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Friedrich Schlögl: Skizzen - Kapitel 20
Quellenangabe
titleSkizzen
authorFriedrich Schlögl
typesketch
created20010301
modified20170929
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Sonderbare Käuze

»Mit dem alten Wien – oder vielmehr mit den Empfindungen der alten Wiener – verfährt die Demolierungsära recht grausam. Stück um Stück, woran die liebsten Erinnerungen haften, fallen in Schutt und Trümmer, und bald wird der letzte Rest der einstigen Heimstätte trauter Gemütlichkeit verschwunden sein, um Platz zu schaffen für die anstürmenden Jünger einer neuen Epoche, für die räumlichen Bedürfnisse einer modernen Weltstadt.«

»Die Metamorphose vollzieht sich rasch und rastlos und unaufhaltsam. Mit Beil und Axt kommen sie herangezogen, die unbarmherzigen Apostel der neuen Lehre, welche da heißt: ›Entwickelung‹, und unter ihren Schlägen stürzen die grünsten Bäume, in deren Schatten wir tausendmal gewandelt, und stürzen die Mauerhüllen der altehrwürdigsten Asyle, wohin wir in trüben Stunden geflüchtet, und unter den Fäusten pietätloser Reformen zerbröckelt, was uns einst wert und teuer war!«

So klagte dieser Tage ein alter Wiener, als er während seines gewohnten Spazierganges dazukam, wie die ersten Spatenstiche den Erdhügel des Paradiesgärtchens aufzuwühlen begannen und Hieb um Hieb auf die ächzenden Bäume und Sträucher niederfielen. – Der arme Mann hatte vielleicht eine kleine Berechtigung zu seufzen und zu jammern. Verjagte man ihn doch aller Orten, wo es ihm wohl und heimisch war und sich sein Herz erfreute. Die Basteien nahm man ihm, mit den schön gepflegten Wegen und der entzückenden Fernsicht nach den blauen Bergen des Südens; das Glacis, die Arena seiner Jugendspiele, verschwand, und statt des grünen Kranzes, der die Stadt umsäumte, erhob sich ein kahler Wall ihm fremdartiger Gebäude; den Prater, das urwüchsige Kleinod Wiens, reguliert man ihm bis zur Unkenntlichkeit, und schon rüttelt ein unheimlich Gerücht auch noch an anderen, viellieben Vermächtnissen edelmütiger Herzen, indem die vandalste Spekulation ihre gierigen Augen gerade auf die populärsten Parkidyllen warf, um statt der nutzlosen Baumgruppen und Blumenbeete dividendenfähige Baukomplexe zu gründen. Inzwischen, bis dieses Crimen patronisiert, demoliert man ihm den letzten Aussichtspunkt: das reizende Paradiesgärtchen.

Nun will ich als Interpret dieses Lokaljeremias mich keiner allzu argen Sentimentalität überlassen und nicht in jeder Fuhre Mauerschuttes ein unersetzliches Stück Alt-Wien beweinen. Trotzdem unterschreibe ich den Hauptklagepunkt und seufze im Chore der paar alten Wiener mit: daß etwas gar zu rasch aufgeräumt werde. Schlag auf Schlag folgten die Verluste und in unerbittlichster Eile; und wie die Sichel des Todes die Ideale unserer Jugend, die gefeierten Größen von einst, denen unsere feurigsten Herzschläge galten, in kurzen Zwischenräumen niedermähte, so ging's auch anderen Reliquien vergangener Tage, die das Grabscheit der Neuzeit (wenn der Tropus gestattet) aus ihren Klammern und Wurzeln riß. Was noch aus alter Zeit vorhanden, steht nur im Wege und kommt, wenn auch noch geduldet, auf den Aussterbe- respektive Demolierungsetat.

Ich gestatte jedem, dem es beliebt, über diese antiquierten Ansichten zu lächeln und zu lachen. Lachte ich doch selbst hellauf, als der obzitierte greise Schwärmer seine Sympathien und Antipathien motivieren wollte und mir des langen und breiten erklärte, wie er sich in seiner Vaterstadt eigentlich nun recht fremd zu fühlen beginne. »Es ist Zeit, daß wir uns zur Ruhe legen«, meinte der Sonderling; »wir passen nicht mehr in die sogenannte Neuzeit. All unser Fühlen und Denken ist so unsäglich altmodisch; unsere ererbten und anerlebten Begriffe und Grundsätze von Recht und Ehrbarkeit, von Handschlag und Manneswort, von Offenheit und Geradheit und wie das Zeug sonst noch heißt, das man uns einst gelehrt, klingt so altväterisch-barock, daß ich mich fast schäme, mir darauf noch etwas zugute zu tun. In dem schwindeligen Wirbel moderner Glücksjagd komme ich mir oft selbst wie ein Gespenst, wie ein Wesen aus einer anderen Welt vor, und wie der Schnitt meines Rockes, die Form meines Hutes sich absonderlich genug zu der heutigen Kleidertracht ausnimmt, so fühle ich, daß auch das Um und Auf meiner Empfindungen längst in die Rumpelkammer abgelegter Garderobestücke gehört!«

Der Mann war wirklich antiquiert. Solchen Leuten ist aber auch nicht zu helfen, und wenn man ihnen den ganzen Kurszettel herablesen würde, und ich verabschiedete mich deshalb von ihm.

»Tant de bruit pour une omelette!« Weil man nun auch noch das Paradiesgärtchen kassiert, so viel Worte! Wie griesgrämig.

Aber es ist wahr, es galt als eine liebliche Idylle, die man uns hätte lassen können. Ein halbes Jahrhundert lang war sie ein Schmuck der Stadt, eine Zier und Zierde, und der freundliche Fleck hatte auch seine Geschichte. Glorreich, denkwürdig, pikant und amüsant! In seiner allernächsten Nähe ging's ehemals gar ernst und auch bunt genug her. Da stand noch das alte Paradiesgärtchen, und gerade da geschahen, wie alle Chronisten jener Zeit bestätigen, Wunder der Tapferkeit und Ausdauer, als es (1683) galt, die wütendsten Stürme der Türken abzuwehren. Anno 1809 schien man sich die Sache schon lustiger einzurichten, da die Belagerten, wie erzählt wird, die Mühsal ihrer Arbeit durch die fröhlichsten Zechgelage sich erheiterten und namentlich den Pariser Chansonettensängerinnen, welche sich dort produzierten, mit ungebeugtem Mute horchten. In dem Glashause des alten Paradiesgärtchens beschäftigte sich auch einst Kaiser Franz während eines ganzen Sommers mit der eigenhändigen Erbauung eines Ofens, als ihn das Projekt eines Wiener Fabrikanten interessierte, welcher Indigo erzeugen wollte. Der Monarch stand, mit dem gelben Lederschurz angetan, stundenlang vor seiner Arbeit und manipulierte ganz unverdrossen mit der Kelle. Aus der Erfindung wurde jedoch nichts, und der Kaiser ließ, etwas kleinlaut, den Ofen wieder abtragen. Bald nach dem Invasionsjahre begann man mit dem Sprengen der Festungswerke, ein paar kurze Jährchen, und das neue Paradiesgärtchen erhob sich 1820 zur Freude aller Wiener. Corti eröffnete es, und machte es rasch zum Rendezvous der schönen Welt. Dann kamen die eigentlichen Glanztage des niedlichen Etablissements. Strauß und Lanner (und später der originelle Schaner) ließen ihre unvergeßlichen Melodien erklingen, und was da lauschte, schwamm in unsagbarem Entzücken. Welche Feste! Welche Nächte!

Und erst die sonnigen Morgen! Es gehörte zum bon ton, inmitten der reizend situierten Rosenboskette und bei den Klängen der allerdings nicht immer klassischen Hauskapelle die Frühschokolade zu trinken. Es kam, was nicht im Joche der Arbeit stand, und fand sich zur »Kur« ein oder hielt selbst Hof. Die Zelebritäten der Mode, die Spitzen der Gesellschaft, die Helden und Heldinnen der Kunst und Künste plauderten hier die Geheimnisse des Tages aus. Im Glanze sorglosester Heiterkeit strahlten die hübschen Gruppen, und selbst der hochernste Jean, der alte Zahlmarqueur, ließ sich zu einem loyalen Lächeln herbei, wenn irgendein Grand seigneur oder auch nur ein Commis der Diplomatie die Zeche mit einem Zwanziger honorierte.

In den Mittags- und ersten Nachmittagsstunden veränderte sich die Szenerie und auch Staffage. Teils die Strapazen, teils die sinnlich anmutigen Wirkungen des musikalischen Dejeuners reizten zu einem kleinen Schläfchen, und wirklich wiegten sich in Morpheus' Armen der Rest der Gäste, wie nicht minder die Musici und die rangältesten Garçons, welches Häuflein Schnarchender die lauschigsten Schattenplätze sich erkies, um zu träumen von erlebten und präsumtiven Genüssen. In diesem Kreise der Seligen wandelten nun beschauliche Mägde mit den ihrer Obhut befohlenen winzigsten Zeitgenossen, Marodeurs, welche der wärmsten Sonnenstrahlen bedurften, oder die ihr Pensum rekapitulierenden Jungen der Wissenschaft, so im rückwärtigen Hofe des Schottengebäudes tradiert wurde. Auch einige dreiste Spatzen trieben auf den Tischen und Kieswegen des Gärtchens ihr Unwesen, sonst war's allüberall still und öde.

Kurz vor vier Uhr erwachte (in der vollen Bedeutung des Wortes) alles zu neuem Leben. Ein paar estropierte Pensionisten erschienen, um die besten Plätze in Beschlag zu nehmen; ihnen folgte in den rüstigsten Exemplaren eine Schar alleinstehender Matronen, welche, mit heimlichen Tabaksdöschen armiert, meist auch ihr Stickzeug bei sich trugen, um im Momente der Gefahr, d. h. wenn sie von kühnen Männerblicken allzusehr belästigt wurden, mit eleganter Arbeit sich beschäftigen zu können. Weiter kamen einzelne emanzipierte Jungfrauen mit Ringellöckchen und Favorits und schlugen die Voglsche »Thalia« oder Tromlitz' »Vielliebchen« (Goldschnitt muß es sein) auf ihren Knien auf und lasen hochwogenden Busens die finstersten Balladen und zartesten Novellen. Dann kamen jene herkulischen Adonisse, welche unter der Firma »ungarische und italienische Garden« auch bei allen festlichen Aufzügen die markantesten Magnete bildeten, und ihnen nach trippelten und schwebten und stolzierten diverse Huldinnen und sonstige Zierden der Schöpfung beiderlei Geschlechtes, bis das Gärtchen vollgepfropft war.

Das war nun ein Gezischel, Gekicher und Geplauder, akkompagniert von den elektrisierenden Weisen jener Meister der Melodie, die heute noch in unser aller Herzen. Und wenn es dann Abend wurde und tausendfärbige Flämmchen die fröhlichen Züge dieses genußsinnigen Völkchens beleuchteten, da lehrte einen der lustige Anblick erst das Verständnis des unfehlbarsten Propheten des Landes: Adolph Bäuerle und wie recht er hatte, wenn er sang: »Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wien!«

Das Paradiesgärtchen war stets ein Lieblingsplätzchen der Wiener. Wem das schwirrende Treiben der Promenierenden nicht gefiel, oder auch aus anderen Gründen, flüchtete in die stillen, abgeschiedenen Räume des Restaurationsgebäudes, das für genügsame Seelen der Annehmlichkeiten genügend bot, und wo nur solche Schwüre gewechselt wurden, die auch die Metternichschen und Sedlnitzkyschen Agenten toleriert hätten. Die Billards im ersten Stocke wurden während der Tagesstunden meist nur von Studenten frequentiert, welche um diese Zeit bei Horaz und Cicero sich nicht zu amüsieren verstehen.

Ein paar Wochen noch, und die letzte Spur des spezifischen Wiener Paradiesgärtchens ist auf immer verschwunden. Wer sich darum schiert? Nun, vielleicht etwelche alte Wiener, denen es sozusagen zum Mobiliar ihres Herzens gehörte, aber wer schiert sich wieder um diese sonderbaren Käuze? Mögen sie um ihre gemütlichen Winkel jammern – wir haben uns zu »entwickeln«.

 


 

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