

Erst nach drei Tagen hatte ich den Mut und die Kraft, bei Bäuerle wieder vorzusprechen. Er empfing mich mit übertriebener Freundlichkeit, gab mir zwei Freiexemplare jener Nummer, wofür ich mich tief verbeugte, und erzählte in seiner Plauderweise, wie Grillparzer erfreut von dieser »Huldigung« gewesen, wie er mir danke dafür und wie er angedeutet, daß mein Wunsch bald erfüllt werden würde. Auch wollte er mich persönlich kennenlernen. »Ich begreife Sie nicht, junger Mann, daß Sie die Gelegenheit, die sich Ihnen so günstig und so ehrenvoll (!) darbietet, nicht benützen und Grillparzer Ihre Aufwartung machen! Sie hören ja, daß er Sie sprechen will! Gleich gehen Sie hinauf zu ihm!«

Ich ging, aber ich ging (mit den zwei Freiexemplaren) heim in mein Kämmerlein, schloß hinter mir die Türe und begann mein »Werk« zu lesen. Das erstemal in gedruckter Form. Ich las es auch nur einmal. Meine Brust drohte zu zerspringen, alles Blut drängte zum Herzen, und um die Schläfe perlte mir kalter Schweiß. Die Krisis war vorüber. Ich stand auf, mein Blick fiel zufällig in den Spiegel – mein Gesicht war kreidebleich, und ich zitterte am ganzen Leibe. Ein namenloses Schamgefühl erfaßte mich, ich trat vor das Bild des Dichters, das zu Häupten meines Arbeitstisches hing (und noch hängt) und stammelte: »Verzeih', Gütiger, was geschehen! Auch das ist eine Art der Jugendeselei, die Heine so spöttisch besungen, und sie ist bedenklicher, als in ein süßes Wesen bis über die Ohren verliebt zu sein. Aber an dieser Untat, die an dir (Stilistisch- und Metrisch-) Reiner, nun öffentlich begangen worden, trifft mich nur der kleinere Teil der Schuld, die größere Verantwortung fällt auf jene, die, als erfahrene Männer, ein solches Zeug in Druck gaben! Und nun kein Wort im Leben mehr davon!«

Nun kam aber erst die eigentliche Überraschung. Grillparzer, der seit dem Unglücksabend am 6. März 1838, wo man durch verkehrte Besetzung sein köstliches »Weh' dem, der lügt!« so brutal zu Fall brachte, mit Wien und den Wienern schier unversöhnlich grollte, trat ein paar Wochen nach meinem naiven Appell wirklich mit einem Liede, einem einzigen hervor, es war der Ruf an Radetzky:

Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich!

Das Lied durchzog die Welt und wurde genugsam kommentiert. Wie Grillparzer übrigens zu vertrauten Freunden später geäußert, erfüllte es ihn mit Wehmut, daß man seine nur patriotisch erdachten Strophen vielfach mißverstanden und teilweise sogar eine rohe Tendenz hineingelegt habe, die ihm unbekannt gewesen. Ungeachtet dieser posthumen Abwehr klang der Vorwurf an die Jugend:

Dort ist kein Jüngling, der sich vermißt,
Es besser als du zu kennen,
Der, was er träumt und nirgends ist,
Als Weisheit wagt zu benennen –

nicht sonderlich freundlich und stach merkwürdig ab von den Jubelhymnen, die der todesmutigen akademischen Legion, die das alte verhaßte System gestürzt und die Freiheit geschaffen, allerorten gesungen wurden. Genug an dem, Grillparzer brachte damals der gewaltigen Erhebung und dem Segen der freien Presse wirklich nur ein einzig Lied, das »Radetzkylied«, als Weihespende dar. Nachmals opferte er noch manche einzelne Gnomen, Glossen und gallige Vierzeiler.

Dennoch blieb er uns allen teuer, und wenn eines seiner gedankenvollen Dramen zur Aufführung kam, so drängten wir uns doch in den Pferch des alten Burgtheaters und lauschten und horchten mit feuchten Augen und mit gehobener Seele.

Und es verflossen wieder fast anderthalb Dezennien, und zum dritten Male brachte mich mein Unstern in unerfreulichsten Kontakt mit dem Dichterfürsten, der noch dazu schon recht mürrisch geworden, teils körperlicher Leiden, teils widerlicher Familiengeschichten wegen, die dem feinfühligen Manne stark an die Ehre gingen. In den ersten sechziger Jahren war es. Grillparzer hatte mittlerweile seine Sterbewohnung in der Spiegelgasse Nr. 21 bezogen, wo er tagsüber hoch oben, wie ein Aar in den Lüften, weilte und nur abends die stille Behausung verließ, um mühsam die vier Stockwerke herabzukeuchen, worauf er in das letzte Zimmerchen der im Parterre gelegenen Restauration (heute »Zur Stadt Amberg« genannt) trippelte und daselbst sein Mahl einnahm, ruhig und einsam, bescheiden und karg. Mayr, der prächtige, intelligente Wirt, der damals das Geschäft leitete, erzählte uns nachträglich, daß der »Herr Hofrat« allabendlich nie mehr als ein einziges Wort, eine einzelne Silbe spreche: das Wort »Weich!«, das sich auf die gewählte Speise bezog, die er dem Kellner (nach alter Gewohnheit) mit dem Finger auf der Karte bezeichnete. Hatte er seine Fleischration, vorsichtig und mit Anstrengung kauend, genossen und sein Gläschen Wein getrunken, dann langte er nach einer (beliebigen) Zeitung und hielt sie, ohne eine Zeile zu lesen, wie geistesabwesend eine Stunde lang vor sich hin. Geistesabwesend? Ach, welche Phantasien, welche Gedankensymphonien mögen das Haupt des Edlen in solchen Ruhepausen durchschwirrt haben! Hatte er die Traumgebilde von sich abgeschüttelt, oder sie in seinem Innern festgehalten und zu Gestalten geformt, die Fleisch und Blut werden und Mark in den Knochen haben sollten, hatte er geschaffen und beendet, was er schaffen wollte, dann legte er die Zeitung, die ihm als Schild gedient und ihn von der Außenwelt abgetrennt, beiseite, tippte an das Glas, was für den Garçon das Zeichen war, die Rechnung – wortlos – zu ordnen und das knapp bemessene Douceur schweigend einzustreichen. Dann erhob sich der Herr Hofrat und kletterte ächzend nach oben. Und auch dieses wirtshäusliche Stilleben des genügsamen Poeten sollte ich Pechvogel stören!

Wir saßen abseits, an einem sogenannten Katzentischchen, die übrigens in dem »Kleinen Casino«, wie sich die schmucke Taverne damals titulierte, in der Majorität waren, und plauderten, selbstverständlich ohne Lärm zu machen. Wir sprachen über dies und das und kamen hiebei auf ein heikles Thema, auf literarische Jugendsünden, zu welchen sich fast jeder, wenn auch seufzend, bekannte. Nur einer, der in Selbstliebe und Aufschneidereien groß war, gab derlei Schuldbewußtsein auch in bezug auf seine Erstlingsarbeiten nicht zu, obwohl männiglich bekannt war, daß just er mit einem Liebesgedichte, das in einem Buchbinderalmanach im Vormärz erschien, sich schaudervoll blamiert hatte, worüber er seinerzeit viel gehänselt wurde. Nun aber glaubte er die Sache längst vergessen und renommierte mit seiner Frühreife, die ihm einen lyrischen Fehltritt angeblich ersparte. Diese gänzlich unmotivierte Großtuerei und Prahlerei verdroß mich und ich rief, ziemlich laut, den Finger warnend erhoben, scherzweise:

Jason, ich weiß ein Lied...!

»Zahlen!« klang es mit zitternder Stimme aus dem Winkel des Stübchens. Alle Heiligen! Der zaghafte Ton machte mich erbeben; vor länger als zwanzig Jahren vernahm ich ihn ebenfalls, und heute wie damals scholl er mir wie ein Klageruf, wie ein Vorwurf entgegen, der mir und meiner vermeintlichen Rücksichtslosigkeit galt. Scheu blickte ich nach dem Mahner, es war Grillparzer; er erhob sich, wankte fort und kam nie wieder. Er wählte sich als sein Kosthaus nun den »Matschakerhof«, dem er bis an sein Ende treu blieb. Wie weh tat mir diese Flucht, und wie verwünschte ich meine wiederholte Unvorsichtigkeit.

Und es vergingen wieder zehn Jahre. Mittwoch, den 24. Januar 1872, kehrte ich aus zeitungsarmen Distrikten von einer Reise zurück, als ich die Straßen von einer dichtgedrängten, lautlosen Menschenmasse erfüllt fand, durch die ein imposanter Leichenzug sich bewegte. Ich sprang aus dem Wagen und frug, wem die Feier gelte. »Dem Dichter Grillparzer!« Ich erschrak, ich zog den Hut, da kam der Sarg, und Tränen entströmten meinen Augen. Tot! Tot! Tot!

Im Januar 1817, vor fünfundfünfzig Jahren, führte mein Vater den aufgeregten Dichter, der sich in der Nähe des Theaters an der Wien versteckt hielt, nach der glorreichen ersten Aufführung der »Ahnfrau« nachts nach Hause. Grillparzer dankte gerührt. Der Sohn handelte, wenn auch absichtslos, nicht mit gleicher Liebe und bereitete dem Edelsten der Edlen Verdruß und Ärgernis. Grüßt' es dennoch verzeihend aus dem Sarge? Erkennst du den unschuldigen Missetäter? Ich glaube, ich stotterte damals zerknirscht und demutsvoll und beschämt die Variante:

Ja, ich bin's – der Unglücksel'ge!

 


 

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